Reiche Erwerbungen primitiver Gemälde und Bildwerke

[136] Die außerordentliche Bewilligung von zwei Millionen Mark zum Zweck von Erwerbungen für die Gemäldegalerie und die Abteilung der mittelalterlichen Plastik im Frühjahr 1901 ließ mir, trotz meines schlechten Befindens, keine Ruhe. Ich machte zunächst die gewohnte Frühjahrsreise nach Italien, die besonders lohnend wurde, indem mir nach verschiedenen Richtungen, die noch schwach bei uns vertreten waren, gute Ergänzungen gelangen. So zunächst eine Reihe zusammengehöriger Propheten- und Engelsfiguren der Werkstatt Giovanni Pisanos, der Torso des Verkündigungsengels Niccolo Pisanos von der Kanzel im Dom zu Siena und mehrere sienesische und neapolitanische Marmorfiguren des 14. Jahrhunderts, zu denen im folgenden Jahre noch einzelne gleichzeitige Arbeiten der Sammlung von Beckerath kamen, darunter die beiden lebensvollen Sibyllenstatuetten von Giovanni Pisano. Da wir schon kurz vorher durch den Verein eine spätere Pisaner Gruppe der Verkündigung in reichster alter Bemalung erworben hatten, dann 1904 noch die große Grablegungsgruppe des Arnolfo di Cambio von der Florentiner Domfassade kauften, und aus älteren Erwerbungen mehrere Arbeiten des Niccolo und Gio vanni Pisano besaßen, zeigte die Abteilung der gotischen Plastik Italiens bei Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums eine Vollständigkeit, wie sie kein anderes Museum, auch nicht in Italien, aufweisen kann.

Außerdem erwarben wir damals eine Anzahl Modelle in Wachs und Ton, darunter verschiedene von Giovanni da Bologna und Bernini, sowie eine größere Anzahl von Stucchi nach Kompositionen Florentiner Quattrocentisten, die uns noch fehlten. Gleichzeitig gelang mir in Florenz der Ankauf einer sehr eigenartigen kleinen Beweinung Christi mit dem Stifter von einem noch nicht bestimmten tüchtigen Niederländer, etwa aus der Mitte des XV. Jahrhunderts, der dem Roger am nächsten steht, ja, der sogar ein Original dieses Meisters aus dem Museum in Brüssel darin frei kopiert hat. In[137] einer kleinen Versteigerung bei Christie hatte Dr. Friedländer fast am gleichen Tage ein unerkanntes Bildnis des Meisters von Flémalle ersteigert, das unserer bekannten Marmorbüste des Niccolo Strozzi von Mino da Fiesole sehr ähnelt. Die beiden Kunstwerke bieten eine frappante Illustration zu der grundverschiedenen Auffassung der gleichzeitigen niederländischen und Florentiner Porträtkunst.

Von England aus kam uns noch in demselben Jahr das Angebot zweier Bilder, um deren Erwerbung ich mich lange bemüht hatte, und die uns im Jahre vorher, als uns alle Mittel fehlten, auf der Versteigerung bei Christie entgangen waren: das alte Genueser Ehepaar von Anthonis van Dyck aus der Sammlung Sir Robert Peel. Diese beiden Bildnisse in Drayton Manor hatten auf mich, als ich sie 1885 sah, einen so tiefen Eindruck gemacht wie kaum je Bildnisse dieses Künstlers. Um so größer war die Freude, als sie uns jetzt fast zu dem gleichen Preise, den sie in der Versteigerung erreicht hatten, angeboten wurden.

Auch für die deutsche Schule wurde dies Jahr 1905 ein besonders gesegnetes. Ein kleines, kostbar erhaltenes Kölner Diptychon aus der Mitte des XIV. Jahrhunderts konnten wir aus England wieder nach Deutschland zurückbringen. Eine kleine Perle deutscher Kunst schneite uns, gleichfalls von London aus, förmlich ins Haus: zwischen zwei Pappdeckel verpackt, wurde an meinen Kollegen Lippmann als Postpaket zur Ansicht Schongauers »Anbetung der Hirten« geschickt, die der Verein für die Galerie erwarb.

Mühsamer und mit reichlichem Ärger verbunden war der Kauf der Glatzer Altartafel von dem hervorragenden böhmischen Meister von Hohenfurt. Dieses Meisterwerk der Prager Schule aus dem XIV. Jahrhundert war in den fünfziger oder sechziger Jahren als Geschenk an das Katholische Gymnasium zu Glatz gelangt. Der Direktor, der das Gymnasium nicht für den rechten Platz zur Aufbewahrung eines solchen Stückes hielt, hatte sich die Erlaubnis zur Veräuße rung von den vorgesetzten Behörden erteilen lassen, und hatte das Bild dann dem Schlesischen[138] Museum in Breslau zum Kauf angeboten. Zwei Jahre lang war keine Antwort erfolgt. Er mußte sich also weiter umsehen und ließ das Bild unserer Galerie anbieten. Direktor Friedländer untersuchte die Erhaltung des Gemäldes, worauf wir es um den geforderten Preis von 10000 Mark ankauften. Der Direktor des Gymnasiums teilte uns mit, daß er es von Breslau aus schicken würde, da er vorher einen Vortrag über das wichtige Bild in Breslau halten wolle. In diesem Vortrag machte er seinen Zuhörern klar, welchen Schatz für die schlesische Kunst sich das Breslauer Museum hatte entgehen lassen. Daraufhin faßten die Provinzialbehörden mit dem Direktor des Schlesischen Museums den Entschluß, das Bild einfach im Museum zurückzubehalten. Monatelang wurde gekämpft. Auf den schließlichen Befehl des Ministers, das Gemälde endlich an unser Museum abzuschicken, erfolgte zuerst die ausweichende Antwort, daß dies nicht anginge, da die Holztafel im Winter durch den Transport leiden könne, und auf wiederholte Mahnung erklärte der Direktor, der Minister möge sich das Bild selber holen!

Es war dies einer der ersten Kämpfe um Kunstwerke, die wir im Handel mit allem Fug und Recht erworben hatten und gegen deren Ablieferung nicht der ge ringste Grund vorlag – nur Neid und Haß gegen den »Wasserkopf Berlin« und speziell gegen unsere »rasch aus unbedeutenden Anfängen herangewachsenen Sammlungen«. Solche Kämpfe hatten wir seither fast bei jedem bedeutenden Ankauf mit den Lokal- und Provinzialmuseen, mit den Behörden und der Presse der deutschen Einzelstaaten wie des Auslands durchzufechten, auch wo keinerlei Ausfuhrbeschränkungen bestanden und die Erwerbungen im Handel oder aus dem Privatbesitz gemacht waren. Der damalige Oberpräsident von Schlesien, Graf Zedlitz, unser früherer trefflicher Minister, erklärte mir ins Gesicht, der Partikularismus sei die beste Eigenschaft des Deutschen, und daher würde er, trotz allem, stets zu verhindern suchen, daß irgendein Stück aus seiner Provinz je in unser Museum käme. Nach den gleichen Grundsätzen haben fast alle Beamten unserer[139] preußischen Provinzen gehandelt. Im Auslande bestanden die Schwierigkeiten bei Erwerbung von Kunstwerken schon länger, da einige der wichtigsten Staaten bereits Ausfuhrverbote gegen Werke der älteren Kunst erlassen hatten. Diese Verbote wurden aber damals für Italien und die Türkei noch verschärft und werden seither mit der gleichen Strenge wie schon früher in Griechenland gehandhabt.

Nach meiner Erfahrung durch vier Jahrzehnte hat wenigstens Italien seine Gesetze vielfach nicht richtig angewandt. Den meisten kunsthistorischen Beamten, welche die Überwachung der Ausfuhr hatten, ist die Bedeutung des Kunsthandwerks bis in die neueste Zeit nicht aufgegangen. Für sie gab es nur die hohe Kunst, so daß anstandlos alle Möbel, Stoffe, Majoliken usw. außer Landes gehen konnten und man heute in Italien nur noch in beschränkter Weise von der außerordentlichen Bedeutung des italienischen Kunsthandwerks einen Begriff erhalten kann – am besten noch im Bargello, dank der großartigen Stiftung eines Ausländers, des Franzosen Carrand. Dieser eingefleischte Bonapartist, der seit 1871 in Florenz lebte, hatte, nach dem Ausspruch in seinem Testament, »der Republik Frankreich seinen Haß, dem Bargello seine Sammlungen« hinterlassen. Trotz des strengen Ausfuhrverbots haben wir übrigens nur selten Schwierigkeiten mit der Ausfuhr aus Italien gehabt. Kommt es dann wirklich einmal zu einem Prozeß, so fällt die italienische Regierung regelmäßig herein – so im Prozeß gegen die Fürsten Sciarra, Cattaneo usw., die der Regierung stets außerordentliche Kosten gemacht haben.

So hat auch die Erwerbung der »Auferstehung Christi« von Bellini dem Händler, der das Bild vom Grafen Roncalli kaufte und von dem wir es dann erwarben, einen Prozeß eingebracht. Dies Rechtsverfahren wurde gleichfalls zu seinen Gunsten entschieden, trotz aller Skandale der italienischen Presse, für die solche Kunstverkäufe jetzt eine cause célèbre und fast zugkräftiger sind als der schönste Giftmordprozeß. Die Angelegenheit eignete sich in[140] der Tat vorzüglich zu einem Prozeßskandal. Das herrliche Bild war nämlich in der Sammlung Roncalli von allen neueren Kritikern als Bellini energisch abgelehnt und von Cavalcaselle, Morelli, Venturi u.a. untergeordneten Malern wie Bissolo oder gar Bartolommeo Veneto, im besten Falle Cima zugeschrieben. Beim Tode des alten Roncalli hatte einer dieser italienischen Gelehrten das Gemälde abgeschätzt und es mit ganzen 5000 Lire bewertet. Zufällig erfuhr ich davon und sah mir das Bild bei einem Besuche in Bergamo 1901 genauer an. Wie früher erschien es mir ein ganz zweifelloser Gian Bellini aus seiner früheren Schaffenszeit. Ich ermutigte daher den Händler, der mir davon gesprochen hatte, zum Kauf des Bildes. Einem Gebot von siebzig- oder achtzigtausend Lire widerstand selbst ein so reicher Mann wie der Conte Roncalli nicht, nachdem ihm das Bild eben erst von »kompetentester« Seite auf 5000 Lire geschätzt war. Im Prozeß wurden als Sachverständige gerade die italienischen Kenner vernommen, die jene Schätzung gemacht hatten, und daraufhin wurde die Regierung abgewiesen. Ich hatte inzwischen durch Dr. Ludwig erfahren, daß er aus Urkunden die Entstehung wie die Urheberschaft Gian Bellinis glaube nachweisen zu können. Das Resultat seiner Forschungen hat Ludwig in unserem Jahrbuch in einem gemeinsam mit mir geschriebenen Artikel über das Bild niedergelegt. Dies wurde ihm von den Italienern so übelgenommen, daß man diesen echten Wohltäter Venedigs einen deutschen Spion genannt hat und ihn noch im Grabe zu beschimpfen suchte. Doch darüber später!

Während die Unterhandlungen über den Ankauf des Bellini noch im Gange waren, gelang uns die Erwerbung eines nicht weniger bedeutenden Bildes in Spanien: der »Anbetung der Hirten« von Hugo van der Goes. Das Gemälde war im Palast der Prinzessin Christine de Bourbon in Madrid, einem Palaste, dessen Kunstschätze seit Jahren verkauft wurden. Es hatte da einen verborgenen Platz hoch zwischen zwei Fenstern innegehabt. Erst die Illustration in einem kleinen Katalog des Restbestandes, der auch uns zugeschickt wurde,[141] machte uns darauf aufmerksam. Die kleine Abbildung ließ kaum einen Zweifel, daß das Bild ein Original von Goes, und zwar eine sehr eigenartige, bedeutende Komposition des Meisters sein müsse. Eine Prüfung an Ort und Stelle auf die Erhaltung und den Preis hin, den man dafür zahlen könnte, war trotzdem notwendig. Da ich selbst zu schwach war, um die Reise nach Madrid zu machen, so unterzogen sich der Generaldirektor und Dr. Friedländer dieser Aufgabe. Doch trotz ihres günstigen Urteils dauerten die Unterhandlungen mehrere Monate, da uns verschiedene Konkurrenten, namentlich in der Firma Colnaghi, entstanden waren. Erst 1903 gelangte das Bild, um den Preis von etwa 130000 Mark, in unseren Besitz.

Schon mehrere Jahre vorher schien sich uns Aussicht auf die Erwerbung des großartigsten und umfangreichsten Werkes von Goes zu bieten: das Hospital von St. Maria Nuova in Florenz, das seit Jahrzehnten in argen Geldverlegenheiten war, suchte sich von Zeit zu Zeit durch Verkäufe aus seinem herrlichen Kunstbesitz zu helfen. Bereits Ende der siebziger Jahre hatte sich die Verwaltung des »überflüssigen Ballastes« durch eine Versteigerung in Florenz entledigt. Dabei waren Dutzende der interessantesten bemalten Truhen aus dem Anfang des Quattrocento und ein reicher Vorrat jener jetzt so hoch bewerteten primitiven Florentiner Majoliken mit tiefblauem Dekor verkauft worden. Der Gesamterlös betrug einige tausend francs! Später verkaufte ein Vorsteher des Hospitals eigenmächtig das schöne Marmor-Flachrelief der Madonna mit dem Kind von Desiderio um 20000 Lire an E. Foulc, der gerade in Florenz war und das Relief gleich im Koffer mit sich nach Paris nahm. Trotzdem hatten die Schulden des Spitals, durch die Vergrößerung der Ansprüche an dasselbe, allmählich solche Höhe erreicht, daß die Verwaltung daran dach te, auch den Rest ihres Kunstbesitzes, namentlich ihren Hauptschatz, den großen Portinari-Altar von Hugo van der Goes, zu verkaufen. Der italienische Staat weigerte sich, irgendeine namhafte Summe dafür zu zahlen; die Verwaltung sah sich daher nach zahlkräftigen Käufern um. Die Amerikaner waren bis dahin[142] – es war im Jahre 1897 – auf dem europäischen Kunstmarkt noch nicht ernstlich mit in Konkurrenz getreten. Daher kam für ein solches Galeriebild von kolossalen Dimensionen nur eine der großen Galerien, die solche kostbaren Erwerbungen zahlen konnte, in Betracht.

Ich hatte mich früher schon um einige plastische Stücke der Sammlung im Hospital bemüht, namentlich um das Tonrelief von Verrocchio und eines der Madonnenreliefs von Luca. Jetzt suchte ich auch die Erwerbung des Portinari-Altars anzubahnen. Doch begegnete ich gerade bei den Leitern des Spitals auffallenden Schwierigkeiten, die mir, bei dem notorischen Bedürfnis zu verkaufen, nicht recht verständlich waren. Meine Vermutung, daß bereits seitens eines anderen Museums ernstliche Anstrengungen gemacht sein müßten, bestätigte sich durch einen Besuch, den mir damals drei Herren des Louvre, die zusammen nach Berlin gekommen waren, abstatteten. Sie behaupteten, sich für den Goes in Holyrood zu interessieren, den sie an Ort und Stelle gesehen hätten und baten mich um meine Ansicht über dieses Bild. Während ich in meiner Bibliothek Photographien nach den verschiedenen Gemälden von Goes heraussuchte, unterhielten sie sich ganz ungeniert in Gegenwart meiner Frau über ihre Absichten auf den Florentiner Altar. Ich beeilte mich, nach Florenz zu fahren, um auf dieser unvermutet gewonnenen Basis festzustellen, ob der Altar noch für uns zu gewinnen oder doch wenigstens Florenz zu erhalten sei. Unter der Hand erfuhr ich, daß die italienische Regierung, der damals (wie leider, trotz dem Bündnis mit uns, fast immer) alles daran lag, Frankreich für sich zu gewinnen, im geheimen schon ihre Zustimmung zu dem Ankaufe gegeben habe, und daß die Unterhandlungen mit dem Louvre dem Abschlusse nahe seien. Da unter diesen Umständen für uns keinerlei Möglichkeit des Erwerbs mehr vorhanden war, so tat ich wenigstens das meinige, damit das Bild in Florenz bliebe, was schließlich in der Weise gelang, daß die Florentiner Museen sämtliche Kunstwerke des Hospitals um 700000 francs – soviel ich mich erinnere – übernahmen.[143] In dem Zeitungsskandal, durch den die italienische Regierung gezwungen wurde, Stellung zu der Angelegenheit zu nehmen, leugnete sie natürlich jede Unterhandlung über einen Verkauf des Goes an das Ausland ab.

Quelle:
Bode, Wilhelm von: Mein Leben. 2 Bde, 2. Band. Berlin 1930, S. 136-144.
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