Neue Enttäuschungen in Berlin

[82] Bei meiner Rückkehr fand ich Graf Usedom in weit besserer Laune, als ich erwartet hatte, wenigstens gegen mich. So blieb es in den ersten Wochen, in denen Meyer noch abwesend, war, gegen den sich sein ganzer Zorn richtete. Mich betrachtete er als den Verführten, der seinem vorgesetzten Direktor folgen mußte. Trotz aller Kämpfe, die ich später durch Vorschläge und Drängen um Entscheidung zu bestehen hatte, behielt er doch noch jahrelang die wohlwollende Gesinnung gegen mich und freute sich der Erwerbungen, die er dann, nachdem ich sie regelmäßig auf dem Beschwerdeweg durchgesetzt hatte, als die seinigen betrachtete. Graf Usedom hatte etwa die Statur von Bismarck, der selbst sein altes Leiden, die Zuckerkrankheit, nichts anhaben konnte. Erreichte er doch ein Alter von nahezu achtzig Jahren!

Für solche Hünennatur waren Kämpfe dieser Art, wie er sie aus seiner diplomatischen Karriere gewohnt war, gewissermaßen Bedürfnis. Auf meine nervöse Konstitution, zumal in diesen Jahren, in denen ich durch mein Kopfleiden stark mitgenommen war, wirkten sie dagegen wie reines Gift. Die Eigentümlichkeit meiner Stellung, das feindliche Verhalten des Berliner Publikums, besonders der Künstler und der Presse unseren Museen gegenüber und nicht selten auch meine Vorgesetzten haben durch meine lange Dienstzeit das ihrige getan, um mir mein Amt beschwerlich zu machen. Doch bin ich nur selten in wichtigen Fragen, wenn ich in meinen Absichten nicht die Zustimmung meiner Vorgesetzten fand, dadurch irre geworden. Das hat mich mit den Jahren nicht selten auch zu den Vorgesetzten und Kollegen, mit deren Ansichten und Bestrebungen für unsere Museen ich sonst im allgemeinen übereinstimmte und die gleichen Wege ging, in Gegensatz gebracht, und diese kleinen Reibungen und großen Kämpfe mögen die Minister, welche sie schließlich zu entscheiden oder zu schlichten hatten und dabei den Fragen selbst mehr oder weniger fernstanden, trotz allen Wohlwollens manchmal in recht üble Laune gegen mich versetzt haben. Dankende Anerkennung jedenfalls habe[83] ich nur in einem kleinen Kreise echter Kunstfreunde wie bei meinen höchsten Herren, bei den drei Kaisern, unter denen ich gedient habe, gefunden, die aber höhere Aufgaben hatten als den Museen eine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Während wir für die Ankunft, Restauration und vorläufige Unterbringung der in Italien und vorher erworbenen Bilder Sorge trugen, wurden neue Erwerbungen ins Auge gefaßt. Graf Usedom war stets auf große Namen und große Bilder aus; vor allem, wo ein Raphael angeboten wurde, mußten wir dieser Offerte nachgehen. Zweien solcher Angebote verdanke ich den ersten Besuch in London und Paris. Von London aus wurden wir Anfang Juli 1873 benachrichtigt, daß ein großes Altargemälde Raphaels im Besitze des Duca di Ripalda (jetzt im Besitze von Mr. J. Pierpont Morgan) zu kaufen sei. Dieses Gemälde war während des französischen Krieges im Magazin des Louvre aufbewahrt und dann nach London überführt worden in der Hoffnung, daß es die National Gallery erwerben würde. Aber diese Hoffnung schlug fehl, und da der Besitzer nicht wußte, wohin mit der großen Altartafel, so erwirkte er sich die Erlaubnis, es in den Magazinen der National Gallery aufzubewahren. Hier sah ich das Gemälde, das in Paris ungeschickt gereinigt und restauriert worden war. In diesem Zustande machte es mir einen wenig erfreulichen Eindruck. Dazu kam, daß es aus der gleichen frühen Zeit stammte wie die meisten Raphaels unserer Galerie und daß der Preis von einer Million francs damals übertrieben hoch erschien. So wurde nach langer Hin- und Herschreiberei sogar von Graf Usedom schließlich auf den Ankauf verzichtet.

Über die Art, wie dieses unerquickliche Werk Raphaels, das weder den Reiz seiner ersten strengen Jugendwerke noch die Freiheit der späteren Arbeiten besitzt, vielmehr eine gewisse Schablonenhaftigkeit in Aufbau und Erfindung und handwerksmäßige Lieblosigkeit in der Ausführung zeigt, in den Besitz des Duca di Ripalda gelangte, ging in Italien eine Tradition, die einer eigentümlichen Pikanterie nicht ermangelt. Als der König Franz von Neapel 1861 nach der Schlacht von[84] Gaêta von seinen Getreuen Abschied nahm, um sich nach Rom einzuschiffen, ersuchte er seinen Hofmarschall Ripalda, sich als Andenken an die treuen Dienste ein Zeichen seiner Königlichen Gnade zu erbitten. Der Herzog besann sich nicht lange und erbat sich den größten Schatz unter den Kunstwerken, die er für seinen hohen Herrn in Aufbewahrung gehabt hatte, Raphaels Altartafel aus Citta di Castello. Der König war über diese keineswegs bescheidene Bitte sehr überrascht, wagte sie jedoch nicht abzulehnen. Der Herzog, der schon auf sehr billigem Wege in den Besitz eines anderen kostbaren Gutes des Königs, der Villa Farnesina in Rom, gelangt war, hat jedoch mit dem Gemälde Raphaels, als er es zu Geld zu machen suchte, wenig Glück gehabt. Mehr als dreißig Jahre mußte er es vergeblich ausbieten und manche Auslage dafür bestreiten. Schließlich wurde er es in London an einen Händler zweiten Ranges um etwa 300000 francs los. Dieser verkaufte es weiter an Charles Sedelmeyer und von ihm erwarb es nicht sehr viel später Pierpont Morgan, angeblich um den Preis von zwei und einer halben Million francs.

Nachdem aus dem Ankauf des Raphael nichts geworden war, gelang mir während dieses meines ersten Aufenthaltes in London zufällig eine wichtige Erwerbung für die Museen, die freilich außer dem Bereich meiner Kenntnisse und Befugnisse lag. Vor meiner Abreise hatte mir der Direktor des Münzkabinettes Dr. Friedlaender geklagt, daß er den Ankauf einer ganz hervorragenden Sammlung griechischer Münzen des verstorbenen Generals Fox in London vorbereitet, aber von Graf Usedom überhaupt keine Antwort bekommen habe, so daß er keine weiteren Schritte tun könne. Da ich in London den Direktor des Kabinetts Mr. Poole kennenlernte, erfuhr ich, daß die Sammlung noch nicht verkauft sei. Poole sagte mir auch, daß im British Museum die meisten Münzen, die jene Sammlung enthalte, schon durch gute Exemplare vertreten seien und daß daher Mr. Newton, der ein naher Freund des verstorbenen Fox gewesen sei, den Ankauf für unser Museum gern vermitteln würde. Ich teilte dies dem Minister sofort[85] durch Geheimrat Schoene mit und erhielt umgehend Auftrag, in Verhandlungen zu treten. Schon nach 24 Stunden war der Kauf dank der freundschaftlichen Vermittlung von Mr. Newton zu 16000 £ abgeschlossen, dem Taxwert von Direktor Friedlaender, während ein Auktionshaus den Erben eine wesentlich höhere Summe für den Fall einer Versteigerung zugesichert hatte.

Da die Verhandlungen, namentlich wegen der Altartafel Raphaels, sich sehr in die Länge zogen, hatte ich die schönste Gelegenheit, mich in den Sammlungen der Stadt und der Umgebung, namentlich in den Museen, umzusehen, die mir schon damals als die wertvollsten und lehrreichsten Sammlungen ihrer Art erschienen und von deren Studium ich stets den größten Genuß und die reichste Belehrung gehabt habe. Von Cavalcaselles Mitarbeiter Crowe und von unserem Botschafter Graf Münster, einem Bekannten meines Vaters, empfohlen, wurde ich überall auf das entgegenkommendste aufgenommen. Namentlich Sir William Boxall, der Direktor der National Gallery, nahm sich meiner in der liebenswürdigsten Weise an und begleitete mich selbst in die meisten Privatsammlungen. Ich erinnere mich noch mit Dankbarkeit, aber auch mit einer gewissen Scheu an ein kleines Diner, das ich mit ihm bei Lord Overstone, ein oder zwei Jahre darauf, einnahm. Die Herren waren, außer mir, alle hochbejahrt und recht schwerhörig, und da das Essen mir zu Ehren stattfand, so geriet ich mit meinem schlechten Englisch, das ich laut ausposaunen mußte, in nicht geringe Verlegenheit. – Außer London sah ich damals Windsor, Oxford und Blenheim.

Auch von Paris aus wurde fast gleichzeitig ein »Raphael« angeboten, die Freskolünette mit Gottvater zwischen Engeln aus der Villa Malta. Ehe über eine Reise zur Besichtigung entschieden war, erfuhren wir, daß Thiers das Fresko um 150000 francs für den Louvre gekauft habe. Graf Usedom war sehr ärgerlich über den vermeintlichen Verlust – das Fresko ist bekanntlich nur die Arbeit eines Werkstattgenossen von Raphael –, namentlich aber darüber, daß ihm der Präsident der jungen Republik den Rang abgelaufen hatte, denn[86] so sehr ihn dieser an Eifer und Energie auch in seinen Kunstbestrebungen übertraf, so ähnlich waren sich beide in ihrem dilettantischen Verständnis der Kunst und ihrer Aufgaben. Auch Thiers hatte sich als nächste und wichtigste Aufgabe für die Pariser Museen ein großes Gipsmuseum und namentlich eine Sammlung von Kopien aller Meisterwerke der Malerei außerhalb Paris vorgesetzt und mit der Bildung der letzteren bereits energisch begonnen, als der Tod seinen Bestrebungen ein Ziel setzte. Die Kopiengalerie hat damit, wohl für immer, ihr Ende erreicht, während die Abgußsammlung in ganz anderer Form nach der Weltausstellung 1879 im Trocadero-Museum der Bildwerke Frankreichs zur großartigen Ausgestaltung gelangte.

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 1. Band. Berlin 1930, S. 82-87.
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