Das Elternhaus

[41] 1839 führte mein Vater seine junge Frau aus der Priegnitz nach Markowitz. Eine lange Fahrt auf eigenem Wagen mit eigenen Pferden, Lastwagen mit Möbeln und anderer Ausstattung dahinter – so mögen Farmer aus den Oststaaten Amerikas nach den großen Seen ausgezogen sein. Als das Ziel endlich erreicht schien, blieb der Wagen in der unergründlichen Blotte stecken, und der junge Ehemann mußte seine Frau auf den Armen nach dem Hause tragen. Blotte muß man sagen; nur dieses Lehnwort genügt. Und wie war das Haus? Etwas größer, aber ganz gleicher Art wie die polnischen Bauernhäuser, deren es heute bei uns nur vereinzelte noch gibt. Das Strohdach hielt den Regen unvollkommen ab und unterkellert war das Haus nicht.[41] Als das erste Kind im Bettchen lag, mußte es vor den Ratten geschützt werden. Ein Tümpel nicht weit vor dem Hause, dahinter ein wie alle Gebäude baufälliges Haus für die Spiritusbrennerei (in Wahrheit Schnapsbrennerei), und Wall und Graben, Ligustergestrüpp oben, die beliebte polnische Begrenzung des Gartens nach der Landstraße. Die junge Frau mochte doch wohl etwas schaudern. Ein paar Deutsche zur Bedienung kamen vielleicht mit, sonst nur die fremde, halbwilde Bevölkerung. Für das erste Kind konnte ein Kindermädchen aus einem der deutschen Dörfer des Kreises gemietet werden; aber sie bedurfte selbst erst der Erziehung14. Es fehlte nicht ganz an deutschen Rittergutsbesitzern. In Kruschwitz saß der später geadelte Amtsrat Heyne, der angesehenste Landwirt, dessen Familie, so zahlreich sie war, wie die meisten anderen, die damals blühten, nicht mehr besteht. Ein wirklich naher Verkehr, eine Freundschaft, ist zu keinem Hause entstanden. Jenseits des Pakoscher Sees saß eine entfernt verwandte Familie von Tschepe, aber das war doch schon recht entlegen. In Kobelnik waren Schwanenfelds nahe, also die Schwester, welche ihren jüngsten Bruder, meinen Vater, nach dem Tode seiner Eltern erzogen und auch seine Ansiedelung bewirkt hatte, aber sie kränkelte und hielt sich mit ihrem Manne meist im Süden auf.

Der Anfang wird doch ganz fröhlich gewesen sein. Das Abenteuerliche des Zuges in die Ferne, die Aussicht, eine wohnliche Heimstatt und ein Behagen sich erst schaffen zu müssen, reizte den Jugendmut, und es schien auch alles gut zu gelingen. Es war noch Anlagekapital vorhanden, um den Hof auszubauen und von einem angesehenen Berliner Architekten das schöne Haus, Schloß sagte das Gesinde, errichten zu lassen, das sich im Bilde so zeigt, wie es 1860 aussah. Ein Umbau war für die nächste Generation dringend nötig, weil der Baumeister der 40er Jahre die Bedürfnisse der Gegenwart nicht kennen konnte. Dabei haben sich trotz der größten Schonung die glücklichen Verhältnisse zwischen den Flügeln und dem Mittelbau nicht ganz bewahren lassen.[42]

Der Tümpel war zu einem anmutigen Teiche ausgegraben und so umpflanzt, daß er größer schien, weil man nie das Ganze sehen konnte, und der ganze Garten durch die Bemühungen meiner Mutter und den Rat eines kunstsinnigen Hausfreundes, Herrn von Zedtwitz aus Dresden, zu wirklicher Schönheit gestaltet. Dabei muß dankbar der Herren des Gutes gedacht werden, vermutlich besonders eines Herrn von Malczewski, die im 18. Jahrhundert den Garten angepflanzt haben, der sich nun hinter dem neuen Hause erstreckt, nach allen Seiten etwas erweitert. Zuerst ist einmal als Grenzpflanzung eine Reihe Hagebuchen gezogen worden, nun verschwunden bis auf eine Laube, die sich kaum verändert hat und der vierten Generation zu den ersten Kletterübungen dient. Dann ist weiter vorgeschoben parallel eine Reihe Linden gepflanzt, die einmal gekappt waren; ähnliche Anlagen sind auf polnischem und baltischem Boden zahlreich. Hier ist nur ein Durchhau vorgenommen, um vom Hause auf die Türme von Inowrazlaw blicken zu können, sonst ist den Linden freies Wachsen gestattet; bis auf den Boden hängen die Zweige, und unter ihrem schattigen Dache wandelnd habe ich so manches Buch gelesen. Als Sitz zog ich die einzige Kastanie vor, die den Maikäfern widerstanden hatte; ich nehme den Orestes des Euripides nie zur Hand, ohne an sie zu denken, denn es war die letzte Tragödie, die ich für meine Pförtner Valediktionsarbeit dort oben zum ersten Male las. Es steht mancher Baum im Garten, der Bewunderung findet und verdient; viele, deren Leben ich seit ihrer Pflanzung verfolgt habe, und die das meine hoffentlich so lange überdauern wie die Linden ihren unbekannten Pflanzer. Eingegangen sind schon länger Maulbeerbäume, deren Anpflanzung Friedrich der Große längs der Straße befohlen hatte. Aus der Seidenzucht ist gleich nichts geworden, und die weißen Beeren schmeckten nur den Dorfkindern gut, deren Einbruch in den Garten zur Plage ward. Aus der polnischen Zeit standen noch zahlreiche Birnbäume, viel zu hoch ausgewachsen, nie beschnitten, allmählich absterbend. Die Früchte waren gelb und rotbackig, wie man sie malt, aber taugten wenig und ließen sich schlecht abnehmen; wenn sie abfielen, waren sie den Kindern preisgegeben, die sonst selbst an das Beerenobst nur selten gehen durften. Das Obst, Pflaumen und Birnen, Äpfel seltener und mit geringem Erfolge, ward im Ofen getrocknet, und zumal die Birnen galten den Kindern als Leckerbissen; heute würden sie verachtet werden. Apfelsinen kannte man kaum, und wenn man eine Scheibe bekam, gestand man sich schüchtern, daß sie sauer war. Aber die Trauben gediehen an der Südwand von Pferde- und Schafstall so köstlich, daß mein Bruder Tello, der aus dem Kadettenkorps als Leutnant zu den Husaren nach Trier kam, wetten[43] konnte, sie würden die dortigen schlagen, und ein Kistchen kommen ließ, was bei der damaligen Verbindung lange dauerte; er hat die Wette gewonnen. Erst als ich aus dem Hause war, kamen Feigen hinzu, was wenige glauben werden; sie müßten sie kosten. Sie stehen nicht im Warmhaus, sondern im Freien als Busch, im Winter zugedeckt, durch die Leitung aus dem Pferdestall mit Jauche gedüngt, natürlich nicht die schönste kleine Sorte, grün oder schwarz, sondern die langen braunen Oberitaliener. Was eine Feige wirklich sein kann, habe ich früher einmal im Herbste in Griechenland, jüngst aber noch vollkommener in Kyme und Kyrene gelernt. Getrocknet, besser vertrocknet, in den häßlichen weißen Schnüren hatte der Knabe sie mit mehr Andacht als Genuß gegessen: sie stammten doch aus dem Sonnenlande, zu dem die unbewußte Sehnsucht im Herzen schlummerte. Die Feige hatte auch den Vorzug, daß der Pole sie nicht kannte, nicht mochte, also auch nicht stahl. Leider haben ihm jüngst die französischen Gefangenen, die sonst im Gegensatze zu den Engländern sehr ordentlich und fleißig waren, den Geschmack daran beigebracht, ebenso wie die Kunst, Rebhühner, Hasen, Kaninchen in Schlingen zu fangen. Der Franzose ist ja ein Virtuose in der Kunst des braconnier. Dabei sind die leichtsinnig eingeführten wilden Kaninchen ausgerottet, was kein Schade ist. Auch daran mag erinnert werden, daß die jetzt zur Volksnahrung gewordene Tomate erst Ende der 50er Jahre langsam eingeführt worden ist und als »Liebesapfel« zunächst auch bei uns auf starken Widerstand stieß.

Ein Garten muß, um schön zu bleiben, immer umgestaltet werden, und jeder, der ihn pflegt, wird ihm etwas von seinem eigenen Wesen mitteilen, aber so wie einige Grundlinien schon von dem polnischen Herrn stammen, der den Lindengang gepflanzt hat, wird er in Vielem das Werk meiner Mutter bleiben, wenn sie selbst auch an den Blumen und blühenden Büschen wohl die größte Freude hatte, auch den schönsten Trost, als nach den ersten Jahren schwere Zeiten und noch schwerere Pflichten für sie kamen. Schon 1846 zerriß die Entdeckung der polnischen Verschwörung den Verkehr mit diesen Nachbarn. 1848 hing Leben und Besitz an einem Faden; die Cholera folgte. Die ganze Existenz war bedroht. Verhältnisse, wie sie der Freiherr von Rothsattel in Soll und Haben, Axel von Rambow in Ut mine Stromtid erleben, gab es auch für Markowitz, und die braven und die infamen Juden spielten genau die gleiche Rolle. So stand es in den 50er Jahren, ist aber überwunden worden, schon in den 60er Jahren mit steigendem Erfolge. Meine Mutter hat allerdings dafür auch ihre ganze Kraft eingesetzt und verbraucht.[44]

Was gemeiniglich einer Hausfrau zufällt, die Führung des Hausstandes und die Sorge für die Kinder, war hier das wenigste und war doch schwer, als die beiden ältesten Söhne aus dem Hause kamen. Dazu hat allein geholfen, daß die Erziehungsgelder, die aus der Familienstiftung des Feldmarschalls Moellendorff für die Söhne kamen, auch wirklich nur zu diesem Zwecke verwandt wurden. Der älteste kam nach Bromberg auf das gute Gymnasium, der andere nach Kulm aufs Kadettenkorps, von wo der Junge »Kadett, Kadett Kaldaunenschlucker«, verhungert und krank, schließlich ganz siech nach Hause kam. Da eine Tochter fehlte, ist in einem trefflichen jungen Mädchen eine wahre »Haustochter« herangezogen worden, bis sie, wie der Welt Lauf ist, einen Hauslehrer heiratete und nie wieder einen genügenden Ersatz fand. Das war doch nur im Hause eine Hilfe, allenfalls noch für das, was man weibliche Handarbeit nennt. Die ganze Kleidung für uns Knaben, bis zum zwölften Jahre bunte Kittel und leinene Hosen, ward im Hause gearbeitet; dies wenigstens weiß ich. Aber die verantwortliche Leitung reichte ja viel weiter, und die ganze Wirtschaftsform war auf Hausarbeit gegründet, und das ganze weitausschauende und täglich eingreifende Regiment lag der Hausfrau ob. Wenn auch im Inspektorhause eine Mamsell saß, der das Federvieh, der große Backofen und die Küche für die Beamten, soweit sie nicht verheiratet waren, und an einem anderen Tische für mehr als zwanzig Knechte und eine Anzahl Mägde unterstand, so war gerade hier dauernde Kontrolle notwendig; die Zuverlässigkeit war gering, die Versuchung groß. Es hat arge Unterschleife, manche Katastrophen gegeben. Die Nahrung für so viele Menschen, verschieden nach ihren Bedürfnissen, mußte bereitet und das Nötige dazu fast alles selbst erzeugt werden. Aus dem eigenen Roggen, gemahlen in der eigenen verpachteten Mühle, ward verschiedenes, aber immer gesäuertes Brot gebacken. Semmel gab es auf dem herrschaftlichen Tische nur, wenn gelegentlich die hochgeschätzten Reihen von Wassersemmeln aus der Stadt mitgebracht wurden. Selbstbereiteter Zwieback war immer vorhanden, den Kindern kein häufiger Genuß. Kam überraschend Besuch, wurden Waffeln gebacken. Fleisch ward nur zu Gesellschaften aus der Stadt beschafft; für jeden Hammel, jedes Brackschaf schrieb die Hausfrau besonders das Todesurteil. Neben diesen lieferten die großen Schlachtfeste der Gänse und zumal der Schweine die Fleischnahrung; für die Herrschaft Hühnerstall und Jagd daneben. Zum Schweineschlachten, lange noch ohne Wurstmaschine, wurden Frauen aus dem Dorfe aufgeboten, und auch wir Kinder halfen beim Speckschneiden. Würste und Spickgänse kamen in die Räucherkammern, eine im Inspektorhause, eine im Schloß, frisches Fleisch in den Eiskeller[45] hinten im Garten, das Gepökelte und Gesalzene in einen besonders gesicherten Keller, den niemand ohne persönliche Anwesenheit der Hausfrau betrat. Da standen die irdenen Riesentöpfe mit diesen Vorräten, daneben die Tonnen mit Gurken und geschnittenem Weißkohl, eine unvollkommene Sorte Sauerkraut, und mit gesalzenen Schnittbohnen, auch Heringsfässer, die Hauptnahrung der Knechte während der Fasten, die in der Diözese Gnesen sehr streng waren, sogar Butter verboten, so daß Rüböl gekauft werden mußte. Auch Spiritusfässer fehlten nicht, die verdünnt den unentbehrlichen Schnaps lieferten. Das damals noch oft mißlingende Einmachen der Beerenfrüchte, dem das Dörren wegen der Sicherheit des Erfolges vorgezogen ward, war den Buben wichtig, weil sie mithelfen durften. Selbst die Seife ward im Hause gekocht, ob auch die Talglichter gezogen, kann ich nicht sagen. Sie brannten im Souterrain, so daß ich die Lichtputzschere noch im Gebrauche gesehen habe. Bald kamen dorthin Öllampen, als auf unserem Familientische die neue »Moderateurlampe« stand, deren tägliche Reinigung eine lange, schwierige Arbeit war und den Dienstboten doch nicht anvertraut werden konnte.

So hatte die Hausfrau für den Tag und für das Jahr zu sorgen, die vielen Menschen anzustellen und zu beaufsichtigen. Plötzlich etwas zu beschaffen kostete eine Wagenfahrt nach Inowrazlaw; von auswärts kam wenig, dazu waren die Verbindungen, auch die Post noch nicht angetan. Zwei bis dreimal im Jahre mußten die 50 Kilometer bis nach Bromberg zu den nötigen Einkäufen zurückgelegt werden. Die Hausfrau war nur am Schreibtisch beim Rechnen oder mit dem Schlüsselkorb treppauf treppab laufend zu denken; nur abends, wenn sie strickte und wir Kinder vorlasen oder allgemein gespielt ward, hatte sie Ruhe. Die polnische Sprache war ihr fremd geblieben; dennoch besaß sie das Vertrauen weit über den Kreis der eigenen Leute, und sie suchten Rat in allerhand Krankheiten. Wie oft habe ich alte Wäsche vom Boden oder Arzeneien aus dem »Medizinschranke« holen müssen. Nennen muß ich hier den Kreisphysikus Wilczewski, denn er ist durch Bekämpfung des bösen Fiebers (wohl Malaria) und des Typhus ein Wohltäter der Menschen gewesen. Diese Krankheiten rafften im Herbste gerade kräftige Menschen hin. Er erst führte die Chinarinde ein (Chinin noch unbekannt), und da die Polen dem Arzte nicht trauten, wandte er sich an verständige deutsche Frauen, deren nur zu wenige waren. So hatten wir immer einen großen Steintopf voll des bitteren Heilmittels, das erfolgreich zu empfehlen zuerst viel Überwindung kostete. Aber dann glaubten sie der gnädigen Frau. Im Kriege 1870 haben sie auch wacker Charpie gezupft,[46] das einzuholen die wielmozna pana in den Dörfern herumfuhr. Alle hatten sie Söhne im Felde, gemeinsame Hoffnung und Sorge.

So hat sie sich nach außen mit fröhlichem Gesichte in der Sorge für alle und alles aufgerieben. Ende der 60er Jahre begann ihre von den Ärzten unerkannte Krankheit. Sie hat noch einige gute Wochen erlebt, als sie in Kreuznach mit den beiden Häusern der Bildhauer Cauer nah verkehrte. Eine andere Welt tat sich ihr auf, in der sie leichter atmen konnte. Sie war noch leidlich wohl, als ihre vier Söhne aus dem Kriege 1870 heimkehrten; 1866 waren es zwei, 1864 einer gewesen. Sie war auch entlastet und genoß das Glück, daß ihr Ältester, der ihr am nächsten stand, als Landrat nahe war und eine Enkeltochter um sie spielte. Vielleicht ahnte sie, daß ihr Geist in dieser Enkelin fortleben und fortwirken sollte. Bald kamen die unsäglichen Qualen der Wassersucht. Ich habe sie in ihren letzten Monaten gepflegt, ihre Leiche mit eigenen Armen in den Sarg gelegt, den nichts außer den Blüten und Knospen ihrer geliebten Rosen füllte. Ich habe auch die Ausmauerung der Grabstätte auf dem Waldkirchhofe beaufsichtigt, den sie für die evangelischen Gutsleute angelegt hatte; ihren Platz darauf hatte sie längst ausgewählt. Es fragte sich, an welchem Tage die Beerdigung sein sollte. Der katholische Vikar kam zur Besprechung, denn es schien natürlich, daß er die Glocken läuten ließe. Er weigerte sich; da ging ich mit ihm abseits in den Rosengarten und sagte: »wenn Sie nicht läuten lassen, findet die Feier am Peter-Paulstage vormittags statt,« (einem Hauptfest der Diözese), »und wir wollen sehen, wohin Ihre Gläubigen gehen, zu Ihnen oder zu ihrer gnädigen Frau.« Das zog; er ließ läuten, wie ich es wollte. Das Gefolge war unabsehbar.

Ich bin nun wohl imstande, ihr Wesen und ihr Schicksal zu verstehen und wage einiges darüber zum Vorbilde nicht nur für ihre Nachkommen auszusprechen, wenn auch manches, was die Qualen auf dem Sterbelager über ihre Lippen trieb, mit mir ins Grab geht. Die Familie von Calbo, der sie entstammte, ist ausgestorben. Ihr Vater ließ seine Witwe mit vielen Kindern früh zurück, die ich als eine rüstige, muntere Bäuerin, anders kann ich nicht sagen, einmal gesehen habe. Sie schrieb sich viel, nicht nur mit ihrer Tochter, sondern auch mit den Enkeln, solange sie klein waren. Ihre Kinder waren seltsam verschieden, eine feine kluge Tochter, körperlich schwach und verwachsen, lebte bei der Mutter und besuchte uns manchmal. Zwei Söhne kamen in das vornehme Bataillon der Gardeschützen, wo es einer nicht weit brachte, ein verholzter Sonderling. Der andere war mehr, stand meiner Mutter nahe, ward aber im dänischen Kriege 1848 schwer verwundet und starb früh, noch in einer militärischen Stellung. Ein dritter kam[47] als Landwirt herunter. Meiner Mutter ward das Glück, daß sie früh als die Älteste von ihrer Großmutter übernommen ward, einer Frau von Moellendorff, Nichte des alten Ziethen. Chodowieckis Stich, auf dem König Friedrich den alten Ziethen vor sich sitzen läßt, ist so in unser Haus gekommen. In dem sehr wohlhabenden Hause zu Krampfer in der Priegnitz lebte eine Tradition, die noch fast bis in die Zeiten des alten Fritz zurückreichte. Elegante Raketts, mit Darmsaiten besponnen, und schön gefiederte Federbälle konnten wir noch bewundern, aber nur die Eltern spielten mit ihnen, und wir bekamen, verfertigten wohl auch, geringere, brachten es aber auch zu einiger Fertigkeit in dem anmutigen Spiele, das nun verschollen ist, wie das ähnlich graziöse Reifenschlagen, das in Gesellschaften auf dem Rasen allgemein geübt ward. Auch einige geistige Anregung fehlte in Krampfer nicht, nur lag es in der Tradition, daß das Französische mehr Beachtung fand als unsere wahrhaft große Dichtung, aber von der zeitgenössischen romantischen Lyrik kam doch manches hin. In der Nachbarschaft wuchs Gustav zu Putlitz auf, und diese Kinderfreundschaft ward, soweit es ging, von meiner Mutter aufrecht gehalten. Ein Klavier hat zur Ausstattung gehört, unter der mehrere seltene Stücke waren; aber als ich aufwuchs, rührte meine Mutter keine Taste und hatte doch an der Musik, wie sie Herr von Zedtwitz auf einem später nach dem glücklichen Verkaufe eines Hengstes angeschafften Flügel übte, den tiefsten Genuß. Zum Lesen fehlte die Zeit; da hat das Vorlesen der Söhne Ersatz geschafft, während die fleißigen Hände ihre Wäsche stopften. Erst als ich in Kreuznach im Cauerschen Hause sah, wie sie auflebte, eine ganz andere ward, und später, als ich mit ihr in Berlin in die königliche Oper und die Possen des Wallnertheaters ging, habe ich verstanden, was sie entbehrt, wieviel Sehnen sie in sich niedergekämpft hatte. Das ist ihr wohl erst ganz zum Bewußtsein gekommen, als nach meiner Geburt die vielen schweren Nöte kamen. Da bezwang sie sich selbst und bezwang die Nöte. Aber als sie sich mit den Söhnen, die ihr alles dankten, hätte freuen können, mußte sie sterben. Und doch ist ihr Leben voll und schön gewesen, denn der Mensch ist nicht dazu da, um glücklich zu sein, sondern um die Rolle zu spielen, die ihm sein Dämon zugewiesen hat. Möge ein Teil ihres Geistes wie in ihren Enkeln auch in der weiteren Geschlechterfolge leben, wenn auch unbewußt. Mit mir stirbt der letzte Mensch, der sie gekannt hat.

Jeder Mensch bringt in seiner Seele seinen Dämon mit; die enge Welt, in die er hineingeboren wird, wirkt sofort auf ihn ein, stärker oder schwächer, und auch die Kraft des Dämons ist verschieden. So geht es das Leben lang, so daß viele Menschen Gattungswesen zu sein scheinen, ganz durch ihre Umwelt[48] bestimmt. Eigentlich kommt es also in einer Kindheitsgeschichte auf das Verhalten des Dämons zu der Umwelt an. Allein ich würde selbst von dieser und den Eindrücken, die das Kind von ihr empfing, gar nicht reden, wenn ich nicht glaubte, daß Gestalten und Zustände einer nun schon fernen Zeit verdienten, daß ihr Gedächtnis nicht ganz unterginge, nicht um persönlicher, sondern um typischer Bedeutung willen.

Ich bin ganz ohne Gespielen aufgewachsen; ein drei Jahre jüngerer Bruder konnte das erst allmählich werden und immer in anderem Verhältnis. Wir vertrugen uns darum, weil wir sehr verschieden waren, er an Körperkräften mir gewachsen, unternehmungslustiger, aber folgsam in den Spielen, die ich mir ausdachte. Die Eltern hatten zuerst versucht, Dorfkinder heranzuziehen, aber da meine älteren Brüder immer ganz verlaust nach Hause kamen, mußte das aufgegeben werden. Kinder aus der Stadt oder von anderen Gütern sah man ganz selten; auch wenn längerer Familienbesuch mit Kindern im Hause war, ergaben sich nur gleichgültige, öfter unerfreuliche Berührungen. Ein Mädchen, mit dem ich hätte spielen können, ist mir nie begegnet. Es fehlte die Schwester, dem Hause die Tochter. Für die Mutter war die ersten Jahre eine treffliche Haustochter ein Ersatz, auch ich hatte sie lieb, aber zum Erziehen war sie zu jung, zum Spielen zu alt. Die Brüder kamen in den Ferien, neckten, erzogen ein wenig, bestimmten doch nicht. Von dem, was uns im Inneren bewegte, zu reden, wagten wir auch zur Mutter kaum je, so unbegrenzt die Hingabe und so nahe das Zusammenleben war. Bis zum 11. Jahre habe ich mit ihr im selben Zimmer geschlafen. Auch wenn einzelne der Hausfreunde sich mit mir abgaben, war das zwar sehr belehrend, aber selten wahrhaft fördernd. Der Direktor des Kreisgerichtes Dr. Kuhne und seine Frau waren vertraute Freunde meiner Mutter. Er war ein hervorragender Mann, im Amte von unermüdlichem Fleiße, unbeugsam in juristischem und moralischem Urteil, das er rückhaltlos vertrat. Aber er trug aus der romantischen Jugendzeit eine weiche Sentimentalität im Herzen. Mich verzog er. Erst in meinem letzten Studienjahr in Berlin, wo er Obertribunalsrat geworden war und mir sein Haus öffnete, lernte ich ihn schätzen und nahm manches in mich auf, was ich erst später würdigte. Es war schädlich, daß keine unbedingte und als solche anerkannte Autorität den kindlichen Willen zwang, wo es not tat, auch brach. Nur in manchen Äußerlichkeiten des Betragens gab es keine Nachsicht. Das kann ich nicht essen, ward nicht anerkannt. Etwa die Haut auf der Milch nicht mitzutrinken, mit Gekröse oder Schwarzsauer zu mäkeln, wozu ich versucht war, ward nicht gestattet. Auch irgendwie, etwa einem Tiere gegenüber, Furcht oder Abscheu zu verraten, würde exemplarische[49] Strafe eingebracht haben. Bei Tische wurden wir stramm gehalten, saßen auf Holzschemeln, bekamen nicht von allem. Die tägliche Kost war so einfach, wie sie jetzt in solchem Hause undenkbar ist, auch sonst bis zum Kriege nicht häufig gewesen sein dürfte. Wir Kinder lebten vorwiegend von Milch und Brot. Zum zweiten Frühstück ward der Spruch »Salz und Brot macht Wangen rot« durchgeführt, wenn kein Obst da war. Dann hieß es, geht an den oder jenen Stachelbeerbusch oder seht nach, ob Birnen gefallen sind. Auf den Hof kam ich selten, an den Arbeiten der Landwirtschaft nahm ich nicht einmal als Zuschauer Anteil. Das war meine Schuld, denn mein Bruder hat es später anders gehalten. Auch zu dem Vieh, selbst den Pferden, hatte ich kein wirkliches Verhältnis, wohl aber zu den Hunden, dem kleinen King Charles in der Stube, dem braven Pluto des Inspektors, der von selbst wußte, wen er nötigenfalls die Treppe hinunterzubefördern hatte, und der wilden Bulldogge, die nachts losgelassen den Hof schützen sollte und für die einmal Strafe gezahlt werden mußte, weil sie, auf die Landstraße geraten, den Postwagen gestellt hatte. Unser Tummelplatz war der Garten; da gab es auch ein Stückchen zu eigener Pflege, und der Mutter half man ja, wo es nur irgend anging, pflückte die Veilchen, die im Rasen massenhaft wucherten, suchte in den Gräben nach Vergißmeinnicht, lernte Sträuße und Kränze machen, die wir Kinder an den Festen, zumal Geburtstagen, in den Haaren trugen. Und die Bäume lernte man lieben, in deren Zweigen sich so schön träumen oder lesen ließ, den Robinson oder die Märchen (Grimm, Andersen, selbst Musäus), die 52 Sonntage (in denen wir uns wiederfanden); der Lederstrumpf war zu dick für solche Plätze. Besonders beliebt war der »Brüderbaum«, zwei durcheinandergeschlungene Apfelbäume, der eine mit roten, der andere mit grünen Früchten, wirklich ein anmutiges und seltenes Ding, das leider der kunstvolleren Ausgestaltung des Gartens geopfert ist. In einem entlegenen Boskett durften wir uns auch eine Höhle mit mehreren Zimmern graben. Handfertigkeiten lernten wir viel zu wenig. Im Basteln, wie man es nannte, habe ich wohl nur mit Modellierbogen gearbeitet; Tuschen blieb so ziemlich Schmieren. Nur daß wir einmal eine Wassermühle zimmerten, die wirklich ging, wenn auch nicht mahlte, ist mir erinnerlich, aber da halfen Erwachsene. Es gab eine Schaukel, aber da ward mir bei kräftigem Schwunge übel, eine lieber benutzte Wippe; zum Turnen an Barren und Reck fehlte jede Anleitung. Im Winter wurden Schneemänner gebaut, auch Eisschollen geschichtet, die ein Palast werden sollten; ein Märchen von Andersen lockte dazu. Und dann kamen die Schlittenfahrten. Unsere kleinen Schlitten wurden hinten an einen großen gebunden und die Hauptfreude war, tief in[50] einen Graben zu versinken. Auch die großen Schlitten fielen nicht selten um, nicht immer unabsichtlich. Ich weiß genau, wie ich mich bei solchem Falle in dem tiefen Schnee aufrichten wollte, aber in einer Finsternis befand: ich lag unter der Krinoline einer wohlbeleibten Inspektorsfrau; es hätte noch ein Junge darunter Platz gehabt; sie fand es doch etwas genierlich. Im Hause hatte ich vor allem meine sorgfältig gehüteten Bleisoldaten; das schönste Regiment waren Tscherkessen mit dem Freiheitshelden Schamyl an der Spitze; wer weiß noch etwas von seinen Kämpfen wider die Russen, die damals so populär waren, daß die Nürnberger Spielwarenfabrik mit diesen Reitern auf reichen Absatz rechnen durfte. Bald genügte es mir nicht, bloß aufzubauen und marschieren zu lassen: Krieg mußte gespielt werden. Da ward auf dem großen Tisch der Schulstube mit Tinte ein großer Fluß gemalt mit einer Insel darin, der nicht weggewaschen ward. Er schied zwei Länder, in jedem ward eine Festung gebaut, die Heere und auch die Kanonen verteilt, und nun begann von beiden Seiten das Geschützfeuer mit Erbsen oder auch Pfeilen, Holzstücken mit Watte dahinter, die aus Blaserohren geschossen wurden, und je nach dem Erfolge rückten die Truppen vor. Das machte der kleinere Bruder gern mit; das Aufbauen weniger, und das Einpacken fiel mir zu, weil er mit den kleinen Soldaten nicht säuberlich verfuhr. Ich sah nachher, wenn ich als Tertianer in die Ferien kam, mit Wehmut, wie die Köpfe und Pferdeschwänze fehlten. Auf diese Spiele hatte mich ein wirklich sinnreiches kostbares Spiel gebracht, das die Belagerung von Sebastopol darstellte; ein großer Plan mit dem Gelände und eingezeichneten Stellungen, in denen Punkte mit einem Mann oder einer Kanone besetzt wurden. Würfel entschieden den Erfolg von Angriff oder Verteidigung, aber man konnte doch mit umsichtiger Verteilung etwas ausrichten. Daher gewann der Ältere, und dem Kleinen ward es verleidet. Gespielt ward aber auch mit den Großen, viele Abende; man lernte Mühle, Dame, Belagerung, Domino, Kartenspiele zu zweien und auch in größerer Gesellschaft; wenn sich die Herren zum Whist setzten, sah ich gern zu. Auch Vingt et un um Zahlpfennige kam vor und erregte die Leidenschaft. Die Hauptfeste des Jahres waren die Geburtstage der Eltern, die in die schönste Sommerzeit fielen, und zu ihnen kam zahlreicher Besuch. Weihnachten gehörte der Familie und die Vorbereitungen waren so schön wie der Heilige Abend. Alle saßen an dem großen Tisch, Papierketten wurden geklebt, Netze geschnitten, Rosinen auf Schnüre gezogen und ebenso wie die Nüsse vergoldet, eigentlich ziemlich unappetitlich, vor allem Mandeln aus heißem Wasser genommen, so daß die Schalen sich lösten, die Mandel oft weithin herumsprang; dann wurde sie fein gerieben, für das Marzipan,[51] das Hauptkunstwerk. Da sah man dem Ausrollen zu und bekam etwas, um Brötchen und Kringel zu verfertigen. Auf das Backen folgte das Belegen mit eingemachten Früchten; stolz war man, wenn man so weit war, auch dabei zu helfen. Den Baum bekam man nicht zu sehen. Aber weil für ihn die Mutter allein sorgte, gab es für sie ein kleines Bäumchen, und das schmückten wir und schnitten heimlich die feinsten Netze.

Eintönig war dieses Leben freilich, vom Wandel der Jahreszeiten reguliert. Aber von außen kamen nicht selten Abwechselungen, herumziehende Künstler, der Mann mit der Drehorgel, der das Hausgesinde hervorlockte, und tanzen durften sie vor der Haustreppe, auch wenn sich das Essen verschob. Böhmische Musikanten in grünen Röcken bliesen wunderschön, bekamen öfter Essen als Geld und bliesen nochmals zum Dank. Auch ein Bärenführer mit Affen erschien gar nicht selten, einmal auch ein Bergmann mit dem vielbewunderten Modell eines Bergwerks. Erhalten ist ein mehr als naives Gemälde, das meine älteren Brüder als Kinder beim Schachspiel darstellt, von einem unternehmenden Maler verfertigt, der seine Kunst von Gut zu Gut landfahrend angeboten hatte. Als ich größer war, fuhr ich auch zu Vorstellungen nach Inowrazlaw mit. Da trat der große Zauberer Bellachini auf, der in Wahrheit ein Jude, ich dächte, aus Rawitsch war und als Landsmann besonderes Interesse erregte. Er holte mir einen Taler aus den Hosen und schenkte roten, grünen und gelben Likör aus derselben Flasche und was der Wunder mehr waren. Und einmal kam gar ein Theater: da gab es ein Stück, in dem ein Affe die Hauptrolle spielte, aber ich habe auch die Räuber gesehen; ein Gast spielte Franz und Karl Mohr, alle beide, und es war grausig schön.

Auf kurze Reisen bin ich gar nicht so selten mitgenommen, nach Rügen, nach Danzig, schon 1856 zu den Verwandten in die Priegnitz, wo ich mich in den vornehmen Häusern Gadow und Krampfer höchst unbehaglich fühlte, aber ich weiß nur eben die Tatsachen; für die flüchtigen Eindrücke der Landschaft und der Monumente war ich noch nicht empfänglich. Etwas anderes war es, als eine schwere Erkrankung meines Kadettenbruders eine Kur in Kreuznach nötig machte, zu der ich mitgenommen ward, weil ich auch kränkelte. Der Typhus steckte wohl schon in den Gliedern, der mich sofort nach der Heimkehr sehr schwer ergriff und auf viele Monate schwächte. Eine solche Fahrt war dazumal keine leichte Sache. Die Ostbahn war noch nicht fertig; es ging von Bromberg über Kreuz und Stettin nach Berlin, dann über Guntershausen nach Frankfurt, denn der Kurfürst von Hessen litt in Kassel keine Eisenbahn. Überall langer Aufenthalt; reisegewandt war die Mutter natürlich nicht, den Kranken zu besorgen erhöhte die Schwierigkeit. Aber[52] als das Ziel erreicht war, das Solbad rasch seine Wirkung tat und Zeit genug war, sich in die ganz andere Natur und ein buntes Leben hineinzufinden, war es doch für alle ein auffrischender Genuß, für die Kinder eine bedeutende Erweiterung des geistigen Horizontes. Ich glaube, mir war die Ebernburg durch das, was ich nun über Hütten und Sickingen hörte, eindrucksvoller als die Natur, auch als die Dampfschiffahrt rheinabwärts bis Bonn. Hier ward auch die Universität besichtigt und ich soll gesagt haben: »hier werde ich einmal Professor der Geschichte.« Ich habe später einen Ruf nach Bonn ohne Rücksicht auf diese Prophezeiung ausgeschlagen. Auf der Rückreise ward Potsdam besucht, und als wir von Sanssouci zurückfuhren, begegneten wir dem Könige, der mit der Königin eine Spazierfahrt machte. Unser Wagen hielt, wir standen alle auf. Der König dankte mit einer Handbewegung. Das Bild hat sich meinem Gedächtnis tief eingeprägt, während ich kein anderes in klaren Zügen bewahrt habe. Erst als ich im zwölften Jahre mit meinem Vater in Berlin, dann in Dresden ein paar Tage war, hatte ich Empfänglichkeit. Die Gipse des Berliner Museums überwältigten mich, so daß ich mich gar nicht losreißen konnte, in Dresden die Harmonie der Natur mit den Bauten, und unter der kundigen Führung des Herrn von Zedtwitz sah ich zum ersten Male Gemälde. Daß es eine Kunst gibt, die Sinn und Herz bezwingt, ging mir auf. Correggios Nacht schlug noch Raffael und Holbein, vielleicht doch, weil ich Oehlenschlägers Drama Correggio gelesen hatte. Herrlich war die Malerei, aber andächtiger hatte ich doch vor den Niobiden gestanden.

Von Kobelnik habe ich noch nicht gehandelt, und doch war das Reich meiner Tante Emma für mich von höchster Bedeutung: nur da atmete man eine andere Luft. Da sie bei meinem Vater Mutterstelle vertreten hatte, war sie für seine Frau etwas wie Schwiegermutter, für alle die höchste Respektsperson. Sie kam nur im Sommer für Wochen oder Monate nach Kujawien, und dann drehte sich alles um sie. Ihr Gatte starb früh, ein freundlicher Herr, der immer Schokoladenplätzchen neben der Schnupftabaksdose in der Westentasche hatte, und sie beerbte ihn, wie sie immer regiert hatte. Schon die reiche und stilvolle, streng klassizistische Ausstattung des alten Hauses imponierte durch vornehmen Reichtum, Gemälde, Teppiche, eine Marmorkopie der Psyche von Capua15. Trat man in den Garten hinaus, so blickte man über[53] ein Halbrund von Terrassen, auf denen sich Reben an niedrigen Spalieren rankten, umsäumt von bunten Blumen. Der damals noch hohe See war durch Ausgrabung des Moores und Sandes bis an den Fuß der Terrassen geführt, eine schmucke Gondel lud zur Wasserfahrt. Weithin zog sich der Park, von Kanälen durchzogen. Durchblicke und unten am Ufer ein hochaufgeschüttetes Plateau ließen die alte Kirche von Kruschwitz über dem Wasserspiegel wirkungsvoll den Blicken erscheinen, Nachahmung Italiens war mit dem, was Kujawien bieten konnte, vereinigt, ohne sich zu stören. In Italien, zu dem Nizza noch gehörte, auch wohl auf den hyerischen Inseln pflegte Tante Emma den Winter zu verbringen. In Rom hatte sie auch Wolf Goethe kennengelernt, Ölbilder zeigten ihn und seine Schwester Alma; seine Gedichte habe ich später in den Schränken der Bibliothek gefunden, die mir dann mancherlei zuführte, längst Vergessenes, aber auch Lachmanns Lessing. Sie war keine gewöhnliche Frau, bestrebt, die Mängel ihrer Jugendbildung zu ergänzen. Der französischen Konversation war sie vollkommen mächtig, aber ihre Bücher waren deutsch. Die Reisen hatten ihr mannigfache, manchmal sehr seltsame Bekanntschaften eingetragen, die kometenhaft auftauchten und verschwanden. Einzeln erschien Exzellenz von Frankenberg-Ludwigsdorff, Kronsyndikus, Mitglied des Herrenhauses16, der ihr Vermögen verwaltete, mit Ordensband und Stern. Der war noch unter dem Alten Fritz geboren und dem entsprach seine Schulbildung. Ich war schon auf der Schule, als er fragte: »Lernt ihr denn auch schon


je chante le héros qui regna sur la France

et par le droit de guerre et par ce de naissance?«


Das machte mich sprachlos; ich habe später Voltaire immer gern gelesen, wohl mehr als die meisten Kollegen, aber die Henriade durchzulesen, das habe ich nicht geleistet. Die unglaubliche Lebhaftigkeit der gebrechlichen alten Frau, die Unrast auch ihres inneren Wesens, ward wohl zur Launenhaftigkeit und führte sie in ihren Entschlüssen, Zuneigungen und Abneigungen zu unberechenbaren Quersprüngen. Aber sie übte keinen geringen Zauber aus; ich habe sie später gut kennengelernt. Sie konnte frömmelnde Anwandlungen haben und ebensogut voltairisch spotten; einige Frivolität war gestattet. Ida Gräfin Hahn-Hahn war ihr in den beiden Phasen ihrer nun vergessenen Laufbahn bekannt[54] gewesen17. Aber für echte Größe war sie empfänglich, auch wenn sie ihr aus einer fremden Welt nahegebracht wurde18. Sie bestand darauf, daß Polen bei ihr verkehren durften und richtete einer Tochter des Generals v. Kolatschkowski die Hochzeit aus; aber dann erzählte sie mit Genugtuung, daß der Brautschatz allerhand Kleider, Schals und Spitzen enthalten hätte, aber nur ein Hemde, das Brauthemde; das war dafür von Batist, reich gestickt. Die gewöhnliche Wohltätigkeit übte sie nicht, dafür gelang es manchen, die darauf zu laufen wußten, Beträchtliches zu erschnappen; aber gelegentlich tat sie auch Gutes; so erhielt die evangelische Kirche in Kruschwitz Uhr und Glockengeläute. Für die gesamten Kinder der Gutsleute hatte schon ihr Gatte in einem schönen Eichenhaine ein Schulhaus erbaut (sicherlich war im Netzedistrikt keines von fern vergleichbar), und die ganze Schule ward von der Gutsherrschaft unterhalten. In demselben Gehölz war eine Fasanerie, und beides zu besichtigen führte die Schloßherrin gern ihre Gäste hin. Als Herrin fühlte sie sich überhaupt, als Sonne, um die alles andere kreisen mußte. So wie es bei uns gehalten ward, auch in der Erziehung der Kinder, war es ihr wohl nicht ganz recht, aber das blieb so, und schließlich hat sie doch immer erkannt, daß hier die echteste und eine uneigennützige Anhänglichkeit ihr treu blieb. Sie verdiente es und hat es schließlich belohnt, indem sie meinen ältesten Bruder erst zur Sorge für ihre Güter, dann zu ihrem Erben berief.

Für uns Kinder war es freilich nur eine schwere Prüfung, wenn es nach Kobelnik zu Tante Emma ging. Schon die Feiertagstoilette war keine Freude, und dann vielen fremden Menschen vorgebändigt werden und gesittet am Katzentische Milch trinken, gezuckerte, was ich verabscheute. Danach wurden wir in den Garten entlassen; wie sollte man spielen, wenn die Hosen sauber bleiben mußten. Manchmal sollten wir in einem Kanale angeln: ich weiß nicht was, denn die Frösche bissen nicht an. Einzige Rettung, wenn wir des alten Julius habhaft wurden, der nun Jäger war, früher Diener auf den Reisen. Dann sollte er erzählen, von Italien; an dem Häuschen, das er bewohnte, war eine Vorhalle und unter ihr die Wand mit einer italienischen[55] Landschaft bemalt, im Hintergrunde die Peterskuppel. Aber er wußte nur zu berichten, daß der Weg nach Rom über schrecklich hohe Berge führte und Rom eine große Stadt wäre, wo kein einziger Mensch deutsch oder polnisch könnte, alle fürchterlich schrien und fürchterlich betrögen; Kujawien wäre doch schöner. Das wirkte doch nicht gegenüber dem Abglanz der italienischen Herrlichkeit, der mir hier entgegentrat; hingeworfene kurze Antworten der Tante auf meine Fragen kamen hinzu, später so Vieles in den Büchern, besonders packte mich Andersens Improvisator. Die Mignonsehnsucht saß ganz früh fest in meinem Herzen. »Dahin, dahin geht unser Weg. O Vater, laß uns ziehn.« Erloschen ist sie nie.

Wenn in Kobelnik die Stimmung etwas weltbürgerlich war, bei uns war sie preußisch, genauer fritzisch. Daß über dem Klavier die Bilder des Königspaares hingen, verstand sich von selbst. Der König war eben der König, dem war man von Gott ebenso zum Untertan gegeben wie den Eltern als Kind; die Hingabe an das Vaterland auf Leben und Tod war damit gegeben. Der Feldmarschall Moellendorff, nach dem jeder Junge den Vornamen Wichard führen mußte, hatte doch dem Alten Fritz die Schlacht bei Leuthen gewonnen, der Großvater Wilamowitz, den er adoptiert hatte, trug auf dem Bilde, das in der guten Stube hing, den pour le mérite, den er sich bei Eylau verdient hatte, und von der Familie der Mutter sollten sieben bei Kunersdorf gefallen sein. Die Erinnerung an die Schlesischen Kriege überwog die Freiheitskriege; das lag an dem Gegensatz zu Österreich, der Schmach von Olmütz. Da saß der Feind, der Preußen niederhielt. Die Süddeutschen waren Preußenfeinde; der Rheinbund war nicht vergessen. Die Franzosen waren weit, Waterloo oder, wie man noch sagte, Belle Alliance, war die letzte große Schlacht gewesen. Man fürchtete von ihnen nichts; Napoleon III. ward nach dem Kladderadatsch beurteilt, der allwöchentlich ins Haus kam. Die Reaktionszeit befriedigte durchaus nicht, und die echte Königstreue verlangt nicht die Billigung der jeweiligen königlichen Politik. Eine meiner ersten Erinnerungen hält ein Essen fest, bei dem der preußische Landrat mit einer Trauermiene verkündete: »der Kaiser (Nikolaus) ist tot«, und ebenso die Mahnung der Mutter, wie beschämend es wäre, daß ein Preuße so von dem Russenkaiser reden könnte. Schon vor der Regentschaft hingen auch die Bilder des Prinzen von Preußen und der Prinzessin Augusta an der Wand, die neue Ära ward mit Jubel begrüßt, die Sternzeitung gehalten, die Sammlung zu einem Ehrenschilde für den neapolitanischen Bourbonen verweigert, aber eine möglichst hohe Summe für die preußische Flotte gezeichnet. In dem Sinne wuchs ich auf; in der Schule wehte mich die liberale Opposition gegen Bismarcks[56] Anfänge etwas an, aber dann kam 1864, der älteste Bruder zog als Reserveleutnant mit dem neuen dritten Garderegimente bis zum Lymfjord er machte den böhmischen Feldzug bei der Gardelandwehr mit, der Husarenbruder bekam im Reitergefechte mit den Bayern etliche Schmisse in das Gesicht. Welcher Jubel in diesen Juliferien. Ich habe ihm in einer lateinischen Elegie Ausdruck gegeben, die ich am Schulfest 1867 vortragen durfte. Schwarzweiß bis in die Knochen.

Religionsübung gab es im Hause eigentlich nicht. Der liebe Gott und himmlische Vater, allmächtiger Herr der Natur und des Lebens, gütig auch wenn er strafte, mit Auge und Ohr im stillen Kämmerlein, auch in jedem Verstecke gegenwärtig: das war so sicher und so selbstverständlich, wie daß die Sonne am Himmel wanderte. Weihnachten freute man sich, daß das Christkind geboren war, Karfreitag trauerte man, daß Christus ungerecht so schmählich sterben mußte. Die besondere Heilighaltung dieses Tages geschah auch, um das evangelische Bekenntnis gegenüber den Katholiken deutlich zu machen, denn da die Kirche den Todestag Christi nur als Fasttag behandelt, hieß es das preußische Fest, und die Polen übertraten, soweit es irgend ging, die gesetzlichen Bestimmungen zu seiner Heiligung. Wir gehörten eigentlich zum Sprengel Strelno, der dortige Pastor hat mich auch getauft; aber er war ein mehr als zweifelhafter Seelenhirte, wie leider manche auf den kümmerlich bezahlten Stellen der Diaspora, und verfiel bald der Absetzung, weil er ein Kalb seiner Tochter im Ornate getauft hatte. In Inowrazlaw war dagegen der Superintendent Schönfeld ein verehrungswürdiger Mann, dem auch wir herzlich zugetan waren. Was er mit Aufopferung aller Kräfte für die evangelischen Schulen geleistet hat, ist alles Preises wert und sollte nicht vergessen werden. Bitter war es ihm, auf die Schulaufsicht zu verzichten, als die Kreisschulinspektoren eingeführt waren, eine notwendige und im ganzen heilsame Maßregel, wenn sie hier auch das Wirken eines Mannes abschnitt, der nicht zu ersetzen war. Bisweilen predigte er im Schulhause des Dorfes Kruscha duchowna, und dann fuhren wir Eltern und Kinder zum Gottesdienste; aber das war sehr selten. Die deutschen Kinder hatten dorthin täglich einen Schulweg von 40 Minuten. Die milde, echte Religiosität des verehrten Geistlichen ließ die Art, wie wir aufwuchsen, ruhig gewähren, an der manch anderer Anstoß nehmen durfte. Als später die Kandidaten der Theologie Katechismus, viele Sprüche und etliche Kirchenlieder lernen ließen, blieb das toter Gedächtnisstoff.

Der eigentliche Unterricht begann damit, daß ich lesen, schreiben, rechnen bei der Mutter lernte, aber das war nur schöner als spielen. Mit den ersten[57] Hauslehrern ward es nichts Rechtes; ich habe sie ganz vergessen. Dann kam meine Krankheit, erst im zehnten Jahre ward es ernst, am ernstesten dadurch, daß ich ein Pony bekam. Das war so unfreundlich, bei meinem ersten, allerdings leichtsinnigen Reitversuch, ein paar Sprünge zu machen, mich abzuwerfen und mir einen Schlag gegen die Schläfe zu geben, so daß ich besinnungslos liegenblieb. Das verging, und das Reiten unter der Anweisung des Vaters setzte ein. Reiten war Familienstolz. Der älteste Bruder meines Vaters hatte mit einem Hengste eigener Zucht, mit dem Scherz, als erster Deutscher das englische Derbyrennen gewonnen, war Graf geworden und hatte in die Mitte des Familienwappens einen Pferdekopf erhalten. Ein anderer Bruder war ein verwegner Herrenreiter gewesen. So trieb auch mein Vater Pferdezucht, hatte sich eine runde Reitbahn bauen lassen und verstand bei dem Unterrichte keinen Spaß, und die lange Peitsche traf den Reiter häufiger als das Pferd. Ich danke ihm das sehr, vor allem, weil unerbittlicher Ernst dahinter war, aber es stählte auch den Körper und zwang den oft verträumten Jungen, den Körper folgsam, den Geist gegenwärtig zu halten. Schließlich hat mir's der Vater nie vergeben und noch meiner Braut geklagt, daß ich kein Kavallerist geworden bin, wo ich doch einen besseren Schenkelschluß hätte als meine Brüder von der Kavallerie. Mir ist das Reiten auch ein Genuß gewesen, den ich leider nur selten, zu Hause oder in Griechenland und Asien haben konnte. Zuletzt habe ich 1917 in Bulgarien ein Pferd bestiegen und es ging noch.

Schon vor dieser Zeit war etwas ins Haus gekommen, das für mein Werden wichtiger war als alle Schulstunden. Es geschah wohl durch die Anregung meines ältesten Bruders schon von Bromberg her (später ging er im Gefolge von Freunden auf die Ritterakademie in Brandenburg, die in den Leistungen doch tiefer stand): Bücher kamen ins Haus, denn was meine Mutter mitgebracht hatte, stand kaum gemehrt und kaum angerührt im Schranke. Noch heute besitze ich eine Anzahl Duodezbändchen einer Sammlung mit dem Motto »Bildung macht frei«, s.g. Klassiker des 18. Jahrhunderts, die den Namenszug meines Bruders tragen. In denen habe ich manches, schon ehe ich auf die Schule kam, gelesen, was mir sonst vielleicht nie in die Hand gekommen wäre, Gellert, Rabener, Hagedorn, »die Brüder« von Leisewitz, Gerstenbergs Ugolino. Aber die Hauptsache waren doch die wirklichen Klassiker, und was nie aus meiner Hand kam, der Homer von Voß, so daß er mir ganz geläufig war, ehe ich einen griechischen Buchstaben kennenlernte. Ich verlangte nach der Fortsetzung der Ilias, nach dem, wovon Schwabs Sagen des klassischen Altertums nun nicht mehr befriedigend erzählten. Daß die Griechen[58] selbst die anderen homerischen Epen früh verkommen lassen konnten, kann ich ihnen auch heute nicht vergeben. Und dann Shakespeare. Daß mir der so früh in die Hände fiel, hat bewirkt, daß ich die rechte Begeisterung für Schiller niemals gekostet habe. Für die Komödien war ich zu unreif, aber an den Historien, ganz besonders der Reihe von König Johann bis zu Richard III. konnte ich mich nie ersättigen. Und in dem Schauder bei Lear und Macbeth ging mir auf, daß die Tragödie das Höchste in der Poesie ist und bleibt und daß sie Verstragödie sein muß, wenn sie dies Höchste sein will. Von Brandenburg aus brachte mir mein Bruder auch Simrocks Edda mit, die, so unverständlich das meiste blieb, doch erhabener klang und stärker fesselte als Simrocks Nibelungen; die kamen gegen die Ilias nicht auf. Immerhin war es doch nichts Geringes, daß das Germanische mir schon so früh nahekam, zumal das Nordische, von dem mehr zu wissen der Wunsch lebendig blieb.

Die Musik kam erst durch Herrn von Zedtwitz in das Haus, der meisterlich Klavier spielte; in Kobelnik sangen manchmal einige Damen, künstlerisch und noch mehr dilettantisch. Es ward beschlossen, ich müßte Klavierspielen lernen; meine Mutter kam wohl auf eine lange zurückgedrängte Neigung zurück. Der Unterricht war aber derart, daß es schien, als sei die Musik für die Finger, nicht für das Ohr gemacht. Statt dieses zu üben, hören zu lernen, sollte der Junge die Kunst ausüben; soviel er fragte, worin sie eigentlich bestünde, was denn ein Akkord, eine Melodie wäre, bekam er von niemandem Auskunft. Tonleitern und Fingerübungen eröffneten das Reich der Töne nicht. So ist dabei nichts als lange Quälerei herausgekommen, und das bleibende bittere Gefühl eines Mangels in der ganzen Bildung, der sich nicht ersetzen ließ. Die oft überwältigende Wirkung, die später manche Musik ausübte, bewies, daß die Auffassungsfähigkeit nicht fehlte. Aber es war doch quälend, den Rhythmus der Sprache, auch der gesungenen Lieder zu verfolgen, auch die antiken Musikschriftsteller zu lesen, und in der Musik ein Barbar zu sein. Der Aristoxenos, am Klavier klargemacht, würde anderen Erfolg gehabt haben als die Fingerübungen.

Französisch sollte gelernt werden, ohne Rücksicht, ob es für das Gymnasium nötig war. Die Vorstellung war, daß man es sprechen müßte, aber es erhielt auch eine Stelle im Lehrplan, als dieser geordnet ward. Das Parlieren fand sich, als eine alte ausgediente Französin eine Weile im Hause Aufnahme fand, und einige Geläufigkeit ward erzielt, um auf der Schule wieder verlorenzugehen. Englisch lag noch ganz allgemein außerhalb des Horizontes; es gab wohl selbst unter den Gästen, die in Kobelnik erschienen,[59] niemanden, der es auch nur von ferne kannte. Wir bekamen einmal einen Hund Lovely, und niemand zweifelte, daß das einen kleinen Löwen bezeichnete; der ihm den Namen gegeben hatte, war ersichtlich derselben Ansicht gewesen.

Ernst ward es mit den Schulfächern erst 1858, als der Kandidat der Theologie ins Haus kam, der die Vorbereitung auf die Tertia durchgeführt hat und angestrengte regelmäßige Arbeit forderte. Latein konnte er gut und paukte die Grammatik, wie sich gehört. 25 Vokabeln mußten täglich gelernt werden und dann festsitzen. Die moderne Schlappheit wird das entsetzlich finden, und es kamen doch die französischen Vokabeln dazu. Da war das Vokabularium töricht geordnet, z.B. alle Namen der Fische hintereinander, dann die Bäume usw. Das verwirrte und nur wenig davon haftete. Das Lateinische dagegen stellte die Komposita zum Stammverbum, verwandte Nomina schlossen sich an: das begriff sich und führte von selbst in den Bau der Sprache hinein. Die alten überladenen Genusregeln mußten gelernt werden, die ganze Reihe der Maskulina auf is bis penis, pollis, mugilis, wobei die Erklärung stand: mugilis ein Fisch, pollis eine Sorte Mehl; zu penis stand keine und ward ergänzt »eine andere Sorte Mehl«. Mugil erschien dann noch unter den Ausnahmen. Natürlich übersetzte man dann Fisch gelegentlich mit mugil und kam sich dabei gelehrt vor, vermeinte aber, daß die Römer Hecht und Karpfen und Forelle nicht unterschieden hätten, geschweige die Menge französischer Fische, bei denen man sich gar nichts denken konnte. Neben diesem im ganzen doch nur heilsamen Pedantismus brachte der Lehrer am Ende doch erfreuliche, vielleicht unpädagogische Abwechslung. Er hatte wohl selbst Freude am Horaz gehabt, und so konnte ich, als ich aus seinen Händen kam, mehrere Oden auswendig, von aequam memento und eheu fugaces weiß ich es bestimmt. Zum Entgelt hatte er auf die griechischen Akzente verzichtet. Innerlich gab mir der Mann nichts; mein jüngerer Bruder hat seine Behandlung als Tortur empfunden. Als er nach der Verlobung mit der Haustochter in ziemlichem Unfrieden fortging, soll er geurteilt haben, ich wäre hoffnungslos dumm und mein Bruder würde am Galgen enden. Das hindert nicht, daß ich ihm für einen Dienst dankbar sein muß, der für mein Leben entscheidend geworden ist. Er hat meine Eltern auf Pforte gewiesen, weil er einen Portenser zum Lehrer gehabt hatte. Es war auch für mich an Brandenburg gedacht, aber die Kosten waren unerschwinglich. In Wahrheit hätten meine Eltern wohl Anrecht auf eine staatliche ganze oder halbe Freistelle in Pforte gehabt, wie sie später meinem jüngeren Bruder zuteil geworden ist, allein sie waren schon ganz erleichtert, als ich in Pension[60] bei dem Rektor Peter als extraneus angenommen war, wenn ich unter zahlreichen Konkurrenten das Examen für Untertertia bestünde. Zum Abschied aus dem Elternhause bekam ich Jacke und lange Hosen, die Schulbücher waren bei Gsellius bestellt, die Mutter begleitete mich auf dem schweren Wege und fuhr beruhigt heim. Diesem Rektor und seiner Frau konnte sie den Sohn mit Zuversicht übergeben. Eine Freundschaft war sogleich begründet.

14

Sie wollte jeden Sonntag nach Hause gehen; das ward ihr einmal untersagt, weil sie nachlässig gewesen war, und da es mit ihr immer ärger wurde, öfter, bis sie weinend kam: »Gnädige Frau muß mich nach Hause lassen, sonst geht's nicht. Da haut mich meine Mutter durch, daß ich für eine Woche artig werde.« Das half, aber das Mittel konnte die Hausfrau auch anwenden und bekam eine leichte Hand, zum Besten auch der Kinder. Da gab es nicht nur ein Rohrstöckchen mit vielen Knoten, das auch auf die Reise mitgenommen ward, sondern es war ein unheimlicher Gestus, wenn man sah, wie an der rechten Hand der Siegelring umgedreht wurde; das verschärfte die verdiente Ohrfeige mit raffinierter Kunst.

15

Einmal erwartete sie Nichten aus der Priegnitz, da traf ich sie, wie sie die Psyche in graue Gazeschleier wickeln ließ und trotz verächtlichem Spotte die rückständige Prüderie nicht verletzen wollte. Wilhelm von Humboldt hat ähnliche Erfahrungen gemacht.

16

Ich habe später Gelegenheit gehabt, einen Brief zu lesen, den König Wilhelm an dies Mitglied des Herrenhauses gerichtet hatte, um ihn zu mahnen, er möchte sich für die Aufhebung der Steuerfreiheit der Rittergüter einsetzen, gegen die sich namentlich der schlesische Adel sträubte. Es war ein schöner Brief; ich weiß nicht, ob er veröffentlicht ist.

17

Es wird wohl auf sie zurückgehen, daß ein Spottvers auf die bigott gewordene Gräfin in meinem Gedächtnis ist, die sich in einem Fremdenbuche als belletriste eingezeichnet hatte:

Belle warste, triste biste,

siehste wie de biste, Belletriste.

18

So geschah es, als ich ihr meine noch sehr unvollkommene Übersetzung des Hippolytos vorlas; ich habe es in meiner Ausgabe S. 59 berichtet.

Quelle:
Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Erinnerungen 1848–1914. Leipzig 1928, S. 41-61.
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