Ostern in Rom

[28] 1817


Unser Einzug in Rom erfüllte uns mit neuem Staunen über die Überbleibsel altrömischer Baukunst, die wir nun seit drei Monaten nicht gesehen hatten. Auch ergötzten uns die naiven Bemerkungen des Kapuziners, der zum ersten Male aufs feste Land kam und in allen Dingen so höchst unerfahren war. Seinen Schmutz abgerechnet, war er als ein gutmütiger, kindlicher Mensch wohl zu ertragen. Er war voll ungeduldiger Erwartung, den Papst und die feierlichen Funktionen zu sehen. Wie verschieden doch die Wünsche und Neigungen der Menschen sind! Ihm war wahrscheinlich so zumute wie uns am Tage vor der Catalani Konzert. Ich wünsche ihm von Herzen, daß er befriedigter nach seinem Kloster zurückreisen möge, als wir aus dem Konzerte nach Hause kamen.

Mit Mühe fanden wir in einem Privathause ein schlechtes Zimmer, wofür wir demohnerachtet täglich einen halben Piaster zahlen mußten. Alle Fremden aus ganz Italien hatten sich für die Zeit der heiligen Woche in Rom zusammengedrängt, wozu noch die Pilger und Frommen aus der halben Welt kommen, die hier Ablaß für ihre Sünden holen. Es war ein Gewühl in den Straßen, daß wir oft halten mußten.

Unser Zimmer hatte einen Ausgang nach dem Tiber über eine hölzerne Galerie. Von ihr konnten wir den Lauf des Flusses verfolgen, von der Porta Romana an bis zur Brücke vor der Engelsburg. Die stille, im Abendrot und Mondlicht glänzende Gegend jenseits des Tibers kontrastierte auffallend mit dem Gewühle, das sich über die Brücke hin- und herdrängte und dann in den Straßen verlor, die von der Engelsburg nach der Peterskirche führen. Über alle die Häuser und Paläste, die zwischen uns und der Peterskirche lagen, ragte diese stolz und majestätisch[29] hervor und erfüllte uns mit neuer Bewunderung über ihren Riesenbau. Wie ermüdet wir auch waren, so konnten wir uns doch von diesem herrlichen Anblick nicht so bald losreißen und standen noch spät bei dem milden Abend auf unserm Balkon. Als wir uns dann endlich zur Ruhe legten, so riefen wir uns noch zu: »Morgen, morgen also werden wir das berühmte Miserere hören!«


Aachen, den 10. August 1817


Hier finde ich endlich wieder einige Augenblicke Zeit, um in meiner Erzählung von unsrer Rückreise aus Italien fortzufahren.

Am 3. April abends hörten wir endlich das langersehnte Miserere in der Sixtinischen Kapelle. Man hatte uns gesagt, daß die Frauen Eintrittskarten haben und die Männer in Schuhen erscheinen müßten. Eine Karte war für Dorette jedoch nicht mehr zu bekommen, und so mußte ich mich entschließen, allein hinzugehen. Als ich aber unter der Schweizergarde am Eingange der Kirche einen Bekannten erblickte, dessen Gunst ich mir früher durch ein Geschenk für die Begleitung auf die Kuppel der Peterskirche erworben hatte, so fragte ich ihn, ob er meiner Frau nicht auch ohne Billett in die Kapelle hineinhelfen könne, und auf seine Versicherung, daß er sein möglichstes tun wolle, eilte ich schnell, sie zu holen. Nach einigem Hin- und Herreden mit den übrigen Schweizern kamen wir auch glücklich hinein, obgleich mehrere englische Damen von Stande, die ohne Billetts kamen, abgewiesen wurden. Die Schweizer können nämlich die Engländer und Franzosen nicht leiden und begünstigen die Deutschen bei solchen Gelegenheiten weit mehr, und besonders, wenn man sie mit einigen Worten »Schwizerdütsch« anreden kann.

Wir kamen noch zeitig genug und bedauerten nur, nicht beieinander bleiben zu können, um uns den Eindruck, den die Musik auf uns machen würde, sogleich mitzuteilen.

Vor dem Anfange des Gesanges wurden neunzehn Psalmen abwechselnd von hohen und tiefen Stimmen auf dieselbe Art in unisono abgebetet, die uns schon um Weihnachten so viel Langeweile gemacht hatte, und acht oder neun davon hatten wir noch zu überstehen! Nach einem jeden, der etwa fünf lange Minuten dauert, wird eins von den Lichtern verlöscht, die auf einem kolossalen pyramidenförmigen Armleuchter vor dem Hochaltäre brennen. Wie sehr wünscht man, daß auch das letzte erlöschen möge! Endlich kommt der ersehnte Augenblick, und es tritt nach und nach eine Stille ein, welche die Erwartung auf das, was[30] nun folgt, nicht wenig steigert. Dieser Spannung, der feierlichen Dämmerung in der nur noch vom letzten Schein der Abendröte matt erleuchteten Kirche und der Ruhe, die das Ohr nach dem rohen Abbrüllen der Psalmen nun endlich empfindet, war es wohl zuzuschreiben, daß der erste langgetragene Akkord von C-moll solch einen wohltuenden Eindruck auf mich machte, daß es mir Musik aus einer andern Welt zu sein schien. Doch nur zu bald wurde man erinnert, daß man eine irdische, und zwar eine von Italienern gesungene höre; denn gleich im zweiten Takte wurde das Ohr von fürchterlichen Quintenfolgen zerrissen! Der Satz heißt ohne Zweifel so:


Ostern in Rom

wurde von den Sängern aber auf folgende barbarische Art verziert vorgetragen:


Ostern in Rom

Ich würde es keinem andern, ja meinen eigenen Ohren nicht geglaubt haben, daß man so in der Sixtinischen Kapelle singen könne, wenn ich dieselbe Stelle später nicht noch einmal wiederholt gehört hätte. Ist das vielleicht die geheimnisvolle Art, diese alten Kompositionen vorzutragen, von der man erzählt, daß sie nur immer diesem Sängerchor bekannt gewesen sei und sich durch Tradition fortgeerbt habe? Doch nein! So barbarisch können nur neuere Italiener singen, die wohl Sinn für Melodie haben, in allem aber, was Harmonie heißt, im höchsten Grade unwissend sind.

Als indessen dieses erste Miserere verschmerzt war, wurde ich bald wieder angezogen. Diese einfachen Harmoniefolgen, fast nur aus Dreiklängen bestehend, dieses Mischen und Tragen der Stimmen, bald zum[31] brausendsten Forte anwachsend, bald im leisesten Pianissimo verhallend; dieses ewig lange Aushalten einzelner Töne, welches nur einer Kastratenlunge in dem Grade möglich ist, und dann hauptsächlich das zarte Einsetzen eines Akkordes, wenn von andern Stimmen der vorhergehende noch schwach und verklingend ausgehalten wird, geben dieser Musik etwas so Eigentümliches, daß man sich unwiderstehlich davon angezogen fühlt. Ich kann nun wohl begreifen, daß dieselbe in frühern Zeiten, als der Sängerchor noch besser war, auf Fremde, die noch nie eine reine Vokalmusik und Kastratenstimmen gehört hatten, einen ungeheuern Eindruck machen mußte. Auch jetzt könnte sie noch von hinreißender Wirkung sein, wenn die Sänger nur einen kenntnisreicheren Direktor hätten. So singen sie gewöhnlich nicht einmal rein!

An diesem ersten Tage wurden zwei Kompositonen von Allegri und Baini gegeben und eine jede derselben einmal wiederholt. Zwischen jedem dieser zehn nicht sehr langen Sätze wurde von den Kardinälen, Bischöfen und andern Geistlichen ein halblautes Gebet gesprochen, welches, dem fernen Rollen des Donners ähnlich, einen guten Effekt hervorbrachte. Am Ende der Funktion machten aber die Diener durch Scharren und Treten auf die Fußbänke ein für musikalische Ohren sehr unangenehmes Geräusch, welches auf eine störende Art den Eindruck der Musik, dem man sich gern länger überlassen hätte, wieder verwischte. Dieses Gepolter soll, wie man mir sagte, das Erdbeben vorstellen!

Am zweiten Abend richtete ich es so ein, daß ich erst beim Anfange des eigentlichen Gesanges, bei dem Verlöschen des letzten Lichtes in die Kapelle trat. Das Gedränge war so groß, daß ich nahe beim Eingange stehen bleiben mußte, von Engländern umgeben, die nach ihrer löblichen Gewohnheit während der Musik überlaut miteinander sprachen und sich sogar durch kein Ruhegebieten darin stören ließen. Überdies sangen die Sänger viel nachlässiger als tags zuvor und öfters recht falsch, so daß ich froh war, als das Erdbeben der Funktion ein Ende machte. Zu den zwei Kompositionen von gestern waren noch drei neue hinzugekommen, weshalb jede nur einmal wiederholt zu werden brauchte. Im übrigen war alles gerade wie das erste Mal.

Ich habe späterhin die Sammlung von Misereres gesehen, die bei Kühnel in Leipzig herausgekommen sind. Es ist aber unter diesen keins von denen, die wir in Rom gehört haben. Die Bibliothek der Sixtinischen Kapelle wird aber auch wohl so reich an Misereres sein, daß man mehrere Jahre hintereinander immer andere zur Aufführung wählen kann.[32]

Beide Abende sahen wir nach dem Miserere die Kreuzbeleuchtung in der Peterskirche. Beim Hereintreten durch den Haupteingang, wo man das erleuchtete Kreuz in der weitesten Entfernung sieht, macht sie einen imposanten Eindruck, sobald man sich aber nähert, verliert sie sehr. Die Wirkung würde weit größer sein, wenn alle übrigen Lichter in der Kirche ausgelöscht wären. So brennen aber nicht allein hunderte von Lampen rund um den Eingang in die unterirdische Kapelle, sondern noch unzählige andre Lichter in allen Räumen der Kirche. Man sieht daher die blendende Erleuchtung am Kreuze keine reinen Schlagschatten werfen. Auch das Pantheon wird an diesem Abend erleuchtet, was von herrlicher Wirkung sein soll. Leider kamen wir erst, als die Lichter schon wieder ausgelöscht waren.

Am Abend vorher führte mich der Prinz Friedrich in eine Gesellschaft, wo von Dilettanten der fünfzigste Psalm oder das Miserere von Marcello recht gut gesungen wurde. Da aber die Orchesterbegleitung wie immer in Rom sehr schlecht und die Komposition etwas monoton war, so wurde es mir bald langweilig, und ich war froh, als es zu Ende war. Man erzählte mir viel Herrliches von einer Aufführung des Stabat Mater von Pergolesi, die acht Tage vor unsrer Ankunft in einer Kirche stattgefunden hatte, und worin die Häser und die Schönberger wunderschön gesungen haben sollen. So mag dies übrigens ziemlich seichte Machwerk, durch den Reiz von zwei schönen Stimmen belebt, wohl noch einigen Effekt machen!

Am Sonnabend machten wir vormittags einen weiten Spaziergang nach St. Paul, um die herrlichen ägyptischen Säulen in der übrigens häßlichen Kirche zu sehen. Auf dem Rückwege sahen wir die Pyramide des Cestius und den »Scherbenberg«. Mittags trafen wir im Speisehause »zum Hermelin« mit einem deutschen Zeichner, Herrn Rösel, zusammen, der uns leicht beredete, mit ihm noch einen zweiten Spaziergang zu machen. Zuerst zeigte er uns eine antike, unterirdische Wasserleitung (die cloaca maxima, glaub' ich), dann gingen wir nach einer kleinen unbedeutenden Kirche, die aber schöne Altertümer hat, um dort den griechischen Gottesdienst, der nur an diesem Tage gehalten wird, zu sehen; das Gedränge war aber so groß, daß wir nicht hinein konnten. Hierauf sahen wir den Tempel der Vesta und erstiegen zuletzt den Monte Aventino, wo uns unser Begleiter vor eine Gartentür führte und durch das Schlüsselloch eine der überraschendsten Aussichten zeigte. Der Anblick war prächtig! Durch einen langen, überwachsenen Bogengang erblickt man nämlich die Kuppel der Peterskirche, von der untergehenden Sonne vergoldet. Wir ließen uns dann den Garten öffnen, um eine[33] sehr große und schöne Palme, die gerade in der Blüte stand, anzustaunen.

Helles Glockengeläute und Kanonensalven von der Engelsburg erinnerten uns am andern Morgen, daß es erster Ostertag war, und mahnten uns zum schnellen Ankleiden, um die feierlichen Funktionen in der Peterskirche nicht zu versäumen. Doch hätte uns das fürchterliche Gedränge auf der Brücke fast vermocht, wieder umzukehren. Schwebend in der Luft kamen wir endlich auf die andre Seite des Tibers und eilten nun in eine weniger angefüllte Seitenstraße, die uns auch auf den Platz vor der Kirche führte. Hier fanden wir schon viele tausend Menschen, worunter Pilger mit ihren Muschelhabiten, aus allen Gegenden der Welt versammelt, die ungeduldig auf den Moment warteten, wo der Papst den Segen vom Altan herab erteilt. Bis dahin war es aber noch lange Zeit, und wir machten deshalb vorher erst noch einen Gang durch die Kirche, wo wir alles wie um Weihnachten aufgeputzt fanden, und zogen, da wir doch von der Zeremonie wenig sehen konnten, es vor, bei dem schönen Wetter lieber einen Spaziergang zu machen. Gegen zwölf Uhr waren wir wieder zurück und fanden das Volk schon in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Der Altan über dem Haupteingange der Kirche war mit rotem Sammet dekoriert und zum Schutz gegen die Sonne ein kolossales Zelt darüber ausgespannt. Auf dem Säulengange linker Hand war eine Loge für die ausgezeichneten Fremden errichtet. Zuerst erschienen auf dem Balkon Pagen mit Kerzen, dann kamen die Kardinäle und zuletzt der Papst, auf einem Sessel getragen und zu beiden Seiten die Fächer von weißen Straußfedern. Sobald er erschien, warf sich alles Volk auf die Kniee, und es trat eine feierliche Stille ein, während vorher das wildeste Geschrei getobt hatte. Dieser Moment hatte etwas sehr Ergreifendes. Der alte, blasse Mann erhob sich dann und erteilte mit langsamer, würdevoller Handbewegung den Segen. Unterdessen wurden vom Balkon zwei Zettel herabgeworfen, wovon der eine, wie man mir sagte, die Verdammung aller Nichtkatholiken und der andere Ablaß für alle anwesenden Rechtgläubigen enthält. Die Verdammungsbulle aber erreichte den Boden nicht, sondern flog, vom Winde getrieben, in ein offen stehendes Fenster, während der Ablaßzettel vom Volke, das sich darum balgte, aufgefangen wurde.

Auf dem Wege nach dem Speisehause gesellte sich Herr Kölle aus Stuttgart, den wir früher in Dresden gekannt hatten, zu uns. Er fragte uns unter anderm, wie wir mit unsrer Reise in Italien und dem, was wir gesehen hätten, zufrieden seien? Ich klagte ihm darauf, daß wir[34] so manches nicht den Erwartungen gemäß gefunden hätten, die frühere Reisende in uns erregt hatten. Er fand das sehr natürlich und meinte das käme daher, weil keiner der Reisenden bei seiner Rückkehr gestehen wolle, daß er von seinen Vorgängern gleichsam in April geschickt sei. Es fällt mir, fuhr er fort, die bekannte Anekdote dabei ein, wo ein Mensch ankündigte, er habe ein Pferd im Stalle, welches den Kopf da habe, wo bei anderen der Schwanz säße. Die Neugierigen fanden aber nichts als ein Pferd, welches mit dem Schwanze an die Krippe gebunden war, hüteten sich indessen wohl, es den andern vor der Tür zu verraten – weil sie sich schämten. Die Anwendung ist leicht!

Nachmittags machten wir noch einen Spaziergang in die Villa Borghese und rüsteten uns dann zur Abreise, die auf den nächsten Morgen bestimmt war.

Quelle:
Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Tutzing 1968, S. 28-35.
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