Reise nach Wien

[152] 1812–1813


Im Herbst 1812 erbat ich für mich und meine Frau wieder Urlaub zu einer Kunstreise, der auch nach einigem Widerstreben von Seiten der Herzogin bewilligt wurde. Wir nahmen diesmal die Richtung nach Wien, als die vom Krieg und Truppendurchzügen am wenigsten beunruhigte. – Unser erster Aufenthalt war zu Leipzig, wo wir in einem Konzerte Hermstedts mitwirkten, und wo ich darauf mein neues Oratorium gab. Über beides berichtet die Musikalische Zeitung folgendermaßen:

»Das Konzert des Herrn Musikdirektor Hermstedt war schon von Seiten der aufgeführten Kompositionen eines der ausgezeichnetsten, die man hören kann. Bis auf die Ouvertüre von Mozart und die Szene von Righini waren alle Stücke vom Hrn. Konzertmeister Spohr, und, das Klarinettenkonzert abgerechnet, ganz neu geschrieben. Dies Konzert, das erste aus C-moll und als Komposition an sich wohl das trefflichste aller Konzerte für dieses Instrument, wurde auch diesmal mit großem Vergnügen gehört. Eine große Sonate für Violine und Harfe, gespielt von Herrn Spohr und seiner Gattin, deren erster Satz in Erfindung und Ausarbeitung meisterhaft genannt werden muß, deren zweiter in einem allerliebsten Potpourri aus glücklich zusammengestellten und sehr gefällig behandelten Melodien der ›Zauberflöte‹ besteht, – dieses sowie jedes der übrigen Stücke wurde mit dem lautesten Beifall aufgenommen. Wir hörten aber noch ein Violinkonzert, gespielt von Herrn Spohr, und ein Potpourri für die Klarinette mit Orchester. In jenem hat uns das erste Allegro, was Komposition und Vortrag anlangt, am wenigsten[153] gefallen wollen: Es schien uns hin und wieder verkünstelt und überladen, auch für seinen Gehalt zu lang; der Vortrag des Virtuosen aber nicht überall klar und deutlich genug. Allein das Adagio gehört in Komposition und Vortrag unter das Allerschönste, was wir je auf diesem Instrumente gehört haben, und wir dürfen sagen, unter das Allerschönste, was je von einem Virtuosen geleistet worden ist. Das originelle Finale stand in beiden Hinsichten demselben nicht beträchtlich nach. Das Potpourri der Klarinette war nicht bloß aus Ideen des ›Opferfestes‹ sehr glücklich zusammengestellt, sondern diese Ideen waren auch meistens ganz vortrefflich verarbeitet; und so möchte es unter den Werken dieser Gattung wohl auch obenan stehen ...«

Auch über das Oratorium wurde im ganzen günstig berichtet. Es enthalte »der originellen, einnehmenden, zum Teil wirklich hinreißenden, aber auch einander so sehr drängenden, so schnell verdrängenden Details sehr viele«. Jeder Zuhörer – möge er mit Spohr in seinen Ansichten vom Oratorium übereinstimmen oder nicht, möge er namentlich die Weise desselben, fast alle Gattungen der Behandlung und des Stiles zu vermischen oder vielmehr sie im Wechsel auftreten zu lassen, billigen oder nicht – jeder Zuhörer werde dieses Werk nicht ohne lebhafte Teilnahme und mehrere der Hauptpartien nicht ohne Bewunderung und wahre Freude hören können.

In Dresden scheine ich mich auf dieser Reise nach einem Berichte der Musikalischen Zeitung vom 8. November [1812] nicht aufgehalten zu haben, denn es heißt in einem Berichte von dort in der M. Ztg.: »Herr Spohr von Gotha fand hier nicht, was er erwartete und wohl auch erwarten konnte: er eilte darum nur durch, nach Wien.« In Prag aber gab ich schon am 12. November Konzert und führte dann acht Tage später im Theater mein Oratorium auf. Über ersteres findet sich in der Musikalischen Zeitung ein Bericht:

»Den 12. November gab Herr Spohr mit seiner Frau Konzert im k. ständischen Redoutensaale. Schon vor fünf Jahren bewunderten wir ihn als einen ausgezeichneten Tonsetzer und Violinspieler und seine Frau als eine der vorzüglichsten Künstlerinnen auf der Harfe.« Daher war diesmal das musikliebende Publikum zu einem interessanten Abend schon vorbereitet. Der volle Saal bewies, wie sehr man einmal anerkanntes Verdienst fortwährend zu würdigen weiß, und der allgemeine Beifall frönte neuerdings des Hrn. Spohrs geistvoller Komposition sowohl als deren meisterhafter Ausführung. Da es kaum möglich ist, von einer einzigen Produktion, ohne die Partitur gesehen zu haben, ein Urteil im[154] einzelnen zu fällen, so begnügen wir uns damit, überhaupt davon zu sprechen.

Außer der Szene von Simon Mayr, welche Herr Grünbaum mit Fleiß und Richtigkeit vortrug, waren alle vorkommende Stücke von Hrn. Spohrs Komposition. Die Ouvertüre zu »Alruna« und das Violinkonzert sprachen ganz den denkenden erfahrnen Geist des Komponisten aus. Welche ergreifende Wirkung die wahre Kunst hervorzubringen vermag, die sich in jener durch die kontrapunktische Durchführung und bei der Vereinigung der zwei Hauptgedanken besonders schön entwickelte, bezeigte das ungeteilte, lauteste Bravorufen. Originalität und einen festen Charakter fanden wir in allen Sätzen, welche überdies die reichhaltigsten Harmonien und deren seltenste Kombinationen ausschmückten und die eine sehr vorteilhafte Instrumentation zum schönsten Genusse darstellten, wodurch die so mannigfaltig überraschenden Übergänge auch dem weniger vorbereiteten Ohre deutlich und angenehm wurden ... Die Sonate für Harfe und Violine, welche Hr. Spohr und seine Frau spielten und die sich mit einer interessanten Zusammenstellung verschiedener Lieblingsstücke aus der »Zauberflöte« endete, welche Stücke teils variiert, teils mit Verfolgung der Schlußgedanken aneinander gekettet und mit entzückender Feinheit vorgetragen wurden, woraus zugleich die vollkommenste harmonische Vermählung des vortrefflichen Künstlerpaares deutlich zu erkennen war, – erweckte die innigste Teilnahme. Zum Schluß spielte Hr. Spohr ein Potpourri mit Orchesterbegleitung, worin einige Stellen aus der »Entführung aus dem Serail« vorkamen. Wenn man unter einem Potpourri eine Sammlung von verschiedenen Lieblingsideen versteht, so wußte Hr. Spohr auch eine solche Kleinigkeit zu einer gewissen Höhe zu erheben; nirgends verleugnet er seine edle, planmäßige Art zu setzen. – »Alle Erfordernisse wahrer Virtuosität trafen wir in dem Spiel des Hr. Spohr in hohem Grad vereint an; vorzüglich zeichnet sich sein solider Vortrag, seine Bogenführung, richtige Intonation und Sicherheit in den schwierigsten Passagen aus ...«

Von der Aufführung des Oratoriums erinnere ich mich nur noch, daß Fräulein Müller, später Madame Grünbaum, entzückend schön sang, und daß das Werk vom Publikum sehr beifällig aufgenommen wurde.

Ich eilte nun dem Hauptziel meiner Reise entgegen. Wien war damals unbestritten die Hauptstadt der musikalischen Welt. Die beiden größten Komponisten und Reformatoren des Kunstgeschmacks, Haydn und Mozart, hatten dort gelebt und ihre Meisterwerke geschaffen. Noch lebte[155] die Generation, die sie hatte entstehen sehen und an ihnen ihren Kunstgeschmack herangebildet hatte. Der würdige Nachfolger dieser Kunstheroen, Beethoven, lebte noch daselbst und befand sich eben im Glanzpunkte seines Ruhmes und der Kraft seines Schaffens. In Wien wurde daher bei Kunstleistungen stets der höchste Maßstab angelegt, und dort gefallen, – hieß sich als Meister bewähren.

Ich fühlte mein Herz klopfen, als wir über die Donaubrücke fuhren und ich an mein bevorstehendes Debut gedachte. Meine Befangenheit wurde noch durch den Gedanken gesteigert, daß ich mit dem größesten Geiger der Zeit werde wetteifern müssen; denn in Prag hatte ich erfahren, daß Rode, aus Rußland zurückgekehrt, soeben in Wien angelangt sei. Lebhaft gedachte ich noch des überwältigenden Eindrucks, den Rodes Spiel vor zehn Jahren in Braunschweig auf mich gemacht hatte, und wie ich jahrelang bemüht gewesen war, dessen Methode und Vortragsweise mir anzueignen. Ich war daher im höchsten Grade gespannt, ihn nun wieder zu hören, um darnach meine eignen Fortschritte bemessen zu können. Meine erste Frage, als ich aus dem Wagen stieg, war deshalb auch, ob Rode schon angekommen sei und bereits ein Konzert angekündigt habe. Man verneinte dies, setzte aber hinzu, er werde schon seit längerer Zeit erwartet!

Es lag mir nun sehr daran, noch vor Rode gehört zu werden, und ich beeilte daher soviel als möglich die Vorbereitung meines Konzerts. Es gelang mir auch, zuerst aufzutreten; doch war Rode schon angekommen und wohnte dem Konzert bei. Zu meinem Erstaunen fühlte ich mich dadurch weniger geängstigt als begeistert und spielte so gut, als ich es vermochte. Die Musikalische Zeitung berichtete über mein Auftreten bei »gedrängt vollem Hause« wie folgt:

»Am 17. Dezember [1812] hatten wir das Vergnügen, Herrn Louis Spohr und seine Gattin in einem im kleinen Redoutensaal zu ihrem Besten veranstalteten Konzerte zu bewundern. Referent unterschreibt gern die über dies brave Künstlerpaar in andern Blättern und vorzüglich in Ihrer musikalischen Zeitung gefällten Urteile und kann nur hinzusetzen, daß auch hier ihr meisterhaftes Spiel allgemein entzückte. Hr. Spohr spielte ein Violinkonzert mit spanischem Rondo und am Schlusse ein Potpourri, beides von seiner Komposition; mit seiner Frau aber eine von ihm gesetzte Sonate für Pedalharfe und Violine. Die Komposition sowohl des Konzertes als dieser Sonate war bedeutend und zeichnete sich nicht wenig vor den wässerigen, zusammengestoppelten Produkten aus, womit viele ausübende Tonkünstler ohne Talent und ohne Beruf zur Komposition hier auftreten.«[156]

Auf den Rat wohlwollender Freunde verzichtete ich darauf, mein Oratorium auf eigene Rechnung zu geben, wie ich anfangs in einem zweiten Konzerte beabsichtigte, weil bei den bedeutenden Kosten, die ein großes Orchester und ein zahlreicher Chor noch über die gewöhnlichen Konzertkosten verursachen mußten, nicht zu hoffen stand, daß etwas gewonnen werden könne. Da ich jedoch dieses Werk, welches ich noch immer für eines der großartigsten seiner Gattung hielt, gern auch in Wien zu Gehör bringen wollte, so trug ich es der musikalischen Witwen- und Waisengesellschaft zu einer Aufführung für ihren Fonds an und stellte nur die Bedingung, daß diese Aufführung eine stark besetzte und von den vorzüglichsten Sängern und Instrumentalisten Wiens unterstützt sein müsse. Die Gesellschaft kam dem auch vollständig nach, indem sie ein Personal von dreihundert Mitwirkenden aus den besten Künstlern der Stadt zusammenbrachte. Das Werk wurde in zwei großen Proben sorgfältig eingeübt und ging bei der Aufführung so gut, wie ich es noch nicht gehört hatte. Ich begeisterte mich von neuem für meine Schöpfung und mit mir auch viele der mitwirkenden Musiker, unter ihnen besonders der Orchesterdirektor des Theaters an der Wien, Herr Clement. Dieser hatte sich in das Werk so hineingehört, daß er mir am folgenden Tage nach der Aufführung mehrere große Nummern Note für Note mit allen Harmoniefolgen und Orchesterfiguren auf dem Piano vorspielen konnte, ohne je die Partitur gesehen zu haben. Clement besaß aber auch ein musikalisches Gedächtnis wie vielleicht nie ein andrer Künstler. Man erzählte sich damals in Wien, daß er »die Schöpfung« von Haydn, nachdem er sie mehrere Male gehört hatte, so auswendig wußte, daß er mit Hilfe des Textbuches einen vollständigen Klavierauszug davon machen konnte. Diesen brachte er dem alten Haydn zur Ansicht hin, der nicht wenig erschrocken war, weil er im ersten Augenblick glaubte, man habe ihm seine Partitur entwendet oder heimlich kopiert. Er fand bei näherer Ansicht den Klavierauszug so getreu, daß er ihn, nachdem Clement noch eine Durchsicht nach der Partitur vorgenommen hatte, zur Herausgabe adoptierte.

Bevor mein Oratorium zur Aufführung kam, hatte ich noch einen Strauß mit der Zensur, wodurch das ganze Unternehmen beinahe gescheitert wäre. Man wollte die Namen von Maria und Jesus in dem Personenverzeichnisse des Textbuches und als Überschrift über dem, was sie zu sagen haben, nicht dulden. Nur mit dieser Auslassung wurde nach langen Verhandlungen endlich der Druck des Textes genehmigt. Ich konnte mir diese Änderung gefallen lassen, weil aus dem Inhalt leicht zu entnehmen war, wer die singende Person sei.[157]

Sosehr nun auch das Werk den Musikern gefiel und ihre Achtung vor meinem Kompositionstalent steigerte, so war die Aufnahme beim Publikum doch bei weitem nicht so glänzend als die, welche mein Spiel und meine Konzertkompositionen gefunden hatten. Zwar fehlte es auch dieses Mal nicht an Beifallsbezeugungen, die Teilnahme war aber nicht so allgemein, um zur zweiten Aufführung, die drei Tage später stattfand [am 24. Januar 1813], wieder ein zahlreiches Auditorium herbeizuziehen. Diese zweite Aufführung in Wien war die letzte, die das Werk erlebt hat; denn in spätern Jahren sah ich die Schwächen und Mängel desselben zu gut ein, als daß ich es hätte über mich gewinnen können, es nochmals öffentlich vorzuführen.

Über die erste Wiener Aufführung im k.k. großen Redoutensaal am 21. Januar hat die Musikalische Zeitung ziemlich eingehend berichtet.

Der Hofkapellmeister Salieri hatte die Leitung des Ganzen, Herr Umlauf den Platz am Klavier und ich selbst die Direktion der Violinen übernommen. Die Hauptpartien sangen: Demoiselle Klieber, Madame Auenheim, Demoiselle Flamm und die Herren Anders, Wild und Pfeiffer. »Es ist schwer für einen der neueren Komponisten«, sagt der Bericht, »hier in Wien mit der Komposition eines Oratoriums aufzutreten, damit Aufsehen zu erregen oder dem Werke bleibende Dauer zu verschaffen – hier, wo so große gediegene Meisterwerke dieser Art zuerst ans Tageslicht getreten, jedermann bekannt geworden sind und ihrem Schöpfer bei der musikalischen Welt bleibenden Ruhm verschafft haben.« Schon Herr Eybler versuchte es, die »vier letzten Dinge« nach der Poesie des Hrn. Sonnleithner – und nicht ganz ohne Glück – in Musik zu setzen. Doch wurde sein Werk nur zweimal öffentlich aufgeführt, weil es ihm an einem durchaus gleichen und originellen Stil fehlte und dasselbe die Parallele mit den Werken des großen Vorgängers in dieser Gattung nicht halten konnte. Auch von Herrn Spohrs »jüngstem Gericht« dürfte dasselbe gesagt werden, obgleich der Komponist dieses Werkes vorzüglich im strengen Satz entschieden noch mehr leistete als der Verfasser der »vier letzten Dinge«. Alle im strengen Stil gehaltenen Chöre und Fugen, gegen die man doch wohl nur in Nebendingen hin und wieder etwas aussetzen kann, haben wahren Kunstwert, sind mit großem Fleiß bearbeitet und wurden auch allgemein laut und mit Enthusiasmus gewürdigt. Die Arien, Duetten und einzelnen Gesangstellen weichen aber zu sehr von dem echten Stil eines Oratoriums ab, sind durchaus im Texte zu oft wiederholt und neigen sich mehr oder weniger zum italienischen Opernstile. Einige gar zu auffallende[158] Reminiszenzen aus der »Schöpfung« und vorzüglich aus der »Zauberflöte« vermindern den Wert des Werkes in Hinsicht der Originalität. Der Chor der Teufel am Ende des ersten Teils würde in einem Ballette, anschaulich dargestellt, an seinem Platze sein. Herr August Arnold, Verfasser des Textes, hat freilich auch kein Stück Arbeit geleistet, das dem Komponisten zur musikalischen Bearbeitung genügen konnte. Die Ausführung war vortrefflich bis auf die Posaunen, welche bei der Stelle im zweiten Teil: Auftun soll'n nächtigen Schoß die Gräber – ziemlich unrein dreinbliesen. Der Saal war kaum zur Hälfte voll. Am 24. wurde dies Oratorium wiederholt vor kaum 200 Zuhörern. »Ein Werk dieser Art sollte wohl aber auch in einer so lebenslustigen Stadt nicht in der Karnevalszeit aufgeführt werden!«

Vierzehn Tage nach meinem Auftreten kam dann auch Rodes Konzert an die Reihe. Er hatte, gestützt auf seinen europäischen Ruf, das größeste Konzertlokal Wiens, den großen Redoutensaal, gewählt und fand ihn auch ganz gefüllt. Ich erwartete in fast fieberhafter Aufregung den Beginn von Rodes Spiel, das mir vor zehn Jahren als höchstes Vorbild gegolten hatte. Doch schon nach dem ersten Solo schien es mir, als sei Rode in dieser Zeit zurückgeschritten. Ich fand jetzt sein Spiel kalt und maniriert, vermißte die frühere Kühnheit in Besiegung großer Schwierigkeiten und fühlte mich besonders unbefriedigt vom Vortrage des Cantabile. Auch die Komposition des neuen Konzertes schien mir weit hinter der des siebenten in A-moll zurückzustehen. Bei dem Vortrage der E-dur-Variationen, die ich schon vor zehn Jahren von Rode gehört hatte, überzeugte ich mich nun aber vollends, daß dieser an technischer Sicherheit viel eingebüßt habe; denn nicht nur hatte er sich mehrere der schwierigsten Stellen vereinfacht, er trug auch diese erleichterten Passagen noch zaghaft und unsicher vor. Auch das Publikum schien unbefriedigt; wenigstens wußte er es nicht bis zum Enthusiasmus zu erwärmen. Der Berichterstatter der Musikalischen Zeitung sagt ebenfalls, daß Rode die Erwartung des Publikums »nicht ganz« befriedigt habe. »Sein Bogenstrich«, fährt der Bericht fort, »ist groß, lang und kräftig, sein Ton voll und stark – ja fast zu stark, schneidend; er hat eine richtige, reine Intonation und ist in Sprüngen bis in die entfernteste Höhe sicher; seine Doppelgriffe, obgleich dieselben nur sparsam vorkamen, sind gut, und er überwindet im Allegro mit Leichtigkeit große Schwierigkeiten: dagegen mangelt ihm das, was alle Herzen elektrisiert und hinreißt – Feuer und jene Annehmlichkeit, die sich weiter nicht beschreiben läßt, jener Zauber, der alles entzückt und begeistert. Im[159] Adagio war das Scharfschneidende seines Tones noch fühlbarer als im Allegro; es ließ daher kalt. Auch die Komposition wollte nicht recht Eingang finden; man fand sie zu gesucht und maniriert. Vielleicht mag die Größe des großen Redoutensaales Herrn Rode verleitet haben, den Ton so scharf herauszuheben, daß darüber die Annehmlichkeit verloren ging.«

Acht Tage nach Rodes Konzert gab ich im kleinen Redoutensaal mein zweites. Die Musikalische Zeitung sagt darüber: »Spohr bekundete sich ganz als großer Meister des Violinspiels.« Er spielte von seiner Komposition ein neues Violinkonzert aus A-dur (als zehntes gestochen), welchem eine Einleitung aus A-moll feierlich und langsam voranging. Das Adagio war aus D-dur. Ein allerliebstes Rondo endigte. Dann hörten wir noch ein Potpourri von ihm spielen, welches außer einem russischen Liede Variationen über das Thema aus »Don Juan«: Là ci darem la mano enthielt. Herr Spohr ist unstreitig im Angenehmen und Zarten die Nachtigall unter allen jetzt lebenden, wenigstens uns bekannten Violinspielern. Es ist kaum möglich, ein Adagio mit mehr Zartheit und doch so deutlich, verbunden mit dem geläutertsten Geschmacke vorzutragen; dabei überwindet er im geschwinden Zeitmaße sehr schwere Passagen und die größtmögliche Spannung mit einer unglaublichen Leichtigkeit, wozu ihm freilich die Größe seiner Hand wohl zustatten kommt. Er erhielt heute abermals allgemeinen und ungeteilten Beifall und wurde zweimal hervorgerufen, welche Ehre im Konzerte – soviel wir uns erinnern – nur Herrn Polledro widerfuhr. Mit seiner Frau spielte Herr Spohr ein Allegro, welches sie mit viel Fertigkeit, Geschmack und Ausdruck auf der Harfe vortrug. »Es dünkt uns, von allen uns bekannten Virtuosinnen auf diesem Instrumente besitze keine so viel Schule und so viel inniges Gefühl im Ausdrucke als Mad. Spohr; dafür aber möchte Dem. Longhi mehr Kraft und Mad. Simonin-Polet mehr Gleichheit im Spiele haben. Was man aber am Spiele der Dem. Longhi auszustellen veranlaßt wird, sie habe keine Mitteltinten, dürfte auch von Mad. Spohr gelten. Denn ihr Piano ist vom Forte in zu großem Abstande. Zum Schlusse spielte Mad. Spohr allein eine Phantasie (C-moll) auf der Harfe, wobei sie dem Charakter der Komposition, Schwermut und düsterer Ernst, ganz entsprochen zu haben scheint.«

Über Rodes zweites Konzert enthält die Musikalische Zeitung die Nachricht, daß er »bei sehr besuchtem Saale ungleich mehr Beifall gefunden als neulich; im Cantabile aber auch diesmal den Erwartungen des Publikums nicht genugsam entsprochen habe«.[160]

Am 28. Januar spielte ich mit Seidler aus Berlin in dessen Abschiedskonzert meine Konzertante für zwei Violinen und trug, wie ein Bericht sagt, »den Preis davon, obgleich das Spiel des Herrn Seidler lobenswert war«. Ich konnte daher mit der Aufnahme, die ich als Künstler in Wien gefunden hatte, vollkommen zufrieden sein; denn auch die einheimischen Blätter erkannten mir den Preis zu. In Privatgesellschaften, wo ich in der Regel nicht nur die genannten Geiger, sondern auch den ausgezeichnetsten der einheimischen, Herrn Mayseder, antraf und mit allen diesen zu wetteifern hatte, wurde meinen Vorträgen ebenfalls besondere Aufmerksamkeit und Anerkennung geschenkt. Es gab dann immer erst einen Streit, wer beginnen sollte; denn jeder wollte der letzte sein, um seine Vorgänger zu verdunkeln. Ich aber, der überhaupt viel lieber ein gediegenes Quartett als ein Solostück vortrug, weigerte mich niemals, den Anfang zu machen, und wußte durch meine mir eigentümliche Auffassungs- und Vortragsweise der klassischen Quartette auch stets die Aufmerksamkeit und Teilnahme der Gesellschaft zu gewinnen. Hatten dann die andern ein jeder sein Paradepferd vorgeritten, und bemerkte ich nun, daß die Gesellschaft mehr Sinn für dergleichen wie für klassische Musik hatte, so holte ich zum Schlusse noch einen meiner schweren und brillanten Potpourris herbei und wußte dann in der Regel auch die Bravour im Vortrage meiner Vorgänger noch zu überbieten!

Bei diesen häufigen Gelegenheiten, Rode zu hören, überzeugte ich mich immer mehr, daß dieser der vollkommene Geiger der frühern Zeit nicht mehr sei. Durch die ewige Wiederholung derselben und immer derselben Kompositionen hatte sich in ihren Vortrag nach und nach eine Manier eingeschlichen, die nun nahe an Karikatur grenzte. Ich hatte die Unverschämtheit, ihm dies anzudeuten, indem ich ihn fragte, ob er sich denn gar nicht mehr erinnere, wie er seine Kompositionen vor zehn Jahren gespielt habe. Ja, ich steigerte meine Impertinenz so weit, daß ich die Variationen in G-dur auflegte und ihm sagte, ich wolle sie ihm genau in der Weise vortragen, wie ich sie vor zehn Jahren so oft von ihm gehört habe. Nach geendetem Spiel brach die Gesellschaft in großen Jubel aus, und so mußte denn auch Rode schicklichkeitshalber mir ein Bravo zurufen; doch sah man deutlich, daß er sich durch meine Indelikatesse verletzt fühlte. Und das mit vollem Recht. Ich schämte mich auch bald derselben und erwähne des Vorfalles jetzt nur, um zu zeigen, wie sehr ich mich damals als Geiger fühlte! In hohem Grade mit Wien zufrieden, dachte ich nun an meine Weiterreise, als mir ganz unerwartet vom Grafen Palffy, dem damaligen Besitzer des Theaters an der Wien, der Antrag zu einem Engagement bei demselben auf drei Jahre[161] als Kapellmeister und Orchesterdirektor gemacht wurde. Da ich mich nicht entschließen konnte, meine und meiner Frau Anstellung auf Lebenszeit aufzugeben, lehnte ich anfangs entschieden ab. Als mir aber Herr Treitschke, der den Unterhändler machte, mehr denn dreimal so viel Gehalt, wie ich bisher gemeinschaftlich mit meiner Frau in Gotha bezogen hatte, antrug; als er mir erzählte, das Theater an der Wien werde bald das erste Deutschlands sein, da es dem Grafen gelungen sei, die vorzüglichsten jetzt lebenden Sänger dafür zu gewinnen, und er nun die Bildung des Orchesters aus den vorzüglichsten Künstlern Wiens mir zu übertragen gedenke; als er mir ferner vorstellte, ich werde bei einem so vortrefflichen Theater die herrlichste Gelegenheit finden, mich auch als dramatischer Komponist auszubilden und auszuzeichnen, da konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehen, erbat mir eine Frist, um mich mit meiner Frau besprechen zu können, und versprach, in einigen Tagen entscheidende Antwort zu sagen.

Bei dem großen Gehalt, der mir geboten wurde und welcher den der beiden Hofkapellmeister Salieri und Weigl bedeutend überstieg, durfte ich hoffen, ein Dritteil, vielleicht die Hälfte davon zurücklegen zu können. Ferner konnte ich bei dem Ansehen, das ich mir als Künstler in Wien erworben hatte, mit Zuversicht darauf rechnen, durch Konzerte, Komposition und Unterrichtgeben noch ein Bedeutendes außerdem zu verdienen. Mithin war ich auch für den Fall, daß das Engagement nach drei Jahren wieder aufhören sollte, für die nächste Zukunft gesichert und konnte dann einen von frühester Jugend an gehegten Lieblingsplan, nämlich den einer Reise nach Italien, in Gesellschaft meiner Frau und Kinder zur Ausführung bringen.

Mehr jedoch noch als alles dieses bestimmte mich die mit erneuter Kraft erwachte Lust, für das Theater zu schreiben, die Vorschläge des Grafen anzunehmen, und so wurde denn, nachdem auch Dorette ihre Zustimmung, wiewohl mit Kummer über die nun notwendige Trennung von Mutter und Geschwistern, gegeben hatte, der schriftliche Vertrag unter Zuziehung eines befreundeten Advokaten und Notars abgeschlossen und unterzeichnet. Ich verpflichtete mich, als Orchesterdirektor bei allen großen Opern als erster Violinist vorzuspielen, die Violinsoli in Opern und Balletten zu übernehmen und als Kapellmeister aus der Partitur zu dirigieren, wenn der andre Kapellmeister durch Krankheit oder andre Abhaltungen verhindert sein sollte. Von kleinern Opern, Possen, Balletten und Schauspielmusiken war ich befreit. Ich trat nun zunächst in Verbindung mit dem Grafen Palffy und meinem neuen[162] Kollegen, dem Kapellmeister von Seyfried, um die Umgestaltung des Orchesters zu bewirken. Und da der Graf in Bestimmung der Gehalte nicht knauserig war, so gelang es uns sehr bald, die begabtesten jungen Künstler Wiens für dasselbe zu gewinnen und ein Ensemble herzustellen, welches mein Orchester nicht nur zu dem besten in Wien, sondern auch zu einem der vorzüglichsten von ganz Deutschland erhob.

Unter den neu angestellten Mitgliedern befand sich auch mein Bruder und Schüler Ferdinand sowie einer meiner begabtesten frühern Schüler, Moritz Hauptmann aus Dresden. Dieser war eben in Wien angekommen und wünschte sich daselbst zu fixieren. Mein Bruder aber befand sich noch in Gotha und traf erst im Frühjahre ein.

Ich hatte mir bei meinem Engagement einen vierwöchigen Urlaub für nächsten Frühling ausbedungen, um meine Angelegenheiten in Gotha zu ordnen und meine Kinder dort abzuholen. Vorher aber mußte ich mir noch eine Wohnung mieten und möblieren, um nach meiner Rückkehr eine eigne Haushaltung beginnen zu können. Denn obgleich ich schon längst, um ruhiger arbeiten zu können, eine Privatwohnung bezogen hatte, so war ich doch noch mittags und abends mit meiner Frau ins Speisehaus gegangen, was sich mit Kindern begreiflicherweise nicht fortsetzen ließ. Dabei ereignete sich ein Vorfall, der nicht nur auf dieses Geschäft, sondern auch auf meine künstlerischen Arbeiten in Wien großen Einfluß hatte. Es war nämlich kaum in der Stadt bekannt geworden, daß ich dort bleiben werde, als eines Morgens ein angesehener Fremder bei mir eintrat, der sich als Herrn von Tost, Fabrikbesitzer und leidenschaftlicher Musikfreund, vorstellte und die Zudringlichkeit seines Besuches damit entschuldigte, daß er mir einen Antrag zu machen habe. Nachdem er Platz genommen und ich mich erwartungsvoll gegenübergesetzt hatte, erging er sich erst in Lobeserhebungen über mein Kompositionstalent und sprach dann den Wunsch aus, daß ich ihm alles, was ich in Wien schreiben werde und etwa schon geschrieben habe, für ein angemeßnes Honorar auf drei Jahre als Eigentum überlassen möge, doch so, daß ich ihm die Originalpartituren überliefere und selbst keine Abschrift davon behalte. Nach drei Jahren wolle er die Handschriften zurückgeben, und ich könnte sie dann veröffentlichen oder verkaufen. Nachdem ich einen Augenblick über diesen sonderbaren und mysteriösen Antrag nachgedacht hatte, warf ich zuerst die Frage auf, ob denn die Manuskripte in diesen drei Jahren gar nicht zur Aufführung kommen sollten? Worauf Herr von Tost erwiderte: »O ja, sooft wie möglich, doch jedesmal von mir dazu hergeliehen und nur in meiner Gegenwart.« Er[163] wolle, setzte er noch hinzu, mir die Gattung der Kompositionen nicht vorschreiben; doch wünsche er vorzugsweise solche, die sich in Privatzirkeln aufführen ließen, also Quartetten und Quintetten für Streichinstrumente oder Septette, Oktette und Nonette für Streich- und Blasinstrumente gemischt. Ich möge mir seinen Vorschlag überlegen und das Honorar für jede Kompositionsgattung bestimmen. Darauf übergab er seine Karte und empfahl sich.

Meine Frau und ich versuchten vergebens zu ergründen, was Herr von Tost mit seinem Anerbieten eigentlich bezwecke; ich beschloß daher, ihn geradezu darüber zu befragen. Vorher zog ich Erkundigungen über ihn ein und erfuhr, daß er ein reicher Mann sei, bei Znaim bedeutende Tuchfabriken besitze, Musik leidenschaftlich liebe und kein öffentliches Konzert versäume. Dies klang ganz beruhigend, und ich beschloß auf den Antrag einzugehen. Als Honorar für das dreijährige Abtreten meiner Handschriften setzte ich für ein Quartett dreißig, für ein Quintett fünfunddreißig Dukaten und so verhältnismäßig mehr für die übrigen Kunstgattungen ein. Als ich nun zu wissen wünschte, was Herr von Tost während der drei Jahre mit den Werken anzufangen gedenke, wollte er anfangs nicht recht mit der Sprache heraus und meinte, dies könne mir gleichgültig sein, sobald er sich schriftlich anheischig mache, meine Kompositionen nicht zu veröffentlichen; als er jedoch bemerkte, daß ich noch immer nicht beruhigt war, setzte er noch hinzu: »Ich beabsichtige zweierlei. Erstlich will ich zu den Musikpartien, in welchen Sie Ihre Kompositionen vortragen werden, eingeladen sein, deshalb muß ich diese in meinem Beschluß haben; und zweitens hoffe ich, auf Geschäftsreisen, im Besitze solcher Kunstschätze, ausgebreitete Bekanntschaften unter den Musikfreunden zu machen, die mir dann wieder für mein Fabrikgeschäft von Nutzen sein werden.«

Wenn mir auch die Spekulation des Herrn von Tost nicht recht einleuchten wollte, so mußte ich mir doch sagen, daß dieser jedenfalls eine hohe Idee von dem Werte meiner Kompositionen haben müsse! Dies bestach mich sehr und ließ keine weitern Bedenklichkeiten aufkommen. Da nun auch Herr von Tost gegen die angesetzten Honorare und die Bestimmung, daß sie bei Ablieferung der Manuskripte auszuzahlen seien, nichts einzuwenden hatte, so wurde das Geschäft sogleich schriftlich abgeschlossen.

Ich hatte bereits ein Manuskript mit nach Wien gebracht, ein Soloquartett für Violine, welches ich auf der Reise vollendet hatte. Mit der Komposition eines zweiten war ich eben beschäftigt. Dies beschloß[164] ich noch vor der Abreise nach Gotha fertig zu machen und dann beide an Herrn von Tost abzugeben.

Unterdessen war es mir geglückt, ganz in der Nähe des Theaters an der Wien eine für mich passende Wohnung, die Beletage in dem Hause eines Tischlers, zu finden. Sie stand leer und konnte daher noch vor Ostern bezogen werden. Da sie etwas verwohnt war, so ließ ich dieselbe neu malen und aufputzen und war nun im Begriff, sie vor meiner Abreise auch zu möblieren und einzurichten. Ich lieferte daher meine beiden Quartetten an Herrn von Tost ab und erbat mir das Honorar von sechzig Dukaten, dabei bemerkend, daß ich des Geldes zu meiner häuslichen Einrichtung bedürfe. »Die werde ich Ihnen vollständig liefern«, entgegnete er, »und zwar wohlfeiler, als wenn Sie selbst einkaufen; denn ich stehe mit allen Leuten, mit denen Sie zu tun haben werden, in Geschäftsverbindung und kann daher billigere Preise erwirken als Sie. Auch finde ich dabei Gelegenheit, noch alte Schuldenreste einzuziehen. Nennen Sie mir daher einen Tag, wo ich Sie nebst Ihrer Frau Gemahlin abholen kann, um gemeinschaftlich alles Nötige auszusuchen.«

So geschah es. Zuerst fuhren wir in die neue Wohnung, wo Herr von Tost mit großer Sachkenntnis ein Verzeichnis von allen den Geräten und Sachen entwarf, die für die vorhandenen Räume, vom Putzzimmer an bis zur Küche, nötig waren. Dann ging es von einem Gewölbe und Magazin zum andern, und meine Frau und ich hatten nur immer abzuwehren, daß er nicht zu viel und nicht immer gerade das Reichste und Kostbarste auswählte. Doch konnten wir es nicht hindern, daß für die Putzstube Möbeln von Mahagoni mit Seide überzogen und Vorhänge von gleichem Stoff und für die Küche eine Masse von Tafel- und Küchengeschirr angeschafft wurden, wie sie besser für einen Kapitalisten als einen anspruchslosen Künstler gepaßt hätten. Vergebens stellte Dorette vor, wir würden keine Gastereien geben und bedürften daher eine solche Menge von Geschirr nicht! Er ließ sich nicht irre machen, und als ich die Befürchtung aussprach, die Einrichtung werde für meine Verhältnisse zuviel kosten und daher verlangte, daß vor allem erst ein Überschlag gemacht werde, erwiderte er: »Sein Sie unbesorgt, es wird Ihnen nicht zuviel kosten; auch werde ich keine Barzahlung verlangen. Sie können nach und nach alles mit Ihren Manuskripten ausgleichen.«

Dagegen ließ sich nun weiter nichts einwenden, und so sahen wir uns im Besitze einer so glänzenden und geschmackvollen Einrichtung, wie sie gewiß keine andre Künstlerfamilie der Stadt aufzuweisen hatte.[165]

Ich ordnete nun alles zu meiner Abreise. Meine Frau wurde von einer Dame ihrer Bekanntschaft, der Schwester des Advokaten Zizius, eines großen Musikfreundes, in dessen Hause wir oft musiziert hatten, eingeladen, bei ihr während meiner Abwesenheit zu wohnen, so daß ich sie ohne Besorgnis allein in Wien zurücklassen konnte.

Ich hatte erfahren, daß ein Leipziger Kaufmann, im Begriffe nach seiner Heimat im eignen Wagen mit Extrapost zurückzukehren, einen Reisegefährten suche; ich beeilte mich daher, mich ihm als solchen anzutragen, und wurde auch sogleich über die Bedingungen mit ihm einig. Ich erinnere mich nicht mehr seines Namens, wohl aber, daß er ein gebildeter und teilnehmender Reisegefährte war, von dem ich im besten Vernehmen schied. Wir fuhren wegen der schlechten Nachtquartiere ohne anzuhalten bis Prag, blieben dann aber dort einen vollen Tag, um uns zu erholen. Ich verbrachte ihn sehr angenehm im Hause meines Freundes Kleinwächter. Von Prag aus mußten wir die große Straße über Dresden verlassen, weil sich dort die Armeen der kriegführenden Mächte gegenüberstanden und die Elbbrücke nicht zu passieren war, da einige Bogen sogar durch die Franzosen in die Luft gesprengt waren. Wir mußten uns daher einen Weg über das Erzgebirge suchen, auf dem wir zwar auch Truppenabteilungen antrafen, von denen wir aber weder angehalten noch zurückgewiesen wurden. So kamen wir ohne weitere Abenteuer glücklich bis Chemnitz. Hier aber sollte ich etwas erleben, was mich dermaßen in Schrecken versetzte, daß ich darüber in Ohnmacht fiel, was mir bei meinem kräftigen Körperbau weder vorher noch nachher je wieder geschehen ist!

Wir kamen um die Mittagszeit in Chemnitz an, als sich im Hotel soeben eine zahlreiche Gesellschaft zum Mittagsessen niedersetzte. Wir schlossen uns ihr an, und ich fand meinen Platz zwischen meinem Reisegefährten und der Wirtin des Hauses. Während diese die Suppe vorlegte, wollte ich mir nach dem Beispiele der übrigen Gäste von einem vor mir liegenden großen schwarzen Brote ein Stück abschneiden. Ich setzte das Messer an, welches aber nicht von der Stelle weichen wollte, weil es, wie sich nachher zeigte, auf einen kleinen, in die Rinde des Brotes mit eingebackenen Stein geraten war. Ich glaubte daher, das Messer sei stumpf, und steigerte daher die Kraft des Druckes. Nun sprang es aber plötzlich ab, fuhr mir in die Kuppe des linken Zeigefingers und schnitt ein bedeutendes Stück Fleisch davon ab, welches auf den Teller vor mir niederfiel. Eine Blutfontäne folgte! Dieser Anblick, mehr aber noch der Gedanke, daß es nun mit meinem Violinspiele zu Ende sei[166] und ich nicht mehr imstande sein werde, mich und die Meinigen zu ernähren, erschreckte mich dermaßen, daß ich bewußtlos vom Stuhle sank. Als mir nach etwa zehn Minuten die Besinnung zurückkehrte, sah ich die ganze Gesellschaft in Aufruhr und um mich beschäftigt. Mein erster Blick fiel auf meinen Finger, den ich mit einem großen Stück englischen Pflasters, daß die hülfreiche Wirtin herbeigeholt hatte, umwickelt fand. Es hatte sich fest in die durch den Schnitt entstandene Vertiefung hineingelegt, und ich konnte nun zu meiner Beruhigung sehen, daß nicht die ganze Fingerkuppe abgeschnitten war, wie ich im ersten Schrecken gefürchtet hatte. Doch war fast die Hälfte derselben nebst einem großen Stück des Nagels durchschnitten. Da ich fast gar keinen Schmerz empfand, so ließ ich den Verband unangerührt und suchte erst in Leipzig einen Wundarzt auf, der das Pflaster aber ebenfalls liegen ließ und nur sorgfältige Vermeidung aller unsanften Berührung des Fingers riet.

So kam ich denn ziemlich getröstet über den Unfall bei den Meinigen in Gotha an. Den Hof fand ich sehr verstimmt über meinen Abgang; die Herzogin war so böse, daß ich große Mühe hatte, sie zu besänftigen, was mir um so schwerer fiel, da ich nicht einmal mehr, was sie so sehr gewünscht hatte, bei Hofe zum Abschiede spielen konnte! Auch meine Schwiegermutter war sehr betrübt. Ich beeilte mich daher, soviel als möglich, aus diesen unangenehmen Verhältnissen herauszukommen. Meinem alten Freunde Bärwolf hatte ich schon einige Wochen früher den Auftrag erteilt, die Möbeln und Geräte, die ich nicht mitzunehmen gedachte, unter der Hand zu verkaufen. Dies war nach Wunsch geglückt. Ich ließ daher das Zurückbehaltene, hauptsächlich Betten, einige schöne Spiegel, Musikalien, Kleider, Wäsche u. dgl. verpacken und schickte es durch Fracht nach Regensburg voraus. Acht Tage später folgte dann ich mit meinem Bruder Ferdinand, meinen beiden Kindern und einem jungen Mädchen, einer Waise, die meine Schwiegermutter aufgenommen und erzogen hatte und mir nun als Kindermädchen überließ.

Der Abschied von den Verwandten und dem lieben Gotha war ein sehr trüber; doch erheiterten wir uns, vom herrlichsten Reisewetter begünstigt, bald wieder, und ich ergötzte mich sehr an den naiven Bemerkungen der Kinder über die vielen noch nie gesehnen Gegenstände. So kamen wir zwar sehr ermüdet, aber seelenvergnügt in Regensburg an. Dort verweilten wir einige Tage, während welcher ich alles zur Donaufahrt nach Wien vorbereitete. Ich mietete um mäßigen Preis ein eigenes Schiff und ließ meine bereits angelangten Frachtstücke darauf bringen. Die Betten wurden ausgepackt und zum Nachtlager unter dem Bretterhäuschen[167] des Schiffes ausgebreitet; die Koffer dienten als Sitzplätze. Da die Fahrt, ohne anzuhalten, Tag und Nacht fortdauern sollte, so wurde für vier bis fünf Tage Proviant eingekauft. Die Schiffsgesellschaft bestand außer mir und den Meinigen aus dem Schiffer, seiner Frau, die die Küche besorgte, dessem Knechte und drei Handwerksburschen, denen ich freie Fahrt und Kost gab, wofür sie sich anheischig machten, fleißig zu rudern.

Es war im Mai zur Zeit des Vollmonds und der herrlichste blaue Himmel über die reizenden Gegenden ausgebreitet! Der Frühling hatte soeben die ganze Natur in sein erstes saftiges Grün gekleidet, und die Obstbäume standen noch in der prächtigsten Blüte. Die buschigen Ufer des herrlichen Stromes waren von zahlreichen Nachtigallen bewohnt, die besonders während der stillen, hellen Nächte unaufhörlich schlugen. Es war eine Fahrt zum Entzücken, und ich habe mich fortwährend durch mein ganzes langes Leben hindurch gesehnt, sie unter ähnlichen günstigen Umständen noch einmal machen zu können; doch leider vergeblich.

Der vielen herrlichen stets wechselnden Ansichten, bald wilder Natur, bald reich bebauter Landschaft, sowie der vielen Städte, Schlösser und Klöster, an denen wir vorüberschwebten, erinnere ich mich nicht mehr. Als wir den berühmten Strudel und den Wirbel passierten, was zu jener Zeit noch nicht gefahrlos geschehen konnte, wurde unser bis dahin sehr jovialer Schiffer am Steuerruder plötzlich ernst und ermahnte die Ruderer eindringlich, seinen Anordnungen auf das pünktlichste nachzukommen. Als ich bemerkte, daß der Schiffer in dem Augenblicke, da uns der reißende Strom ergriff, erblaßte, als die Frau sich auf die Knie warf und ein Gebet auf die heilige Jungfrau mehr heulte als sprach, da schien mir der Moment von großer Gefahr zu sein, und ich ermahnte daher meinen Bruder, der wie ich ein gewandter Schwimmer war, im Falle eines Unglücks mir bei Rettung der Kinder beizustehen. Doch kamen wir die abschüssige Stromschnelle glücklich hinab und wichen auch dem Wirbel, der übrigens nur für ganz kleine Kähne gefahrdrohend ist, glücklich aus.

Auf dem Felsen, der am Ende des Strudels mitten im Strome liegt und durch das Zurückwerfen der Fluten den Wirbel erzeugt, wohnte damals ein alter Eremit, der von den Gaben der Vorbeireisenden lebte. Er fuhr in seinem kleinen Kahne zum Ergötzen der Kinder, die noch keinen Eremiten gesehen hatten, auch an unser Schiff heran und empfing die übliche Gabe.[168]

Am vierten Tage unsrer Wasserfahrt kamen wir gegen Abend in Wien an und sahen schon von weitem Doretten in Gesellschaft ihrer Wirte am Landungsplatze unsrer harren. Das war ein beglückendes Wiedersehen! Noch an demselben Abende wurde das Gepäck in die neue Wohnung gebracht, die wir tags darauf bezogen.

Quelle:
Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Tutzing 1968, S. 152-169.
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