Badereise

[15] die Hauptrolle im Sommer.

Es gab eine Zeit, wo nur der Kranke eine Badereise unternahm, um sich die Heilung oder Linderung zu holen. Das hat aufgehört. Jetzt werden Badereisen meist von Gesunden unternommen, um sich angenehm zu unterhalten, eine geringere Zahl von solchen Gesunden wird auf die Badereise von den Ärzten geschickt, welche einige Sommerwochen Ruhe haben, nicht täglich Besuche machen und nachts nicht herausgeklingelt[15] sein wollen. Solche Ärzte werden namentlich von Damen allen andern vorgezogen.

Wenn nur Kranke Badereisen unternähmen, so würden die Heilorte verteufelt schlechte Geschäfte machen.

Gesunde Damen, welche um jeden Preis eine Badereise thun wollen, haben solche schon während des Frühlings sorgfältig nötig zu machen. Wenn der Gatte an nichts Böses denkt, – und es giebt auch solche Gatten, – haben die Frauen über zunehmende Korpulenz zu klagen, auch wenn von dieser Korpulenz nichts zu sehen ist, als irgend eines der vielen Hilfseinrichtungen große körperliche Steilheit zu verbergen.

Ferner zu empfehlen ist: Die Dame frühstückt in Abwesenheit ihres Gatten reichlich und ißt dann mittags nichts. Während dieser Unthätigkeit sind Klagen über gänzlich verschwundenen Appetit auszustoßen. Wird sie dabei von ihrem Gatten sehr besorgt und kopfschüttelnd angesehen, so thut sie ein Übriges und sage etwas von ihrer Furcht vor Magenerweiterung und ähnlichen Luftschlössern.

Vergeht dadurch dem Gatten der Appetit, so ist der erste Spatenstich zum Kofferpacken geschehen.

Hat der Gatte das Begehren, dann und wann den Junggesellen zu spielen, indem er den Ring in der Westentasche trägt, so hat es die Gattin leichter. Dann kommt ihr der Gatte wohl mit der Aufforderung, im Sommer etwas für ihre Gesundheit zu unternehmen, entgegen. Dann willigen die Damen nicht ein, ohne den Gatten zu bitten, sie nicht allein reisen zu lassen, was er dann unter irgend einer zugkräftigen Unwahrheit ablehnen wird, aber doch gerne hörte. So ist beiden geholfen.[16]

Hat die Dame allein die Badereise angetreten, so schildere sie, angelangt, die Öde des Badeortes, wenn sie sich umgesehen und sich überzeugt hat, daß sie sich sehr gut unterhalten wird. Trifft sie einen ihrer tapfersten Verehrer, so kündigt sie dies ihrem Gatten mit den Worten an: »Was die Gesellschaft betrifft, so ist solche überhaupt nicht vorhanden, ich habe wenigstens nicht einen Bekannten gesehen.«

Ähnlich schreibt der Mann, der seine Frau am häuslichen Herd zurückgelassen hat, wenn er in dem Badeort eine Jugendfreundin wiederfand, welche gleichfalls Heilung sucht.

Man hüte sich in einem Kurort, das erste Bouquet zu verschenken. Il n'y a que le premier bouquet qui coûte. Denn dann nehmen die Bouquets keine Ende.

Wenn man in einem Badeort keine Ruhe haben will, so ist dies leicht zu veranstalten. Man braucht nur leicht zugänglich zu sein. Es finden sich dann immer Leute, welche andere langweilen, um sich selbst nicht zu ennuyieren.

Man habe die löbliche Absicht, seinen Lieben etwas schönes von der Reise mitzubringen und kaufe in Badeorten nichts. Auf diese Weise kann man Geld sparen. Ein anderes Mittel kenne ich nicht.

Hat man aber viel Geld oder noch mehr und hat nicht darauf zu sehen, daß es sich vermehre, so spiele man mit Herren, denen man eben vorgestellt worden ist. Alsbald vermehrt sich das Geld nicht. Hat man im Gegenteil alles verloren, so bestelle man sich per Telegraph von seinem Bankier eine größere Summe und erwiedere die Grüße der erwähnten Herren nicht mehr, denn es sind Bauernfänger. Will man aber erfahren, daß es ehrliche Leute sind, so frage man nur sie selbst.

Trifft man am Brunnen eine tiefschwarz gekleidete Dame, die im vorigen Jahr ihren Gatten und gestern[17] ihr Portemonnaie verloren hat, so entferne man sich schleunigst, um dem jungen Mädchen den Schmerz zu ersparen, durch weitere Mitteilungen ihre Wunden noch weiter aufzureißen.

Sieht man dann am folgenden Tag an der Mittagstafel die Beklagenswerte in Gesellschaft eines reichen Amerikaners, so erhebe man sich zum Zeichen ehrender Teilnahme, was der reiche Amerikaner nicht bemerken wird.

Ist man Freund von romantischen Erzählungen, so lasse man sich von diesem Amerikaner das Glück schildern, das ihm in den Schooß fiel, indem er durch einen wunderbaren Zufall die junge Wittwe kennen lernte. Man beeile sich aber, denn es könnte doch sein, daß das beglückende Mädchen mit einem reicheren Amerikaner durchbrennt. Dann ist es zu spät.

Will man im Kurorttheater eine neue Operette hören, so warte man, bis »Die Fledermaus« gegeben wird und gehe hinein. Eine neuere Operette hat das Repertoire nicht aufzuweisen. Gastiert darin eine berühmte Soubrette, so darf man überzeugt sein, daß sie überhaupt nur gastiert, weil sie nirgends mehr engagiert wird. Lernt man sie persönlich kennen, so sage man ihr nicht, daß man sie bereits vor neunundzwanzig Jahren als Martha gehört habe. Denn dies ist vielleicht schon vierunddreißig Jahre her, und dann hat man sich blamiert.

Auf dem Wege zum Speisen weiche man behutsam solchen Personen aus, welche gerne ihre Krankheitsgeschichte erzählen. Hat aber jemand zu erzählen begonnen, so entschuldige man sich, indem man versichert, man habe leider Appetit, und entferne sich mit Schleue.

Hat man längere Zeit schlecht gegessen und wird man von einem Besucher des Badeorts mit der Behauptung, dort sei das Essen ganz vortrefflich, in ein anderes Restaurant geschickt, so sage man nicht, dies[18] sei nicht wahr, bis man sich davon überzeugt hat. Man glaube aber nicht, daß man sich nicht davon überzeugen wird.

Wird man bei Tisch gut bedient, so gebe man freudig die verschiedenen Trinkgelder. Wird man schlecht bedient, so gebe man dieselbe Summe, wenn man morgen nicht noch schlechter bedient werden will.

Findet in manchen Kurorten schon in aller Frühe Musik statt, so ist man machtlos dagegen. Man versuche es einmal, um nichts unversucht zu lassen, mit einer Petition an die oberste Behörde des Städtchens, aber man wird keinen Erfolg zu verzeichnen haben. Das Kurorchester ist meist aus steuerzahlenden Bürgern des Badeorts zusammengesetzt, mit deren Gewerbeschein nicht zu spaßen sein dürfte, auch pflegen sie verheiratet zu sein und etliche Kinder komponiert zu haben. Man entschließe sich aber einmal, mit verstopfen Ohren an den Brunnen oder an die Quelle zu gehen, wozu man sich nicht zweimal entschließt, denn es sieht schlecht aus und nützt nichts.

Wird dem Kurgast die Zeit lang, so ist ihm das Folgende zum Zeitvertreib zu empfehlen: 1. Er richte wegen der Höhe der Kurtaxe eine Eingabe an die Badedirektion. Dieselbe wird zurückgewiesen. Alsdann wiederholt man die Reklamation. Auch diese findet keine Berücksichtigung. Alsdann zahlt man. 2. Rasiere er sich selbst, wenn er bisher gewöhnt war, sich rasieren zu lassen. Dies ist sehr unterhaltend, besonders anfangs, wo man sich ab und zu noch schneidet. 3. Gehe er zum Photographen, blättere im Vorzimmer in dem dort ausliegenden alten Jahrgang der »Fliegenden Blätter« und gehe dann wieder fort, ohne photographiert worden zu sein. Dies ist wohl das Kurzweiligste in einem Kurort.

Werden Ausflüge unternommen, an denen man teilnimmt, so finde man sich erst im Augenblick des[19] Aufbruchs am Sammelplatz ein, so daß die Damen ihre Regenmäntel, Taschen, Schirme und andere nicht unwichtige Gegenstände bereits unter die Herren zum Tragen verteilt haben. Dies wird für ungalant und egoistisch gehalten, befreit aber von einer höchst langweiligen Last.

Will man auf gemeinschaftlichen Ausfahrten nicht durch Gespräche, die man bereits auswendig weiß, in Anspruch genommen sein, so suche man einen Sitz neben dem Kutscher zu erobern, welcher gegen ein kleines Trinkgeld das tiefste Schweigen leistet, was durch eine Gabe bei einem Kurort nicht zu erreichen sein würde, selbst wenn er die Gabe einsteckte.

Besucht man einen Kurort gern, so wäre es sehr unvorsichtig derart kurgemäß zu leben, daß man ihn geheilt verläßt und ihn im nächsten Jahr nicht wieder aufsuchen müßte. Man lebe also genau nach der Vorschrift der Ärzte, deren Interesse es ist, daß der Kurgast wiederkehrt. Hieraus folgt, daß man sich vor Ausschreitungen hüte, welche man sich selbst verschreibt, denn solche könnten gerade zur völligen Wiederherstellung führen, die man weise zu vermeiden sucht.

Nach der Ankunft in einem Kurort miete man sofort eine passende Wohnung. Hat man solche gefunden und fragt den Wirt, was sie koste, so sagt er das Doppelte. Sofort biete man, was sehr unvorsichtig ist, die Hälfte, denn man bekommt sie für diesen Preis, der noch um ein Viertel zu hoch ist. Man darf aber nie vergessen daß die Wirte doch im Winter leben wollen.

Man wird in Kurorten häufig von alten Bekannten oder von noch älteren Unbekannten angeredet, welche nichts zu reden haben und sich daher kurortsüblicher Phrasen bedienen. Man sei also auf passende Antworten gefaßt. In der ersten Zeit des Aufenthalts wird[20] man gefragt: »Sind Sie wieder hier?«, worauf man rasch nein antwortet. Dieselbe Antwort giebt man, wenn der Aufenthalt zu Ende geht, auf die Frage: »Sind Sie noch hier?« In solcher Weise trägt man vielleicht nichts dazu bei, daß diese dummen Fragen aufhören.

Ist man allein in einem kurzweiligen Kurort, so schreibe man nicht zu zärtlich an die Gattin. Sie kommt sicher.

Dieselbe Vorsicht hat die Frau zu beobachten, welche in einem kurzweiligen Kurort allein ist. Der Gatte kommt vielleicht.

Der Sommer ist vorzugsweise für Feste reserviert, welche sich zum großen Teil im Freien abspielen. Unter diesen stehen die Feste der


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1905, Bd. II, S. 15-21.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon