Nachtrag

[158] Schwer ist es mit einer Lebensbeschreibung zu Ende zu kommen. Man kommt mit seinem Charakter nie zu Ende. Die größte Unzufriedenheit habe ich mit dem Stil des Schreibens gehabt. Schon in der Schule wurde ich als Schreiber deutscher Aufsätze gegenteilig bewundert. Als Ideal der Schreibart würde ich die »Bekenntnisse Rousseaus« am höchsten stellen. Das ist eine wahrhaft geniale Arbeit. Dann würde ich noch die Schreibart Lessings bewundern und in demselben Sinne versuchen. Aber beides[158] ist mir versagt, und niemals werde ich mich bessern. Denn in der Hauptsache wünsche ich doch meinen Charakter zu treffen. Ich will mich als Künstler zeigen. Jeder Künstler ist wieder anders, größer oder kleiner. Der größte Künstler ist in meinen Augen Goethe oder auch Homer; erst dann kommen unsere von der Zunft: Michel Angelo, Tizian, vielleicht Beethoven, aber für die Musik ist mir das Gefühl verschlossen. Bach dürfte auch die hervorragendste Stellung einnehmen. In der Tat ist für mich die größte Wirkung in der Schriftstellerei zu dokumentieren, deshalb möchte ich auch als größtes Kunstwerk »Werthers Leiden« nennen.

Ehre und Ruhm? Nichts! Die Überzeugung in sich selbst! Wie der Mensch geboren wird, so bleibt er auch sein ganzes Leben lang. »Erfahrung macht klug« ist ein falsches Sprichwort, im Gegenteil fällt man immer auf dieselben Geschichten rein. Ich war stets ein naiver Dummerjahn. Wo soll man das lernen, wenn man stets mit Kaufleuten, Kunsthändlern und Verlegern zu tun hat, deren Geschäft es ist, den Künstler hineinzulegen, während der Künstler seine Gedanken auf die Kunst richtet und sein erstes Prinzip ist, etwas Gutes zu leisten. Ich glaube, die Kunst wird mein letzter Gedanke sein.


Mittwoch, den 20. Dezember 1922

Mehrere Jahre sind über mein Schreiben vergangen. Ich nähere mich meinem 65. Lebensjahre. In diesem Alter sind meine Arbeitsgenossen gestorben: Olde, Trübner etc. Wie lange es mir noch vorbehalten bleibt? Jedenfalls ist mir an meinem Leben nichts mehr gelegen. Ein lächerliches Treiben geht durch die Welt, nichts sieht man, und Deutschland steht am schlechtesten. Seit dem Kriege werden es nun bald zehn Jahre, und immer noch sind wir im ersten Stadium des Ruins. Eigentlich ist es noch[159] immer Krieg. So wie ich, der in der Kindheit die Hohenzollerndynastie nebst dem Aufstieg Preußens durchlebt hat, mehr noch als das; der mit Bewußtsein als Mann die Regierung als das einzig Große empfunden hat, mir ist der Boden unter den Füßen entzogen. Ich schwebe in der Luft. Die Kunst empfinde ich nicht in dem starken Feuer wie früher. Betrug, List gehen durch die Welt! Die Bilder sind zu »Sachwerten« degradiert, deshalb kaufen sie die reichen Leute, denn das Geld ist wertlos. Nur ganz gering taucht der künstlerische Funke auf. Wie edel sind die Jeremiaden Feuerbachs! Er klagt über Mißachtung seiner Kunst in der Welt. Das sind doch wenigstens Gefühle eines Individuums. Heute ist das Individuum ausgeschaltet. Ob durch Energie etwas zu erreichen ist? Ich will, und nichts wird mich hindern. Deutschland soll auf mich doch noch stolz werden. Ich kann alles, was ich will. Ich kann arbeiten, mehr und besser wie ein Junger; ich habe es erreicht, und wenn ich heute, während ich dies schreibe, sofort hin bin, so werde ich doch leben in der Zukunft. All der Klimbim mit Theosophie und Seele, die um den Leichnam schwebt – Aura! Humbug! Mein Vater sagte: »Du wirst schon beten lernen, wenn du krank und unglücklich bist«. Der letzte Strohhalm, welcher den letzten Anker bedeutet? Das ist nicht mein Fall! Mit vollem Bewußtsein und in meiner Kraft will ich meinen Glaubensartikel hersagen. Das gilt nicht, krank und schwach Abbitte zu leisten und meine Überzeugung aufzugeben, die ich mein ganzes Leben durchgehalten habe; gegen einen schwachen Augenblick, winselnd zu Kreuze kriechen.

Das gilt nicht!

Heute ist mir nicht gut zu Mute. Ich werde aufhören, vielleicht später das Weitere.


Mittwoch, am Vormittag 20. Dezember 1922 vor Weihnachten!

[160] Vielleicht macht der Festtag Heiliger Abend die Sentimentalität.


10. Januar 1923

Heute war der höchste Stand des Dollars 10000 Mark. Die Teuerung nimmt überhand, die Menschen wissen nicht, wie es werden soll.

Frankreichs Besatzungstruppen rücken in Essen ein. Genau so wie es in Schlesien wurde, so wird es in der Provinz Westfalen. Überall knabbern sie den Kuchen »Deutschland« an. Himmelschreiend! Den »Verfall Europas« nennen es die Zeitungen. Wenn es noch so wäre, aber ich sehe nur einen Zusammenbruch, das ist: »Finis Germaniae«. Kein Rächer entsteht. Kein Moses oder Bismarck.

Bei der vollständigen Geldentwertung der Mark werden wohl horrende Summen für Kleider, Lebensmittel, auch für Bilder gezahlt, aber der Ruin, die Pleite droht am Ende unseres Lebens. Das verkommene Deutschland, Knechtschaft und Verachtung eines jeden deutschen Bürgers. Hülfe uns Schwachen? Nur durch eigene Kraft könnten wir uns aufrichten. Die Feinde ringsum lachen sich ins Fäustchen. Nächstes Jahr sind seit dem Kriegsausbruch 10 Jahre vergangen. Ist noch die Kunst da? Kann man dieses krampfhafte Getue noch »Kunst« nennen? Ich arbeite und will arbeiten. So Schluß. –


Berlin, 11. Januar 1923

Politisch stumpfsinnt man so weiter, vielleicht kommt nun eine neue Phase. Der Dollar steht 8075. Man wird gleichgültig. Auch an die erbärmliche Handhabung der Kunst gewöhnt man sich so allmählich. Die[161] Nationalgalerie macht von mir eine große Kollektiv-Ausstellung. Ich bin neugierig, wie ich abschneiden werde. Zwei ähnliche Ausstellungen von mir in beiden Sezessionen sind bereits vorbei. Diese wäre besonders wichtig; vielleicht ist es die letzte; vielleicht die vorletzte meines Lebens. Wenn man dem Unglück verfallen, die Arbeiten miserabel gemacht hat, verzweifelt ist, warum arbeitet man noch? Es ist alles Unsinn und das Leben eine Hühnerleiter.

Meine bewußte Überzeugung war, deutsche Kunst auf eine höchste Stufe zu bringen. Ich hatte gesehen, was die französischen Künstler heute leisten, das könnten wir noch weit eher. Ich sprach vor unserer Jugend, ich kann sagen mit Erfolg. Die Erreichung lag ganz klar auf der Hand; kein Zweifel an das Ziel. Da kam der Krieg von 1914. Dieser Krieg hob alles auf, da habe ich resigniert an der »deutschen Kunst!« Wohlverstanden, aber nicht an mir. Zuerst glaubte ich zum Nutzen für Deutschland zu wirken, aber die sozialdemokratische Lage schien mir nicht günstig. Individualität blühte nicht. Es schien mir nicht fruchtbringend. Aber ich selbst schmeiße noch nicht die Flinte ins Korn. Niemals werde ich mein von Gott gegebenes Talent vernichten lassen. Ich stehe meinen Mann und ich werde noch so manche Arbeiten schaffen, die die Welt staunen machen soll.

Das Land ist vernichtet. »Ran an die Arbeit!«


Berlin, 12. Januar 1923

Das Drama hat angefangen: die Stadt Essen ist besetzt! Nach Art der Deutschen haben sie zetermordio geschrieen. In der Zeitung aber nur geschrieen. Vor allen Dingen rein äußerlich eine würdige Haltung bewahrt.

Der Dollar 10800.[162]

Im Herbst 1884 kam ich nach Paris; eine Stimmung empfing den Deutschen, die jedenfalls imponierender war. Ich studierte in einer berühmten Malschule. Die Franzosen, welche dort ebenfalls studierten, schienen mir keineswegs begabt. Konventionelle Auffassung. Drei Jahre blieb ich daselbst. Niemals habe ich irgend ein Talent entdeckt. Unter den Deutschen, namentlich der Münchner Akademie, war viel mehr Schwung. Ich bewundre die französische Malerei von Watteau bis Monet, sonst ist aber nichts Himmelstürmendes.

Ich hatte doch etwas gelernt. Die Form war mir klar aufgegangen. Deshalb habe ich stets unseren Feuerbach so hoch gehalten. Seine Erinnerungen aus seinem Leben stehen für mich einzig hoch da. Ringen nach Kunst, das ist ganz meine Überzeugung. Allmählich kam ich vorwärts; man fing mit mir an zu rechnen. Ich wurde nach Berlin geholt zur Stärkung der Berliner Sezession. Bald erhielt ich Ämter und Würden.


Berlin, 24. März 1923

Gestern war die Eröffnung der Berliner Sezession. Ich wollte die Sezession mehr auf das Aktuelle, auch Politische hinbringen. Ich habe deshalb den Reichspräsidenten Ebert eingeladen. Er sagte zu, kam aber wegen Unpäßlichkeit nicht. Also wieder nischt! Inzwischen ist Westfalen überflutet von Franzosen. Der Druck seitens Frankreichs wird unmenschlich. Mord, Geisel, Haß, Rache, die Saat der rohen Gewalt geht mächtig auf, aber dennoch nur keinen Krieg, das wäre glatter Selbstmord. Ob sich das nicht doch einmal noch bitter an Frankreich rächt? Ich denke doch, denn ewig kann die Konstellation nicht dauern, und alles wird gegen Frankreich geladen sein.[163]

Die Künstler sind zu Kaufmännern geworden, man hört nur Dollar, Devisen, Papiere.

Ekelhaft.


Berlin, 15. April 1923

Es bliebe nur noch zu erörtern übrig, wie man in heutiger Zeit unter den Künstlern über die Erotik denkt, und vor allen Dingen, was ich mir selbst darüber denke. Das Publikum denkt unter einer derartigen Kunstrichtung sich etwas Unanständiges und nur an stillsten Orten zu Betrachtendes und verliert das Verständnis noch mehr, wenn gar ein Künstler dieser Spezialität durch die ehrbare Justiz verdonnert wird. Vor allem möge man bedenken, daß die Justiz und deren Ausübung der Inbegriff alles Spießertums von allen Zeiten her gewesen ist.

Ich selbst habe darüber andere Begriffe: das Gefühlsleben der Menschen ist in dem Drange der Geschlechtsberührung zueinander ein weit schwungvolleres. Wie die Musik in den Menschen und in dem Gesange der Vögel eigentlich nur auf Geschlechtsempfindung beruht, so ist auch die Malerei rein sinnlicher Ausdruck. Ich kann wohl sagen, daß die Erotik das Geistvollste und am schwersten zu bewältigendste sein wird als rein malerischer Begriff. Der Künstler muß – wie der Priester auch, alle Seelenregungen der Natur erkennen lernen, nur so kann er zu einem Künstler und der Priester zu einem verständigen Menschen heranreifen.

Der Künstler wird stets diese Richtung in der Kunst ausgeübt haben. Ich selbst habe vielfach derartige Blätter entworfen und auch später mit vieler Freude betrachtet. Die Erotik ist so umfangreich, daß man gar nicht konstatieren kann, wo das Künstlerische aufhört und das Laszive anfängt. Eben weil es auch beim Schaffen der Werke reine Empfindungskunst[164] bedeutet, müßte es auch aus diesem Grunde schon, etwas Edelstes und Erhabenes in jedem Menschen hervorrufen. Wenn wir zuerst genug Naivität errungen haben, um jede Äußerung in unsern Gefühlen wie die antiken Menschen und die des Mittelalters wie Kunstäußerungen zu betrachten, alsdann wird auch heute die ganze Kunst vollständig sein. So lange das nicht errungen ist, haben wir nur ein dürftiges Fragment.

Quelle:
Corinth, Lovis: Selbstbiographie. Leipzig: Hirzel, 1926., S. 158-165.
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