Wieder in Italien

[112] Aus allen diesen Arbeiten, Nöten und Sorgen wurde ich endlich auf kurze Zeit herausgerissen durch einen Auftrag des Ministers, der mir Anfang April – über den Kopf des Grafen Usedom hinweg, dem längst sein eigener Lieblingsplan verleidet war – einen Urlaub zu einer Dienstreise nach Italien[112] erteilte, um zusammen mit den Bildhauern Sußmann-Hellborn und Robert Cauer in den Hauptorten alle Abmachungen mit den Formern zur Herstellung guter Formen nach Hauptwerken des Mittelalters und der Renaissance zu treffen. Der Kronprinz teilte mir, als ich mich bei ihm verabschiedete, noch vertraulich mit, daß wir uns in Italien sehen würden.

Diese Reise war in der Tat das, was ich von ihr erwartete: ein Erfolg nach jeder Richtung. In Rom, wohin ich mich direkt begab, traf ich Sußmann-Hellborn und den während einer Hälfte des Jahres in Rom ansässigen R. Cauer, die beide neben mir der Kommission zur Überwachung der Abformungen in Italien angehörten. Ich habe damals in Rom (hier noch zusammen mit Professor Sußmann), Siena, Florenz und Venedig, später in Mailand und einigen kleineren Städten, wie Pisa, Pistoja, Orvieto und Padua, alle Vorbereitungen zu den Abformungen durch definitive Wahl der Bildwerke, Auswahl der Former und Verhandlungen mit dem Unterrichtsminister Bonghi und lokalen Behörden erledigt. Die Kontrakte mit den Formern und die Überwachung der Abformungen war Sache der Gebrüder Cauer, die abwechselnd ihren Aufenthalt in Rom hatten.

In Rom traf ich alte Freunde. Rudolf Henneberg war seit Jahresfrist dort und hatte sich mit seiner älteren, gleichfalls unverheirateten Schwester, die ganz in seinen Interessen aufging und für ihn lebte, ein behagliches Heim eingerichtet, wo ich täglicher Gast war. Ein paar Tage darauf fand sich unerwartet ein zweiter Landsmann als Gast ein, Heinrich Vieweg, der von Jagden im Somaliland zurückkehrte. Mit beiden zusammen machten wir, sobald wir nicht anders beschäftigt waren, Ausflüge in die Umgebung Roms und Streifzüge durch die Kirchen und Sammlungen der Stadt. In einer der Kirchen begegnete mir zufällig Jacob Burckhardt, der seit Jahrzehnten zum erstenmal wieder nach Rom kam. Wir waren seitdem wiederholt hier und später in Florenz tagelang zusammen, und ich genoß mit vollen Zügen seine liebenswürdige, äußerst anregende Gesellschaft und Belehrung. Die Monumente damals[113] mit ihm studieren zu dürfen, war mir doppelt wertvoll, da mich Burckhardt schon bei einem Aufenthalt in Basel im Herbst des vorausgehenden Jahres gebeten hatte, die weiteren Auflagen des »Ci cerone« zu übernehmen.

Von Rom aus machten Henneberg, Sußmann und Vieweg mit mir einen zweitägigen Ausflug nach Orvieto. Am 22. April waren wir in Florenz, dem Mittelpunkt meiner damaligen Aufgabe, die mir dadurch erleichtert wurde, daß hier bereits ein erfahrener Former vorhanden war. Der Mann hatte jahrelang für das South Kensington Museum gearbeitet und kannte auch Mittel und Wege, die Erlaubnis zu den Abformungen zu bekommen. Ich suchte die alten Freunde, Liphart und Fiedler, auf und lief mit ihnen die Händler ab, die nach unseren Ankäufen 1873 auf das Berliner Museum in erster Linie spekulierten. Doch war wie in Rom so auch hier nichts Hervorragendes an Bildern zu haben. Ich sah mir, wie dort die Sammlung Patrizi, so hier namentlich die Sammlung Torregiani an, die als gelegentlich verkäuflich bezeichnet wurden.

Bessere Aussichten schienen sich für Renaissanceskulpturen zu bieten. Gleich bei meinem ersten Aufenthalt in Italien hatte ich für die Plastik der Renaissance und Protorenaissance eine besondere Vorliebe gefaßt. Die Vorarbeiten behufs Abformung der Meisterwerke der Plastik dieser Zeit wie die Durcharbeitung des »Cicerone« für die 3. Auflage hatten mich zu gründlicheren Studien nach derselben Richtung geführt und meine Begeisterung für diese Kunst noch gesteigert. Je mehr ich mich dann im Kunsthandel umsah, um so mehr überzeugte ich mich, daß von den Bildwerken dieser Zeit noch eine nicht unbeträchtliche Zahl im Privatbesitz war, und daß sie, da sie damals noch wenig gesucht waren, Preise erreichten, die gelegentlich nicht sehr viel höher waren als die Formen, die ich danach herstellen lassen mußte. Ich richtete daher auf die Erwerbung solcher Originale mein besonderes Augenmerk und hielt mich dazu voll berechtigt, da mir ja, neben den Gemälden, zugleich die Sorge für die Plastik der christlichen Epoche übertragen war.[114]

Ich sollte zunächst wenig Glück damit haben. In Siena und Florenz hatte ich ein paar bemalte Stucchi erworben, deren Aufnahme in unsere Sammlungen Graf Usedom aber kurzweg verweigerte. Die Stucchi seien Abgüsse, gehörten also nicht unter die Originale, und da sie bemalt seien, dürften sie auch nicht in die Abgußsammlung aufgenommen werden, so lautete sein Ukas. Ähnlich erging es mir mit den ersten Kleinbronzen, die ich von dieser Reise mitbrachte. Das seien Spielereien für die Wohnungen jüdischer Liebhaber, meinte er. Nur ein Exemplar des Reiters von Riccio fand Gnade vor seinen Augen, weil es schon eine gewisse Größe hatte. Ich mußte also diese Erwerbungen bei Bekannten unterbringen, was bei ihrer Billigkeit – die Stucchi hatten 25 Lire das Stück gekostet – nicht sehr schwierig war. Wie wenig Verständnis man aber damals selbst in kunstsinnigen Kreisen Berlins für den malerischen Reiz solcher bemalter Stuckreliefs hatte, beweist der Umstand, daß ein Kollege, der eines dieser Reliefs übernahm, die feine alte Bemalung abkratzen und durch neue Farben nach seiner Wahl ersetzen ließ.

In Florenz fand ich bei dem Antiquar Riblet, bei dem ich schon 1873 die stattliche Porträtbüste des Malers Carlo Maratti von Francesco Maratti um 1500 Lire erworben hatte, die Marmorbüste eines Christus unter dem Namen Mino; sie sollte 5000 Lire kosten. Da ich, nach reicher Erfahrung, fürchten mußte, daß mein Vorschlag der Erwerbung dieses Bildwerkes von seiten des Grafen Usedom unbeantwortet bleiben, wenn nicht abgelehnt werden würde, so war es mir sehr erwünscht, zu erfahren, daß die Kronprinzlichen Herrschaften eben in Florenz angekommen und in demselben Hotel (dem Hotel Nuova York, das wir damals regelmäßig bewohnten) abgestiegen seien. Gleich am zweiten Tage begegnete ich ihnen, und der Kronprinz fragte sofort, was es im Kunsthandel gäbe. Er würde mich gern einmal begleiten, zumal auch die Frau Kronprinzessin alte Stoffe für Vorhänge und Bezüge suche. Die Büste fand den vollen Beifall des hohen Herrn, und da sie auch Burckhardt und Liphart warm empfahlen, die wir bei Riblet trafen, so befahl der Kronprinz den Ankauf.[115]

Das Zusammentreffen der hohen Herrschaften mit Jacob Burckhardt war ein sehr komisches. Dieser, ein eingefleischter Großdeutscher und voll tiefem Groll über den Ausgang der Kriege 1866 und 1870, dazu im höchsten Grade schüchtern und Einsiedler, wollte sofort entschlüpfen, als er von Baron Liphart hörte, wer das Ehepaar, mit dem ich eingetreten, war. Aber da ich dem Kronprinzen, als ich Burckhardts ansichtig wurde, gleich mitgeteilt hatte, wer dieser war, ging er direkt auf ihn zu, begrüßte ihn warm und stellte ihn seiner Gemahlin vor. Nachdem Burckhardt den ersten großen Schrecken überwunden hatte, gewann ihn die Herzlichkeit und natürliche Freundlichkeit des Fürstenpaares, »wie er sie bei einem Hohenzollern nie erwartet habe«, so sehr, daß er ein paar Tage lang als ihr Führer mit ihnen die Kirchen und Sammlungen besuchte, und daß er sich im Herbst des Jahres sogar noch einmal zu einem Besuch in Berlin entschloß und »seinen Frieden mit Preußen machte«.

Wir haben damals in Florenz unter anderem auch den Palazzo Strozzi besucht. Vor den schönen Familienporträts in Bild und Marmor äußerte die Frau Kronprinzessin: »Solche Sachen sollten Sie kaufen; da ist ja aber leider nie daran zu denken!« Drei Jahre später waren wir die glücklichen Besitzer dieser Schätze.

In Florenz erfuhr ich, daß die Replik des »Kardinals Inghirami« von Raphael, die sich noch in der Familie in Volterra befinde, käuflich sei. Da auch die kurz vorher bekannt gewordene Marmorstatue des Giovannino beim Conte Rosselmini in Pisa, das viel umstrittene verschollene Jugendwerk Michelangelos, als käuflich bezeichnet wurde, beschloß ich, mir gleich beide anzusehen. Zu meiner Freude begleitete mich Herr v. Liphart auf der auch landschaftlich so lohnenden Fahrt. Beide Werke erschienen uns echt und wünschenswert, waren aber damals noch nicht zu haben. In Pisa trafen wir zufällig die Kronprinzlichen Herrschaften, die den Ausflug von Florenz gemacht hatten. Sie wünschten gleichfalls den Giovannino zu sehen, und der Kronprinz ersuchte mich, alles zu[116] tun, um die ihn in hohem Maße anmutende Figur zu erwerben. Von Pisa fuhren Liphart und ich noch nach Sarzana, um dort die Kopie unseres Altarbildes von A. del Sarto zu sehen, die aber so schlecht ist, daß sie für eine damals geplante Restauration unseres Bildes nicht zum Vorbilde dienen konnte. Ein mehrtägiger Ausflug über Arezzo nach Borgo San Sepolcro und Citta di Castello und zurück über Perugia war gleichfalls ohne direkten Erfolg, da die in Citta di Castello in der Familie Mancini käufliche große Anbetung der Hirten von Signorelli und eine Himmelfahrt Mariae desselben Meisters mir nur Werkstattbilder dieses Künstlers zu sein schienen (beide später an die National Gallery in London verkauft), und da ein Altar der Himmelfahrt Christi von Andrea della Robbia (später in der Sammlung Spitzer) als unvollständig und wenig bedeutend gleichfalls für uns nicht in Betracht kam.

Mitte Mai war ich in Venedig, um dort die Abformungen zu bestimmen. Auch hier traf ich wieder die Kronprinzlichen Herrschaften, mit denen ich noch eine Woche zusammen war. Bei dem herrlichen Maiwetter unternahm die Frau Kronprinzessin fast täglich Ausfahrten in der Gondel, um Aquarellstudien zu machen, wobei sie Graf Seckendorff, A.v. Werner und Passini begleiteten und ihr bei ihren Arbeiten an die Hand gingen. Der Kronprinz erklärte, daß er es vorziehe, die Stadt und ihre Kunstschätze einmal gründlich kennenzulernen. Ich solle ihm dabei als Cicerone dienen, da ich ja doch die Kirchen wegen der Abformungen besuchen müsse. Er wolle dafür auch mit mir zu den Händlern laufen und meine Erwerbungen beim Grafen vertreten. Bei diesen Besichtigungen war der Kronprinz stets außerordentlich gründlich. Morgens trafen wir uns sehr zeitig in der Markuskirche. Er könne, wie er sagte, seinen Tag in Venedig nicht anfangen ohne einen Gang durch San Marco. Dann folgte die Besichtigung der einen oder anderen Kirche, aus Rücksicht auf meine Aufgaben gewöhnlich sol cher, in denen ich mit den Formern zu tun hatte: der Frari, San Giovanni e Paolo, Santa Maria dei Miracoli u.a., was die drei bis vier Stunden vor dem Frühstück in Anspruch nahm.[117] Nach dem Frühstück, das durch den glänzenden, harmlosen Humor des damaligen Reisemarschalls der Herrschaften, Oberst Mischke, und die liebenswürdige Unterhaltungsgabe der Gräfin Dönhoff, späteren Fürstin Bülow, stets sehr animiert verlief, wurde meist eine Ausfahrt nach dem Lido oder nach Murano gemacht, der Dogenpalast oder die Galerie besehen und zum Schluß wurden Händler aufgesucht; abends war ich zum Diner im Hotel Danieli befohlen. Einmal, als wir den prächtigen Sonnenuntergang über der Giudecca bewunderten, sagte der Kronprinz, jetzt wolle er uns einen Genuß verschaffen, den wir nie gehabt hätten, und führte uns durch einen Seiteneingang, dessen Schlüssel ihm zur Verfügung gestellt waren, in die oberen Säle des Dogenpalastes, die durch das goldige Licht der scheidenden Sonne einen ganz eigenen Zauber ausübten.

Lebhaft in der Erinnerung ist mir noch ein Besuch in Santa Maria dei Miracoli, deren treffliche Restauration durch Luca Beltrami damals eben begonnen war und wo gerade die von Pennacchi bemalte Holzdecke instand gesetzt wurde. Während der Kronprinz die köstlichen Ornamente des Chores studierte, war ich, da sich die Arbeiter über Mittag entfernt hatten, auf den sehr schadhaften Leitern bis oben unter die Decke geklettert. Auf die Frage des Kronprinzen, was da zu sehen sei, hatte ich ihm zugerufen, mich interessierten die Hauptwerke Pennacchis, die sich oben an der Decke befänden. Plötzlich sah ich den Kronprinzen neben mir auf dem Gerüst. Der Aufstieg war ihm nicht schwer geworden, aber als er wieder hinunterklettern wollte, erklärte er, daß er Schwindel bekäme. Ich müsse zuerst auf die Leiter steigen, er würde unmittelbar folgen, könne aber nicht nach unten sehen, ich müsse ihm daher jede nächstfolgende Stufe bezeichnen, namentlich wo Lücken vorhanden seien. Dieser Abstieg auf elenden Leitern von reichlich hundert Sprossen war unter solchen Umständen nicht sehr erfreulich, aber schließlich kamen wir ohne jeden Zwischenfall unten an. Ich fürchtete, der Kronprinz würde[118] über die Unvorsichtigkeit und die vor mir bekundete körperliche Schwäche ärgerlich sein und mich das entgelten lassen, zumal ihn diese peinliche Lage in Gefahr gebracht hatte. Gerade das Gegenteil war der Fall. Er half sich und mir über die unangenehme Situation durch einen Scherz hinweg und zeigte sich so liebenswürdig wie immer.

Bei den Antiquaren erwarben wir für die Kronprinzlichen Herrschaften eine Anzahl schöner alter Stoffe und Möbel. In einem Geschäft war die Biblio thek eines vornehmen Herrn der Terra ferma mit einigen Kunstgegenständen zu verkaufen. Der Kronprinz wählte einige ganz billige frühe venezianische Drucke mit schönen, alten Einbänden, da ihm die Verbesserung unserer deutschen Drucke am Herzen lag. Bei dieser Gelegenheit gab er mir den Auftrag, in Italien eine Reihe klassischer Inschriften abzeichnen oder photographieren zu lassen, damit er später einmal eine Publikation wirklich mustergültiger Vorbilder herausgeben könne; leider ist es dazu nie gekommen. Gleichzeitig kaufte ich aus derselben Sammlung ein frühes Majolika-Tintenfaß mit einem Paris, das ich dem Kunstgewerbe-Museum überließ, und eine gute Porträtbüste aus Ton in der Richtung des Pietro Lombardi (letztere um 800 Lire), die ich dem Museum schenkte, da Graf Usedom wieder Schwierigkeiten machte, sie käuflich zu erwerben. Ein sehr schönes reich ornamentiertes Tintenfaß in Gestalt eines Fußes mit reich dekorierter Sandale aus Riccios Werkstatt, das 400 Lire kosten sollte, ließen wir leider stehen, der Kronprinz, weil er behauptete, soviel Geld dafür nicht übrig zu haben, und ich selbst, weil Graf Usedom den Ankauf kleiner Bronzen für unsere Sammlung abgelehnt hatte.

Gegen Ende Mai reisten die Kronprinzlichen Herrschaften direkt nach Deutschland zurück, während ich noch auf eine Woche in die Lombardei ging, um hier die Abformungen von Mailand aus, wo ein tüchtiger Former war, in Gang zu bringen. Von Baslini kaufte ich bei der Gelegenheit ein paar gute lombardische Marmorreliefs, darunter das Reliefporträt eines jungen Mannes, letzteres eine Arbeit von Crist. Solari, zusammen[119] für 1500 Lire. In Brescia führte mich Baslini noch einmal in die Sammlung Fenaroli, weil sie in kurzer Zeit zum Verkauf kommen würde, was sich nicht lange darauf bestätigte.

Über Basel, wo ich zwei Tage mit Jacob Burckhardt und His-Heusler zusammen war, kam ich vor Mitte Juni nach Berlin zurück. Meine Annahme, daß Graf Usedom mich höchst ungnädig aufnehmen würde, bestätigte sich zu meiner Überraschung nicht. Freilich hatte sich in Berlin manches abgespielt, worüber der Kronprinz mir schon in Venedig vertrauliche Mitteilungen gemacht hatte. Graf Usedom hatte, da wegen seiner ewigen Verzögerungen und seines Widerspruches bei dem Suermondt-Ankauf und der Frage der Aufstellung und des Umbaues schließlich alles über seinen Kopf hinweg entschieden und ausgeführt wurde, im Februar seine Entlassung eingereicht. Der ministerielle Bericht über seine Amtstätigkeit, den Herr von Wilmowsky dem Kaiser vortrug, hatte selbst diesen bedenklich gemacht, aber nach monatelangem Schwanken entschied er sich doch für Usedoms Bleiben. Bei der Gelegenheit wurde diesem je doch die Allerhöchste Unzufriedenheit über seine Amtsführung so deutlich ausgesprochen, daß der Kronprinz sagte, Usedom müsse daraufhin notwendig gehen. Allein er ging nicht. Wenn er blieb, so geschah dies wohl zum Teil, weil seine äußere Lage eine sehr bedrängte war. Seine Gattin, eine vornehme Schottin, war eine Verschwenderin, dazu bekannt durch ihre Taktlosigkeit, und die einzige Tochter – noch kolossaler als der Vater und daher die »Use-Kathedrale« genannt – war von ihr in dem Bedürfnis nach Luxus aufgezogen.

Die erste Wirkung des kaiserlichen Erlasses war wenigstens insofern günstig, als Graf Usedom versuchte, seinen Beamten gegenüber weniger tyrannisch zu verfahren. Er akzeptierte daher die meisten meiner plastischen Ankäufe, freilich nachdem er vorher Boettichers Gutachten darüber eingeholt hatte. Dies lautete, – wie ich später erfuhr – dahin, daß Porträtdarstellungen, wenn sie gut und nicht teuer wären, immer erwünschte[120] Bereicherungen seien, Madonnen oder Christusköpfe könnten wir aber nicht mehr brauchen, da sich bereits 17 Madonnendarstellungen und verschiedene Christusköpfe in der Sammlung befänden. Als die Marmorbüste des Ecce homo in der Art des Mino ankam, begann daher der alte Tanz von neuem. Ich hatte die Büste in der mir unterstellten Abteilung der Bildwerke christlicher Epoche (in dem dunklen Saal am Hofe) aufstellen lassen. Einige Tage darauf fand ich sie auf dem Fußboden meines Arbeitszimmers in der Gemäldegalerie und dabei einen Zettel von Professor Boettichers Hand: die Büste sei nicht von ihm gekauft, gehöre also nicht in seine Abteilung. Ich ließ sie darauf durch einen Galeriediener in das Arbeitszimmer von Professor Boetticher stellen, mit einem Brief, in dem ich ihm mitteilte, daß die Büste auf Befehl des Herrn Protektors gekauft worden sei und daher wieder ausgestellt werden müsse. Aber Professor Boetticher entschied anders. Er ließ die schwere Büste durch Diener ins Palais des Kronprinzen schaffen und dort im Vorplatz mit einem Brief deponieren, worin er Sr. Kaiserlichen Hoheit mitteilte, daß Erwerbungen für die plastische Abteilung nur durch ihn, den Direktor der Abteilung, gemacht würden. Er stellte daher die von Sr. Kaiserlichen Hoheit erworbene Büste Allerhöchstdemselben zur Verfügung. Der Erfolg war, daß die Büste noch an demselben Tag an ihrem Platz im Museum stand und Herr Boetticher einen Urlaub auf unbestimmte Zeit erhielt, der schließlich zu seiner Pensionierung führte.

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 1. Band. Berlin 1930, S. 112-121.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon