Maskerade

Maskerade,

[68] der bal masqué, oder wie man dieses Karnevals-Institut nennen will, zu sein pflegt und einige wohl gemeinte Ratschläge wohl als nützlich erscheinen lassen dürfte.

Die landläufige Maskerade, wie sie sich in den Zeitungen anzukündigen pflegt, gegen ein mäßiges Eintrittsgeld, das nur von den Wenigen erlegt wird, welche zufällig kein Freibillet haben, zu besuchen und zum Nutzen der Küche und des Kellers irgend eines einnahmebedürftigen Wirts arrangiert, ist eigentlich keine. Man besucht sie entweder im Frack, welcher in den Kreisen solcher Wirte als Maske gilt, oder entnimmt, wenn man Grund hat, inkognito zu sein, an der Kasse irgend einen noch wenig geflickten Domino[68] und betritt so, von allen Seiten als Sonderling betrachtet und als solcher behandelt, den Saal.

Man vergesse keinen Augenblick, daß der Karneval kein geborener Norddeutscher ist, und erwarte kein Verständnis für den Mummenschanz. Macht man also einen Maskenscherz, so hat man sich es selbst zuzuschreiben, wenn man aus dem Saal fliegt. Öffentliche Maskenbälle besuche man daher nur in einem Lokal, in dessen Nähe sich Sanitätswache und Unfallstation befinden.

Kann man aus irgend einem Grunde den Besuch nicht unterlassen, so mache man keinen Spaß mit einem, den man nicht genau kennt. Denn der eine, den man nicht genau kennt, ist vielleicht ein geborener Spaßverderber und haut zu, was er »verbitten« nennt, und dann ist doch der ganze Abend verdorben.

Wählt man eine Maske, so verfalle man nicht auf die eines Rowdy mit Ballonmütze und Dame. Denn man könnte in die Lage kommen, von den anwesenden echten Rowdies angesprochen und, da man hierauf nicht antworten kann, als der Spionage verdächtig durchgebläut zu werden. Dies schmälert jedes Vergnügen beträchtlich.

Trinkt man auf solchen Maskeraden gern deutschen Sekt, erstens: weil er billig ist, und zweitens: weil er ähnliche Kopfschmerzen wie der französische hervorruft, so bestelle man französischen Sekt. Man bekommt dann deutschen, der allerdings wie der französische berechnet wird. Dies liegt aber nur an der falschen Etikette, die sich auf der Flasche befindet.

Tanzt man mit einer Dame, die ein Gretchenkostüm trägt, so spreche man mit ihr nicht über das Wesen Gretchens. Da sie nämlich davon nichts weiß, so wird sie verstimmt und ruft vielleicht einen anwesenden Beschützer herbei, der schon vorbestraft ist. Ebenso verhalte man sich gegenüber einer Königin[69] der Nacht, einer Jungfrau von Orleans, einem Rautendelein oder einer Themis, da ihr der Maskenverleiher nichts näheres über diese Vermummung gesagt hat.

Eine Pappnase wird am bequemsten in der Tasche getragen. Trägt man sie im Gesicht, so hat man sich die Folgen selbst zuzuschreiben.

Wer auf einer Maskerade mit aller Gewalt nach etwas trachtet, das sein wahres Wesen verbirgt, der bestelle einen Cognac. Es ist ganz gewiß etwas anderes.

Entsteht wegen einer Dame die bekannte Differenz, die gewöhnlich durch Thätlichkeiten geschlichtet wird, so sage man, es sei spät, man habe am anderen Morgen frühzeitig zu arbeiten, und verabschiede sich rasch von dem Gedränge, von dem man umgeben ist. Dies ist allerdings in den meisten Fällen nicht mehr möglich, aber es kann auch gelingen, weil auf solchen Maskeraden alles vorkommen kann.

Wenn man die Gewohnheit hat, in Gesellschaft zu soupieren, so nehme man zur Maskerade weder Uhr, noch Ring mit und lasse auch größere Kassenscheine, an die sich angenehme Erinnerungen knüpfen, zu Hause. Dies macht an dem Tisch, an welchem man speist, nicht beliebt, verhindert aber wahrscheinlich Meldungen bei der Polizei, welche keinen Erfolg haben können.

Mit Damen, welche abfärben, tanze man nur Quadrillen. Auch sage man ihnen nicht, wo man wohnt, weil sie gewöhnlich die Adresse nicht vergessen.

Wird man durch das Vertrauen einer Dame ausgezeichnet und erfährt man von ihr, sie sei die unglückliche Frau eines eifersüchtigen Gatten, oder die verzweifelnde Tochter eines strengen Vaters, so gewinnt man jede Wette, daß alles nicht wahr ist.[70]

Man gehe auf eine Maskerade nicht ohne die Visitenkarte, auf der die genaue Adresse angegeben ist. Denn man könnte doch eine Dame nach Hause begleiten und auf dem Wege dahin bewußtlos aufgefunden werden. In solchem Fall ist es gut, daß man nach der Wohnung transportiert wird, wo man unter den Augen des Arztes längere Zeit arbeitsunfähig sein kann.

Dergleichen hat man nicht zu befürchten, wenn man Privatmaskeraden besucht, zu denen man in ein gastliches Haus eingeladen, oder wenn man ein Kostümfest mitmacht, welches von einem Verein arrangiert worden ist und zu dem man auf dem Wege der Protektion ein Billet kaufen konnte.

Eine Privatmaskerade hat das Bequeme, daß man in dem Augenblick des Eintritts, namentlich wenn man bis zur Vollständigkeit vermummt ist, sofort erkannt und mit vollem Namen und Berufsangabe angerufen wird.

Man vermeide es vor allem, durch eine Maske sich in einen vollkommenen Gegensatz zu seiner Individualität zu setzen. Einige wenige Fingerzeige mögen zur Verhinderung der schlimmsten Mißgriffe beitragen:

Für eine Dame, welche keinen Augenblick den Mund halten kann, eignet es sich wenig, als Stumme von Portici zu erscheinen, denn dieses unglückliche Mädchen hat sich nur durch die Augen- und Fingersprache verständlich gemacht.

Spricht man keine andere fremde Sprache, als nur die durch die Nase, so komme man weder als Faust, noch als Mephistopheles, weder als Don Juan, noch als Zampa, so kleidsam deren Kostüme sein mögen. Die Genannten sprachen und sprechen, wie ihnen der Schnabel, nicht aber, wie ihnen die Nase gewachsen ist. Kann man also den angedeuteten Umweg[71] beim Sprechen nicht bis zur Maskerade loswerden, so bleibe man lieber zu Hause, wo es ja auch ganz amüsant sein kann.

Ist man sehr korpulent, so eignet sich die Falstaffmaske besser als die weibliche eines Offiziers der Heilsarmee. Auch zu der beliebten Storchmaske gehören z.B. schlanke Beine. Hat man nun Elephantenbeine, so sieht der genannte Vogel wie ein Bastard aus und man reizt die Gesellschaft zu den schlechtesten Bemerkungen. Die Stange Lack, die man in den Mund steckt, um den Storchschnabel anzudeuten, kann nichts retten, abgesehen davon, daß sie im Laufe des Abends lästig wird.

Hat eine Dame, was ja möglich ist, keine Waden, so komme sie nicht als Radlerin mit Pumphosen. Sie begnüge sich damit, wenn sie dies Vademecum nicht besitzen sollte, öffentlich zu radeln.

Hat man keine Idee vom sächsischen Dialekt, so erscheine man nicht als Striese aus dem »Raub der Sabinerinnen«. Auch wenn man nicht komisch ist, wähle man diese Maske nicht. Da man seltener komisch als langweilig ist, so entscheide man sich überhaupt nicht für eine Maske, die einigen Witz erfordert.

Macht eine Frau sich den Spaß, auf dem Maskenball ihr Kostüm zu wechseln, so läuft sie Gefahr, daß ihr von dem ahnungslosen Gatten der Hof gemacht wird, was ihr den Spaß verderben würde. Sie unterrichte ihn also zeitig von ihrem Maskenscherz.

Damen, welche sich den Fünfzigern nähern und die Absicht haben, die Einladung zum Maskenball anzunehmen, werden gut thun, schließlich um neun Uhr abends anstatt einer Maske das Nachtkostüm anzulegen und schlafen zu gehen. Der Schlaf vor Mitternacht ist der gesündeste.[72]

Wenn man das Bedürfnis zu gähnen hat, so befriedige man es, indem man die Maske vor das Gesicht nimmt, denn man könnte vom Festgeber beobachtet werden.

Hat eine Dame ein helles Kleid, daß schon einige Flecken hat, so ziehe sie es an, wenn sie kein anderes besitzt, setze eine Strahlenkrone auf und behaupte, sie sei als Sonne gekommen, dann werden die Flecken für eine geistreiche Nüance gehalten.

Man nehme von den auf dem Ball gereichten Weinen vorsichtig. Möglicherweise könnte der Wirt sich den Maskenscherz erlaubt haben, einen leichten Mosel als Liebfrauenmilch verkleidet erscheinen zu lassen. Es giebt nämlich bei solchen Gelegenheiten sehr erfindungsreiche Wirte.

Man vergesse nicht, eine Maske zu duzen. Es giebt Masken, die das Wesen der Maskerade nicht kennen und das Du sehr übel nehmen. Von solchen bleibt man dann den ganzen Abend verschont.

Will man nicht wieder eingeladen sein, so erscheine man im Trikot, einen Papierstreifen mit Adresse und Dreipfennigmarke um die Hüften geschlungen, und erkläre, man komme als Drucksache unter Streifband. Dies ist originell und erfüllt den Zweck vollkommen.

Man sage immer »Schöne Maske«, namentlich zu einer häßlichen. Diese meint ja doch, daß die Bezeichnung »schön« etwas zu niedrig gegriffen sei.

Will man sich den weiblichen Masken angenehm machen, so vergesse man nicht, daß sie sich amüsieren wollen, und unterhalte sie geistreich, wenn man das nicht versteht. Das amüsiert jede Dame, weil bei solcher Gelegenheit zahlreiche Dummheiten gesagt werden.

Man urteile über den Abend und die Gäste nicht wegwerfend, wenn man mit einer Fee oder einem[73] Engel spricht, denn gewöhnlich pflegt die Fee oder der Engel eines der weiblichen Mitglieder der Familie zu sein. Mit einem Tadel hat man meistens Pech.

Man wähle kein Kostüm, welches gewissermaßen hermetisch verschlossen ist, es möge zu Hause auch noch so vorteilhaft aussehen und wegen seiner Eigenschaft außergewöhnlich gut sitzen. Dies sei sowohl den Herren, als auch den Damen empfohlen. In einem solchen Kostüm sitzt man wie in einem Gefängnis, welches, wenn man sich bis zum anbrechenden Morgen auch nur einmal heraussehnt, grausamer ist, als ein wirklicher Kerker. Ich hoffe, mißverstanden zu werden.

Bevor man sich, man sei jung oder alt, entschließt, in der Maske eines Gigerl die Maskerade zu besuchen, denke man womöglich nach. Denn vielleicht wird man garnicht als verkleidet angesehen, indem man in nahestehenden Kreisen allgemein als Gigerl bekannt ist.

Damen, welche durch einen schönen Hals ausgezeichnet sind, müssen Männern gegenüber vorsichtig sein, besonders wenn sie so naiv sind, daß sie die Schritte nicht bis drei zählen können, welche sie sich die Männer vom Leibe halten müssen. Denn ein schöner Hals ist für manchen die Gelegenheit, einen naheliegenden Maskenscherz zu wagen und unter der Angabe, man sei ein Schmuck, um den mehrfach berührten Hals zu fallen.

Steht eine Dame im kräftigsten Mannesalter, so wähle sie eine Phantasiemaske, als welche ich das Gaslicht mit Glühstrumpf, das letzte Pferd, oder einen Marsbewohner empfehle. Denn wenn die bezeichnete Dame etwa in einem Kostüm aus dem Anfang unseres Jahrhunderts erscheint, so fordert sie förmlich, die Frage heraus, wie es möglich gewesen sei, daß sie das Kostüm so sorgfältig seit ihrer Jugend aufbewahrt[74] habe. Diese Frage ist sehr knotig, aber es wäre doch möglich, daß sich in der Gesellschaft ein Knote befindet.

Nimmt an der Maskerade ein Harlekin teil, der jedem eins mit seinem hölzernen Schwert versetzt, oder ein boxendes Känguruh, so verlasse man schon vor dem fünften Pritschenstreich, oder vor dem dritten Boxerschlag das schöne Fest und gehe in ein benachbartes Restaurant, wo überhaupt nicht gehauen wird.

Bevor man den Saal betritt, frage man einen Diener, ob schon ein Herr auf einem Papppferde hineingesprengt sei. Wird diese Frage bejaht, so wisse man, daß dieser Centaur, wenn er lustig wird, – und ein Pappreiter wird immer lustig, – im Laufe des Abends und der Nacht häufig durch die Menge galoppiert oder die hohe Schule reitet. Dann schreibe man flink auf seiner Visitenkarte, man leide an Zahnschmerzen, lasse die Karte dem Wirt zustellen und entferne sich. Man muß eben nicht zu vergnügungssüchtig sein.

Ebenso opferfreudig und entsagungsreich verfahre man, wenn man durch die Indiskretion des Dieners vernimmt, in der Gesellschaft sei ein Feuerwerker, ein Bierbrauer mit einem Faß, ein Kutscher mit Peitsche oder ein Kunstschütze erschienen. Man darf schon im Vorsaal nicht vergessen, daß man zwar zwei Augen habe, aber keines gut missen könne. Dasselbe gilt mutatis mutandis auch von etlichen anderen Einzelheiten des menschlichen Körpers.

Ist eine Dame anwesend, welche sich um keinen Preis demaskieren will, wohl aber schweigsam tanzt und vor der Demaskierung den Ball verläßt, so hat man entweder sehr viel oder nichts verloren. Frägt man aber die Wirtin, welche sie kennt, so hat man nichts verloren. Man frage also nicht.[75]

Wer eine nicht allgemein bekannte Maske angelegt hat, muß darauf gefaßt sein, Irrtümer zu erwecken. Ich erinnere mich eines Gastes, der das pompöse Kostüm eines indischen Nabobs trug. Als er dann wegging und kein Trinkgeld gab, sagte der Diener: »Det war 'n Schnorrer!«

Zu Hause angekommen, schwöre man: Nie wieder! aber so leise, daß es niemand hört, denn am folgenden Tage kommt die Einladung zum nächsten Maskenball, die man annimmt.

Verlassen wir die Privatmaskerade, um uns wieder öffentlichen Vergnügungen zuzuwenden, für welche, wie wir wissen, die Regeln, nach denen man sich zu verhalten hat, noch nicht feststehen. Das hat das Publikum oft genug erfahren, wenn es z.B. ein langweiliges Stück abgelehnt hatte und ihm nun von einem Kritiker klar gemacht wurde, daß man einem solchen Stück einen glänzenden Erfolg zu bereiten habe.

Das Publikum weiß also noch nicht, wie es sich im


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 41906, Bd. I, S. 68-76.
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