der Skandal im Parlament

[12] heimisch zu fühlen beginnt.

Ein Parlament ist die Vereinigung der Besten eines Volkes, welche unter anderen wichtigen Aufgaben auch die zu erfüllen haben, den Staatsbürgern ein leuchtendes Vorbild aller Tugenden zu sein.

Allerdings haben sie nicht immer Zeit, dies leuchtende Vorbild aller Tugenden zu sein, weil sie von einer anderen wichtigen Aufgabe, nämlich die, das Recht zu schützen und gute Gesetze zu schaffen, zu sehr in Anspruch genommen werden.

Es kommt freilich auch vor, daß sie keine Zeit haben, das Recht zu schützen und gute Gesetze zu schaffen. Dies liegt dann daran, daß sie mit der Erfüllung der schwierigen Aufgabe, den Bürgern ein leuchtendes Vorbild in allen Tugenden zu sein, alle Hände voll zu tun haben.[12]

Man sieht, daß die Würde eines Volksvertreters eine sehr hohe ist, aber häufig auch den Würdenträger sehr belasten kann, so daß er nicht imstande ist, auch nur eine einzige seiner großen und schönen Aufgaben zu erfüllen.

Wem dies nun ziemlich gleichgültig ist, der werde Volksvertreter. Wem aber etwas daran liegt, die Pflichten, welche er mit dieser Würde übernimmt, gewissenhaft zu erfüllen, der werde nicht Volksvertreter.

Es ist sehr schwierig, nicht Volksvertreter zu sein, gewesen zu sein, oder zu werden. Denn wer tüchtig zu schreien und Versprechungen, die nicht gehalten werden, zu leisten versteht, der wird es, und da das Schreien und Vorschwindeln ungemein leichte und allgemein verbreitete Künste sind, so sind die echten Möpse zahlreicher als Menschen, welche nicht Volksvertreter sind, waren oder sein werden.

Der Abgeordnete bezieht gewöhnlich Diäten, aber nicht nur der erhält solche, welcher spazieren geht oder sich am Büffett aufhält oder im Sitzungssaal seine Privatkorrespondenz erledigt, da der Staat nicht verlangen kann, daß ein Abgeordneter Zeit und Kraft in seinem Dienst umsonst opfert, indem er spazieren geht oder sich am Buffett aufhält oder im Sitzungssaal seine Privatkorrespondenz erledigt, sondern auch der jenige Abgeordnete, der den Sitzungen beiwohnt und in der Kommission arbeitet, bekommt Diäten. So kann er sich auf verschiedene Weise den Dank des Vaterlandes verdienen: Entweder durch gewissenhafte Mitarbeit an dem Ausbau der Verfassung und durch fleißige Teilnahme an den Debatten, oder dadurch, daß er während dieser Zeit bummelt, denn er hält dann keine nutzlosen Reden und vermehrt auch nicht den dann und wann stattfindenden Skandal.

Finden während der Sitzung lärmende Scenen statt, so sei der Abgeordnete nicht anwesend, oder er[13] verlasse den Saal, wenn er kein Freund des Spektakels ist. Das ist denjenigen Abgeordneten, denen die Natur die nötigen Körperkräfte versagt hat, besonders zu empfehlen, da lärmende Volksvertreter erfahrungsgemäß gerne einhauen und dann namentlich solche Kollegen, welch sich nicht wehren können, durchbläuen.

Möchte der Volksvertreter nicht ohne Grund fehlen, oder aber nicht für furchtsam gelten in dem Moment, wo die Prügelei beginnt, so reize er den Präsidenten oder den Vizepräsidenten durch ein Benehmen, welches nur durch schlechte Erziehung oder durch angeborene Taktlosigkeit natürlich erscheint, worauf ihn der Vorsitzende von der Sitzung ausschließt. Alsdann verlasse er befriedigt und vergnügt den gefährlichen Saal.

Ist er ein Mann, der nicht für klug gelten will, auch wenn er tatsächlich klug sein sollte, so lege er draußen sein Mandat nicht nieder. Legt er aber sein Mandat nieder, so trete er in einen Kegelklub ein, wo er nicht oder nur höchst selten beleidigt oder von Prügeln bedroht wird, und lasse sich nur dann wieder in das Parlament wählen, wenn neben dem Sitzungssaal desselben eine Sanitätswache etabliert worden ist.

Hat der Volksvertreter Temperament oder ein starkes Gefühl für Recht und Gesetz, oder hat er beides, so gehöre er so lange zur Majorität, bis die Kunst erfunden ist, Temperament und Rechtsgefühl mit Paletot und Hut (den Stock muß er immer in den Sitzungssaal mitnehmen) in der Garderobe abzugeben. Denn wenn er zur Minorität gehört, so werden sein Temperament und Rechtsgefühl oft auf harte Proben gestellt, von denen die Glocke des Präsidenten, die Ordnungsrufe, Hohngelächter der Majorität und beleidigende Zwischenbemerkungen noch nicht die schlimmsten sind.

Hat er dann eine besonders große Freude an der[14] Ablehnung eines wichtigen Antrags, so stelle er solchen und mache der Versammlung klar, daß seine Annahme ein Beweis von Unparteilichkeit und Gerechtigkeitsgefühl sei. Sofort wird der Antrag abgelehnt.

Wenn man nicht sehr ungerecht sein will, so sage man nach einer besonders bewegten Sitzung nicht, daß die Abgeordneten wie die Rohrspatzen schimpften. Denn die Rohrspatzen können nach Herzenslust schimpfen, sie sind nicht die Vertreter der Vogelnation, und sie sind sich keiner Ungezogenheit bewußt, wenn sie schwatzen wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Wenn man ein Fischweib reizt und von ihr mit entehrenden Titeln überschüttet wird, so rufe man nicht nach dem Schutzmann, und auch lasse man sich nicht zu ähnlichen Beschimpfungen hinreißen. Das Fischweib war vielleicht eine höfliche, liebenswürdige Frau und hat nur einer einzigen Parlamentssitzung beigewohnt, und diese hat ihren Charakter verdorben. Die Frau verdient also Nachsicht.

Droschkenkutscher, welche Abgeordnete in das Parlamentsgebäude fahren und nicht nur die polizeilichen Verordnungen befolgen, sondern auch etwas für die Würde der Volksvertretung tun wollen, werden es nicht versäumen, unterwegs sich zu ihrem Fahrgast umzudrehen und ihn in ein Gespräch zu ziehen, um bildend auf ihn einzuwirken. Der Volksvertreter wird sich dann während der Sitzung des Tons erinnern, welchen der Droschkenkutscher als der Gebildetere und Bessererzogene angeschlagen hat, und sich in den Debatten nicht zu pöbelhaften Äußerungen hinreißen lassen.

Will man wegen eines unparlamentarischen Ausdrucks nicht zur Ordnung gerufen werden, so sei man Minister.

Hat man Lust, ein Verfassungsbrüchlein zu begehen, ohne dafür mit dem gebührenden Titel belegt[15] zu werden, so sei man Mitglied der Regierung oder des Präsidiums des Parlaments.

Ist man ein Freund von Flegeleien, weil man durch solche in den Stand gesetzt wird, zu beweisen, daß man von einem gewerbsmäßigen Flegel nicht zu beleidigen sei, so antworte man nach folgendem Schema:

Ruf: Sie sind ein Esel!

Antwort: Einen Esel duzt man.

Ruf: Sie sind ein Schweinigel.

Antwort (mit wütender Geberde): Den Igel nehmen Sie augenblicklich zurück!

Ruf: Sie Dieb!

Antwort: Im Gegenteil, Sie können mir gestohlen werden.

Ruf: (Citat aus dem Götz).

Antwort: Danke bestens, ich habe schon gefrühstückt.

Ruf: Ins Zuchthaus mit Ihnen!

Antwort: Bedaure, ich muß Sie allein gehen lassen.

Ist man von Natur ein unvorsichtiger Mann, so bittet man den Präsidenten ums Wort. Denn wer weiß, mit welchem Wort der Präsident diese Bitte erfüllt! Es kann nach der herrschenden Mode ja ein Wort sein, welches nur mit Blut abgewaschen werden kann.

Man verbiete seinen jüngeren Söhnen den Besuch des Parlaments. Die Jungen brauchen nicht mehr Ungezogenheiten zu lernen, als sie ohnedies schon kennen oder kennen gelernt haben.

Geht im Parlamentssaal die Prügelei los, so entferne sich der vorsichtige Volksvertreter, der kein Freund von Kopfwunden, oder dessen Bedarf bereits durch das vorletzte Handgemenge gedeckt ist, durch den Notausgang zu den Dienern und Portiers des Parlaments, bei denen er sich in gebildeter Gesellschaft befindet.

Ist man Chirurg oder Arzt ohne Praxis, so sei man regelmäßiger Besucher der Parlamentsgalerie,[16] um, wenn nach einem Arzt gerufen wird, den leicht- oder schwerverwundeten Abgeordneten sofort beistehen, die Wunden nähen und Amputationen vornehmen zu können. Da der Arzt dann in den Parlamentsberichten genannt wird, so ist dies als eine nicht zu unterschätzende Reklame zu betrachten, welche von den besten Folgen begleitet sein kann. Um solche praxisfreien Kollegen zu unterstützen, sollten die wohlhabenden Hausärzte der Volksvertreter dafür sorgen, daß diese nicht ohne Revolver, Schlagring oder Messer in die Debatte eintreten.

Briefträger, welche friedlichen Charakters, durch ihren Beruf aber zu einem, wenn auch nur flüchtigen Verkehr mit Volksvertretern gezwungen sind, sollen, um nicht durch böses Beispiel verdorben zu werden, diesen Verkehr dadurch noch abkürzen, daß sie die Briefe an den betreffenden Abgeordneten beim Portier abgeben.

Mütter, Frauen, Geschwister und Kinder eines Mannes, der Abgeordneter ist, werden, wenn sie etwas für die Erziehung ihres Sohnes, Gatten, Bruders und Vaters tun wollen, dafür sorgen, daß er die Sitzungen schwänzt und keine Wiederwahl annimmt. Vielleicht ist dies noch nicht zu spät.


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1903, Bd. IV, S. 12-17.
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