Goethes Kunstsammlungen

[25] Im Juni machte ich auf Veranlassung der Goetheschen Erben einen Ausflug nach Weimar, um die von Goethes letztem, kurz vorher verstorbenen Enkel hinterlassenen alten Kunstwerke zu schätzen. Einige der Bilder waren von wirklichem Interesse, so namentlich ein paar lebensgroße Einzelfiguren in der Art des Melozzo und das auch gegenständlich wertvolle Bild der »Verleumdung« von Garofalo. Ich hatte Zeit, auch den der Großherzogin vermachten Nachlaß Goethes flüchtig durchzusehen und fand darunter eine Anzahl wertvoller alter Handzeichnungen und guter italienischer Medaillen, freilich neben einer weit größeren Zahl von geringen und schlechten Stücken oder Kopien. Goethe hat diese Medaillen offenbar gesammelt resp. für sich sammeln lassen (seinem Freunde Mylius in Mailand verdankte er wohl die besten darunter), weil ihn die Dargestellten interessierten. Daher waren ihm Kopien fast ebenso erwünscht wie Originale. Auch die Zeichnungen von Rembrandt, Peter Vischer d.J.u.a. verlieren sich fast unter der Menge von Zeichnungen mittelmäßiger Zeitgenossen Goethes, deren Kunst er bewunderte. In der Beurteilung der bildenden Kunst war Goethe keineswegs seiner Zeit so weit voraus, wie man jetzt oft annimmt, sondern durchaus Kind seiner Zeit und in ihren Vorurteilen befangen.

Einen sehr eigentümlichen, höchst unerfreulichen Eindruck machten die Mansardenräume des Goethe-Hauses, die beide Enkel von Leipzig aus vorübergehend als Wohnung benutzt hatten. In den kleinen Räumen stand und lag alles noch, wie es vor fünfzig Jahren gestanden und gelegen hatte. Die Mutter hatte von ihren hoffnungsvollen Söhnen alles aufbewahrt, worauf ein zärtliches Mutterherz irgend Wert zu legen pflegt:[25] die ersten Zähnchen, die ausgekämmten Haare, die abgebrauchten Zahn- und Haarbürsten, die Kinderkleider usw.; und alles war bedeckt vom ehrwürdigen Staub der Jahrzehnte. »Weh dir, daß du ein Enkel bist!« –

Den Sommer verbrachte ich mit meinem Kinde abwechselnd bei meiner Mutter und meinen Schwiegereltern. Zwischendurch war ich zusammen mit meinem neuen Freunde und Gönner, Baron von Holstein vom Auswärtigen Amt, Taufpate bei O. Hainauers vier Töchtern. Im Spätherbst bezog ich mein einsames Haus, in dem eine noch von meiner Frau ausgewählte ältere Dame, Fräulein Doris Spazier, eine Verwandte von Jean Paul, den Haushalt führte – recht unvollkommen; um so zärtlicher sorgte sie für das Kind, und das war mir die Hauptsache. Besuche lieber Kollegen, namentlich von Emile Michel, A.W. Franks und von Courajod, der mir für meine Studien über ita lienische Plastik der Renaissance näherstand als irgendein deutscher Kollege, halfen mir, mich allmählich wieder in den alten Gang des Dienstes und der Forschung hineinzufinden. Eine andere Ablenkung war die Geschichte der deutschen Plastik, die 1885 zum Abschluß kam.

Überhaupt wurden die folgenden Jahre für mich recht unruhig und wenig befriedigend, wenn auch kaum weniger erfolgreich. Ich mußte nämlich meine Tätigkeit zum Teil nach anderer Richtung wenden, da sich die Verhältnisse an der Gemäldegalerie immer unerfreulicher gestalteten. Die nervösen Zustände Meyers nahmen mehr und mehr zu, und die Einwirkung des Morphiums, mit dem er sich nun schon seit zwei Jahrzehnten hochzuhalten suchte, wurde immer stärker. Seinen Urlaub dehnte er regelmäßig auf ein Vierteljahr aus und etwa ebenso lange fehlte er wegen Krankheit. Seine Unentschlossenheit, sein passiver Widerstand gegen jede Neuerung, jede Anschaffung wuchsen sich immer mehr aus. Auch daß er diesen Zustand nicht erkannte, daß er mit seinen Reden vom notwendigen Abgang nie Ernst machte, war schon ein Ausfluß seiner Krankheit. Leider nahm der Generaldirektor zu viel Rücksichten, um diesem Zustande ein Ende zu machen. Er[26] faßte zwar oft genug den Plan, Meyer mitzuteilen, daß er seine Pensionierung beantragen müsse, aber so oft dieser über seine Leiden klagte und versicherte, es ginge nicht mehr, beruhigte ihn Schoene, so daß Meyer schließlich glauben mußte, der Generaldirektor hielte ihn für unentbehrlich auf seinem Posten.

Etwas mag bei Schoene allerdings auch die Angst, daß ich an dieser Stelle zu rücksichtslos vorgehen möchte, mitgewirkt haben. Wie ruhig und konsequent ich in meiner eigenen, ganz von mir geschaffenen Abteilung zu Werke ging, daß ich von allen Abteilungsleitern der sparsamste war und allein verstand, nicht nur mit den Etatsmitteln hauszuhalten, sondern durch Freunde mir außerordentliche Mittel zu beschaffen, scheint er nie empfunden zu haben. Jedenfalls hat er es nie anerkannt.

Schoenes Tätigkeit wurde zudem in diesen Jahren gerade durch fortwährende Kämpfe im Ministerium empfindlich beeinträchtigt. Überarbeitung hatte seinen nicht besonders starken Körper seit Jahren geschwächt und sein Arzt hatte dem nur mit Hausmittelchen zu steuern gesucht. Erst als mehrere lange Ohnmachten seinen Zustand gefährlich erscheinen ließen, wandte er sich an einen tüchtigen inneren Arzt, Dr. Brinckmann. Eine regelmäßigere Lebensführung und stärkere Ernährung hat dann bald Besserung gebracht, wenn auch die andauernde Überarbeitung oft noch Schwächezustände herbeiführte.

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 2. Band. Berlin 1930, S. 25-27.
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