das Neujahrsfest.

[37] Wie jeder andere Tag beginnt auch der erste Januar am Schluß des vorangehenden Tages, aber er unterscheidet sich eben durch diesen Anfang auch von allen anderen Tagen. Der Anfang fällt in eine sehr fröhliche Festlichkeit, und von der ersten Sekunde seines Daseins an befindet er sich im Kreise aufgeregter, ihn längst ungeduldig erwartender, etwas oder scharf angetrunkener, jedenfalls lustig gestimmter Menschen. Wie bei keinem anderen Tag hat der Leitfaden durch den ersten Januar genau da anzuknüpfen, wo dieser Tag beginnt.

Denn schon in der ersten, ja sogar vor der ersten Sekunde seines Beginns, in welcher zugleich ein beispiellos uferloser Redefluß hereinbricht, treten Gefahren auf, welchen mit großem inneren Behagen nicht ausgewichen zu werden pflegt, denen aber ausgewichen werden muß, wenn man nicht ausgelacht zu werden wünscht. Namentlich ist hierauf der Redner aufmerksam zu machen, der es in der Sylvesternacht nicht lassen kann, es zu sein, obschon er keiner zu sein dreist behaupten dürfte, wenn er eine Spur von Selbsterkenntnis hätte. Er wird nämlich Stilblüten in seine Rede streuen, welche ohne ihre Schuld, aber unrettbar durch Alter und Banalität lächerlich geworden sind und von dem Lächeln, Achselzucken und mitleidigen Kopfschütteln gebildeter Hörer empfangen werden.

Wenn der Redner es irgendwie vermeiden kann, sich lächerlich zu machen, was allerdings sehr große[37] Schwierigkeiten bietet, so nehme er während seiner Rede das Meer der Ewigkeit, in welches das alte Jahr gestiegen ist, nicht in den Mund. Es giebt kein Meer, von welchem wir so wenig wie von dem Meer der Ewigkeit wissen, und keines von den vielen Fluß- und Meeresbetten ist uns so verschlossen, wie das Bett des Meeres der Ewigkeit. Dennoch pflegen sich die Redner hineinzulegen, weil ihnen dies sehr große Bequemlichkeit bietet. Ich muß aber darauf aufmerksam machen, daß das Bett des Meeres der Ewigkeit durch übermäßigen Gebrauch zum allergewöhnlichsten Hausrat der Sylvester-Rede herabgesunken ist, und daß ihm daher selbst der Rang eines armseligen Strohsacks in diesem Hausrat streitig gemacht werden muß.

Auch möge der Redner vergessen, daß die Zeit außer anderen Kostbarkeiten einen Zahn, ein Rad und eine Sanduhr hat. Diese Dinge gehören allerdings, seit Reden gehalten werden, zu ihrem Inventar, verführen aber gewöhnlich dazu, daß der Redner sie falsch verwendet, mit einander verwechselt oder falsch mit einander verbindet. Der Redner lasse sie also gänzlich beiseite, wenn er ganz sicher sein will, seine auf der Lauer sitzenden Zuhörer nicht durch ein Zahnrad der Zeit, durch ein Jahr, das wiederum in die Sanduhr hinabstieg oder in den Zahn verschwunden ist, auf das Angenehmste zu unterhalten. Auch durch das Rad der Zeit wird viel Unglück herbeigeführt. Der eine behauptet, es benage alles, was geschaffen ist, der andere, daß es unbarmherzig das Jahr hinmäht.

Das Hinmähen ist Sache der Sense des Saturn, nicht des Rades, welches im Gegenteil die Aufgabe hat, dahinzurollen und sich nicht in die Speichen greifen zu lassen. Der Redner, der etwas auf sich hält, vermeide also die Sense, wie er, während er[38] spricht, auch nicht daran denken wird, mit einem anderen scharfen Instrument umherzufuchteln.

Man versuche auch, wenn es irgendwie geht, den Blick, welchen manche Redner so gerne in die Vergangenheit zurückwerfen, zu bändigen. Dieses Zurückwerfen hat immer seine Gefahren. Weder sind die politischen Ereignisse, noch ist ein großer Bankkrach zu vermeiden. Jene sind bekanntlich noch nicht zu einem Abschluß gelangt, und über schlimme Börsenereignisse sollte nicht gesprochen werden, weil sich doch Bankdirektoren, Verwaltungsräte und andere Würdenträger der Finanz in der Gesellschaft befinden könnten, ja, sich bestimmt befinden und leicht zu verstimmen sind. Man darf nicht vergessen, daß solche Herren immer in der besten Gesellschaft verkehren, obschon ihr Kopf unter der Last der Butter sich zu beugen pflegt.

Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir in den Sylvesterkreis zurück. Hat man einen solchen um sich versammelt, so lasse man den Wunsch so zeitig erscheinen, daß die Festversammlung dem Moment der Mitternacht ziemlich gleichgültig gegenübersitzt. Denn wahrhaft grauenvoll ist es, wenn die Gesellschaft während der halben Stunde vor Mitternacht nichts Amüsanteres zu thun weiß, als auf den ersten der zwölf Glockenschläge zu lauschen, um pünktlich Prost Neujahr! schreien zu können. Ein aus solchen Ödlingen zusammengesetzter Kreis pflegt auch keiner Taschenuhr und keiner Pendule zu trauen, sondern die Fenster zu öffnen, damit der besagte Glockenschlag der Mitternacht ohne irgend einen Aufenthalt in die Wohnung zu dringen vermöge. Diese Sorgfalt ist die Mutter einer großen Reihe von kräftigen Hexenschüssen, Schnupfen, Halsentzündungen und rheumatischen Schmerzen, welche dem Menschen nicht weniger Vergnügen bereiten, wenn sie erst im Laufe des neuen[39] Jahres und nicht gleich am ersten Tage desselben sich einstellen.

Die zum Jahreswechsel lautwerdenden Glückwünsche haben die hervorragend erfreuliche Eigenschaft, daß sie nicht zu schaden vermögen. Nicht etwa, weil sie nicht aufrichtig herzlich gemeint sind. Es giebt Glückwünsche, welche aufrichtig herzlich gemeint sind. Aber wer im Laufe des Jahres Pech oder gar Unglück gehabt hat und sich der vielen Glückwünsche, die er zum Beginn des Jahres mündlich, schriftlich und telegraphisch erhielt, erinnert, erinnert, könnte leicht annehmen, daß diese Glückwünsche Pech oder gar Unglück verschuldeten. Das ist aber ungerecht. Die Glückwünsche sind absolut unschuldig. Sie haben zwar noch kein Pech oder Unglück verhindert, vertagt oder gemildert, aber auch noch keines herbeigeführt. Sie sind entweder inhaltlose Redensarten, oder, wenn gedruckt, geschrieben oder telegraphiert, eine Hebung der Buntpapierfabrikation und des Post-und Telegraphenetats.

Wenn man an der Gleichgültigkeit der Neujahrsglückwünsche zweifelt, so warte man ruhig die ersten Tage des neuen Jahres ab. Schon am ersten Tage wird man in der empörendsten Weise eines Schlechteren belehrt werden. Denn unter zehn Besuchern werden ebenso viele mit geöffneter Hand gratulieren, und in den nächsten Tagen werden sich ihnen die Jahresrechnungen mit der Versicherung der Absender, sie rechneten auf sofortige Regulierung, anschließen.

Für den merkwürdigen Fall, daß man der Meinung sein sollte, man habe noch nicht genug Feinde, leiste man zur Ablösung der Neujahrskarten eine Zahlung für einen milden Zweck. Der Philister wird hiervon sicher keine Notiz nehmen und es demjenigen, der sich nicht bei ihm für seinen Neujahrswunsch bedankt, niemals vergessen.[40]

Ist man regelmäßiger Besucher eines Kurortes, und erhält man von dem Wirt des Hotels oder des Hauses, in welchem man dort zu wohnen pflegt, einen Glückwunsch, so will dieser sagen: »Gott erhalte Ihnen in seiner unendlichen Güte das Leiden, das Sie alljährlich zu mir führt, auf daß ich wieder für mindestens vier Wochen einen Mieter habe. Amen!«

Trifft man einen befreundeten Arzt, welcher der ganzen Familie das beste Wohlsein im neuen Jahre wünscht, so ist dies nicht der Hausarzt, vielleicht aber dessen Feind.

Wünscht ein Hausfreund Glück, so meint er in den meisten Fällen sein eigenes.

Ist man Theaterdirektor und wird von einem Bühnendichter beglückwünscht, so fürchte man das Gegenteil: die Einreichung eines Dramas in Jamben. Ist man aber der Autor dieses Dramas und wird von einem Theaterdirektor beglückwünscht, so meint dieser das Glück, das man bei einem anderen Theaterdirektor haben möge.

Der Erbonkel und die Erbtante, denen zum Neujahr Glück gewünscht wird, dürfen überzeugt sein, daß sie den Gratulanten noch nicht genug gespart haben.

Wird man vom Hauswirt beglückwünscht, so antworte man mit Klagen über den schlechten Geschäftsgang, denn er beabsichtigt, die Miete zu steigern. Helfen werden aber die Klagen nicht.

Wahrscheinlich findet es der gebildete Leser lächerlich, daß ich mich, ohne mich weiter darum zu bekümmern, vom Neujahr direkt zum


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1902, Bd. III, S. 37-41.
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