Mainz, Frankfurt.

[139] Die Reisekutsche kam um zehn Uhr, und wir fuhren mit der Gesellschaft ab und nach Mainz. Die Arbeit zerstreute mich bald wieder; doch dachte ich noch oft an Karlsruhe[139] zurück. Mit vielem Beifall wurde gespielt, und es kam auch Geld ein. Herr Ackermann legte uns einen Gulden die Woche zu unserer Gage, daß wir nun 12 Gulden hatten. Mein Bruder verdiente sich mit dem Informieren auch schönes Geld. Also ging ja alles nach Wunsch. Und was noch über alles ging, in Mainz war sehr wohlfeil zu leben, so daß wir uns etwas anschaffen und zur Not so alle Woche noch etwas Weniges an die Seite legen konnten. Wir spielten fort bis zu Ende Juni, und da reisten wir nach Frankfurt.

Wir setzten wieder unsere paar gesparten Gulden in Frankfurt zu; denn die Wohnungen waren sehr teuer. 52 Gulden des Monats war Geld und ein Unterschied von 6 Gulden, die wir sonst gewöhnlich gaben; in Ansehung des übrigen war auch alles teuer. Zum Glück für uns, aber nicht für Ackermanns, mußten wir den Französischen Schauspielern Platz machen, die in der Messe spielten. Die Franzosen, die in Frankfurt jetzt mehr zu sagen hatten, denen mußte nachgegeben werden. Es war ja noch Krieg, und so wurden wir Deutschen von den Deutschen getrennt. Wir gingen also zu Ende des August wieder zurück nach Mainz. Nicht etwa, als ob der Adel und die Bürger uns nicht besucht hätten. Aber was kommt nicht im Frieden an einem Meßtage für Geld ein! Inzwischen ging es gut, und wir spielten fort bis in die Fasten 1763.

Ehe ich Mainz verlasse, muß ich wieder eines Vorfalls erst gedenken, den ich ohnmöglich vorübergehen lassen kann. In die ganze Ackermannsche Gesellschaft war der Geist des Weggehens oder Wegwollens gekommen. Nicht weniger als 9 Personen hatten aufgesagt an Michaeli und wollten in der Fasten weg. Neue und gute Leute zu bekommen, war damals nicht so geschwind zu haben. Jetzt ist's leichter, dazu zu kommen; denn alles wird ja Schauspieler und Schauspielerin. Wenn sie sonst zu nichts mehr in der Welt taugen, sind sie dazu gut genug. Dürfen jetzt nur hübsch und jung sein. Sonst war's so nicht. Noch so hübsch, aber kein Wort laut und mit Verstand sprechen können, wurde nicht geachtet vom Publikum Doch wir haben auch jetzt weit erleuchtetere[140] Zeiten als damals! – Wir bekamen folgende Nota aus Wien:

Die Frau Augustina Schultzin, deutsche Actrice von dem Theater H. Ackermanns betreffend, dessen Trouppe vor kurzem zu Frankfurt gewesen und vielleicht noch daselbst oder zu Maynz befündlich ist.

Die Kaiserl. theatral Direction wünschet der Frau Augustina Schultzin Ihre Jungfer Tochter Carolina und Ihren H. Sohn Carl in Wien zu sehen. Da man aber die Kinder ohne der Mutter nicht haben kann: so muß man diese zugleich versorgen. Man wird also gedachte Frau Augustina in geheim berufen lassen und sie Cattagorisch befragen: ob sie belieben trägt, sich und Ihre beiden Kinder für das nächste theatral Jahr 1763 auf das Deutsche Privilegirte Theater zu Wien zu Angagiren. Die theatral Direction bietet diesen 3 Personen zusammen wöchentlich 24 gulden Gage an.

Die Bezahlung dieser Gage wird in der ersten fasten Woche 1763 anheben und bis zum Ende der Fastnacht 1764 gehen. Fasten und advent werden, wie die Agir Zeit durch aus gleich bezahlt.

Für diese Zahlung accordieren sich Mutter und Tochter zum Agieren, die Tochter zu gleich zum Singen, und der Sohn zum Agieren und Tanzen. NB, Solte die Mutter nicht mehr agiren und die Tochter nicht Singen können, so gilt es gleich und die angebothene Gage der 24 gulden bleibt als den für das Agiren der Tochter und für das Agiren und Tanzen des Sohnes Stipulieret.

Die F. Schulzin wird verpflichtet sein, nebst Ihren beiden Kindern gleich mit Anfang der Fasten 1763 von dem Orte Ihres Aufendhaltes aufzubrächen u. längstens zu Mitterfasten in Wien eintröffen zu können. Dagegen wird die theatral. Direction zu Wien die reise Kosten für diese 3 Personen von Maynz oder Frankfurt aus bis Wien vergüten, auch wenn es nöthig, durch den Herrn Correspondenten einen Vorschuß zu affigieren, um diese reise Kosten bestreiten[141] zu können. NB.: Doch wird dieser Vorschuß Eher nicht als bei der würklichen Abreise nacher Wien bezahlet.

Wenn der Fs Schulzin diese angebothenen Bedingungen anständig sind, wie man nicht zweifelt; wird selbe nebst beyden Kindern diese Nota sogleich unterschreiben und diese so dan vorläufig die Giltigkeit eines förmlichen Contractes erlangen, bis die rechten Contracte übersendet werden können. NB.: Sollte es mehr gedachter Frau Schulzin bedenklich fallen, eines einzigen Jahres wegen die jetztige Ackermannsche Trouppe und das Angagement bey derselben zu verlassen, so kann zu Vermeidung aller Weitläuftigkeiten der Accort auf 2 Jahre, das ist bis Ende 1765 verlängert werden. Wan, welches Gott verhüten wolle, durch einen hohen Todesfall eine Landestrauer verursacht und wärend der accordirten Zeit durch solche Klagen das Theater gesperrt würde: So accordieret die theatral. Direction als dan die Hälfte der bedungenen Gage.


Wien, den 10. Septemb: 1762.

Friedrich Wilhelm Weißkern,

Direktor der deutschen Comödien.

auf befehl Sr. Excell. Herr Jacobs Grafen von Durazzo.


Es war diese Nota von Frankfurt nach Mainz an die Zanderische Handlung geschickt worden. Sie wurde mir offen überreicht, Tinte und Feder hingesetzt, daß ich nur gleich unterschreiben sollte. Ganz erstaunt stand ich da. Ich sagte: »Unterschreiben kann ich nicht. Ich muß erst mit meiner Mutter und Bruder sprechen. Geben Sie mir die Note mit, morgen bringe ich sie wieder!« Ich ging nach Hause und – mein Bruder und Mutter waren beisammen – las solches von Wort zu Wort vor und schwieg still. Meine Mutter sagte: »Kinder, was ihr tut, ist mir recht. Ganz zu verwerfen ist's aber doch auch nicht. Wien! – Und 24 Gulden? Und hier 12?« Mein Bruder sagte: »Mir ist alles recht. Was Karoline tut, das will ich auch.« Ich sollte also Rat erteilen. Und er war einem Mädchen von 17 Jahren ähnlich, die die Welt und Menschen noch nicht genug kannte und zu viel gut Herz hatte.[142] »Nun, so hören Sie mich! Mit Freuden würde ich Ja sagen, wenn nicht die ganze Gesellschaft aufgesagt hätte. Denn was bleibt noch? Niemand wie Ackermann und seine drei Kinder, Doebbelin und seine Frau – und Mylius, der mit dem Tode schon ringt. Gehen wir, so ist's Ackermann ein unersetzlicher Verlust. Wir, Karl und ich, so lange wir bleiben, kann er immer spielen, weil er uns zu allem brauchen kann. Wo soll der Mann welche für unsere Rollen hernehmen? Ja, wenn nicht so viele gingen, so könnte er uns missen. Ackermanns taten uns eine große Freundschaft, als sie uns von Cöln aus zu sich kommen ließen. Haben's zwar die 4 Jahre genug ersetzt; doch dies sei unser Opfer der Dankbarkeit! Und wenn ich bitten darf, so laßt uns Ackermann nicht ein Wort von der Nota sagen! Könnte denken, wir wollten ihnen nun trotzen, da sie in Verlegenheit sind, und mehr Gage haben wollen. Sind wir doch niemandem was schuldig.« Gesagt, und es wurde gebilligt. Ich schrieb die Nota ab und schrieb zugleich an Herrn Weißkern, dem ich alles vorstellte, wie die Sache war. Bat mir aber aus, die gute Gesinnung für uns beizubehalten, daß, wenn sich eine Gelegenheit ereignete, wo wir ohne den Schein eines Trotzes Ackermann verlassen könnten, wir trachten wollten, nach Wien zu kommen. Ich trug den Tag darauf Nota und meinen Brief zu Zanders, die mir sagten, nachdem ich ihnen alles vorgestellt: »Mademoiselle, Sie werden's bereuen.« Wohl wahr haben sie geredet; denn die Fasten kam heran, und alle blieben, bis [auf] Madame Hensel, die nun für mich nach Wien verschrieben wurde; denn ihre Absicht war, nach Rußland zu gehen. Der dumme Streich war gemacht, und wir mußten solchen vergessen.

Das zweite, was uns angeboten wurde, war: wir sollten in Mainz bleiben. Karl sollte die Herren und Knaben, und ich Mädchen im Tanzen informieren, und mein Bruder sollte dem dortigen Hoftanzmeister, der ein alter Mann war, adjungiert werden. Auch dieses schlugen wir aus – zweiter dummer Streich!

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 139-143.
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