A. Haltung des Körpers.

a) Beim Stehen.

[34] 1. Die Haltung des Körpers im allgemeinen sei natürlich und ungezwungen, wohlgefällig und edel, ernst und einfach.

2. Gott hat uns aufrecht erschaffen; daher halte Deinen Körper gerade und aufrecht, die Brust sei herausgedrückt, aber nicht in herausfordernder Weise, die Beine gestreckt, die Fersen aneinander, die Fußspitzen schräg nach auswärts gerichtet, das Kinn nicht allzu hoch, aber auch nicht eingezogen, so daß Kopf und Hände frei sind. Die Arme müssen frei herunterhängen.

3. Beim Stehen beachte folgendes:

a) Stehe nicht mit schlotternden Knieen;

b) schlage nicht ein Bein über das andere;

c) wende und drehe nicht den Körper beständig hin und her;

d) spiele nicht mit den Knöpfen oder mit dem Hute oder fahre mit den Händen durch die Haare;

e) stemme nicht die Arme in die Seite;

f) laß den Körper nicht nach rechts oder links[34] hängen oder trage die eine Schulter höher als die andere;

g) lehne Dich nicht mit dem Rücken an eine Wand oder an ein Möbel;

h) stütze Dich nicht mit den Armen oder den Ellbogen auf ein Geländer oder einen Stuhl;

i) recke nicht den Körper oder die Arme aus.

k) stelle Dich auch nie so vor andere, daß ihnen die nötige Aussicht benommen ist;

l) hüte Dich überhaupt vor einer gezierten und affektierten gezwungenen Stellung. Vermeide alles Eckige, Gespreizte, Einstudierte; es verrät die kleinliche Denkungsart und Du machst Dich dadurch lächerlich und anderen eher zuwider, als beliebt und angenehm.

4. Wann sollst Du stehen?

a) Wenn jemand vor Dir steht und mit Dir spricht;

b) wenn jemand zu Dir kommt, es sei denn ein ganz vertrauter Freund;

c) wenn ein anderer in eine Gesellschaft tritt, in welcher Du Dich befindest;

d) wenn Du im Freien auf einem öffentlichen Platze sitzest und jemand vorübergeht, der Dich grüßt, oder den zu grüßen Du für Deine Schuldigkeit hältst.


b) Beim Sitzen.

1. Die Haltung beim Sitzen sei frei und aufgerichtet, jedoch frei von aller Steifheit, dabei anständig und bescheiden.

2. Sitze gerade und ungezwungen. Laß die[35] Hände leicht auf dem Schoße ruhen und strecke die Beine etwas vor.

3. Es schickt sich nicht beim Sitzen:

a) das eine Bein über das andere zu schlagen;

b) die Beine zu sehr auseinander zu spreizen;

c) ohne Ruh' und Rast die Beine zu bewegen und mit denselben zu wippen;

d) die Kniee mit den Händen zu umfassen;

e) die Füße unter die Stuhlbeine zu häckeln;

f) sich nicht auf den ganzen Stuhl, sondern auf eine Ecke desselben zu setzen;

g) schief oder quer auf dem Stuhle zu sitzen;

h) mit einem Arm die Rücklehne zu umschlingen;

i) sich rücklings auf den Stuhl zu setzen und die Stuhlfüße mit den Beinen zu umschlingen;

k) sich mit den Ellbogen auf die Lehne des Stuhls zu stützen und den Kopf in den Händen zu halten.

4. Das Niedersitzen und Aufstehen muß ohne Geräusch geschehen, wenn man nicht für plump, ungeschliffen und ungezogen gelten will. Es gibt Leute, die beim Rücken der Stühle ein geradezu nervenerregendes Geräusch machen. Das ist zu vermeiden. Man hebt den Stuhl auf (nicht rücken) und setzt ihn leise an seinen bestimmten Platz.


c) Beim Gehen.

1. Dein Gang sei aufrecht, natürlich und ungezwungen. Halte den Körper gerade, die Brust etwas vorwärts, den Leib einwärts, den Kopf aufrecht und ruhig, nicht beständig hin- und herwackelnd.[36]

2. Mache weder zu lange noch zu kurze Schritte; ersteres macht den Gang schleppend und schwerfällig, letzteres trippelnd und geziert.

3. Gehe nicht zu rasch und hastig; der wohlerzogene Mensch läuft nie auf der Straße, es sei denn, daß besondere Gründe (ein plötzlicher Unfall, eine Feuersbrunst, Regen usw.) ihn dazu nötigen. Gehe aber auch nicht zu langsam oder schläfrig.

4. Gehe überhaupt Deinem Geschäfte, Stand und Alter angemessen: es wäre unnatürlich, wenn ein junger Mensch sich im Gange das Ansehen einer alten und hochstehenden Person geben, oder der Alte im Gange einem jungen Menschen nachahmen wollte.

5. Kehre die Fußspitzen nicht einwärts, sondern auswärts, doch nicht zu weit.

6. Tritt leicht auf, ohne Getöse, mit der Breite des Fußes, nicht mit den Absätzen, immer aber sicher und fest.

7. Halte die Arme und Hände nicht stramm an die Seiten angeschlossen oder steif herabhängend, wie die Soldaten beim Paradeschritt; schlenkere sie aber auch nicht hin und her, wie einen Schwengel, rudere nicht mit ihnen, sondern bewege sie mäßig, leicht und ungekünstelt.

8. Stecke nicht eine oder beide Hände in die Taschen, oder lege sie auf dem Rücken zusammen; das ist unanständig und mißfällig.

9. Den Blick halte gerade vor Dich hingerichtet, daß Du alles vor Dir genau bemerkst, etwaigen Hindernissen aus dem Wege gehen kannst,[37] nicht stolperst, nicht anrennst, Entgegenkommenden ausweichen und vorbeigehende Bekannte grüßen kannst usw.

10. Vermeide alles Schwerfällige und Ungelenke, alles Steife und Plumpe, alles Gezierte und Gekünstelte; vermeide alles Trippeln, Hüpfen, Huschen, Schleichen, alles Poltern und Stampfen, alles Schlottern und Schwanken.


Quelle:
Vogt, Franz: Anstandsbüchlein für das Volk. Donauwörth [1894] [Nachdruck Donauwörth 21987], S. 34-38.
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