Studienaufenthalt in Wien und Promotion

[32] Ich siedelte daher Ostern 1870 nach Wien über, wo das regere Kunstleben und ein Kreis jüngerer, für ihren Beruf begeisterter Kunsthistoriker und Archäologen als Lehrer neben den mir noch unbekannten Sammlungen meiner Ausbildung wesentliche Förderung versprachen. Meine Hoffnung wurde in keiner Weise enttäuscht. Das Jahr, das ich – mit einer zweimonatigen Unterbrechung durch den Ausbruch des französischen Krieges – damals in Wien zubrachte, ist für meine Ausbildung wohl das erfolgreichste und durch den Genuß der herrlichen Kunstschätze der Stadt wie durch die freundliche Aufnahme und Förderung, die ich bei meinen Lehrern und Fachgenossen und in ihren Familien fand, mit die glücklichste Zeit meines Lebens gewesen.[32]

Auf der Universität belegte ich die paläographischen Übungen bei Professor Sickel und vor allem sämtliche archäologischen Vorlesungen und Übungen bei Professor Conze. Obgleich nicht besonders philologisch geschult, hatte ich doch die wesentlich bessere gymnasiale Bildung vor den österreichischen Studenten voraus, so daß ich in den archäologischen Übungen nicht nur folgen konnte, sondern es den jungen Archäologen – darunter die späteren Professoren Klein, Glavinic, Majonica und andere – womöglich zuvortat. Bei Conze, der als Hannoveraner halber Landsmann und zudem alter Korpsbruder von mir war, wurde ich aufs freundlichste aufgenommen. Sein einfacher, grundehrlicher und ernster Charakter, sein glückliches Familienleben, seine ruhige wissenschaftliche Art sind mir nicht nur in Wien, sondern seither durch das Leben, nachdem wir in Berlin vereinigt waren und die gleichen Interessen zu vertreten hatten, ein dauernder Halt gewesen.

Das herzliche Entgegenkommen und der freie, harmlose gesellschaftliche Verkehr nach alter Wiener Art, wie ich ihn bei Thausing, Eitelberger, Falke und anderen fand, das tägliche Zusammensein mit Künstlern und Gelehrten wie den Kupferstechern Unger und Jacoby, Lützow, Fr. Lippmann, Hartel, Gurlitt, Stricker, Laufberger, Hansen, Ferstel, gelegentlich auch mit Semper, Angeli, Makart und anderen, mit denen ich den Sommer zusammen in der »Schwemme« des ›Erzherzog Karl‹ zu Mittag aß und abends zu ihren Familien hinausfuhr, haben mir diesen Aufenthalt unvergeßlich gemacht. Es kam noch hinzu, daß es das große Jahr unserer neueren deutschen Geschichte war, die Zeit, in der sich der französische Krieg vorbereitete und abspielte. Die Österreicher im allgemeinen wünschten den Preußen anfangs alles Schlechte und zweifelten nicht an dem Siege der Franzosen. Aber der engere Kreis, in dem ich verkehrte, war in seiner Mehrheit ganz deutsch gesinnt – waren doch auch eine Reihe Reichsdeutscher darunter –, und als sich sehr rasch die Entscheidung zugunsten der Deutschen wendete, namentlich[33] nach Sedan, schlug auch die Volksstimmung, wenigstens in den nationaldeutschen Kreisen und besonders in Wien, rasch um. Man freute sich, daß die Österreicher nicht die einzigen waren, die von den Preußen Hiebe bekommen hatten, und die Empfindung, daß das moralische Übergewicht und das Recht auf deutscher Seite war, wurde selbst in rein österreichischen Kreisen schon damals nicht selten ausgesprochen.

Sobald die Kriegserklärung erfolgt war, fuhr ich mit einigen anderen Norddeutschen nach Braunschweig und kam gerade mit dem letzten Zuge, der für Passagiere abgelassen wurde, dort an. Wegen meiner Kränklichkeit war ich frei vom Militärdienst. Als ich mich meldete, wurde die Entscheidung zunächst hinausgeschoben und nach wenigen Tagen, nach den ersten glücklichen Kämpfen bei Wörth und Spichern, wurde mir mitgeteilt, daß ich höchstens der Ersatzreserve 2. Klasse zugeschrieben werden könne, die aber kaum noch zur Verwendung kommen würde. Ich möge mich nur, wenn ich dort sowieso zu tun hätte, in der Nähe des Rheins aufhalten, um mich im Notfalle zu melden. Nun, dies war ja zum Glück für Deutsch land nicht mehr nötig. Für mich persönlich bedauerte ich es sehr, denn welcher Jüngling wäre damals nicht gern mit dabeigewesen!

Vor Ende August fuhr ich von Braunschweig nach Kassel und weiter nach dem Main, besuchte Frankfurt, Stuttgart und schließlich München, um die Sammlungen zu studieren. Die besten Bilder waren leider fast überall vor den Franzosen – nach den Erfahrungen der Napoleonischen Zeit – versteckt. In München war die alte Pinakothek sogar ganz geschlossen; ich fuhr daher am 3. September nach Schleißheim und fand die Sammlung geöffnet. Ich war der einzige Besucher, bald waren selbst die Aufseher verschwunden. Plötzlich erklangen Böllerschüsse. Ich eilte ans Fenster und sah zu meinem Erstaunen die Aufseher im Park Pulver, das sie mit Rasen bedeckt hatten, anzünden und so künstliche Böllerschüsse erzeugen. Ein neuer Sieg! Kaiser Napoleon mit seiner ganzen Armee gefangen! Da verging auch mir die Lust[34] an den Kunststudien, selbst die köstlichen Bilder von Brouwer, die damals meist noch aus der Pinakothek verbannt waren, konnten mich nicht mehr fesseln. Die Galerie wurde geschlossen und der nächste Zug führte Aufseher und »den« Besucher nach München zurück, wo bis in die tiefe Nacht unbeschreiblicher Jubel herrschte.

Am folgenden Morgen suchte ich den Direktor der Pinakothek auf, den Maler Foltz, der mir die Wiedereröffnung und die Wiederaufstellung der Bilder in nahe Aussicht stellte. Ich ging auf kurze Zeit in die Bayerischen und Tiroler Alpen und besuchte das Museum in Innsbruck. Als ich zurückkam, war die Galerie eben wieder eröffnet. Ich blieb nun vier Wochen in München, indem ich die Sammlungen, namentlich die Pinakothek, möglichst gründlich durchstudierte und Ausflüge nach Augsburg, Nürnberg, Regensburg und andere naheliegende, für Kunst wichtige Orte Bayerns machte. Bei diesen Studien und durch den Verkehr im Hause des Malers Cäsar Willich, eines Freundes von Rudolf Henneberg, und mit Julius Meyer, der damals mit den Vorarbeiten zu seinem Kunstlexikon, der Tragik seines Lebens, beschäftigt war, verging mir die Zeit aufs angenehmste. Vor Beginn des Wintersemesters war ich wieder in Wien.

Ich fand in Wien denselben Kreis wieder beisammen, fast alle in sehr gehobener Stimmung infolge der deutschen Siege. Meine Studien setzte ich in der gleichen Richtung fort, namentlich machte ich mich an die gründliche Durcharbeitung der reichen öffentlichen und privaten Bildersammlungen Wiens, von denen ich für meine Zwecke Kataloge anfertigte: von der Galerie des Belvedere, von der Liechtensteingalerie, von den Sammlungen der Akademie, der Grafen Czernin und Harrach, von Gsell, Rothschild und ein zelnen kleineren Sammlungen, die damals im Entstehen waren, wie die von Lippmann-Lissingen, Dr. Sterne und so fort. In ähnlicher Weise habe ich damals auch die herrliche Sammlung der Albertina durchgearbeitet und mir von den Zeichnungen der niederländischen Schule gleichfalls ein Verzeichnis angelegt.[35]

Ich glaubte mein Studium jetzt so weit gefördert zu haben, daß ich meine Doktorarbeit über »Frans Hals und seine Schule« ausarbeitete und der Universität Leipzig vorlegte, mit der Bitte für den Fall der Annahme, mich womöglich vor den Weihnachtstagen zum mündlichen Examen zuzulassen. Ich wählte Leipzig, weil ich dort dank einem Familienstipendium, dem Carpzowschen Stipendium, den Doktor ohne Kosten machen konnte. Meine Arbeit wurde angenommen und auch das Mündliche rasch absolviert, obgleich unter eigentümlichen Verhältnissen. Der Rektor, dem ich pflichtschuldigst vorher einen Besuch abstattete, teilte mir seine Freude darüber mit, daß endlich einmal wieder ein Mitglied der berühmten Leipziger Professorenfamilie den Doktor machen wolle. Leider hätte aber Leipzig keinen Professor für Kunstgeschichte, so daß ein Privatdozent mich darin examinieren müßte, obenein nicht der kompetenteste Herr, wie ich ja selbst im Examen merken würde. Dieser Herr war Dr. Riegel, der wenige Monate später als Direktor des Herzoglichen Museums nach Braunschweig berufen wurde, da er von Leipzig aufs wärmste fortgelobt wurde. Übrigens war er beim Examinieren viel verständiger als die beiden Herren, die mich in den Nebenfächern prüften. Der Historiker, der fast taub war, stellte die leichtesten Fragen, die ich richtig beantwortete, worauf er regelmäßig erwiderte, das sei doch »nicht richtig« oder »nicht ganz richtig«; und dann sagte er genau dasselbe, nur in breiterer Ausführung. Der Archäologe, Professor Overbeck, traute meinen Kenntnissen in seiner Wissenschaft offenbar nicht viel zu und fragte mich daher hauptsächlich nach den griechischen Sagen über die Erfindung der verschiedenen Künste und Handwerke, so daß ich ihm schließlich sagte, die Ammenmärchen über Archäologie hätte ich möglichst zu vergessen gesucht, er möge mich nur ruhig nach etwas Positivem fragen. Schließlich war das Resultat doch ein gutes und ich konnte mein Diplom meinen Eltern, denen ich von meiner Absicht nichts gesagt hatte, schon auf dem Weihnachtstisch aufbauen. Die größte Freude machte ich damit[36] meiner Großmutter, der Tochter jenes Kurators Henke, die bei aller Herzensbescheidenheit und Einfachheit auf ihre gelehrten Vorfahren stolz war und gar zu gern wieder einmal einen Gelehrten unter ihren Nachkommen gehabt hätte.

In diesen Weihnachtsferien des Jahres 1870 war natürlich der Krieg das Hauptgespräch. Meine Großmutter, mit ihren achtzig Jahren eine körperlich und geistig noch außerordentlich frische Frau, wollte an den schließlichen Erfolg der deutschen oder der »preußischen« Waffen – wie sie sich stets ausdrückte – nicht glauben. Sie lebte noch ganz in den Erinnerungen der französischen Kriege, von denen sie und Helmstedt hauptsächlich das Jahr 1806 und dann die folgenden Jahre bis zur furchtbaren russischen Einquartierung 1812 miterlebt hatte. Damals seien zuerst die Preußen durch die Stadt gekommen. »Ihr hättet die affigen, arroganten Offiziere sehen sollen mit ihrem großen Troß, den Weibern, Spinetten und allem Tand! Ein paar Tage darauf kamen die Franzosen, adrett, flink und freundlich; jeder hatte sein leichtes Gepäck mit sich, überall herrschte Zucht und Ordnung. Nach wenigen Tagen marschierten sie nach Jena und zwei Tage später wurde die stolze preußische Armee vernichtet und unser braver Herzog Karl Wilhelm Ferdinand auf den Tod getroffen.« Dazu pflegte sie eine charakteristische Geschichte über die Disziplin der Franzosen zu erzählen: als die französische Kompagnie wieder abmarschiert war, sagte der Offizier ihrer Mutter, sie möge nachsehen, ob auch alles Geld, Silberzeug und Leinen noch vorhanden sei. Diese erwiderte lächelnd, es fehle nichts als ein Handtuch. Darauf bat der Offizier, ihm ihr Dienst mädchen mitzugeben. Nachdem er bei seinen Leuten angekommen war, befahl er ihnen, die Tornister zu öffnen. Als sich das Handtuch wirklich bei einem der Soldaten fand, ließ er diesen vortreten und sofort vor den Augen des Mädchens erschießen! –

Das Semester in Wien ging rasch zu Ende mit dem Abschluß der Arbeiten in den Sammlungen und mit den Vorbereitungen für einen einjährigen Aufenthalt in Italien. Die persönlichen Verhältnisse waren hier inzwischen weniger erfreulich geworden,[37] weil Professor von Lützow und Professor Jacoby plötzlich Intrigen aller Art gegen den Kupferstecher William Unger anspannen, den sie doch selbst nach Wien gezogen hatten. Sie konnten den Erfolg nicht vertragen, den Unger mit seinen Radierungen in Wien, beim Publikum wie bei der Künstlerschaft erzielte. Da Unger, eine durchaus gerade, friedliebende Natur, im vollsten Recht war, konnte ich nur für ihn Partei nehmen, zumal wir schon vor Jahren, als er in Braunschweig Bilder der Galerie radierte, Freundschaft geschlossen hatten. Nun wohnten wir aber beide damals in Jacobys großer Wohnung zur Miete und kamen daher ununterbrochen mit ihm in Berührung.

Durch einen Zufall bin ich, seit ich mich für Kunst lebhaft zu interessieren anfing, gerade mit den bedeutendsten reproduzierenden Künstlern Deutschlands in nähere Beziehungen getreten und habe daher an ihren Bestrebungen und an der Entwicklung ihrer Kunst besonderes Interesse genommen. Während meines Wiener Aufenthalts wurde der Verein für graphische Künste ins Leben gerufen, dem die Förderung der reproduzierenden Künstler ebenso am Herzen lag wie dem Staate. An diesen Bestrebungen habe ich selbst lebhaften Anteil genommen, habe aber kaum in einem Zweige der Kunst so geringe Erfolge von den staatlichen Unterstützungen gesehen wie gerade hier. In Wien, in Berlin, München usw. sind seither Professuren und Meisterateliers – wohl ein Dutzend im ganzen – gegründet und reichlich dotiert worden, ohne daß den Reproduktionskünsten irgend geholfen wäre: fast überall sind diese Stellungen zu Sinekuren geworden, und die Künstler selbst, die sie innehatten, haben meist weder einen nennenswerten Schüler gebildet noch selbst seither Tüchtiges geleistet. Der außerordentliche Fortschritt und die Gebietserweiterung der reproduzierenden Künste gerade in Deutschland ist vielmehr den Malern zu danken und ist daher auch fast ausschließlich der Maler-Radierung zustatten gekommen. Stauffer, Klinger, Halm, Geyger, Orlik, Wolff u.a.m. verdanken das, was sie als Radierer und Stecher geleistet, die[38] neuen Wege, die sie den technischen Künsten gewiesen haben, nicht der Schulung durch die akademischen Stecher, sondern eigener Erfindung und gegenseitiger Anregung. Wenn irgendwo, so lehrt gerade der Fortschritt in diesen Künsten, wie wenig der Staat mit seinen Schulen und Akademien der Kunst zu helfen imstande ist oder gar ihren Verfall aufzuhalten vermag!

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 1. Band. Berlin 1930, S. 32-39.
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