In Rom

[77] Des Wartens auf die Entscheidung von Berlin müde, reisten wir Ende Januar nach Rom. Im Kunsthandel war wenig los, wir erwarben nur eine große Skizze von G.B. Tiepolo zu der Decke der Gesuati in Venedig. Durch den Antiquar Domenico Corvivisieri, von dem wir das Bild kauften, wurden wir in die Galerie Sciarra geführt, die er uns als verkäuflich bezeichnete. Aber wir hatten in der Besitzerin, der Fürstin Sciarra, eine sehr eigentümliche Verkäuferin uns gegenüber. Sobald sie in Erfahrung gebracht hatte, daß die Reflektanten auf ihre Bilder die Direktoren der Berliner Galerie wären – und das war leider nie lange zu verheimlichen! – nahm sie sich vor, beim Handel mit uns wenigstens einen Teil der französischen Kriegs[77] entschädigung für sich zu gewinnen. Ihre Forderungen für einzelne Bilder, nach denen wir uns erkundigten, waren so unsinnig, daß wir aus Scherz den Preis für einen mäßigen Honthorst erbaten, der etwa 1000 bis 2000 francs wert war; der letzte Preis sei 120000 francs, wurden wir beschieden! Die Sciarraschen Bilder waren damals in zwei Abteilungen aufgestellt: der eine Teil, der in einem magazinartigen Raum im Mezzanin untergebracht war, enthielt die Bilder, die sofort verkauft werden sollten und für die ein Katalog mit den Preisen auslag. Darunter waren die köstliche »Ruhe auf der Flucht« von L. Cranach, für die 8500 francs, und ein feines altniederländisches, fälschlich als Dürer bezeichnetes Porträt eines alten Mannes, für das 2000 francs angesetzt war. Wir ließen der Fürstin sagen, daß wir diese Preise akzeptierten. Mit dem Cranach war sie einverstanden, aber vom sogenannten Dürer behauptete sie, daß der Preis im Katalog verschrieben sei; nicht 2000 sondern 20000 francs sei der wirkliche Preis.

Leider hatte es auch mit dem Cranach seinen Haken. Nachdem wir den Kauf bereits gesichert glaubten, meldete sich bei Dr. Meyer ein Dr. Conrad Fiedler, um ihm mitzuteilen, daß er das Bild bereits einige Tage vorher von der Fürstin um 7000 francs fest gekauft habe. Meyer, der damals diesen, seinen späteren Schwiegersohn, noch nicht kannte, erklärte gleich, daß wir selbstverständlich zurückträten, während es mir im Interesse der Galerie richtig erschien, auf unserem Schein zu bestehen und Dr. Fiedler wegen Entschädigung an die Fürstin zu verweisen. Das schöne Bild haben wir schließlich dreißig Jahre später von Fiedlers Witwe, Meyers Tochter, erworben und zahlen dafür seither eine Rente, die etwas höher ist als der ganze damalige Kaufpreis! Nach wochenlangen Unterhandlungen kamen wir schließlich nur zum Kauf des »Matthäus« von Nicolaus Poussin, dem Meisterwerk des Künstlers, an dessen Erwerbung Meyer bei seiner Bewunderung der klassischen französischen Kunst besonders gelegen war. Wir hatten den damals sehr hohen Preis von 60000 Lire dafür zu zahlen. Auf die bekannten Hauptwerke der Sammlung,[78] die unter den Namen Raphael, Tizian und Leonardo berühmt waren, hatten wir gar keine Gebote gemacht, weil sie uns ihre Namen nicht mit Recht zu tragen und durch Übermalung mehr oder weniger beschädigt zu sein schienen. Diese und sämtliche anderen Gemälde der Sammlung sind später, trotz allem Protest und den Prozessen der Regierung gegen den Fürsten Sciarra, ins Ausland gewandert. Seine Vermögenslage war damals eine so verzweifelte, daß der Verkauf der Sammlung die einzige Rettung schien. Die Fürstin nahm ein kleines pied à terre in Paris und betrieb von hier aus jahrelang den Verkauf der Gemälde, von denen zunächst der »Violinspieler« von Sebastian del Piombi und die »Irdische und himmlische Liebe« von Luini für einen sehr ansehnlichen Preis an Baron Alphonse Rothschild abgegeben wurden. Die meisten anderen Bilder mußten schließlich billig verkauft werden. Den in Burckhardts »Cicerone« etwas über Gebühr gelobten Claude Lorrain konnte ich zwanzig Jahre später vom Kunsthändler Ch. Sedelmeyer für die Straßburger Galerie, den köstlichen kleinen »Tod der Maria« in der Art des Hugo van der Goes (in der Galerie Sciarra als Schongauer viel bewundert) für unsere Sammlung erwerben und zwar etwa um den zehnten Teil von dem, was die Fürstin uns in Rom dafür abforderte.

Noch zwei andere Sammlungen wurden uns neben der Galerie Sciarra angeboten: die Sammlung des Fürsten Chigi und die des späteren Großalmoseniers Don Marcello Massarenti. Für erstere wurden 145000 francs verlangt. Uns war besonders an dem frühen Meisterwerk Botticellis gelegen, das dreißig Jahre darauf für etwa den zwanzigfachen Preis der damaligen Forderung durch B. Berenson an Mrs. Gardner verkauft wurde. Aber der Fürst wollte nur von einem Gesamtverkaufe wissen, und machte schließlich sogar den Einwand, daß er sich erst über unsere Legitimation orientieren müsse. Da zu der Zeit für unsere Galerie noch an dem alten Grundsatz, daß auch die hervorragendsten Meister nur durch ein paar Bilder vertreten sein sollten, festgehalten wurde, so erschien Direktor Meyer der Ankauf gerade des Botticelli ein überflüssiger[79] Luxus; die Unterhandlungen wurden daher fallen gelassen. Die Sammlung Massarenti hat uns nicht nur damals, sondern auch später noch beschäftigt und wiederholt großen Spaß gemacht. Selten habe ich eine Sammlung von Fälschungen und Crouten mit so großen Namen beisammen gesehen, und doch hat der alte Sünder, der sie zusammengebracht hatte, sie schließ lich um einen enormen Preis an den Mann gebracht. Auch verdankt ihm die Stadt Straßburg indirekt ihre reiche Sammlung alter Gemälde, wie ich zu seiner Zeit erzählen werde.

Von Rom machten wir auf zwei Tage einen Ausflug nach Neapel, wo wir beim Hotelwirt Zir ein Ecce homo von Antonello um 20000 francs käuflich fanden, ein wirkungsvolles, fein gemaltes Bild, das sich jetzt in der Sammlung Schickler in Paris befindet. Leider wurde darauf verzichtet, da die Galerie bereits verschiedene Werke des Meisters besäße. Aus demselben Grunde schlugen wir später ein anderes Bild des Antonello aus, die kleine Kreuzigung vor reicher Landschaft, die jetzt die National Gallery besitzt.

Während unseres vierwöchigen Aufenthaltes in Rom hatte ich Gelegenheit, mich mit der Stadt und ihren Kunstschätzen, die ich zwei Jahre vorher auf meiner ersten italienischen Studienreise noch nicht gesehen hatte, vertraut zu machen. Doch war mir Florenz bereits so lieb, und ich war in der Florentiner Kunst schon so heimisch geworden, daß ich bis heute in Rom und seiner Kunst nie recht warm geworden bin. Um das Schönste von Rom, seine herrliche nähere und weitere Umgebung voll zu genießen, war mein häufiger Aufenthalt dort stets zu kurz. Die Kunst in Rom, eine Kunst aus zweiter Hand, und von fremden, in Rom nicht heimischen Künstlern, hat auf mich (von einigen Hauptwerken in der Sixtina, im Vatikan abgesehen) stets einen fremdartigen, kalten Eindruck gemacht. Es fehlte die Frische und Bodenständigkeit, das Gefühl, daß die Kunst aus dem Volke gewachsen ist, selbst in den herrlichen Werken, die den Vatikan zieren. Und der Mehrzahl der Monumente sieht man es an, daß sie flüchtige Produkte derer[80] sind, die sie verewigen sollten. Dazu hat in keiner Stadt sich das moderne Leben so rücksichtslos und unkünstlerisch, so lärmend und brutal in das alte, gewachsene Stadtbild eingedrängt, es verstümmelt und verdrängt wie gerade in Rom. Auch Florenz hat dadurch schwer gelitten, namentlich durch die Zerstörung des Mercato Vecchio und seiner Umgebung, aber den Gesamtcharakter der alten Stadt hat man hier doch mit dem besten Willen nicht ganz auslöschen können.

Unter den Vergnügungen, die sich aus dem alten Leben Roms ins neue hinübergerettet hatten, war damals der Karneval noch von einem gewissen Reiz, ganz besonders im Februar 1873, im zweiten Jahr, nachdem Rom »Capitale« geworden war, zumal er durch klares, kaltes Wetter begünstigt wurde. Da wir im Hôtel de Rome am Corso wohnten, machten wir das Coriandoli- und Bouquet-Werfen mit aller Begeisterung mit. Ich bewaffnete mich mit einem Sack voll Coriandoli, während Meyer fortwährend Bouquets von den zahlreichen Blumenhändlern kaufte und den Damen zuwarf. Nicht weit vom Hotel war ein breiter Balkon im ersten Stock mit einer Reihe auffallend eleganter und schöner junger Damen besetzt, während im Mezzanin ein paar junge Herren, die zu derselben Gesellschaft zu gehören schienen, das Publikum in der Straße bombardierten. Wir kümmerten uns um die Herren nicht und warfen unsere Bouquets den Damen zu. Während ich gerade nach oben sah, Augen und Mund weit offen, benutzte einer der Herren im Mezzanin unmittelbar über mir die Gelegenheit, um einen Sack voll Mehl über mich zu stülpen. In meinem blauen Anzuge plötzlich in einen Müller verwandelt, prustend und die, verklebten Augen mir reibend, bot ich einen sehr komischen Anblick dar und wurde daher vom Publikum tüchtig ausgelacht. Dies reizte mich doppelt zur Revanche. Kaum hatte ich die Augen wieder leidlich klar, so nahm ich den Herrn, der hohnlachend auf mich herabsah, scharf aufs Korn, und da ich vom Landleben her im Werfen große Sicherheit hatte und eine derbe Faust führte, trafen meine Coriandolibomben den Feind, wie er sich auch zu schützen[81] suchte. Und ebenso erging's zwei Herren, die ihm zu Hilfe kamen, aber schwächlich warfen und noch schlechter trafen. Je ärgerlicher die Herren wurden, um so lauter war das Gelächter ihrer Damen von oben, und um so reichlicher spendeten sie Bouquets, die Meyer dankend in Empfang nahm. Schließlich zogen sich die Herren, deren Gesichter blau und grün von den Coriandioliwürfen waren, wütend ins Zimmer zurück unter lautem Zurufen und Lachen der Damen. Als mir dann Meyer und einige Fremde das Mehl vom Anzug abklopften, fragte mich einer, ob ich den Herrn nicht gekannt hätte, mit dem ich mich beworfen hätte. Das sei ja der Principe Umberto mit seinen Adjutanten und die Dame oben die Principessa Margherita!


Die Unterhandlungen über die Erwerbungen in Florenz und Rom hatten schließlich zu einem guten Abschluß geführt, hatten aber das Verhältnis zum Generaldirektor Graf Usedom, der bei der Entscheidung auf unsere wiederholten Beschwerden hin schließlich ganz hatte ausgeschieden werden müssen, so ungünstig gestaltet, daß wir die ursprüngliche Absicht, weiter bis gegen den Sommer noch in Italien zu bleiben, aufgeben mußten, um zu sehen, wie sich die Dinge in Berlin entwickeln würden. Mitte Februar reisten wir nach Florenz zurück, blieben dort verschiedene Tage, um wegen Zahlung und Verschickung der verschiedenen erworbenen Gemälde das Nähere zu bestimmen, und gingen dann nach Venedig, um uns zu überzeugen, daß alle Aussichten, die uns Barozzi und della Rovere eröffnet hatten, nichtig gewesen und die Verhandlungen in ungünstigster Weise verlaufen waren. Durch della Rovere wurden uns noch zwei sehr mittelmäßige Porträts, angeblich von Tizian und Paris Bordone, nachgewiesen, wegen deren Untersuchung und eventuellen Erwerbung Dr. Meyer noch kurze Zeit in Venedig blieb, während mich selbst ein empfindlicher Anfall von Malaria zu schleuniger Rückkehr zwang. Am letzten Februar war ich wieder in Berlin.

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 1. Band. Berlin 1930, S. 77-82.
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