Die Unterhaltung.

[24] Die wirklich gute und angenehme Unterhaltung ist eine Kunst, welche nicht nur in der Sprachgewandtheit, sondern fast noch mehr in einer recht geschickten Art des Zuhörens besteht. Die meisten Menschen sprechen viel lieber selbst, und so kommt es, daß die Kunst des Redens im allgemeinen mehr verbreitet ist, als diejenige des Zuhörens. Durch erstere aber hat sich schon mancher in den Ruf der Geschwäßigkeit gebracht, während letztere oft dazu beiträgt, uns liebenswürdiger und geistreicher erscheinen zu lassen, als wir in Wirklichkeit sind. Wohlverstanden, wir sprechen von einem rechten Zuhören und möchten dasselbe nicht mit jenem gleichgültigen Schweigen verwechselt wissen, welches der Unart und Anmaßung sehr nahe verwandt ist. Rechtes Zuhören aber ist ein solches, bei welchem der Sprecher den festen Eindruck hat, daß seine Worte uns außerordentlich interessieren, und bei welchem wir bemüht sind, durch eingeworfene passende Bemerkungen ihm diesen angenehmen Eindruck zu erhalten und ihn zu weiterem Sprechen zu veranlassen. Gut zuhören und gut sprechen sind also die Grundbedingungen einer angenehmen Unterhaltung.

Man spreche langsam und deutlich, ohne Wörter und Silben zu verschlucken, befleißige sich einer gleichmäßigen Ruhe im Tonfall wie den Bewegungen; seinem Unterredner aber sehe man frei und ohne Scheu ins Auge. Heftiges Gestikulieren und lautes Gekreisch verraten stets einen Mangel an Selbsterziehung. Durch ein unverständliches, unordentliches, halblautes Geflüster aber kann man ebenso leicht der Schrecken der Gesellschaft werden. Jedermann befleißige sich einer reinen, richtigen Aussprache, eines wohlklingenden Hochdeutsch, unter strengster Vermeidung jeden Dialektes.

Fremde Sprachen wählt man nur dann für die Konversation, wenn alle in dem Wunsche übereinkommen, oder wenn sich Personen in der Gesellschaft befinden, denen das Deutsche durchaus ungeläufig ist. In jedem anderen Falle liefe man Gefahr, in den Verdacht alberner Prahlerei zu kommen.

Wer keine Fremdwörter anwendet, entgeht der Gefahr, sie zu verstümmeln oder falsch zu gebrauchen. Gewohnheitsmäßige Beiwörter und Redewendungen machen einen nachlässigen, wenig seinen oft sogar lächerlichen Eindruck und sollten vermieden werden. Daß sich stehende Redensarten, sogenannte Gassenhauer, nicht für den Salon[24] eignen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Auch übertriebene und sinnwidrige Ausdrücke, wie »schrecklich schön«, »furchtbar lächerlich« u.a. sowie der beständige Gebrauch des Superlativs sind für Damen unverwendbar und höchstens Herren mit Maßen gestattet.

Über ein Konversationsthema darf man nicht lange nachdenken. Die naheliegendsten Dinge geben den besten Stoff. Man braucht durchaus nicht immer das Wetter oder die Gesundheit abzuhandeln, und über den lieben Nächsten herzufallen, es giebt genug andere Dinge von allgemeinem Interesse. Kunst, Literatur, Theater, Reisen sind stets ein willkommener Gesprächsstoff. Im kleineren Kreise berührt man auch gern die persönlichen Verhältnisse, um gegenseitiges Interesse darzuthun.

Durch kein Wort darf das Zartgefühl der Zuhörer verletzt werden, das mögen sich besonders Herren in Damengesellschaft, ältere Damen in Gegenwart junger Mädchen ins Gedächtsnis rufen und sich einer musterhaften Vorsicht befleißigen. Ist einmal ein unmögliches Thema angeschlagen und sitzen drei Viertel der Zuhörer wie auf Kohlen, so ist es Sache der Hausfrau, bezw. des Hausherrn, dem Gespräche unvermerkt eine andere Wendung zu geben.

Mancher macht sich dadurch furchtbar, daß er nicht umhin kann, lange tiefgehende Vorträge zu halten, um sein Wissen und seinen Geist ins rechte Licht zu rücken; dem wahrhaft Gebildeten kann es nicht in den Sinn kommen, mit seiner Gelehrsamkeit in dieser Weise belästigend auf seine Nächsten zu wirken.

Andere haben eine wahre Manie für politische oder religiöse Themata, und doch sind dieses die gefährlichsten von allen, und darum sollten sie nur im vertrauten Kreise unter Gleichgesinnten besprochen werden, nie aber in der Gesellschaft. Jüngere Leute, besonders junge Mädchen, dürfen sich an solchen schwerwiegenden Gesprächen überhaupt nicht beteiligen, weil ihrer Unerfahrenheit die Urteilskraft und Beweisfähigkeit fehlt, und sie Gefahr laufen, sehr anmaßend und lächerlich zu erscheinen.

Die meisten Menschen reden am liebsten von Dingen, die ihr ganz besonderes Interesse wachgerufen haben oder ihr Studium bilden. Das ist menschlich und erträglich, so lange es in seinen Grenzen bleibt. Aber niemals darf ein Sportsman ausschließlich von Pferden, Hunden und Hafen reden, und ebenso schlecht steht es einer Dame an, beständig das Dienstboten- und Kinderthema zu behandeln.

Viele sind mit irgend einem Leiden behaftet. Das ist traurig, sehr traurig; aber es wird ein geselliges Unglück, wenn der Betreffende die Gewohnheit hat, dieses Leiden unermüdlich von allen Seiten zu[25] beleuchten. Neben der üblichen Langweile kommen dabei Dinge zu Tage, die besser in den geheimsten Gründen des Schlaf- und Krankenzimmers für immer verborgen blieben.

Ferner giebt es Personen, die nur von sich zu reden wissen, das ist schlimm und durchaus unpassend; bei weitem schlimmer aber ist es ohne Zweifel, wenn zuviel vom lieben Nächsten geredet wird. Jeder Mensch hat ein ausgesprochenes Talent, sich um Dinge zu kümmern, die ihn in Gottes weiter Welt durchaus nichts angehen; das ist ein Hauptkrebsschaden unserer geselligen Zustände. Die gute Lebensart aber will, daß wir nicht nur glatt in der äußeren Form seien, sondern auch wachsen in allerlei Tugenden, und daß üble Nachrede allen Tugenden zuwiderläuft, ist selbstredend. Wären wir halb so milde gegen andere wie gegen uns, die üble Nachrede stürbe mit der Zeit aus. Das Gespräch soll eine Erquickung und Erholung für alle Beteiligten sein, und dieses ist es nur, wenn es sich in einer Bahn bewegt, auf der alle nicht nur ohne Scheu, sondern sogar mit Vergnügen folgen können.

Wir betonen nochmals, daß für die, welchen die Kunst des Redens wenig geläufig ist, noch immer diejenige des Schweigens bleibt, um so an vielen Unterhaltungsklippen vorbeizuschiffen. Zu ihr nehme jeder seine Zuflucht, wenn zornige Erregtheit ihn Thorheiten sprechen lassen will. Sie ist unschätzbar, wo ein Geheimnis zu bewahren, ein bitteres, unvorsichtiges oder übermütiges Wort zurückzuhalten ist. Vor allem aber verlangt der gute Ton, daß diese Kunst beharrlich ausgeübt werde, sobald andere reden. Nichts ist schrecklicher, als das beständige Unterbrechen, das womöglich noch mit Entschuldigungen eingeleitet und beendet wird.

In einer eifrigen Unterhaltung kann es zu leicht geschehen, daß man einen oder den anderen Satz, der für die Fortsetzung des Gespräches durchaus von Wichtigkeit ist, ganz überhört oder nur zur Hälfte versteht. In diesem Falle ist man genötigt, eine Frage zu thun, doch sei man darauf bedacht, dieselbe höflich einzurichten. Ein einfaches Wie oder Was genügt natürlich nicht, sondern es muß heißen: »Wie meinten Sie, lieber Onkel?«, »Ich muß sehr um Verzeihung bitten, gnädige Frau, ich habe die Frage nicht verstanden.« »Haben Sie die Güte, Ihre Worte zu wiederholen, mein Fräulein,« u.s.w. Die Anrede muß stets in die Frage aufgenommen werden; denn es klingt unmanierlich, dieses zu unterlassen.

Den Anredeformen fällt im geselligen Kreise überhaupt eine bedeutende Rolle zu, und es ist wichtig, sich über dieselben genau zu orientieren. In Deutschland ist dieses oft ein förmliches Studium, weil die Titulaturen noch an der Tagesordnung sind. Man muß[26] daher mit den Rangverhältnissen derjenigen, welche man in Gesellschaft trifft, vollständig vertraut sein. Damen gegenüber ersetzt man seit dem letzten Dezennium den Titel durch die Anrede »Gnädige Frau,« wenigstens in den mittleren und höheren Kreisen. Bei Adligen steigert man diese Form auch wohl in »Gnädigste Frau« und »Meine Allergnädigste«. Unverheiratete Damen sind, »Gnädiges« oder »Gnädigstes Fräulein.«

Dem hohen Adel gegenüber ist die Anrede »Herr Graf« gebräuchlich, wenn der Betreffende nicht etwa Anspruch auf den Titel »Erlaucht« hat. Die Gemahlin des Grafen heißt »Frau Gräfin« und seine Tochter »Komtesse«; die Gattin eines Barons nennt man »Frau Baronin«, die Tochter »Baronesse«, auch wohl »Freifräulein«.

Kaiser und Könige haben den Titel »Kaiserliche« und »Königliche Majestät«, ihre nächsten Familienmitglieder »Kaiserliche« oder »Königliche Hoheit«. Großherzöge und Landgrafen heißen ebenfalls »Königliche Hoheit«; Herzöge »Hoheit«, Fürsten und Prinzen aber »Durchlaucht«.

Die Titel der verschiedenen geistlichen Würdenträger sind sehr mannigfaltig und weichen im schriftlichen und mündlichen Ausdrucke oft von einander ab. Einen Prediger nennt man mündlich »Herr Pastor«, schriftlich dagegen »Hochehrwürden«. Oberprediger, Superintendenten, Äbte, Äbtissinnen, Priore, Priorinnen u. dgl. redet man mündlich mit ihrem Titel, schriftlich »Hochwürden« an. Generalsuperintendenten und Rektoren von Universitäten sind schriftlich und mündlich »Magnificenz«. Bischöfe und Erzbischöfe heißen »Bischöfliche« oder »Erzbischöfliche Gnaden«; entstammen sie jedoch einem Fürstenhause, so sagt man »Hochfürstliche Durchlaucht«. Kardinäle sind »Emminenz« oder »Hochfürstliche Emminenz«, der Papst aber »Sr. Heiligkeit«.

Während des Gespräches muß die Anredeform öfters wiederholt werden, auch ersetzt man durch sie gern die persönlichen Fürwörter der direkten Anrede, besonders Höhergestellten und Vorgesetzten gegenüber; z.B. »Haben Excellenz schon diesen Wein versucht?«, »Würden Komtesse die Güte haben, uns ins Nebenzimmer zu begleiten?« Man hüte sich aber, zu ausgedehnten Gebrauch von dieser Wortstellung zu machen, sie klingt, besonders unter Damen, steif und oft sogar wunderlich.

Herren giebt man in der Konversation gewöhnlich ihren Amtstitel, wenn sie nicht zufällig durch Geburt einen höheren Rang bekleiden. z.B. wird man den Assessor, Grafen Pölten, »Herr Graf« und nicht »Herr Assessor«, den Lieutenant, Fürsten Pleß, »Durchlaucht« und nicht »Herr Lieutenant« nennen. Nach Ebhardts[27] ausführlichem Werke über den guten Ton sollen Damen es jedoch soviel als thunlich vermeiden, Herren mit dem Titel anzureden, welcher Ansicht wir uns durchaus anschließen.

Offener Widerspruch verträgt sich schlecht mit guter Lebensart. Erscheint er dennoch nötig, so hüte man sich wenigstens vor groben Unarten. Sätze wie: »Das ist nicht wahr!« »Das glaube ich nicht!« »Das ist eine unsinnige Behauptung!« hört man zwar zuweilen, doch nicht ohne gelinden Schrecken; denn sie sind in der That eine Art moralischer Ohrfeigen. Soll also widersprochen werden, so muß hierbei noch bedeutend höflicher als in der gewöhnlichen Unterhaltung verfahren werden.

Für den dauernden Bestand angenehmer geselliger Beziehungen ist eine große Vorsicht in Worten außerordentlich wichtig, aber ganz besonders möchten wir dieselbe noch empfehlen, sobald es sich um sogenannte »Ratschläge« handelt. Ungefragt Rat zu erteilen wird keinem verständigen Menschen in den Sinn kommen und vertrüge sich auch schlecht mit seiner Bildung; aber auch gefragt, kann man nicht ängstlich genug vermeiden, voreilige Verantwortlichkeit auf sich zu laden.

Zum Schlusse dieses Kapitels aber empfehlen wir für den Umgang aller Menschen miteinander freundliches Entgegenkommen und herzliches Wohlwollen und erinnern dabei an die Grundlehren des Christentums. Gleichstehende finden schon eher den richtigen Verkehrston; doch es giebt Leute, die sich durch Rang oder Reichtum berechtigt glauben, gegen andere einen Ton anzuschlagen, der wenig geeignet ist, Zeugnis von ihrem wahren Werte und ihrer echten Größe zu geben; bei wirklich vornehmen Menschen findet sich diese Schwäche nicht.

Quelle:
Schramm, Hermine: Das richtige Benehmen. Berlin 201919, S. 24-28.
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