Landpartie.

[26] Ist man gerne an die Freuden des Winters erinnert, von denen die der Landpartie ausgeschlossen ist, so arrangiere man wenigstens eine solche oder beteilige sich daran, wenn man dazu aufgefordert wird. Aufgefordert wird man jedenfalls, und man kann sich nicht immer drücken.

Ist man Junggeselle, so sei man vorsichtig. »Eine Partie machen« ist bekanntlich ein Doppelsinn. Fürchtet man, verlobt zu werden, und fühlt man sich nicht stark genug, die Intriguen eines edlen liebenden Mutterherzens zerreißen oder durchkreuzen zu können, so lehne man die Einladung ab, indem man auf Falb verweist, welcher den Tag der Partie als einen kritischen verzeichnet und Regen, Hagel, Überschwemmung, Gewitter und scharfen Nordwind fest versprochen habe. Dies braucht nicht wahr zu sein.

Man wird am anderen Tage verhöhnt, aber das ist manchem lieber, als der Empfang von Gratulationen. Man kenne also die einladende Familie genau und wisse, ob sie töchterrein ist. Hat sie ausschließlich verheiratete oder verlobte Töchter, so nehme man freudig an.

Will man trotzdem loskommen, so verbiete man, daß man geweckt werde, um als Entschuldigung den Eid leisten zu können, daß man nicht geweckt worden sei. Dies kann man mit gutem Gewissen.

Macht man mit, so stelle man sich pünktlich zum[26] Rendezvous ein, um daselbst noch in aller Ruhe zwei Cigarren rauchen zu können, bis alle versammelt sind.

Am Ziel der Boot- oder Wagenfahrt angelangt, lagere man sich im Kreise der Gesellschaft und freue sich über jede Ameise, jede Raupe und jeden Käfer, von denen man bekrochen wird. Versäumt man dies, so hat man allein die Schuld, wenn die Partie nur einen Achtungserfolg erringt, da man dann hören muß, daß man der Gesellschaft wegen der wenigen unschuldigen Tierchen die anfangs so gute Laune verdorben hat.

Aus demselben Grunde finde man auch die saure Milch so süß, daß man niemals etwas anderes trinken möchte, auch wenn man bis dahin ein passionierter Wein- oder Biertrinker gewesen ist und später bleiben wird.

Wenn in den Wald gegangen wird, so wünscht man, ohne es laut werden zu lassen, daß die Gesellschaft das Lied »Wer hat dich, du schöner Wald« anstimmen wird. Da dies nämlich unbedingt geschieht und leider durch keine Macht der Landpartie verhindert werden kann, so ist es zu schmerzlich, wenn man unbegreiflicherweise annahm, das unvermeidliche Lied werde einmal nicht laut werden.

Wer den Verdacht erwecken will, den Tod zu suchen, das Schicksal herauszufordern, mit dem Leben zu spielen, an unheilbarem Pessimismus zu leiden oder Schopenhauer und Nietzsche gelesen zu haben, versäume es nicht, sich der Fraktion der Landpartie, die eine Bootfahrt unternimmt, anzuschließen. In dem Boot findet sich immer ein etwas angesäuselter Teilnehmer der Gesellschaft, der nicht still sitzt, sondern sich erhebt und das Boot ins Schwanken oder zum Kentern bringt. An schönen Sommertagen sind auf Landpartieen regelmäßig mehrere fahrlässige Töter oder Mörder unterwegs.[27]

Ist das Boot infolge des sieghaften Witzes des Angesäuselten umgeschlagen und hat man vorher keinen Schwimmgürtel oder ein sonstiges Rettungsstück, wie man es im entscheidenden Moment nie bei der Hand hat, angelegt, so kann man hoffentlich schwimmen. Dann danke man seinem Schöpfer, auch dann, wenn man nicht schwimmen kann, keinen Rettungsgürtel oder dergleichen hat und wie durch ein Wunder gerettet wird.

In diesem Fall bitte man das Mitglied der Gesellschaft, welches das Abenteuer verschuldet hat, es nicht wieder zu thun, was aber nichts mehr ändert und, wenn versprochen, nicht gehalten wird.

Es geht jedenfalls aus dem Gesagten hervor, daß jeder Teilnehmer einer in eine Wasserfahrt ausartende Landpartie sich vorher zu unterrichten hat, welche Mittel anzuwenden sind, um Verunglückten und Bewußtlosen oder Scheintoten beizustehen.

In den Lokalzeitungen, in welchen der betreffende Vorfall mitgeteilt wird, liest man dann die Worte: »Wie schon oft« oder: »Trotz aller warnenden Beispiele« und ähnliche. Auch solche Bemerkungen bleiben völlig unbeachtet oder in den Wind gedruckt.

Ist man ein kaltblütiges Mitglied solcher Wasserpartie, so nimmt man sich vor, einen solchen angesäuselten oder übermütigen Knoten in dem Augenblick, wo er sich zu seinem lebensgefährlichen Unfug erhebt, im Interesse der Gesellschaft niederzuschlagen, man thut es aber nicht, und das Unglück wird nicht verhütet. Man mache also von der Kaltblütigkeit dadurch den besten Gebrauch, daß man nicht mit zehn Pferden in ein Boot zu bringen ist, um an dem geschilderten Vergnügen teilzunehmen.

Man habe keinen Schirm auf die Landpartie mitgenommen. Jedenfalls tritt Regen ein, wenn auch erst, wenn die Gesellschaft sich gerade vortrefflich[28] amüsiert. In diesem Fall wird dem Schirmbesitzer der Vorwurf nicht erspart, daß er durch seine Vorsicht den Regen verschuldet habe, was unbedingt verstimmt. Aus diesem Grunde trage man auch keine hellen Beinkleider.

Man merke sich überhaupt: Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, wo es der Schauplatz einer Landpartie ist. Dies gilt nicht nur gegenüber dem Regenschirm, sondern auch, wenn man darauf aufmerksam macht, daß man den Abgang des letzten Lokalzuges versäume, falls sich die Gesellschaft nicht beim Aufbrechen sputet.

Erkennt man den Mosel- oder Rheinwein als untrinkbaren Essig, so lobe man ihn aus guten Tropfen, um nicht als Spaßverderber oder Nörgeler, dem nichts genüge, zu gelten.

Wenn man sich bei Tisch erinnert, daß man in demselben Wirtshaus früher am Schluß der Tafel einen nicht würmerfreien Käse kommen sah, so warne man die Tischgenossen, aber in einer Weise, die sie nicht erschreckt, sondern die sie nur auf einem Umweg warnt und die auch den Wirt nicht verletzt. Man gebe der Warnung die Form eines Toastes, der mit den Worten schließt: Der Käse soll leben!

Wird irgendwo ein Echo aufgetrieben, so bemühe man es nicht und zwar nicht nur, weil man dazu schreien muß und ohnehin am Tage nach der Landpartie heiser zu sein pflegt, sondern weil man dadurch andere Teilnehmer veranlaßt, das Echo zu wecken, das alsdann gewöhnlich zu Verbalinjurien mißbraucht wird, welche selbst eine hartgesottene Gesellschaft auf die Dauer in Harnisch bringen können. Will man sich eben nicht mitbeleidigen lassen, so bitte man um die Erlaubnis, sich auf einen Augenblick entfernen zu dürfen, um das Echo zu interviewen. Alsdann rufe man:[29]

Was sind die Teilnehmer der Gesellschaft, auch wenn sie sich nicht zum Vergnügen boxen?

Was empfinde ich, obschon ich bei ihnen noch nicht lange weile?

Wie findest du vertreten das weibliche Geschlecht?

Wie fandest du die Unterhaltung auf dem Waldpfade?

Wie heißen diejenigen, die in unserem Kreis bloß essen und gaffen?

Passen alle Teilnehmer unserer Gesellschaft in diese hinein?

Treiben manche nicht störend Allotria?

Nachdem das Echo diese und andere Fragen gewissenhaft beantwortet hat, wird es wohl in Ruhe gelassen werden.

Man hüte sich, von einem jungen Mädchen in der neckischsten Weise an eine einsame Stelle des Waldes geführt zu werden, da es vorkommen kann, daß daselbst ganz zufällig die Mutter, den Segen im Gewande, wartet.

Wird eine Bowle angesetzt, so denke man an den folgenden Morgen, und wenn man gerne mit Kopfschmerzen aufwacht, so trinke man tüchtig zu Ehren dessen, der die Bowle gemischt und es nicht verstanden hat.

Liebt man auf Landpartieen die Ruhe auch nur oberflächlich, so erkläre man, wenn die Spielwut ausbricht, man spiele am liebsten Lawn tennis. Dies ist ein Spiel, welches nicht ohne schwierige Herstellung des geeigneten Spielplatzes zu bewerkstelligen ist und daher nicht unternommen werden kann. So geht man frei aus.

Über dieses beliebte Ballspiel ist belehrend zu bemerken, daß es dabei darauf ankommt, einen Gummiball möglichst lang in der Luft hin und her zu schleudern und nicht zur Erde gelangen zu lassen. Wen es interessiert,[30] den unschuldigen Ball in dieser Weise zu malträtieren, lerne das Spiel gründlich, um bald ein beliebtes Mitglied der fashionablen Gesellschaft zu sein. Im anderen Fall ziehe man sich in die bescheidene Stellung eines Zuschauers zurück, in welcher man sich nicht weniger langweilen kann, als wenn man mitspielte.

Ist man so günstig placiert, daß man einen oder mehrere Bälle auf den Kopf oder in das Gesicht bekommt, so trägt man zur Erheiterung der Gesellschaft viel bei, wodurch man auch den weitschweifenden Ehrgeiz befriedigt sieht, sich angenehm zu machen.

Als ein anderes Spiel, welches den Aufenthalt im Freien kürzt, ist »Kämmerchen zu vermieten« hervorzuheben. Namentlich ist es denjenigen zu empfehlen, welche sich gern einmal als Hausbesitzer fühlen wollen. Steht man dieser protzigen Illusion gleichgültig gegenüber, so schließe man sich von diesem Spiele aus und suche sich auf andere Weise in Schweiß zu bringen und einer Erkältung auszusetzen.

Auch Krocket ist bei allen beliebt, die sich mit einem hölzernen Hammer lieber selbst auf den Fuß hauen, als dies von anderen thun zu lassen, da man dann sich höchstens selbst Vorwürfe macht und so nicht mit einem Fremden oder Bekannten befeindet, wobei die Folgen nicht vorher zu berechnen sind.

Hier ist auch das Fußballspiel zu erwähnen. Dies wird von den Chirurgen als sehr gesund geschildert, da es ihnen Gelegenheit zu verschiedenen Operationen giebt, welche durch Unvorsichtigkeit, Unkenntnis und Unglück beim Spielen nötig werden.

Das Blindekuhspiel hat den eminenten Vorzug, daß es seinen Namen nicht verändert, auch wenn einem Herrn die Augen verbunden sind, um sich an dem Spiel zu beteiligen. Er thut dies als blinde Kuh, nicht als blinder Ochse oder als blindes Horn- oder Rindvieh,[31] was nicht harmlos klingen, auch zu Vergleichungen seitens der Mitspielenden verlocken würde. Stürzt man nieder oder rennt man gegen einen Baum, so antwortet man auf die Frage, ob man sich weh gethan habe: »Nein, im Gegenteil,« wodurch man sich sehr beliebt macht. Blutet man, so muß die Auskunft dadurch ergänzt werden, daß man tröstend sagt, das Bluten höre ja doch bald wieder auf, was gewöhnlich zutrifft. Keinenfalls braucht man sich weiter am Spiel zu beteiligen, wodurch der Schmerz gemildert wird.

Vom Zeckspiel wäre dasselbe zu sagen, wenn dem Leser etwas daran liegen sollte.

Wird die Landpartie durch ein sogenanntes solennes Tänzchen abgeschlossen und fühlt man sich noch stark genug, es mitzumachen, so unterlasse man dies und rauche lieber zu noch einem vorletzten Glas Bier eine Cigarre, um nicht total abgespannt und matt in die Stadt zurückzukehren.

Dem


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1905, Bd. II, S. 26-32.
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