Mannheim.

[82] Mit Schaden hatte ich wieder die Mobilien und andere Sachen verkauft und reiste den 28. September von Gotha mit denen, die mit mir engagiert waren, nach Mannheim zu dem Hoftheater, das der Freiherr Baron von Dahlberg errichtete und an dem H. Seyler als Direkteur angestellt war. Um keinen Zank und Streit mit denen übrigen Damen bei dem Theater zu haben, hatte ich mich hauptsächlich für die ersten Mädchenrollen engagiert. Freilich, bei einem Theater, das erst eingerichtet werden sollte, konnte nicht leicht ein jeder nur ein oder ein paar Fächer, ohne auch andere Rollen mitspielen zu müssen, verlangen. War mir auch recht.

H. Iffland, H. Beil, Madame Wallenstein (jetzige Frau des älteren H. Beck) wünschten mit dem Stück »Geschwind, ehe es jemand erfährt« anzufangen. Und nun hieß es: »Wenn nur der Kummerfeld das Mädchen, das Christinchen, nicht zu schlecht ist?« Mad. Wallenstein, H. Seyler, H. Iffland[82] kamen zu mir und ersuchten mich, die Rolle zu spielen, und ich hatte zum Studieren und Spielen nicht mehr wie zwei Tage Zeit. Doch sagte ich »Ja! an der Rolle ist wenig, aber ich hoffe, es wird alsdann die Reihe auch an mich kommen.« Das Stück wurde gemacht. – Meine zweite Rolle war die Minette im »Argwöhnischen Ehemann«, die dritte die Kolombine in der »Verstellten Kranken«. Endlich wurde die »Neueste Frauenschule« unter dem schon in Gotha umgeänderten Titel »Die Schule der Damen« gegeben, und ich spielte die Braitfort. Ich wurde in der ersten Szene dreimal allgemein applaudiert. Das war das Signal, daß ich nun nichts mehr haben sollte, wenigstens keine Rolle, in der was konnte applaudiert werden. In der »Olivia« bekam ich eine Laura, aber in der »Minna« die Franziska nicht.

Schon in Gotha wurde mir die Klytämnestra in »Orest und Elektra« zugeteilt, die ich auch schon in Gotha studiert hatte. Ich dachte, Madame Brandes würde die Elektra spielen. Nun aber wollte Madame Seyler solche machen. Das war nicht möglich, daß ich die Mutter von Madame Seyler vorstellen konnte. Aber das konnte H. Seyler im voraus wissen, daß mich meine Lage in Hamburg mehr mager wie fett mußte gemacht haben. Und überdies hatte er mich 1776 in Leipzig gesehen, wo ich auch keine Anlage zum Fettwerden hatte. »Ich will die Rolle der Klytämnestra umsonst studiert haben, will sie hergeben; aber an deren Stelle verlange ich, mir eine Rolle zu wählen, welche ich will. Schlage ich mich, ist die Schuld dann mein und mein eigener Schade. Aber die gewählte Rolle spiele ich erst, und wenn ich sie gespielt, gebe ich die Klytämnestra her, aber eher nicht. Wollen Sie das nicht, H. Seyler, gut, so behalte ich meine Klytämnestra als die einzige vorzüglich gute Rolle, die ich habe, und Madame Brandes kann die Elektra machen.«

Nein, nein; ehe man mich eine Rolle hätte wählen lassen, eher blieb das Stück »Orest« liegen. Noch mehr! Wie wir noch in Gotha waren, fingen sie schon in Mannheim an zu spielen, mußten, weil nur wenige Schauspieler beisammen waren, geben, was sie besetzen konnten. Sie gaben unter anderem das Stück »Der Schein betrügt«. Mad. Seyler[83] spielte Frau von Milbach, Madame Toscani Mathilde, Madame Brandes Hannchen. Nun wollte Mad. Brandes mir die Rolle des Hannchen abtreten und sagte: »Die Kummerfeld ist für die ersten Mädchenrollen engagiert.« Nein, sie durfte nicht. Mad. Seyler dachte: Dann mußt du deine Milbach an die Brandes abtreten. Das Stück wurde den 14. Januar 1780 gegeben, ohne mich, und die Rolle, die ich in dem nächsten Stück bekam, war – im »Geizigen« die Frosine.

Wenn ich meine Talente verloren hatte, ja, warum scheute man, warum war man in Furcht vor mir. Laß alle reden, alle, die noch in Mannheim sind und mit mir in Gotha waren: wie sie die Kummerfeld und ihr Spiel vermißt, da sie nun von den großberühmten Schauspielerinnen, die nicht neun Jahre, wie ich, vom Theater waren und mit der Kunst fortgeschritten sind, die Rollen nachspielen sahen, die ich in Gotha gemacht, wie barbarisch manche Rolle verhunzt wurde. Das haben sie gesprochen, nicht mir ins Gesicht, nein, auch hinter meinem Rücken.

Wie der Herr Baron von Dahlberg selbst eine Schauspielerin frug: »Wie werden Sie heute die Rolle nehmen?« Schauspielerin: »Naiv.« H. Baron v. Dahlberg: »Ja, was meinen Sie damit? So naiv wie die und die Rolle? Denn die haben Sie gespielt wie ein Hökerweib.« Ich stand dabei, wie der Herr Baron das sagte. Wollte, wenn ich noch in Mannheim wäre, noch die Stelle auf dem Theater zeigen, wo der H. Baron, die Schauspielerin und ich gestanden haben. Nichts antwortete sie. Aber dafür spielte sie den Abend ihre Rolle so, wie man den uralten Schauspielern nachsagt, daß sie ihre Königsrollen sollen hertragediert haben. Sie geht ab. Ich sehe sie an. Sie lacht und sagt: »Spiele ich nicht schön?« Ich: »Was machen Sie aus der Rolle?« Sie: »Ich muß ja tragisch spielen, weil von Dahlberg gesagt, die Rolle hätte ich wie ein Hökerweib gespielt.«

Das alles sah ich, hörte ich, und doch war ich still, machte keine Unruhen, fraß Aerger hinein und hoffte auf Aenderung. Wenn bei einer Direktion keine Parteilichkeit herrscht, wenn nicht einer oder ein paar alles, was gut ist, an sich[84] reißen wollten, oh, so könnte jeder zufrieden gestellt werden. Warum war denn kein Rollenzank bei dem Vater Koch? Wer könnte Mad. Seyler und den übrigen Damen, Mad. Brandes und Mad. Toscani, ihre Verdienste absprechen? Letztere war doch die Ruhigste und mußte sich auch viel gefallen lassen. Nie sah ich noch eine Brandes ihre Ariadne, nie noch eine Seyler ihre Medea und eine Königin in »Richard der Dritte« besser spielen. In Leipzig, als ich zum Besuch 1776 da war, rissen mich die zwo Schauspielerinnen in »Ariadne« und »Medea« ganz hin, da ich sie zum ersten Male in den Rollen spielen sah. Was hatte Mad. Seyler in Mannheim für Nutzen, daß sie mich gar nicht in guten Rollen spielen ließ?

Kabale war gegen sie. Sie sollte bei allen ihren Verdiensten nicht gefallen. Hier ein Beweis! »Richard der Dritte« wurde in Mannheim den 18. November gegeben. Ich sah das Stück im Parterre mit an. Mad. Seyler spielte ihre Königin meisterhaft. (Mad. Brandes die Prinzessin. Wie sie gespielt, habe ich ihr selbst gesagt. H. Boeck als Richard war ein Knabe gegen sie. Und all das Spektakel, das sie machte, wurde beklatscht, bewundert.) Und für Madame Seyler wurde doch keine Hand geregt. Den Auftritt von einer Seyler zu sehen, wenn sie von den gemordeten Söhnen kommt, wie meisterhaft, wie unnachahmlich schön! Verdient hätte sie, von dem größten Künstler gezeichnet und in Kupfer gestochen zu werden, nicht einmal, nein, von jeder Periode zu Periode. Ein Studium der Kunst wäre es geworden, wie weit es der Künstler bringen kann, wenn er Verstand, Einsicht, Gesicht und Stimme in seiner Gewalt hat. Ich bewunderte sie, ich fühlte keinen Neid. Nichts von dem; wie sie mich vor Jahren als Madame Hensel und nun in Mannheim auch nicht aufkommen lassen will. Ich ärgerte mich über das Mannheimer Publikum.

Auch im Parterre war ich Kummerfeld und schwieg nicht still, sobald ich Ungerechtigkeit sah, die man gegen andere hat, und wenn die anderen auch meine Freunde nicht sind. Ich sagte: »Das begreife ich nicht, wie alles so still, so unempfindlich bei dem meisterhaften Spiel von der Seylern bleiben kann.« Ein Herr: »Ja, spielen tut sie gut, aber applaudiert[85] wird sie nicht.« Ich: »Ist das recht? Gott bewahre, wie geht es hier zu!« Der Herr: »Ja, die Seylern hat's hier verdorben, weil sie keine will aufkommen lassen. Will Rollen spielen, die sich nicht für sie schicken.« Ich: »Aber die heutige schickt sich für sie. Sie ist bestraft genug, wenn sie keinen Beifall bekommt in Rollen, die sich nicht für sie schicken. Wenn sie aber an ihrem Platz steht, wie heute, muß man gerecht sein. Dann weiß sie, welche Rollen sie spielen und welche sie nicht spielen soll.« Der Herr lachte. Kurz, Madame Seyler bekam nicht den kleinsten Beifall.

Ich ging, nachdem's aus war, in die Garderobe. Nahe stand ihr Ankleidetisch bei dem von Madame Brandes. Auch jetzt war ich Kummerfeld. Ich trat zu Madame Seyler, sagte ihr jedes Wort, was ich geschrieben von und über ihr Spiel, aber nichts von meinem Gespräch mit dem Herrn. Laut sagte ich's ihr, die anderen (Mad. Brandes) hörten jedes Wort und schwiegen still. Mad. Seyler antwortete mir: »Das von Ihnen zu hören, ist mir lieber, als aller Beifall, den mir die Mannheimer hätten geben können. Ich bin überzeugt, daß ich gut gespielt haben muß, weil Sie es sagen. Sie heucheln nicht.«

Freilich, wäre ich in meinem Leben Komödiantin gewesen, würde ich die andere (Mad. Brandes) geküßt und gesagt haben: »Ach, wie schön haben Sie heute gespielt!« Das hätte ich müssen tun. Aber, nein, jedem sein Recht! (Mit Mad. Brandes, so verschrieen die Frau war, habe ich nie ein Mißverständnis, also noch weniger einen Zank gehabt. Ich durfte und konnte es ihr sagen: »Heute haben Sie nicht gut gespielt.« Aber sie wußte auch, wenn ich sagte: »Brav haben Sie heute gespielt,« daß es mir von Herzen ging.) Als Komödiantin hätte ich mich freuen müssen, daß eine Seyler nicht mit Beifall belohnt worden ist. Und hätte ich Mad. Seyler die Reden des Herrn wieder gesagt, dann hätte sie geglaubt, ich lobte sie, um die Rollen zu haben, in denen sie die Mannheimer nicht sehen wollen.

Ich bekam Briefe von H. Seipp aus Innsbruck, um auf dem dortigen Hoftheater zu spielen. Die Anträge waren nicht zu verwerfen. Ich sprach mit dem Herrn Baron von[86] Dahlberg: »Man halte mir meinen Kontrakt, so halte ich dann, den ich unterschrieben. Meine Rollen, die ich hier habe, können die Schülerinnen, die Mad. Seyler unterrichtet, spielen. Was keine spielen würde, gibt man mir. Noch würde ich nichts sagen und die Anträge, die man mir gemacht, ausschlagen. Wenn nur nicht die Namen auf den Zetteln stünden, und die schicken unsere Schauspieler fort. Da steht mein Name immer bei den schlechtesten Rollen. Wer weiß die hiesige Verfassung und wie es zugeht? Muß man nicht denken, ich kann nichts, ich wäre die Schlechteste? Haben die Frauenzimmer ihre Verdienste, so habe ich die meinigen auch. Und das noch zum voraus, daß ich keine Rolle verderbe, weder mit, noch ohne Willen. Also, auf die Fasten gehe ich, oder ich muß meine Rollen haben, für die ich engagiert bin. Mad. Seyler schickt sich besser zu einer Amtshauptmännin im ›Poetischen Dorfjunker‹ wie ich.« Herr Baron von Dahlberg: »Soll ich die Beste von meinen Schauspielerinnen verlieren?« Ich: »Ich bin zu bescheiden, das auf die Kunst des Spiels zu wenden, sondern glaube, Sie sagen es meines Charakters wegen. Aber wenn Sie mich für Ihre Beste halten, so ändern Sie es, daß ich bleiben kann.« Herr Baron von Dahlberg: »Ach, ich habe gar zu böse Weiber darunter; ich kann nicht.« Ich: »Ja, wenn Sie sich vor den bösen Weibern fürchten, ich fürchte sie nicht. Und so habe ich weiter nichts zu sagen, als daß ich das Engagement nach Innsbruck annehme und auf die Fasten abgehe.«

Ich machte mein Engagement richtig, bekam mein Reisegeld. Aber ich wurde noch sehr krank. Madame Seyler besuchte mich. Es wurde, wie gewöhnlich, vom Theater gesprochen. Sie kam in Affekt und sagte: »Ja, wenn ich noch so jung aussähe wie Sie und Ihre Figur hätte, mich soll der Teufel holen, hätte ich noch bis diese Stunde eine einzige von meinen jugendlichen Rollen hergegeben.« Ich: »Ei, Madame! Warum sagen Sie denn das jetzt, wo Sie wissen, ich gehe fort? Warum nicht eher? Und doch mußte ich eine Amtshauptmännin machen. Doch sollte ich in der ›Elektra‹ Ihre Mutter spielen und wurde nur samt der Frau Thomsen aus dem ›Verliebten Werber‹ nach Gotha geschickt.« Da[87] saß sie und wußte nichts zu antworten. – Wenn ich die Mannheimische Rollenverteilung zu dem Brief halte, den mir beide, Herr und Madame Seyler, nach Hamburg geschickt, Freundschaft und Freundschaft auf so vielen Zeilen – sind das eben und dieselben Menschen? Nein, das sind nur Komödianten.

Ich fing wieder an zu verkaufen: Wäsche, Silber, ein Bett, Bücher usw. Kurz alles, was nur zu entbehren war, mußte fort, um meine Schulden vollends zu bezahlen. Hätte sich das Engagement nach Innsbruck nicht gefunden, ich wäre freilich dageblieben und wäre vielleicht noch da. Aber als ein geduldiges Schaf hätten sie mich vielleicht auch immer dahin gestellt, wo sich keine andere hinstellen ließ. Vielleicht wär's besser gewesen, vielleicht auch nicht. Aber auszuhalten, sobald man ein ander Brot hatte, war es nicht.

Inzwischen sollte ich auch zu guter Letzt in Mannheim noch erinnert werden, daß ich mir ja keine Hoffnung machen solle, reich zu werden. Man zog mir von meiner letzten Gage nicht weniger als 55 Gulden, 58 Kreuzer ab, wegen dem Transport meiner Koffer. Man zog es mir ab, ohne mir eine Rechnung vom Fuhrmann zu weisen. Und zugesagt war's mir worden, daß die Fracht transportiert würde; die Hälfte wollte ich tragen. Das hatte ich gesagt und wollte es gleich richtig machen, als ich nach Mannheim kam; aber da hatte H. Sartory keine Zeit. Unverschämt war ich nie, und so viel Grütze von Verstand hatte ich noch im Kopf, daß ich den ganzen Transport nicht verlangen konnte. Ich bekam 36 rheinische Gulden von Gotha bis Mannheim Reisegeld. Das war bloß für meine Person und nicht für die Koffer. Wer in aller Welt, der nicht seine ganze Bagage in einen Strumpf gepackt hat, kann mit 36 rheinischen Gulden so weit reisen? Mit denen ich fuhr, die hatten die Kutsche so voll gepackt, daß nicht einmal für meinen kleinen Koffer Raum war, ich sogar den mit der Post fortschicken mußte. Und mußte meinen Anteil an der Kutsche auch nicht einen Groschen wohlfeiler bezahlen, ohne Fracht, wie die mit ihrer Fracht! Kurz, mit mir haben's die Menschen, besonders bei dem Theater, immer herrlich schön gemeint. Wie ich dem Herrn Baron von Dahlberg darüber meine Vorstellung machte, sagte derselbe, die[88] Theaterkasse hätte es nicht und könnte es nicht missen. Ich antwortete: »Ja, so bewahre mich der Himmel, daß ich die Theaterkasse der 55 Gulden, 58 Kreuzer wegen ruinieren wollte.«

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 82-89.
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