Frühlingsanfang

[41] wende. Ich wüßte aber nicht, wo dies unauffälliger geschehen könnte.

Wer sich die Begeisterung für Schnupfen und[41] Husten rein bewahrt, wer den Sinn für die Schönheiten des staubaufwirbelnden Sturms und dauernder Regengüsse noch nicht verloren hat, und wer die Reize eines geheizten Ofens, obschon man diesem prinzipiell den Rücken kehrt, nach Gebühr zu schätzen weiß, wird namentlich im deutschen Norden mit innerem Behagen den 21. März, das Fest des Frühlingsanfangs, nahen sehen. Denn der norddeutsche Lenz willge wöhnlich nichts anderes sein, als ein Nachfolger des Winters, und denkt nicht daran, seine Herkunft zu verleugnen. Es ist kalt, es regnet und stürmt, und wenn der Schnee Glück hat, so fällt er noch nach dem Beginn des Lenzes.

Man hüte sich also, die Frühlingslieder wörtlich zu nehmen, von welchen die unzähligen Lyriker, deren Zahl bei der letzten deutschen Reichsvolkszählung auf anderthalb Millionen festgestellt worden ist, gerade um diese Zeit überschäumen. Dies ist sowohl bei den städtischen wie bei den ländlichen, bei den neu-wie bei den altmodischen Lyrikern zu bemerken. Sie alle sind bei der Ersteigung der Menschheitshöhen nicht schwindelfrei. Wenn sich diese Sänger während ihrer Thätigkeit nicht abschlössen, so würde man auch hören, daß sie in diesem abscheulichen Wetter nicht frei von Heiserkeit geblieben sind und trotz des wärmenden Punschgenusses ziemlich vernehmlich zu husten pflegen. Man glaube ihnen also nichts.

Aber man sei auch unseren geliebten klassischen Dichtern gegenüber möglichst vorsichtig. Wenn selbst Schiller den Frühling einen schönen Jüngling nennt, ihn mit seinem Blumenkörbchen auf der Flur willkommen heißt und ihm zuruft:


»Ei! ei! da bist ja wieder!

Und bist so lieb und schön!

Und freun wir uns so herzlich,

Entgegen dir zu gehn.«
[42]

so beteilige man sich nicht an diesem Gang. Der Weg ist kalt, zugig und schmutzig, und er ist dies auch gewöhnlich noch um Ostern herum, selten sogar sind Strom und Bäche, wie Goethe behauptet, durch des Frühlings holden, belebenden Blick vom Eise befreit, und noch seltener grünet im Thale Hoffnungsglück. Nur zu häufig duldet die Sonne Weißes und mißlingt es ihr, alles mit Farben zu beleben. Wenn nun gar Wilhelm Müller sein schönes Lied »Frühlings Einzug« mit den Versen beginnt:


»Die Fenster auf! die Herzen auf!

Geschwinde! geschwinde!

Der alte Winter will heraus!«


so ist trotzdem die größte Vorsicht geboten. Man lasse wenigstens die Fenster geschlossen, denn der alte Winter will absolut nicht heraus, und man darf überzeugt sein, daß Müller nur schriftlich für offene Fenster schwärmte, dagegen sein schönes Gedicht, während seine Fenster geschlossen waren, zu Papier gebracht hat. Wahrscheinlich hatte er sogar heizen lassen, und der alte Winter fühlte sich zwischen den vier Wänden ganz behaglich und wollte noch lauge nicht heraus.

Wer keinen Pelz besitzt, freue sich, denn er kann nicht die Unvorsichtigkeit begehen, ihn zu früh zu versetzen, um zu spät zu merken, daß der Pfandschein nicht wärmt, wenn man ihn in der Tasche hat und mit einem Sommerpaletot ausgeht.

Ist das Wetter sehr unausstehlich, so ist es durchaus praktisch, Freunde aufzusuchen, welche bereits an der Riviera, in Abazzia oder Meran waren und heimgekehrt sind, weil überall das Wetter ebenfalls unerträglich schlecht gewesen ist. Wenn man sie dies jammernd mitteilen und die Leiden und Unbequemlichkeiten in den genannten Gegenden und Kurorten schildern hört, so ist man doch etwas mit den Schrecken des[43] norddeutschen Frühlings versöhnt, während man den Redenden ein tiefes Bedauern heuchelt, so schändlich dies immer sein möge.

Erhält man eine Einladung, einen gemütlichen Nachmittag und Abend in einem Landhause, das von der Stadt aus sehr bequem zu erreichen ist, zu verleben, so sinne man darüber nach, ob man die einladende Familie nicht durch irgend ein Wort oder irgend eine Handlung gekränkt habe. Es könnte ja sein, daß sie durch die Einladung sich zu rächen beschlossen hat. Aber auch im anderen Fall komme man auf die glückliche Idee, die Influenza vorzuschützen und zu bedauern, die Einladung nicht annehmen zu können. Dies wird nach dem Beginn des Frühlings gewöhnlich geglaubt.

Wer Gummischuhe und etwas Phantasie besitzt und mit ersteren in ein Haus geht, um einer Einladung zu einem Diner oder Souper zu folgen, erwarte, wenn er die Gummischuhe vor dem Betreten der Empfangsräume ablegt, daß er sie entweder gar nicht, oder daß er ein anderes Paar, welches er nicht brauchen kann, vorfindet. Gummischuhe sind sehr unglücklich und nehmen in der Garderobe dieselbe Stelle ein, welche das Freiwild im Jagdgebiet bekleidet. Sie werden rücksichtslos gejagt, und der Thäter ist nicht zu erwischen. Wohl noch niemals ist ein Paar geraubter oder vertauschter Gummischuhe an ihren Eigentümer zurückgelangt. Sie ähneln dadurch auffallend den Regenschirmen.

Hat man natürlich einen Husten und überflüssiges Geld, so gehe man in eine Apotheke und kaufe eines der vielen unfehlbaren Universalmittel, durch welches alsdann das überflüssige Geld verschwindet, während der Husten bleibt. Dies ist eine Eigenschaft der besagten Universalmittel, auf welche man sich auch bei anderen Leiden fest verlassen kann.[44]

Dasselbe gilt auch für den bekannten Lenzrheumatismus und für die Märzhalsschmerzen.

Wer jenen oder diese wünscht, hat sich nur auf den Vorder- oder Hinterperron der Pferde- oder elektrischen Bahnwagen zu begeben und hier ruhig zu warten, bis sich das Gewünschte einstellt. Eine fast noch größere Sicherheit bietet ein Omnibusdeckplatz, die allerdings mit der Gefahr des Absturzes verknüpft ist.

Tobt der Schillersche oben erwähnte schöne Jüngling mit seinem Blumenkörbchen zu unsinnig durch die Straßen, und ist man auch bei angenehmerem Wetter an den Wirtshausbesuch gewöhnt, so liegt kein Grund vor, das Wirtshaus bei dieser Gelegenheit zu meiden. Will man hier gegen die Kälte zu einer Flasche Rheinwein etwas Warmes genießen, so zünde man sich eine gute Cigarre an. Das Lesen von Zeitungen ist dagegen auch bei kaltem Frühlingswetter nicht zu empfehlen.

Der seit etwa hundert Jahren an rauhen Frühlingstagen regelmäßig gerissene Witz: »Es wird in diesem Jahre früh Winter«, ist allen, die gern mit abgelagerten Witzen glänzen, bestens zu empfehlen. Leider ist kein älterer erwähnenswert.

Wird man zu einer Jagd eingeladen, ohne eingestehen zu wollen, kein Jäger zu sein, so lasse man sich von einem Sachverständigen den Unterschied zwischen einem Stück Wild und einem Treiber genau beschreiben, nehme aber auch dann keine Büchse in die Hand. Auf diese Weise ist es dem Nichtjäger fast unmöglich, ein Unheil anzurichten, wenn er im Interesse der größeren Sicherheit nicht vorziehen sollte, zu Hause zu bleiben.

Hat der Lenz begonnen, und sind infolge dessen die Bierhäuser wegen der draußen herrschenden Kälte ganz besonders stark besucht, so beginnt der Paletotmarder[45] auszuschlagen, und bald steht er in voller Blüte. Dann merke man sich, wenn man selbst ein Wirtshaus besucht, genau die Stelle, an der man den Paletot aufgehängt hat, und sehe diese fortwährend an, namentlich wenn ein Gast herantritt und sich die daselbst hängenden Kleidungsstücke genau ansieht. Verläßt man dann aber das Wirtshaus und findet man bei dieser Gelegenheit seinen Paletot nicht, so kann man überzeugt sein, daß man in dem Augenblick, wo er gestohlen wurde, nicht hingesehen, sondern wahrscheinlich in der Zeitung einen Artikel über eine sehr wichtige Tagesfrage gelesen hat.

Will man ein Frühlingslied dichten, so unterlasse man es lieber.

Eine der wichtigsten, weil kritischsten Tage im Leben des Menschen ist


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1902, Bd. III, S. 41-46.
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