Auf der Reise.

[64] Ich kann und konnte mich nie zu der Ansicht jener Leute verstehen, die da behaupten: »Wenn je, so bin ich mir selbst auf der Reise der Nächste.« Im Gegenteil, mir scheint gerade das Reisen eine Gelegenheit, um eine recht von Herzen kommende Höflichkeit zu üben, Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit zu betätigen.

Vor allem aber sehe ich dies gern bei einem jungen Mädchen. Und so wiederhole ich denn auch hier, was ich schon an verschiedenen Stellen gesagt:

Überlasse älteren Personen die besseren Plätze.

Beim Einsteigen in den leeren Wagenabteil darfst du natürlich einen Eckplatz für dich in Beschlag nehmen; doch kann es Pflicht werden, denselben aufzugeben, z.B. wenn du alte oder kränkliche Leute kleinen Unannehmlichkeiten ausgesetzt siehst, wie dem Luftzug oder der Sonne.

Öffne und schließe nie ein Fenster, ohne vorher die Nachbarn um Erlaubnis gebeten zu haben. Bedenke, daß du auf der Reise nur auf einen Platz Anrecht hast, überlade dich deshalb nicht mit Handgepäck, da du nur den über dir befindlichen Teil des Gepäcknetzes beanspruchen darfst. Das gilt natürlich nur, wenn alle Plätze besetzt sind.[64]

Wenn du mit älteren Herren oder Damen einsteigst, so überlasse ihnen den Vortritt. Nicht so beim Aussteigen, wo die umgekehrte Reihenfolge stattfindet. Zeige dich hierbei recht diensteifrig; du magst ruhig auch gänzlich fremden Menschen behilflich sein, indem du ihnen z.B. die Hand als Stütze darbietest.

Verschaffe dir keine Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit auf Kosten anderer. Nimm z.B. beim Halten des Zuges oder beim Vorüberfahren an schönen Gegenden das Fenster nicht allein für dich in Beschlag. Willst du etwa mit Außenstehenden sprechen, so sorge, daß das Gespräch nicht zu lange dauert, oder bitte die im Coupe Anwesenden um Erlaubnis, den Fensterplatz so lange einnehmen zu dürfen.

Fahre soviel wie möglich nur in einem Damencoupé. Ich halte es für eine Regel der Klugheit, deinerseits kein Gespräch zu beginnen.

Wirst du zuerst angesprochen, so antworte freundlich und bescheiden.

Laß dich jedoch nie dazu verleiten, bei einer ersten flüchtigen Begegnung in intimere Sachen dich einzulassen, z.B. in Freundschaftsversicherungen, Einladungen usw. Du kannst dadurch dich selbst in große Verlegenheiten bringen.

Forsche auch nicht nach den persönlichen Verhältnissen der Mitreisenden. Die Unterhaltung kann sich auf die Reise an sich, die Gegenden und ihre Merkwürdigkeiten beziehen; das genügt, um sie anregend und interessant zu machen.

Auf ganz kurzen Touren, ebenso in der Elektrischen[65] Bahn oder der Straßenbahn soll man kein Gespräch anknüpfen.

Beim Einsteigen in das Coupe sowie beim Verlassen grüße die Anwesenden leicht und freundlich; beim Aussteigen magst du auch den Wunsch für eine fernere glückliche Reise beifügen.

Auf allen Stadt- und Straßenbahnen fallen diese Grüße fort.

Es ist selbstredend gestattet, Proviant mit auf die Reise zu nehmen. Man verzehre ihn jedoch, ohne den Mitreisenden lästig zu fallen. Im allgemeinen soll man anderen nichts anbieten; dennoch gibt es hier auch Ausnahmefälle, die unser Taktgefühl uns wohl leicht wahrnehmen läßt.

Natürlich muß das Anerbieten stets in der höflichsten Form gemacht werden. Eine Ablehnung haben wir mit derselben Höflichkeit hinzunehmen; wir dürfen darin keine Beleidigung erblicken.

In Privatwagen gilt der rückwärtige Platz auf der rechten Seite als der erste, als der zweite jener zur linken Seite. Auf dem Rücksitze befinden sich die weniger guten Plätze. Damen und älteren Herren gebühren die beiden besten Plätze.

Ein junges Mädchen jedoch verlange nie, daß ein älterer Herr um seinetwillen auf den Platz im Fond verzichte. Vom Wagen aus grüßen Damen nur durch Neigen des Hauptes; sehr gute Bekannte allenfalls durch eine freundliche Handbewegung.

Auch im Wagen benimm dich stets bescheiden und[66] vermeide, dich durch Hin- und Herwenden oder lautes Sprechen auffällig zu machen.


Auf Ausflügen ins Freie ist jedem, auch jungen Mädchen, in mancher Beziehung eine größere Freiheit gestattet. Doch möchte ich hier vor einigem warnen, was leicht bei diesen Gelegenheiten nicht beachtet wird.

Dahin gehört vor allem die Ausgelassenheit. Gewiß, auf der Landpartie gilt der Wahlspruch: Fröhlich sein mit den Fröhlichen, doch diese Fröhlichkeit ist weit entfernt von jeder Wildheit und Ungebundenheit, zu der sehr lebhafte Charaktere sich leicht hinreißen lassen. Bei den Spielen vermeide zu schnelles Laufen und vor allen Dingen das laute Rufen oder gar Schreien. Beim etwaigen Lagern in Wiesen oder auf dem Waldboden bewahre bei aller Natürlichkeit stets eine mädchenhafte Scheu und Zurückhaltung. Es har einmal jemand gesagt, daß sich auf dem Rasenplatze weit mehr Gelegenheit biete, Anmut und Liebenswürdigkeit zu entfalten, als im Salon oder Ballsaal. Und ich kann nur beipflichten; denn hier zeigt sich die Natur in ihrem vollen Lichte. Gerade auf Ausflügen ins Freie, wo die eigenste Natur zum Durchbruch kommt, liegt auch die Gefahr näher, daß unangenehme Gewohnheiten und egoistische Charakterzüge eher zum Vorschein kommen.


An meine Nichte Elisabeth.

[67] Liebe Elisabeth!


Nun heißt es also auch in unserem Falle; der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich hatte Deinem lieben Besuch schon mit so großer, gewiß zu großer Freude entgegengesehen; Brigitt hatte – ganz nach meiner Anweisung – das »Rosazimmerchen« für Dich sehr niedlich eingerichtet, und nun reisest Du anstatt zu Deiner alten Tante Lisbeth ins Bad! Aber es muß ja sein, liebes Kind, und darum wollen wir beide zufrieden sein und hoffen, daß nach beendeter Kur wir uns um so mehr unseres Zusammenseins freuen können.

Du hast recht, es ist nicht angenehm für Dich, sechs Wochen und noch länger fern von dem guten Vater zu sein, der Dich gewiß als seine Einzige auch nur mit schwerem Herzen ziehen läßt. Doch die alte Marianne wird Dich begleiten, und das wird, wenn sie Dir auch das Elternhaus nicht ersetzen kann, doch immerhin recht beruhigend für Dich sein. Ja, ich finde es gewissermaßen besser, daß sie Dich begleitet, als eine Deiner Freundinnen.

Von Herzen gern erfülle ich Deine Bitte um einige kleine Anweisungen für Deinen Aufenthalt in Schwalbach; ich tue es um so lieber, da ich selbst als junges[68] Mädchen in derselben Lage gewesen, und zwar mehrmals gewesen bin, in der Du Dich jetzt befindest. Ich weiß zwar, daß manches von dem, was ich schreibe, Dir auch schon durch Dein Gefühl diktiert wird, dennoch glaube ich, daß es Dir angenehm sein wird, alles in einem gewissen Zusammenhang zu hören.

Junge Mädchen und Damen, die sich ohne Herrenbegleitung an einem Badeorte befinden, haben doppelte Vorsicht in ihrem Tun und Reden zu beobachten. Es geschieht gar so leicht – ich habe es selbst mit angesehen – daß sie ins Gespräch der Leute kommen, wenn sie auch nur das geringste Auffällige in ihrem Wesen haben. In der Heimat sichert gewöhnlich ihre Stellung sie vor solchem Gerede; im Bade, wo man sie nicht kennt, fällt das jedoch fort; sie sind nichts als Gast – wie alle anderen.

Ich möchte Dir den Rat geben, bei der Table d'hote Dir ein für allemal einen bestimmten Platz belegen zu lassen. Vielleicht kannst Du auch allein auf Deinem Zimmer speisen; doch für gewöhnlich sind die gemeinsamen Mahlzeiten anregender.

Wenn Du Bekannte triffst, so schließe Dich ihnen bei Tisch wie auch bei Ausflügen usw. an.

In der Wahl neuer Bekanntschaften sei überaus vorsichtig. Wenn irgendwo, so kann man an einem Badeort die Erfahrung machen: »Der Schein trügt.«

Sei auch sehr zurückhaltend jungen Herren gegenüber, die Du erst im Bade kennen gelernt; ihre Aufmerksamkeiten können schon Veranlassung zu Bemerkungen geben, und manche Zufälligkeit wird nur zu schnell zur Absicht gestempelt.[69]

Die Konzerte im Kursaale oder- garten und die sonstigen Vergnügungen, wie Wohltätigkeitsvorstellungen darfst Du, ohne gegen den guten Ton zu verstoßen, besuchen; ich würde Dir raten, die alte Marianne stets mit Dir zu nehmen, es sei denn, daß Du Dich Bekannten anschlossest. Auch das Lesezimmer betritt nicht ohne Begleitung. Von den größeren Gesellschaften, wie Bälle usw., halte Dich ganz zurück; es ist dies schon eine Forderung Deines leidenden Zustandes. Auch rechne ich diese Art Vergnügungen erst, zu denen eines jungen Mädchens, welches bereits seinen »Eintritt in die Welt« gehalten hat, und so weit ist meine Elisabeth ja noch nicht.

Übrigens werde ich diesen für manche so wichtigen Moment auch in meinem »Anstandsbüchlein« berücksichtigen.

Hast Du Dich irgend einer Dame oder einem jungen Mädchen angeschlossen und gelangst Du zur Überzeugung, daß es ein übereilter Schritt gewesen, so verfahre dabei vorsichtig und rücksichtsvoll. Ganz plötzliches Brechen würde gegen den guten Ton verstoßen und beleidigend sein.

Du kannst übrigens in den meisten Fällen annehmen, daß Badebekanntschaften nur für die Dauer des Aufenthaltes im Bade geschlossen werden. Dennoch rate ich hier immer wieder zur Vorsicht; denn es ist gewiß für den einen Teil recht verletzend, wenn bei späterem Zusammetreffen eine lebhaft gepflegte Badebekanntschaft verleugnet oder ignoriert würde.

Selbst leidend, erweise Dich Deinen leidenden Mitmenschen gegenüber dennoch soweit wie möglich gefällig[70] und teilnehmend. Du findest dazu immer Gelegenheit, und es bewahrt diese liebevolle Rücksichtnahme auf andere Dich außerdem vor einer Gewohnheit, der wir, schwächlich und kränklich, nur zu leicht verfallen: unsere ganze Aufmerksamkeit auf unsere kleine Persönlichkeit zu konzentrieren.

Dadurch können wir anderen recht unangenehm werden; denn das Sprichwort sagt nicht umsonst: Wessen das Herz voll ist, dessen läuft der Mund über. Wir werden unsere kleinen Leiden immer im Munde führen und schließlich gar nicht einmal mehr merken, daß wir kaum imstande sind, eine Unterhaltung zu führen, in der nicht unser Ich die Hauptrolle spielt. Doch das darf nicht sein, am allerwenigsten bei einem jungen Mädchen, dessen schönste Zierde – Bescheidenheit ausmacht.

Ziehe denn mit Gott, meine liebe Elisabeth; in Gedanken begleite ich Dich und suche Dich oft an den stillen lauschigen Plätzchen auf, bis ich die Freude haben werde, Dich Deinen Einzug in mein stilles, friedliches Heim halten zu sehen.

In herzlicher Liebe und mit dem Wunsche guten Erfolges


Deine

Tante Lisbeth.


Nicht immer ist es Herstellung der Gesundheit der Wiedererlangung erschöpfter Kräfte, was die Menschen an einen Badeort führt; bei einigen ist die Veranlassung hauptsächlich – ihr Vergnügen. Bei jungen Mädchen ist dies freilich nicht allzu häufig der Fall;[71] öfters jedoch kommt es vor, daß es ihnen obliegt, leidende Verwandte zu begleiten.

In solchen Fällen vergiß nie, daß es Pflicht des Gesunden ist, den ihn umgebenden Leidenden das Leben zu erleichtern und zu verschönern. Wenn es auch für manchen Gesunden nicht angenehm ist, beständig Zeuge menschlicher Hinfälligkeit und Schwäche zu sein, so bedenke doch stets, daß für die Kranken und Leidenden selbst der Anblick und die Gesellschaft eines sich des Vollbesitzes der Kraft erfreuenden Menschen noch viel peinlicher werden kann.

Stelle deshalb den Leidenden deine Kräfte in Lebenswürdiger Weise zur Verfügung.

Niemals lasse die Kranken merken, daß ihr Umgang dir lästig oder langweilig ist.

Hüte dich auch, Bemerkungen des Bedauerns oder gar des Erschreckens zu machen über das Aussehen des Patienten, die aus einem taktlosen Mitgefühl hervorgehen.

Im allgemeinen gilt als Regel, daß man an Kurorten von den Gebrechen seiner Mitmenschen keine Notiz nehme, es sei denn, um ihnen beizustehen. Dies letztere geschehe jedoch ohne viele Worte als etwas Einfaches und Selbstverständliches.

Jungen Mädchen bieten sich an Kurorten den Leidenden gegenüber hunderte Gelegenheiten zu kleinen Diensten und Aufmerksamkeiten: eine Unterstützung beim Aufstehen und Niedersitzen, das Verschaffen einer kleinen Bequemlichkeit; das Aufgeben eines Ruheplatzes, um ihn einem Kranken zu überlassen. Alle diese, an und für sich so unbedeutenden[72] Dinge verleihen einem jungen Mädchen einen besonderen Reiz, den Reiz des edlen Selbstvergessens, welches der Dichter nicht mit Unrecht einen der Grundsteine des Glückes nennt.


»Unser Leben soll nicht ein stetiges Ansichselbstdenken sein; je mehr jeder einzelne im anderen lebt und für den anderen, desto schöner wird das Leben.«[73]

Quelle:
Tante Lisbeth: Anstandsbüchlein für junge Mädchen. Regensburg 4[o.J.]., S. 64-74.
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