Scenen

[108] überhaupt eingeschaltet sein, da solche im Sommer besonders leicht aufgeführt werden, wenn die Hitze das eheliche Blut erheblicher erregt macht. Hierbei will sich der moderne Knigge weder an den Mann, noch an[108] die Gattin, sondern an beide zugleich wenden, da nach seiner Erfahrung das Talent, Scenen zu arrangieren gleichmäßig an die Geschlechter verteilt ist.

Eheliche Scenen sind im Winter und im Sommer gleich überflüssig, weil sie in den meisten Fällen zu nichts führen als zur Versöhnung. Aber sie sind auch überflüssig, weil sie langweilig sind, und das ist ihre schlimmste Eigenschaft, langweilig schon dadurch, daß sie sich überraschend ähnlich sehen. Aus diesem Grunde namentlich sollten sie unterlassen werden, vor allem aber im Sommer, wo alles, was warm macht, sorgfältiger als im Winter vermieden werden sollte.

In jeder Ehe vertritt das Regietalent, eine Scene herbeizuführen, entweder der Gatte, oder die Gattin. Beide haben es vielleicht in die Ehe mitgebracht, aber gewöhnlich hat er oder sie es allmählich verloren, wenn er oder sie das größere Talent an den Tag legte und dann vertrauensvoll das Arrangement dem anderen Teil überließ. Der moderne Knigge rät aber nicht dazu, dieses Thema auf die nächste Tagesordnung des Mittagsessens zu setzen, weil dadurch eine Scene unvermeidlich ist.

Man vermeide aber schon deshalb jede Scene, weil sie an einem bedenklichen Wachstum leidet. In den Flitterwochen war, wie man sich mit Vergnügen erinnern wird, die Scene nur klein, kaum nennenswert, eine Skizze. Dann wurde sie aber größer, je länger man sich auf dem Vormarsch zur silbernen Hochzeit befand. Aus der Scene wurde langsam, aber sicher ein Einakter und hierauf eine Komödie mit kurzen Zwischenakten, welche sich dann zu einem abendfüllenden Stück auswuchs.

Scenen sind gewöhnlich inhaltlos. Es fehlt ihnen wie den meisten modernen dramatischen Werken eine spannende Handlung. Statt deren bietet sie nichts als einen Dialog, der sich in der meisten Fällen um ein[109] nichts dreht, um eine Vorgeschichte, die nicht der Rede wert ist, um ein Wort, das gefallen ist, oder um ein Wort, das nicht gefallen ist.

Im Sommer ist die Nervosität größer als im Winter und bedarf es daher auch wohl kaum mehr als eines Wortes zum Beginn der Scene. Es genügt schon das Schnellgehen, die verweigerte Droschke, der Regen vor Eintritt des Ausflugs, die heiße Suppe, die kalte Suppe, die Fliege in der Schlafstube, oder eine andere Kleinigkeit. Man vermeide daher namentlich jede Erregung über eine Kleinigkeit.

Steckt im Gatten etwas von einem Falb, so wird er schon in aller Frühe wissen, ob ein kritischer Tag im Anzuge ist. Dann sei er so vorsichtig, als sei er die Mutter der Weisheit in Person. Nützt ihm das nichts, so erinnere er sich des nun fünfzigjährigen Worts des Ministers v. Manteuffel: »Der Starke weicht einen Schritt zurück.« Ist er, was ja meist der Fall ist, nicht der Starke, so weiche er trotzdem einen Schritt zurück.

Genügt ein Schritt nicht, so weiche er zwei Schritte zurück. Genügen diese nicht, so drei, vier und mehr. In Schritten sei man ein Verschwender. Es lohnt sich.

Dasselbe sei den Frauen gesagt, in erster Linie den sanften, welche sich immer einen Tyrannen ausgesucht haben, oder einen, der es durch ihre Sanftmut erst geworden ist. Ihr Zurückweichen hat darin zu bestehen, daß sie ihrem Nero Recht geben, wenn er es nicht hat.

Thränen sollten von Frauen nur im äußersten Notfall vergossen werden. Es giebt viele Frauen, die sie vom Blatt spielen. Durch häufiges Weinen verlieren die Thränen ihren Wert, so daß sie bald nicht höher als Glas- oder Wachsperlen notiert werden. Frauen, welche mit Thränen hauszuhalten wissen,[110] bringen dagegen mit wenigen und zwar besonders mit heimlichen Thränen, die natürlich dem Gatten gezeigt wer den müssen, große Wirkungen hervor, wenn eine Scene beendet werden soll. Allerdings ist das spärliche Thränenvergießen eine Kunst, die von den wenigsten Frauen geübt wird.

Die Rolle der Thränen der Frauen nehmen bei den Männern das Zuschlagen der Thüren, das Schreien und das Pfeifen von selbstkomponierten Melodieen ein. Von solchen Äußerungen ist dasselbe wie von den Thränen zu sagen: zu häufige Anwendung macht sie wertlos. Viele Frauen haben sich an das Thürwerfen, Schreien und Pfeifen gewöhnt, wie die Müller an das Klappern der Mühle; die schlafenden Müller wachen auf, wenn die Mühle nicht klappert. Die Männer sollten also mit ihren Geräuschen, welche nichts als das ohnmächtige Kettengerassel bedeuten, sparsam sein, wenn ihnen dies ihr Temperament irgendwie gestattet, und auf Mittel sinnen, ihre Frauen auf andere Weise zu amüsieren.

Es wird immer die Sache des Gatten bleiben, Scenen zu vermeiden, indem er den durch die größere Billigkeit empfehlenswerten Weg einschlägt, der Gattin schleunigst Recht zu geben und dann nachdenklich zu schweigen, einerlei, ob er die Scene selbst begonnen hat, oder durch die Gattin zum Eintritt veranlaßt worden ist. Versäumt er dies und läßt er sich auf die Scene ein, so bleibt ihm oft nur der Weg offen, der ihn dann zu Einkäufen von Geschenken führt, welcher also der kostspieligere ist. Vermeidet man diesen konsequent, so ist dies das zweite gute Mittel, die Scenen nicht zur Hausmannskost der Ehe anwachsen zu lassen.

Noch mag erwähnt werden, daß zur Beendigung einer Scene, in welcher der Gatte sich durch Pfeifen hervorthut, eine Melodie viel beiträgt, welche die Gattin[111] gerne hört. Ist die Gattin Wagnerianerin, so pfeife der Gatte nur Leitmotive, oder: »O du mein holder Abendstern«. Auch: »Es giebt ein Glück, das ohne Reu'« kann Wunder thun. Schwärmt die Gattin noch für den Tanz, so pfeife der Gatte den gerade Mode gewordenen Walzer, der sie möglicherweise an einen Bewunderer erinnert, mit dem sie im vergangenen Winter viel getanzt hat. Alles dies beruhigt.

Für Gattinnen und Gatten, denen die ehelichen Scenen Vergnügen machen und ein Bedürfnis geworden sind, sollen diese Zeilen nicht veröffentlicht sein. Die bittet der moderne Knigge um Entschuldigung, er will weder ein Vergnügen stören, noch erwachsenen Leuten gegenüber versuchen, sie zu veranlassen, lieber einen amüsanteren Sport als den Scenensport zu treiben. Er kann sich diesen zwar auf die Dauer nicht amüsant denken, weiß aber, daß der Geschmack verschieden ist. Er möchte nur noch hinzufügen:

Alle Großmächte erstreben den Frieden. Der Kaiser von Rußland rief sie sogar zu einer Abrüstungskonferenz zusammen. Daran sollten sich die Ehepaare ein Beispiel nehmen, namentlich solche, die nichts sehnlicher wünschen, als den Beginn des ewigen Friedens, daher dem Schritt, den der Zar auf dieser Bahn gethan, das glänzendste Lob erteilen, und die vor allem den Krieg verabscheuen. Wenn nicht alle, so müßten doch wenigstens diese Ehepaare versuchen, in ihrem Hause mit dem Abrüsten zu beginnen, um dem ewigen Frieden freies Entree zu verschaffen. Sollte sich unter allen Gatten nicht ein Ehe-Zar finden, der ein Abrüstungsmanifest veröffentlicht und eine Friedenskonferenz zusammenruft? Alle die Herren, welche den Kundgebungen zur Friedenskonferenz beigetreten sind, sollten gleichzeitig eine Agitation gegen die Fortdauer der häuslichen Scenen beginnen, eine Agitation, die der moderne Knigge sogar für wichtiger hält, als ihre[112] Beteiligung an dem Kampf gegen den Krieg. Vielleicht auch findet sich eine Gattin, die ein Blatt gründet: Die Scenen nieder! das gewiß weiblicher und nützlicher wäre, als das Blatt: Die Waffen nieder!

Jeder Sport wird übertrieben, nicht allein der eben erwähnte Scenensport, welcher eigentlich schon die geborene Übertreibung ist, weil er nicht einmal eines so großen Thieres wie der Mücke bedarf, um einen Elefanten daraus zu machen, sondern diesen Dickhäuter aus dem Nichts hervorstampft. Jeder andere Sport aber beginnt entweder aus einer Nützlichkeit oder aus einer Notwendigkeit heraus, um alsdann von seinen müßigen Anhängern übertrieben, verunstaltet, kompromittiert, lächerlich oder lästig, oder alles dies zugleich zu werden. Der moderne Knigge erinnert nur an das Nennen, das Sammeln, das Schwimmen, das Fußballspiel, das Bergsteigen, das Dichten, das Tanzen, das Knausern, das Süßholzraspeln, das Rauchen, das Zeitungslesen u.s.w. So ist natürlich auch das Radeln und zwar rascher als jeder andere Sport übertrieben worden, wenn man das


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1905, Bd. II, S. 108-113.
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