Die Festtafel.

[407] Festessen sind die vornehmste und formellste Art geselliger Vereinigungen und namentlich, wo solche in der Familie stattfinden, werden Gastgeber sehr vorsichtig bei Auswahl der Gäste sein müssen. Ungeeignete, auf ganz anderer Bildungs- und Gesellschaftsstufe stehende Elemente sind hier ganz auszuscheiden, da die Gäste doch meist auf die Unterhaltung miteinander, hauptsächlich aber mit den nächsten Nachbarn angewiesen sind und so den einzelnen Persönlichkeiten näher treten werden, als dies bei anderen Gesellschaften der Fall.

Es gilt nun vorerst, die Festtafel sorglich vorzubereiten und so schön und reich als irgend möglich zu schmücken. Damastgedecke in tadelloser Sauberkeit – angebrauchte, auch wenn noch ganz sauber, sollten nur am Familientisch weitere Verwendung finden – darüber gebreitet die jetzt so beliebten, bunt oder einfarbig gestickten Tischläufer, welche uns an den reichen Tischschmuck und die kostbaren Leinenschätze mittelalterlicher Patrizierhäuser erinnern. Bei besonders[407] festlichen Gelegenheiten werden die gestickten Blumengewinde auch wohl durch solche von natürlichen Blumen hergestellt und zwar wählt man sie gern in derselben Art, wie sie sich auf dem Tafelgeschirr in Malerei wiederholen – also etwa Rosen, Veilchen, Vergißmeinnicht u.a. Selbstverständlich dürfen diese Blumengewinde nicht dick und umfangreich sein, sondern müssen aus flach aneinandergelegten Blättern und Blüten bestehen. Daß auch anderer Blumenschmuck in Vasen und Schalen der Tafel nicht fehlen darf, versteht sich gleichfalls von selber. Nur vermeide man, umfangreiche, hochragende Sträuße und Blumengruppen aufzustellen, da solche den freien Aus-und Anblick der Nahesitzenden hindern. Aus demselben Grunde ist auch wünschenswert, Tischlampen zu verbannen und die Beleuchtung von oben vorzuziehen. Armleuchter mit brennenden Kerzen sind indes ein so schöner und und reicher Tischschmuck, daß wir darauf nicht gern bei der Festtafel verzichten möchten, selbst wenn sie in oben angedeuteter Weise stören. Das klingt nun allerdings, als sei es einfach selbstverständlich, daß ein Festmahl stets bei Kerzen und nie bei Tageslicht stattfinden müsse – was freilich so sein sollte und es ja auch in den meisten Fällen ist. Gewöhnlich wird dasselbe, selbst wenn es ein Mittagessen, so spät angesetzt, daß künstliche Beleuchtung notwendig wird und selbst, wo es nicht der Fall, verhüllt man sorgfältig die Fenster, um das gewünschte Dunkel zu erzielen, welches dann freilich wieder durch blendendste[408] Helle in die Flucht geschlagen wird. Ein Widersinn, der dem braven Simplicissimus jedenfalls arges Kopfzerbrechen bereiten würde und doch dem modernen Menschen so begreiflich ist! Künstliche Beleuchtung sieht nicht nur viel festlicher und reicher aus, sie verdeckt auch so manches, – z.B. die so gefürchteten seinen Linien in schönen Frauengesichtern! – was das Tageslicht unbarmherzig bloßlegt und Kerzenschimmer so schonend verhüllt. Auch Silber und Krystalle funkeln und glitzern viel strahlender, wenn ungezählte Einzelflammen sie beleuchten, als wenn Mutter Sonne es von einer Seite her besorgt und jedem Lichtstrahle seinen Schatten zusetzt. Schatten aber verbannt man gern von festlicher Tafel. Und weil endlich Kerzenlicht heitere Stimmung erzeugt – den Kausalnexus hiervon mögen Philosophen und Psychologen ergründen – und solche die Hauptsache bei geselligen Zusammenkünften ist, bleiben wir demnach bei der künstlichen Beleuchtung.

Vorläufig aber waren wir noch bei den Blumen; eine sehr hübsche Anordnung derselben ist auch, dieselben in einzelnen großen Blüten, etwa Rosen, oder zu kleinen Sträußchen gebunden (Veilchen, Maiglocken) in hohen Kelchgläsern schöner, möglichst verschiedenartiger Form und Farbe bei jedem Gedeck aufzustellen, vielleicht auch wahllos über die ganze Tafel zu verteilen. Alle Damengedecke dürften außerdem einen besonderen Strauß, flach auf dem Teller liegend oder aufrecht am Mundtuch befestigt, erhalten. Tafelaufsätze[409] in Silber oder Krystall, mit Früchten und Näscherei gefüllt und gleichfalls mit einzelnen Blüten oder Ranken besteckt tragen viel zur Ausschmückung der Festtafel bei. Das Kompott (Beisatz zum Braten) auf Schalen geordnet, deren Rand mit Grün oder farbiger Gelée – es würde zu weit führen und fanatisch deutsch erscheinen, allen der Fachkunst geläufigen französischen Benennungen die deutsche Übersetzung beizufügen – zu schmücken ist, wird gleichfalls schon vorher auf die Tafel gestellt, da es zum Ausputz derselben beiträgt. Daß einfach weißes Geschirr fast ganz verpönt, erwähnten wir bereits; kommt aber gemaltes oder überhaupt farbiges in Anwendung, müssen alle einzelnen Stücke übereinstimmend sein; nur zum Nachtisch können beliebig andere Teller gereicht werden wie es ja auch beim Eis geschieht. Jedes Gedeck erhält vorläufig einen flachen Teller, sowie die verschiedenen kleinen, dazu passend, zum Beisatz. Zwischen die einzelnen Teller sind kleine gestickte oder sonst verzierte Deckchen zu legen, das Zusammenklirren derselben zu verhindern. Suppenteller werden gleich gefüllt gereicht, die übrigen zu jedem Gange besonders, alle wohl durchwärmt. Das Mundtuch, dessen Anordnung in verschiedenster Weise1 zu ermöglichen, dient zugleich[410] dem Brötchen als Unterlage oder Umhüllung. Messer und Gabeln, womöglich doppelt, Kompott und Eislöffel, sowie auch kleine Messer zum Nachtisch sind rechts und links vom Teller zu ordnen, der Löffel quer davor. Vor diesem erhält die Reihe der Weingläser Aufstellung, je den verschiedenen Weinsorten angepaßt, aber übereinstimmend in ihrer Art, wie das Tafelgeschirr. Gewöhnlich stellt man vier Weingläser zusammen, ein kleineres zu Portwein, Rheinweinglas und solches für Rotwein, dann hohe oder flache Kelche für Sekt. Auch Wasser- oder farbigschimmernde Selterwassergläser können noch hinzugefügt werden. Die Weinflaschen werden entkorkt, erhalten silberne oder sonst hübsche Luxuskorken und werden in – meist silberne – Untersetzer gestellt. Ein besonderer Tafelschmuck sind auch schöngeformte Weinkannen in Silber oder Krystall, nicht aber sehr beliebt bei Weinkennern, weil ihrer Meinung nach aus ihnen zuviel von der Blume des Weines entweicht. Künstleraugen aber werden diese nicht entbehren wollen und lieber ein wenig mehr des Wein-Aroma missen – Geschmacks-, Geruchs- und Schönheitssinn lassen sich eben nicht stets in gleicher Weise befriedigen!

Ein »guter Tropfen« ist allerdings eine schöne Sache bei Tisch, so geläufig uns auch das Wort vom »guten leichten Tischwein« geworden. Bessere Weine werden immer willkommen sein, auch solchen, die nicht zu den geschwornen Weinfreunden gehören und kein Gastgeber, der über einen reich ausgestatteten Weinkeller[411] verfügt, wird es sich nehmen lassen, zu festlichen Mahlzeiten den erlesenen Gästen auch erlesene Weine vorzusetzen. Und gerade bei solchen Gelegenheiten kann man immer wieder erproben, daß Wein, im Gegensatz zum geistig träg machenden Bier, Stimmung giebt und wie sehr recht Vater Claudius hatte, als er einst freilich nur vom Rheinwein, was aber auf jede edlere Weinsorte zutrifft begeistert sang: »Und wüßten wir, wo jemand traurig läge – wir brächten ihm den Wein!«

Also jeder Gastgeber nach seinen Verhältnissen – dasselbe gilt von der Zahl der Gänge und Art der Speisen. Jedes Kochbuch giebt ausführliche Anleitung zur Bereitung sowohl einfacher als reichhaltiger Festessen, falls man nicht vorzieht – was sich jetzt mehr und mehr einbürgert – dasselbe beim Koch zu bestellen. Es kommt dort nicht teurer und ist bequemer, als alles mit Hilfe einer Kochfrau in eigener Küche bereiten zu lassen.

Sind alle diese wichtigen Vorbereitungen erledigt, werden die Gastgeber die schwierige Aufgabe geeigneter Platzverteilung zu lösen haben. Besonders zu berücksichtigen ist dabei vorerst, daß die Gäste nicht zu eng sitzen und Raum zu freier Armbewegung haben – lieber einen oder einige Gänge weniger genießen, als zwischen den Nachbarn eingekeilt, kaum den Löffel zum Munde führen oder mit Messer und Gabel hantieren können! Dann aber die Rangordnung – ein heikles Ding, denn wer von den Gästen wird zugeben[412] wollen, der geringste in der Gesellschaft zu sein? So empfiehlt es sich denn, der Jugend die letzten Plätze zu geben, wie überhaupt bei privaten Festessen mehr das Alter, bei öffentlichen der Rang die Reihenfolge der Gäste bestimmt. Als Ehrenplätze gelten die neben dem Hausherrn und der Hausfrau, von dort an je nach der Rangstufe der Gäste weiter gerechnet. Der Hausherr wird mithin die älteste oder vornehmste Dame, die Hausfrau den Herrn an der Seite haben, welche gleiche Bevorzugung verdient. Beide sitzen sich gewöhnlich gegenüber in der Mitte der Tafel, oft aber nimmt auch ersterer den Platz am oberen Ende derselben ein. Ehepaare setzt man niemals zusammen, sondern gewöhnlich gegenüber. Daß jede Dame einen Herrn erhält und umgekehrt, wird gleichfalls Sorge der Gastgeber sein müssen. Wenn es, wie jetzt häufig – man merkt eben überall die bedeutende Überzahl der Frauen! – geschieht, daß ein Herr zwei Damen zu Tisch zu führen hat, wird er sich als wohlerzogener Mann bemühen, beiden in gleicher Weise gerecht zu werden, das heißt, beide zu unterhalten und für sie den Weinschenken zu machen. Bei dieser Gelegenheit mag auch das jetzt an jeder Tafel streng einzuhaltende »Genötigt wird nicht« etwas abgeschwächt und mit freundlichem Wort gemahnt wer den, des Guten nicht zu wenig zu thun. Belästigend aber darf das Zureden nie werden und sobald eine Dame entschieden erklärt, nicht mehr trinken zu mögen, muß das Einschenken unterbleiben.[413]

Mit Berücksichtigung aller dieser Punkte sind aber die Pflichten der Gastgeber bezüglich geeigneter Platzverteilung noch nicht erschöpft, denn nun heißt's erst noch, die passenden Elemente zusammenzusetzen, damit sich zwischen ihnen Berührungspunkte zu angeregter Tischunterhaltung ergeben. Denn nichts ist peinvoller, als stundenlang an einen Nachbarn oder eine Nachbarin gefesselt zu sein, mit der sich trotz aller Mühe kein Gespräch anknüpfen läßt und die den Interessen des andern nicht das geringste Verständnis entgegen bringt! Es ist daher streng zu vermeiden, weil geradezu beleidigend für den betreffenden Gast, etwa einem hochbedeutenden Manne eine vielleicht schöne, aber langweilige Dame zur Tischnachbarin zu geben, oder umgekehrt einer geistvollen Frau den Platz neben einem Mann von beschränktem Verstand und geringer Bildung anzuweisen. Auch das Alter der Tischnachbarn ist zu berücksichtigen. Man wird einen Greis nicht zu einem ganz jungen Mädchen, eine Matrone nicht zu einem Jüngling setzen können. Aber all diese Schwierigkeiten, so unüberwindlich sie auf den ersten Blick scheinen, sind doch mit Überlegung, Verstand und Taktgefühl zu bewältigen und zwar zu allseitiger Befriedigung. Hübsche, in reichen Häusern künstlerisch ausgestattete Tischkarten, welche vorn den Namen des Gastes, auf der Rückseite die Zahl der Gänge und Art der Speisen bezeichnen, – man zieht neuerdings mit Recht deutsche Benennungen der letzteren der französischen vor – werden je auf den betreffenden[414] Platz gelegt, meist auch in eins der Weingläser gesteckt, wo sie am besten ins Auge fallen. Sind alle diese Vorbereitungen erledigt, begeben sich Wirt und Wirtin – beide je nach Größe und Bedeutung des Festmahls in entsprechendem Gesellschaftsanzug – in den Empfangsraum, wobei die Thüren zum Speisezimmer fest zu schließen sind. Der Empfang der Gäste findet in bekannter Weise statt. Letztere werden in festlicher Kleidung, Herren in vollem Gesellschaftsanzug, Damen meist in Seidenkleidern mit Schleppen, je nachdem bis zum Hals anschließend oder diesen entblößend, erscheinen. Auch hier ist reicher Schmuck am Platze, ebenso Fächer und Blumen.

Wenn aber Pünktlichkeit überall im beruflichen Leben eine Notwendigkeit, im geselligen Verkehr eine Pflicht der Höflichkeit ist, so ist solche ganz besonders dringend bei Festessen, wie bei jedem Mahl überhaupt, geboten. Wer diese Pflicht verletzt, hat keinerlei Anrecht auf irgendwelche Rücksichtnahme, da er selber solche den Gastgebern und Festteilnehmern gegenüber ganz außer acht gelassen. Erstere werden mithin auch nicht, oder höchstens fünfzehn Minuten auf einen verspäteten Gast warten, es müßte denn ein sehr vornehmer sein – der aber wird sicher am wenigsten unpünktlich erscheinen! Sobald nun ein Klingelzeichen oder sonstige Weisung das Küchenpersonal verständigt, daß die Herrschaften bereit, zur Tafel zu gehen, öffnet der Diener (Dienerin) weit die Thüren zum Speisezimmer und meldet mit einer Verbeugung gegen die Dame des[415] Hauses, daß angerichtet sei. Diese erhebt sich sofort, tritt zu dem Herrn, welchem die Ehre zugedacht, sie zu Tisch zu führen und reicht ihm den Arm mit einem verbindlichen »Darf ich bitten?« oder sonst angemessenen kurzen Worten. Der Hausherr, welcher inzwischen die anwesenden Herren unterrichtet, welche Dame sie zu führen haben – man kann auch kleine goldumrandete Kärtchen mit dem Namen beider und kurzem Hinweis, etwa: »Herr Präsident D. wird höflich gebeten, Frau Baronin von G. zu Tisch zu führen« verteilen oder vom Diener überreichen lassen – macht mit seiner Dame den Beschluß

Geschieht es, daß die Herren ohne vorherige Verständigung der ihnen gerade zunächst sitzenden, also nicht ihrer Tischdame – den Arm bieten, haben sie im Speisezimmer erst den Platz derselben aufzusuchen und sich dort mit höflicher Verbeugung zu verabschieden. Sobald allseitig die Plätze eingenommen, begrüßt man sich noch einmal durch Kopfneigung nach beiden Seiten hin, auch wohl gegenüber, und das Mahl beginnt. Mit der Suppe ist zu warten bis alle versehen, bei den übrigen Gängen fällt dies fort.

Dem aufwartenden Personal, das bei festlichen Essen ja meist männliches sein wird, ist vorher noch einmal genau Weisung zu geben wie es mit der Reihenfolge gehalten werden soll. Gewöhnlich wird bei der Dame rechts vom Hausherrn mit Darreichung der Schüsseln begonnen, bedienen zwei, zugleich auch bei der Dame gegenüber. Dann geht es der Reihenfolge[416] nach, immer rechts herum weiter und zwar wird nicht erst allen Damen und dann den Herren, sondern beiden der Reihe nach geboten; doch werden Herren zuerst der Dame die Platte bieten, bevor sie sich selber versehen. Eine empfehlenswerte Neuerung ist, um das Oben und Unten bei Tafel weniger hervortreten zu lassen, mit den folgenden Gängen bei anderen Damen, also vielleicht der zweitnächsten rechts vom Hausherrn und so immer weiter, beginnen zu lassen. An Gasthaustafeln gilt bekanntlich dieser Brauch, der überall, wo nicht sehr hochgestellte Persönlichkeiten unter den Gästen ehrende Auszeichnung zu beanspruchen haben, in Anwendung kommen sollte.

Daß die Aufwartenden die Schüsseln von der linken Seite des Gastes und mit dem linken Arm darzureichen, das Wechseln des Geschirrs von der rechten Seite mit der rechten Hand zu besorgen haben, ward bereits an anderer Stelle gesagt, ebenso angemessene Kleidung und sonstiges Verhalten der bei Tisch Bedienenden gekennzeichnet. Daß Klappern mit dem Geschirr und jedes laute Geräusch dabei streng zu vermeiden, mag noch einmal in Erinnerung gebracht werden. Die Gäste hingegen werden unterlassen, in den Speisen herumzustochern oder in auffälliger Weise die besten Stücke herauszusuchen, auch sprechen soll man über dieselben nicht und selbst wenn man lobt, dies nur mit kurzen Worten thun. Über Weine aber darf man ausführlich plaudern, ja, Wirt und Gäste können sich sogar die sonst streng verpönte Freiheit gestatten, nach dem[417] Preise desselben zu fragen oder diesen zu erwähnen. Auch bei Cigarren ist das erlaubt.

Während der Tischreden muß eine Pause im Essen eintreten und schleunig sind Messer und Gabel nieder zulegen, sobald die üblichen drei Schläge an das Glas ertönen. Doch werden Redner die Rücksicht nehmen, den geeigneten Zeitpunkt für ihre oratorische Leistung zu wählen, damit den Speisenden nicht etwa der Braten oder sonst ein delikates Gericht kalt und unschmackhaft wird. Manche Menschen sind überhaupt geneigt, das Mahl für das beste zu halten, bei dem garnicht oder möglichst wenig geredet wird, vor einem Zuviel aber sollte sich da jeder hüten und ganz besonders vor dem Zulang. Es müssen schon sehr geistvolle oder witzige Reden sein, die lang sein dürfen, ohne die Hörer zu ermüden. Schlechte und unberufene Redner sollten soviel Einsicht und Rücksichtnahme auf andere besitzen, lieber ganz zu schweigen. Einen Redner, und sei es auch in scherzhafter Weise, unterbrechen, ist unschicklich.

Der sonst übliche Rundgesang beim Ausbringen eines Hoch's ist an seiner Tafel längst nicht mehr Sitte. Auch das Zutrinken halten viele nicht für passend.

Daß die Unterhaltung nicht ausschließlich mit dem Tischherrn und der Tischdame zu führen, sondern auch gelegentlich auf die Nächstsitzenden auszudehnen ist, ward bereits gesagt. Laut über den Tisch hinüber zu sprechen oder gar zu rufen sollte man vermeiden Tafelmusik erfreut nur, wenn sie einigermaßen gut – worüber freilich die Begriffe auseinandergehen dürften![418] – und nicht zu häufig ist. Es würde die Unterhaltung stören und diese ist für viele Menschen die Hauptsache bei Tisch. Für Feinschmecker und Vielesser dürfte das allerdings nicht zutreffen. Daß Tafellieder und namentlich heitere, bei besonders festlichen Gelegenheiten die Stimmung erhöhen, ward bereits bei Beschreibung des Hochzeitsmahles gesagt. Auch in angeregter Nachtischlaune ein heiteres Musikstück oder frohes Lied aus dem Musikzimmer herüberklingen zu hören, dürfte den meisten Gästen willkommen sein und gewöhnlich werden da nach und nach alle in die eine oder andere beliebte Melodie einfallen.

Ob die übliche Nachtischcigarre noch bei Tafel oder später zum Kaffee gereicht und von den Herren streng abgeschlossen im Rauchzimmer genossen wird, entscheidet je nach Gewohnheit die Sitte des gastlichen Hauses. Überall, wo keinerlei Abweichung von Formenzwang gestattet, wird das letztere geschehen. Sonst ist es auch in guten und besten Gesellschaftskreisen üblich, daß bei Tisch, nachdem die Erlaubnis der Damen eingeholt wurde, Cigarre oder Cigarrette in Brand gesteckt wird, oft auch letztere den Damen gereicht und von manchen sogar angenommen. Bis jetzt finden allerdings nur wenig deutsche Frauen Geschmack an dieser Sitte, der ihre Mitschwestern in Rußland, Frankreich und Amerika oft mit Leidenschaft huldigen. Hoffentlich bleibt es noch lange so in deutschen Landen – und nur die sogenannten pikanten Frauen werden nicht darauf verzichten wollen. Junge Mädchen dürfen [419] nie rauchen, auch nicht im Scher; sollten sie die Cigarette zwischen die Lippen nehmen. Frauen aber, die das Rauchen nur schwer entbehren, mögen es wenigstens nie öffentlich thun.

Sobald das Mahl beendet, giebt die Hausfrau durch Erheben von ihrem Sitz das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch bei welchem übrigens geräuschvolles Stuhlrücken streng zu vermeiden. Das »Gesegnete Mahlzeit« unterbleibt, man grüßt die Nachbarn und Gegenübersitzenden durch Verneigung, und die Herren bieten ihren Damen den Arm, sie in den Salon zurück zuführen. Dort verabschiedet man sich durch nochmalige Verbeugung, auch wohl durch Handkuß und sucht dann in die Nähe der Gastgeber zu gelangen, um diesen durch Verbeugung – der Hausfrau werden Herren meist die Hand küssen – zu danken. Auch die Gäste untereinander machen sich eine Verbeugung, aber stets zwanglos, wie es sich gerade ergiebt. Ein Unterlassen dieser Höflichkeit ist durchaus kein Verbrechen, dagegen würde es komisch wirken, wollten alle wirr durch- und aneinander vorbeilaufen, um ja jedem die Verbeugung zukommen zu lassen.

Bald darauf wird der Kaffee in kleinen Schälchen gereicht, den Herren auch wohl Kognak und verschiedene Liköre dazu geboten. Nach Belieben können auch Damen von letzteren nehmen, für junge Mädchen aber ist dies ausgeschlossen.

Wie lange die Gesellschaft noch beisammen bleibt, hängt ganz von der Stimmung und festlichen Veranlassung[420] ab. Daß beim Gehen dem Diener oder den Dienstboten ein Trinkgeld gegeben wird, ist ebenso unerläßlich, als bei anderen festlichen Gelegenheiten. Es ist eine Unsitte, den Dienstleuten sozusagen das zu bezahlen, was allein der Herrschaft Kosten verursachte, aber sie besteht doch einmal und der einzelne kann sich ihr nicht entziehen. Wenn man aber, die Leute für ihre persönliche Dienstleistung zu entschädigen – die vermehrte Arbeit im Haushalt geht die Gäste weiter nichts an – das übliche Trinkgeld giebt, sollte man es zwar anständig, jedoch nicht zu hoch bemessen. Dienstboten werden dadurch verwöhnt und zu immer größeren Ansprüchen erzogen, auch geneigt sein, die Gäste ihrer Herrschaft je nach dem Ausfall des Trinkgelds hoch oder niedrig zu schätzen und – was schlimmer – auch danach zu behandeln. Bis zu solchen Auswüchsen aber darf die Unsitte des Trinkgeldgebens nicht führen und die Herren sollten bei Festen vorher untereinander vereinbaren, wieviel etwa zu geben, damit der eine den andern nicht weit überholt. Junge Mädchen brauchen kein Trinkgeld zu geben, verheiratete Damen thun es nur, wenn sie ohne männliche Begleitung.

Eine beliebte Abart festlicher Mittags- und Abendessen ist das größere Frühstück, von den Franzosen dejeuner dina toire, den Engländern Lunch bezeichnet. Es unterscheidet sich von den vorgenannten durch frühere Tageszeit und eine Minderzahl der Gänge, ist überhaupt zwangloser in Anordnung und Verlauf.[421] Als Unterschied der äußeren Form sei z.B. nur erwähnt, daß die Fleischbrühe statt auf Tellern in Tassen gereicht wird – oft die einzige Kennzeichnung, daß es sich nur um ein Frühstück und nicht um Mittagessen handelt. Da es indes fast immer die Stelle eines solchen vertritt, bietet man auch darnach Kaffee. Erlesene Weine dürften bei einem Frühstück besonders gewürdigt werden, wie auch gewöhnlich die Stimmung bei einem solchen eine recht heitere sein wird. Der Anzug der Gäste ist einfach (guter Straßenanzug) die Hausfrau darf sogar in einer eleganten Matinée (Hausanzug) erscheinen, nie aber auch hier im Morgenkleid, und sei es von eitel Seide und Spitzen. –

Wir möchten die Beschreibung festlicher Mahlzeiten nicht schließen, ohne mit wenigen Worten jener tändelnden Verpflichtungen zu gedenken, die so oft bei solcher Gelegenheit zwischen Herren und Damen vereinbart werden – Wetten, Vielliebchen und J'y pense. Der Doppelkern einer Mandel, von Herren und Damen genossen, ergiebt diese Vereinbarung, deren Art und Austrag allgemein bekannt und deshalb hier nicht näher erörtert zu werden braucht. Nur darauf wollten wir aufmerksam machen, daß Damen vermeiden sollten, ihrerseits eine Wette oder Vielliebchen vorzuschlagen, da sie leicht in den Verdacht kommen könnten, es sei ihnen nur um Gewinn und Geschenke zu thun. Bietet eine Dame es trotzdem an, können Herren nicht umhin, zuzustimmen – was für sie in jedem Fall die Verpflichtung[422] zu einem Geschenk bedeutet. Denn gewinnt die Dame, hat sie mit Fug und Recht ein solches zu erwarten, verliert sie aber und übersendet ihrerseits eine Aufmerksamkeit – meist eine selbstgefertigte Handarbeit – wird ein gesellschaftlich geschulter Mann es sich nicht nehmen lassen, diese Liebenswürdigkeit durch ein passendes Gegengeschenk, zum mindesten aber einen Blumenstrauß, zu erwiedern. Auch Damen werden ein gewonnenes Vielliebchen durch irgend eine kleine Gegengabe quitt zu machen suchen. Da nun ein derartiger Scherz in jedem Fall beiden Teilen Umstände und Kosten verursacht, sollte man nur mit Freunden einen solchen vereinbaren, da Fremde nicht genug Interesse daran haben können, um sich deshalb zu bemühen.

Herren haben zudem äußerst vorsichtig bei Auswahl von Vielliebchengeschenken zu sein. Nur Blumen, Bücher, oder irgendwelche Luxusgegenstände sind zulässig.

Fußnoten

1 Ausführliche Anweisung in Wort und Bild zu besonders geschmackvoller und verschiedenartiger Zusammenfaltung von Mundtüchern finden sich in dem von Frida Schanz herausgegebenen Mädchenbuch. I. Jahrgang. Thienemannscher Verlag, Stuttgart.


Quelle:
York, B. von: Lebenskunst. Leipzig [1893].
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Gespenstersonate

Gespenstersonate

Kammerspiel in drei Akten. Der Student Arkenholz und der Greis Hummel nehmen an den Gespenstersoirees eines Oberst teil und werden Zeuge und Protagonist brisanter Enthüllungen. Strindberg setzt die verzerrten Traumdimensionen seiner Figuren in steten Konflikt mit szenisch realen Bildern. Fließende Übergänge vom alltäglich Trivialem in absurde Traumebenen entlarven Fiktionen des bürgerlich-aristokratischen Milieus.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon