Monarch!

[11] Dieses merkwürdige, eigentlich für die Erdenbürger geschriebene Buch sollte erst nach meinem Tode in der sichtbaren Welt sichtbar erscheinen, wo der Schriftsteller nichts mehr zu fürchten hat.

Ich lebe aber zu lange; die Welt ist vorwitzig, neue Romane zu lesen. Sie bezahlt sie am besten, wenn wirkliche Geschichten in Romangestalt vorgetragen werden; und ich brauche das Geld für meine treue Arbeit notwendiger im Leben, als wenn ich bereits begraben bin.

Überdies wäre dieses Werk sicher in Gefahr, unter die Legenden der Heiligen gerechnet zu werden, wo der Schriftsteller willkürlich lügen kann, weil kein Augenzeuge der erzählten Vorfälle mehr lebt, welcher die Wahrheit besiegeln könnte.

Zweiundvierzig Jahre sind ohnedem bereits verstrichen, seitdem mein hartes Schicksal im Vaterland aufkeimte, welches unter Ew. Majestät berühmter Regierung, in meinem Fall allein, bis zu dem Grade anwuchs, zu welchem nur Erzbösewichte und wirkliche Verräter gelangen können. Glück, Zufriedenheit, väterliches Erbteil, verdiente Ehrenstellen und Freiheit raubten mir ein Machtspruch, ohne daß ich gegen meine Pflichten gefehlt hätte oder nach Gesetz und Recht gerichtet wurde. Mehr konnte mir keine Fürstenmacht nehmen; sonst hätte ich sicher auch die Ehre verloren, falls mein starker Gliederbau nicht den ungeheuren Martern standgehalten und meine vorwurfsfreie Seele mich nicht bis auf diesen Tag erhielt, an welchem ich noch wirklich reden, schreiben und diese beleidigte Ehre verteidigen kann.

Es ist mir demnach wohl auch eine kleine Genugtuung, wenn in meiner Geschichte ohne Widerspruch erwiesen wird, daß der mit vollem Recht in tausend Vorfällen groß gepriesene Friedrich an mir, dem wehrlosen Trenck, nicht groß gehandelt hat. Ich hingegen trete mit stolz erhabener Stirn vor das Gericht der klugen Welt, für welche Ew. Majestät so viel getan haben, und erwarte unser Urteil, wenn wir beide begraben sein werden.[11]

Zum Schweigen hat man mich bisher gezwungen, aber nie ersucht, noch durch Vergütung gereizt; und da ohnedies für mich nichts mehr zu hoffen, die Furcht hingegen eine Schwachheit ist, die ich als wirklicher Weltweiser in Ew. Majestät Schule allezeit verachten gelernt habe, die ich auch nicht vor des Königs Grimm, noch aller Kriegsherde Feuerschlünden, empfunden habe: so fordert mich allein die Vaterpflicht auf, um meinen acht Kindern nicht etwa den Vorwurf zu hinterlassen, daß ihr Vater ein wirklicher Übeltäter war, der Fesseln durch Schandtaten verdient. Nein, Monarch! Das war ich nie. Und trotz aller Dero Macht, Kerker, Fesseln und Mißhandlungen, haben sie mir dennoch nie meine Tugend kränken, meine Ehre entreißen, meine Standhaftigkeit erschüttern noch meine erarbeiteten Wissenschaften vernichten können, in welchen ich Trost, Zeitvertreib im dunklen Gefängnis und Schild, Panzer und Waffen gegen Fürstengewalt und Verleumdung gefunden habe.

Vielleicht wird dieses Buch noch mit Achtung und Mitleiden gelesen, wenn man die schlesischen Schlachten und Siege schon unter die der Nachwelt gleichgültigen Mordtage bei Arbala, bei Cannae oder auf den marathonischen Feldern rechnet. Ich hatte keine Armee, mein Recht zu behaupten. Ew. Majestät wissen, daß ich sie vielleicht anzuführen verstanden hätte. Um Gnade zu betteln, wo ich mein Recht, meinen Wert empfand, war ich zu stolz.

Sollte man wohl glauben können, daß ein verleumderisches Bubenstück den klügsten der Könige 42 Jahre hindurch blenden und sogar bis zur Unversöhnlichkeit zwingen könne?

Oder soll auch die Christenwelt glauben, daß Monarchen niemals irren, niemals hintergangen werden können? Oder war ich, wie Paulus in der Epistel an die Römer lehrt, das Opfer, welches der grimmige Zebaoth zum Gefäß des Zornes und der Rache von Ewigkeit her bestimmt hat?

In diesem Falle bin ich kein Christ, weil ich mir edlere Begriffe von der göttlichen Gerechtigkeit denke. Ich kannte auch den großen König zu gut, um ihn einer Grausamkeit zu beschuldigen.

Mein widriges Schicksal allein hat es so gefügt, daß ich durch übertriebenes Jugendfeuer und eine gewisse Art von Widerstand, welche den Mächtigen beleidigt und nur subordinierten[12] Untertanen Gnade widerfahren läßt, den rechten Weg verfehlt habe, um dieselbe durch mein Recht zu verdienen. Alles mußte sich zur Versteinerung meines Unglücks so fügen, daß ich allezeit verdächtig blieb und Ew. Majestät als Monarch nie anders mit mir verfahren konnten, als wirklich geschehen ist.

Noch weniger Hoffnung blieb mir übrig, sobald die Staatsklugheit forderte, einen Mann ewig schweigen und in ganz Europa untätig zu machen, von dessen Fähigkeit und Entschlossenheit man überzeugt ist, daß er schaden kann, falls er zu niedriger Rache Gelegenheit suchen wollte.

In diesem Rätsel steckt vielleicht die ganze Auflösung meines Schicksals.


Wie wenig aber haben Ew. Majestät mein Herz gekannt!

Ich liebte Sie noch im Kerker als den Schutzgott der Wissenschaften; ich verehrte Sie als meinen Wohltäter und Vater, der sich wirklich Mühe gab, aus mir einen besonders brauchbaren Staatsbürger zu bilden. Ich habe Ihnen viele Einsichten zu danken, die mich klüger machten; und ich wünsche mir nur eine Unterredung jenseits des Grabes mit Ihnen, um Sie zu überzeugen, daß Sie den besten Patrioten verkannten, der lieber alles leiden, als Dero Verachtung verdienen wollte.

Hier auf Erden ist dieser Wunsch vergeblich; vermutlich werden wir aber bald beide an eben dem Orte zusammenkommen, wo nur die Titus, die Trajane, Aurelien, Sokraten, gute Könige, echte Weise und wahre Märtyrer gemeinsam über die Vorurteile und irdischen Gaukelspiele lachen werden.

Ew. Majestät verurteilten mich als einen Untreuen; alle Dero Untertanen schätzen mich, von der Wahrheit öffentlich überzeugt, als Ihren redlichsten Patrioten. Sie selbst wußten es schon längst auch.

Zwei große Monarchen haben meine Güter geteilt, noch ehe ich starb oder ein Testament zum Vorteil des Fiskus gemacht habe. Und ob meine Kinder, als rechtmäßige Erben dieser Güter, jemals Advokaten und Richter finden werden, um ihre Rechte gegen einen Gegner zu behaupten, welcher mit dreimal hunderttausend Mann beim Termin erscheinen kann, – dieses habe ich begründete Ursache, auf ewig in Zweifel zu stellen.[13]

Findet man übrigens Unwahrheiten oder Vermäntelung in dieser meiner Lebensgeschichte, die ich nicht zum frevelnden Angriff, sondern zur behutsamen Verteidigung meiner Ehre geschrieben habe, so treffe meine Kinder der Lohn und das Schicksal der Kinder eines Verräters, und der Scharfrichter haue mir die Hand vom Arme, mit welcher ich dieses schrieb!


Ja, Herr! Von Vorwurf bin ich wirklich frei. Die Zeugen, auf die ich mich berufe, leben noch. Und obwohl mich Ew. Majestät in allen Winkeln der Erde verfolgten, wo ich Zuflucht suchte; obgleich dieselben an mir erwiesen, daß Könige lange Hände haben: so habe ich dennoch nie erweisen wollen, was ein gereizter Mann meiner Gattung tun könnte, wenn er diesen langen Händen glücklich ausgewichen ist und sein Menschenrecht empfindet.

Schon längst bin ich im Vaterlande unter die Toten gerechnet worden. Mein Leichenstein, worauf mein Name TRENCK ausgehauen wurde, und auf dem ich zehn Jahre hindurch mein Kommisbrot gegessen habe, liegt im Trenck-Keller zu Magdeburg. Diesen hatten mir Ew. Majestät bestimmt, wenn ich zu schwach gewesen wäre, aller Martern zu überstehen. Ich bin also dem Vaterlande tot, aber mein Aas soll diesem Vaterlande niemals stinken. Ich lebe keinem Monarchen mehr auf Erden, wo Undank der Lohn meines Diensteifers war. Und da mir mein Arzt unlängst bei einer schweren Krankheit versicherte, ich würde bald sterben, da die Zeitung zugleich Ew. Majestät bereits tot ankündigte, schrieb ich in Eile diese Zueignungsschrift, um meiner Lebensgeschichte einen Schutzherrn in der anderen Welt zu suchen. Ich übergab sie eilfertigst dem Druck; und da ich wider Vermuten gesund wurde, war das Buch schon fertig, und Ew. Majestät sind jetzt nicht mehr.

Es kann also nicht mehr in Dero Hände geraten. Vielleicht hätten Sie, gerechter König! alles, was ich geschrieben habe, noch von ehrlichen Männern untersuchen lassen; vielleicht würde die aufgedeckte Wahrheit in der bescheidensten Verteidigung Dero Menschenherz gerührt haben: und noch wäre es Zeit gewesen, Ihnen selbst Ehre, mir hingegen einige kurze Freuden, nach so langen Drangsalen, zu verursachen. In diesem Falle hätten[14] Sie nie Ursache gehabt, dem Schatten des geopferten Trenck in einer besseren Welt auszuweichen, wo ich den Ihrigen mit Ehrfurcht begierig suchen werde, um Sie zu überzeugen, daß ich allezeit war


Euer Majestät

treuer aber nie kriechender Untertan

Trenck.

Quelle:
Trenck, Friedrich Freiherr von der: Des Friedrich Freiherrn von der Trenck merkwürdige Lebensgeschichte. In: Eberhard Cyran, Trenck, Memoiren und Kommentar, Berlin: Haude & Spener, 1966, S. 7–283., S. 11-15.
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