II. München.

[30] Zu Ende Juli 1807 beredete mich mein Freund Johann Lorenz Rugendas1 zu einer Fußreise nach München, wo er auf der Dult2 mit den Bilderhändlern Geschäfte machen wollte. Gern ging ich auf seinen Vorschlag ein und bei schönem Wetter unter traulichen Gesprächen legten wir in anderthalb Tagen unsern Weg zurück.

Zu München kam ich in eine ganz neue Welt, welche ich mehr in meinem Innern geahnt als gesucht hatte. Bisher fehlte mir noch jede Gelegenheit, mit einem wahren Kunsttreiben bekannt zu werden. Besonders waren mir die großen Vorbilder der alten Meister fremd geblieben, und es rief in mir die glühendste Begeisterung wach, diese in der königlichen Gallerie in so großer Anzahl vereinigt zu finden. Ich war wie berauscht von all dem, was ich hier sah. Besonders zogen mich die Werke der Niederländer an, und die Eindrücke, welche sie auf mich machten, waren so mächtig, daß ich überall an Wege auf der Rückreise Bilder von Potter, Dujardin, Van der Velde,[30] Wouvermann u.s.w. zu sehen glaubte und Vergleiche anstellte, welcher von diesen Meistern wohl der Natur am nächsten gekommen. Es war eine schöne Begeisterung, welche nur der begreifen kann, der die Kunst innig liebt und im Herzen trägt.

In der Gallerie lernte ich einige Künstler kennen, welche sich für mich zu interessiren schienen; ich erkundigte mich bei ihnen um die Lebensverhältnisse in München und erfuhr zufällig, daß in der Nähe der Gallerie ein Sommerhäuschen billig zu miethen sei, das für einen Künstler, welcher bescheidene Ansprüche mache, nicht ungeeignet wäre. Augenblicklich verfügte ich mich dahin und miethete es um den Preis von vier Gulden monatlich. In größter Eile lief ich hierauf in das Gasthaus zum »Goldenen Kreuz«, wo wir wohnten, rannte auf Rugendas zu, welcher in zahlreicher Gesellschaft an der Table d'hôte speiste, mit den Worten: »Ich ziehe nach München und reise jetzt sogleich nach Augsburg, um meine Sachen in Ordnung zu bringen und recht bald wieder hier sein zu können.« Rugendas sah mich groß an, lachte und erwiderte: »Da sieht man wieder den Brausekopf! Hat denn das so entsetzliche Eile? Warten Sie nur bis morgen, ich habe heute noch einige Geschäfte zu besorgen, morgen gehe ich mit.« »Nein, nein,« entgegnete ich, »ich muß fort, ich habe keine Ruhe mehr, ich kann hier nicht mehr schlafen!« In seiner großen Herzensgüte ließ Rugendas sich endlich herbei, noch an demselben Abende in einer schönen Sommer-Mondnacht vier Stunden Weges zurückzulegen und in Dachau mit einem recht schlechten Nachtquartier vorlieb zu nehmen. Als des andern Tages die goldene Scheibe der Sonne majestätisch am Horizonte heraufstieg, hatten wir schon eine bedeutende Strecke zurückgelegt und waren bis Mittag in Augsburg angelangt.

Ich aß und wollte mich sodann ein wenig schlafen legen, um von der Reise auszuruhen, schlief aber von 1 Uhr bis 9 Uhr Abends, nahm wieder etwas Speise zu mir und schlief wieder bis 11 Uhr des andern Morgens. Nicht blos die Ermüdung der eiligen Fußreise, sondern alles, was in München,[31] wo ich mehrere Tage nach einander fast gar nicht ruhte, mit mir vorgegangen, hatte mich so abgespannt, daß die Natur so ungestüm ihre Rechte forderte.

Von Augsburg kam ich aber nicht so schnell fort, als ich gewollt, ich sah mich genöthigt, einige angefangene Arbeiten zu vollenden, um mit Ehren von einem Orte scheiden zu können, wo ich soviel Liebe genossen und so heitere Tage verlebt hatte. Jedoch machte ich mich so rasch los, als ich konnte und eilte nach München.

Hier war mein erstes Trachten, die Erlaubniß zu erhalten, in der Gallerie copiren zu dürfen. Ich packte das Beste von meinen Arbeiten zusammen und verfügte mich nach Schleißheim zu dem alten Galleriedirektor von Mannlich,3 von dem ich etwas kalt aufgenommen ward, aber doch die gewünschte Erlaubniß erhielt. Mit mehr Wärme interessirte sich für mich und meine Arbeiten der damalige Gallerie-Inspektor Dillis;4 einigen von meinen Radirungen schenkte er ganz besondere Aufmerksamkeit. Dillis war ein Mann mit viel natürlichem Gefühle, er glühte für die Kunst und war in seinen Ansichten vielseitig. Er stammte von einem Förster ab, und obwohl er sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte, trat doch in seinem Benehmen etwas Naturwüchsiges hervor, das ihm vom Jäger geblieben und ihn sehr gut kleidete.

Ich machte mich sogleich aus Werk, nahm meine Staffelei und Geräthschaften selbst unter den Arm und stieg mit einem ganz eigenen Gefühle die Treppe hinauf, welche mich in das Heiligthum der Kunst führte. Oben an der Treppe begegnete[32] ich einem anderen Inspektor, dem alten Brulliot.5 Er fragte mich voll Treuherzigkeit in seiner Niederländer-Mundart: »Na, was wollen Sie denn zuerst copiren?« Ich erwiderte ganz naiv: »Ich denke, Wouvermann.« Der gute, alte Herr prallte ordentlich bei diesem Worte zurück und rief: »Pah, Wouvermanns! Sie haben viel Courage!« Ich ließ mir aber den Muth nicht nehmen, suchte mir ein Bild, aus welchem ich eine Gruppe von zwei Pferden und einer Figur wählte und setzte mich an die Arbeit.

Ich begann auf ganz andere Art, als die anderen Künstler, welche theils zum Studium, theils um aus dem Copiren einen Erwerbszweig zu machen, hier malten. Man sah mir kopfschüttelnd zu, jeder wußte etwas anderes zu tadeln oder zu rathen, alle aber kamen darin überein, daß es eine Unmöglichkeit sei, einen Wouvermann alla prima zu copiren; ich aber malte getrost nach meiner Art und Weise weiter. Endlich wandte ich mich an Dillis, welcher fast täglich durch die Gallerie die Runde machte und da und dort guten Rath ertheilte, wo er glaubte, daß dem betreffenden Künstler zu rathen oder zu helfen sei.

»Herr Inspektor!« redete ich ihn an, »helfen Sie mir doch aus der Noth! Mir wird der Kopf ganz wirre, jeder sagt mir etwas anderes, am Ende wird mir doch bange, alles verkehrt anzugreifen!« – »Lassen Sie die Leute reden,« erwiderte er, »und machen Sie so fort; das Ding wird gut, Sie haben den Meister verstanden, und wenn es gut wird, ist es ganz gleich, wie Sie es gemacht haben, und hätten Sie es auch mit dem Besenstiele statt mit dem Pinsel gemacht; wenn Sie es zudem prima herauskriegen, ist es besser, als wenn Sie so lange daran herumfieseln,6 es kommt mehr Geist hinein!«[33]

Das waren tröstliche Worte. Ob der Satz aber ganz richtig, will ich nicht behaupten; ganz gleichgültig ist es nicht, wie man eine Sache angreift und mit welchen Mitteln man seinen Zweck erreicht. Dillis aber erkannte recht wohl, daß ich bei meinem ernsten Streben bald von selbst auf die rechte Methode kommen werde, zumal ich mir bisher durch eigenes Suchen mühevoll das aneignen mußte, was ich gelernt hatte und mir dabei allerlei Kunstgriffe und Handvortheile erworben hatte, von denen Andere, welche das Malen systematisch erlernt, gar nichts ahnen. Deßhalb erreichte ich damals, was ich wollte, auch auf verkehrtem Wege. In der Gallerie war ich immer der Erste, der kam und der Letzte, der ging. So geschah es eines Abends, als es schon anfing, etwas zu dämmern und ich immer noch an der Staffelei saß, daß ich hinter mir einen Mann mit einem mir widerlichen Gesichte bemerkte, welcher länger verweilte, als sonst gewöhnlich blos Neugierige zu thun pflegen. Zuletzt nahm er gar einen Stuhl, setzte sich hinter mich und schaute mir zu, nahm sodann das Wort und fragte mich: »Verkaufen Sie das Ding?« Ich schaute ihn groß an und sagte: »Ich habe es zu meinem Studium gemacht, um etwas dabei zu lernen und an Verkaufen bisher noch gar nicht gedacht.« – »Ich will es aber kaufen,« sagte er, »wenn es Ihnen feil ist. Was verlangen Sie denn dafür?« – »Lassen Sie es doch erst fertig werden,« bemerkte ich, er aber entgegnete: »Machen wir den Handel ab, sagen Sie, was Sie begehren.« Ich dachte bei mir selbst, wenn das so geht, daß ich die Sachen, welche ich zu meinem Studium mache, verkaufen kann, so ist in München gut durchkommen, und verlangte einen Dukaten. Der Mann zog seine Börse, suchte eine Weile und legte einen schönen Dukaten auf die Staffelei mit den trockenen Worten: »Das Bildchen ist mein« – und ging.

Auch ich packte zusammen und ging vergnügt über meine Handelschaft nach Hause. Unterwegs dachte ich bei mir selbst, wer denn der häßliche Kerl sein könnte, der wohl noch mehr bezahlt hätte als einen Dukaten. Der Mann hatte jedoch etwas Unheimliches für mich.[34]

Oft knüpft sich an einen Zufall eine ganze Kette von Begebenheiten, welche von dem wichtigsten Einfluß für ein ganzes Leben sind, und es ist deßhalb gewiß keine unwichtige Aufgabe, ernstlich darauf bedacht zu sein, die günstigen Augenblicke, welche sich darbieten, erkennen zu lernen und zu benützen, den ungünstigen aber, soviel möglich, aus dem Wege zu gehen.

Eine solche an und für sich unscheinbare Begebenheit war die Handelschaft mit meinem ersten Bildchen in der Gallerie. Kaum war das Gerücht hievon ruchbar geworden, so entstand daselbst unter den Künstlern ein wahrer Lärm; bei Einigen, welche glaubten, ich sei durch einen schmutzigen Mäkler mißbraucht und könnte ferner auf ähnliche Weise übervortheilt werden, war es Theilnahme im besten Sinne, bei Anderen schien aber eine Art Besorgniß vorzuherrschen, daß auf solche Weise die Preise herabgesetzt und die Copien entwerthet würden. Ich nahm mir von diesen Aeußerungen zu Herzen, was ich brauchen konnte, ging aber ruhigen Schrittes den Weg fort, den ich mir vorgezeichnet hatte.

Die Bekanntschaft, welche ich hier mit manchem wackern Künstler machte, kam mir sehr zu gut; ich lernte in kurzer Zeit vieles, besonders in Beziehung auf die technische Behandlung der Oelmalerei; mein Urtheil wurde durch den Austausch der Ansichten geschärft, ich lernte sehen und die Vorzüge dieses und jenes Meisters erkennen.

Es war damals ein recht reges Leben in der Gallerie, das man in unseren Tagen ganz vermißt was mitunter Ursache sein mag, daß man sich von den schönen Vorbildern der Alten zu weit entfernt. Man treibt sich häufig in einer zu naturalistischen Richtung herum und verfällt auf der andern Seite in das entgegengesetzte Extrem einer zu großen Strenge und Trockenheit, welche sich von der Naturwahrheit zu sehr entfernt. Unsere Alten wußten beides oft recht schön zu verbinden.

Unter den Leuten, welche sich hier zusammenfanden, waren auch zwei Künstlerinnen, beide nicht ohne Talent und sehr fleißig. Sie machten sich mit den übrigen Personen, welche[35] hier waren, wenig zu schaffen und ihr ganzes Benehmen zeugte von Bildung und einer sehr guten Erziehung. Ich kannte sie nur vom Sehen und kam nie dazu, ein Wort mit ihnen zu sprechen, suchte auch keine Gelegenheit hiezu; ich wollte nicht unbescheiden erscheinen. Es lag auch in ihrem ganzen Benehmen etwas, das einem jungen Menschen, wie ich damals war, Respekt einflößen konnte und errathen ließ, daß sie jede Zudringlichkeit ferne von sich zu halten wissen.

Eines Morgens war ich wieder wie gewöhnlich sehr frühe in der Gallerie; es wurden erst nach und nach die grünen Vorhänge aufgezogen. Da erschien bald nach mir eine jener Damen, eine Badenserin mit Namen Sophie Reinhardt aus Karlsruhe.

Sie wünschte mir einen guten Morgen, sprach von gleichgültigen Dingen und ging mit mir durch die ganze Gallerie, was ich gewöhnlich that, ehe ich zu arbeiten begann. Wir kamen bis in den letzten Saal, da lenkte sie das Gespräch auf meine Handelschaft. Sie nahm mich auf eine Vertrauen erregende Weise in eine Art Verhör, aus welchem Grunde ich diese schöne Copie um solchen Spottpreis verkauft hätte und wie ich zu der Bekanntschaft mit diesem Menschen gekommen sei, warnte mich ernstlich und sagte: »Sie sind so jung und talentvoll und scheinen mir noch wenig mit dem Treiben in der großen Welt bekannt zu sein; hüten Sie sich vor diesem und ähnlichen Menschen, sie sind gefährlich für junge Leute. Es ist ein Mäkler, der mit allem Geschäfte treibt und er steht nicht in dem besten Rufe. Solche Menschen ziehen gerne junge Leute an sich, besonders wenn sie bemerken, daß diese talentvoll und unerfahren in ihren Manipulationen sind, strecken ihnen wohl auch etwas Geld vor, um ihnen ihre Arbeiten abdrücken zu können, und ehe man sich dessen versieht, ist man an sie gebunden. Schenken Sie mir Ihr Vertrauen und unterrichten Sie mich über Ihre Verhältnisse, ich besitze die Gunst der Königin Karoline und habe Zutritt bei ihr, vielleicht kann ich etwas für Sie thun.« Es leuchtete aus allem hervor, daß sie vermuthete, ich hätte aus Geldverlegenheit meine Arbeit so wohlfeil hergegeben. Ich[36] versicherte sie, daß ich das aus keinem andern Grunde that, als weil ich eben der ersten kleinen Copie, welche ich hier gemacht, keinen höhern Werth beigelegt hatte. Der Mann habe bezahlt, was ich begehrt, mehr könne man ihm nicht zumuthen. Was übrigens eine nähere Bekanntschaft mit diesem Menschen betreffe, werde ich mir ihre Warnungen gewiß zu Herzen nehmen; er habe mir vom ersten Augenblicke an, wo ich ihn gesehen, ohnehin keinen Vertrauen erregenden Eindruck gemacht. Ich dankte ihr so verbindlich, als ich konnte, für ihre Theilnahme und sagte, daß ich für das, was ich vielleicht für meine Arbeit zu wenig erhalten habe, mich jetzt schon reichlich dadurch entschädigt sehe, daß diese Veranlassung mir das Vergnügen, eine so achtbare Dame kennen zu lernen, verschafft habe.

In der That war von diesem Augenblick an die Bekanntschaft nicht allein mit dieser, sondern auch mit ihrer ebenso achtungswerthen Freundin gemacht, denn beide wohnten zusammen und lebten in einem wahrhaft schwesterlich schönen Verhältniß.

Bald entspann sich mit diesen beiden sehr gebildeten Wesen ein zartes, freundschaftliches Verhältniß, welches sich immer in den strengen Grenzen des Anstandes und der Sitte hielt und auf mein ganzes Leben, Thun und Treiben einen höchst günstigen Einfluß übte.

Nichts ist wohl geeigneter, auf die Entwickelung eines jungen Mannes in dem Alter, in welchem ich damals war, günstig einzuwirken, als gerade ein solcher Umgang.

Sichern Schrittes ging ich über den glatten Boden weg, auf welchem junge Leute in dieser gefährlichen Lebensperiode, besonders mit einem so heißen Blute, wie das meinige war, straucheln und auch oft so fallen, daß sie sich für ihr ganzes Leben nie mehr zu jener moralischen Kraft aufschwingen können, welche allein geeignet ist, den Menschen über alle Schicksale und Widerwärtigkeiten dieses unvollkommenen irdischen Daseins zu erheben.

Um das Verhältniß, in welchem ich zu diesen zwei Damen stand, etwas klar zu machen und meine Tugend nicht zu schwer[37] in die Wagschale zu legen, dürfte es am Platze sein, die beiden Charaktere etwas zu bezeichnen.

Sophie Reinhardt7 war die Tochter eines würdigen und sehr geachteten Staatsbeamten in Karlsruhe. Bei einem hellen Verstande hatte sie sehr viel Witz, welcher leicht in bittere Wahrheiten überging, die aber verständige Menschen nicht verletzen konnten, weil es wirklich Wahrheiten waren; auch wurden sie immer bald wieder durch ihr treffliches Gemüth und eine ihr eigenthümliche Ruhe ausgeglichen. Ohne gerade schön zu sein, hatte sie ein angenehmes Aeußere, ein gewisser ironischer Zug schwebte fast immer um ihren Mund und kleidete sie gut.

Mit diesen Eigenschaften, verbunden mit der großen Achtung, welche ich vor ihr hatte, verschaffte sie sich bald, und nicht zu meinem Nachtheil, einen bedeutenden Einfluß auf mich. Nicht umsonst hatte sie mich, als ich sie in der Gallerie zum erstenmale sprach, ersucht, ihr mein Vertrauen zu schenken, dieses wurde auch nach und nach so groß, daß ich ihr über die kleinste meiner Handlungen Rechenschaft ablegte.

Ihre Freundin, welche wir hier einfach Marie8 nennen[38] wollen, war die Tochter eines Malers aus dem Fränkischen. Sie hatte nicht jene Weltbildung wie Sophie Reinhardt, aber feine Sitten und Anstand waren ihr deßhalb nicht fremd geblieben, und was eine gute Erziehung nicht gethan, hatte die Natur ersetzt; an Edelmuth und zartem Gefühle, sowie an weiblicher Tugend stand sie den Besten ihres Geschlechtes nicht nach. Sie besaß mehr körperliche Reize als ihre Freundin. Ein großes, offenes und feuriges Auge zeugte von einer großen Tiefe des Gemüthes und von Leidenschaftlichkeit, welche sich aber nie nach außen anders verrieth, als daß bei dem kleinsten Anlasse ihr Gesicht eine glühende Röthe überflog. Ihre schöne, freie Stirne umfloß das prachtvollste Haar, welches ich jemals sah; es war ein helles Braun mit vollkommenem Goldschimmer, fein wie Seide und so lang und dicht, daß sie sich wie in einen Mantel ganz darin einhüllen konnte. Sie war mir ebenso freundschaftlich zugethan, wie die Reinhardt, vielleicht etwas mehr, als für ihre eigene Ruhe gut war, was sich erst ein paar Jahre später kund gegeben hat.

Ich verlebte während meines damaligen Aufenthaltes in München den größten Theil meiner Abendstunden in dieser liebenswürdigen Gesellschaft, Stunden, welche mir bis an das Ende meiner Tage unvergeßlich und in dankbarer Erinnerung bleiben werden.

Durch meine Freundin Geiger wurde ich in dem Hause des Grafen Froberg-Montjoye,9 in welchem sie Zutritt[39] hatte und von der ganzen, zahlreichen Familie sehr gerne gesehen war, eingeführt. An diese neue Bekanntschaft aber knüpft sich eine ganze Reihe von Begebenheiten in meiner künstlerischen Laufbahn, ich möchte fast sagen, alle Fäden meines künftigen Geschickes laufen in diesem einen Punkte zusammen.

Bis zu diesem Augenblicke hatte ich mich durch Fleiß, Anstrengungen und gute Freunde mit vielem Glücke durch alle Hindernisse gearbeitet, die sich mir in den Weg gestellt. Hier aber fand ich nun einen wahren Mäcen, der mir den Weg zu einem leichtern und schnellern Emporkommen bahnte.

Froberg war aus dem Elsaß gebürtig und nannte sich nach seiner dortigen Besitzung Montjoye, ein Mann von großer, kräftiger Gestalt. In seinem Wesen lag etwas Imponirendes, in seiner Denkart etwas Ritterliches und Edles. Er brauste leicht auf, war aber bald wieder gut, denn er besaß das beste Herz der Welt. König Maximilian, der ihn schon im Elsaß kennen gelernt, war ihm sehr gewogen und sah ihn gerne um sich. Froberg bekleidete die Charge eines Obersten und Flügeladjutanten des Königs, er war auch ein guter, kühner Reiter.

In seinem Hause fand ich dieselbe liebevolle Aufnahme, welche mir bisher fast überall zu Theil geworden. Ich wurde darin ganz heimisch, fand fast immer bei Tische ein Couvert für mich, hütete mich aber wohl, hievon Mißbrauch zu machen. So ergab sich für mich die Gelegenheit, mit Leuten aus der höhern Gesellschaft und mit Adeligen in Berührung zu kommen, wodurch ich mich auch in diesen Kreisen bewegen lernte.

Beschäftigung als Künstler konnte mir Froberg nicht geben, sorgte aber dafür, daß ich diese anderswo fand. Er war nicht reich, hatte jedoch ein schönes Einkommen, führte ein anständiges Haus, besaß einen schönen Stall und viele Dienerschaft.

Vor allem machte er mich mit dem königl. Oberststallmeister Baron von Kesling10 bekannt. Dieser Herr, welcher zu[40] den bedeutendsten Persönlichkeiten des Hofes gehörte, war von großem Einflusse, da der König ihn ganz besonders liebte und ihm großes Vertrauen schenkte. Kesling, ein ganz feiner Hofmann von den liebenswürdigsten Manieren, war der beste Reiter seiner Zeit. Er hatte sich in der guten Schule von Versailles in der höhern Reitkunst ausgebildet, wobei ihm seine schöne, schlanke, ganz für einen Reiter gebaute Gestalt und seine Kenntnisse sehr zu Statten kamen.

Durch Froberg bei ihm aufs wärmste empfohlen, gelang es mir bald, dessen Gunst zu erwerben. Ich hatte schon einige Pferdekenntniß, was ihn freute, und erhielt von ihm bald die Erlaubniß, mir Pferde aus dem königl. Marstalle in den Nachmittagsstunden in die Reitschule bringen zu lassen und darnach zu studiren. Später wurde mir auch der Auftrag, einige derselben für den König zu malen, welcher diese Gemälde nachher dem Oberststallmeister zum Geschenke machte.

Zu meiner größten Freude bekam ich in der königl. Reitschule auch gründlichen Unterricht im Reiten, wobei ich mich sehr bald gut anließ und mir die Gunst meiner Lehrer erwarb, denn meine Leidenschaft für Pferde und Reiterei wuchs mit jedem Tage. Die Reitschule war damals unter Kesling und dem Vater Valentin Schreiner mit seinen zwei tüchtigen Söhnen ein vortreffliches Institut, vielleicht das erste in Deutschland. Später konnte sie sich nie mehr zu diesem Glanze erheben. Die Reitschule war nun nach der Gallerie für mich der wichtigste Ort; ich brachte viele Zeit dort zu und zeichnete fleißig, während geritten wurde.

Es wurde früher des Bildes erwähnt, welches ich 1807 in Augsburg für die Brüder Zweibrücken malte. Dieses Bild zeigte Baron Christian von Zweibrücken dem Könige Max,[41] welcher Wohlgefallen daran fand, und Zweibrücken benützte sofort diese günstige Gelegenheit und bat den König, etwas für mich zu thun. »Gut,« sagte dieser, »da ist eben eine Künstlerpension von 600 Gulden frei geworden, die will ich ihm geben!« Zweibrücken eilte voll Freude zu mir, um mir hievon Mittheilung zu machen und zu gratuliren. Ich dankte ihm verbindlichst für diesen neuen Beweis seines Wohlwollens. Später kam auch der Galleriediener zu mir, welcher jenes Bild zum Könige gebracht und seine Aeußerung mit angehört, um seinen Glückswunsch abzustatten. Man sah es als eine abgemachte Sache an.

Es vergingen mehrere Monate, ohne daß ich weiter etwas von dieser Pension hörte. Eines Tages besuchte mich Zweibrücken in meinem kleinen Atelier, fragte, wie es gehe und ob ich schon im Bezug derselben wäre. Ich verneinte es. »Das ist sonderbar,« bemerkte er, »ist denn keine Antwort auf Ihre Eingabe erfolgt?« – »Welche Eingabe?« – »Ja,« sagte er mit einigem Erstaunen, »haben Sie denn keine Eingabe an den König gemacht, in der Sie ihn um eine Unterstützung bitten?« – »Nein!« – »Und warum denn nicht?« – »Ich hielt es für eine abgemachte Sache, und eigentlich so recht beim Licht betrachtet, will es mir fast scheinen, als hätte ich den König ein wenig belügen müssen, denn ich bin ja nicht so arm, daß ich einer Unterstützung bedarf.« – »O Künstler, Künstler! was seid ihr für unpraktische Leute! Gott weiß, wo inzwischen dieses Geld hingekommen ist, da sind vielleicht ein paar Dutzend Bittschriften bei Minister Montgelas eingegangen, und die Pension ist längst vergeben oder vertheilt.« – »Trösten wir uns damit, daß es vielleicht ein Aermerer bekommen, als ich bin,« antwortete ich. »Vielleicht auch ein viel Unwürdigerer, als Sie sind!« In dieser Antwort lag eine Wahrheit. Eine lange Erfahrung hat gelehrt, daß aus einem großen Theile solcher Pensionäre, denen man auf diese Weise emporhelfen will, nichts wird, als privilegirte Müßiggänger. Selbst der herzensgute König Max kam in späteren Jahren dahin, daß er keine Künstlerpensionen, oder doch nur höchst selten, verlieh, wohl[42] aber solchen Künstlern, welche Talent verriethen und etwas leisteten, ihre Werke abkaufte oder dieselben beschäftigte, was am Ende doch die beste Pflege der Kunst ist.

Zweibrücken schied diesmal etwas unzufrieden von mir, war mir aber wegen dieses Ereignisses nicht weniger zugethan als zuvor.

Mein Benehmen in dieser Sache könnte mir leicht als eine Art von Stolz am ungeeigneten Platze angerechnet werden, das aber war ferne von mir. Hätte man mich auf die Schritte aufmerksam gemacht, um die Pension zu erlangen, so hätte ich sie gewiß gethan. Daß ich jene aber nicht erhielt, bereitete mir auch nicht eine trübe Stunde. Ich hatte bisher schon ein solches Bewußtsein meiner Kraft, eine solche Furchtlosigkeit vor der Zukunft erlangt, daß ich ebenso heiter und in meinem Innern glücklich war wie vor her.

Damals und so lange mein Aufenthalt in München währte, wohnte ich in einem aus Riegelwänden erbauten Gartenhäuschen, das nach drei Himmelsgegenden Fenster hatte. Ein aus leichten Brettern gezimmertes Stiegenhaus, bei welchem durch viele Spalten der Wind hereinblies, war mein Schlafgemach, in dem ich, um ein reines Zimmer zum Malen zu haben, Sommer und Winter, selbst bei der strengsten Kälte schlief.

Zur Befriedigung der nöthigen Lebensbedürfnisse brauchte ich sammt meinem Gesellschafter, einem treuen Pudel, die Hausmiethe nicht mit eingerechnet, täglich 24 Kreuzer. Dabei war ich so gesund, sah so blühend aus und hatte eine solche Heiterkeit des Gemüthes, daß sie oft bis zum Muthwillen überging und meine Freunde oftmals sagten: »Wir wollen nur sehen, wenn du einmal gescheit wirst.«

Auf solche Weise verlebte ich in München unbeschreiblich glückliche Tage. Bei den wenigen Bedürfnissen für meinen Unterhalt dünkte ich mich reich, und ich hätte eine entschiedene Lüge begehen müssen, um dem Könige zu sagen: »Ich bitte Ew. Majestät allerunterthänigst um eine Unterstützung, ich bin arm!«

An den Winterabenden zeichnete ich mit auf der Akademie,[43] versuchte mich bisweilen in Compositionen und malte einige kleine Bilder; ein ausgeführtes Bild machte ich von der Familie des Grafen Froberg. Einen großen Theil meiner Zeit nahm immer das Studium der Pferde in Anspruch, zu welchem sich mir in München eine so günstige Gelegenheit darbot.

Als im Herbste 1808 ein großes Lager bayerischer Truppen bei Augsburg zusammengezogen wurde, begab ich mich sogleich dorthin, erneuerte meine alten, mir so lieb gewordenen Bekanntschaften und zeichnete viel.

Ich war wieder recht in meinem Elemente unter dem Militär, besonders unter dem Regiment König. Trotzdem hatte ich aber an meinen Verhältnissen in München und dem dort herrschenden Kunstleben solchen Geschmack gefunden, daß ich nach Beendigung des Lagers gleich wieder dorthin zurückkehrte.

Eine große Leere war inzwischen zu München in meiner Umgebung entstanden; ich hatte meine beiden mir so lieb gewordenen Freundinnen verloren, nachdem ich noch zuvor im Sommer in der königlichen Gallerie zu Schleißheim mehrere Wochen in ihrem Umgange angenehm verlebt hatte.

Marie Geiger hatte in Wien einen reichen Onkel, welcher zwar kinderlos war, aber sich bisher wenig oder gar nicht um die Familie seines minder bemittelten Bruders bekümmerte. Durch einen Zufall erfuhr er viel Vortheilhaftes von seiner Nichte, welche in München studirte und mit einer Staatspension von 600 Gulden lebte.

Er schickte ihr schon zu Weihnachten einen werthvollen Pelzmantel nebst einigen anderen kleinen Geschenken als Zeichen seiner wohlwollenden Gesinnung, lud sie ein, zu ihm nach Wien zu kommen, und versprach, sie an Kindesstatt zu adoptiren. Sie folgte dieser Einladung und reiste acht Monate später, von ihrer treuen Freundin Reinhardt begleitet, welche sich nicht von ihr trennen wollte, dahin ab.

Ich fühlte, daß ich viel verlor, und trennte mich hart von ihnen. Das Lager bei Augsburg, welches bald darauf folgte, nahm mich glücklicherweise so sehr in Anspruch, daß ich mich[44] leichter in die Trennung fand, als wenn ich in München geblieben wäre.

Bei meiner Rückkehr von Augsburg brachte ich die längeren Abendstunden hier in Gesellschaft von ein paar wackeren Freunden zu, denn Wirthshausleben war nie meine Sache, und nur ausnahmsweise verlebte ich bisweilen einen Abend in Gesellschaft von Künstlern in einem Gasthause. So verging der Winter, bis das verhängnißvolle Jahr 1809 herankam.

1

Johann Lorenz Rugendas (der Vater des durch seine Reisen bekannten Johann Moriz Rugendas, geb. 20. März 1802 zu Augsburg, gest. 29. Mai 1858 zu Weilheim), geb. 1775 zu Augsburg gest. das. 1826 als Prof. der Kunstschule und Direktor der Zeichnungsschule.

2

Dult = Jahrmarkt, Messe, Fest; schon bei Ulfila. Goth. duld; alth.: tuld; mhd.: dult. Vgl. Schmeller 1872, I. 502. 603.

3

Johann Christian von Mannlich, Maler und Galleriedirektor, geb. 1740 zu Straßburg, gest. 3. Januar 1822 zu München. Vgl. Nagler, Künstler-Lexicon 1839, VIII. 243. XVI. 258 ff. und Liliencron's Allg. Deutsche Biographie 1884, XX. 207.

4

Jos. Georg von Dillis, geb. 26. Februar 1759 zu Grüngiebing (Landgericht Haag), nachmals Centralgallerie-Direktor zu München, gest. 28. September 1841. Vgl. Andresen, Die deutschen Maler-Radirer des XIX. Jahrhunderts. Leipzig 1870, IV. 137–200 und Marggraff in Liliencron's Allg. Deutsche Biographie 1877, V. 226 ff.

5

Franz Brulliot, geb. 1739 zu Mannheim, Professor an der Düsseldorfer Akademie und Inspektor seit 1805 in gleicher Stellung zu München, starb 1827. Vgl. W. Schmidt in Liliencron's Allg. Deutsche Biographie 1876, III. 419.

6

Fieseln, d.h. kleine Bewegung machen mit dem Munde oder den Zähnen; nagen. Schmeller, Bayer. Wörterbuch 1872, I. 767.

7

Sophie Reinhardt, eine höchst anmuthende Erscheinung und vielseitig gebildete Künstlerin, deren Werke als Schöpfungen eines zarten, tiefen Gemüthes betrachtet werden müssen, wurde 1775 (1778), zu Karlsruhe geboren, bildete sich unter dem Galleriedirektor Becker, übte sich in vielen Copien und begann dann in eigenen Compositionen ihr reiches Talent zu üben. Im Jahre 1808 ging sie nach Oesterreich und Ungarn, bereiste 1810 Italien, kehrte hierauf nach Karlsruhe zurück, wo sie 1843 starb. In allen ihren Bildern ist feines Gefühl, wahre Einfachheit und Natur. Sie lieferte religiöse Darstellungen, historische Bilder (Konradin von Schwaben), besonders aus der badischen Geschichte (Markgräfin Anna von Baden, an Arme Speise vertheilend), Landschaften (Ruth), Scenen aus dem Gebiete der Romantik (Tasso's Tod), des italienischen (Pifferari 1830) und deutschen Volkslebens, worunter besonders zwölf Radirungen zu Hebels alemannischen Gedichten erwähnt zu werden verdienen. Besonders glücklich bewegte sie sich im Kreise zarter Weiblichkeit. Vgl. Hormayr's Archiv vom 17. Februar 1823, S. 116. Nagler 1842, XII. 397. Wurzbach 1873, XXV. 214. Seubert 1879, III. 127.

8

Später nennt unser Autor auch ihren Familiennamen. Maria (Margaretha) Geiger wurde als die Tochter des Malers Conrad Geiger (1751–1810) zu Schweinfurt geboren, war erst Schülerin ihres Vaters, nahm sich dann van der Werff zum Muster, bis sie in München Gelegenheit fand, auf der Gallerie auch andere Meister zu studiren. Im Jahre 1809 begab sie sich (mit Sophie Reinhardt) nach Wien zu einem reichen Oheim, starb aber daselbst schon am 4. Oktober desselben Jahres am Typhus. Vgl. Nagler 1837, V. 64. Wir werden dieser edlen, reinen und höchst liebenswürdigen Künstlerin im Laufe von Adam's Autobiographie noch öfter begegnen.

9

Johann Nepomuk Simon Reichsgraf Froberg-Montjoye, königl. bayerischer Kämmerer, General-Major und General-Adjutant des Königs Max Joseph I., starb 7. Februar 1814.

10

Karl Ludwig Philipp, Freiherr Kesling von Bergen, geb. 26. August 1763, gest. 4. Januar 1843 zu München, königl. bayerischer Kämmerer, wirklicher Geheimerath und Oberststallmeister. Der edle, feingebildete Herr hatte auch Ludwig Schwanthalers Talent erkannt und ihm die Wege geebnet. – Sein nach Halbig's Modell von F. von Miller gegossenes lebensgroßes Standbild befindet sich unter den Arkaden des südlichen (alten) Kirchhofes zu München.

Quelle:
Adam, Albrecht: Aus dem Leben eines Schlachtenmalers. Stuttgart 1886, S. 30-46.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Agrippina. Trauerspiel

Agrippina. Trauerspiel

Im Kampf um die Macht in Rom ist jedes Mittel recht: Intrige, Betrug und Inzest. Schließlich läßt Nero seine Mutter Agrippina erschlagen und ihren zuckenden Körper mit Messern durchbohren. Neben Epicharis ist Agrippina das zweite Nero-Drama Daniel Casper von Lohensteins.

142 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon