Der Neue Kaiser-Protektor

Wechsel in der Direktion der Antikensammlung

[72] Am 9. März 1888 hatten wir dem großartigen Begräbnis Kaiser Wilhelms I. beigewohnt, im Juni trauerten wir um unseren Kaiser-Protektor und fürchteten, daß wir mit ihm auch unsere Hoffnungen für die Museen zu Grabe getragen hätten. Jahrelang haben unsere Museen in der Tat unter dieser falschen Sorge, die besonders schwer auf dem Generaldirektor Schoene lastete, gelitten. Die ersten Jahre der Regierung Kaiser Wilhelms II. galten ernsteren und größeren Dingen. Aber gerade die Veränderungen gaben uns doch nach anderer Richtung Aussicht auf weitere günstige Entwicklung unserer Sammlungen und unserer Pläne. Es zeigte sich jetzt, daß ich mir in Baron Holstein auch für unsere Museen einen hilfsbereiten, einflußreichen Freund erworben hatte.

Da unser Generaldirektor Schoene zu Herrn von Lucanus, dem neuernannten Kabinettchef S.M., kein Vertrauen hatte, und unserem jungen Kaiser persönlich weder damals noch später irgendwie nähergetreten war, so erwies sich Baron von Holstein in schwierigen Verhältnissen als sehr nützlich. Er hatte mich bei Staatssekretär Graf Herbert Bismarck eingeführt, zu dem ich seither stets Zutritt hatte, wenn wir seine[72] Hilfe brauchten. Mit Graf Herbert Bismarcks Hilfe gelang es mir, auf Holsteins eindringliche Verwendung zweimal die schweren Differenzen des Generaldirektors im Ministerium in einer für diesen befriedigenden Weise beizulegen. Das zweitemal sagte mir Holstein, er glaube, daß ich mir vergebliche Mühe gäbe, da der Zwiespalt zwischen Schoene und Althoff nie befriedigend zu lösen wäre, zumal Althoff im Ministerium unentbehrlich sei; er begriffe nicht, warum ich nicht eine egoistischere Lösung der Krise anstrebe. Der Wink war deutlich, aber ich erklärte ihm, daß ich zu sehr an der Leitung der mir unterstellten Sammlungen hinge und keine Freude an der Verwaltung habe, für die Schoene ausgezeichnet sei, zumal durch seine große Rücksichtnahme auf die Selbständigkeit der einzelnen Abteilungsleiter. Holstein hat denn auch diese zweite Krise glücklich beilegen helfen, so daß Schoene sein Rücktrittsgesuch wieder zurücknahm. Er entschloß sich dazu freilich nur sehr schwer, da ein Hauptgrund seiner Skrupel aus der Überzeugung hervorgegangen war, daß der Kaiser einen intimen Freund Schoenes, den früheren Lehrer des Kaisers in Bonn, Reinhold Kekule, als Generaldirektor zu haben wünsche.

Kekule war, wie ich früher schon kurz erwähnt habe, 1887 auf den besonderen Wunsch Kaiser Wilhelms an die Stelle von Conze berufen, als dieser sei nen Posten als Direktor der Antikenabteilung der Königlichen Museen mit dem des Sekretärs des Archäologischen Instituts vertauschte. Dieser Wechsel war in mancher Beziehung verhängnisvoll für die Sammlungen, da Kekule zwar von gutem Geschmack und feiner künstlerischer Empfindung war, wie seine Umstellung der Skulpturen bewies, aber bei seinem empfindsamen, allem Realen abholden Charakter zur Verwaltung ebenso ungeeignet war wie zum Sammeln, zum Aufspüren von Kunstwerken und zu den damit verknüpften Unterhandlungen. Eine Reihe der herrlichsten Skulpturen sind durch seine Schuld den Museen entgangen. Anfangs freilich suchte er sich mit Eifer zum Kunsthandel in Beziehung zu setzen. Für Italien bat er dazu[73] um meine persönliche Einführung; wir waren 1890 zusammen in Venedig, dann in Florenz und schließlich in Rom. Überall tauchten damals einzelne gute und ausgezeichnete Bildwerke der klassischen griechischen Zeit im Handel auf. In Venedig die Skulpturen des Palazzo Giustiniani alle Zattere, darunter das köstliche Grabrelief eines jungen Mädchens, in Florenz mehrere Stücke bei Bardini, in Rom namentlich der Thron der Venus in der Villa Ludovisi. Letzterer war bei Umbauten in der Villa gefunden worden und, von der römischen Archäologenwelt als archaistisch bezeichnet, wenig beachtet und mit Bauresten aus verschiedenen Zeiten jahrelang unter dem Bauschutt am Eingange des Parks aufbewahrt worden. Wie sich Kekule damals nicht hat entschließen können, ein ernstes Gebot auf dieses herrliche Stück zu machen, so hat er sich ein paar Jahre später, als das zugehörige ganz intakte Stück, das jetzt das Museum in Boston schmückt, im römischen Kunsthandel auftauchte und ihm zuerst angeboten wurde, wochenlang so ungeschickt und unentschieden verhalten, daß der Unterhändler es schließlich an einen Amerikaner verkaufte. Seinen eigentümlich mißtrauischen Charakter lernte ich bei seiner Erwerbung der Giustinianischen Marmi kennen, um die ich selbst schon seit Jahren für die Museen gehandelt hatte. Die Entscheidung war durch einen Erbschaftsprozeß sehr in die Länge gezogen; endlich war dieser, wie ich in Venedig erfuhr, entschieden, aber die Skulpturen seien sofort nach Amerika verkauft. Ich eilte zu unserem Unterhändler, Karl Zuber in Venedig, um mich zu erkundigen, ob das wahr sei. Dieser machte Ausflüchte, so daß ich ihm sagte, ich würde telegraphisch in Rom bei der Direzione delle Belle Arti Meldung machen, damit die Sachen nicht nach Amerika kämen. Da gestand er, daß er die Marmi für uns gekauft habe, daß aber Herr Kekule ihm streng verboten habe, mir etwas davon zu sagen.

Später scheiterte eine für unsere Sammlungen äußerst wichtige Erwerbung an Kekules Abneigung gegen alles, was nicht aus klassischer griechischer Zeit stammte. Ich fand im Jahre 1906 die reichen Bronzefunde aus Praeneste, welche die Familie[74] Barberini verkauft hatte, bei einem Florentiner Händler. Der Antiquar hatte sich darangemacht, die Tausende von Fragmenten, die im Palazzo Barberini unbeachtet in Kisten gelegen hatten, zusammenzupassen und war im Begriff, daraus verschiedene Thronsessel und Opferkessel zusammenzustellen. Mit den zahlreichen intakten Kisten, den Elfenbeinzeptern, dem reichen Schmuck aus Gold und Elektron u.a. bildete dieser Fund eine ganz einzige Sammlung der besten altetruskischen und der sogenannten phönikischen Exportkunst mit halb assyrischem, halb kretischem Charakter, einer Kunst, von der in unserer sonst so ausgezeichneten Sammlung antiker Bronzen kaum eine Probe vorhanden ist. Ich teilte diese Chance Herrn von Kekule sofort mit und bot ihm an, die 300000 francs, die dafür gefordert wurden, aus außerordentlichen Mitteln zur Verfügung zu stellen. Er ging daraufhin nicht selbst nach Florenz, sondern schickte einen Assistenten, der nach achttägiger Arbeit erklärte, die Sammlung sei nur etwa 30000 francs wert; 35000 francs sei das Höchste, was man dafür bieten könne! Da eine Anzahl Stücke schon damals im Handel jedes für sich allein diese Summe gebracht hätte, und der sehr tüchtige Assistent, der jene Schätzung machte, dies sehr wohl wußte, so kann nur die Abneigung, seine schöne Sammlung griechischer Bronzen durch eine so umfangreiche, mehr archäologisch interessante Sammlung zu entstellen, Kekule zu der Ablehnung derselben, auch als Geschenk, bewogen haben. Gerade die griechischen Bronzen hatte er übrigens nicht lange vorher durch einen sehr glücklichen Ankauf vermehrt, durch die Kleinbronzen aus Dodona, die der russische Besitzer eines Tages in das Museum gebracht und zum Kauf angeboten hatte.

Daß dieser ganz einseitige, nur für griechische Kunst interessierte Mann nicht zu seinem Nachfolger geeignet sei, mußte Schoene sehr bald einsehen, und daß er als naher Freund auch nicht danach streben konnte, hat Schoene allmählich von seinen ewigen Rücktrittsgedanken abgebracht und wieder zu energischerer Leitung der Generalverwaltung angespornt. Er trat deshalb auch der Ausführung der Museumsbauten wieder[75] näher, zu deren Plänen die Gelder schon bewilligt waren. Die Vorbereitung für ein »provisorisches« Pergamonmuseum wurde bei einer engeren Konkurrenz dem Architekten Wolf übertragen, die Ausarbeitung der Pläne des Renaissancemuseums erhielt der Architekt Ernst Ihne, der sowohl von der Kaiserin Friedrich wie vom jungen Kaiser besonders bevorzugt wurde und durch Reisen unter Protektion der Kaiserin-Witwe sich eine gute Kenntnis der mo dernen englischen und französischen Architektur angeeignet hatte. Aber von diesen ersten Plänen im Jahre 1889 bis zur Ausführung verging noch geraume Zeit!

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 2. Band. Berlin 1930, S. 72-76.
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