Wien

[169] 1813–1815


Meine Wunde war bei meiner Ankunft in Wien fast geheilt. Zu meinem Erstaunen und noch viel mehr zu dem der Wundärzte, denen ich davon erzählte, war unter dem englischen Pflaster, welches noch immer den Finger umhüllte, neues Fleisch an die Stelle des ausgeschnittenen gewachsen und hatte sich nach und nach zu dem frühern Umfang der Fingerkuppe ausgedehnt. Auch das fehlende Stück Nagel war wieder gewachsen, doch nur notdürftig mit dem übrigen Nagel verbunden, so daß eine Vertiefung zurückgeblieben war, die noch jetzt sichtbar ist und den Umfang des damals Weggeschnittenen deutlich erkennen läßt. Mit Hilfe eines Überzuges von Leder konnte ich meinen Finger wieder gebrauchen und wenn auch nicht gleich Solo spielen, doch meinen Dienst im Orchester beginnen.

Ich führte nun ein sehr tätiges, im Genusse des Familienlebens auch höchst zufriedenes Leben. Der frühe Morgen fand mich schon am Klavier oder am Schreibtische, und auch jede andre Tageszeit, die mir der Orchesterdienst und mein Unterrichtgeben frei ließ, wurde der Komposition gewidmet. Ja, mein Kopf gärte und arbeitete damals so unaufhörlich in musikalischen Ideen, daß ich selbst auf den Wegen zu meinen Schülern sowie auf Spaziergängen fortwährend komponierte und dadurch bald die Fertigkeit gewann, lange Perioden, ja ganze Musikstücke im Kopfe vollständig auszuarbeiten, die dann ohne weitere Nachhilfe niedergeschrieben werden konnten. War dies geschehen, waren sie im Gedächtnisse wie ausgelöscht, und ich hatte wieder Raum für neue musikalische Kombinationen gewonnen. Dorette schmälte oft auf Spaziergängen über dieses unaufhörliche Denken und war froh, wenn das Geplauder der Kinder mich davon abzuziehen vermochte. War dies einmal[170] geschehen, so gab ich mich gern den äußern Eindrücken hin; nur durfte man mich nicht wieder in mein Grübeln zurückfallen lassen, was Dorette auch stets mit großer Gewandtheit zu verhüten wußte.

Wir lernten schon im ersten Sommer unsres Aufenthaltes zu Wien die herrliche Umgebung der Stadt recht genau kennen, da wir fast jeden schönen Abend, in welchem ich im Theater unbeschäftigt war, im Freien zubrachten. Dann suchten wir, unser frugales Abendbrot in einem vom Kindermädchen getragenen Körbchen mit uns führend, irgend einen schönen Aussichtspunkt auf und sahen dort die Sonne untergehen. So haben wir manchen schönen Abend bei »der Spinnerin am Kreuze«, wo man eine besonders herrliche und reiche Übersicht der Stadt hat, verlebt. Sonntags nahmen wir dann auch wohl an der Linie einen Zeiselwagen und machten weitere Ausflüge nach dem Leopoldsberge oder der Brühl, oder nach Laxenburg und Baden.

Der Lieblingsspaziergang der Kinder war aber immer nach Schönbrunn zur Menagerie oder in den Prater zum sogenannten »Dörfl«, wo sie die Karusselle, die Puppen- und Hundekomödien und andre Herrlichkeiten immer mit neuem Entzücken erfüllten! Ich und meine Frau, im Gemüt selbst noch halbe Kinder, nahmen an der Freude unsrer Lieblinge den innigsten Anteil. Es war eine schöne, frohe und sorgenlose Zeit!

Meine erste Arbeit nach der Rückkehr von Gotha war die Komposition des »Faust«. Ich hatte vor der Reise einen andern Stoff im Auge, den mir Theodor Körner als Oper bearbeiten wollte. Bald nach meiner Ankunft in Wien machte ich die Bekanntschaft des jungen Dichters, der schon damals wegen seiner Liebenswürdigkeit und wegen des Erfolges seiner Theaterstücke sehr gefeiert wurde. Ich traf ihn fast in allen Gesellschaften, wo ich spielte, und da Körner die Musik sehr liebte, so schlossen wir uns sehr bald aneinander an. Als es dann entschieden war, daß ich in Wien bleiben werde, bat ich Körner, mir eine Oper zu schreiben, wozu ich ihm die Sage vom Rübezahl vorschlug. Körner, der beide Aufführungen des »jüngsten Gerichts« mit angehört und von meinem Kompositionstalent eine gute Meinung hatte, sagte ohne Bedenken zu und ging gern auf den ihm vorgeschlagenen Stoff ein. Doch plötzlich hieß es, Körner wolle als Freiwilliger unter Lützows Reiterschar gehen und für die Befreiung Deutschlands kämpfen! – Ich eilte zu ihm und versuchte wie viele andre meiner Freunde, ihm diesen Vorsatz auszureden; doch ohne Erfolg. Bald schon sahen wir ihn scheiden. Später wurde es bekannt, daß ihm nicht allein die Begeisterung für den deutschen[171] Befreiungskampf, sondern auch eine unglückliche, unerwiderte Liebe zur schönen Schauspielerin Adamberger in Wien vertrieben und in den frühen Tod gestürzt hatte.

So sah ich meine Hoffnung, von dem jungen begabten Dichter ein Opernbuch zu bekommen, leider vereitelt und mußte mich nun nach einem andern umsehen. Es kam mir daher gelegen, daß Herr Bernard seine Bearbeitung des »Faust« mir zur Komposition antrug, und bald hatten wir uns über die Bedingungen geeinigt. Einige Abänderungen, die ich wünschte, wurden vom Dichter während meiner Reise nach Gotha vorgenommen, so daß ich nach meiner Rückkehr augenblicklich beginnen konnte. Aus dem Verzeichnis meiner Kompositionen ersehe ich, daß ich diese Oper in weniger als vier Monaten, vom Ende Mai bis Mitte September geschrieben habe. Noch jetzt ist mir erinnerlich, mit welcher Begeisterung und Ausdauer ich daran arbeitete! Hatte ich einige Nummern beendet, so eilte ich damit zu Meyerbeer, der sich damals in Wien aufhielt, und bat ihn, sie mir aus der Partitur vorzuspielen, worin dieser sehr exzellierte. Ich übernahm dann die Singstimme und trug sie in ihren verschiednen Charakteren und Stimmlagen mit großer Begeisterung vor. Reichte meine Kehlfertigkeit nicht aus, so nahm ich zum Pfeifen meine Zuflucht, worin ich sehr geübt war. Meyerbeer nahm großes Interesse an dieser Arbeit, welches sich bis in die neueste Zeit erhalten zu haben scheint, da er während seiner Leitung der Berliner Oper den »Faust« von neuem in Szene setzte und mit großer Sorgfalt selbst einübte.

Aber auch Pixis der jüngere, der damals bei seinen Eltern in Wien wohnte, sowie Hummel und Seyfried zeigten große Vorliebe für diese Oper, so daß ich sie mit den schönsten Hoffnungen auf einen glänzenden Erfolg dem Theater an der Wien zur Aufführung antrug. Graf Palffy, mit dem ich damals noch in gutem Vernehmen war, nahm sie auch sogleich an und versprach, sie baldmöglichst zu verteilen und zur Aufführung zu bringen. Ich hatte bei der Arbeit das Personal meines Theaters zwar im Auge gehabt, den Faust für Forti, den Mephisto für Weinmüller, den Hugo für Wild, den Franz für Gottdank, die Kunigunde für Madame Campi und das Röschen für Demoiselle Theimer geschrieben; es war mir aber doch, abgesehen davon, daß ich damals überhaupt noch nicht recht verstand, mich immer in den Schranken des natürlichen Stimmumfangs zu halten, allerlei aus der Feder geflossen, was für die genannten Sänger nicht paßte, wie z.B. die langen Koloraturen in der Arie des Hugo für Wild, der damals noch[172] wenig Geläufigkeit besaß. Dies wurde später vom Grafen, als ich mich mit ihm entzweit hatte, als Vorwand benutzt, um seine Zusage zurückzunehmen, und wirklich kam die Oper, solange ich in Wien war, gar nicht zur Aufführung. Einige Jahre später wurde sie dann mit vielem Erfolg gegeben und in neuerer Zeit mit noch gesteigertem Beifall von neuem in Szene gesetzt. Ich, der ich mich von jeher nur so lange für meine Kompositionen interessierte, als ich daran arbeitete und von ihnen erfüllt war, ertrug es mit großer Gemütsruhe, daß meine Partitur in der Theaterbibliothek ungenützt ruhte, und machte mich sogleich an neue Arbeiten. Selbst den Klavierauszug der Oper, den Pixis mit großer Liebe verfertigt hatte, ließ ich erst viele Jahre später bei Peters in Leipzig stechen.

Nach Beendigung des »Faust« glaubte ich nun zunächst meiner Verpflichtung gegen Herrn von Tost nachkommen zu müssen. Ich fragte deshalb bei ihm an, welche Kunstgattung ihm für diesmal die liebste sein werde. Mein Kunstmäzen sann ein wenig nach und meinte dann, ein Nonett, konzertierend für die vier Streichinstrumente Violine, Viola, Violoncell und Kontrabaß und die fünf vornehmsten Blasinstrumente Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott, so geschrieben, daß jedes der Instrumente seinem Charakter und Wesen gemäß hervorträte, möchte doch wohl eine ebenso interessante wie dankbare Aufgabe sein, und da er gar nicht zweifle, daß ich sie mit Glück lösen werde, so gebe er anheim, sie als die nächste Arbeit zu wählen. Ich fühlte mich durch die Schwierigkeit der Aufgabe angezogen, willigte mit Freuden ein und machte mich sogleich an die Arbeit. So entstand das bekannte Nonett, welches als Op. 31 bei Steiner in Wien erschienen und bis jetzt das einzige seiner Gattung geblieben ist. Ich vollendete es in kurzem und lieferte die Partitur an Herrn von Tost ab. Dieser ließ es ausschreiben und lud dann die ausgezeichnetsten Künstler Wiens zu sich ein, um es unter meiner Anleitung einzuüben. Dann wurde es in einer der ersten mit dem Winter beginnenden Musikpartien aufgeführt und erhielt so lebhaften Beifall, daß es im Laufe des Winters noch oft wiederholt werden mußte! Herr von Tost erschien dann jedesmal mit der Musikmappe unter dem Arme, legte die Stimmen selbst auf die Pulte und schloß sie nach beendigtem Vortrage sogleich wieder ein. Er fühlte sich durch den Beifall, den das Werk fand, so beglückt, als wäre er selbst der Komponist. Auch die beiden Quartetten, die er im Manuskript besaß, spielte ich häufig in Gesellschaften, und so wurde sein Wunsch, zu recht vielen Musikpartien eingeladen zu werden, vollständig erfüllt. Ja, bald war man es so gewohnt, wo ich spielte, auch Herrn von Tost mit seiner Musikmappe zu sehen,[173] daß er eingeladen wurde, auch wenn ich keines seiner Manuskripte vortrug.

Vor dem Schlusse des Jahres 1813 schrieb ich nach ein Rondo für Harfe und Violine für meine Frau und mich und ein Streichquintett für Herrn von Tost. Es ist das in G-dur op. 33, welches der Verleger aus Versehen als Nr. 2 bezeichnet hat. Es ist jedoch sechs Monate früher als das in Es-dur geschrieben worden.

Wegen dieses Quintettes wurde ich in eine literarische Fehde verwickelt, welche die erste und auch die letzte gewesen ist, die ich einer meiner Kompositionen halber je geführt habe. Es fand bei den Künstlern und Kunstkennern Wiens eine besonders günstige Aufnahme, und auch ich hielt es, und mit Recht, für das Beste, was ich bis dahin geschrieben hatte. Um so kränkender mußte es für mich sein, daß der Rezensent eines damaligen Wiener Kunstblattes gar nichts Gutes daran finden wollte. Besonders fühlte ich mich durch die hämische Weise verletzt, womit derselbe von der thematischen Bearbeitung des ersten Satzes sprach, die mein Stolz war und die Bewunderung der Kenner erregt hatte. Noch jetzt, nach so langer Zeit, erinnere ich mich jener Worte, die ungefähr so hießen: »Dieses ewige Wiederkäuen des Themas in allen Stimmen und Tonlagen kommt mir vor, wie wenn man einen dummen Bedienten einen Auftrag zu geben hat, den er nicht begreifen kann und den man daher unzählige Male in den verschiedensten Sprachwendungen wiederholen muß, damit er ihm klar werde! – Für solche dumme Bedienten scheint der Komponist seine Zuhörer zu halten!«

Ich erfuhr bald, daß der ungenannte Rezensent Herr von Mosel sei, der Komponist der lyrischen Tragödie »Salem«, von der ich allerdings sehr vorlaut gesagt hatte: »Ich habe im Leben nichts Langweiligeres gehört!« Dieses Urteil war unglücklicherweise dem Komponisten zu Ohren gekommen und hatte seine Galle in so hohem Grade erregt. Herr von Tost, der auf meine Kompositonen, besonders solche, die er in seiner Mappe hatte, stolzer war als der Komponist selbst, ließ nicht nach, bis ich eine Antikritik geschrieben hatte. Was ich zur Abwehr und besonders zur Verteidigung meiner thematischen Durchführung sagte, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber, daß ich es an Seitenhieben auf »Salem« nicht fehlen ließ. Dies goß Öl ins Feuer, und so entspann sich eine Fehde, die noch lange fortgesetzt worden wäre, hätte nicht die Zensur einen Riegel vorgeschoben, indem sie dem Redakteur des Blattes verbot, weiteres in der Sache aufzunehmen. Da mich solche Zänkereien[174] sehr anwiderten, war ich froh, zu meinem harmlosen Komponieren zurückkehren zu können.

Im Herbste dieses Jahres hatte mir Dorette einen Knaben geboren. Unser Glück über diesen Familienzuwachs war leider von kurzer Dauer; denn der Knabe fing bald zu kränkeln an und starb, noch ehe er drei Monate alt geworden war. Die arme Mutter suchte und fand Trost bei ihrer Harfe; sie übte zu meinem im Dezember bevorstehenden Benefizkonzerte das neue Rondo mit mir ein. Nach der Musikalischen Zeitung fand dieses Konzert im kleinen Redoutensaale statt, und mein Bruder Ferdinand trat darin in der Konzertante in A mit mir auf.

Unterdessen war die große Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. Die verbündeten Heere hatten den Rhein überschritten, und man hoffte, sie nun bald in Paris einziehen zu sehen! In Wien wurden zur Feier dieses Einzuges sowie für die Rückkehr des Kaisers und seiner siegreichen Armee große Festlichkeiten vorbereitet. Sämtliche Theater ließen Festspiele dichten und komponieren, und die kürzlich errichtete Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates unter dem Protektorate des Erzherzogs Rudolf machte Anstalten zu einer kolossalen Aufführung des »Samson« von Händel in der kaiserlichen Reitschule, wozu Herr von Mosel die Instrumentierung vermehrte. Andre Gesellschaften unternahmen ähnliches. So kam auch Herr von Tost auf die Idee, eine große Musikaufführung bei der Rückkehr des Kaisers zu veranstalten, und befragte mich, ob ich ihm dazu eine Kantate schreiben wolle, deren Inhalt die Befreiung Deutschlands sein müsse. Ich sagte gern zu, bemerkte jedoch, daß dieser Stoff dem Komponisten nur wenig dankbare Momente darbieten werde und ihn deshalb ein guter Dichter bearbeiten müsse, um solche zu schaffen.

»O, daran soll es nicht fehlen«, war die Antwort. »Ich gehe sogleich zur Frau von Pichler und zweifle nicht, daß sie es übernehmen wird, Ihnen den Text zu liefern!« Und so geschah es auch. Ich besprach mich mit der Dichterin über Inhalt und Form, und sie lieferte mir dann ein Textbuch, das im reichen Wechsel häuslicher und kriegerischer Szenen eine Reihe sehr günstiger Momente für die Komposition darbot.

Ich machte mich sogleich an die Arbeit und beendigte diese Kantate, die zwei Stunden dauert, bei allen meinen übrigen vielen Arbeiten, in dritthalb Monaten, vom Januar bis Mitte März 1814.

Herr von Tost hatte unterdessen für die Solopartien die vier besten Sänger Wiens, die Damen Buchwieser und Milder und die Herren[175] Wild und Weinmüller, engagiert und wollte zur Aufführung der Chöre sämtliche Kirchen- und Chorsänger der Theater vereinigen. Die Stimmen wurden ausgeschrieben und verteilt, und ich war bereits einige Male zu Madame Milder gegangen, um ihr beim Einüben ihrer Partie behilflich zu sein. Da stürzte eines Morgens Herr von Tost in mein Zimmer und rief voll Verzweiflung: »Soeben ist mir der große Redoutensaal zu unsrer Aufführung unter dem nichtigen Vorwande abgeschlagen worden, er könne wegen der Vorbereitungen zu den Hoffesten nicht entbehrt werden! Daran ist nur die Eifersucht der Musikgesellschaft schuld, die außer ihrer Aufführung in der Reitschule keine andre großartige will zustande kommen lassen. Was ist nun zu tun? Seit der Zerstörung des Apollosaales gibt es in Wien außer dem großen Redoutensaal kein Lokal mehr für solch eine Musikaufführung.«

Mir fiel nach langem Nachsinnen noch der Zirkus des Herrn de Bach im Prater ein. Sogleich fuhren wir hinaus, um zu sehen, ob die Reitbahn in der Mitte des Gebäudes wohl Raum genug darbieten werde, um unser Orchester- und Theaterpersonal aufstellen zu können. Ich glaubte es und versprach mir von der Aufstellung der Mitwirkenden im Mittelpunkte des Gebäudes eine großartige Wirkung. Leider war aber auch dieses Lokal, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, nicht zu haben, und so scheiterte das ganze Unternehmen zum größten Leidwesen des Herrn von Tost.

Es ging mit dieser Kantate wie mit dem »Faust«. Auch sie kam erst zur Aufführung, als ich Wien schon längst verlassen hatte. Ich hörte sie zuerst beim Musikfeste in Frankenhausen am Jahrestage der Leipziger Schlacht im Jahre 1815.

Mit der Ablieferung dieses Werkes an Herrn von Tost war meine Schuld für die Einrichtung nun ausgeglichen, und ich hatte für die folgenden Arbeiten wieder das stipulierte Honorar zu empfangen.

Wie mir, so ging es auch Beethoven mit einer ähnlichen Festarbeit; sie kam damals ebenfalls nicht zur Aufführung. Sie hieß »Der glorreiche Augenblick« und wurde später mit verändertem Texte bei Haslinger in Wien gestochen.

Bei der Erwähnung Beethovens fällt mir auf, daß ich meines freundschaftlichen Verhältnisses zu diesem großen Künstler noch gar nicht erwähnt habe, und ich beeile mich daher, das Versäumte nachzuholen.

Nach meiner Ankunft in Wien suchte ich Beethoven sogleich auf, fand ihn aber nicht und ließ deshalb meine Karte zurück. Ich hoffte nun, ihn[176] in einer der musikalischen Gesellschaften zu finden, zu denen ich häufig eingeladen wurde, erfuhr aber bald, daß Beethoven sich, seitdem seine Taubheit so zugenommen, daß er Musik nicht mehr deutlich und im Zusammenhange hören könne, von allen Musikpartien zurück ziehe und überhaupt sehr menschenscheu geworden sei. Ich versuchte es daher nochmals mit einem Besuche; doch wieder vergebens. Endlich traf ich ihn ganz unerwartet in dem Speisehause, wohin ich jeden Mittag mit meiner Frau zu gehen pflegte. Ich hatte nun schon Konzert gegeben und zweimal mein Oratorium aufgeführt. Die Wiener Blätter hatten günstig darüber berichtet. Beethoven wußte daher von mir, als ich mich vorstellte, und begrüßte mich ungewöhnlich freundlich. Wir setzten uns zusammen an einen Tisch, und Beethoven wurde sehr gesprächig, was die Tischgesellschaft sehr verwunderte, da er gewöhnlich düster und wortkarg vor sich hinstarrte. Es war aber eine sauere Arbeit, sich ihm verständlich zu machen, da man so laut schreien mußte, daß es im dritten Zimmer zu hören war. Beethoven kam nun öfter in dieses Speisehaus und besuchte mich auch in meiner Wohnung. So wurden wir bald gute Bekannte. Beethoven war ein wenig derb, um nicht zu sagen roh; doch blickte ein ehrliches Auge unter den buschigen Augenbrauen hervor. Nach meiner Rückkehr von Gotha traf ich ihn dann und wann im Theater an der Wien dicht hinter dem Orchester, wo ihm der Graf Palffy einen Freiplatz gegeben. Nach der Oper begleitete er mich gewöhnlich nach meinem Hause und verbrachte den Rest des Abends bei mir. Dann konnte er auch gegen Dorette und die Kinder sehr freundlich sein. Von Musik sprach er höchst selten. Geschah es, dann waren seine Urteile sehr streng und so entschieden, als könne gar kein Widerspruch dagegen stattfinden! Für die Arbeiten andrer nahm er nicht das mindeste Interesse; ich hatte deshalb auch nie den Mut, ihm die meinigen zu zeigen. Sein Lieblingsgespräch in jener Zeit war eine scharfe Kritik der beiden Theaterverwaltungen des Fürsten Lobkowitz und des Grafen Palffy. Auf letzteren schimpfte er oft schon überlaut, wenn wir noch innerhalb seines Theaters waren, so daß es nicht nur das ausströmende Publikum, sondern der Graf selbst in seinem Büro hören konnte. Dies setzte mich sehr in Verlegenheit, und ich war nur immer bemüht, das Gespräch auf andre Gegenstände zu lenken.

Das schroffe, selbst abstoßende Benehmen Beethovens in jener Zeit rührte teils von seiner Taubheit her, die er noch nicht mit Resignation zu tragen gelernt hatte, teils war es Folge seiner zerrütteten Vermögensverhältnisse. Er war kein guter Wirt und hatte noch das Unglück, von seiner Umgebung bestohlen zu werden. So fehlte es oft am Nötigsten.[177] In der ersten Zeit unsrer Bekanntschaft fragte ich ihn einmal, wie er mehrere Tage nicht ins Speisehaus gekommen war: »Sie waren doch nicht krank?« – »Mein Stiefel war's, und da ich nur das eine Paar besitze, hatte ich Hausarrest«, war die Antwort. Aus dieser drückenden Lage wurde er aber nach einiger Zeit durch die Bemühungen seiner Freunde herausgerissen. Die Sache verhielt sich so:

Beethovens »Fidelio«, der 1804 oder 1805 unter ungünstigen Verhältnissen (es war die Zeit der Besetzung Wiens durch die Franzosen) einen sehr geringen Erfolg gehabt hatte, wurde jetzt von den Regisseuren des Kärtnertortheaters wieder hervorgesucht und zu ihrem Benefize neu in Szene gesetzt. Beethoven hatte sich bewegen lassen, eine neue Ouvertüre (die in E), ein Lied für den Kerkermeister und die große Arie für Fidelio (mit den obligaten Hörnern) nachträglich dazu zu schreiben, auch einige Veränderungen vorgenommen. In dieser neuen Gestalt machte nun die Oper großes Glück und erlebte eine lange Reihe zahlreich besuchter Aufführungen. Der Komponist wurde am ersten Abend mehrere Male herausgerufen und war nun wieder der Gegenstand allgemeinster Aufmerksamkeit. Diesen günstigen Augenblick benutzten seine Freunde, um für ihn ein Konzert im großen Redoutensaale zu veranstalten, in welchem die neuesten Kompositionen Beethovens zur Aufführung kommen sollten. Alles, was geigen, blasen und singen konnte, wurde zur Mitwirkung eingeladen, und es fehlte von den bedeutenden Künstlern Wiens auch nicht einer. Ich und mein Orchester hatten uns natürlich auch angeschlossen, und so sah ich Beethoven zum ersten Male dirigieren. Soviel ich auch hatte davon erzählen hören, so überraschte es mich doch in hohem Grade. Beethoven hatte sich angewöhnt, dem Orchester die Ausdruckszeichen durch allerlei sonderbare Körperbewegungen anzudeuten. So oft ein Sforzando vorkam, riß er beide Arme, die er vorher auf der Brust kreuzte, mit Vehemenz auseinander. Bei dem Piano bückte er sich nieder, und um so tiefer, je schwächer er es wollte. Trat dann ein Crescendo ein, so richtete er sich nach und nach wieder auf und sprang beim Eintritte des Forte hoch in die Höhe. Auch schrie er manchmal, um die Forte noch zu verstärken, mit hinein, ohne es zu wissen!

Seyfried, dem ich mein Erstaunen über diese sonderbare Art zu dirigieren aussprach, erzählte mir von einem tragikomischen Vorfall, der sich bei Beethovens letztem Konzerte im Theater an der Wien ereignet hatte. Beethoven spielte ein neues Pianofortekonzert von sich, vergaß aber schon beim ersten Tutti, daß er Solospieler war, sprang auf und[178] fing an, in seiner Weise zu dirigieren. Bei dem ersten Sforzando schleuderte er die Arme so weit auseinander, daß er beide Leuchter vom Klavierpulte zu Boden warf. Das Publikum lachte, und Beethoven war so außer sich über diese Störung, daß er das Orchester aufhören und von neuem beginnen ließ. Seyfried, in der Besorgnis, daß sich bei derselben Stelle dasselbe Unglück wiederholen werde, hieß zweien Chorknaben sich neben Beethoven stellen und die Leuchter in die Hand nehmen. Der eine trat arglos näher und sah mit in die Klavierstimme hinein. Als daher das verhängnisvolle Sforzando hereinbrach, erhielt er von Beethoven mit der ausfahrenden Rechten eine so derbe Maulschelle, daß der arme Junge vor Schrecken den Leuchter zu Boden fallen ließ. Der andre Knabe, vorsichtiger, war mit ängstlichen Blicken allen Bewegungen Beethovens gefolgt, und es glückte ihm daher, durch schnelles Niederbücken der Maulschelle auszuweichen. Hatte das Publikum schon vorher gelacht, so brach es jetzt in einen wahrhaft bacchanalischen Jubel aus! Beethoven geriet so in Wut, daß er gleich bei den ersten Akkorden des Solos ein halbes Dutzend Saiten zerschlug. Alle Bemühungen der echten Musikfreunde, die Ruhe und Aufmerksamkeit wieder herzustellen, blieben für den Augenblick fruchtlos. Das erste Allegro des Konzertes ging daher ganz für die Zuhörer verloren. Seit diesem Unfall hatte Beethoven kein Konzert wieder gegeben.

Das von seinen Freunden veranstaltete hatte aber den glänzendsten Erfolg. Die neuen Kompositionen Beethovens gefielen außerordentlich, besonders die Symphonie in A (die siebente). Der wundervolle zweite Satz wurde da capo verlangt; er machte auch auf mich einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Die Ausführung war eine ganz meisterhafte, trotz der unsichern und dabei oft lächerlichen Direktion Beethovens.

Daß der arme taube Meister die Piano seiner Musik nicht mehr hören konnte, sah man ganz deutlich. Besonders auffallend war es aber bei einer Stelle im zweiten Teile des ersten Allegros der Symphonie. Es folgen sich da zwei Halte gleich nacheinander, von denen der zweite pp ist. Diesen hatte Beethoven wahrscheinlich übersehen, denn er fing schon wieder an zu taktieren, als das Orchester noch nicht einmal diesen zweiten Halt eingesetzt hatte. Er war daher, ohne es zu wissen, dem Orchester bereits zehn bis zwölf Takte vorausgeeilt, als dieses nun auch, und zwar pianissimo, begann. Beethoven, um dieses pp nach seiner Weise anzudeuten, hatte sich ganz unter dem Pulte verkrochen. Bei dem nun folgenden Crescendo wurde er wieder sichtbar, hob sich immer mehr und sprang hoch in die Höhe, als der Moment eintrat, wo[179] seiner Rechnung nach das Forte beginnen mußte. Da dieses ausblieb, sah er sich erschrocken um, starrte das Orchester verwundert an, daß es noch immer pp spielte, und fand sich erst wieder zurecht, als das längst erwartete Forte nun eintrat und ihm hörbar wurde.

Glücklicherweise fiel diese komische Szene nicht bei der Aufführung vor, sonst würde das Publikum sicher wieder gelacht haben.

Da der Saal überfüllt und der Beifall enthusiastisch war, so veranstalteten die Freunde Beethovens eine Wiederholung des Konzertes, welche eine fast gleich große Einnahme abwarf. Für die nächste Zeit war daher Beethoven seiner Geldverlegenheit enthoben, doch soll sie aus gleichen Ursachen noch einige Male vor seinem Tode wiedergekehrt sein.

Bis zu diesem Zeitpunkte war eine Abnahme der Beethovenschen Schöpfungskraft nicht zu bemerken. Da er aber von nun an bei immer zunehmender Taubheit gar keine Musik mehr hören konnte, so mußte dies notwendig lähmend auf seine Phantasie einwirken. Sein stetes Streben, originell zu sein und neue Bahnen zu brechen, konnte nun nicht mehr wie früher durch das Ohr vor Irrwegen bewahrt werden. War es daher zu verwundern, daß seine Arbeiten immer barocker, unzusammenhängender und unverständlicher wurden? Zwar gibt es Leute, die sich einbilden, sie zu verstehen und in ihrer Freude darüber sie weit über seine frühern Meisterwerke erheben. Ich gehöre aber nicht zu ihnen und gestehe frei, daß ich den letzten Arbeiten Beethovens nie habe Geschmack abgewinnen können. Ja, bei mir beginnt das schon bei der viel bewunderten neunten Symphonie, deren drei erste Sätze mir, trotz einzelner Genieblitze, schlechter vorkommen als sämtliche der acht frühern Symphonien, deren vierter Satz mir aber so monströs und geschmacklos und in seiner Auffassung der Schillerschen Ode so trivial erscheint, daß ich immer noch nicht begreifen kann, wie ihn ein Genius wie der Beethovensche so niederschreiben konnte. Ich finde darin einen neuen Beleg zu dem, was ich schon in Wien bemerkte, daß es Beethoven an ästhetischer Bildung und an Schönheitssinn fehlte.

Da Beethoven zu der Zeit, wo ich seine Bekanntschaft machte, bereits aufgehört hatte, sowohl öffentlich wie in Privatgesellschaften zu spielen, so habe ich nur ein einziges Mal Gelegenheit gefunden, ihn zu hören, als ich zufällig zu der Probe eines neuen Trios (D-dur 3/4 Takt) in Beethovens Wohnung kam. Ein Genuß wars nicht, denn erstlich stimmte das Pianoforte sehr schlecht, was Beethoven wenig kümmerte, da er ohnehin nichts davon hörte, und zweitens war von der früher so bewunderten Virtuosität des Künstlers infolge seiner Taubheit fast[180] gar nichts übrig geblieben! Im Forte schlug der arme Taube so darauf, daß die Saiten klirrten, und im Piano spielte er wieder so zart, daß ganze Tongruppen ausblieben, so daß man das Verständnis verlor, wenn man nicht zugleich in die Klavierstimme blicken konnte. Über ein so hartes Geschick fühlte ich mich von tiefer Wehmut ergriffen! Ist es schon für jedermann ein großes Unglück, taub zu sein, wie soll es ein Musiker ertragen, ohne zu verzweifeln! Beethovens fast fortwährender Trübsinn war mir nun kein Rätsel mehr.

Das Nächste, was ich nach Vollendung der Kantate schrieb, war ein Violinquartett (das zehnte, op. 30 bei Mecchetti in Wien). Sehr brillant für die erste Violine, wurde es bald mein Paradepferd und ich trug es daher unzählige Male in Privatgesellschaften vor. Dann folgte das Oktett, in welches ich auf den Wunsch des Herren von Tost, der damals eine Reise nach England vorhatte, ein Händelsches Thema aufnahm, variierte und thematisch bearbeitete, weil Herr von Tost glaubte, es werde dadurch für jenes Land an Interesse gewinnen. Auch diese Komposition trug ich wiederholt vor, wobei außer mir hauptsächlich die drei Bläser, der Klarinettist Friedlowsky und die Hornisten Herbst und – ?, dessen Name mir entfallen ist, Gelegenheit fanden, sich auszuzeichnen.

Im Herbst 1814 versammelten sich in Wien die Fürsten Europas und ihre Minister, und es begann jener berühmte Kongreß, von dem die deutschen Völker die Erfüllung der ihnen bei ihrer Erhebung gemachten Zusagen erwarteten! Eine Masse Neugieriger und Müßiger strömte herbei, um den Festen beizuwohnen, die der Kaiser seinen Gästen in noch nie gesehner Pracht geben wollte. Vor der Rückkehr des Kaisers nach Wien hatten schon einige stattgefunden, die durch ihren Glanz die Erwartungen auf die folgenden noch mehr spannten. Bei einem derselben war auch ich tätig gewesen. Es war eine großartige Nachtmusik in einem der Höfe der Burg, die, ich erinnere mich nicht mehr, ob dem Kaiser oder dem Fürsten Schwarzenberg gebracht wurde. In der Mitte des nicht großen, aber von hohen Gebäuden umgebenen Platzes war eine Erhöhung für das große Chor- und Orchesterpersonal aufgeschlagen worden. Den Sängern gegenüber auf einem Balkon befand sich der Hof und der Hofstaat. Ein zahlreiches Publikum, dem der Eintritt nicht verwehrt worden war, füllte den übrigen Raum des Hofes.

Ich erschrak, als ich die Lokalität und das zu Tausenden angewachsene Publikum sah, denn ich hatte mich anheischig gemacht, ein Violinkonzert[181] vorzutragen, und fürchtete nun, meine Töne würden in dem weiten Raume ungehört verhallen. Ein Zurücktreten jetzt noch war indessen nicht mehr möglich, und so ergab ich mich in mein Schicksal. Es lief jedoch alles besser ab, als ich erwartet hatte. Schon bei der Ouvertüre bemerkte ich, daß die hohen Gebäude den Schall recht gut zurückwarfen; ich trat daher mit erneuetem Mute vor. Die ersten Töne meines Solos befreiten mich auch von der Besorgnis, daß die Nachtfeuchtigkeit nachteilig auf meine Saiten einwirken werde; denn meine Geige klang kräftig und hell wie gewöhnlich. Da nun auch das Publikum während meines Spieles in lautloser Stille verharrte, so wurden selbst die feinsten Nuancen meines Vortrages allenthalben deutlich gehört. Die Wirkung war daher eine sehr günstige und gab sich durch lebhafte Beifallsbezeugungen zu erkennen. Ich habe nie vor einem zahlreichern, aber auch nie vor einem empfänglichern Publiko gespielt!

Unter den vielen durch den Kongreß herbeigezognen Fremden befanden sich mehrere Künstler, die den Zeitpunkt für sehr günstig hielten, um in Wien Konzert zu geben. Hierin täuschten sie sich jedoch. Denn da auch alle einheimischen Künstler Konzerte gaben, so drängten sich diese so sehr, daß sie unmöglich alle besucht sein konnten. Eine Ausnahme machte das von mir und meiner Frau am 11. Dezember 1814 gegebene, welches ein zahlreiches und glänzendes Publikum herbeigezogen hatte. Ich gab in demselben auch die Ouvertüre zum »Faust«, die mit großem Beifall aufgenommen wurde. Der Berichterstatter der Musikalischen Zeitung sagte: »Sie steigerte in uns den Wunsch, diese Oper, die bereits seit einem Jahr beendigt ist, nun endlich aufgeführt zu sehen!«

Mehrere Kunstfreunde unter den Gesandten und fremden Diplomaten, die mich in meinem Konzerte zum ersten Male gehört hatten, besuchten mich und sprachen den Wunsch aus, mich auch im Quartettspiel zu hören. Dies war die Veranlassung, daß ich während des Kongresses bei mir einige Musikpartien veranstaltete und in diesen den fremden Kunstfreunden meine neuen für Herrn von Tost geschriebenen Kompositionen zu hören gab. Noch immer erinnere ich mich mit großer Genugtuung des allgemeinen Entzückens, mit dem diese Vorträge aufgenommen wurden. Freilich wurde ich dabei auch von den ersten Künstlern Wiens unterstützt, so daß in Bezug auf Ausführung wohl nichts zu wünschen übrig blieb. Ich begann gewöhnlich mit einem Quartett, ließ dann ein Quintett folgen und schloß mit dem Oktett oder Nonett.

Außer mir gaben auch noch andre den Kongreßfremden Musikpartien, unter denen sich besonders die meines Freundes Zizius auszeichneten.[182]

Bei ihm ließen sich alle fremden Künstler einführen, und es gab daher in seinen Musikpartien oft einen wahren Wettkampf zwischen einheimischen und fremden Virtuosen. Ich hörte dort zum ersten Male Hummel sein herrliches Septett vortragen, sowie andre seiner damaligen Kompositionen. Am meisten zogen mich aber dessen freie Improvisationen an, worin ihn bis jetzt noch kein andrer Klaviervirtuose erreicht hat. Mit großem Vergnügen erinnere ich mich besonders noch eines Abends, wo Hummel so herrlich phantasierte, wie ich ihn später weder öffentlich noch privatim gehört habe. Die Gesellschaft dachte schon an den Aufbruch, als einige Damen, denen es noch zu früh war, Hummel baten, ihnen noch einige Walzer zu spielen. Gefällig und gelant, wie er gegen Damen war, setzte er sich ans Piano und spielte die verlangten Walzer, wonach die jungen Leute im Nebenzimmer zu tanzen anfingen. Ich und einige andre Künstler gruppierten uns, von seinem Spiel angezogen, um das Instrument und hörten aufmerksam zu. Kaum bemerkte dies Hummel, so ging sein Spiel in eine freie Phantasie über, die sich aber fortwährend im Walzerrhythmus erhielt, so daß die Tanzenden nicht gestört wurden. Nun nahm er aus den von mir und andern an dem Abend vorgetragenen Kompositionen einige leicht faßliche Themen und Figuren auf, verwebte sie in seine Walzer und variierte sie bei jeder Wiederkehr immer reicher und pikanter. Ja, zuletzt mußte sich das eine sogar zum Fugenthema hergeben, und er ließ nun alle seine kontrapunktischen Künste los, ohne die Walzenden in ihrer Lust zu stören. Dann kehrte er zum galanten Stil zurück und entwickelte zum Schlusse eine Bravour, wie man sie auch noch nicht von ihm gehört hatte. Dabei klangen in dieses Finale immer noch die aufgenommenen Themen hinein, so daß das Ganze sich echt künstlerisch abrundete. Die Zuhörer waren entzückt und priesen die Tanzlust der jungen Damen, die ihnen zu einem so reichen Kunstgenusse verholfen hatte!

Unter den fremden Künstlern, die vor und während des Kongresses nach Wien kamen, waren auch drei meiner frühern Bekannten, die Herren Carl Maria von Weber, Hermstedt und Fesca. Weber spielte mit großem Beifall öffentlich und privatim und folgte dann einem Rufe als Operndirektor nach Prag. Hermstedt kam in einer Zeit, wo die Konzerte sich so drängten, daß er ein eignes nicht zustande bringen konnte. Er trat jedoch mit außerordentlichem Beifall in einem Konzerte des Flötisten Dreßler auf, in welchem er die Arie mit obligater Klarinette aus »Titus« begleitete und einen Potpourri von mir vortrug, den ich ihm soeben erst nach einer neuen Komposition für Harfe und Violine, die Hermstedt besonders gefiel, bearbeitet hatte. Beide Bearbeitungen sind[183] später gestochen worden, die für Klarinette mit Quartettbegleitung als op. 81 bei Schlesinger in Berlin, die für Harfe und Violine als op. 118 bei Schuberth in Hamburg.

Fesca, der seit der Zeit, daß ich ihn in Magdeburg gekannt hatte, Mitglied der westfälischen Kapelle in Kassel geworden und nun nach deren Auflösung als Konzertmeister in Karlsruhe angestellt war, hatte sowohl als Komponist wie als Geiger große Fortschritte gemacht. Seine Quartetten und Quintetten, von ihm rein, fertig und mit Geschmack vorgetragen, gefielen sehr in Wien und fanden bei den dortigen Verlegern guten Absatz. Eins derselben begann in einem seiner Sätze mit den Tönen, die des Komponisten Namen enthalten:


Wien

Die Zuhörer fanden das sehr hübsch und verspotteten die andern anwesenden Komponisten Hummel, Pixis und mich wegen unsrer unmusikalischen Namen. Dies brachte mich auf den Gedanken, mit Hilfe der ehemals gebräuchlichen Abbreviatur des piano in po. und einer Viertelpause, die in der Notenschrift wie ein r aussieht, doch etwas Musikalisches aus meinem Namen zustande zu bringen. Es nahm folgende Gestalt an:


Wien

und wurde nun sogleich als Thema zu einem neuen Violinquartett benutzt, welches das erste von den drei Quartetten ist, die in Wien bei Mecchetti als op. 29 gestochen und Andreas Romberg gewidmet sind. Als ich es zum ersten Male bei meinem Freunde Zizius vortrug, fand es großen Beifall, und man rühmte besonders das originelle Thema mit seiner herabfallenden verminderten Quarte. Ich rief nun die, welche mich früher wegen meines unmusikalischen Namens verspottet hatten, herbei und zeigte ihnen (denn gehört hatten sie es natürlich nicht), daß das gerühmte Thema aus meinem Namen gemacht sei. Man lachte sehr über meinen Kunstgriff und verspottete nun um so mehr Hummel und Pixis, die mit allem Aufwande von Kunst nichts Musikalisches aus ihrem Namen zustande bringen konnten![184]

Unterdessen hatte sich in meiner Stellung zum Theater an der Wien und zu dessen Besitzer manches geändert. Mit dem Grafen Palffy hatte ich mich förmlich überworfen. Die Veranlassung dazu war folgende: Eines Abends, als ich in das Orchester trat, sah ich auf Seyfrieds Platze den dritten Kapellmeister des Theaters, Herrn Buchwieser, den Vater der ersten Sängerin. Ich machte ihm bemerklich, daß nur mir die Leitung der Oper zustehe, wenn Seyfried abgehalten sei, und bat ihn deshalb, sich zu entfernen. Dieser weigerte sich mit der Bemerkung, daß der Graf ihn selbst aufgefordert habe, die Oper zu dirigieren, und zwar auf den Wunsch seiner Tochter, die unter seiner Leitung am liebsten singe. Da alle meine Gegenbemerkungen nichts fruchteten und ich es unter meiner Würde hielt, unter so einem obskuren Dirigenten bei der Geige vorzuspielen, so verließ ich das Orchester und kehrte nach Haus zurück. Am andern Morgen beklagte ich mich schriftlich beim Grafen über diesen Eingriff in meine kontraktlich zugesicherten Rechte und verwahrte mich gegen jede Wiederholung derselben. Der Graf, aufgehetzt von der Primadonna, die es sehr übel genommen hatte, daß ich nicht unter der Leitung ihres Vaters hatte vorspielen wollen, antwortete statt mit Entschuldigungen, die ich erwarten durfte, mit Grobheiten, welche ich mit derberen erwiderte. Der Graf und seine Kreaturen suchten mir nun allen möglichen Verdruß zu bereiten, was mir meine Stellung sehr verleidete. Dazu kam noch, daß Palffy, seit es ihm geglückt war, die beiden Hoftheater in Pacht zu bekommen, sein eignes Theater sehr zurücksetzte. Er nahm ihm die besten Sänger und den besten Teil des Chors weg, um sie dem Personal des Kärtnertortheaters einzuverleiben, so daß an der Wien von da an fast nur noch Spektakelstücke und Volksopern gegeben wurden. Da ich nicht verpflichtet war, bei diesen mitzuwirken, so hatte ich fast gar nichts mehr im Theater zu tun. Ich konnte daher mit Gewißheit voraussehen, daß ich nach Ablauf meines Vertrages entlassen werden würde. Da nun, nachdem Napoleon besiegt und nach Elba verbannt war, ein allgemeiner europäischer Friede in Aussicht stand, so bekam ich große Lust, die schon längst projektierte Kunstreise durch ganz Europa anzutreten. Ich schlug dem Grafen vor, unsern Vertrag nach Ablauf des zweiten Jahres aufzulösen und verlangte als Entschädigung die Hälfte meines Gehaltes für das dritte Jahr in einer Summe. Der Graf, der eines so teuren Vorspielers in seinem Theater an der Wien nicht mehr bedurfte, ging gern darauf ein, und so schieden wir in Frieden voneinander.

Ich beeilte mich, alle Anstalten zu treffen, um meine Reise mit dem Frühjahre beginnen zu können. Sie sollte zunächst durch Deutschland[185] und die Schweiz, nach Italien führen, wohin mich meine Sehnsucht schon längst zog. Da ich die Absicht hatte, meine Kinder mitzunehmen, da ich voraussah, daß die Mutter auf so lange sich nicht werde von ihnen trennen können, ohne in Sehnsucht zu vergehen, so mußte ich vor allem für einen größern Reisewagen sorgen, der uns sämtlich nebst den Instrumenten aufnehmen konnte. Eine schwierige Aufgabe dabei war, ihn so leicht zu bauen, daß er mit mindestens drei Postpferden gefahren werden konnte. Ich besprach mich darüber mit dem genialen Maschinisten am Theater an der Wien, Herrn Langhans (jetzt Oberbaudirektor in Berlin), der das Ergebnis unsrer Überlegung in einer Zeichnung zusammenfaßte, nach welcher der Wagen alsdann gebaut wurde. Er hatte ein festes Dach, auf dem der mit Leder überzogene Harfenkasten und eine Kleiderwasche Platz fanden. Der Violinkasten wurde in einen Behälter unter dem Kutschersitz geschoben, so daß der sämtliche Raum im Innern des Wagens für die Reisenden blieb. Er war elegant und doch so leicht, daß er stets unweigerlich mit 3 Postpferden weiterbefördert wurde. Da ich meinen alten Wagen abgab, so war der Preis nicht übermäßig hoch.

In meinem Verhältnis zu Herrn von Tost war ebenfalls eine bedenkliche Veränderung vorgegangen. Ich hatte ihm nach Ausgleichung unsrer frühern Rechnung, die durch Ablieferung der Kantate »das befreite Deutschland« bewirkt war, nun schon wieder vier Manuskripte, das Oktett, zwei Quartetten und ein zweites Quintett eingehändigt, ohne dafür das festgesetzte Honorar empfangen zu haben. Ich dachte mir bei dieser Zahlungszögerung anfangs nichts Arges. Als sich aber plötzlich in der Stadt das Gerücht verbreitete, der reiche Herr von Tost habe große Verluste erlitten und stehe nun im Begriff zu fallieren, als er sich bei mir nicht blicken ließ, ja sogar bei einer Musikpartie, wo ich eines seiner Manuskripte vortrug, fehlte und nur die Musikmappe schickte, da wurde die Sache doch bedenklich! Ich trug ihm daher die Mappe selbst wieder hin, um bei dieser Gelegenheit womöglich mit ihm ins Klare zu kommen. Den sonst so jovialen Mann fand ich sehr niedergebeugt. Ohne Rückhalt gestand er mir seine bedrängte Lage. Es sei ihm besonders schmerzlich, sagte er, seinen Verpflichtungen gegen mich nicht nachkommen zu können; er wolle mir aber, da ohnehin seine Pläne für die Zukunft gestört, wo nicht gänzlich vernichtet seien, sogleich vor Ablauf der bedungenen Zeit alle meine Manuskripte zurückgeben, damit ich sie alsbald an einen Verleger verkaufen könne. Als Entschädigung für die Verluste, die ich dabei erleide, wolle er mir einen[186] Wechsel auf hundert Dukaten ausstellen, den er, sobald sich seine Lage nur ein wenig günstiger gestaltet habe, gewissenhaft einlösen werde. Hierauf holte er alle meine Manuskripte herbei und händigte sie mir ein. Ich, der ich der Ansicht war, Herr von Tost habe den kurzen Besitz derselben überreichlich durch die kostbare Einrichtung, die er für mich eingekauft und zu so geringen Preisen angerechnet hatte, vergütet, war durch die Rückgabe meiner Manuskripte vollkommen befriedigt und verzichtete auf jede weitere Entschädigung. Da ich indessen bemerkte, daß Herr von Tost sich dadurch gekränkt fühlte, so nahm ich den Wechsel, wohl wissend, daß bei meiner bevorstehenden Abreise von Wien an eine demnächstige Einlösung desselben nicht zu denken sein würde. Ich verkaufte nun die sämtlichen Tostschen Manuskripte an zwei Wiener Verleger und erhielt, da sie durch die häufigen Aufführungen sehr in Ruf gekommen waren, ansehnliche Honorare.

Zu Anfang des Jahres 1815 schrieb ich noch ein Quartett in C-dur (Nr. 2 des Op. 29) und ein neues Violinkonzert (das siebente, Op. 38) sowie Variationen, die ungedruckt geblieben sind, zum Gebrauche für die bevorstehende Reise; diese beiden Kompositionen trug ich auch in meinem Abschiedskonzert am 19. Februar vor. Über dieses letzte Konzert, welches ich in Wien gab, berichtete die Musikalische Zeitung sehr anerkennend. Hinsichtlich des neuesten Violinkonzertes (E-moll, C-dur, E-dur) wird bemerkt: »Sehr schwer für die Solostimme sowohl als für die Akkompagnierenden. Eine herrliche, gediegene Komposition; schöner fließender Gesang, überraschende Modulationen, voll kühner, kanonischer Imitationen, eine immer neue, reizende, glücklich berechnete Instrumentierung. Vorzüglich hinreißend ist das schmelzende Adagio (12/8 Takt).« Weiter heißt es: »Arie aus der Oper ›Alruna‹ von Spohr gesungen von Dlle. Klieber. Gefiel sehr. Das erste Tempo erinnerte etwas an Mozarts: Ach ich fühl, es ist verschwunden. Potpourri für Harfe und Violine .... Zwei Themen, ein äußerst zartes von Danzi und das allgemein bekannte und beliebte aus Voglers Castor und Pollux sind hier glücklich und sinnig verarbeitet. Das gefühlvolle Spiel der Mad. Spohr und die delikate Begleitung der Violine sprachen zu aller Herzen.« Zum Schlusse heißt es: »Über die Verdienste dieses Meisterkünstlers ist hier und wohl auch in ganz Deutschland nur eine Stimme. Wir erinnern uns noch mit lebhaftem Vergnügen des Triumphes, welchen er vor zwei Jahren über seinen Rivalen, den großen Rode, errang. Gegenwärtig verläßt er uns, um eine große Kunstreise anzutreten. Sein erster Ausflug ist nach Prag, wo seine Oper ›Faust‹ bereits einstudiert[187] wird ... Möge es ihm, der sich durch sein Talent und seinen offenen, männlichen Charakter ein würdiges Denkmal in unseren Herzen gesetzt hat, immer und überall wohl ergehen!«

Ich hatte damals wirklich die Absicht, zuerst nach Prag zu gehen, um der Aufführung meiner Oper, die Carl Maria von Weber bereits einstudierte, beizuwohnen. Später gab ich jedoch diesen Plan auf. Ich erhielt nämlich von meinem ehemaligen Intendanten, dem Baron von Reibnitz in Breslau, einen Brief, in welchem dieser im Namen einer ihm befreundeten Familie, der des Fürsten von Carolath, anfragte, ob ich wohl geneigt sei, die Sommermonate bei ihr auf ihrer Herrschaft Carolath in Schlesien zuzubringen? Die Fürstin wünsche, daß ihre beiden Töchter, deren eine Harfe, die andere Pianoforte spiele, von meiner Frau in der Musik unterrichtet würden. Man werde bemüht sein, mir und meiner Familie den Aufenthalt auf ihrem reizend gelegenen Schlosse so angenehm als möglich zu machen. Er, der Baron, sei auch eingeladen und werde sich unendlich freuen, wenn ich die Einladung annähme, um einmal wieder mit mir zusammen sein zu können!

Weil das Frühjahr und der Sommer nun ohnehin wenig geeignete Jahreszeiten sind, um Konzerte zu geben, und Dorette und die Kinder sich von dem Aufenthalte in Carolath viel Vergnügen versprachen, so sagte ich gern zu. Ich beeilte daher die Voranstalten zu unsrer Abreise, um noch vor der schönen Jahreszeit einige Konzerte in Breslau und der Umgegend geben zu können. Das nächste war der Verkauf unsrer Möbeln und Hausgeräte, der sehr schnell vonstatten ging, weil sich sogleich nach der Ankündigung eine Menge Käufer einstellten. Da unsre Einrichtung höchst elegant und dabei fast noch neu war, so überboten sich die Käufer, und wir lösten daher eine Summe, die weit über unsre Erwartung ging. Diese sowie meine Wiener Ersparnisse, die noch in Papiergeld vorlagen, trug ich nun zu einem Bankier und setzte sie in Gold um. Kaum war dies geschehen, so wurde ganz Wien durch die Nachricht alarmiert, Napoleon sei von Elba geflohen, in Frankreich gelandet und mit Jubel begrüßt worden! Die Kurse fielen plötzlich so tief, daß, wenn ich noch einen Tag länger mit dem Auswechseln meines Papiergeldes gewartet hätte, ich dadurch einen Verlust von mehr als fünfzig Dukaten erlitten haben würde.

Als ich den ersten Gedanken zu meiner großen Reise durch Europa faßte, kam mir auch der, ein Album anzulegen, auf dessen Blätter ich Kompositionen aller der Künstler, deren Bekanntschaft ich machen würde, einsammeln wollte. Ich begann sogleich mit den Wienern und[188] erhielt auch von sämtlichen dortigen Komponisten meiner Bekanntschaft kleine eigenhändig geschriebene und größtenteils für mein Album eigens gefertigte Arbeiten. Der wertvollste Beitrag ist mir der von Beethoven. Es ist ein dreistimmiger Kanon über die Worte der »Jungfrau von Orleans«: »Kurz ist der Schmerz und ewig währt die Freude.« Bemerkenswert ist:

1) daß Beethoven, dessen Schrift, Noten wie Text, in der Regel fast unleserlich waren, dieses Blatt mit besonderer Geduld geschrieben haben muß; denn es ist sauber vom Anfang bis zum Ende, was um so mehr sagen will, da er sogar die Notenlinien selbst, und zwar aus freier Hand, ohne Rastral gezogen hat;

2) daß nach dem Eintritte der dritten Stimme ein Takt fehlt, den ich habe ergänzen müssen. Das Blatt schließt mit dem Wunsche:


»Mögten Sie doch, lieber Spohr, überall, wo Sie wahre Kunst und wahre Künstler finden, gerne meiner gedenken, Ihres Freundes


Wien, am 3. März 1815

Ludwig van Beethoven«


Ich habe für dieses Album auf allen meinen spätern Reisen Beiträge gesammelt und besitze daher eine höchst interessante Sammlung kleiner Kompositionen von deutschen, italienischen, französischen, englischen und holländischen Künstlern.

Im Begriff, von Wien zu scheiden, glaube ich, nun noch einiges dort Erlebte nachholen zu müssen, was zu erzählen ich bisher keine Veranlassung fand. Zuerst in Bezug auf meinen Orchesterdienst. Dieser wurde mir einige Male dadurch sehr lästig, daß dieselbe Vorstellung an zwanzig bis dreißig Abenden hintereinander wiederholt wurde. Es geschah dies nicht nur mit zwei Mozartschen Opern, dem »Don Juan« und der »Zauberflöte«, die während meines Engagements neu besetzt und höchst glänzend ausgestattet wieder in Szene gingen, sondern auch ein Ballett, in welchem ich mehrere Violinsoli vorzutragen hatte, erlebte zur Zeit des Kongresses eine zahllose Menge von Wiederholungen. Wie es hieß, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber, daß die vom Grafen Palffy von Paris verschriebenen berühmten Tänzer Duport und die Damen Bigottini und Petitaimée darin tanzten. An sich spielte ich nun zwar diese Soli nicht ungern, da das Publikum stets aufmerksam zuhörte und mir reichen Beifall spendete; ärgerlich war es mir aber, daß ich meine Tempi nach den Schritten der Tänzer abmessen mußte, und daß[189] ich meine Fermaten und Kadenzen nicht beliebig ausdehnen durfte, weil die Tänzer nicht imstande waren, so lange in ihren Gruppierungen zu verharren. Es setzte daher manchen Wortwechsel mit dem Ballettmeister, bis ich mich endlich fügen lernte. Die Monotonie meines Dienstes suchte ich mir dadurch zu versüßen, daß ich meine Soli immer reicher verzierte und ausschmückte. Besonders war dies mit dem Troubadour aus »Johann von Paris« der Fall, der einem pas de trois in jenem Ballett unterlegt war. Es waren wie in der Oper drei Strophen, deren erste das Horn, die zweite das Violoncell und die dritte die Violine vorzutragen hatte. Ich verzierte meine Strophe anfangs sehr sangbar. Als ich aber bemerkte, daß die Primadonna, Demoiselle Buchwieser, bei der nächsten Aufführung der Oper meine Verzierungen, die sie sich gut gemerkt hatte, nachsang und damit großes Glück machte, so ärgerte mich dies, weil ich die Sängerin nicht leiden mochte, und ich verzierte von nun an in einer Weise, die sie mit der Kehle nicht nachahmen konnte.

Außer den genannten Mozartschen Opern erlebte aber auch noch eine dritte, eine neue Volksoper mit Musik von Hummel durch einen sonderbaren Zufall, wie er wohl kein zweites Mal vorkommen wird, eine lange Reihe von täglichen Aufführungen. Sie hieß die »Prinzessin Eselshaut« und war von Seiten der Dichtung ein so erbärmliches Machwerk, daß sie trotz der hübschen Musik, die auch in fünf bis sechs Nummern großen Beifall fand, am Ende einstimmig und ohne allen Widerspruch ausgepfiffen wurde. Damit wäre sie nun nach Wiener Herkommen begraben! Hummel, der dirigierte, hatte sich auch schon gegen mich, der ihm zu Ehren vorspielte, ganz resigniert geäußert: »Wieder eine total verlorene Arbeit!« Als nun aber am folgenden Abend ein anderes Stück angesetzt werden sollte, wollte sich ein solches wegen Krankheit mehrerer Mitglieder bei Oper und Schauspiel durchaus nicht auffinden lassen, und man war daher zu einer Wiederholung der Oper genötigt, selbst auf die Gefahr hin, dadurch Skandal im Theater zu erregen. Es wurde aber an jenem Abend eben des erwarteten Skandals wegen ungeheuer voll, und man pfiff das Stück nach jedem Akt und am Schlusse von neuem aus. Die Musikstücke fanden aber noch mehr Beifall als das erste Mal, und der Komponist wurde sogar am Ende, nachdem das Pfeifen verklungen war, mit Applaus herausgerufen. Da die Krankheiten fortdauerten, so mußte noch ein dritter Versuch gemacht werden, der ungefähr wie der vorige ablief. Doch war die Opposition gegen das Stück schon geringer, und die Musik gewann sich immer mehr Freunde. So konnte man ruhig fortfahren, und es fanden sich auch an den folgenden[190] Abenden wieder neue Zuhörer in genügender Anzahl ein. Am Ende wurde es Mode, hineinzugehen, auf das Stück zu schimpfen und die Musik zu loben. Hummel benutzte das schnell und gab einen Klavierauszug der beliebtesten Nummern heraus, der reißend abging. So war es doch keine verlorne Arbeit, wie er am ersten Abend gefürchtet hatte! Nicht so glücklich war Pixis mit seiner Oper »der Zauberspruch«. Sie erlag dem schlechten Buche, ohne daß die Musik sie über Wasser zu halten vermochte, obgleich sie doch auch manche gelungene Nummer enthielt. Sie gab zu einem echten Wiener Witze Veranlassung. Ein Freund des Komponisten, der der ersten Aufführung nicht hatte beiwohnen können, fragte einen anderen, der dort gewesen war: »Nun wie ist's mit der Oper von Pixis?« – »Nix is!« war die Antwort.

Noch eines Wiener Erlebnisses kann ich hier erwähnen, weil es zu denen gehört, die einen tiefen Eindruck hinterlassen und deshalb dem Gedächtnisse nicht so leicht entschwinden. Es war eine ungewöhnlich große Überschwemmung, wie sie dort vielleicht nur einmal in jedem Jahrhundert vorkommt, veranlaßt durch das Austreten des kleinen Flüßchens »die Wien«, an deren Ufer meine Wohnung lag. Sie wurde damals so groß, weil auch die Donau zugleich aus ihren Ufern trat und das Wasser der Wien nun keinen Abfluß mehr fand. Den Beginn der Überschwemmung hatte ich nicht bemerkt, weil ich bei einer Probe im Theater beschäftigt war. Nach deren Beendigung fand ich die Straße, die zu meiner Wohnung führte, aber schon überflossen, und ich erkannte, daß ich mich beeilen müsse, um noch durchwaten zu können. Demungeachtet holte ich erst meinen Geigenkasten aus dem Orchester, weil ich voraussah, daß auch dieses unter Wasser gesetzt werden würde. Nun war die Flut schon so gestiegen, daß mir das Wasser an einigen Stellen bis über die Knie reichte. Meine Familie und noch mehr die andern Hausbewohner fand ich in der größten Bestürzung. Mein Hauswirt, der Tischler, flüchtete mit den Seinigen bereits in die Höhe durch meine Etage auf den Boden und suchte dort seine Sachen im Trocknen zu bergen. Seine Eile tat Not; denn das Wasser stieg so reißend schnell, daß es nach einigen Stunden fast bis zur Beletage reichte. Nun hatten die erschrockenen Bewohner der Vorstadt einen Anblick, wie sie ihn noch nicht erlebt hatten. Die brausenden Wogen führten in buntester Mischung die verschiedenartigsten Gegenstände vorbei: Ackergerät, Wagen mit Heu oder Holz beladen, Trümmer von Ställen, totes Vieh, ja sogar eine Wiege mit einem schreienden Kinde, welches jedoch glücklich in einem Kahn gerettet wurde. Die Hausbesitzer, mit langen Stangen bewaffnet, waren[191] bemüht, die vorbeischwimmenden Gegenstände fernzuhalten, damit sie die Wände der Häuser nicht beschädigten; andere suchten dagegen mit Haken die Möbeln und andre Hausgeräte herbeizuziehen, um sie aufzufischen und zu den Fen stern herein zu bergen. Einige Stunden später, als solche Gegenstände nicht mehr vorbeiflossen, erschienen dann Kähne mit Lebensmitteln beladen, die in den überschwemmten Straßen guten Absatz fanden. Andre brachten gegen Abend die Beamten und Geschäftsleute aus der Stadt in ihre Wohnungen zu den ängstlich harrenden Familien. Da der Regen in Strömen herabfloß, so erhielt sich die Überschwemmung fortwährend in gleicher Höhe, und es war bis zum Anbruch der Nacht noch kein Sinken des Wassers zu bemerken. Solange es hell blieb, war die Szene ganz unterhaltend; als aber die Nacht hereinbrach, wurde sie schauerlich! Das Tosen des Wassers und das Heulen des Sturmes ließen zu keiner Ruhe kommen; auch war es nicht ratsam, sich niederzulegen, da man nicht wissen konnte, was noch geschehen werde! Ich bettete daher meine Kinder angezogen neben mich auf mein Kanapee. Da nun auch Dorette neben ihnen bald eingeschlafen war, so setzte ich mich an meine Arbeit, eine neue Gesangskomposition, um dem Schlafe besser widerstehen zu können. Es gelang mir auch ganz gut. Doch hatte mich der Eifer im Schaffen einigemal ans Klavier geführt, was meine Wirtsleute, die über mir auf dem Boden die halbe Nacht auf den Knieen lagen und beteten, sehr übelnahmen. »Dieser lutherische Ketzer wird uns durch sein unchristliches Singen und Spielen in noch größres Unglück stürzen!« hatte die Frau heulend geklagt, wie das Kindermädchen am andern Morgen erzählte. Doch die Nacht verging ohne weitern Unfall, und bei Anbruch des Tages war das Wasser schon bedeutend gefallen. Doch dauerte es noch bis zum Abend, bevor es so weit abfloß, daß man wieder zu Fuß durch die Straßen gehen konnte. Das Theater an der Wien mußte aber acht Tage geschlossen bleiben, weil man so lange gebrauchte, um alle Spuren der Überschwemmung zu tilgen.

Quelle:
Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Tutzing 1968, S. 169-192.
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