X. Smolensk. Borodino. Schlacht an der Moskwa.

[175] Von Surash bis Smolensk durchzogen wir fünf bis sechs Tage lang schöne, fruchtbare Gegenden, welche von Wohlhabenheit zeugten; prachtvolle, üppige Kornfelder, schöne Wiesengründe, Obst, Vieh- und Bienenzucht, alles gedieh hier in reichstem Maße. Wir kamen in Dörfer, in denen es von Geflügel aller Art wimmelte, was natürlich den Soldaten sehr behagte. Auch Milch und Honig fand man in großer Quantität, aber das kam nur denen zugute, welche zuerst anlangten. Eine so ausgehungerte Armee zehrt alles auf, was sie findet und nimmt noch mit, so viel sie schleppen kann.

Von den zum Theil hitzigen Gefechten, in welche die am Dnieper aufwärts nach Smolensk marschirende russische Armee mit den in Hast und Eile sie verfolgenden französischen Corps unter Murat und andern Heerführern verwickelt wurde, bekam ich nichts zu sehen. Prinz Eugen und seine Armee nahm an ihnen keinen Antheil. Ruhig und von nichts als der peinlichen Hitze belästigt, zogen wir über Hügel und Ebenen, durch Feld und Wald getrost mit neuer Hoffnung auf eine rasche, glückliche Wendung der Dinge Smolensk zu und gelangten in dessen Nähe zu Mitte August. Das Wetter blieb fortwährend schön; der Prinz schlief beinahe täglich unter seinem Zelte. Wir hatten mehrere recht angenehme Lagerplätze.

Dieser Marsch und der zehntägige Aufenthalt in Surash[175] ist zu den wenigen guten Tagen zu zählen, die uns seit Monaten zu Theil geworden.

In einem von Schluchten durchzogenen, etwa eine Stunde Wegs von Smolensk entfernten Birkenwäldchen ließ der Prinz sein Zelt aufschlagen. Diese Bäume gedeihen in Rußland ganz besonders, sie erreichen eine bedeutende Höhe, sind dabei sehr üppig und von recht schöner Gestalt.

Das Lager auf diesem Platze hatte bei dem abwechselnden Terrain und den schönen Baumgruppen, unter denen sich Menschen und Thiere behaglich fühlten, etwas wahrhaft Reizendes: Bild reihte sich an Bild; aber wie arm fühlte ich mich, von so vielem Schönen so wenig festhalten zu können! Wie kostbar sind solche Augenblicke und wie schnell entfliehen sie!

Von der Schlacht bei Smolensk bekam ich leider nichts zu sehen, da das 4. Armeecorps keinen Antheil an ihr hatte und ich mich nicht auf eigene Faust aus dem Hauptquartier des Prinzen Eugen entfernen wollte.

Am Abende der Schlacht gewahrte man von unserm Lagerplatze aus ein schauerlich schönes Schauspiel: die Stadt stand in hellen Flammen und die glühende Abendsonne vermischte ihre Strahlen mit der Gluth des Brandes. Das Laub und die lichten Stämme der Birken glänzten durch wahrhaft magische Streiflichter wie vergoldet. Nie in meinem Leben sah ich wieder solch zauberische Lichteffekte; selbst der Rauch der Lagerfeuer erhielt durch den Wiederschein eine röthliche Farbe und gab dem ganzen Treiben in dem lichten Walde etwas Geisterhaftes. Das Feuer wüthete in der Stadt die ganze Nacht hindurch. Am folgenden Tage wurde die Stadt genommen. Die Russen hatten sie verlassen und zogen sich auf die gegenüberliegenden Anhöhen des rechten Dnieperufers zurück. Napoleon ritt in Smolensk ein. Bald verließ der Feind auch diese Stellung und entschlüpfte aufs neue. Abermals war für Napoleon die Hoffnung auf einen entscheidenden Schlag, auf einen glänzenden Sieg dahin. Er stand am Wendepunkte seines Glückes; noch war es Zeit, umzukehren, aber kein guter Genius flüsterte ihm zu: »Bis hieher und nicht weiter!« Ein feindseliges[176] Verhängniß trieb ihn und seine thatenreiche Armee dem Untergange entgegen.

Smolensk selbst, eine mit einer sehr großen und vielen kleinern Kirchen und schönen Bauten gezierte Stadt, gewährt einen höchst fremdartigen, interessanten Anblick. Es ist rings von einer starken, mit Schießscharten versehenen, durch viele feste Thürme verstärkten Mauer umgeben. Das Innere der Stadt hat etwas Heiteres und Reinliches. Gegen den Dnieper hin, der die Stadt von einer tiefer liegenden, großen Vorstadt trennt, senkt sie sich an einem Abhange hinab, den auch fruchtbare Obstgärten zieren. Die innere Stadt blieb bis auf wenige Häuser von dem Brande verschont, die große schöne Vorstadt aber jenseits des Dnieper wurde in einen Aschenhaufen verwandelt, dessen rauchende Trümmer wir den Tag nach der Einnahme der Stadt durchzogen.

Prinz Eugen besetzte nämlich die von den Russen verlassenen Anhöhen jenseits des Dnieper, von wo aus uns ein imposanter Anblick über das Ganze zu Theil wurde. Ich fand Zeit, eine gründliche Zeichnung der Stadt und ihrer schönen fruchtbaren Umgebung zu machen. Hier verweilten wir vom 17. bis 20. August bei anhaltend heiterem Wetter und großer Hitze.

In dem Garten des armseligen Hauses, welches der Prinz bewohnte und welches zunächst der durch zwei Pyramiden bezeichneten Barriere an der Straße nach Petersburg lag, errichtete ich mir an einem schönen Punkte eine eigene Hütte mit Tisch und Bank aus Brettern, welche ich mit meinem Diener zusammentrug. Hier fühlte ich mich sehr behaglich und machte mich an das Werk, Mehreres, was ich bisher nur mit flüchtigen Strichen entwerfen konnte, ins Reine zu bringen, zeichnete aber daneben auch vieles Neue. Es waren die letzten Stunden der Muße, die mir während dieses Feldzuges zu Theil wurden. Das Rennen und Jagen dieses kolossalen Soldatenhaufens, um einen großen Moment der Entscheidung zu erhaschen, war nicht geeignet, einem Künstler Zeit zu lassen, alles Zeichnenswerthe festzuhalten. Mit wahrem Herzweh mußte ich an so vielem vorübereilen.[177]

In solchen Bewegungen konnte man sich nicht leicht von dem Körper entfernen, dem man zugetheilt ist, sei es ein Corps, ein Regiment oder ein Stab. Und einigemale, wo ich es versuchte und mich im Eifer des Zeichnens hinreißen ließ, zurückzubleiben, bekam mir die Lection immer sehr schlecht und bereitete mir große Verlegenheiten.

Von der Atmosphäre, in welcher wir in den Ruhetagen bei Smolensk lebten, läßt sich, so heiter auch der Himmel war, nicht viel Erfreuliches sagen: die noch immer rauchende Brandstätte und der Aasgestank der vielen todten Pferde und Leichname, welche alle unbeerdigt liegen blieben und bei der großen Hitze in vierundzwanzig Stunden schwarz waren und in Verwesung übergingen, verpesteten die Luft, aber man gewöhnt sich im Kriege an Dinge, vor denen im gewöhnlichen Leben die Natur mit Schauder und Ekel sich abwendet.

Das Elend und die traurigen Folgen dieses Zerstörungskrieges waren noch immer im Steigen. Das geplünderte und halbzerstörte Smolensk wurde in ein Lazareth der kläglichsten Art verwandelt. Es fehlte an Aerzten, Medikamenten und allem, was zur Pflege der vielen Kranken und Verwundeten nöthig war. Ein großer Theil derselben fiel hilflos dem Tode zur Beute. Die unausbleibliche Folge solcher Zustände, das Spitalfieber (der Typhus) raffte sie zu Hunderten weg.

In einem großen Kriegsrath zu Smolensk wurde indessen die Unternehmung nach Moskau und damit das Schicksal der großen Armee entschieden. Die bedeutendsten Feldherren, darunter auch Murat und Prinz Eugen, sollen nicht mit dem Zuge nach Moskau einverstanden gewesen sein, aber der Kaiser wollte es und die Mehrzahl stimmte ihm bei; so schwer lastete der Wille eines Einzigen auf dem Schicksal von vielen Hunderttausenden.

Auch bei den heißen und blutigen Gefechten, welche Ney, Murat, Davoust der russischen Arrieregarde lieferten, war das 4. Armeecorps nicht betheiligt. Ich kann darum über sie nichts sagen, weil ich mir zur Aufgabe gemacht, nur Selbsterlebtes und Gesehenes zu erzählen.

Am Morgen des 23. August wurde der verhängnißvolle[178] Marsch nach Moskau, dem Grabe von Napoleons Macht und Glanz, angetreten; aber nicht mit dem siegestrunkenen Bewußtsein, mit dem sich diese Armee 1806 Berlin, 1809 Wien genähert hatte, betrat man diesen Weg, sondern mit Mißtrauen auf einen glänzenden Erfolg. Ueberdruß der Beschwerden, mit denen man unausgesetzt seit Monaten zu kämpfen hatte, Besorgnisse ob dem fortwährenden Zusammenschmelzen der Armee und ihren vielen Verlusten, endlich der Gedanke: »Wann und wie werden wir unser Vaterland wiedersehen?« all das lähmte den Flug der Begeisterung, mit der Napoleon sonst seine Soldaten zum Siege führte.

Was war nach acht Monaten mühevollsten Lebens mit dem Verluste der halben Armee bis jetzt erreicht worden? Man hatte keine Trophäen aufzuweisen. Einige Kanonen und beiläufig fünfhundert Gefangene – das war Alles! Der Ehrgeiz und der militärische Geist, welcher diese Armee belebte, die Erinnerung an viele glorreich errungene Siege hielt zwar das Ganze noch zusammen und trieb sie vorwärts. Aber gar viele folgten diesem Zuge nur kopfschüttelnd mit dem ahnungsvollen Gefühl in der Brust, dieser Krieg müsse ein unglückliches Ende nehmen.

Ueber den Marsch von Smolensk bis auf den großen Kampfplatz bei Borodino, wo der Tod seine ungeheure Beute erwartete, läßt sich wenig sagen. Es waren dieselben Beschwerden und Entbehrungen wie bisher, wodurch die Armee täglich abgematteter und schwächer wurde; ganz besonders litten auch jetzt wieder die Pferde. Längst schon hatte die Artillerie und das Fuhrwesen eine Menge kleiner, abgemagerter russischer Klepper mit zusammengekoppeltem elendem Geschirr an ihre Kanonen und Wagen vorgespannt. Bei den Menschen unterstützt noch oft die moralische Kraft den herabgekommenen Körper, aber diese fehlt dem Thiere, deßhalb unterliegt es früher. Der Weg führte bei heiterem Wetter anfangs noch durch fruchtbare, wohlhabende Gegenden, man fand Lebensmittel und Fourage für die Pferde und war so noch in der Lage, den Hunger zu befriedigen.

Der erste Tagmarsch ging bis Pologhi, am andern Morgen überschritten wir einen kleinen, unscheinbaren, aber bei dem[179] Rückzuge für die Armee bedeutungsvoll gewordenen Fluß, die Vopp. Sie fließt wie die meisten Flüsse, welche wir bis jetzt in Rußland getroffen, in einem tiefen Bette, von hohen, steilen Ufern begränzt, wodurch der Uebergang für die Artillerie sehr erschwert wurde. Eine Brücke war nicht vorhanden, da der Fluß aber des trockenen Sommers wegen sehr wenig Wasser hatte, konnte er leicht ohne dieselbe überschritten werden. Ganz anders aber verhielt es sich einige Monate später. Der Herbst hatte das Rinnsal des Flusses reichlich mit Wasser versehen und das Eis selbst eine Brücke gebaut, aber diese brach ein und führte die traurige Nothwendigkeit mit sich, dort schon einen großen Theil der Munitionswagen und Equipagen zurückzulassen.

Dieser Uebergang gab ein recht schönes Bild und ich war so glücklich, einige sehr hübsche Scenen zeichnen zu können. Prinz Eugen, bei welchem überall Klugheit und vorsichtige Sorge für die Erhaltung seiner Truppen mit der Tapferkeit Hand in Hand ging, hatte die Gewohnheit, an solchen Stellen oft stundenlang zu verweilen, um sich mit eigenen Augen über die Ausführbarkeit eines Unternehmens zu überzeugen. Seine Umgebung ärgerte sich oft darüber, besonders die Jüngeren; aber hätten alle Befehlshaber so gehandelt, es wäre das gränzenlose Elend nicht über die Armee gekommen.

Am 25. Abends kamen wir nach Zazele und nahmen in einem schönen, großen Schlosse, aus Stein in einem wunderlichen Stile erbaut, Quartier – eine große Seltenheit in diesem Feldzuge. Tags darauf mußten wir bei Blaghoe nochmals den Dnieper passieren. Er ist dort breiter als die Vopp, hat ebenfalls ein tiefes Bett, aber keine so steilen Ufer.

Die zerstörte Brücke wurde mit großer Thätigkeit wiederhergestellt und brauchbar gemacht. Auch hier verweilte der Prinz, bis der Uebergang ohne Gefahr bewerkstelligt werden konnte. Inzwischen ging aber Infanterie und Cavallerie durch das Wasser, dessen Tiefe nicht viel über vier Fuß betrug.

Abends trafen wir in Apopochina wieder ein hübsches Schloß nebst einer merkwürdigen Kirche im griechischen Stile mit vielen sehr alten wunderlichen Bildern auf Goldgrund.[180] Am 28. standen wir vor Wiazma. Diese Stadt liegt sehr freundlich zwischen sanften Hügeln und erhebt sich nach einer Seite hin auf einer sanft ansteigenden Hügelreihe mit einer Unzahl von Kirchen, die von ferne recht fremdartige Umrisse zeigten. In das Innere der Stadt kamen wir nicht, sie war noch von den Russen besetzt, welche jedoch bald vertrieben wurden; die Einwohner waren größtentheils mit ihnen entflohen. Prinz Eugen hielt auf einem erhöhten Punkte auf Kanonenschußweite vor der Stadt, stieg vom Pferde, setzte sich auf den Boden und beobachtete lange mit dem Fernrohre Stadt und Umgegend. Wir thaten dasselbe und ruhten eine gute Stunde, während die Colonnen der Avantgarde des 4. Armeecorps, besonders die Cavallerie, an uns vorüberzogen und sich entwickelten. Der Tag war heiter und die drückende Hitze, welche uns monatelang zu schaffen machte, hatte nachgelassen, weßhalb uns diese kurze Rast wirklich erquickte.

Leider erblickten wir auch hier bald wieder die traurigen Signale dieses Krieges: dichte, rothbraune Rauchwolken stiegen aus der Stadt empor und verkündeten, daß auch diese ein Raub der Flammen zu werden bestimmt sei. Es brannte, wie wir später erfuhren, vieles ab, aber sie wurde nicht ganz zerstört; das verheerende Element bewahrte sich noch etwas für den kommenden Winter auf.

Wir ließen Wiazma rechts liegen und der Prinz, welcher nun die Avantgarde führte, verfolgte die Russen mit leichter Cavallerie, besonders mit der bayerischen und den braven italienischen Chasseurs. Es gab verschiedene Neckereien mit den Kosaken, welche oft in großen Schwärmen vor uns herzogen, und da diese Truppenzüge lange über sanfte Hügel und Felder gingen, sah man recht hübsche Cavalleriebewegungen, welche aber an diesem Tage zu keinem ernsten Gefecht führten.

Allmählig mehrten sich die Vorzeichen, daß bald etwas Großes geschehen werde. Napoleon verweilte vom 1. bis 3. September in der Stadt Chiatz-Pschatsk und concentrirte eine große Truppenmasse um dieselbe, während Prinz Eugen langsam vorrückte und die Kosaken vor sich her jagte. Diese begegneten uns[181] oft in großen Massen; andere russische Waffengattungen aber sahen wir bis zum 5. September fast gar nicht. Während eines dieser Märsche ritt der Prinz mit seiner Suite unter kleiner Escorte sorglos seiner Wege, vor ihm die bayerische Cavallerie und ein italienisches Chasseurregiment unter dem Obristen Banco, als ein bayerischer Offizier die Meldung brachte, daß die Kosaken sich in bedeutender Anzahl zeigten und man besorge, der Prinz möchte sich zu weit vorwagen. Eugen legte wenig Gewicht darauf oder wollte mit eigenen Augen sich davon überzeugen, er ritt ruhig weiter, bis auf eine Anhöhe, von der man einen weiten Blick in die Ferne hatte. Hier bewahrheitete sich jene Meldung: die Kosaken hatten die Cavallerie, welche ihnen entgegenstand, hart bedrängt und zum Weichen gebracht. Hiedurch ermuthigt, stürzten sie nun in ungeheuren Massen aus den Wäldern hervor und breiteten sich unter einem furchtbaren Hurrahgeschrei auf einer großen Thalebene aus. Soweit das Auge reichte, sah man ihre Schwärme sich nach allen Richtungen hin entwickeln. Wäre nicht glücklicherweise eine bayerische leichte Batterie, die des Hauptmann Wittmann, in der Nähe gewesen, so hätte die Sache schlimm ausfallen können. Diese wurde gerufen und fuhr eiligst den Hügel hinan, auf welchem wir standen, protzte ab und eröffnete ein ebenso rasches als wirksames Feuer, so daß die Kosaken wie ein Fliegenschwarm aus einander stoben und sich in ihren Wäldern verbargen.

Wir standen nahe genug, um dieses prächtige Manöver genau wahrnehmen zu können, mit welcher Leidenschaft und Blitzesschnelle die Artilleristen handelten. Diese Truppe war stets sehr brav und standhaft, selbst vom Feuer des Feindes hart bedrängt. Auf jene Cavalleriemassen aber zu feuern, ohne eine Antwort befürchten zu müssen, war für den Artilleristen eine Art Spaß. Prinz Eugen und seine Umgebung zollten dieser Batterie ihre vollste Anerkennung.

Bisher hatte meine kräftige Natur allen klimatischen Einflüssen, Beschwerden, Entbehrungen und Anstrengungen widerstanden, und ich erfreute mich einer ungestörten Gesundheit. Seit Anfang September aber fühlte ich mich unwohl, hatte[182] heftige Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Fieber und mußte mich ärztlicher Behandlung unterziehen. In diesem Zustande geschah es, daß ich in einer Ortschaft, in der Prinz Eugen sein Hauptquartier genommen, in einer armseligen Hütte auf der Streu lag und ein Brechmittel eingenommen hatte; ein alter Topf mit schmutzigem, warmem Wasser stand vor mir, dessen Genuß die Wirkung der Medicin erleichtern sollte. Ich befand mich eben in einem ganz abscheulichen Zustand, als das Hauptquartier alarmirt wurde. Die Kosaken hatten die Vorposten überrumpelt und drohten in den Ort einzudringen. Man verließ ihn in Eile, da er nicht so stark besetzt war, um ihn mit Erfolg vertheidigen zu können. Mich wollte man in einer Equipage mitnehmen, allein ich befand mich so übel, daß sich eine große Gleichgültigkeit meiner bemächtigte und ich bat, mich liegen zu lassen. Da man in einem solchen Falle sich nicht gerne lange mit sentimentalen Unterhandlungen aufhält, so überließ man mich meinem Schicksale. Bald drang auch der süße Ton des Hurrah zu meinen Ohren, die Kosaken waren in den Ort eingedrungen und fegten nun mit wildem Lärm kreuz und quer durch die Straßen. Ich hatte mich bereits gefaßt gemacht, in meinem Kämmerlein an meinem Krankenbette, respektive an meiner schmutzigen Streu einen ungebetenen Besuch zu erhalten, als plötzlich Kanonendonner erscholl. Abermals war es die brave Batterie Wittmann, welche jenen Industrierittern den Rückweg wies. Diese bestrich von einer kleinen Anhöhe herab mit ihren Kugeln so energisch die breiten Straßen des Ortes, daß die Kosaken, welche, wie man sagt, die Kugeln, seien sie nun klein oder groß, gar nicht besonders lieben, für angezeigt fanden, den Ort zu verlassen. Nach anderthalb Stunden bezog der Prinz sein Quartier wieder und blieb in ruhigem Besitze desselben bis zum nächsten Tag.

Der Herbst hatte sich auch gemeldet und auf die furchtbar heißen Tage folgten kühle Nächte, und es mag vielleicht dieser schnelle Uebergang der Temperatur nachtheilig auf mich eingewirkt haben, ich fühlte mich noch immer unwohl und folgte in einem Wagen mit dem übrigen Trosse des Hauptquartiers.[183] Mein Diener mit drei Pferden ritt hinterher. So langsam vorrückend, näherten wir uns am Abend des 4. September jener Hügelreihe, deren Erde in den nächsten Tagen mit dem Blute von 40 bis 50,000 Menschen getränkt werden sollte.

Unmuthig in eine Ecke des Wagens gelehnt saß ich und hatte Zeit und Muße zum Grübeln und Nachdenken über alles, was seit vier Monaten an mir vorübergegangen, was ich gesehen, erlebt und durchgemacht hatte und alles, was noch kommen kann, als ich plötzlich aus meiner Träumerei aufgescheucht wurde, Große leichte Rauchwolken stiegen am fernen Horizonte empor: ich sah Haubitzgranaten in der Luft zerplatzen, eine heftige andauernde Kanonade ließ mich außer Zweifel, daß eine Schlacht beginne.

Wie elektrisirt sprang ich aus dem Wagen, Grübeln und Fieber waren vergessen, Kraft und Leben erwachte in mir. Ich setzte mich zu Pferde und jagte der Richtung zu, wo sich der Kampf entsponnen. Bald erreichte ich das Schlachtfeld von Borodino. Es war der Abend des 5. September: die Schlacht hatte begonnen.

Welch ein Anblick bot sich hier! Beinahe die ganze russische Armee stand in Schlachtordnung auf einer unabsehbaren Hügelreihe, eine Thalschlucht, durch die sich ein kleiner Fluß, Kologha, schlängelt, trennte die beiden Armeen. Links von uns, etwa eine Stunde entfernt, liegt der unbedeutende Ort Borodino, nach welchem die Russen diese kolossale Schlacht nannten. Auch wir standen auf einem erhöhten Punkte, der uns einen weiten Ueberblick über das Ganze bot. – Der Anblick dieses Schlachtfeldes macht einen sehr ernsten Eindruck; es dehnt sich in seinen Hauptumrissen in großen strengen Linien aus, ist aber von sehr vielen Schluchten durchschnitten; der Boden ist kahl, von röthlicher, sandiger Erde, fast ohne alle Vegetation, nur große Strecken von Haselgebüschen finden sich darauf und düstere Tannenwälder begränzen den Horizont.

Als ich ankam, hatte das Feuer nachgelassen und die Franzosen begannen die Kologha zu überschreiten. Es herrschte ringsum Stille, die Russen schienen uns trotzig anzuschauen[184] und zu sagen: »Kommt nur her, wir heben den Handschuh auf!« Den Ernst dieser Scene vollendete der graue, mit schweren Wolken überzogene Himmel und ein rauher Nordwest, der über die Hügel hinblies.

Lange Zeit stand Prinz Eugen auf einem erhöhten Punkte, von welchem man das Terrain und die Stellung der Russen weit überblicken konnte; eine Batterie, welche abgeprotzt hatte, stand vor uns. Die Artilleristen um ihre Geschütze herum richteten mit gespannter Erwartung ihre Blicke in die Ferne auf die zahllosen Feinde vor ihnen. Es war ein feierlicher Moment. Welche Gedanken mögen sich da manchem dieser Menschen aufgedrängt, welche Gefühle in ihren Herzen sich geregt haben, denn daß es jetzt Ernst wird und die Stunde gekommen ist, wo durch einen entscheidenden Kampf das Loos über das Schicksal der Armee, vielleicht über die bedeutendsten Staaten Europas fällt, wurde an diesem Tage fast Jedermann klar.

Von hier verfügte sich der Prinz mehr links nach Borodino. Die Artillerie und die Sappeurs des 4. Armeecorps hatten schon eine große Thätigkeit entwickelt, auf einer Anhöhe und auf Kanonenschußweite gegenüber der verhängnißvollen großen Redoute der Russen Erdwälle zu errichten und diesen Punkt, soweit es die Mittel und die Kürze der Zeit gestatteten, zu befestigen. Es ist bewunderungswürdig, was Menschenhände in kurzer Zeit auszurichten im Stande sind. Die Höhe, auf der wir standen, glich einem Ameisenhaufen. Tausende von Menschen mit Hacken, Schaufeln und den verschiedensten Werkzeugen und Karren versehen, wühlten in der Erde herum. Eine Brustwehr mit Schanzkörben entstand nach der andern und bis zum Morgen war eine Redoute für sechsunddreißig Kanonen fertig. Während dieser Arbeiten donnerten die russischen Kanonen aus einer Redoute, welche von den Franzosen noch den Abend nach einem dreimal mißglückten Sturme mit vielen Opfern genommen wurde. Der Kampf war äußerst heftig; viele Kugeln schlugen in der Nähe des Platzes ein, an welchem Prinz Eugen unbeweglich stand. Eine derselben riß einen Offizier des Generalstabes,[185] Namens Döberlein (ein geborner Straßburger), dicht neben mir vom Pferde. Das Pferd wurde am Halse getroffen, bäumte sich hoch auf und schleuderte den Reiter rücklings herunter. Wir waren im Gespräch begriffen, ich zeichnete, blickte vom Papiere auf und sagte: »Ich glaube, da kommt was für uns!« In demselben Augenblick war die Kugel auch da. Prinz Eugen schaute um, blieb aber mit gewohnter Ruhe, welche er stets im Feuer bewies, an seinem Platze.

Der Abend war indessen hereingebrochen und der Horizont mit dichten, schweren Wolken umzogen, kalt und schaurig blies der Wind über die Hügel hin. Der 5. September endete mit einem Siege über die Russen, aber er war das Grab vieler Tapfern geworden.

Nachts, als Prinz Eugen nach seinem Bivouak zurückritt, gewährten einen interessanten Anblick die feurigen Bogen, welche die russischen Hohlkugeln, die uns noch immer verfolgten, nach sich zogen und theils in der Luft, theils am Boden explodirten. Eine derselben zerplatzte dicht hinter mir, mein Pferd stürzte auf die Knie zusammen, ich glaubte, es sei von einem Granatsplitter getroffen, aber wir waren beide unbeschädigt.

Die Nacht vom 5. auf den 6. brachte ich frierend auf einem Wagen zu; die Kanonen verstummten allmählig, das Kleingewehrfeuer der Plänkler aber dauerte die ganze Nacht hindurch und ließ mich wenig schlafen. Ich fühlte mich noch etwas schwach und aufgeregt von meinem Fieber, das mich aber sonst nicht weiter belästigte.

Am Morgen des 6. September umschleierte ein kalter, feuchter Nebel den Horizont, er kämpfte einige Zeit mit den erwärmenden Strahlen der Sonne und senkte sich langsam zur Erde nieder, was einen heitern Tag verkündete. Von der Morgensonne beleuchtet, sahen wir das russische Heer in einer ungeheuren Ausdehnung in Schlachtordnung vor uns. Ich habe weder früher noch später ein Schlachtfeld gesehen, das so viel zu bildlichen Darstellungen bot wie das von Borodino.

Das heitere Wetter und die völlige Waffenruhe des 6. machte ich mir trefflich zu Nutzen. Ich entwarf eine sehr genaue[186] Zeichnung von dem Terrain und der Aufstellung der Russen in einem halben Panorama. Mein überaus scharfes Auge leistete mir hiebei die besten Dienste. Ich bemerkte jede Bewegung der Russen. So entstand eine Zeichnung von großem historischen Werthe. Aber diese Arbeit wäre mir bald übel bekommen. Ich hatte mich möglichst weit vorgemacht und saß stundenlang an einem und demselben Flecke, mein Pferd, ein Schimmel, stand neben mir, das mag besonders durch seine Farbe die Aufmerksamkeit der Russen auf mich gezogen haben. Es fiel plötzlich ein Kanonenschuß aus der großen Redoute der Russen, die Kugel sauste mir an den Ohren vorüber und riß einem armen Artilleristen, der hinter mir stand und mit großem Interesse meiner Arbeit zusah, den linken Arm weg. Durch diesen unerwarteten derben Fingerzeig veranlaßt, zog ich mich weiter zurück nach dem Platze, wo Prinz Eugen mit seiner Suite stand. Dieser hatte mich längst in der Ferne gesehen und lachte anfangs, als er sah, daß ich mich so eilig aus dem Staube machte, gab mir aber dann einen Verweis wegen meines Schimmels und untersagte mir künftig bei ähnlichen Anlässen, dieses Pferd zu reiten.

Ségur erwähnt in seinem Werke dieses Kanonenschusses, des einzigen, der an diesem Tage fiel. Er gab zu den sonderbarsten Vermuthungen Anlaß. Ségur z.B. meint, diese Kugel habe dem Kaiser gegolten, der sich aber in jenem Augenblicke viel weiter zurück auf der Höhe von Borodino befand; allein der Schuß war zu gut gezielt und die Wahrscheinlichkeit zu groß, daß er meiner unbedeutenden Persönlichkeit gegolten habe. Glücklicherweise war ich, als sich dieses ereignete, mit meiner Zeichnung und dem, was ich erreichen wollte, so gut wie fertig und konnte es darum leicht verschmerzen, auf eine so unliebsame Art gestört worden zu sein.

Der Tag verstrich im Uebrigen ruhig; alles bereitete sich vor zu dem großen Kampfe für den folgenden Tag. Man hatte, obschon die Russen sich bisher nach jedem Gefechte zurückzogen, Gelegenheit genug gehabt, ihre Tapferkeit und Hartnäckigkeit kennen zu lernen, um den Widerstand, den sie morgen[187] leisten würden, nicht zu unterschätzen. Viele, welchen am 6. die Sonne freundlich leuchtete, mögen bei sich gefragt haben: »Werde ich wohl auch morgen noch die untergehende Sonne sehen?«

Der Mensch gewöhnt sich an gar vieles und geht auch mit kecker Stirne dem Tode muthvoll entgegen, aber ein Gedanke hatte für die meisten an jenem Abende etwas Peinliches: in einem verödeten Lande so ferne von der Heimath, von allen Theuren und Lieben vielleicht hilflos verschmachten zu müssen. Mag ein Held noch so groß sein, in einer so unheimlichen Stille drängen sich ihm solche Gefühle auf. Im Getümmel der Schlacht treten sie zurück; man hat nicht Zeit zu Reflexionen.

Der Tag neigte zu Ende, die Soldaten hatten Munition und Proviant gefaßt, setzten ihre Waffen in guten Stand und lagerten an den Plätzen, wo sie aufgestellt waren. Die Generäle kehrten in ihre Bivouaks zurück, so auch Prinz Eugen, welcher den ganzen Tag mit Beobachtungen und Anordnungen zugebracht hatte.

Die Nacht war kalt und schaurig; es herrschte tiefe Stille, und wohl wenige dürften sich eines ruhigen Schlafes erfreut haben. Daß Napoleon diese Nacht in der größten Aufregung zubrachte, erfuhr ich schon am Morgen im Hauptquartiere des Prinzen. Gegen 5 Uhr, obwohl es noch dunkel war, wurde es unruhig; bald nach 6 Uhr saßen wir zu Pferde. Ich hatte vorher eine Tafel Consommé in Wasser bei einem Bivouakfeuer aufgelöst, um mich innerlich ein wenig zu erwärmen, und etwas Brod dazu genossen. Das war meine ganze Nahrung in achtzehn Stunden. Die geistige Aufregung an einem Tag wie der 7. September ist zu groß, um an Essen zu denken. Gegen 7 Uhr entbrannte der Kampf zuerst auf dem linken Flügel, auf welchem Prinz Eugen sich befand. Ich konnte alle Bewegungen an dem Platze, wo ich stand, so gut beobachten, daß ich fast jeden einzelnen Mann zu unterscheiden vermochte. Hier trat mir gleich zu Anfang des Tages eine schauerliche Scene vor Augen.

Eine Infanteriebrigade unter General Plauson hatte sich[188] des Dorfes Borodino bemächtigt, die in der Nähe desselben befindliche Brücke über die Kologha überschritten und siegestrunken über den Erfolg sich so weit vorgewagt, daß sie von Front und Flanke in ein fürchterliches Feuer kam. Es war schaudererregend anzusehen, wie die weitausgedehnte Linie von den feindlichen Kugeln niedergeschmettert und zerrissen wurde. So oft ein Schuß durch ihre Reihen schlug, stieg hinter der Linie eine große Staubwolke von dem Sande, den die Kartätschen aufwühlten, empor. Wenn diese sich verzog, lagen ganze Glieder niedergeschmettert am Boden. So wurden ihre Reihen immer lichter, bis sie sich gar nicht mehr schließen konnten und zuletzt als vereinzelte Haufen umherirrten. Der General selbst fiel als eines der ersten Opfer; er hatte das Unausführbare dieses tollen Vorgehens eingesehen, konnte aber die von Kampfeswuth entbrannten Soldaten nicht zurückhalten. Zuletzt kam ihnen das von Eugen besonders geliebte 92. leichte Infanterieregiment zu Hilfe und führte das kleine Häuflein der Uebergebliebenen zurück. Der Boden aber war von Leichen und Verwundeten übersät. So begann der verhängnißvolle Tag und so dauerte er fort; es war ein ununterbrochenes Hin- und Herwogen des Kampfes, ein gegenseitiges gräßliches Morden. Der Kampf wurde von beiden Seiten mit einer fast beispiellosen Erbitterung und Hartnäckigkeit geführt. Die Russen standen wie Mauern unter dem Feuer und den ungestümen Angriffen der Franzosen. Tausende von Leichen deckten die blutgetränkte Erde und immer füllten sich die russischen Reihen aufs neue. Man konnte wohl merken, daß sie von der Heiligkeit ihrer Sache durchdrungen waren. Sie nennen dieses Schlachtfeld die heilige Haide, und es geht die Sage, daß nie ein Feind weiter vorgedrungen sei.

Furchtbar wüthete das Feuer in den Reihen der Franzosen aus dem ungeheuren Vulkan, der großen Redoute. Sie bildete die Hauptstütze der Russen auf dem rechten Flügel auf einer Anhöhe, weßhalb sie weithin dominirte. Besonders entsetzlich litt von ihrem Feuer das 4. Armeecorps; der gute Prinz war fast den ganzen Tag den Kugeln ausgesetzt. Dreimal[189] stürmten die Franzosen mit verzweifeltem Muthe diesen todbringenden Erdhaufen und dreimal mußten sie ihn unter ungeheuren Verlusten wieder aufgeben.

Schon Vormittags hatte sich der Kampf auf der ganzen Schlachtlinie ausgedehnt, furchtbar rollte der Donner des Geschützes meilenweit, ungeheure Rauchsäulen stiegen allerwärts empor. Aber alle Anstrengungen blieben immer noch ohne Erfolg. Der Mittag kam und des furchtbaren Mordens war noch kein Ende. Ein General nach dem andern wurde verwundet zurückgebracht, von vielen war die Todespost eingetroffen, bluttriefend schleppten sich die Soldaten aus den Kampfe, an vielen Stellen war das Feld mit Leichen bedeckt; was ich an Verwundungen und Verstümmelungen an Menschen und Pferden an diesem Tage gesehen, ist das Gräßlichste, was mir je begegnete und läßt sich nicht beschreiben.

Von dem, was im Centrum und dem rechten Flügel der Franzosen vorging, kann ich nichts aus eigener Anschauung erzählen, ich hielt mich stets bei dem 4. Armeecorps auf, aber an der Heftigkeit und Beweglichkeit des Kampfes konnte man in der Ferne auch recht deutlich wahrnehmen, wo Ney und Murat befehligten. Jeder war an diesem Tage ein Held, aber diese beiden Heerführer steigerten ihre Kraft und Energie bis zum Aeußersten. Es war ein wahrer Kampf der Verzweiflung; was die Kriegskunst vermag, was mit der viel erprobten Tapferkeit der besten Truppen zu erreichen oder durch Raschheit der Bewegungen auszuführen ist, nichts blieb unversucht, aber alles scheiterte an der unerschütterlichen Standhaftigkeit der Russen.

Gegen Mittag verließ ich das große Schlachtfeld und begab mich über die Kologha zurück nach dem Lagerplatz, wo die Equipagen des Prinzen hielten, um mir ein anderes Pferd zu holen, da das meinige sehr ermüdet sich am rechten Hinterfuße etwas beschädigt hatte. Kaum war ich dort angelangt, als auf dem äußersten linken Flügel ein furchtbares Hurrahgeschrei sich erhob. Eine ungeheure Masse Kosaken warf sich mit großem Ungestüm auf die bayerische Cavallerie (das 3., 4., 5. und[190] 6. Chevauxlegersregiment), aber die Wildheit dieses Angriffs scheiterte an der ruhigen Haltung dieser erprobten Truppen, welche sie mit eingelegtem Karabiner erwarteten. Auch die italienischen Garden, welche eben auf das große Schlachtfeld marschirten und in der Nähe sich befanden, bildeten Front gegen die anprallenden Kosaken und vereitelten ihren Stoß, der auf nichts Geringeres, als auf einen Angriff im Rücken des linken Flügels abgesehen war. Wäre dieses Manöver gelungen, so wären sämmtliche Equipagen des Prinzen und des Kaisers in die Hände der Feinde gefallen und die große Redoute, welche der russischen gegenüber stand, im Rücken bedroht gewesen. Die Sache sah auch gefährlich genug aus, da es gegen 10,000 Kosaken gewesen sein sollen. Ich hätte mit meinem guten Pferde das Weite suchen können, aber dieser neue Akt des furchtbaren Dramas interessirte mich ganz besonders. Ich verfügte mich zu der italienischen Garde und hatte so das Vergnügen, das großartige Reitermanöver in der Nähe zu sehen. Bald darnach ritt ich durch das kleine Thal der Kologha auf meinen vorigen Standort zurück. Auf diesem Wege begegnete mir etwas, das fast ein komisches Zwischenspiel des Tages zu nennen ist. Einem adeligen Stallmeister des Prinzen, Namens Bellisoni, wurde das Pferd unter dem Leibe erschossen. Ein Reitknecht sollte für den Prinzen ein anderes Pferd holen und einen andern Stallmeister mitbringen, um Bellisoni abzulösen. Dieses Loos traf den Baron Allemagna, einen Mailänder Cavalier, der nie in einer Schlacht gewesen und Tags zuvor erst als Courier aus Mailand bei der Armee angekommen war. Unterwegs hielt ich mich an einem Platze, wo es eben nicht mehr ganz geheuer war, mit Zeichnen auf, als ich plötzlich den Reitknecht mit dem neuen Pferde und dem Stallmeister sich mir nähern sah. Allemagna, welcher mich von Mailand her kannte, schrak zusammen und redete mich mit den Worten an: »Aber Adam, was machen Sie denn da? Sind Sie denn von Sinnen? Da sitzt der Mensch ruhig auf seinem Pferde und zeichnet, als wenn er zu Hause in seinem Atelier wäre, während die Kugeln daherfliegen.« Dabei sah er sich ganz scheu um,[191] ob nicht schon eine für ihn ankäme. »Mein lieber Baron Allemagna,« sagte ich, »das ist eben jetzt mein Atelier, und an das Pfeifen der Kugeln bin ich schon gewöhnt!« – »Das gewöhne der Teufel!« war die Antwort, »ich muß jetzt da hinüber, ich bin ein armer Teufel (son' povero diabolo), meine Ehre, meine Stellung bei Hofe, alles ist hin, wenn ich mich jetzt nicht entschließe, meine Haut zu Markte zu tragen. Aber Sie! ein Künstler wie Sie, der ein freier Mann ist, dem die ganze Welt offen steht, wie kann sich der so exponiren, ich begreife Sie nicht!« Es schien, als hätte er gerne noch lange mit mir geplaudert, aber der Reitknecht drängte und ich packte zusammen und sagte: »Kommen Sie, Allemagna! Ich gehe mit. Fassen Sie nur Muth, es treffen nicht alle Kugeln, sonst wäre auch ich schon lange nicht mehr da.« Zaudernd folgte der gute Mann, bald kamen wir wirklich in das Schußbereich, und er mag wohl hübsch viele Angst ausgestanden haben, hielt aber doch geduldig den ganzen Nachmittag aus. Der Prinz, welcher seine Angst bemerkt haben mochte, sagte Abends: »Allemagna hat heute mehr geleistet, als wir alle.« Man war gewöhnt, über solche Dinge zu scherzen, schlug aber die Ueberwindung doch hoch an.

Im Jahr 1813 traf ich Allemagna in Mailand ganz wohlbehalten: er erzählte oft in Gesellschaft mit liebenswürdiger Offenheit unser Zusammentreffen in jener mißlichen Lage und seine Angst vor den ersten Kugeln, die er pfeifen hörte.

Es mag übrigens sonderbar klingen, wenn man hört, daß ein adeliger Stallmeister mit in das Feuer genommen wird und eigentlich nichts dabei zu thun hat; aber es war damals so Sitte, ja Murat hat sogar Pagen mitgeschleppt.

Prinz Eugen und sein Corps war fortwährend noch dem heftigsten Feuer der großen russischen Redoute ausgesetzt, denn noch immer lag dieser verhängnißvolle Erdhaufen vor unseren Augen: sie war im Laufe des Nachmittags buchstäblich ein Erdhaufen geworden, da die französischen Geschütze große Zerstörungen an ihren Wällen angerichtet; aber die Russen vertheidigten sich in ihr stets mit derselben unerhörten Standhaftigkeit;[192] es war ihnen nicht eine Handbreit Erde abzugewinnen, diese Lage war für uns wahrhaft peinlich.

Oft hörte ich die tapfersten Offiziere sagen, daß die Gefahr, wenn man sich zu lange in ihr befindet, ermüdet und abspannt; man greift dann zum Aeußersten. An diesem Momente war die Sache nun angelangt; um jeden Preis mußte eine Entscheidung herbeigeführt werden.

Prinz Eugen ordnete einen neuen Angriff an; mit der größten Resignation rückten die Colonnen noch einmal den unheilvollen Hügel hinan, an den Leichen der vielen braven Kameraden vorüber, deren Loos auch sie bald theilen sollten. Glücklicherweise war es die letzte schwere Aufgabe an diesem Tage. Napoleon hatte gleichzeitig den verzweifelten Entschluß gefaßt, durch ungeheure Cavalleriemassen sich auf die Russen zu werfen, die Redoute im Rücken anzugreifen und so zu überwältigen.

Es ist selbstverständlich, daß die Russen den Rücken nicht bloßgestellt ließen. Die Cavallerie kam dadurch in ein doppeltes und dreifaches Feuer in Front und Flanken, aber das Manöver gelang, Napoleon hatte Murat damit beauftragt, er wußte, daß dieser der Mann sei, es auszuführen. Mit welchen Opfern es aber gelang, davon zeugte der Abend und der folgende Tag.

Der Angriff war prachtvoll, aber schauerlich anzusehen; die Kriegsfurie war los, alle Waffen in Thätigkeit: das Schwert, das Bajonett, alle Arten von Geschossen; besonders fürchterlich hausten die Kartätschen in den anstürmenden Reihen. Ungeheure Staubwolken stiegen empor und vermengten sich mit dem Pulverdampfe. Zwischen heraus sah man die Schwerter unheimlich blitzen, der Sturm sauste über Todte und Verwundete hinweg, über Waffen und Kriegsgeräthe und alles, was am Boden lag; man glaubte, das wilde Heer tobe vorüber.

Die Redoute wurde durch Cuirassiere genommen, beinahe zu gleicher Zeit kamen die Colonnen des Prinzen, der sie in der Front angreifen ließ, dort an. General Coulaincourt, der Befehlshaber der Cuirassiere, starb unter den Brustwehren dieses Vulkans den Heldentod. Auch deutsche Cavallerie nahm[193] bedeutenden Antheil an diesem Kampfe, besonders Bayern, Sachsen und Württemberger. Ein sächsisches Cuirassierregiment wurde beinahe ganz aufgerieben, zunächst der Redoute sah ich das Feld mit ihren Leichen bedeckt. Vom 1. bayerischen Chevauxlegersregiment sollen am Abende des 7. September nur noch dreißig Mann mit zwei Offizieren diensttauglich und zu Pferde gewesen sein.

Die Franzosen wußten die Truppen ihrer Verbündeten, besonders die deutsche Cavallerie, stets recht gut zu verwenden, in der Regel wurde diesen nicht die leichteste Aufgabe an der Arbeit des Tages zu Theil. – Uebrigens hatten alle Regimenter bei dem verzweifelten Sturme mehr oder minder ungeheure Verluste.

Ich schätzte mich glücklich, Augenzeuge dieses großartigen Schlachttages gewesen zu sein. Es bleibt nur immer das schmerzliche Gefühl zurück, alle die ergreifenden Scenen, welche sich hier so rasch auf einander häuften, nicht sogleich auf das Papier bringen zu können, um sie der Nachwelt zu überliefern.

Der furchtbare Krater, der acht Stunden hindurch Tod und Verderben nach allen Richtungen hin verbreitete, war nun zum Schweigen gebracht. Die französischen Adler blinkten von seiner Höhe herab, aber diese Erdscholle war theuer erkauft, fast zu theuer, meinten viele.

Die Russen machten verschiedene Versuche, die Franzosen wieder aus der Redoute zu werfen, aber diese blieben trotz der größten Anstrengungen und ungeheuren Opfer erfolglos. Die Russen mußten weichen und zogen sich in Ordnung in eine zweite Position zurück, in der sie, durch eine Reihe von Redouten und Verschanzungen aller Art gedeckt, unangreifbar waren. Der Kampf dauerte zwar noch mehrere Stunden fort, aber ohne Erfolg; gegen Abend wurde das Feuer schwächer, bis endlich das Dunkel der Nacht dem Morden ein Ende machte.

Erhebend ist es, einem Kampf auf Leben und Tod, wie der bei Borodino war, beizuwohnen. Man wird zur Bewunderung über den Muth und die Todesverachtung hingerissen, mit der die Truppen im ärgsten Kugelregen dem Feinde entgegeneilen[194] oder, was noch mehr ist, ruhig aushalten. Während des Kampfes selbst ist freilich die Aufregung so groß, daß sie einer besonnenen Reflexion nicht Zeit gibt, aber wenn der Donner der Geschütze schweigt und man mit mehr Ruhe nun all den Jammer und das Elend übersieht, das der Kampf angerichtet, da tritt das menschlichere Gefühl mehr hervor und pocht an unser Herz. Mit Schaudern schweift unser scheuer Blick über das Schlachtfeld. Dieses bot besonders in der Umgebung der großen Redoute ein entsetzliches Bild.

Zwischen verstümmelten Leichen und zerrissenen Gliedern rangen Verwundete ächzend in ihrem Blute mit dem Tode; hilflos einer kalten Nacht entgegensehend, schleppten andere bald einzeln, bald in Gruppen sich einher, ohne zu wissen, wohin. Keiner kümmerte sich um die andern, jeder hatte mit seinem eigenen Elende zu thun. Hie und da wurden Offiziere weggetragen, oder Schwerverwundete noch auf dem Pferde sitzend von leichter Verwundeten geführt, aber wohin?1 Man wußte es nicht. Adjutanten rannten auf keuchenden Pferden hin und her, um für verwundete Generäle Aerzte zu holen, welche schwer, oft auch gar nicht zu finden waren. Ledige Pferde, oft mit einem abgeschossenen Bein, schleppten sich auf drei Füßen herum, der vielen todten und verwundeten Pferde gar nicht zu gedenken, die den Boden bedeckten. Dieser war von Kugeln durchfurcht, mit Trümmern von demontirten Geschützen, Munitionswagen, Monturstücken, Waffen und Kugeln bedeckt, ein wahres Bild der Verwüstung.

Gräßlich sah es in einem breiten Graben aus, der sich[195] rückwärts um die Redoute herumzog. Die Russen hatten durch die hartnäckige Vertheidigung, den ganzen Tag einem furchtbaren Feuer ausgesetzt, ganz entsetzliche Verluste, sie warfen, um Platz in der Redoute zu gewinnen, alle ihre Todten in diesen Graben, wo sie zwischen demontirten Geschützen und Trümmern aller Art hoch auf einander geschichtet lagen.

Einen betrübenden Eindruck machte auf mich der Platz, wo das 1. und 2. bayerische Chevauxlegersregiment so gräßlich hingeopfert worden war. Außer vielen schwerverwundet am Boden herumliegenden Offizieren fand ich auch den Obrist des 1. Regiments, den Grafen von Wittgenstein, schon dem Tode nahe, in der Kraft der Jahre sein Leben aushauchen. Ueber seine blutenden Wunden war der Mantel gedeckt; ein sächsischer Arzt, ein junger, am Arme verwundeter Offizier und fünf verwundete Soldaten seines Regiments umgaben ihn. Sein Schwager, der in der ganzen Armee geachtete Baron Karl von Zweibrücken, hatte das Kommando nach seinem Falle übernommen, aber auch er wurde gleich darnach von einem Kartätschenschuß in die Brust getroffen. Nicht so glücklich, wie Wittgenstein, auf dem Schlachtfelde nach kurzen Leiden den Heldentod zu sterben, unterlag er erst mehrere Wochen später in der armseligen Stadt Moshaisk seinen Wunden. Zweibrücken war einer meiner frühesten Gönner, ich sprach ihn noch am Morgen dieses verhängnißvollen Tages; sein Tod ging mir sehr nahe.

Die Dämmerung war hereingebrochen; düstere, tief herabhängende Wolken, von einem scharfen Westnordwind gejagt, vollendeten das Schauerbild des Schlachtfeldes.

Das Schlachtfeld bei Borodino ist größtentheils eine wilde Haide mit sehr wenig Vegetation und gewährt für sich schon einen tragischen Anblick. Die vielen dasselbe durchschneidenden, meist mit Todten gefüllten Schluchten machten es sehr unwegsam und es war schwer, sich dort zurecht zu finden. Darauf befanden sich kaum ein paar elende, stundenlang aus einander liegende, halb oder ganz zerstörte Dörfer; von einer Straße (mit Ausnahme der großen Straße nach Moskau, welche die Russen noch besetzt hielten) war keine Rede.[196]

Meine Neugierde, mit diesem Kampfplatz möglichst bekannt zu werden, trieb mich lange auf ihm herum. In tiefes Nachdenken versunken, ritt ich auf meinem ermatteten Pferde langsam dahin und hatte große Mühe, bei der Nacht den Rückweg zu finden. Die Suite des Prinzen hatte ich längst verlassen, um nicht gebunden zu sein und mich nach eigenem Willen bewegen und umsehen zu können. Es war dieses die letzte und größte Schlacht, welcher ich beiwohnte, und mein Drang, den Krieg in allen Gestalten zu sehen, mehr als zur Genüge befriedigt.

So endete der so lange, so heiß ersehnte Tag, der eine Entscheidung zu Gunsten einer Armee herbeiführen sollte, die durch ihre glänzenden Siege die Welt erbeben gemacht und ein Gegenstand der Bewunderung fast aller Nationen war. Einen Weg von mehr als achthundert Stunden hatte sie unter zahllosen Beschwerden zurückgelegt, durch die sie schon vor der Schlacht auf die Hälfte herabgeschmolzen war, um bei Borodino das Loos der Waffen an einem Feinde zu versuchen, der durch kalte Berechnung, durch Ausdauer in dem gefaßten Plane dem stolzen Heere den sicheren Untergang bereitete.

Wird der blutige Kampf die Erwartungen krönen? Ist diese öde Scholle die zahllosen Opfer werth, die sie gefordert? War das wirklich eine entscheidende Niederlage des Feindes? ein entscheidender Sieg? Es hatte nicht den Anschein. Der folgende Morgen wird es zeigen. Unter solchen Betrachtungen gelangte ich ausgehungert und von Kälte erstarrt gegen Mitternacht an unsern ersehnten Lagerplatz und sah mich mit Begierde nach der Küche und meinem Freund Havard um.

Ueber vier Monate war ich von Hause entfernt und hatte bis dahin keine Zeile von meiner jungen Frau und den Meinigen erhalten. Man schrieb mir zwar fleißig, hatte aber nicht den rechten Weg eingeschlagen, mir die Briefe zuzuschicken. Bei allen Courieren, auf allen Feldposten fragte ich vergebens nach, was mich sehr betrübte. Als ich nun so ermüdet angekommen und kaum vom Pferde gestiegen war, erblickte ich an einem Feuer, um welches Leute aus dem Dienste des Prinzen versammelt waren, einen Courier. Eiligst lief ich auf ihn zu[197] und fragte: »Haben Sie keinen Brief für mich?« – »Ja!« lautete die erfreuliche Antwort. Wer war glücklicher, als ich. Am Tage dieser verhängnißvollen Schlacht erhielt ich den ersten und einzigen Brief von den Meinen während des ganzen Feldzuges. Dieser brachte die glückliche Nachricht der Entbindung meiner Frau von einem Knaben. Auch wurde mir unter anderm mitgetheilt, daß mein Pudel, den ich zu Thorn an der Weichsel verloren, in München angekommen sei. Dieser Brief machte mich so glücklich, daß ich erst, nachdem ich denselben an einem Feuer gelesen, darauf Bedacht nahm, meinen ausgehungerten Magen mit etwas Speise zu versehen. Dann aber sehnte ich mich nach Ruhe, welche ich auch auf etwas Stroh unter einem Wagen fand.

Der Morgen des 8. September war rauh, windig und feucht, so wie der ganze Tag. Die Russen hatten sich wie immer in großer Ordnung zurückgezogen und uns das Schlachtfeld überlassen. Das war aber auch alles, was dieser blutige Kampf zur Folge hatte. Gefangene sah man gar nicht und die Verluste sollen auf beiden Seiten gleich gewesen sein, man wollte sie zusammen auf fünfzigtausend Mann angeben. Ségur zählt darunter allein zweiundvierzig todte und verwundete Generäle.

Prinz Eugen begab sich nach Borodino, wo er den ganzen Vormittag verweilte, während ich nochmals einen großen Theil des Schlachtfeldes überritt und zeichnete, soviel ich in der kurzen Zeit konnte. Wahres Herzeleid verursachte es mir, diesen Reichthum von Uniformstücken, Sattelzeug, Armaturen und Kopfbedeckungen aller möglichen Waffengattungen herumliegen zu sehen, ohne etwas mitnehmen zu können. Ein Schlachtenmaler hätte hier Material für sein Leben gehabt. Aber wie diese Dinge transportiren? Ich hätte hiezu mindestens ein paar Fourgons gebraucht und es fehlte im allgemeinen ohnehin an Transportmitteln. Gern hätte ich auch hier noch einige Tage verweilt, um nur einiges von dem vielen Merkwürdigen zu zeichnen, das sich hier darbot. Als ich gegen 1 Uhr Nachmittags nach Borodino zurückkam, war man eben im Aufsitzen begriffen, um die Straße nach Moskau einzuschlagen.[198]

Moskau! das war der Gedanke, welcher nun alles neu belebte. Welche Hoffnungen knüpften sich an diese alte Hauptstadt Rußlands! Welch stolzer Gedanke für die leicht zu begeisternden Franzosen, auf dem alten Czarenpalaste ihre Adler aufzupflanzen! Daß dieses in kürzester Frist geschehen werde, daran zweifelte Niemand. Man war gewöhnt, daß Napoleon stets den Feinden in ihrer Hauptstadt den Frieden diktirte. An diese Hoffnung knüpfte sich der Gedanke, von Moskau mit Lorbeer gekrönt bald in die liebe Heimath zurückzukehren! Alles war von diesem Wunsche beseelt, und der Mensch glaubt ja so gerne, was er sehnlichst hofft und wünscht. Wohl waren auch manche, die sich nicht so ganz diesen süßen Träumen hingaben: der Krieg, den die Russen bis dahin mit eiserner Consequenz nach ein und demselben Princip geführt hatten, gab Anlaß genug, den Flug der Begeisterung in etwas zu hemmen, daran aber mochte Niemand denken, daß die Russen ihre alte Czarenstadt, an welche sich so viele heilige Erinnerungen knüpfen und welche so viele Schätze in sich faßt, auf solche Weise opfern, wie es die Folge lehrte.

Die Armee theilte sich nun auf verschiedenen Wegen, den Russen zu folgen; die italienische Armee unter Prinz Eugen schlug die Richtung gegen Krasnoje ein und zog an Moshaisk vorüber. Von da kamen wir nach Vendeskoje. Die Scenerie schien sich auf einmal verändert zu haben und ließ vermuthen, die Russen hätten auf diesem Wege keine Franzosen erwartet. Die meisten Bewohner waren zwar geflohen, aber das sonst gewöhnliche Signal, welches unserer Bahn voranging, der Brand, hatte uns diesmal den Weg nicht bezeichnet. Wir fanden Lebensmittel und Fourage, die Soldaten waren guter Dinge, und mit jeder Stunde wuchs die Hoffnung, daß man in Moskau bald für so lange, so große Entbehrungen entschädigt werde.

Zu Vendeskoje fanden wir ein schönes Schloß mit prachtvoller Einrichtung, die von Geschmack, Kunstsinn und Reichthum zeugte: eine große, schöngeordnete Bibliothek, eine große Kupferstichsammlung von vorzüglichen und kostbaren Werken, Mal- und Zeichnungsrequisiten aller Art. Gleichen Schritt[199] damit hielt die Möbelirung. Diese Erscheinung bildete einen sonderbaren Contrast zu all dem, was uns seit dem Eintritt in Rußland begegnet war. Indessen war es herzzerreißend, zu sehen, wie alle jene Schätze verschleudert wurden. Jeder griff zu und nahm, was er eben brauchen konnte. Am tollsten ging es in dem wohlbesetzten Weinkeller zu.

Am 9. September überschritten wir die Moskwa und kamen nach Rouza, einer nach russischen Begriffen nicht ganz unbedeutenden Stadt. Plötzlich stießen wir auf einen ungeheuren Zug von kleinen Wagen, wie sie die russischen Landleute haben, bepackt mit Habseligkeiten, Weibern und Kindern. Diese Leute, welche auf ihrer Flucht uns in die Hände fielen, wurden eben nicht sehr gut von den Soldaten behandelt.

In Rouza selbst wurde uns einiger Widerstand geleistet von einer Art Landsturm, vom Adel geleitet. Der Ort mußte es bitter büßen. Die Soldaten plünderten und begingen die gröbsten Excesse. Um so leichter waren sie, die so lange an allem Mangel gelitten, hiezu geneigt, als sie in Rouza vollauf zu leben fanden und all das im Ueberflusse vorhanden war, was man so lange entbehrt hatte. Man gab sich der Hoffnung hin, so werde es bis Moskau fortgehen, aber von Rouza an ging wieder Brand und Verwüstung vor uns her. Die Vorfälle in Rouza scheinen ganz besonders dazu verwendet worden zu sein, das Volk zu fanatisiren und ihm die gräßlichsten Schilderungen von der Ruchlosigkeit der Franzosen und ihres Anführers zu geben, was um so wirksamer war, als die Gerüchte, welche man ausstreute, sich auf Thatsachen gründeten, die sich schnell von Mund zu Mund vor uns her verbreiteten. Von nun an fanden wir alles, mit Ausnahme einiger Landhäuser, bis Moskau niedergebrannt, verwüstet und alle Vorräthe, welche der Armee dienlich sein konnten, weggeschafft oder vernichtet.

Am 12. kamen wir zu der schönen Abtei Zwenigorod. Diese liegt auf einem sanft ansteigenden Hügel mit üppigen Bäumen und Laubholz bewachsen, welche trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit noch im schönsten Grün standen. Um dieselbe zieht sich durch ein anmuthiges Wiesenthal ein Bach, so daß[200] man die Lage des Klosters mit Recht romantisch nennen kann und man auch hier die Beobachtung macht, daß die geistlichen Herren die Orte, wo sie ihre Klöster erbauten, sehr gut zu wählen verstanden.

Das Kloster selbst ist mit starken Mauern, Schießscharten und Thürmen versehen; man könnte leicht in Versuchung gerathen, es eher für einen festen Platz, als für ein Kloster zu halten, wenn nicht über die Mauern heraus große Gebäude und Thurmspitzen mit Kuppeln von wunderlicher Form emporragten. Das Ganze machte einen eigenthümlich fremdartigen Eindruck.

Die Mönche hatten ihr Kloster nicht verlassen, baten um Schonung der geheiligten Stätte und benahmen sich mit der Würde, wie sie ihr Stand erheischt. Einer derselben eröffnete uns mit furchtloser Freimüthigkeit, welch trauriges Loos unser in nächster Zukunft harre, und da alles, was wir erfuhren, errathen ließ, die Geistlichen in Zwenigorod seien über die politische Lage gut unterrichtet, selbst über die Zustände in Deutschland, so konnte manche dieser Mittheilungen Stoff zu ernstem Nachdenken geben; allein der Gedanke: »Wir stehen vor Moskau,« verdrängte alle anderen Eindrücke.

Prinz Eugen übernachtete im Kloster; edel, wie er sich stets zeigte, wachte er sorgfältig darüber, daß keine Excesse vorfielen. Ob das auch nach seinem Abmarsche so gehalten worden, dafür möchte ich aber nicht einstehen.

1

Scenen dieser Art hat Albrecht Adam viele gemalt. Wir erinnern beispielsweise nur an das wörtlich hiezu stimmende Bild in der Leuchtenberg-Gallerie (radirt von dem jetzt so gefeierten Thiermaler Fr. Voltz in den von Inspektor Muxel herausgegebenen Umrissen dieser Sammlung, I. Bd. Bl. 32), oder die ergreifende Gruppe (lithographirt in Adam's Erinnerungen), wo zwei französische Soldaten ihren verwundeten Offizier tragen, indeß das leere Pferd traurig nebenbei trottet. Dazu gehören auch viele Oelbilder, z.B.: »Der von einem französischen Cuirassier aus der Schlacht geführte Offizier« (1829 auf der Kunstausstellung in Berlin); »Das verlassene Pferd auf dem Schlachtfeld« (vgl. Kunstblatt 1834, Nr. 12, S. 206 u.s.w.).

Quelle:
Adam, Albrecht: Aus dem Leben eines Schlachtenmalers. Stuttgart 1886, S. 202.
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