Achter Teil
Ausklingen
Urfeld am Walchensee, am Sonnabend,
den 21. Juli 1923

[165] Heute habe ich mein 65. Lebensjahr vollendet, und an diesem Tage denke ich meine Lebensbeichte durch all die Jahre hin zu vollenden. Aufgehalten wurde ich darin heute durch ein Selbstporträt, welches ich an diesem Tage, meinem Geburtstage, gewohnheitsmäßig zu schaffen pflegte. Seit Jahren hatte ich meinen Kopf im Spiegel mit dem Blick auf den Walchensee gemalt.

(Ein späterer Nachtrag.) Grade dieses Bild, es schien gelungen, ist dann später (im August) von der Nationalgalerie erworben worden.

Alles was ich in diesem Leben errungen habe, danke ich zuerst meinen Eltern, die mich erzeugten und dann mir selbst, nur mir selbst. Ich habe im Leben übergenug Fauststöße erhalten, mehreren noch ausgewichen und auch einige zurückgegeben. Intriguen wurden eingefädelt, wie es in der Großstadt üblich war. Mein Schutzgeist wachte über mich und bewahrte mich vor Tod durch Ertrinken, vor Sturz in wagehalsigem Reiten. In Raufereien bewahrte er mich vor gefährlichen Wunden. Aber[166] auch vor Entgleisungen aller Arten beschützte er mich, wenn ich durch mein Temperament in gefährliche Situationen verwickelt wurde. Ich bin noch heute überzeugt, daß der gute Geist über mich wacht. Heute übersehe ich eine lange Spanne meines Lebens, wie es sich stetig zu meinem Fortkommen entwickelte. Niemals habe ich intriguiert, um durch andere hoch zu kommen, sondern durch mich selbst wollte ich vorwärts, eine Stellung sollte errungen werden, wenn ich auch Gegner an die Wand quetschen mußte. Ich konnte alles, weil ich es wollte!

Seit fünf Jahren verleben wir den Sommer am Walchensee. Meiner Frau schenkte ich ein Stück Terrain, worauf sie ein kleines Blockhaus erbaute. Sie leitete den Bau auf das Geschickteste und so wurde derselbe auch, als er beendet war, ihr Eigentum, denn ich selbst war unpraktisch, konnte nicht mit den Arbeitern verkehren. Ein reizender Blick war hier auf den See, und bald hatte ich alle Motive gemalt, die nun zur Freude der Menschheit werden sollten. Ob es wirklich künstlerische Arbeiten bleiben werden, muß die Zeit entscheiden.

Auch im Juli 1923 machte eine Ausstellung in der National-Galerie meinen Ruf bedeutender. Die Kritiker lobten mich weit über Gebühr. Ich möchte mich über einen Ausdruck verteidigen, den mir die Presse vorwarf: »Virtuosität«. Krankheiten, eine linksseitige Lähmung, wie ein ungeheures Zittern der rechten Hand, durch Anstrengung mit der Nadel verstärkt und durch frühere Exzesse von Alkohol hervorgerufen, verhinderten schon eine handwerkliche kalligraphische Mache in meinen Arbeiten. Ein fortwährendes Streben, mein Ziel zu erreichen, das ich in dem Grade niemals erreichte, hat mein Leben vergällt und jede Arbeit endete mit Depressionen, dieses Leben noch weiter führen zu müssen![167] Zwar, wenn ich meine Werke mit denen anderer verglich, erschien es mir, als wenn ich dasselbe oder mehr könnte, wie all die anderen um mich. So ist es gekommen, daß ich mich als Künstler immer höher einschätzte als die andern. Ich weiß noch, daß ich in München vor allen Arrivierten eine fast demütige Hochachtung empfand, bis ich plötzlich sah, daß ich das alles ebenso konnte, wie diese, die Hochschätzung von allen selbstverständlich entgegennahmen. Der Bann war gebrochen und bald gehörte ich ebenso zu den Auserwählten, wie die andern. Dem Kühnen gehört die Welt, ein Grundsatz, der durchaus zu empfehlen ist.

Die Welt hat sich anders entwickelt. Feuerbach war sein ganzes Leben vom Pech verfolgt. Sein »Vermächtnis« ist das schönste Künstlerbuch, welches geschrieben – man möchte fast, daß man niemals eine Arbeit glücklich vollführte. Heute ist es anders. Der Künstler erreicht immer eine Stellung, das hält uns aber absolut nicht ab, unser Leben unausstehlich zu finden – trotz Feuerbach.

Das Publikum ist interessierter geworden, auch kultivierter. Es weiß wohl den Unterschied eines guten und schlechten Bildes zu unterscheiden. Das Geld sitzt locker in der Tasche. Der Künstler wird durch Titel und Würden bedeutungsvoller; nichtsdestoweniger sind Titel und Ehren eitel Rauch und Schall.

Liebermann sagte einst zu mir, man muß alles haben, um zu sehen, wie nichtig alles ist. Mich stößt aber bereits alles ab, und ich will sogar das, was ich noch erreichen könnte, gar nicht haben, weil aus dem Errungenen schon der Ekel einen angrinst. Vielleicht hat das heutige traurige Geschick Deutschlands die Schuld an dem Ekel des Gewinns. Die Zeit ist für uns Alten eine ganz andere geworden. Wir können uns[168] nicht mehr hereinfinden. Selbst die Sprichwörter gelten heute nicht mehr z.B.: »wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Thalers nicht wert,« Es paßt nicht mehr und ist falsch. Auf einem Presseball sprach ich den einzigen Politiker, welchen ich achtete, von selbst an. Das war der Sozialdemokrat Noske. Zum Schluß der Unterhaltung sagte ich, daß ich Gutes leisten will, um unserm Deutschland in meiner Art vorwärts zu helfen. Inzwischen ist es so jämmerlich gekommen, daß es mir zweifelhaft erscheint, ob eine Kunst noch dem Lande aufhelfen kann.

Aber man muß die Flinte nicht ins Korn schmeißen! Es wäre zu entscheiden, ob der am wenigsten vom Glück begünstigte Künstler von anno 1880 vielleicht glücklicher gewesen ist, als der vom größten Erfolg bedachte Maler vom Jahre 1923. Mir scheint der arme Maler aus der Friedenszeit des verschwundenen Jahrhunderts der beneidenswertere von beiden. Heute soll der Künstler zu gleicher Zeit der gerissenste Kaufmann sein und beinah ein »Schieber«. Ein Ausdruck, der im Kriege und der Nachkriegszeit eigens erfunden ist. Ruhe und Beschaulichkeit, die notwendigen Begriffe für Künstler, sind längst abhanden gekommen. In München rühmten sich die Künstler, »derjenige, welcher die geringste Gescheitheit besitzt, ist auch der bedeutendste von den andern.« Man kann sich denken, welcher Wettstreit in diesen Rangunterschieden hervorgezaubert wurde! Das war ein Schlaraffenleben, den Künstlern auf den Leib gepaßt.

Sei es aber wie es sein möge: Heute ist es jammervoll. Herausgehoben aus dem Vaterlande, aus Heimat, welche man von Eltern her liebte – ohne Regierung, ohne Respekt vor der Obrigkeit, – Bestechungen – höchst traurig, recht traurig.[169]

Dazu eine Zukunft, die vom schwärzesten Vorhang verhüllt ist. Es wäre kaum zu ertragen gewesen, wenn nicht ein Geist mich getröstet hätte und mich in dieser Misere unterstützt und gekräftigt hätte. Ein Schutzgeist in wirklicher Menschengestalt, das ist meine Frau und unsere Kinder. Außer, daß sie ein großes Talent besitzt und meine Schülerin vor der Ehe wurde, besitzt sie einen großen Verstand und einen weiten voraussehenden Blick. Sie war es hauptsächlich, die mich stützte und mir half in allen schwierigen Lagen des heutigen Lebens. So arbeitete ich weiter und ihr zu danken hätten die Menschen, wenn ich noch in meinem späteren Alter einiges Gute geleistet habe.

Der Künstler ist leicht – und ich selbst bin es in hohem Maße – zu schweren Depressionen geneigt. Man erfährt aus seinen Verkehrskreisen, die oft die ganze Welt umspannen, daß der und jener sein Leben freiwillig beendet hat. Um auch dieses Kapitel zu streifen, möchte ich meine Ansichten aufstellen: Ich war nicht wenig erstaunt, daß alle Welt mich aus meinen Arbeiten einen starken Lebensbejaher nannte. In der Tat war ich, ich kann wohl sagen seit meiner Kindheit, von schwerster Melancholie heimgesucht. Es ist kein Tag vergangen, an welchem ich es nicht besser fand, aus diesem Leben zu verscheiden. Nur eines war der Unterschied: ich habe es nicht getan! Ich fürchtete, es später bereuen zu müssen. Deshalb vermied ich jeden Besitz von Waffen, Revolver, Dolch. Auch Rasiermesser habe ich nie besessen aus dem einzigen Grunde, ich wollte mich niemals hinreißen lassen, etwas in der ersten Aufwallung zu tun, was nicht richtig war. Dem stillen Suff habe ich mich des öfteren ergeben, aber in allem waltete ein Überwachen meines Körpers. Ich muß es extra betonen, nicht aus Berechnung und[170] kühlem Abwägen: so und so viel darfst du! Im Gegenteil, der Verstand ging mit mir durch wie ein wildes Pferd und hier grade war oft der Moment, wo ich mich an die Brust schlug und verzweiflungsvoll ausrief, was für eine dumme Eselei ich wieder einmal begangen hatte. Diese Situationen waren für mein Dasein von gefährlicher Versuchung. Deshalb nannte ich meinen guten Engel, welcher mich überwachte. Trotz all dieser Kalamitäten meine ich, daß der Mensch, welcher zum Selbstmorde neigt, eine andere Veranlagung haben muß, als ich wohl besessen. Zum Beispiel war mein Jugendfreund Paul Bach aus der Münchner und Berliner Zeit mit anderem Charakter veranlagt. Der Krieg hatte sein natürliches Temperament offenbar irritiert. Aus reicher Familie, mäßig, vorsichtig, anständig, überfielen ihn fixe Ideen vom arm werden und seinem angenehmen Leben entsagen zu müssen; diese Gedanken überwucherten sein lebenslustiges Temperament und zu unser aller Erstaunen ging eines Tages – ich will ausdrücklich bemerken, daß es ein heller Vormittag war – sein Leben zu Ende. Dieser Fall scheint mir für diese Charakterveranlagung typisch. Nun, ein Stück Selbstmord-Kandidat ist jeder Künstler, noch ist nicht aller Tage Abend und ich will hoffen ein »Lebensbejaher« zu bleiben, schon aus dem Grunde, weil ich nicht die Propheten desavouieren möchte.


Berlin, 13. August 1923

Heute leide ich wieder unter einer starken Depression. Seit Tagen versuchte ich eine Skizze »der verlorene Sohn« zu malen. Ich will versuchen diesen Zustand auf frischer Tat zu beschreiben. Ich sah, daß meine Malerei tatsächlich ein reiner Mist war. Das Leben zwecklos, keine Aussicht, schwarzer Vorhang, dazu kommt ein Wüten gegen mich[171] und meine Arbeiten. Ich vergesse meine Klugheit und möchte laut in die weite Welt ausposaunen: Was findet ihr an mir, ich bin ein trostloser Geselle! Merkt ihr denn nicht, daß ich nichts bin – kein Künstler, nichts! Krankhaft verzagt bin ich – ich sehe um mich keinen Sonnenschein; das ganze Leben war vergeblich gewesen. Der Gedanke, dieses Leben zu enden, tritt nahe; es bleibt aber nur ein Gedanke wohlgemerkt. Dadurch, daß dieser Zustand in ähnlicher Reihenfolge immer neu auftritt und allmählich verklingt, tröstet es mich. Schon gewohnheitsmäßig tröstet meine Familie: »Das kennt man schon! Es wird schon wieder besser!« Kennen wir schon! Es ist ein höhnischer Trost, aber ich liebe es, grob angefahren zu werden. Ein Paroxysmus kann natürlich niemals auf der Höhe bleiben, es wäre auch zu schrecklich und wie ein Rekonvaleszent wird man allmählich wieder lebensfähig, um bald wieder Freude an der Arbeit zu finden; ja, sogar, man bewundert allmählich sich selbst in seinen Arbeiten und sagt sich leise, wenn es niemand hört: Du bist doch ein toller Kerl! Diese Prahlhanselei gilt mir mehr – heute kommt es mir schon sehr viel seltener vor – als all das Wüten gegen sich selbst, obwohl das auch zu nichts führt und nur schädlich gegen sich selbst wirkt.


Berlin, 31. August 1923

Der letzte Akt des Ruhrunternehmens neigt sich seinem Ende: Deutschland zerfällt und löst sich selbst auf in einzelne Teile. Ich wünschte meine Prophezeihung wäre falsch. – – Aber! – – Schluß!


Berlin, 27. September 1923

Jedesmal wenn ich Unter den Linden gehe, so muß ich an das Eckfenster des Palais vom alten Kaiser Wilhelm denken. Wie viele Male,[172] wenn ich aus Königsberg hierher kam, am meisten aber, als ich 1887 aus Paris kam und meine Schritte dorthin richtete, sah ich den alten Kaiser an dem Fenster seine Arbeiten verrichten: er las verschiedene Briefe, unterschrieb sie und streute Sand auf die nasse Unterschrift. Die Vorbeigehenden machten kein Wesens davon, nur einzelne Fremde wie ich schauten ehrfurchtsvoll zum Fenster herauf. Aber Mittags zog die Wache auf. Man hörte von weitem Posaunenklänge und Trommelwirbel. Da wälzten Straßenjungen und Nichtstuer sich nach dem Takte der Musik, zwischen dieser Masse tauchte der Tambour auf mit hohem goldverziertem Knopf, erhob ihn zu seinen Musikanten und bald intonierten sie vor dem Palais eine andere Tonart. Da in Haltung marschierte die Garde in weißen Hosen und blauem Rock, sie warfen die Beine und hielten die Augen rechts. So sahen sie ihrem Feldherrn in das Fenster, der da aufgerichtet stand und sich vor den Vorüberziehenden, Volk und Truppen verbeugte. Wenn dann die Truppen vorübergezogen und die Musik schwächer wurde, wogte die dort gebliebene Menge begeistert mit frenetischem Hurra zum Fenster, um den geliebten Herrscher noch von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das war der Zenit der preußischen Kaiserherrschaft. Einen ähnlichen Anblick hatte ich als Quartaner in Königsberg erlebt. Bismarck war mit seinen Söhnen vor seinem Quartier, »Das Deutsche Haus«, in seinen Wagen gestiegen und sehr wenige Menschen umgaben ihn. Bismarck machte einen finsteren Eindruck, er nahm keine Notiz von der kleinen Versammlung. Dann fuhr er fort und die Dagebliebenen zerstreuten sich ebenfalls. Friedrich der Große sagte zu einem Besuch, welcher die Liebe seines Volkes zu ihm rühmte: »Setze er einen alten Affen auf ein gezäumtes Pferd und das Volk wird ihm[173] ebenso zujubeln.« Mein Freund Friedrich Wahle aus Prag nannte die begeisterten Stürmer »die Hurra-Canaillen«. Das sind »olle Kamellen«, aber es ist vielleicht doch ein Unterschied zwischen einst und jetzt! – – –


* * *


Dieser Ausfluß meiner Gedanken soll nichts weiter bedeuten, als daß ich meine Erinnerungen kontrollieren wollte. Eigentlich sollte das vorige Kapitel der Schluß meines Lebens sein, aber es kommen stets neue Ereignisse, welche es schwer machen, einen Schlußpunkt darunter zu setzen. Meine Prophezeiungen treffen hoffentlich nicht ein. Der Quälgeist Poincaré ist von Frankreich kalt gestellt. Und wenn dessen Politik auf die definitive Vernichtung Deutschlands herauslief, so sind doch die Nachfolger von einer kühleren Berechnung durchdrungen. Nicht als wenn sie uns wohlwollten; im Gegenteil, sie zeigen nur ihren Haß nicht und lassen vor allen Dingen die Vernunft walten. Tatsächlich erscheinen einzelne Lichtpunkte, namentlich ist das Geld besser geworden und wenn es einigermaßen geht, ist Aussicht, daß es bei der Geldwährung so bleibt. Im Augenblick ist freilich eine so gewaltige wirtschaftliche Depression, daß kein Mensch daran denkt, Bilder zu kaufen, noch viel weniger anständig zu bezahlen. Zu der Zeit der größten Geldentwertung, etwa Juni 1923 bis November, waren die Bilder vom Publikum so gesucht als »Sachwerte«, daß man in den Straßen angesprochen wurde und gebeten, einiges abzugeben. So hielt es an, bis die Mark stabil wurde. Mit der »Rentenmark« hatte man endlich das einzige stabile Geld. Trotzdem es noch immer schwierig war, atmete man doch auf, als das Geld wenigstens bis zum nächsten Tage gleichen Wert behielt. Aber bald setzte die Geldknappheit ein. Bares Geld war eine Seltenheit.[174] Die reichsten Menschen hatten nichts. Wohl dem, welcher über einiges Bargeld verfügen konnte. Trotzdem ging man an die Arbeit. Ich hatte seit dem Kriege den Ehrgeiz, Generale oder Politiker zu malen. Hindenburg bestürmte ich, während des Krieges mir zu sitzen. Jedoch waren andere an der Krippe, so daß mir, diesen zu malen, zur Unmöglichkeit wurde. Dann gelang es mir wenigstens, den Organisator der Kaiserlichen Marine Exzellenz Tirpitz zu malen. Diese Persönlichkeit ist eine der wenigen »Offiziellen«, welche ich dargestellt habe. Mein Ehrgeiz war auch, das Modell an Ort und Stelle zu malen, indem ich damit eine größere persönliche Richtigkeit in der Erscheinung bezwecken wollte. Ich wurde mit ihm bald bekannter, weil wir, wie es sich im Gespräche herausstellte, einen gemeinsamen Bekannten hatten. Es war der berühmte Braun, welcher in den letzten Jahren meiner Schulzeit mein intimster Freund war. Mit ihm wurde ich in der reformierten Kirche in Königsberg eingesegnet. Nachher wurde ich Maler und er ging zur Marine über. Er war lange Zeit Tirpitzens Adjutant. Er zeigte mir auch eine Photographie von Braun, auf welcher er natürlich gar nicht wiederzuerkennen war. Braun führte dann das Schiff »Iltis«, kam in die chinesischen Gewässer, geriet in einen Orkan, in einen Taifun, und ist dann mit Mann und Maus untergegangen. Die Zeitungen schrieben viel von dem heldenhaften Untergang ihres Kapitäns und der Mannschaft. Ich betrachte das Porträt von Tirpitz wie meine sämtlichen Arbeiten lediglich von der künstlerischen Seite.

In dieser Zeit schlugen die Bilder vom »Walchensee« eminent ein. Ich arbeitete an diesen Motiven unentwegt weiter, so sehr auch die Friedensstimmung unserer Kunst hinderlich war. Endlich war doch meine Kunst wichtiger für mich als all die politischen Handlungen, zumal wir[175] unsere Lage nicht verbessern konnten. Die Zeit des Krieges und die Zeit des von den siegreichen Feinden diktierten Friedens war eigentlich eine Reihe von Tatsachen, welche überraschend anders eintrafen, als wir uns gedacht hatten. Es wurde niemals mehr verkauft als grade nach dem Zusammenbruch. Es wurden einem förmlich die Bilder von der Staffelei gerissen, und niemals blüten die Ausstellungen im ganzen Deutschland mehr denn jetzt. Daß unsere Bilder gegen das schlechte Geld als wertvollere Sachwerte angesehen wurden, blieb demnach als Tatsache bestehen. Aber auch im idealen Sinne machte meine Kunst einen großen Fortschritt. Meine Produktionskraft war größer denn je. Gerade beim Niedergang des Krieges errang ich durch die Motive des Walchensees über die Maßen große Erfolge, im finanziellen Sinne und im idealen. Jeder Berliner wollte ein Bild aus jener bayrischen Gebirgsecke besitzen, und so kam es, daß ich nebst dem Stilleben ein Spezialist für diesen schönen Winkel vom Walchensee wurde. Auch die Galerien wollten durchaus diese Bilder haben.

Es war im Sommer des Jahres 1918 als meine Frau und meine Familie zufällig nach dem Walchensee gegangen waren. Meine Frau, welche begeistert von allen Plätzen an diesem Ort war, wollte mich überreden, hier einen Sommersitz zu bauen. Ich war dem entgegen; ich sah einem Zerwürfnis mit Bayern mit Sicherheit entgegen.

Das Faktum ist, daß wir heute noch immer dorthin gehen und ein kleines Haus daselbst besitzen. Leider muß ich gestehen, daß ich dieses Jahr fast nichts gemalt habe als den See und dann freilich auch einige Bilder auf einem mecklenburgischen Gut, wohin ich seit mehreren Jahren geladen wurde. Von diesen Bildern sind einige nach der Kunsthalle in[176] Bremen gekommen. Außerdem plante ich noch immer, einige politische Männer aus unserer Zeit zu malen, und so hatte ich im April 1924 die Absicht, unseren Reichspräsidenten auf der Leinwand zu verewigen. Wenn ich ein Porträt malen wollte, so habe ich es stets für das Richtige gehalten, das Modell am besten in seinem eigenen Heim zu malen. So bewog ich denn Bekannte, von denen ich sicher war, daß sie den Betreffenden am besten beeinflussen konnten, den Reichspräsidenten Ebert zu bitten, mir seine Zeit zu opfern. So hatte ich es bei Tirpitz gehalten. Bei Hindenburg verfehlte ich gründlich meine Absicht. Ich glaube, daß ich diese Angelegenheit verfehlte, weil genug Conspiranten ihn umgaben und so meine Intention gründlich gekreuzt wurde. Aber beim Reichspräsidenten gelang es mir, denn vom Bureau des Reichspräsidenten wurde mir telephonisch mitgeteilt, daß er mir gern willfahren wollte und ich deshalb mich zur Besprechung in seinem Palais einfinden möchte. In wenigen Tagen hatte ich das Ganze geordnet und an einem Dienstag fing ich mein Werk an. Um zehn Uhr früh war ich da, und bald darauf war mein »Opfer« da. Ich war von ihm im Winter schon einige Male eingeladen und infolgedessen war schon meine persönliche Bekanntschaft gemacht. Freilich verhielt er sich die ersten Tage etwas formell. Mich interessierte sein Kopf durch seine interessante Häßlichkeit ungemein, ich dachte mir schon, daß meine Arbeit wie immer beim Publikum falsch verstanden werden sollte. Freunde von ihm, welche ihn schon soviel gesehen hatten, hatten von ihm eine andere Auffassung, als ich seinen Kopf darstellen mußte. Er selbst ließ mich willfahren und motivierte es, daß er die Malerei nicht verstände und zuckte so zu sagen nicht mit der Wimper. Nur das erste Mal, als ich ihn sitzend aufnehmen wollte, widerriet er, indem er[177] sagte, daß er gerade in dieser Auffassung schlechte Erfahrungen gemacht hätte. Ich verstand ihn sehr gut, im Sitzen schob sich der ganze Körper zusammen, der Hals schob sich in den Kopf, da er schon von jeher eine gedrungene Figur, einen athletischen Brustkasten hatte, so wurde er nur noch gedrungener und dadurch unbedeutender. Da ich es auch für günstiger hielt, eine repräsentative Erscheinung zu bringen, so änderte ich alles und brachte ihn stehend auf die Leinewand. Von da ab hat er nichts weiter gesagt und wurde nur von Tag zu Tag immer menschlicher und demnach auch liebenswürdiger. Überhaupt besitzt dieser Erste des Deutschen Reiches ein großes Taktgefühl, und dieses ist ihm auch stets treu geblieben. Er stellte mir stets sein Automobil zur Fortfahrt und zum Abholen aus meiner Wohnung zur Verfügung. Er tat das auch nicht, als wenn es mit einem Male abgetan wäre, sondern jedesmal nach Schluß der Sitzung hat er es immer wieder dem Chauffeur befohlen. Auch seine Frau war von wohltuender Schlichtheit, und die Freude über ihre Gäste leuchtete ihr aus den Augen. Auch die ernsthafte Bildung fiel allgemein auf, und es blieb mir eine stete Hochachtung für dieses Paar. Es wurden boshafte Lügen über das Paar verbreitet. Die menschliche Canaille bleibt sich überall gleich, und gerade in den sogenannten gebildeten Kreisen stinkt sie am allermeisten. Ende der Woche machte ich mit dem Bilde Schluß. Ich stellte es im Kronprinzenpalais, einer »Filiale« der Nationalgalerie, aus. Das übliche Entsetzen, wie alle meine Bilder es so an sich haben, trat ein. Wenn ich ein Kind gemalt hatte, so war dasselbe Entsetzen, wie es die Amme oder die alte Pflegerin »Nänne«, wie man diese in Berlin nannte, ergriff, genau dasselbe. Und die Empörung ergriff sie, wie man das holde Wesen so entsetzlich veralbern konnte![178] In diesem Sinn und um wieviel mehr ergriff das Bild das Publikum! Teils haßten sie in ihm den Vorgesetzten, den Parteigegner, und dazu kam noch der bekannte, scharfe Berliner Witz, welcher üppige Blüten um das Bild emporwuchern ließ. Endlich kamen die guten Freunde noch dazu, welche dem Reichspräsidenten im guten rieten, das Bild, welches soviel Ärgernis erregte, ihn selbst schädigte, zu entfernen. Nachdem das Werk eineinhalb Monat so dem Volke präsentiert war, wurde es auf Bitte des Reichspräsidenten entfernt. Bald darauf wurde ich mit meiner Frau zu einem Sommertee bei ihm im Garten eingeladen. Ich sah aus diesem wieder das schöne Taktgefühl heraus, welches ich vorher so rühmte. Was mein Porträt betrifft, so überlasse ich dasselbe ganz ruhig dem Urteil der Zukunft. Nach Jahren, wenn durch die Neutralität die Beurteilung des Bildes gerechter wird, wird auch meine Kunst gerechter beurteilt werden; auch das Urteil wird klüger werden, denn auch das dümmste Publikum nimmt an Verständnis mit den Jahren zu. Zufällig habe ich heute morgen durch »eingeschriebene Post« ein Pamphlet erhalten, auf dessen erster Seite mit Bleistift geschrieben stand: »Ich habe mich riesig gefreut, daß Sie Eberts lange Finger so wundervoll getroffen haben.« Das ist eine Blütenlese von derartigem Mist. Man kann sich denken, daß dem Reichspräsidenten von derartigem Zeug übel wird, und wenn er auch den Gleichmut Friedrichs des Großen hätte, um derartiges niedriger zu hängen. Zu dem Gartenfest war es sehr interessant. Es waren fremdländische Diplomaten da, ein Kardinal in seiner Tracht, was mir besonders sehr interessant vorkam, Journalisten und außer mir kein Künstler. So erschien mir nur desto deutlicher, daß meine Einladung mit meiner Frau deshalb noch bedeutungsvoller war.[179]

Quelle:
Corinth, Lovis: Selbstbiographie. Leipzig: Hirzel, 1926., S. 165-180.
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