Oheim und Muhme

[182] Nach etwa acht bis zehn Tagen, die wir uns ohne sie behelfen mußten, war denn auch die Tante von Weimar zurückgekehrt und mit einem Jubel empfangen worden, als sei sie von der Leuchtenburg entsprungen. Auch zweifelte ich nicht, daß es ihr selber so zumute sei, denn als sie uns in tiefer Bewegung und mit Tränen in die Arme schloß, glaubten wir, sie weine nachträglich noch darüber, daß man sie so lange von uns zurückgehalten habe.

Die Tante war eine noch sehr junge Frau von einnehmendstem Äußeren, mehr anmutig als regelmäßig schön, mehr herzlich als geistreich, mehr leidenschaftlich als beweglich, eine ursprüngliche Natur, harmonisch in sich selbst und durchaus wahr. Ein eigentümlicher Kontrast, in welchem ihre lebhafte, fast stürmische Empfindung zu der wohltuenden Ruhe ihrer Sprache und aller ihrer Bewegungen stand, gab ihrer Erscheinung das höchste Interesse. Wie meine Mutter, stammte auch sie aus einer jener deutschen Familien, die, obgleich seit Jahrhunderten in Estland ansässig, sich dennoch ihre vaterländische Sprache und Art erhalten haben. Sie hatte das Glück, im Schoße der Ihrigen aufzuwachsen, jedoch nicht genossen, sondern war schon als Kind dem kaiserlichen St. Katharinenstift in Petersburg übergeben worden, das sie erst verließ, um die nach Weimar heiratende Großfürstin Marie Pawlowna als Hofdame zu begleiten. Am weimarischen Hofe lernte sie Ziegesar kennen und folgte ihm auf sein einsames Waldschloß.[182]

Meine Mutter befreundete sich schnell mit dieser ihr bis dahin persönlich fremd gebliebenen Kusine, deren offenes, ungeschminktes und doch so graziöses Wesen jedermann anzog. Beide Frauen fanden in ihren Ansichten und Erlebnissen reichliche Berührungspunkte und regten mit ihrer Geistesfrische auch die Väter an. Die Unterhaltungen am Teetisch oder des Abends nach dem Essen in des Onkels Zimmer mögen guter Art gewesen sein, wenigstens war keine Langeweile dabei, und wenn meine durch Arbeit und Spiel sehr reichlich besetzte Zeit es erlaubte, so lauschte ich gern dem Gespräch der Alten. Wenn aber die Tante sich ans Instrument setzte und mit ihrer glockenreinen Stimme ein geistliches Lied intonierte, dann vergaß ich vollends jedes Spiel und hockte mich still in eine dunkle Ecke. Wie ist das deutsche Kirchenlied doch so voll Kraft und Seele! Man hörte damals im Gesellschaftsleben nicht viel anderes als Goethesche Lieder, für welche Kinder, mit Ausnahme des »Erlkönigs«, kein Verständnis haben; das Kirchenlied war aus den Häusern ausgewandert. Diese Art des Gesanges trat mir hier als etwas Neues entgegen und machte auf mich vielleicht gerade deshalb um so tieferen Eindruck.

Frau von Ziegesar hatte durch ihre Erziehung, durch Erinnerung und Familienbande zwar warme Sympathien für Rußland behalten, aber aus deutschem Blut entsprossen und mit einem deutschen Mann verbunden, teilte sie die vaterländische Begeisterung des Volkes, dem sie nun auch bürgerlich angehörte, um so aufrichtiger, als die später aufgekommene Idee, Rußland als den Erbfeind Deutschlands anzusehen, noch nicht erfunden war. Das deutsche Bewußtsein setzte sich damals vornehmlich französischer Nationalität wie deren Eigentümlichkeit entgegen, welche mit jeder denkbaren Untugend identifiziert wurde. Deutsch sein hieß dagegen tadellos sein, unerschrocken, wahrhaftig, treu fromm und wohlanständig. Dies Deutschtum pflegte die Tante, im Gegensatz zu dem, was man französisch nannte, mit Sorgfalt in uns Kindern und wußte uns dermaßen für Vaterländisches zu begeistern, daß wir uns sogar der allereingebürgertsten französischen Worte schämten. Mein Bruder und ich nannten sie daher nicht Tante, sondern Muhme, und konnten gewiß sein, ihr damit zu gefallen.

Ebenso ließ Herr von Ziegesar sich gern Oheim nennen. Um eine halbe Kopflänge höher als andere große Gestalten, mochte er jener Riese Goliath gewesen sein, dessen Mariechen sich von ihrer Taufe her erinnern wollte. Dieser treffliche Oheim war ein Ehrenmann von altem Schrot und Korn, als welcher er auch weit und breit im Lande respektiert ward. Mir imponierte er vornehmlich als Hausherr, da er ein strenges Regiment führte und sich, ganz im Gegensatz zu meinem Vater, um[183] alles kümmerte, was vorkam. Die kleinste Unordnung und Ungehörigkeit ward auf der Stelle gerügt, wenn auch mit großer Ruhe und ohne Poltern, doch mit sehr anzüglicher Satire.

Vernachlässigte Körperhaltung war streng verpönt. Wir mußten vor jeder Mahlzeit einen langen, vom Speisezimmer auslaufenden Korridor mit methodisch auf dem Rücken verschränkten Armen in gerader Haltung dreimal auf und nieder marschieren, ehe wir uns setzen durften, und dann erst wurden wir für genügend ausgestreckt gehalten, um bei Tisch gerade zu verbleiben. Vergaßen wir uns dennoch, so saß uns auch schon der Gabelstiel des Oheims auf dem Rücken, oder wenn er uns etwa nicht erreichen konnte, so hörte man ihn von Schneidergesellen, Fiedelbogen und anderen krummen Dingen murmeln und fuhr betroffen auf. Ich saß und wandelte damals so gerade wie ein Ladstock, da doch früher die mannigfachen Ermahnungen meiner treuen Mutter niemals etwas Aufrichtendes für mich gehabt hatten. Gewiß ist auch mit Spott und Gabelstielen mehr auszurichten.

Nach gleicher Methode wurde man auch zu jeder anderen Wohlanständigkeit gezwungen. Wer mit Tintenflecken, langen Nägeln oder sonst nicht ganz probemäßig bei Tisch erschien, konnte nicht lange ausdauern. Der Oheim sprach dann etwa von Leuten, die aussähen, als wären sie hinter dem Zaun geboren, und der Getroffene machte, daß er fortkam, um sich zu korrigieren. Flatterhaftigkeiten, Prahlereien, leeres Geschwätz und gefräßiges Schmatzen dämpfte er schnell durch vergleichsames Reden von Franzosen, Unaufmerksamkeit und Verdrossenheit bewunderte er als eskimosche Temperamentsvorzüge, und ließen wir es an irgendeiner Ehrerbietung fehlen, so erkundigte er sich höflich, wo wir studiert hätten, in Flegelstadt oder Lümmelburg.

Dergleichen Korrektionen waren kurze Zügelgriffe mit rascher Wirkung, obgleich der Oheim uns kein saures Gesicht dabei zeigte. Nur einmal hatte ich den Eindruck, als sei er wirklich aufgebracht gewesen, und zwar bei folgender Gelegenheit.

Herr Bäring hatte spartanische Geschichte mit uns getrieben, bei welcher Gelegenheit wir für Abhärtungen aller Art begeistert wurden. Insonderheit bewunderten wir die Standhaftigkeit, mit welcher die Knaben ihre periodischen Geißelungen ertrugen. Dem Schmerz so ohne Zuck und Muck zu trotzen, erschien sehr männlich, und wir verlangten nach ähnlicher Übung. Da aber Herr Bäring hierauf nicht eingehen wollte, so bläuten Hermann und ich uns gegenseitig mit einer alten Reitpeitsche ab, wobei die jüngeren Brüder als Ephoren gegenwärtig sein und aufpassen mußten, ob wir Schmerz verrieten. Zur Belohnung wurden sie dann auch gedroschen.[184]

Nun wohnte im benachbarten Försterhause ein Jagdjunker von Ende, der uns mancherlei Vergnügen machte. Er fertigte uns dreieckige Hüte von Pappe, schenkte uns altes Riemenzeug zu Koppeln für unsere Schwerter, lehrte uns Sporen von Weidenzwieseln schneiden und dergleichen mehr. Hermann und ich besuchten ihn daher fleißig, um ihm Gelegenheit zu geben, uns durch irgend etwas zu erfreuen, und fanden in der Regel unsere Rechnung dabei.

Bei einem dieser Besuche zeigte uns Herr von Ende ein paar Ordenskreuze, die er aus Blei gegossen und mit bunten Bändern versehen hatte. Diese Dekoration, sagte er, wolle freilich verdient sein, und nur der könne Anspruch darauf erheben, der, ohne mit den Augen zu zwinkern, drei markige Hiebe mit seinem Kantschu ertrüge. Das war das richtige Wasser auf unsere Mühle. Wir hatten gute Vorstudien gemacht, drängten uns zur Probe und wurden beide dekoriert.

Beim Abendessen fragte der Oheim, was wir da für Kreuze hätten, und ich erzählte den Hergang. Da legte jener den Löffel weg und sagte in fast melancholischem Tone, daß ihm jeder Appetit vergehe. Dann aber fuhr er auf und fragte, ob wir denn Türken oder Schranzen oder was wir wären, daß wir uns für unseren Vorteil malträtieren ließen. O der greulichen Schande, sich schlagen zu lassen um solchen Tand! Und daß er das an seinen eigenen Kindern und Tischgenossen erleben müsse, sei entsetzlich.

Wir waren wie mit Blut übergossen und zerrten an unseren Bändern, um die fatalen Kreuze loszuwerden, die jetzt wie Feuer brannten. Bäring zwar nahm uns in Schutz. Jedes Ding, sagte er etwa, habe zwei Seiten, sei Ehre oder Schande, je nachdem man es begriffe, und er könne nichts so Entsetzliches drin finden, wenn wir uns bestrebten, jenen welthistorischen lazedämonischen Knaben nachzueifern. Der Oheim aber erwiderte: was für ein Pack die Spartaner gewesen, könne man schon aus ihrer schwarzen Suppe sehen, und er glaube, daß die polnischen Wölfe sie in jeder ihrer Tugenden bei weitem überträfen. Wir aber wären Deutsche, wir hätten uns deutschen Begriffen von Ehre und Schande zu bequemen.

Wir hatten eine ausreichende Lehre empfangen und waren ganz einverstanden damit, daß unsere Orden durch Herrn Bäring mit dem Ersuchen zurückgesandt wurden, uns für die Folge mit derlei Auszeichnungen zu verschonen.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 182-185.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon