der Ehevermittler

[74] auf der Bildfläche erscheint.[74]

Der Ehevermittler, oder, um mich eines deutschen Wortes zu bedienen: der Schadchen will, sich solide und seine Aufgabe scharf bezeichnend, nichts anders als Ehen vermitteln. Nicht etwa ein Liebesverhältnis. Mit der Liebe beschäftigt sich seine Firma nicht. Der Ehevermittler ist kein Kuppler, oder höchstens einer mit beschränkter Haftung. Es ist sein Geschäft, den Vorrat seines Witwen- und Mädchen-Lagers an den Mann zu bringen. Wo er einen solchen Mann, der entweder seine Frau, mit ihr aber nicht die Lust zu einer neuen Ehe verloren hat, oder einen auf dem besten Wege zum Hagestolzen befindlichen Ledigen entdeckt, sucht er eine seiner Frauen oder eines seiner Mädchen unter die Haube zu bringen. Ein mühevolles Hausieren beginnt.

Was seine Auswahl an reifer, heiratsfähiger Weiblichkeit betrifft, so ist sie warenhausartig erschöpfend. Er hat halb-, mittel- und ganz reiche, moderne und abgelagerte, neue und etwas beschädigte, schöne Erscheinungen und Geschmacksachen, leidlich hübsche, deren Nase ihm selbst nicht gefällt, und Abendschönheiten, sehr, weniger und zu schlanke, Venusse, wenn nicht von Milo, so doch von einem andern alten Adel, der leider schon seit mehreren hundert Jahren nichts als einen Stammbaum besitzt, und junonische Gestalten, die nur ein- oder zweimal eine äußerliche Veränderung erlitten haben, während sich die zu erwartende Erbschaft fortwährend, aber nur zu ihrem Vorteil verändert, schwermütige und leichte, wählerische und solche, die sich nichts mißfallen läßt, Lehrerinnen mit Grundsätzen und noch etwas Ältere mit Grundstücken, höhere Töchter mit großen Ansprüchen und kleinen Fehlern und noch höhere mit einem versorgten Ebenbild, temperamentvolle und sitzengelassene Blondinen, Brünette und je nach dem Geschmack des Zukünftigen Gefärbte, Naive mit und[75] ohne Musik und Gouvernanten mit einer Briefmarkensammlung und Liebe zu fremden Kindern, ernste Tanten mit zierlichen Schnurrbärten und lustige Cousinen mit einem treuen Anekdotenschatz, während sie von einem andern Schatz treulos verlassen worden sind, Witwen, die von dem Hauslehrer ihrer Kinder viel gelernt haben, und Geschiedene, die von ihrem Sprachlehrer mit dem Zeugnis der Reife entlassen worden sind, Guterzogene, die alles verstehen und nichts verzeihen, und solche, die nichts verstehen und alles verzeihen, Unabhängige, die nichts haben als den Hausschlüssel, und gehorsame Naturen, die jedem, auch dem eigenen Manne folgen, liebenswürdige und strenge, nachgiebige und eigenwillige, Damen, die schön zu Pferde aussehen würden, wenn sie reiten könnten, und solche, die reiten können, ab kein Pferd haben, junge Töchter, denen niemand das Wasser reicht, und solche, die den Champagner vorziehen, Schriftstellerinnen, welche schon sechs Romane geschrieben und nur einen einzigen gespielt haben, und Dichterinnen, welche an Heine dadurch erinnern, daß sie leidend sind, Fromme, welche am liebsten barmherzige Schwestern wären, und pensionierte Künstlerinnen, welche es schon gewesen sind, wenn sie auch keine Schwestern waren. Auf dieser ziemlich unvollständigen Liste der zur Verfügung stehenden Frauen und Mädchen fehlen noch alle heiratslustigen Witwen und solche Eheverlassenen, die heiratstraurig sind, dann diejenigen, welche gar nicht wissen, daß sie losgeschlagen werden sollen, ferner alte Jungfern, welche nicht nur die Kinderschuhe, sondern auch schon das Fußzeug eines bedeutend älteren Jahrgangs vertreten haben und die sich vortrefflich zum Export eignen würden, und schließlich ungezählte Alleinstehende, Sitzengebliebene, Emancipierte, Weltfremde, Studierte, Wirtschafterinnen, Belesene, Stenographinnen, Stützen der Hausfrauen[76] und Freundinnen des Landlebens auf einem verschuldeten Rittergut.

Wenn man ein wohlsituierter Mann und mit mehr oder weniger Ehren so alt geworden ist, daß man sich verheiraten kann, so darf man überzeugt sein, daß man, auch wenn man sich nicht verheiraten will, längst von einem Heiratsvermittler ausgeschrieben ist. Empfängt man nun den Besuch eines Mannes, der längere Zeit von allem, nur nicht vom Heiraten spricht, so ist der Besucher dieser Heiratsvermittler.

Rückt er alsdann mit der Wahrheit heraus und entpuppt sich so als Heiratsreisender, der seine Proben vorlegen und empfehlen will, und sagt man ihm, daß man nicht daran denke, sich auf diesem ungewöhnlichen Wege eine Lebensgefährtin zu wählen, sondern dem Herzen folgen wolle, so wird man von dem Ehevermittler nicht begriffen, und dieser, der gar keinen gewöhnlicheren Weg, eine Lebensgefährtin zu wählen, kennt, wird zu beweisen suchen, daß sein Frauenlager der einzige Himmel ist, in welchem Ehen geschlossen werden. Nun bittet man ihn, nächstens wiederzukommen, weil man sich seinen Vorschlag reiflich überlegen wolle, und ist von da ab nicht wieder für ihn zu sprechen. Alsdann nützt das nichts, denn man wird von ihm auf der Straße aufgelauert und gestellt, brieflich erinnert und in Gesellschaften im Theater, im Restaurant und anderswo gesucht und gefunden. Kann man dann nur unhöflich und nicht sehr grob werden, so wird man ihn nicht los, wenn man sich nicht auf wenigstens ein seiner Offerten eingelassen hat und, wenn diese nicht zu einem Geschäft führt, nicht auch auf eine zweite und dritte.

Glaubt man, mit heiler ganz unverheirateter Haut davonzukommen, wenn man von ihm ein weibliches Ideal begehrt, ein Weib, das alle Tugenden und Vorzüge besitzt, welche ein liebendes Herz begehrt, um[77] glücklich zu werden, so befindet man sich auf dem Holzweg. Denn der Ehestifter hat nur solche Mädchen und Witwen auf Lager, welche alle diese Tugenden und Vorzüge besitzen, obschon solche vereint auf Erden nirgends zu finden sind. Es ist eine Spezialität seiner Firma, daß sie nur weibliche Vollkommenheit führt, sie führt keine minderwertige Waare, alles ist prima Qualität, absolut fehlerlos. Sollte an irgend einem Mädchen oder einer Witwe, so versichert der Ehestifter, auch nur der kleinste Fehler entdeckt werden, so wird er bereit sein, die Dame zurückzunehmen. Er garantiert für ihre Tüchtigkeit wie ein Uhrmacher für die einer kostbaren Uhr, nicht die kleinste Reparatur wird nötig sein.

Man tut gut, den Händler mit Zukünftigen nicht ohne weiteres nach der Mitgift zu fragen, sondern nur nebenbei, denn auch in den Augen dieses Mannes soll der Eigennützige nicht als Eigennütziger gelten wollen. Die Auskunft, die man erhält, ist eine betäubende. Man hört eine große Summe namhaft machen. Sofort glaubt man die Hälfte, oder mehr oder weniger.

Gesteht man dem Ehestifter, daß man eine Junge heiraten möchte, so empfiehlt er eine, die er wegen der guten Provision anbringen möchte. Gesteht man ihm, daß man eine Ältere zu heiraten wünsche, so empfiehlt er dieselbe Dame. Soll sie zwischen 20 und 25 alt sein, oder darf sie nicht älter als zwischen 25 und 30 alt sein, so empfiehlt er wieder dieselbe, welche genau 32 alt ist.

Begehrt man eine Schönheit ersten Ranges, so stellt es sich heraus, daß er nur solche Schönheiten auf Lager hat, das täglich durch Neuhinzukommende vergrößert wird. Der Ehevermittler setzt aber hinzu, ohne Reklame für seine Vorräte machen zu wollen, daß alle seine Schönheiten eine seltene Eigenschaft[78] haben, welche namentlich jedem, der Talent zur Eifersucht besitze, besonders gefallen müsse. Seine sämtlichen Schönheiten seien nämlich so gestaltet, daß sich kein Mann in sie verliebt, so daß sie den Gatten in keiner Weise hintergehen können.

Ist man nun mit dem Ehefabrikanten soweit handelseins, daß man die Empfohlene in Augenschein nehmen kann, nachdem man in deren Familie eingeführt sein wird, so wird von ihm mitgeteilt, daß sie natürlich nicht ahne, aus welchem Grund er den Besuch mache, und so feinfühlig sei, daß sie, wenn sie es erführe, um keinen Preis zu haben sein würde. Man freue sich sehr darüber, erkläre, daß dies seinen Wünschen entgegenkomme, und glaube kein Wort von dem, was ihm gesagt worden ist.

Hat man sich aus dem großen Lager eine Reiche ausgesucht, so sage man ihr, daß man nicht des Geldes wegen heiraten wolle. Sollte sie außerdem nicht schön sein, so wiederhole man die erwähnte Versicherung mit ganz besonderem Nachdruck etliche Mal. Man wird, falls die Ehe zustande kommen sollte, schon nach drei Jahren hören, daß ihm keine Silbe geglaubt worden sei, da man genau gewußt habe, wie gründlich der Herr Bräutigam, bevor er dies wurde, sich über den Stand des Vermögens seiner Zukünftigen unterrichtet hatte.

Findet die erste Zusammenkunft in einem Restaurant statt und findet man Gefallen an der bekanntlich vom Himmel gesandten Frau, so trinke man anstatt eines schweren Burgunders und herben Sekts eine halbe Flasche Mosel, um das Vertrauen der Besichtigten und das ihrer Verwandten zu erwecken. Man finde lieber nach der Zusammenkunft Zeit, den schweren Burgunder und herben Sekt zu trinken, bei welcher Gelegenheit man einsehen wird, wie viel besser ein guter Tropfen schmeckt, wenn man einen etwas stärkeren Durst als gewöhnlich hat.[79]

Manche Damen, welche geheiratet werden, erfreuen sich einer großen Verwandtschaft, indem der Himmel in seiner unendlichen Güte sie nicht nur mit Großeltern, Eltern und Geschwistern, sondern auch mit Schwägern und Schwägerinnen, Tanten, Oheimen, Vettern, Cousinen und noch ferneren Verwandten gesegnet hat. Auch hat er dafür gesorgt, daß, wenn sie verheiratet sind, täglich neue auftauchen, welche nichts bringen und dafür auf das herzlichste Entgegenkommen rechnen. In klugen Familien werden auf den Rat des Heiratsvermittlers seinem Kunden nur die notwendigsten Mitglieder gezeigt, weil er durch das Vorführen Aller schon sehr schädliche Erfahrungen hat machen müssen, an denen es ihm ohnedies nie gefehlt hat. Man lasse sich indes nicht täuschen, wie sich Leander durch die Stille des Pontus, welche der Dichter mit Recht des Verrates Hülle nennt, hat täuschen lassen, und man sei überzeugt, daß mindestens zwanzig Verwandte unterschlagen wurden. Dann ist es möglich, daß man angenehm überrascht wird, indem es schließlich etliche weniger sind. Ein Klavier ist während des Besuchs des heiratslustig gemachten Mannes schwer zu verstecken. Sieht man es mit Schrecken, so wird die Zukünftige erklären, daß sie nicht spiele, wohl aber ihre Schwestern. Es wird sich dann herausstellen, daß sie keine Ausnahme macht, sondern gleichfalls dilettiert. Daß nur die Schwestern spielen, das kommt überhaupt nicht vor.

Man sei vor allem sehr vorsichtig in der Wahl. Es gibt wohl Heiratsstifter, aber keiner verbindet damit auch das Geschäft, gegen eine gute Provision nachher die Scheidung zu bewerkstelligen.

Man mache der Mutter der Empfohlenen nicht den Hof, wie dies wohl bei einer anderen Bewerbung nötig und zu empfehlen ist. Denn wenn die Mutter[80] eine Witwe oder geschieden ist, so könnte man leicht an dieser hängen bleiben.

Man hüte sich, von der Empfohlenen einen Korb zu bekommen. Das allerdiskreteste Mädchen und die allerdiskreteste Frau verschweigt niemals einen Korb, den sie gegeben hat. Alle haben viele Gründe, ihn allgemein bekannt zu machen, während dem Vekorbten ein einziger genügt, um blamiert zu erscheinen. Will man einen Korb in tiefes Geheimnis gehüllt sehen, so gebe man ihn einem Mädchen oder einer Frau, aber man hole sich keinen.

Erfährt man von dem Heiratsvermittler, die Dame, welche er anpreist, lebe sehr zurückgezogen und es fehle ihr an Bekanntschaft und Umgang, so nehme man nicht an, sie sei sehr häßlich. Dies wäre höchst ungalant, so richtig es sein möge.

Wird als Mitgift eine große Erbschaft in Aussicht gestellt, so hoffe man, recht lange zu leben, denn eine Erbschaft zu erleben, ist keine Kleinigkeit und nicht so leicht, wie es aussieht.

Man fürchte aber nicht, daß künstlich hergestellte Ehen nicht auch glückliche sein können. So glücklich wie die aus beiderseitiger Neigung hervorgegangenen können auch sie werden, so möglich es ebenfalls ist, daß sie ebenso unglücklich verlaufen.

Man vermeide es sorgfältig, wenn das Verlobungsgeschäft zustande kommen sollte, alsbald entweder selbst den Pegasus zu besteigen, um die plötzliche Braut anzudichten, oder das genannte edle Roß von einem der Reimkunst mächtigen Reitknecht gegen Honorar besteigen zu lassen, um mit dessen Hilfe die Braut mit verliebter Lyrik zu versorgen. Das letztere hat den oft konstatierten Nachteil, daß man später niemals wieder als Dichter zu glänzen vermag und daß dadurch der Betrug an den Tag kommt. Dichtet man aber selbst, so wird die Braut nicht an die Poesie glauben.[81]

Klagt der Heiratsstifter die Provision ein, so zahle man rasch, um die Klage aus der Welt zu schaffen, da diese mit Skandalen aller Art schon reichlich versorgt ist.

Auf dem Felde der Ehe trifft man zuweilen den Mann, welcher durch eine Heirat zu großem Ansehen, zu einer bedeutenden Stellung, zu einem fabelhaften Vermögen gelangen will und mit seinen phantastischen Zielen eine in allen Klassen der Gesellschaft auftretende Erscheinung bildet, eine tragikomische Figur, die man um ihre Einbildung beneiden könnte und wegen der Nutzlosigkeit ihres Strebens bemitleiden sollte. Man gestatte dem modernen Knigge, diesen Mann einen


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1903, Bd. IV, S. 74-82.
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