Eine neue ergebnislose Italienreise

[121] Ein Zeichen, daß Graf Usedom damals wenigstens die Absicht hatte, zu einem erträglichen Verhältnis mit seinen Direktoren zu kommen, war auch seine Aufforderung, ihm über die Chancen zu größeren Erwerbungen, die sich mir auf meiner letzten Reise nach Italien geboten hatten, ausführlichen Bericht zu erstatten. Auf diesen Bericht hin erhielten dann Meyer und ich im Herbst die Aufforderung zu einer neuen Reise nach Italien, um jene Erwerbungen mit allen Mitteln[121] zu betreiben. Über Mailand und Brescia, wo wir noch einmal die schönen Bildnisse von Moretto und Moroni in der Sammlung Fenaroli prüften, gingen wir nach Florenz und Rom und über Florenz und Venedig zurück.

In Florenz machten wir damals die Bekanntschaft eines Künstlers in mittlerem Alter, Stefano Bardini, der ein bescheidenes Atelier im Palazzo Canigiani neben dem Maler und Antiquar Tricca, dessen Vermittlung wir den Signorelli verdankten, innehatte. Er besaß selbst nur ein paar Waffen und einige treffliche kleine Bronzen (darunter den Kampf eines Negers zu Pferde mit einem Löwen und den kleinen Herkules, beide von Bertoldo), deren Ankauf aber Graf Usedom ablehnte. Diese Sachen zeigten zur Genüge, daß Bar dini einen ungewöhnlichen Geschmack besaß. Was er uns dann als käuflich in Aussicht stellte, bestätigte dies. Abgesehen von der Galerie Torregiani, für die aber damals der Besitzer noch keine Forderung machen wollte, waren es namentlich verschiedene wertvolle Renaissancebildwerke, auf die er mich aufmerksam machte, freilich ohne daß es gleich zu einem Ankauf kam. In einer alten Mediceervilla bei Pontedera hatte er das interessante Marmorrelief der Madonna mit dem Kind und einem anbetenden Engel in einem prächtigen Tabernakel mit Bronzesäulen zur Seite aus der Werkstatt Verrocchios entdeckt, dessen Erwerbung er um etwa 16000 Lire für möglich hielt. Ich gab ihm Auftrag, darauf wie auf die bemalte Stuckbüste des sogenannten Palla Rucellai im Palazzo Rucellai und auf die Tonbüste Donatellos im Palazzo Capponi bei günstiger Gelegenheit zu unterhandeln. Auf der Fahrt nach Pontedera hatte er mir auch noch Rossellinos köstlichen Sebastiansaltar in der Collegiata zu Empoli als Privateigentum und gelegentlich käuflich bezeichnet. Über alles das berichtete ich an Graf Usedom, ohne jedoch Antwort zu erhalten. Sonst kaufte ich (um 3000 Lire) nur eine frühe Arbeit von Andrea della Robbia, einen Brunnenputto in fast Lebensgröße, ein kleines »Manneke«, von der vollen Frische seiner frühesten, unter Verrocchios Einfluß ausgeführten Arbeiten,[122] sowie (um 8500 Lire) ein klei nes, von Fra Angelico bemaltes Ciborium mit singenden und spielenden Engeln. Letzteres hat Meyer leider bald darauf dem Verkäufer, dem Maler Tricca, weil es unter unseren Bildern sich nicht gut ausnehme, wieder zurückgegeben, worauf es Graf Gregor Stroganow um einen wesentlich höheren Preis erwarb.

Da wir in Florenz nicht länger unnütz auf Antwort vom Generaldirektor warten wollten, fuhren wir weiter nach Rom, namentlich um zum Abschluß der Unterhandlungen über einige der besten Bilder aus der Sammlung des Marchese Patrizi zu kommen, die wir schon seit 1873 zu erwerben suchten. Durch unseren römischen Unterhändler gelang es, das Rundbild der Begegnung der Maria mit Elisabeth von Signorelli sowie zwei sehr ansprechende Porträts unter dem Namen Raphael (wahrscheinlich Franciabigio) und Sebastiano del Piombo (wahrscheinlich vielmehr Salviati) um zusammen 80000 francs anzukaufen.

In Rom ersuchte mich unser Gesandter, Herr von Keudell, um die Besichtigung einer Sammlung alter Elfenbeinbildwerke im Besitze des Conte Possenti in Fabriano, auf die er seit längerer Zeit schon Graf Usedom aufmerksam gemacht habe. Ich erfuhr in Fabriano vom Besitzer, daß er dem Grafen die Sammlung bereits vor Jahresfrist angeboten und sogar den Handkatalog mitgesandt habe, aber auf alles Drängen nie eine Antwort bekommen habe. Leider wollte er da mals von einer Auswahl aus der durch viele Fälschungen und geringe Stücke entstellten Sammlung nichts wissen. Als ich mich bald darauf wieder danach umsah, waren alle wirklich wertvollen Stücke, namentlich die altchristlichen und byzantinischen Tafeln, schon durch einen Händler erworben und an Graf Stroganow, Spitzer u.a. weiterverkauft.

Da wir auch für die Patrizi-Bilder keine Entscheidung vom Grafen Usedom erhalten konnten, schlossen wir den Kauf auf Ermächtigung des Ministers und des Protektors ohne ihn ab. Kurz vorher hatte der Graf beides, auch den Ankauf verschiedener hervorragender kleiner Gobelins, die ich in Florenz und[123] Mailand gefunden hatte, als »Sache des Gewerbe-Museums« (das damals Preise von einigen tausend Mark noch nicht anzulegen wagte), abgelehnt, obgleich wir unmittelbar vorher auf seine Veranlassung über den Ankauf einer sehr teuren, aber gewöhnlichen Sorte von Gobelins hatten verhandeln müssen. Jene Teppiche waren ein paar kleine Seidenwebereien, nach Kompositionen von G. David oder einem ähnlichen Niederländer um 1500, sowie aus etwas früherer Zeit eine Pietà, offenbar von Cosma Tura (jetzt in der Lenbach-Sammlung) und eine Madonna mit Heiligen unter einem Baldachin, die ich für H. Vieweg erwarb. Gerade diese Stücke schienen mir von hervorragendem Interesse, weil ich daraus nachweisen zu können glaubte, daß bereits im 15. Jahrhundert, was seither urkundlich beglaubigt ist, an verschiedenen Stellen Italiens Gobelinfabriken bestanden. Auch die Bordüren dieser Teppiche, wie die Stilisierung der Pflanzen und Tiere – bei den Bordüren, deren ich damals verschiedene ganz billige für das Kunstgewerbe-Museum und für Bekannte kaufte – schienen mir für meine Annahme zu sprechen.

Auf diesen ersten italienischen Reisen fand ich auch hier und da in Kirchen und in Künstlerateliers orientalische Teppiche, deren Übereinstimmung mit den auf Gemälden vorkommenden Teppichen mir auffiel. Ich machte Händler darauf aufmerksam und konnte für mich und für das Kunstgewerbe-Museum einige gute Stücke (selbst große Teppiche um 100 bis 150 Lire) erwerben. Daß sie mir schon bei meinem ersten Besuch von Italien im Frühjahr 1871 in die Augen gefallen waren, hat mir viele Jahre später Herr von Angeli ins Gedächtnis gerufen, als ich ihn bei der Begründung unserer vorderasiatischen Kunstabteilung 1904 um Abtretung seines prächtigen vorderasiatischen Gebetsteppichs mit dem großen Wolkenband in der Mitte bat. Er hatte ihn seinem Sohne geschenkt, verschaffte ihn mir aber von dessen Witwe um 1000 Kronen. Ich erkundigte mich nach der Herkunft des Teppichs, worauf er mir antwortete, die Herkunft sollte ich eigentlich am besten kennen. Ich hätte ihm ja den Teppich in[124] Venedig für 35 Lire erworben, als wir dort im Frühjahr 1871 zusammen gewesen seien.

Auf der Rückreise über Venedig gelang uns noch der Kauf eines Bildes, dessen schließlicher Verlust einer der schmerzlichsten für unsere Galerie gewesen ist. Wir erwarben aus der Galerie Manfrin das letzte bedeutende und zugleich das bedeutendste Bild, die sogenannte Familie Giorgiones, für den Preis von 27000 Lire. In dem Kaufvertrag hatte Meyer ausgemacht, daß die Summe dafür bis zu einem bestimmten Datum – ich glaube acht Wochen nach Abschluß des Kontraktes – gezahlt werden müsse. Sonderbarerweise hatte er, statt sofort eine Anzahlung zu machen und das Bild gleich zu übernehmen, diese Bedingung gestellt, um Graf Usedom, dessen unerhört rücksichtsloses Benehmen gerade während dieser Reise ihn aufs höchste erbittert hatte, eine Falle zu stellen. Wenn er den Zahlungstermin versäume, so würde ihn der Verlust eines so berühmten Bildes sicher die Stellung kosten. Den Termin hat Graf Usedom dann in der Tat verbummelt, aber seine Stellung hat es ihn trotz aller Beschwerden nicht gekostet. Das einzige Resultat war, daß uns das herrliche Bild entgangen ist, und daß eine solche Lücke in unserer Galerie künftig nie mehr ausgefüllt werden kann. Freilich spielte dabei noch eine besondere Intrige mit. Von unserem Kauf hatte Giovanni Morelli unter der Hand erfahren, der sofort Schritte tat, um das Bild für Italien zu retten. Er gewann den reichen Principe Giovanelli als Käufer, setzte sich dann mit den Erben Manfrin und mit unserem Bankier, einem Italiener, in Verbindung, und dieser richtete es so ein, daß die Zahlung, die Graf Usedom endlich am letzten Tage angeordnet hatte, eine Stunde nach Ablauf der Frist gemacht wurde!

Während Meyer die Unterhandlungen noch führte, war ich über München nach Berlin vorausgefahren. In Italien war es noch warm gewesen, aber schon auf dem Brenner lag Schnee und in München begann der Frost, der rasch zunahm, je weiter wir nach Norden kamen. Ich hatte nur einen Sommeranzug und Sommerpaletots, günstigerweise wenigstens zwei, bei mir.[125] Hinter Hof blieben wir im Schnee stecken und mußten 6 oder 7 Stunden warten, bis uns ein Bummelzug mit Wagen dritter Klasse und ohne jede Heizung erlöste. Bei einer Kälte von über 200 R auf dieser mehr als 24stündigen Fahrt habe ich erfahren, was Kälte heißt. Geschadet hat sie mir bis Berlin übrigens nicht.

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 1. Band. Berlin 1930, S. 121-126.
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