Straßburg, Basel, Kolmar, Sulzbach.

[114] Im Advent reisten wir nach Straßburg. Wem hätte es da nicht gefallen sollen? Straßburger Publikum konnte Schauspieler bilden. Noch war ich an keinem Ort, wie da, wo man unterscheiden konnte, wem der Beifall und das Mißfallen galt, dem Autor, dem Direkteur oder Schauspieler. Mode war's damals nicht, bei den Personen auf dem Zettel der Schauspieler Namen zu setzen. Wenn also ein neues Stück war, wo sie den Inhalt wußten, so teilten sie in ihren[114] Gedanken solches aus. Traf's nun, daß es so besetzt war, wie sie wünschten, so wurde bei dem ersten Auftritt, sowie der Schauspieler herauskam, er mit Händeklatschen bewillkommt. Geschah nun aber bei der Austeilung das Gegenteil, so ließen sie's zwar den Schauspieler insoweit nicht entgelten, weil der spielen muß, was man ihm gibt; aber der Direktor mußte es fühlen. Kurz, jungen aufkommenden Genies wußten sie Mut zu geben, ohne daß er stolz werden konnte; denn sie klatschten gewiß nie, wenn er's nicht verdiente. Oder hatte die Direktion dem, den sie gerne sahen, die Rolle genommen, die ihm gehört, und sich selbst zugeteilt, so konnte sich die Direktion zu Tode arbeiten, man rührte keine Hand. Und der kleinste, wenn er seine Sachen zum Vorschein brachte, wie er sollte, gut memoriert hatte, nichts in Anzug und Spiel vernachlässigte, so bekam der den lautesten Beifall. Stand dann im Nachspiel die Direktion an ihrer Stelle und hatten nur wenig zu sagen, so wurde ihnen durch lauten Beifall gesagt: Hier steht ihr auf eurem Fleck, aber im ersten Stück nicht.

Parteilichkeit herrschte da nicht. Der Schauspieler, wie die Schauspielerin, mochte sie jung oder alt, schön oder häßlich sein, wenn sie nur die Rollen, die ihnen zuteil geworden, richtig spielten, so bekam jeder gleichen Beifall. Da hieß es nicht: der oder die soll nicht gefallen. Auch darf man nicht denken, daß das Publikum etwa nicht verstanden hat, Theater richtig zu beurteilen. Ein Publikum, das jahraus, jahrein Schauspiele hat, ist und bleibt nicht dumm. Das Französische Theater, das Straßburg seit so langen Jahren unterhält, hatte gewiß sehr verdienstvolle Mitglieder. Sie ließen uns neben den Franzosen und jenen neben uns gleiche Gerechtigkeit zukommen. Glücklich der Schauspieler, der vor so einem Publikum zu arbeiten die Ehre hat! Das treibt ihn, in seiner Kunst mit Eifer fortzuschreiten. Dann kann und muß er vorwärts kommen. Aber ein Publikum, das hämisch, parteiisch und im Grunde dann gewiß dumm ist, macht den besten Künstler in seinem Talent fallen, satt ihn zu bessern.

Bis in die Fasten 1760 blieben wir da und reisten wieder fort nach Basel, blieben dort bis im Juni und kamen nach Kolmar. Hier wollte es H. Ackermann nicht glücken. Wir reisten[115] nach Sulzbach, weil dort der Gesundheitsbrunnen viele Fremde hinzieht. H. Ackermann hatte ungefähr eine Stunde von Sulzbach ein Bauernhaus gemietet, und da wohnte der größte Teil der Gesellschaft bei ihm. Mad. Ackermann kochte für alle, die bei ihr im Hause waren, und wir lebten so recht zusammen à la Campagne. H. Ackermann hatte einen großen Boden gemietet, wo das Theater aufgeschlagen wurde. Erst gingen die Komödien zur gewöhnlichen Zeit des Abends an; das dauerte den Brunnengästen zu spät in die Nacht. Die Stunden zum Spielen wurden verlegt, und das sehr oft! Bald war Komödie gleich nach Tische. Ja, da war's ihnen auf dem Boden zu heiß. Sie wurde also des morgens gegen acht Uhr gegeben. Das währte auch nicht zu lange, wegen des Umkleidens und Essens. Nun gleich nachmittags, 4 Uhr! Ja, da wollte man lieber spazieren gehen. Ja, sogar nach dem Abendessen haben wir einmal müssen Komödie geben. Kurz, wie es ihren Grillen behagte, so haben wir fast in jeder Stunde, Tag und Nacht, ihnen müssen zu Gebote stehen. Und was kam hernach? Nicht die wöchentlichen Unkosten. Die Spieltische waren dagegen besser besetzt, und mancher reiste ärmer wie wir aus dem Brunnen, was man gewiß nicht hätte, wenn man H. Ackermann sein Schauspiel dafür besucht hätte.

Wir gingen also wieder zurück nach Kolmar, aber das Schauspielhaus war leer und blieb leer. Die Einwohner sind mehr für französische Schauspiele. Doch zweifle ich, ob sie solche hätten erhalten können, da H. Ackermann kaum das tägliche Stückchen Brot hatte eingenommen und zum menschlichen Leben auch Kleider und Schuhe gehören und, wie bewußt, die französischen Schauspieler mehr kosteten, als damals die deutschen. Mit sehnlichem Verlangen wünschte H. Ackermann, daß nur Michaeli herannahen solle, um die Messe in Basel zu halten. Der September kam, wir reisten hin, und da ging's schon besser. Aber die Freude war von kurzer Dauer. Ein Bürger – er war seiner Profession nach ein Schuster – in Basel wurde zum Rat gewählt, und der soll oder hat sich von H. Ackermann, durch was, mag der Himmel wissen, vielleicht durch ein paar Schuhe, die Ackermann getadelt, beleidigt gefunden. Und der rächte sich dadurch, daß Ackermann den letzten[116] Meßtag mußte aufhören zu spielen mit allen Puppen- und Taschenspielern usw. Das war ein Donnerschlag. Keiner von uns dachte es, da wir den Abend aufs Theater kamen, daß wir heute sollten zuletzt spielen. Denn nach der Messe besuchen erst recht die Stadteinwohner das Schauspielhaus.

Wir packten also ein und reisten wieder fort nach Kolmar, hoffend, daß die Einwohner Kolmars nun in den kurzen und unangenehmen Herbsttagen einbringen sollten, was sie an uns im Sommer versäumt hatten. Aber nichts weniger! Es blieb bei dem alten. Ackermann war nicht mit uns gereist, sondern sorgte für sich und uns auf ein besseres Winterquartier. Wir mochten ungefähr drei Wochen so in Kolmar weggeleiert haben, sind alle auf dem Theater, die Lichter waren bereits angesteckt, und unsere Komödie sollte anfangen, als H. Ackermann zu uns in die Garderobe tritt: »Nun, wie gehts?« »Schlecht genug.« »Sind wieder keine Leute da?« »Sehr wenig. Nicht die Unkosten.« H. Ackermann läßt den Vorhang aufziehen und stellt denen, die noch da waren, in einer ziemlich bescheidenen Rede vor, daß er nicht in Kolmar bestehen könne, dankte ihnen für das, was einige getan, die uns besucht hatten, ersuchte, daß jeder an der Kasse sein Geld wieder nehmen sollte, indem es ihm und seiner Gesellschaft nicht die Zeit, noch Umstände erlaubten, heute Abend zu spielen. »Wünsche Ihnen insgesamt, wohl zu leben!« und machte seinen Diener. Wir zogen uns wieder aus, eilten nach Hause, packten die ganze Nacht und saßen des Morgens 6 Uhr alle in Kutschen und fuhren nach Straßburg.

Da ich nachher nie wieder in die Schweiz, noch nach Kolmar gekommen bin, so muß ich gestehen, daß ich überall Freunde und Menschen gefunden, die mir Freude gemacht, die mich wohltätig aufgenommen, ohne Absicht, ohne Interesse. Danke auch noch allen dafür. H. Wieland in Bern, Madame Winkelblech in Basel, H. de Scheppeler in Kolmar. Ein edler Mann! Ein Mann, wie wenige seinesgleichen, dessen wahres, gutes Herz mir noch lange Jahre Beweise gegeben seiner edlen Freigebigkeit. Wenn der gute Gott auch nicht so zuweilen für mich gesorgt hätte, wie hätte man bei dem vielen Reisen, bei der geringen Gage (denn nun hatten wir[117] alle drei erst 11 Gulden die Woche, und die fiel und konnte nicht richtig fallen) bestehen können? Und doch waren wir weder in Vorschuß, noch hatten wir Schulden. Mein Bruder, um sich zuweilen einen Rock anzuschaffen oder wenden lassen zu können, gab Lektion im Tanzen. Meine gute Mutter war des Morgens mit den Hühnern aufgestanden und nähte und flickte und stopfte für uns. Sie wusch alle unsere Wäsche. Oft stand sie in den kältesten Winternächten noch um 11 Uhr an dem Brunnen und spülte die Wäsche aus, daß ihr die Hände an die eiserne Pumpe froren. Am Tage schämte sie sich, es zu tun; denn würde es nicht geheißen haben: Die Frau macht uns Schande? Solche falsche Begriffe von Ehre waren von jeher. Hätte ich Böses tun wollen, hätten wir gewiß besser leben können. Aber wie lange würde es gedauert haben? Ja, würde ich mich nicht schämen müssen, jeden Ort zu nennen, wo ich war? So aber, wenn es mein Schicksal fügen sollte, noch an alle die Orte zu kommen, wo ich in meiner Jugend war und meine Freunde und Bekannte lebten, ich weiß, mit Freude würde man mich aufnehmen, sobald ich sagte, wer ich bin. Mithin, wenn ich nun an Orten war, wo ich beschenkt wurde, war's bei uns zum Sprichwort geworden: »So sorgt Gott für die Seinen,« oder »Nun fand wieder ein blindes Huhn ein Körnchen.« Gott Dank für!

H. Ackermann fand diesmal in Straßburg nicht den Vorteil, den er das erste Mal hatte, wie ich mit ihm war. Jeder Ort, wie bekanntlich, hat in der Woche seine guten Tage. Da wir nun an jenen Tagen das Jahr vorher spielten, wenn auch die französischen Schauspieler gespielt hatten, so fanden solche einen merklichen Unterschied an ihrer Einnahme. Sie hatten nur ihre Abonnenten, und alles, was bar an der Kasse zahlte, kam zu uns. Nun mußten wir (nur den einzigen Sonntag ausgenommen) an jenen Tagen spielen, wenn die Franzosen nicht spielten, und das waren die schlechten Tage in der Woche. Der Sonntag allein konnte es nicht gut machen. Doch erholte sich H. Ackermann in etwas nach dem für ihn sehr unglücklich ausgefallenen Sommer. Der französische Direktor Mons. le Neuff gab sich[118] viele Mühe, mich mit meinem Bruder Ackermann abspenstig zu machen. Wir sollten erst in seinen Balletten tanzen, wollte mir gute Sprachlehrer halten, daß ich dann auch als Aktrice in den französischen Schauspielen sollte mit arbeiten. Denn mich gönnten sie Ackermann nicht. – Und so gerechte Ursachen wir auch zu Klagen hatten, ja, so sehr wir mißhandelt wurden, blieben wir doch. Ueberhaupt verstand es Mad. Ackermann, den redlichsten Menschen auf das härteste zu begegnen. Der Teufel der Eifersucht hatte sie ganz besessen. Nie würde ich diese ihre mehr als schwache Seite erwähnt haben, wenn sie es mich nicht so grausam hätte fühlen lassen. Ackermann durfte nur einen freundlichen guten Morgen oder guten Abend sagen, und sie hörte es, gleich war man seine Hu.. Hatte man neue Bandschleifen, so mußte solche ihr Mann hergegeben haben.

Nun fehlte es ihr nicht an Ohrenbläsern, die ihr Dinge aufbanden ihres Nutzens wegen und sie im Herzen auslachten, sich freuten, wenn Madamichen sich wacker geärgert und die ganze Gesellschaft aneinander gehetzt. Ackermann sah unsere Arbeit, wußte, daß er uns nicht bezahlte, wie wir's doch verdient hatten. Hatte ihm nun mein Bruder ein neu Ballett geliefert, das gefiel und ihm eine gute Einnahme brachte (denn vier waren bereits von ihm gemacht worden), so schenkte er ihm zuweilen einige Paar seidene Strümpfe, die er selbst nicht mehr trug, und uns zuweilen einen Gulden, auch wohl zwei. Das war alles. Er mochte es ihr auch wohl selbst gesagt haben, und sie hatte die teufelische Maxime: Umsonst schenkt man nichts weg.

Nie werde ich den 31. Dezember 1760 vergessen, als Madame Ackermann mich zu sich rufen ließ und mir einen Brief wies, wo die Unterschrift weggerissen war, und mir vorlas, daß ich von ihrem Mann schwanger sein sollte. Ich war außer mir, ich warf mich zu ihren Füßen, bat sie um Gott und Gottes willen, soll mir den Schurken nennen, der das geschrieben, und an wen der Brief sei; denn an sie selbst war er nicht. Sie sagte, sie hätte solchen aufgefangen und den Namen beim Aufmachen weggerissen. Und doch war der Brief so geschrieben, daß man sah, daß ein Kuvert[119] darum geschlagen war. Da ich nun sah, daß nichts sie bewegen konnte, mir den Verfasser des Briefes zu nennen, sagte ich ihr: »Madame, meine Absicht war, morgen zum heiligen Abendmahl zu gehen. Trotz dieses Vorfalls werde ich gehen; denn ich bin unschuldig. Madame, hat Ihr Mann, so lange ich bei Ihrer Gesellschaft bin, nur einen Kuß von mir bekommen – das ist wenig, aber auch diesen nicht –, so nehme ich morgen meine ewige Verdammnis. Aber wehe! Wehe Ihnen und Ihren Kindern! Das, wessen Sie mich beschuldigen, wird man auch Ihren Kindern zur Last legen. Und dann werden Sie fühlen, was es heißt: Unschuldig leiden. Wissen Sie, Madame, daß der französische Direktor mich und meinen Bruder hier behalten wollte? Halb und halb waren wir's entschlossen wegen Ihrem Betragen gegen uns. Aber nein, nun bleibe ich. Vielleicht wären Sie gottlos genug, zu sagen, daß ich blieb, um Wochenbett zu halten. Gott wird mich lassen gesund bleiben, werde täglich arbeiten wie bisher, und dann werden Sie Ihr Unrecht endlich einsehen lernen.« Ich wollte fort, sie hielt mich bei der Hand und frug: »Kommunizieren Sie morgen noch?« »Ja, in der Pfarrkirche, wo ich wohne, nahebei. Wenn Sie's nicht glauben, so schicken Sie jemand hin, der es sieht.« Nun embrassierte sie mich und gab mir ihr Wort, daß, wenn ich das Abendmahl darauf, was ich gesagt habe, empfangen würde, sie keinen Verdacht mehr auf mich werfen wollte. Was ich dachte, kann jeder denken. Ich ging zum Abendmahl am Neujahrstag 1761. Bat Gott um Geduld in meinen Leiden und Verfolgungen, die ich litt. Ob ich nicht damals eine Prophetin war? Madame Ackermann hat's erlebt, daß man ihren Töchtern, wie sie heranwuchsen, ebenso mitgespielt. Die mußten öfter als einmal in Verläumdern ihren Mäulern schwanger sein. Madame Ackermann ihre Eifersucht hatte mir gegen alle Eifersucht so einen Abscheu gemacht, daß ich auch nicht den geringsten Keim zur Eifersucht bekommen. So ist alles Böse doch zu etwas gut. Vor der Eifersucht mit ihrem Manne auf mich hatte ich nun Ruhe.

Aber in Ansehung des Theaters? Ja, da war noch nicht daran zu denken. Kurz, ich sollte recht zur Geduld gewöhnt[120] werden, wovon ich denn nachher in reiferen Jahren so viele Proben abgelegt. Inzwischen, diese ihre schwache Seite abgerechnet, war sie eine rechtschaffene Frau, häuslich, außerordentlich geschickt in allen Arbeiten, unverändert in ihrem Fleiß, eine richtige Bezahlerin, milde gegen Arme und Kranke. Kurz, daß sich das Ackermannsche Theater so lange erhalten, war sie und ihre gute Wirtschaft schuld. Ackermann konnte nicht sparen, und bei einer anderen Frau wäre er längst zugrunde gegangen. Und durch sie lag die Wahrheit klar an dem Tag: daß, ein Mann mag verschwenden, wie er will, wenn die Frau haushälterisch ist, wird er nie ganz verderben. Und ein Mann mag noch so sparsam sein, noch soviel verdienen, wenn die Frau keine Wirtin ist, muß er zugrunde gehen.

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 114-121.
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