Die silberne Hochzeit

Die silberne Hochzeit.

[101] Viele Ehepaare, namentlich solche, die in der Ehe nur erst kurze Zeit eingebürgert, oder noch gänzlich Neulinge sind, haben gewöhnlich keinen rechten Begriff davon, wie lange eine Ehe dauern kann. Sie kann ungemein lange dauern. Es giebt Paare, welche sie[101] weit über die goldene Hochzeit hinaus ausgehalten haben, länger als ein halbes Jahrhundert, und welche dadurch eine Tüchtigkeit und Dauerbarkeit an den Tag legen, deren sich wenige Mitglieder fester Verbindungen und Vereinigungen rühmen können. Und es ist hier nicht etwa von den Paaren die Rede, die eine glückliche Ehe etabliert haben, sondern die Ehe wird auch durch so viele Jahre von solchen Paaren betrieben, welche den innigen und nie zu erfüllenden Wunsch hegen, sie niemals geschlossen zu haben und sich nur aus Bequemlichkeit oder aus einem anderen triftigen Grund nicht scheiden lassen oder sich nicht entschließen können, ohne gerichtliche Mithilfe in den heiligen Stand der Ledigkeit zurückzutreten. Aber die einmal geschlossene Ehe hat eine eminente Lebenskraft. Gleich nach den Flitterwochen oder dem Honigmond beginnt sie zu dauern. Von vielen wird sie in der unverantwortlichsten Weise strapaziert, auf harte Proben gestellt, gebrochen, nebensächlich behandelt, und dennoch nimmt sie kein Ende, schleppt sich, so gut oder so schlecht es gehen mag, durch Jahrzehnte, bleibt immer Ehe oder etwas ganz ähnliches, wird von Jahr zu Jahr älter und erfreut sich in den weitesten Kreisen der größten Achtung.

Wer sich verheiratet, kann sich die silberne Hochzeit nicht denken, wie etwa der Kadett sich nicht denken kann, daß er eines Tages als Veteran, mit Ehren und weißen Haaren bedeckt, in den Ruhestand versetzt werden wird. Aber man braucht bloß alt genug zu werden, um die silberne Hochzeit und die Versetzung in den Ruhestand zu erleben. Es sei hier erläuternd bemerkt, daß es in der Ehe keinen Ruhestand giebt, daß vielmehr die Begriffe Ehe und Ruhestand Gegensätze der schroffsten Art sind, und daß der Gatte anstatt in den Ruhestand versetzt zu werden, höchstens à la suite der Armee der Ehemänner gestellt wird.

Die silberne Hochzeit ist ein Titel, welcher wie[102] die Titel Justiz-, Sanitäts- und Kommerzienrat ersessen wird. Man wartet die silberne Hochzeit ab, sie kommt sicher. Sie ist, wie gesagt, für jedes Ehepaar ein schöner Beweis von Ausdauer, Geduld und anderen Tugenden, für die es nur außer dem Silberkranz kein Ehrenzeichen giebt, wie für Ausdauer, Geduld und andere Tugenden von Beamten, Juristen, Medizinern, Industriellen, Prokuristen, Haushälterinnen, Dienstmädchen etc. Nicht einmal mit dem eisernen Kreuz kennzeichnet der Staat die Ehepaare als tapfer, obschon die Ehe wie das Militär als eine Stütze des Staates gepriesen wird.

Fühlt man nun die silberne Hochzeit herannahen und ist man nicht nur ein Mann ohne Vorurteil, sondern fühlt sich auch kräftig genug, ein im Grund nicht erquickendes Fest auf sich zu nehmen, so läßt man das Datum des großen Tages allmählich bekannt werden. Dies kann nur dann schädlich sein, wenn man Freunde hat, welchen kein Familienfest heilig ist, sondern denen jeder solcher Tage nur Gelegenheit giebt, ein Gedicht oder ein Lied oder gar beides anzustiften. Die silberne Hochzeit besonders wird von Privatdichtern greulich heimgesucht und in tadelnswerter Weise becarment, ohne daß diesen Poeten beizukommen ist, welche selbst meist mit heiler Haut davonkommen. Aber nicht jeder Mensch hat Verkehr mit derlei Reimern, und wenn man zu solchen Auserwählten gehört, so kann man mit einer gewissen Seelenruhe und ohne Furcht vor poetischen Ausschreitungen das Näherkommen der silbernen Hochzeit in den weitesten Freundes- und Bekanntenkreisen bekannt machen.

Man gehe auf diesem Gebiet nicht zaghaft vor, denn schon der Titel des Festes schützt die zu Geschenken Verpflichteten vor großen Opfern, da das Silber bekanntlich den größten Teil seines Wertes verloren hat und auf dem besten Wege ist, seinen bisherigen[103] Namen Wertmetall in einen pseudonymen verwandelt zu sehen.

Übrigens fürchte man die Festpoesie nicht zu sehr, da sie ungemein harmlos ist, vor allem aber diskret. Sie spart keine Holprigkeit und keine Trivialität, um das Jubelpaar im glänzendsten Licht erscheinen zu lassen und das Haupt beider unvergänglich zu bekränzen. Auch wird mit einer Bestimmtheit, an welcher nicht zu rütteln ist, die Ehedauer um noch 25 Jahre bis zur goldenen Hochzeit verlängert, ein großer Kreis von Enkeln zum Schaukeln auf den großelternlichen Knieen hervorgezaubert und ein absolut wolkenloser Himmel für den Lebensabend vorhergesagt. Hierzu kommt noch die Schilderung der Tugenden und Vorzüge des besungenen Ehepaares, so daß es von keinem Familienmitglied oder Festgast zu erkennen sein wird, wodurch schon dem silbernen Ehrentag ein guter Erfolg gesichert ist.

Wenn dem Silberpaar am Morgen des Festes ein Ständchen dargebracht wird, so könnte dies den Darbringenden unangenehm sein, wenn sie sich den Vorwurf machen müßten, daß ihre Musik die Geweckten störe. Aber sie haben sich diesen Vorwurf nicht zu machen, da das Ehepaar entweder schon aufgestanden ist, oder, wenn erst aufgeweckt, nicht gestört wird. Vor fünfundzwanzig Jahren wären die angedeuteten Bedenken ohne Zweifel gerechtfertigt gewesen, während solche am Morgen der silbernen Hochzeit durchaus überflüssig sind. Dies ist wenigstens für die liebenswürdigen Ständchenbringer eine der erfreulichen Eigenschaften der silbernen Hochzeitsfrühe.

Da für solche Ständchen keine besonderen Programmnummern komponiert sind, so darf das Jubelpaar auf bekannte Vorträge gefaßt sein und sich so der tiefsten Rührung ungestört widmen, selbst wenn die Wacht am Rhein vorgetragen wird und beide[104] nicht immer untadelhaft fest und treu gewesen sein sollten. Wird ein Walzer gespielt, so sind die Gefeierten nicht gezwungen, ihn zu tanzen, und falls sich der Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum vernehmen läßt, darin eine Verspottung zu erblicken.

Die eintreffenden Briefe und Depeschen haben den Vorzug, daß die Bejubelten nicht gezwungen sind, sie zu lesen, da sie gleichlautend zu sein pflegen. Das Jubelpaar darf überzeugt sein, daß es so viel Glück, wie ihm gewünscht wird, auf Erden nicht giebt, und es kann daher die genaue Durchsicht der einlaufenden Dokumente auf ruhigere Stunden vertagen und sich ungeteilt den ankommenden Gratulanten widmen.

Befindet sich unter diesen einer derjenigen Männer, welche die heutige Silberfrau, als sie noch ledig war, anbeteten, aber aus irgend einem Grunde einen Korb von ihr bekommen haben, so sehe sie ihn nicht zu scharf an, wenn er ihr mit einer herzlichen Gratulation die Hand drückt. Sie könnte doch vielleicht in seinem Antlitz so etwas wie Freude, welche die Korbfreude genannt werden könnte, erblicken und dies als eine Kritik ihrer jetzigen Erscheinung auffassen, womit sie vielleicht das richtige getroffen hat, während ihre Ueberzeugung, daß auch er weder jünger noch hübscher geworden ist, ziemlich wenig Tröstliches hat.

Ist er Junggeselle geblieben, so darf sie stolz sein, indem sie sich irrtümlich einredet, er sei durch ihren Korb zu diesem verzweifelten Schritt geführt worden. Ist er dagegen verheiratet, so wird sie sich sagen, daß ihr Korb nicht so böse gemeint gewesen sei.

Befindet sich unter den Gratulantinnen eine derjenigen Damen, welche der heutige Silbergatte einst angebetet hat, bis er eine andere heiratete, so sei er nicht so ungalant, bei ihrem Anblick zu verraten, daß er nichts bedauere. Denn auch die Gratulantin könnte,[105] indem sie ihn betrachtet, von demselben tröstlichen Gefühl ergriffen sein und aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Auch der mildeste Zuschauer wird ohne Zögern zugeben, daß weder er noch sie in den letzten fünfundzwanzig Jahren merklich jünger und schöner geworden ist. Auch darf angenommen werden, daß sich seine oder ihre unangenehmen Eigenschaften in das Gegenteil nicht verwandelt haben.

Kommen Postkarten mit Gratulationen, so freue sich das Jubelpaar darüber, daß es ökonomische Freunde hat, die sich niemals durch Verschwendung ruinieren und ihm dadurch Kummer machen werden. Die Freuden, auf welche ein Paar nach der silbernen Hochzeit rechnen kann, sind eben nicht so zahlreich, als daß auf eine einzige leichtsinnig verzichtet werden könnte.

Man nehme es den Gratulanten, auch den gleichalterigen, nicht übel, wenn sie wegen des guten Aussehens des Jubelpaares vor Freude außer sich sind und wenn die jüngeren nichts sehnlicher wünschen, als einst ebenso frisch auszusehen. Auch verliere man nicht die Geduld, wenn sie sich zu noch anderen Unwahrheiten versteigen. Man sei überzeugt, daß man dies bei gleicher Gelegenheit ebenso gemacht hat und fühlte, in der Eigenschaft als Gratulant in einer bedauernswürdigen Lage zu sein. Der arme Gratulant ist gewiß ein Ehrenmann und die arme Gratulantin ohne Zweifel eine begeisterte Anhängerin der Wahrheit, welche die Lüge wie die Schneiderin haßt, welche sie mit einer neuen Robe im Stiche läßt. Sie wären auch nicht gekommen, wenn sie nicht müßten, aber da sie nun einmal gekommen sind, so müssen sie auch die Unwahrheit sagen. Man sei gerecht und frage sich: Was denn sonst?

Ist man Mitglied eines Vereins, so bereite man sich, wenn man leicht in einen nervösen Zustand versetzt[106] wird, durch längeres Beschauen von Schaukästen der Photographie-Ateliers auf das Album vor, welches die Porträts sämtlicher Vereinsmitglieder enthält und vom Vorstand mit einer Anrede überreicht wird. Dieses Album ist sehr schwer, wird aber leider auch aus anderen Gründen nicht gestohlen und bildet namentlich beim Wohnungswechsel eine bedauerliche Verkehrsstörung. Sonst aber wäre es eine sehr sinnige Festgabe, wenn die bezeichneten Porträts es nicht füllten, die indes leicht zu beseitigen und durch andere zu ersetzen sind.

Eine bedeutend schönere Vereinsgabe ist der große geschnitzte Rahmen, welcher ein Glas umspannt, unter dem man die Porträts der den Vorstand umgebenden Vereinsmitglieder erblickt. Dieses gleichfalls sehr sinnige Bild ist leicht beseitigt und durch einen guten Kupferstich ersetzt.

Wenn man, wie anzunehmen ist, an Ehrentagen in guter Stimmung ist, so schiebt man alles Holprige in den poetischen Telegrammen in die Schuhe des Telegraphenamts. Dadurch gewinnen die Glückwünsche ungemein an poetischem Wert.

Man fürchte nicht, daß die Sprecher der eintreffenden gesellschaftlichen Deputationen, welche die Vereine, Klubs und andere Gebilde zum Gratulieren an den Jubelgreis abordnen, in ihren Ansprachen Indiskretionen begehen und dadurch namentlich die Silbergattin erschrecken werden. Denn es wird nur von der Mitgliedschaft des Silberbürgers als von einer musterhaften und der Ehre und Freude gesprochen, welche sie den übrigen Mitgliedern bereitet. Des Angeredeten etwaige Zanksucht bleibt unerwähnt, von seinen Spielverlusten wird nicht gesprochen, die über ihn verbreiteten Anekdoten werden verschwiegen und das, was er thut, wenn er sich aus der Gesellschaft entfernt, nicht wiederkehrt, aber auch nicht nach Hause geht, bleibt sorgfältig[107] verborgen. Die Angst, welche der Angeredete während der Rede aussteht, ist jedenfalls sehr überflüssig, da nur von seinem Geist, seinem auf das Ideale gerichteten Streben, seinem liebenswürdigen Wesen, seiner Treue in der Freundschaft und seinen vielen Bürgertugenden gesprochen wird.

Wenn diese Ansprachen vorüber sind, ist dem Jubelgreis zu empfehlen, sich so zu plazieren, daß seine Angehörigen recht bequem mit Stolz zu ihm hinauf blicken können.

Treffen anonyme Geschenke ein, so verberge man sie sorgfältig vor den Augen der zufällig anwesenden Gratulanten. Denn solche anonyme Gaben haben nicht allein den löblichen Zweck, die Beschenkten an ihrem seltenen Festtage zum anstrengenden Nachdenken zu zwingen, sondern bergen auch in den Falten des sie umgebenden Schleiers die Gefahr, daß Gratulanten, welche nichts als ihre leere Hand zum Darreichen mitgebracht haben, mit einem geschickten und zu nichts verpflichtenden Lächeln glauben zu machen suchen, sie seien die anonymen Geber, wodurch das Verhalten des Jubelpaares ihnen gegenüber in der unnötigsten Weise günstig gestaltet wird. Diese muß dann später sehr bedauert werden.

Stellen sich im Lauf des Tages entfernte oder nahe Verwandte ein, mit denen man bis dahin noch nicht oder nicht mehr verkehrt hat, so ist dies hoffentlich der einzige Schatten, welcher auf den schönen Tag fällt, ein Schatten, der nur dann schlimme Folgen nach sich zieht, wenn die entfernten oder nahen Verwandten ihr Herz derart neuentdeckt haben, daß sie durch ihre Hilfsbedürftigkeit veranlaßt werden, sich wieder dauernd dem lieben Paare anzuschließen, wozu allerdings die Aussicht vorhanden ist.

Die silberne Hochzeit ist allerdings nicht das einzige Fest, welches die Zauberkraft besitzt, Verwandte[108] aus der Versenkung herauszulocken. Auch andere wichtige Lebenstage haben diese unangenehme Eigenschaft, die bewundert werden muß. Es sind dies solche Verwandte, welche sich aus irgend welchem Grunde ferngehalten haben. Verwandte haben unzählige Gründe, »böse« zu sein. Sie sind nicht eingeladen worden, wenn sie eingeladen sein wollten, oder sie sind eingeladen worden, wenn sie nicht eingeladen sein wollten, das ist ihnen schon ein triftiger Grund, sich für beleidigt zu erklären. Wenn jemand einen Freund zu sich gebeten hat, weil er mit ihm allein sein möchte oder allein sein muß, so wird dies von ungefähr zehn Verwandten übel genommen, da sie sich für zurückgesetzt halten. Verwandte, vorzugsweise solche, die einem lästig sind, aber die subtilste Behandlung verlangen, weil sie eben durch einen unglücklichen Zufall irgend einen gleichgültigen Verwandtschaftsgrad erlangt haben, sind immer auf das Tiefste verletzt. Solche Verwandte finden sich denn an einem Familienfesttag ein und erschrecken die betreffende Familie dadurch, daß sie »wieder gut« sein wollen. Es giebt aber auch Verwandte, welche sich erst bei solchen Gelegenheiten erinnern, Verwandte zu sein, gewöhnlich solche, deren Art der Verwandtschaft nur für den schärfsten Verstand erkennbar ist. Auch solche treten plötzlich am Tage der silbernen Hochzeit an, überzeugt, das Silberpaar zu entzücken.

Man täusche sie nicht und spare nicht mit freundlichen Worten und Händedrücken. Denn namentlich die wieder »gut« gewordenen Verwandten werden bei der nächsten passenden Gelegenheit, die eigentlich gar keine solche ist, wieder »böse« werden.

Der Jubelgatte überlasse sich mehrstündiger ungestörter Ruhe vor Beginn der Festtafel, welche ihm die größte Anstrengung und schwerste Prüfung auferlegt. Das Anhören der auf ihn gemünzten Reden[109] und Lieder erfordert einen ganzen Mann, weil er in Prosa und Strophen meist wegen solcher Tugenden gepriesen wird, welche er zufällig nicht besitzt.

Während dieser mit ungeteiltem Beifall aufgenommenen Vorträge befleißige sich die Jubelgattin einer vollkommenen Unbefangenheit, damit die Festteilnehmer nicht etwa merken, daß sie die Lobeserhebungen in das Reich der Fabel hineinlächelt, in das sie gehören. Ähnlich studiere sie sich auch die gute Miene ein, welche sie zu den Verhimmelungen ihrer Person zu machen haben wird.

Was die fast unvermeidlichen lebenden Bilder betrifft, welche den silbernen Jubilierenden vorgeführt werden, so ist gegen diese künstlerische Erscheinung nichts einzuwenden, wenn die lebenden Bilder bekannte Gemälde bekannter Meister verkörpern und in rascher Aufeinanderfolge vorübergehen. Geschwindigkeit ist insofern eine Hexerei, als sie die Zuschauer dieser Kunsterscheinung oft mehr als diese bezaubert. Aber die silberne Hochzeit fordert, wie der Regisseur der Familie fälschlich behauptet, gebieterisch die Darstellung des Lebenslaufes der zwei Silbernen und zwar nicht allein durch lebende Bilder, sondern auch durch begleitenden Text, der entweder von dem nicht zu bändigenden Poeten der Familie, oder auf Bestellung von einer Reimfabrik, welche viele Gedichtarbeiter beschäftigt, geliefert wird.

Wer das Schlimmste befürchtet, sieht sich angenehm überrascht, weil er nicht etwa das weniger Schlimme befürchtet hat.

Selten kommen die Biographieen des Silberpaares den Bilderstellern mit Stoffen entgegen, die sich gut verwerten lassen. Das Leben beider hat sich gewöhnlich ohne Rücksicht darauf abgespielt, daß es einmal in Bildern dargestellt werden soll. Dem Bildersteller würde z.B. das Leben Moses', Herkules', Odysseus', Robinsons, Napoleons, der Jungfrau von Orleans u.s.w.[110] die trefflichste Gelegenheit, interessante Gruppierungen zu leisten, darbieten, während dies die Erlebnisse der Silberpaare gewöhnlich unterlassen. So kann denn selbst der geschickteste Künstler aus der ersten Begegnung des Paares auf einer Landpartie vor 26 oder 27 Jahren, aus dem ersten Kater des nunmehrigen Silbergreises und dem ersten mißlungenen Eierkuchen der heutigen Silberbraut nicht die interessanten Gemälde schaffen, die man von ihm erwartet, und ebensowenig können solche Abenteuer den Dichter des Textes ein klassisches Epos in die ohnehin etwas unbeholfene Feder diktieren.

Wer sich auf dem Silberfest ganz besonders unbeliebt machen will, wende sich vertrauenvoll an das Jubelpaar mit naheliegenden Vergleichen des heutigen Tages mit dem vor fünfundzwanzig Jahren. Man wird nicht nur das liebe verehrungswürdige Paar auf das Tiefste verstimmen, sondern auch von allen denjenigen Gästen, auf deren Lippen ganz dieselben Scherze schweben, für geschmack- und taktlos erklärt werden.

Nach der Tafel beginnt der Ball.

Will das Jubelpaar den Beweis liefern, daß es seine Gäste für absolut liebenswürdig hält und überzeugt ist, daß sie es deshalb auch mit aller schuldigen Nachsicht behandeln, so eröffnet es den Ball. Ist dies geschehen, so macht man ihm das Kompliment, daß es mit seiner flotten Art zu tanzen bewiesen hat, wie spurlos das Vierteljahrhundert an ihm vorübergegangen, was das Paar dankbar anhört und für eine alberne Schmeichelei hält.

Will man grausam sein, so lobe man das Jubelpaar wegen seiner Ausdauer, denn es wird durch jede Erinnerung an den Tag vor fünfundzwanzig Jahren trübe gestimmt. Es giebt Jubelpaare, welche das erwähnte Lob richtig als eine Brutalität erkennen, da es sie sehr schmerzt, keine Eile zu haben und nichts[111] zu versäumen, wenn das schöne Fest seinen Höhepunkt erreicht, indem es ein Ende nimmt.

Der Autor des modernen Knigge kennt dies allerdings nur vom Hörensagen. Er hat gleichfalls den Tag erlebt, an welchem er mit seiner Frau das fünfundzwanzigste Jahr seiner Ehe vollendete, aber er hat seine silberne Hochzeit nur dadurch gefeiert, daß er sie verheimlichte. Seine Familie und Freunde waren sehr froh, als er ihnen dies einige Tage später mitgeteilt hat, und er hält diese Art, die silberne Hochzeit zu feiern, auch heute noch für die schönste.

Hier haben wir uns nun noch mit einem Tag zu beschäftigen, der wie der der silbernen Hochzeit eine Zeit von fünfundzwanzig Jahren abschließt, die aber nicht in ehelicher Verbindung verbracht sind:


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1902, Bd. III, S. 101-112.
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