Kur in der Stadt,

[54] die man bewohnt. Es wird sich immer ein Arzt finden, der nicht vor allen seinen Patienten Ruhe haben will, sondern den einen oder den andern veranlaßt, das Karlsbader Wasser, anstatt heiß an der Quelle, kalt oder gewärmt daheim zu trinken. Es hilft dies bisweilen ebensowenig.

Man benimmt sich in solchem Fall genau, als wäre man zur Kur in Karlsbad, indem man sich nicht an die Anordnungen des Arztes kehrt und Diätfehler begeht. Nur auf dem Gebiet des Trinkgeldgebens lebt man mäßiger. Auch sind der Kaffee und das Gebäck nicht so gut. Ader das Trinken ist bedeutend gesünder, weil es ohne Musik vorgenommen werden kann, nachdem der vorgeschriebene Brunnen aus der Apotheke oder der Mineralwasserhandlung eingetroffen ist.

Genau wie in Karlsbad beginnt man nach dem Wassertrunk zu laufen und sich zu ärgern, daß man erst nach längerem Spazieren frühstücken darf. Hierbei schadet es der Gesundheit nicht, daß man dies thut, ohne irgend eine Kurtaxe zu bezahlen. Trifft man aber unterwegs einen guten Freund, so ist anzunehmen, daß man auch nicht um einige alte Anekdoten kommt, wie man sie in dem böhmischen Wunderkurort zu hören pflegt.[54]

Wer beim Promenieren ungern auf den Anblick polnischer Juden verzichtet, wird allerdings während des heimatlichen Kurgebrauchs trostlos sein, denn sie sind künstlich nicht zu beschaffen. Sehr reiche Leute könnten sich allerdings den Luxus leisten, gewandte Schauspieler als polnische Juden verkleidet so auftreten zu lassen, daß sie ihnen begegnen, aber es wäre dies doch unnütz, denn es ist keinenfalls das Wahre. Die polnischen Juden müssen echt sein oder sie müssen garnicht sein. Das: Sint, ut sunt, aut non sint gilt nicht nur von den Jesuiten, sondern auch von den polnischen Juden.

Vermißt man auch ungern berühmte Badegäste auf der Promenade, so lege man ein Album von Photographieen bekannter Persönlichkeiten der Neuzeit an und sehe es durch, wenn man von der Promenade um Frühstück nach Hause kommt. Man hat hierbei den Vorteil, daß die photographierte Berühmtheit immer besser aussieht als deren Original und man deshalb niemals schwer enttäuscht wird.

Trinkt man den Karlsbader, Marienbader oder anderen Brunnen aus der Flasche gleich nach dem Aufstehen oder noch im Bette, so wird man natürlich mancherlei schwer vermissen, was dem verwöhnten Karls- und Marienbader Kurgast oft so sehr kränkt und ihm missenswert erscheint. Indes gewöhnt man sich, wenn man ziemlich vernünftig ist, leicht an die fehlende Morgenmusik oder man ersetzt sie ganz kostenlos dadurch, daß man die Fenster öffnet und den Lärm der Pferdebahnen und anderer Verkehrsmittel in die Stube dringen läßt. Auch wird wohl in irgend einer Nähe schon in der Frühe Klavier geübt. Indes wird man auf jede Musik gern verzichten, wenn man sich sagt, daß selbst das teuerste Wasser durch Musik nicht in etwas verwandelt wird, was schlechter schmeckt.

Man gewöhnt sich auch leicht daran, daß man[55] beim Brunnentrinken im Hause keine Blumen bereit zu halten braucht oder, wenn man eine Dame ist, Blumen anzunehmen und sie so lange mit sich herumzutragen hat, bis man sie unbemerkt wegwerfen kann. Hält man es aber für wichtig, daß man als Kranker Blumen spendet, so bestelle man einigemal aus einer Blumenhandlung etliche Bouquets und verschenke sie, wenn man das Haus verläßt. Schon bei der ersten Überreichung der Rechnung wird man auf fernere Bouquets mit einem gewissen Vergnügen verzichten.

Trinkt man den Brunnen außerhalb des Hauses, etwa in einem Garten, in welchem auch vorschriftgemäß nach dem Wassergenuß auf- und abgegangen wird, so bilde man sich trotzdem noch immer nicht ein, daß man ein Kurgast sei, der sich Kurwidrigkeiten zu schulden kommen lassen dürfe. Dergleichen kann sich nur der wirkliche Kurgast erlauben.

Dagegen halte man still, wenn ein anderer Brunnentrinker seine Leiden schildert, auch wenn dies in möglichst appetitlicher Weise geschieht, was ja in einem wirklichen Kurort nicht zu geschehen pflegt. Diese Schilderung der intimsten Geschehnisse, welche so fördernd auf das Unberührtbleiben des Frühstücks wirkt, sind wohl imstande, dem Zuhörer den ganzen Zauber eines Weltbadeorts zu erschließen.

Trifft man beim Promenieren einen Freund oder Bekannten, der Geschmack genug hat, nicht von dem körperlichen Zustand zu erzählen, der ihn zwinge, in aller Frühe Wasser zu trinken, so traue man seinen Ohren nicht. Kann man nach einer neuen Prüfung seinen Ohren trauen, so halte man den Freund oder Bekannten für die ganze Dauer der Kur fest, da er ein seltener Mensch ist, der in Badeörtern noch bedeutend seltener ist.

Man verliebe sich nicht, wie dies in Kurorten zu geschehen pflegt. Denn dergleichen eignet sich eben für[56] Kurorte besser als für irgend einen Platz, wo man der Gesundheit oder der Wiederherstellung lebt. Hat man sich aber unvorsichtigerweise verliebt, so spreche man mit dem Arzt darüber, um zu erfahren, ob dies nicht vielleicht als eine Verschlimmerung des körperlichen Leidens zu betrachten sei.

Hat der Arzt Getränke, die man mit Vorliebe genießt, für die Dauer der Kur und vier Wochen darüber strenge verboten, so achte man dies Verbot, verrate es aber den Freunden in der Stadt, da man von diesen dann verführt werden wird, gerade die verbotenen Getränke zu genießen. Man hat alsdann einen Vorwand, das Verbot zu verletzen und macht den Freunden ein Vergnügen, wodurch man in den Besitz eines zweiten und gewiß edleren Vorwands gelangt ist.

Hat man sich so weit vergessen, daß man während der Kur bis zum frühen Morgen mit guten Freunden wach blieb, so beeile man sich, früh genug nach Hause zu kommen, um nicht gleichzeitig mit dem weckenden Diener an der Thür de Schlafzimmers einzutreffen. Dem Diener sage man dann, daß man heute früher als gewöhnlich das Wasser getrunken habe, sich wieder niederlegen und noch einige Stunden schlafen wolle. Sagt hierauf der Diener nichts, so weiß er alles, und thut er, als wenn er irgend etwas sagen wolle, so weiß er gleichfalls alles.

Das späte oder richtiger frühe Heimkehren ist im Sommer nur deshalb sehr fatal, weil dann schon in den ersten Morgenstunden das freundliche Dunkel fehlt. Namentlich ist es schwer, die Haltung zu bewahren, wenn man von den Männern und Frauen gesehen wird, welche der Beruf bei tagschlafender Zeit auf die Straße nötigt. Hierher gehören die Droschkenkutscher, die Brot- und Zeitungsträger, die Schutzmänner und ähnliche wackere Leute. Der von der Arbeit heimkehrende Einbrecher sei hier nur erwähnt, weil man[57] von ihm vielleicht mit einem dankbaren Blick betracht wird, der sich dadurch erklärt, daß er die Menschen wohlwollend auszeichnet, welche nachts nicht zu Hause zu sein pflegen. So stört er sie nicht, und er wird nicht von ihnen gestört. Man sehe sich einen solchen Mann aber genau an. Vielleicht kommt er gerade aus der Wohnung, die man jetzt aufsucht und ausgeplündert findet.

Man unterlasse es nicht, während des Sommers in den Wirtshäusern, welche man, wenn es schon Tag geworden, verläßt, ein Handtuch zu deponieren. Dies hängt man über den Arm oder nimmt es zusammengerollt in die Hand, um auf dem Nachhauseweg als zum Baden Gehender zu gelten. Sollte aber jemand bei diesem Anblick lachen, so kennt er den allgemein bekannten Trie bereits.

Man verzögere die Frühheimkehr nicht dadurch, daß man noch die Morgenblätter abwartet. Denn um diese Stunde bedarf man keiner künstlichen Mittel, um einzuschlafen, und die nach Schluß der Redaktion eingetroffenen Telegramme pflegen meist ebenso unwichtig zu sein, wie die vorher eingetroffenen.

Man setze sich nicht auf eine Bank im Tiergarten, um sich an dem köstlichen Frühgesang der lieben Vögel zu erquicken, denn gewöhnlich hat man bei solchen Gelegenheiten eine goldene Uhr bei sich, bis man beim Erwachen entdeckt, daß man gefleddert worden ist. Das gegen das Leichenfleddern vielfach empfohlene Mittel, bei der Heimkehr eine Weckuhr mitzuführen, falls man einen großen Park passiert, hat sich nur insofern bewährt, als der Leichenfledderer auch die Weckuhr mitnahm.

Kommt auf solchem Heimweg ein Herr mit schwerem Knotenstock und Ballonmütze hinter einem Busch hervorgesprungen, so sei man ganz ruhig und frage ihn, was die Uhr sei. Antwortet er mit einem[58] Hieb, so sei man schon fort, denn der Schutzmann kann nicht überall sein.

Wird man in aller Frühe von einer Dame um Schutz gegen einen Mädchenjäger gebeten, so bitte man diesen Verfolger um Schutz gegen die Dame. Es ist dies wohl das einzige Mittel, mit blauem Auge davonzukommen. Für das blaue Auge läßt man natürlich Portemonnaie und Uhr in den Händen des vermeintlichen Mädchenjägers zurück, während die Dame sich mit einem einfachen Siegelring begnügt.

Ist man das Opfer einer solchen Komödie geworden und wünscht man außerdem in unbezwinglichem Ehrgeiz einen Lacherfolg, so erzähle man den Freunden, was passiert ist und sorge für Veröffentlichung dieses Vorfalls in den Tagesblättern als Beweis für die Unsicherheit in der nächsten Umgebung der Stadt. Natürlich hört man von keinem Freunde, daß nur einem ganz dummen Kerl dergleichen passieren könne und auch, daß Dummheit eine Gottesgabe sei, für welche man nicht genug dankbar sein könne, aber man merkt doch bald an gewissen Neckereien, daß man sich einmal wieder sehr beliebt gemacht habe. Addiert man dann den Inhalt des Portemonnaies und den Wert der Uhr und des Siegelrings, so spielt diese Summe eigentlich keine Rolle gegenüber dem Vergnügen, welches man seinen lieben Freunden gemacht hat.

Ist man gefleddert oder in der geschilderten originellen Weise beraubt, so bemühe man den auf den Hilferuf herbeieilenden Schutzmann nur dann, wenn Fledderer oder Parkräuber von diesem Beamten noch erreicht werden kann. Im anderen Fall behellige man den Beamten oder die Behörde nicht mit dem Vorgefallenen, da man nur dadurch Plackereien aller Art, als da sind: Besuche in Polizeibureaus, Konfrontationen der eingezogenen Verdächtigen, Durchsehen des Verbrecheralbums und ähnlichen zeitraubenden Geschäften[59] auszuweichen vermag. Dagegen darf man überzeugt sein, daß man Portemonnaie, Uhr und Siegelring nicht wiederbekommt. Indem man also nicht noch viele kostbaren Stunden dazu opfert, verringert man dann den Ärger über den Verlust um ein Erkleckliches. Dies werden alle loben, namentlich die Polizeibeamten, welche sich freuen, nicht fortwährend an die Unthaten der Verbrecher erinnert zu werden.

Kommt man trotzdem wieder in den Besitz des Geraubten, so lese man die Schillersche Ballade: der Ring des Polykrates und suche die Erinnyen zu versöhnen. Wie dies anzustellen sein wird, das wird man wohl selbst am besten wissen. Das Einfachste wäre ja, genau wie Polykrates zu verfahren, aber es ist dies nicht besonders zu empfehlen, weil auf den Fisch kein Verlaß ist, der den Ring in die Küche zurückzuliefern haben würde. Es ist schon vernünftiger, man begnüge sich mit der Wiedererlangung des Gestohlenen und stelle keine weiteren Experimente an, die Götter, die augenscheinlich auf Verderben sinnen, in eine versöhnlichere Stimmung zu versetzen. Das Beste ist schon, man nehme das Geld, das man den Göttern opfern wollte, verzehre es in guten Notweinen, zu denen man die Freunde einladet, und warte das Weitere ab.

Es bedarf wohl für den vernünftigen Mann nicht unliebsamer Vorfälle, um die Sehnsucht nach dem völligen Ausspannen und Erholen immer frisch zu halten. Zwar heißt es, daß Arbeit das Leben süß mache, aber das Ausspannen und Erholen macht es doch auch nicht bitter.

Um ausspannen und sich erholen zu können, muß man arbeiten. Man arbeite also auch im Sommer. Man kann allerdings auch ausspannen und sich erholen, ohne zu arbeiten, wozu nichts weiter als eine hinreichende Rente nötig ist. Das letztere bleibt vorzuziehen.[60]

Ausspannen und sich erholen heißt Nichtsthun. Es geschieht zur Beruhigung der Nerven und zum Sammeln neuer Kräfte, welche man braucht, um die Nerven wieder zu beunruhigen. Wer sich nun schämt, nichts zu thun, und behauptet, er könne nicht Nichts thun, weil das Nichtsthun ihm die größte Arbeit sei, der ist auch sonst ein Heuchler.

Eine Dame weiß nicht, was ausspannen heißt, indem sie in einem Badeort täglich dreimal Toilette macht, um dem Publikum stets neue Kleider und neue Hüte zu zeigen. Sie wird dann allgemein bedauert, weil sie doch so angestrengt arbeitet und es eigentlich nicht nötig hat.

Die Männer haben viele Formen, in den


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1905, Bd. II, S. 54-61.
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