Die Frankenhäuser Musikfeste

Aufführung der Oper »Der Zweikampf mit der Geliebten«

[134] 1810–1812


Sobald wir wieder eingewohnt waren, drängte es mich zur Komposition der mitgebrachten Oper. Ich sah nun erst bei näherer Prüfung des Buches, daß ich eben kein großes Los gezogen hatte! Der an sich nicht uninteressante Stoff war in einer Weise bearbeitet, die mir wenig zusagen wollte. Ich fühlte die Notwendigkeit, Abänderungen zu treffen, und holte daher vor allem die Erlaubnis dazu von Herrn Schröder ein. Diese wurde mir gern gewährt, und ich änderte daher mit Hilfe eines jungen Dichters in Gotha, was mir nicht gefiel, sah aber später bei der Aufführung, daß ich noch manches andre ebenfalls hätte ausmerzen müssen. Es fehlte mir aber damals noch zu sehr an der nötigen Erfahrung in dramatischen Arbeiten.

Kaum war die Komposition der ersten Nummern der Oper begonnen, als ich durch eine andre Arbeit wieder davon abgezogen wurde. Im Frühjahr kam nämlich der Kantor Bischoff aus Frankenhausen nach Gotha und trug mir die Leitung eines Musikfestes an, das er im Laufe des Sommers in der Kirche seines Ortes zu veranstalten gedachte. Bereits hatte er sich der Mitwirkung ausgezeichneter Sänger sowie der vorzüglichsten Mitglieder der in der Nähe befindlichen Hofkapellen der thüringischen Residenzen versichert und zweifelte daher nicht an einem höchst glänzenden Erfolge. Als der jüngste der Direktoren dieser Hofkapellen fühlte ich mich nicht wenig geschmeichelt, daß man mir die Leitung übertragen wollte, und sagte daher mit Freuden zu, obgleich ich noch nie ein so großes Orchester und Gesangpersonal, wie dort vereinigt werden sollte, dirigiert hatte. Meine eben begonnene Arbeit mußte ich nun auf einige Zeit zurücklegen, da Hermstedt mich dringend bat,[135] ihm noch ein neues Klarinettkonzert für das Fest zu schreiben. Obgleich ungern in meiner Arbeit unterbrochen, ließ ich mich doch bewegen und beendete es auch zeitig genug, daß Hermstedt es unter meiner Leitung noch einstudieren konnte. Dieses erste Frankenhäuser Musikfest, das damals in der Musikwelt großes Aufsehen erregte und Veranlassung wurde, daß sich an der Elbe, am Rheine, in Norddeutschland und in der Schweiz Vereine bildeten, um ähnliche Musikfeste zu veranstalten, hat in Herrn Gerber, dem Verfasser des Tonkünstlerlexikons, einen so beredten Beschreiber gefunden, daß ich am besten zu tun glaube, wenn ich dessen Bericht (in der Musikalischen Zeitung, 12. Jahrgang, Nr. 47) wörtlich hier aufnehme:

»Am 20ten und 21ten Juni dieses Jahres feierte man der Tonkunst in der vier Stunden von Sondershausen liegenden schwarzburg-rudolstädtischen Stadt Frankenhausen durch Aufführung der Schöpfung von Haydn und eines großen Konzerts ein Fest, ebenso merkwürdig durch die so glücklich überwundenen mannigfaltigen Schwierigkeiten bei Veranstaltung des Ganzen als durch den hohen Grad der Vortrefflichkeit, mit der hier auf Tausende von Zuhörern von mehr als zwanzig Meilen im Umkreise gewirkt wurde. Da hier von einer Landstadt Thüringens die Rede ist, in der sich das Musikpersonal einzig auf den Stadtmusikus nebst seinen Gehülfen und das etwaige Singchor einschränkt, so muß allerdings die Verwunderung über die Möglichkeit eines solchen Unternehmens hoch steigen ...«

Der Herr Kantor Bischoff zu Frankenhausen, ein junger, tätiger und für Musik glühender Mann, der schon im Jahre 1804 mit Hilfe seiner Nachbarn und einiger Mitglieder der herzoglich-gothaischen Kapelle unter der Direktion des Hrn. Konzertmeister Fischer aus Erfurt und Ernst aus Gotha »die Schöpfung« mit etwa achtzig Sängern und Instrumentisten zur allgemeinen Zufriedenheit der Zuhörer in dasiger Hauptkirche aufgeführt hatte, fühlte sich dadurch aufgemuntert, dies große Kunstwerk noch einmal nach der Idee seines großen Meisters durch zweihundert Sänger und Instrumentisten zu geben. Lange hinderten Hin- und Herzüge fremder Völker die Ausführung seines Vorhabens. Endlich wagte er es bei der gegenwärtig scheinbaren Ruhe in Deutschland, sein Vorhaben auszuführen. Er besuchte deswegen schon vor einiger Zeit Weimar, Rudolstadt, Gotha und Erfurt; in mehrere Städte wurden schriftliche Aufforderungen geschickt, und aller Orten fanden seine Einladungen ein geneigtes Ohr, so daß sich am 19. Juni früh zur Probe bereits 101 Sänger und 106 Instrumentisten, größtenteils aus[136] Thüringen, eingefunden hatten, darunter zwanzig Künstler aus Gotha mit ihrem berühmten Direktor, Herrn Konzertmeister Spohr.

Die Mitwirkenden waren teils graduierte Tonkünstler und Kapellisten, teils ausgezeichnete Dilettanten und zum Teil Virtuosen vom ersten Range, ein jeder mit seinem eigenen Instrumente und die meisten mit der »Schöpfung« schon vertraut ...

Aus dieser Masse bildete sich nachstehendes Orchester: Direktor: »Hr. Konzertmeister Spohr; Sopransolo: Mad. Scheidler aus Gotha; Tenorsolo: Hr. Kammersänger Methfessel aus Rudolstadt; Baßsolo: Hr. Kammersänger Strohmeyer aus Weimar; Orgel: Hr. Konzertm. Fischer und Hr. Professor Scheibner, beide aus Erfurt; Flügel: Hr. Kapellm. Krille aus Stolberg; Chordirektor: Hr. Kantor Bischoff in Frankenhausen; Choristen: Sopran 28, Alt 20, Tenor 20, Baß 30.«

Hier folgen die Namen sämtlicher Musiker und eine Beschreibung der Aufstellung des Orchesters. Dann fährt der Bericht fort:

»Diese schöne, zweckmäßige Stellung, wobei jeder Platz genug um sich und den Direktor beständig vor Augen hatte, trug unstreitig nicht wenig zu der nach einer einzigen Probe gelungenen Aufführung so großer, zum Teil neuer und höchst schwieriger Kunstwerke bei, wie besonders am zweiten Tag aufgeführt wurden.« Dies waren:

1) Eine große neue Ouvertüre fürs ganze Orchester (auch mit Posaunen) von Spohr. 2) Eine große italienische Szene für den Baß von Righini, welche Strohmeyer sang. 3) Ein neues vom Hrn. Spohr ausdrücklich für dieses Fest geschriebenes großes Klarinettenkonzert, welches Hr. Musikdirektor Hermstedt vortrug. Hierauf machte 4) Hr. Konzertmeister Fischer auf der vollen Orgel eine kunstvolle Einleitung zum 5) letzten Chor aus Haydns Jahreszeiten. Nach einer Pause von etwa fünfzehn Minuten folgte 6) ein Doppelkonzert für zwei Violinen, ebenfalls von Spohrs origineller Arbeit, durch Hrn. Spohr selbst und Hrn. Matthäi vorgetragen. Hierauf 7) ein großes Rondo aus einem Konzert D-dur von Hrn. Bernhard Romberg, durch Hrn. Dotzauers kunstvollen Vortrag, 8) die Symphonie aus C-dur von Beethoven, welche den Beschluß des Ganzen machte.

Herrn Spohrs Direktion mit der Papierrolle, ohne alles Geräusch und ohne die geringste Grimasse, möchte man eine graziöse Direktion nennen, wenn dies Wort außer dem gefälligen Anstande auch die Bestimmtheit und Wirksamkeit seiner Bewegungen auf die ganze, ihm und sich selbst fremde Masse ausdrückte. Diesem glücklichen Talent des Hrn.[137] Spohr schreibe ich den größten Teil der Vortrefflichkeit und Präzision – der erschütternden Gewalt sowie des sanften Anschmiegens dieses zahlreichen Orchesters an den Sänger, beim Vortrag der »Schöpfung« zu.

Die für eine große Kirche geeignete, volltönende und doch auch biegsame Stimme der Mad. Scheidler, der ausdrucksvolle Vortrag des in der Kunst erfahrenen Hrn. Methfessel, die herrliche Baßstimme des Hrn. Strohmeyer, unstreitig die schönste, die ich je gehört habe vom contra D bis zum eingestrichenen G, ... diese drei Solosänger im Verein so vieler ausgezeichneter Virtuosen an der Spitze jeder Stimme, wo jeder freiwillig und mit Lust sang oder spielte, machen mir die Versicherung leicht, daß diese Ausführung der »Schöpfung« die kräftigste, ausdruckvollste, mit einem Wort, gelungenste war, der ich je beigewohnt habe ...

Die Ouvertüre, womit am folgenden Tage das Konzert anhub, gehört im eigentlichen Verstande unter die Kunststücke im Modulieren. Fast mit jedem neuen Takte drängt ein Inganno das andere, so daß sie als eine zusammenhängende Reihe von Studien in der Modulation angesehen werden kann. Wahrscheinlich bezieht sich diese Unruhe, dieses Schwanken auf den Inhalt der »Alruna«, zu welchem Drama sie geschrieben sein soll. So gewiß aber diese Ouvertüre vor dem Theater von großem Effekt sein kann, so schien sie als Konzertmusik doch den Eindruck nicht zu machen, den man von der Ausführung eines so braven und zahlreichen Orchesters erwarten durfte. Dieser Erfolg läßt sich nicht anders erklären, als daß, wie ununterbrochene und anhaltend getäuschte Hoffnungen das Gemüt in Unbehaglichkeit versetzen, so auch eine Musik, welche das Ohr bis zum Ende in seinen Erwartungen täuscht und nie befriedigt. Lauter krumme, mitunter rauhe Wege, welche zu keinem Ziele, zu keiner Ruhe und zu weiter keinem Genusse führen und wodurch der Komponist bloß den Verstand des Zuhörers beschäftigt, ermüden dennoch zuletzt. Auch die Musik unserer Vorfahren vor 200 Jahren, ihre Madrigale und Motetten, bestanden aus lauter solchen krummen Wegen ohne Ruheplatz – aus lauter Modulationen und aufgehaltenen Schlußfällen. Aber unsern guten Alten fehlte es noch an den nötigen Blumen, um ein Ruheplätzchen zu verschönern und interessant zu machen; d.h., es fehlte ihnen noch an melodischen Figuren, um den Zuhörer in einer Tonart auf angenehme Weise zu unterhalten. Wie leicht wäre dies aber dem trefflichen Spohr, der der schönsten Blumen so viele hat? Der sogenannte Kontrast in großen Musikwerken ist gar nicht zu verachten; um so weniger, je mehr er sich auf die menschliche Empfindungsweise gründet.[138]

Von der Wirkung der von Hrn. Strohmeyer vorgetragenen großen Szene von Righini braucht hier um so weniger etwas beigebracht zu werden, da seinem schönen Vortrage schon oben volle Gerechtigkeit widerfahren ist. Auch Righinis schöner Gesang und vortreffliche Instrumentierung ist bekannt genug. Die Szene versetzte die ganze Versammlung in Enthusiasmus.

Das hierauf von Hrn. Musikdir. Hermstedt vorgetragene Klarinettenkonzert von Spohr aus Es, welches Hr. Spohr wenige Wochen vorher als sein zweites für dies Instrument geendigt und dem Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen im Manuskript zugeeignet hatte, gehört unstreitig zu den vollendetsten Kunstwerken dieser Art. Eine große und brillante Behandlung des konzertierenden Instrumentes, verbunden mit einer ganz originellen Begleitung des Orchesters, wo gleichsam jede Stimme, selbst die Pauke, obligat ist, was aber deswegen auch ein um so geübteres, aufmerksameres Orchester erfordert, berechtigt zu dieser hohen Stelle. Besonders zeichnet sich der dritte, polonaisenartige Satz aus, wo man ungewiß bleibt, ob man mehr den Glanz der kunstvollen Solos oder die vortrefflich gearbeiteten Tuttisätze bewundern soll – in welchen letzteren die Blasinstrumente mitunter in wahre thematische Kämpfe miteinander zu treten scheinen. Überdies gewinnt dies Kunstwerk noch besonders durch den heitern Geist, der es durchaus beseelt. Die herrliche Aufführung dieses Konzertes machte dem Komponisten, dem Konzertisten sowie dem ganzen Orchester sehr viel Ehre; auch brachte sie Tausende von Händen der Zuhörer in die lebhafteste und anhaltende Bewegung.

Hierauf überraschte Hr. Konzertmeister Fischer das Orchester sowie das Auditorium nicht wenig, indem er mit der vollen Orgel einfiel, um das nun folgende Schlußchor aus C-dur einzuleiten. Diese neue Art von Musik, wovon in der Probe nichts gehört worden war, seine künstliche Verkettung der Stimmen, seine harmonischen Wendungen und seine meisterhaften Modulationen machten jedes Mitglied des Orchesters doppelt aufmerksam. Mehrere Minuten mochte er die Versammlung auf diese Weise unterhalten haben, als er auf der Dominante verweilte und, um die Erwartung auf den Eintritt des Chors um so mehr zu spannen, vermittelst einer Art von Orgelpunkt auf diesem Intervalle einen Schluß bildete. Nicht sobald bemerkte dies Hr. Spohr, als er seine Papierrolle aufhob; und kaum war der letzte Orgelton verhallt, als das ganze Orchester mit dem ersten einzelnen Schlage C des Chores einfiel, welches C dann die Trompeten durch Zungenstöße bis zum Ende des Taktes allein[139] fortzusetzen hatten. Dies geschah auch auf das pünktlichste. Allein über dem Orgelspiele hatte einer der Trompeter sein Einsatzstück zu wechseln vergessen, schlug also noch in Es an. Im Augenblick machte Herr Spohr eine Bewegung und das Orchester ließ vom 2ten Takte nichts weiter hören. Dagegen fiel sogleich Hr. Fischer wieder mit der Orgel ein, setzte sein Präludium fort und schloß nun förmlich in dem Haupttone C-dur – als ob dieser Vorgang absichtlich so eingeleitet worden wäre. Da also hierbei kein Stillstand in der Musik stattfand, so daß außer dem Orchester schwerlich jemand dies Versehen bemerkt haben mag, so würde es allerdings verheimlicht werden können, wenn nicht zu fürchten wäre, daß erfahrne Künstler meine hier wiederholten Äußerungen von lauter fehlerfreien und gelungenen Ausführungen durch ein zwanzig Meilen weit zusammen berufenes Orchester nach einer einzigen Probe als eine unserer jetzigen politischen Zeitungsnachrichten belächeln möchten.

Nach einer Pause von etwa fünfzehn Minuten ergriff Hr. Spohr seine Violine, an ihn schloß sich Hr. Matthäi näher an, und nun gewährten uns diese bei den vortrefflichen Künstler durch die vollendete Ausführung eines Doppelkonzerts von Hrn. Spohr die beglückendsten Genüsse von immer wechselnder Bewunderung, Erstaunen und Freude. Oft schienen sie in offenbarer Fehde über den Vorzug in kunstvoller Ausführung, oft vereinigten sie sich wieder, indem sie gleichsam ganze harmonische Rouladen gemeinschaftlich über die Zuhörer herabströmten. Die Präzision und das Zusammentreffen der zueinander gehörigen Töne in der reißendsten Geschwindigkeit war bewunderungswürdig. Das darauffolgende ganz originelle Adagio dieses Meisterwerks hub mit einem Trio, von zwei Violoncellen durch Herren Preysing und Müller und einem Kontrabasse durch Herrn Wach aus Leipzig ausdrucksvoll vorgetragen, an. Als diese drei ihr sanftes melodisches Spiel geendet hatten, ließ sich ein Quadro in gezogenen und gebundenen Harmonien gleichsam von einer Harmonika, nur mehr nach der Tiefe zu gehalten, hören. Es machte einen schauerlich süßen Eindruck. Jedermann sah sich nach den Bässen und Bratschen um, welche zu dieser himmlischen Harmonie beizutragen schienen: aber alle Arme ruhten und nur die Bogen der Hrn. Spohr und Matthäi waren in Bewegung. Und diese waren es auch einzig und allein, welche dies Quadro hören ließen – und zwar mit einer Reinheit, daß das Ohr beim Eintritt der Konsonanzen nach Auflösung der Bindungen öfters durch ein ganz besonders inniges Gefühl gereizt wurde. Nach einem zweiten ähnlichen Violoncelltrio trat das Quadro der beiden Konzertstimmen wieder[140] ein und wendete sich zum Schluß. Der letzte Satz entsprach vollkommen der Kunst und Schönheit des ersten.

Hierauf näherte sich Hr. Dotzauer dem vordern Pulte und spielte, wahrscheinlich wegen Kürze der noch übrigen Zeit, nur ein Rondo, aber ein groß ausgeführtes, höchst schwieriges Rondo aus einem Violoncellkonzerte aus D-dur von Bernhard Romberg mit einer Fertigkeit, Rundung und Ausdauer in den anhaltenden Passagen und mit einer Leichtigkeit, Reinheit, einem Ausdruck und Silbertone bei melodiösen Stellen in den höhern Oktaven, daß er schon durch den Vortrag bloß dieses Rondos seine große Herrschaft über sein Instrument aufs herrlichste beurkundete.

Hierauf machte die Symphonie aus C-dur von Beethoven, unstreitig seine gefälligste und populärste, den Schluß. Sie wurde unverbesserlich, mit Liebe, Feuer und höchster Präzision vorgetragen. Einen besonders süßen Genuß gewährte dabei das Chor der Bläser in dem Trio der Menuett. Das Ohr glaubte die Töne einer höchst reinen Harmonika zu hören. Ein allgemeines und anhaltendes Applaudissement bewies den Dank und die Zufriedenheit des Auditoriums mit der Wahl der aufgeführten Meisterwerke und mit der Ausführung der dazu vereinigten Künstler.

Wenn oben von den glücklich überstandenen Schwierigkeiten des Hrn. Unternehmers, sowohl in der Veranstaltung für die geistige als für die leibliche Unterhaltung seiner so zahlreichen Gäste die Rede war, so scheint es Pflicht zu sein, auch über letztere noch einiges beizubringen. Sie war in solch einem kleinen Örtchen gewiß keine Kleinigkeit.

Die hundert Choristen waren in verschiedene Gasthöfe verteilt, wo sie Beköstigung und Nachtlager fanden. Die sämtlichen Sänger, Virtuosen und Dilettanten hingegen fanden ihre Absteige- und Nachtquartiere in anständigen Privathäusern. Um aber diesen aus so fernen Gegenden versammelten, braven Musikfreunden den Genuß ihres Vereins aufs möglichste zu erleichtern und zu verschönern, hatte Herr Bischoff sein unmittelbar hinter dem Hause liegendes Blumengärtchen aufgeopfert und es in einen Speisesaal umwandeln lassen. Der zu diesem Zweck errichtete Salon war mit jungem Grün ausgeschmückt, dessen Zweige der Gesellschaft freundlich entgegen winkten. In diesem Saale waren die Tafeln aufgestellt und wurde serviert. Es war eine Freude mit anzusehen, wie sich hier so viele wackere, zu einem und demselben Zwecke froh vereinigte Künstler und Kunstfreunde zu allem gemeinschaftlich zusammenfanden, zur beglückenden Arbeit auszogen, von dieser zum[141] heitern Genusse sich wieder sammelten und namentlich auch mit unverkennbarer, herzlicher Teilnahme dem großen Vater Haydn, dem trefflichen Spohr und mehreren andern vorzüglichen Künstlern ihr Dankopfer bei vollen Gläsern darbrachten. Gewöhnlich wurde das Vergnügen an den Abendtafeln noch durch munteren und schönen Gesang erhöht. Es traten gute Stimmen zusammen, sangen Quartetten und Kanons; Herr Methfessel ergriff die Guitarre und unterhielt die Gesellschaft mit angenehmen Liedern und rührenden Romanzen von seiner Komposition; zur Abwechselung gab er auch ein paar komische Lieder und entwickelte in diesen seine lebhafte Phantasie, seinen Reichtum an Erfindung, Witz, Laune im Ausdrucke sowie überhaupt seine Bekanntschaft im Reiche der Töne und der Harmonie. Ihm nahm dann der Hr. Bergassessor Hachmeister aus Clausthal die Guitarre ab und ergötzte die Gesellschaft mit Volksliedern im thüringischen Dialekt, voller Witz und Laune, welche den Zuhörer zwangen, die Leiden der Zeit zu belachen, er mochte wollen oder nicht.

Nach dem Wunsche mehrerer von der Gesellschaft hat Hr. Bischoff zum Andenken dieses schönen Vereins noch ein gedrucktes Namensverzeichnis des ganzen Orchesters einem jeden nachgesendet. Da jeden dieser Tage die schönste Witterung begünstigte, so war in beiden Aufführungen die große Kirche gedrängt voll, größtenteils von Fremden, die bis auf 20 Meilen im Umkreise herbeigeströmt waren. »Selbst die Kanzel war mit Damen und Herren angefüllt. Dies läßt hoffen, daß Hr. Bischoff wenigstens für seine großen Auslagen gedeckt sei.«

Ich und meine Frau machten in Frankenhausen unter den dort versammelten Künstlern und Kunstfreunden manche interessante Bekanntschaft, unter andern auch die des Amtsrat Lueder in Katlenburg, der bis zu dieser Stunde einer meiner intimsten Freunde geblieben ist. Lueder wohnte damals in der Gegend von Bremen und war auf einer Geschäftsreise nach Berlin begriffen. Am Fuße des Harzes angelangt, erzählt ihm sein Postillon von dem in einigen Tagen bevorstehenden Musikfeste in Frankenhausen und weiß ihm die dort zu erwartenden Kunstgenüsse so anziehend zu schildern, daß Lueder sogleich vom Wege abbiegen und die Richtung nach Frankenhausen einschlagen läßt. Dort angekommen, ist es sein erstes Geschäft, mich aufzusuchen und um die Erlaubnis zu bitten, sämtlichen Proben beiwohnen zu dürfen. Dies wurde nicht nur sehr gern gewährt, sondern ich lud auch den neuen Bekannten, an dessen brennendem Kunstenthusiasmus ich große Freude hatte, ein, den Zusammenkünften im Zelte mittags und abends beizuwohnen.[142] Hier gestaltete sich in den Stunden zwischen den Proben und Aufführungen ein so fröhliches, durch Kunstgenüsse und heitre Scherze gewürztes Zusammenleben, daß alle Teilnehmenden gewiß mit großer Befriedigung daran zurückgedacht haben werden. Besonders hatte sich an mich ein kleiner Zirkel gleichgesinnter Kunstenthusiasten angeschlossen, der sich bald so lieb gewann, daß er sich nach Beendigung des Festes nicht sogleich zu trennen vermochte und noch gemeinschaftlich einen Ausflug auf den Kyffhäuser veranstaltete. Auf dieser durch das schönste Wetter begünstigten Bergfahrt war es besonders der Sänger Methfessel aus Rudolstadt, der durch seine unerschöpfliche Laune die Gesellschaft fortwährend in der heitersten Stimmung erhielt. Noch erinnere ich mich mit großem Vergnügen einer von ihm improvisierten Kapuzinerpredigt, die er in der Kirche einer Klosterruine von der Kanzel herab hielt, in welche er die Hauptmomente des Musikfestes ernst und komisch zu verweben wußte. Auf der Spitze des Kyffhäusers wurde auch Kaiser Barbarossa von ihm angesungen und zu baldigem Erwachen und baldigem Auszug zur Befreiung Deutschlands ermahnt!

An den Fuß des Berges zurückgekehrt, mußten die neuen Freunde sich wiewohl mit Widerstreben trennen, und es kehrte ein jeder höchst befriedigt in seine Heimat zurück.

Ich begann sogleich von neuem die Komposition meiner Oper und beendete sie im Laufe des Winters von 1810 zu 1811. Außer ihr finden sich im Verzeichnis dieses Winters noch folgende Arbeiten aus dieser Zeit: ein Violinkonzert, später als zehntes bei Peters erschienen, eine Sonate für Harfe und Violine (Op. 114 bei Schuberth) und eine italienische Arie alla Polacca mit obligater Violine, welche ungestochen geblieben ist. Diese schrieb ich im Auftrage des Prinzen Friedrich von Gotha, des Bruders des Herzogs, der, mit einer wohlklingenden Tenorstimme begabt, öfter in Hofkonzerten sang und sehr wünschte, dazu eine Arie mit Violinbegleitung von mir zu besitzen. Sie wurde denn auch oft genug vorgeführt, besonders wenn Fremde bei Hofe zu Besuch waren.

Der Prinz war ein liebenswürdiger und wohlwollender Mann, der sich viel mehr als sein Bruder für Musik interessierte und im Verein mit der Herzogin die Teilnahme für die Hofkonzerte aufrecht erhielt. Leider war er mit einer unheilbaren Krankheit, dem Starrkrampf, behaftet, der ihn alle vierzehn Tage, in spätern Jahren noch öfter befiel und für zwölf bis sechzehn Stunden niederwarf. Dann war er des Gebrauches aller seiner Glieder beraubt, und nur die Sprachwerkzeuge und die Gesichtsmuskeln blieben vom Krampf verschont. Er lag dann während des[143] schrecklichen Anfalles wie ein Toter unbeweglich im Bette, hatte es aber gern, wenn man ihn besuchte und unterhielt. Durch die öftere Wiederkehr war er so an diesen Zustand gewöhnt, daß er dabei ganz heiter sein konnte. Die Ärzte hielten ein milderes Klima für heilsam und schickten ihn deshalb nach Italien. Ich traf ihn auf meiner italienischen Reise 1816 in Rom, und es wird dann öfter die Rede von ihm sein.

Im Frühjahr 1811 erschien der Kantor Bischoff abermals bei mir und lud mich ein, ein zweites großes Musikfest, welches er im Juli in Frankenhausen zu veranstalten gedenke, zu dirigieren. Er bat mich zugleich, im Konzerte des zweiten Tages ein Violinkonzert vorzutragen und zur Eröffnung desselben eine große Symphonie zu schreiben. Obgleich ich mich in dieser Musikgattung noch nicht versucht hatte, sagte ich mit Freuden zu.

So war mir abermals zu einer interessanten Arbeit Veranlassung gegeben, und ich machte mich auch sogleich mit großer Begeisterung darüber her. Geschah es mir nun bisher, daß ich meine Erstlingsversuche in einer neuen Kompositionsgattung nach einiger Zeit nicht mehr leiden konnte, so machte doch diese Symphonie eine Ausnahme davon, indem sie mir auch noch in spätern Jahren gefiel. Da ich sie mit meinem Orchester, welches den Kern des Frankenhäuser Orchesters bildete, im voraus sehr sorgfältig eingeübt hatte, so wurde sie beim Musikfeste, trotzdem daß nur eine Probe stattfinden konnte, vortrefflich ausgeführt und fand namentlich bei den Mitwirkenden eine enthusiastische Aufnahme. Ich fühlte mich dadurch sehr beglückt, mehr noch als durch den Beifall, den ich als Solospieler fand. Auch in Leipzig, wo die Symphonie im Herbst im Gewandhauskonzert aufgeführt wurde, fand sie großen Beifall, wie ein Bericht der Musikalischen Zeitung dartut, in welchem es heißt: »Spohrs neue, noch ungedruckte Symphonie erregte die Teilnahme und Bewunderung aller ernsthaften Kunstfreunde. Wir stellen sie nicht nur weit höher sowohl in Erfindung als in Ausarbeitung als alles, was wir von Orchestermusik dieses Meisters kennen, sondern gestehen auch, daß wir seit Jahren kaum ein neues Werk dieser Gattung gehört haben, welches so viele Neuheit und Eigentümlichkeit ohne Bizarrerie und Affektation mit soviel Reichtum und Gründlichkeit ohne Künstelei und Schwulst darlegte als eben dieses. Man kann ihm ohne alles Bedenken voraussagen, es werde, ist es gedruckt, ein Lieblingsstück aller großen und sehr geschickten Orchester, aller ernsten und gebildeten Zuhörer werden; beider aber bedarf es!«[144]

Außer dieser Symphonie hatte ich auch noch für das Musikfest auf Hermstedts unablässiges Drängen Variationen für Klarinette mit Orchesterbegleitung über Themen aus dem »Opferfest« geschrieben, die von demselben mit der gewohnten Virtuosität vorgetragen wurden. Auch diese Komposition (bei Schlesinger in Berlin, op. 80), die jene Themen mehr in freier Phantasie künstlich durchführt, als eigentlich variiert, fand bei den Musikern und Kennern großen Beifall.

Dem Musikfeste schloß sich am Nachmittage des zweiten Tages auch noch ein Familienfest des Unternehmers an. Es war ihm einige Wochen vorher ein Knabe geboren, dessen Taufe nun stattfand. Er hatte sämtliche Mitwirkenden zu Gevatter gebeten, die sich festlich geschmückt jetzt am Altare der Kirche aufstellten. Ich hielt das Kind über die Taufe und gab ihm meinen Namen »Louis«. Als der Prediger an mich und die andern Gevattern die Frage stellte, ob wir für eine christliche Erziehung des Knaben Sorge tragen wollten, erschallte ein feierliches, wohl dreihundertstimmiges Ja. Ein von den Sängern vorgetragner Chor mit Orgelbegleitung schloß die heilige Handlung.

Meine Freude an diesem zweiten Feste wurde dadurch noch sehr gesteigert, daß sich unter den Zuhörern auch meine Eltern befanden und an dem geselligen Treiben im Zelte lebhaften Anteil nahmen. Der Unternehmer fand ebenfalls seine Rechnung, und so endigte dieses Fest wie das vorjährige zu allgemeiner Zufriedenheit.

Bald nach meiner Zurückkunft von Frankenhausen erhielt ich von Hamburg die Nachricht, daß meine Oper, die ich schon im Frühjahre eingesandt hatte, nun endlich verteilt sei und in den ersten Tagen des November zur Aufführung kommen solle. Ich erbat daher einen vierwöchentlichen Urlaub für mich und meine Frau und reisete mit ihr Mitte Oktober über Hannover, wo ich Konzert zu geben gedachte, nach Hamburg ab. Ich befand mich, da dies die erste Oper von mir war, die zur Aufführung kommen sollte, in großer Spannung, welch eine Wirkung sie machen und welche Aufnahme beim Publiko sie finden werde. Man denke sich daher meinen Schrecken, als ich in Hannover einen Brief vom Schauspieldirektor Schröder erhielt, der mir meldete, die Oper werde gar nicht zur Aufführung kommen, weil die erste Sängerin, Madame Becker, die Annahme ihrer Rolle verweigere und dazu nach den Theatergesetzen vollständig berechtigt sei.

Die Sache hing so zusammen. Ich hatte mich, bevor ich meine Arbeit begann, bei Herrn Schwencke nach dem Stimmumfang und der Fähigkeit der Hamburger Sänger zwar sorgfältig erkundigt und die Hauptpartien[145] der Oper danach eingerichtet. Da es mir aber noch an aller Erfahrung in diesen Dingen fehlte, so hatte ich versäumt, mir auch die Persönlichkeit der Sänger beschreiben zu lassen, und so war es geschehen, daß ich für Madame Becker, eine kleine, zarte Figur, die Partie der Donna Isabella geschrieben hatte, die in Männerkleidung ihren ungetreuen Geliebten am Hofe der Fürstin Mathilde aufsucht und ihn zuletzt in Ritterrüstung zum Zweikampf auf Leben und Tod herausfordert. Madame Becker war, solange als sie von der Oper nichts kannte als ihre Partie, höchst zufrieden und begann das Einüben derselben mit großem Eifer. Sobald sie aber das Buch gelesen hatte, erklärte sie, die Rolle nicht übernehmen zu können, weil sie sich damit total lächerlich machen würde. Höchst ärgerlich über meinen Mißgriff reiste ich nach Hamburg, um ihn womöglich wieder gut zu machen und die Oper dennoch zur Aufführung zu bringen. Ich fand den alten Schröder sehr verstimmt und im höchsten Grade mißvergnügt über seine Theaterunternehmung. Er hatte aber auch alle Ursache dazu! Mehrere Mitglieder waren ausgeblieben, andere zu spät eingetroffen, und einige hatten den gehegten Erwartungen nicht entsprochen; seine neuen Schau-und Lustspiele hatten nicht recht angesprochen und das Haus leer gelassen. Von den vier Opern, die er komponieren ließ, waren bereits zwei beiseite gelegt, weil sie mißfallen hatten. Die von Winter komponierte »Die Pantoffeln« hatte doch einige, wiewohl wenig besuchte Aufführungen erlebt; die von Clasing »Welcher ist der Rechte?« war aber gleich nach der ersten Aufführung wieder vom Repertoire verschwunden, weil sie trotz der angestrengten Bemühungen der zahlreichen Freunde Clasings total durchgefallen war.

Bei solchen Erfahrungen war es nun zwar dem alten Griesgram kaum zu verdenken, daß er auch meiner Oper keinen Erfolg zutraute, und das um so weniger, weil die beliebteste Sängerin seines Theaters nicht mitwirken konnte; daß er aber das Honorar dafür auszahlen und sie sogleich, ohne einen Versuch gemacht zu haben, beiseite legen wollte, empörte mich, und ich protestierte auf das entschiedenste dagegen. Endlich erhielt ich nach vielen Debatten Schröders Zustimmung, daß ich mit einer andern Sängerin, die bisher nur in kleinen Partien beschäftigt wurde, den Versuch machen durfte, ihr die von Madame Becker verweigerte Partie einzuüben. Ich fand bei dieser Sängerin, einer Madame Lichtenheld, viel guten Willen und glückliche Naturanlagen, und es gelang mir auch ganz gut damit, nachdem ich die schwierigsten Bravoursätze der Partie ihren Fähigkeiten angemessen vereinfacht hatte. So konnten denn endlich die Theaterproben beginnen, und nachdem Schröder[146] eine davon angehört und sich davon überzeugt hatte, daß Madame Lichtenheld die Partie genügend würde geben können, wurde die erste Aufführung der Oper auf den 15. November 1811 angesetzt. Meine frühern Bekannten unter den Musikern, Romberg und Prell mit eingeschlossen, erboten sich sämtlich, in den beiden von mir zu leitenden Aufführungen im Orchester mitzuwirken. Auch Hermstedt, der nach Hamburg gekommen war, um unter meinem Schutz Konzert zu geben, schloß sich ihnen an und übernahm die erste Klarinettpartie, welche dankbare Solis und konzertierende Begleitung einer Sopranarie enthielt. Durch den Zutritt dieser ausgezeichneten Künstler wurde das Orchester bedeutend gehoben, und da die Sänger und der Chor ebenfalls gut eingeübt waren, so hatte ich schon in den Proben große Freude an der Genauigkeit, mit welcher meine Musik exekutiert wurde, und daher die beste Hoffnung, daß die Oper gefallen werde. Doch trat ich am Tage der Aufführung nicht ohne neue Besorgnis an mein Pult, da mir zu Ohren gekommen war, daß Clasings Freunde feindlich gegen mich auftreten würden, um den Fall der Oper ihres Freundes zu rächen. Nachdem jedoch die Musik begonnen hatte, dachte ich nur an diese und vergaß alles übrige um mich her. Auch zeigte mir schon der Beifall, mit dem die Ouvertüre aufgenommen wurde, daß die feindliche Partei nicht aufkommen würde; und so war es auch. Fast jede Nummer wurde beklatscht und der Beifall steigerte sich gegen das Ende der Oper immer mehr. Beim Fallen des Vorhangs ertönte ein langanhaltender Beifallssturm, der nur dem Komponisten galt.

Ich hätte nun recht glücklich sein können, war es aber gar nicht. Schon bei der ersten Probe hatte mir einiges in meiner Musik mißfallen. Mit jeder folgen den gesellte sich neues hinzu, und noch ehe es zur Aufführung kam, war mir die Hälfte meiner Oper zuwider. Ich glaubte nun recht gut zu wissen, wie ich es hätte besser machen können, und ärgerte mich, dieses nicht früher eingesehen zu haben. Ja, wäre mir mein Werk bei meiner Ankunft in Hamburg schon in diesem Lichte erschienen, so hätte ich gegen die Absicht Schröders, es unaufgeführt bei Seite zu legen, nichts einzuwenden gehabt. So urteilten meine musikalischen Freunde aber nicht; sie waren auch mit dieser Arbeit sehr zufrieden und wünschten mir Glück zu dem günstigen Erfolge. Schwencke schrieb eine ausführliche, sehr lobende Beurteilung der Oper und wußte in dieser selbst die wohlbegründete Behauptung der Gegner, daß sie viele Reminiszenzen aus den Mozartschen Opern enthalte, mit Geschick zu bekämpfen, indem er zwar zugab, daß die Form der Musikstücke sowie die ganze Faktur an Mozart erinnere, dies aber zugleich als einen Vorzug[147] geltend zu machen suchte. Hierdurch auf mich aufmerksam geworden, fühlte ich die Notwendigkeit, mich davon frei zu machen, und glaube, dies auch schon in meiner nächsten dramatischen Arbeit, dem »Faust«, vollständig erreicht zu haben.

Schwencke hatte mit meiner Genehmigung schon längst einen Klavierauszug aus der Oper gemacht, der nun bei Boehme in Hamburg erschien und eine weite Verbreitung fand.

Von dem Konzerte, welches ich im Verein mit meiner Frau und Hermstedt damals in Hamburg gab, erinnere ich mich nicht viel mehr, als daß letzterer auch dort durch seine ausgebildete Virtuosität großes Aufsehen erregte. Eine deutlichere Erinnerung habe ich aber noch von einem Konzerte in Altona, bei welchem wir wie auch mehrere unserer Hamburger Freunde mitwirkten, und in welchem uns allerlei kleine Unfälle begegneten, die später Stoff zu vielen Neckereien gaben.

Dieses Konzert war von einem reichen Altonaer Musikfreunde veranstaltet worden, der die Hamburger Mitwirkenden nach der Probe zu einem luxuriösen Diner einlud. Nachdem die Gesellschaft zwei Stunden getafelt und fleißig dem Champagner zugesprochen hatte, wurde sie so fröhlich und ausgelassen, daß niemand mehr an das nun folgende Konzert dachte. Der Schreck war daher allgemein, als plötzlich ein Bote erschien und meldete, das zahlreich versammelte Publikum werde ungeduldig und verlange das Beginnen des Konzertes. Man brach nun eiligst nach dem Konzertsaale auf; doch war eigentlich niemand mehr in der gehörigen Verfassung, um öffentlich auftreten zu können. Auffallend war dabei, daß die sonst Zaghaften nun die Mutigsten geworden waren. Das Altonaer Dilettantenorchester, dem die Hamburger Künstler als Kern und Stütze dienen sollten, war schon aufgestellt, und das Konzert begann daher sogleich mit einer Ouvertüre von Romberg, die er selbst dirigierte. Er, dem man nicht mit Unrecht vorwarf, daß er die Tempi seiner Kompositionen stets zu langsam nehme, übereilte das Allegro seiner Ouvertüre diesmal dermaßen, daß die armen Dilettanten gar nicht mitkonnten. Es fehlte daher nicht viel, so wäre schon in der Ouvertüre umgeworfen worden. Nun folgten wir, meine Frau und ich, mit einer Sonate für Harfe und Violine, die wir wie immer ohne Noten vortragen wollten. Als wir schon saßen und ich eben zu beginnen dachte, flüsterte mir meine Frau, die sonst die Besonnenheit selbst war, ängstlich zu: »Um des Himmels willen, ich kann mich nicht besinnen, welche Sonate wir spielen wollen und wie sie anfängt!« Ich sang ihr den Anfang ins Ohr und brachte sie so wieder zu der nötigen Ruhe[148] und Besonnenheit. Unser Spiel ging nun auch ohne Unfall zu Ende und erwarb uns großen Beifall. Nun sollte Madame Becker eine Arie singen und war auch bereits von Romberg auf die Orchestererhöhung geführt worden, als sie zum großen Erstaunen des Publikums plötzlich wieder davonlief und in einem Nebenzimmer verschwand. Voller Besorgnis, daß sie krank geworden, eilte ihr Dorette nach. Doch kehrten beide bald zurück, und ich erfuhr nun von meiner Frau, daß der Sängerin infolge des Diners der Atem zum Singen gefehlt, und daß sie ihr daher erst die Kleider habe lüften müssen.

Nun folgte Hermstedt mit einer schweren Komposition von mir. Er, der sonst beim öffentlichen Auftreten mit der ängstlichsten Vorsicht zu Werke ging, hatte heute im tollen Übermut des Champagnerrausches ein neues, noch nicht erprobtes Blatt dem Mundstück seiner Klarinette aufgeschraubt und rühmte sich dessen auch noch gegen mich, als ich das Orchester bestieg. Mir ahnte gleich nichts Gutes. Nun beginnt meine Komposition mit einem lang ausgehaltenen Tone, den Hermstedt kaum hörbar ansetzte und nach und nach zu enormer Kraft anwachsen ließ, womit er stets große Sensation machte. Auch diesmal begann er so, und das Publikum hörte dem Anwachsen des Tones mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als er ihn aber zur höchsten Kraft steigern wollte, überschlug sich das Blatt und gab einen Mißton, ähnlich dem, wenn eine Gans aufschreiet. Das Publikum lachte, und der nun plötzlich nüchtern gewordene Virtuos wurde leichenblaß vor Schrecken! Doch faßte er sich bald und trug nun alles übrige in der gewohnten Vollendung vor, so daß ihm am Schluß ein enthusiastischer Beifall nicht fehlte.

Am schlimmsten erging es aber dem armen Schwencke! Ihm hatte das Diner die Hosenschnalle gesprengt, ohne daß er es bemerkt hatte. Als er nun bei einem Potpourri mit Quartettbegleitung, den ich zum Schluß des Konzertes spielte, zur Übernahme der Violapartie auf die Erhöhung des Orchesters getreten war, fühlte er bald nach Beginn der Musik, daß ihm durch die Bewegung der Bogenführung das Beinkleid zu sinken begann. Viel zu gewissenhafter Musiker, um von seinen Noten etwas auszulassen, wartete er ganz ruhig die Pausen ab, um das Beinkleid wieder heraufzuziehen. Seine Not blieb dem Publiko nicht lange verborgen und erregte große Heiterkeit. Als ihn nun aber am Ende des Potpourris eine Sechzehntelbewegung dermaßen schüttelte, daß das Sinken des Beinkleids bedenkliche Fortschritte machte und ans Unanständige zu streifen drohte, da konnte das Publikum sich nicht mehr halten und[149] brach in allgemeines Kichern aus. So wurde durch diese Störung meines Solovortrags auch ich mit in die allgemeine Kalamität des Tages hineingezogen.

Bei der Rückkehr nach Gotha fand ich einen Brief von Bischoff vorliegen, in welchem dieser mir mitteilte, er sei vom Gouverneur von Erfurt aufgefordert worden, dort im nächsten Sommer zur Feier des Napoleontages, am 15. August [1812], ein großes Musikfest zu veranstalten. Er sei auch bereits mit ihm über die Bedingungen einig geworden und bitte mich nun, die Direktion desselben zu übernehmen und für den ersten Tag ein neues Oratorium zu schreiben. Ich hatte mir längst gewünscht, mich auch einmal im Oratorienstil versuchen zu können, und ging gern auf diesen Vorschlag ein und sagte mit Freuden zu. Es war mir von einem jungen Dichter in Erfurt der Text eines Oratoriums angetragen worden, in welchem ich großartige Momente für Komposition gefunden hatte. Es hieß: »Das jüngste Gericht«.

Ich erlangte das Buch und machte mich sogleich an die Arbeit. Bald fühlte ich jedoch, daß es mir für den Oratorienstil noch zu sehr an Gewandtheit im Kontrapunkte und im Fugieren fehle. Ich unterbrach daher meine Arbeit, um erst die nötigen Vorstudien dafür zu machen. Von einem meiner Schüler erborgte ich Marpurgs »Kunst der Fuge« und vertiefte mich sogleich in das eifrige unausgesetzte Studium dieses Werkes. Nachdem ich nach dieser Anleitung ein halbes Dutzend Fugen geschrieben hatte, von denen mir die letztern ganz gut geraten schienen, nahm ich die Komposition meines Oratoriums wieder auf und vollendete es nun, ohne wieder davon abzulassen. Nach dem Verzeichnisse ist es im Januar 1812 begonnen und im Juni beendigt worden. Es würde daher zum Ausschreiben und Einüben desselben bis zur Aufführung an der nötigen Zeit gefehlt haben, hätte ich nicht die beiden ersten Teile des Werkes schon früher gleich nach ihrer Vollendung an Bischoff eingesandt. Es konnten deshalb nicht nur die Chöre sorgfältig eingeübt werden, sondern ich fand auch die nötige Zeit, um die Orchesterpartie mit meiner Kapelle, die wieder den Kern des großen Erfurter Orchesters bilden sollte, im voraus einzustudieren. So gelang es, trotzdem das Werk sehr schwer ist, nach einer einzigen gemeinschaftlichen Probe eine ziemlich gelungene Aufführung davon zustande zu bringen. Nur einer der Solosänger, der die Partie des Satanas sang, konnte nicht genügen. Ich hatte diese durch starke Instrumente gedeckte Partie auf Anraten Bischoffs einem Dorfschulmeister bei Gotha übertragen, der in der[150] ganzen Umgegend wegen seiner kolossalen Baßstimme berühmt war. An Kraft der Stimme, um ein ganzes Orchester zu überschreien, fehlte es ihm allerdings nicht, wohl aber an Schule und Musik, um die genannte Partie befriedigend vortragen zu können. Ich studierte sie ihm selbst ein und gab mir große Mühe, ihn ein wenig zuzustutzen, doch ohne großen Erfolg. Denn als es zum Treffen kam, hatte er alle Lehren und Ermahnungen völlig vergessen und legte mit seiner barbarischen Stimme dermaßen los, daß er die Zuhörer zuerst in Schrecken versetzte und dann zum Lachen reizte. Bei dem Übertreiben seiner Stimme intonierte er überdies fast immer zu hoch und verdarb so noch mehrere der effektvollsten Momente des Oratoriums. Ich litt unendlich dabei, und die Freude an meinem Werke wurde mir sehr verbittert. Doch gefiel es demungeachtet allgemein und wurde in dem ausführlichen Berichte über das Musikfest in einem Thüringer Blatte höchst günstig beurteilt. Eine andre Kritik, die in einem süddeutschen, wenn ich nicht irre, Frankfurter Blatte erschien, hatte aber vieles an dem Werke auszusetzen und war überhaupt in einem bittern, gehässigen Tone geschrieben. Ich hatte viele Jahre den Hofrat André in Offenbach in Verdacht, diese boshafte Kritik geschrieben zu haben, da er in Gesellschaft zweier seiner Schüler, Arnold und Aloys Schmitt, dem Musikfeste beiwohnte. Was mich, trotzdem daß sich André mündlich beifällig über das Werk gegen mich geäußert hatte, auf diesen Verdacht führte, ist mir nicht mehr erinnerlich; André hat mir jedoch in spätern Jahren, als ich ihn darüber befragte, versichert, nicht der Verfasser zu sein. Ich selbst hielt das Werk damals nicht nur für das Beste, was ich bis dahin geschrieben hatte, sondern meinte auch, niemals etwas Schöneres gehört zu haben! Noch jetzt habe ich für einige Chöre und Fugen sowie für die Partie des Satanas eine solche Vorliebe, daß ich sie fast für das Großartigste erklären möchte, was ich je zustande gebracht habe. Ein andres ist es aber mit den übrigen Sätzen, besonders mit den Solopartien von Jesus und Maria. Diese sind ganz in dem damaligen Kantatenstil geschrieben und mit Bravoursätzen und Koloraturen überladen. Ich fühlte schon damals das Ungehörige dieses Stiles und faßte in spätern Jahren wiederholt den Vorsatz, diese Solopartien umzuschreiben. Wenn ich aber damit beginnen wollte, schien es mir doch, als könne ich mich nicht mehr hineinfinden, und so unterblieb es. Das Werk, so wie es war, zu veröffentlichen, konnte ich mich nicht entschließen. So ist es denn in spätern Jahren völlig unbenutzt liegen geblieben.[151]

Da die erwähnte Feier des Napoleonstages kurz vor dem russischen Feldzuge die letzte war, die in Erfurt sowie überhaupt in Deutschland stattfand, so hat man es ominös finden wollen, daß der Hauptbestandteil desselben »das jüngste Gericht« war!

Quelle:
Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Tutzing 1968, S. 134-152.
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