Ein Besuch bei Hofe

[152] Der alte Bardua brachte die Nachricht mit vom Schlosse, es habe ihn der Herzog nach uns Kindern gefragt, und da Se. Durchlaucht nichts ohne Ursache täte, so glaubte er, daß wir in den nächsten Tagen zum Erbprinzen eingeladen werden würden. Das war eine wichtige, fast schreckliche Neuigkeit, die uns in große Spannung setzte. Zwar hatten wir schon mancherlei Potentaten gesehen, den König von Sachsen, Napoleon und andere, aber nur von weitem auf der Straße, wie man Kirchtürme und ferne Berge ansieht, die einen weiter nichts angehen; dergleichen aber ordentlich zu besuchen und mit ihnen zu sprechen wie mit anderen Leuten: ob das ein Vergnügen sein werde? Die Mutter bezweifelte es. Sie fand überhaupt so vornehmen Umgang wenig geeignet für uns und wäre gern ausgewichen; der Vater aber meinte, wenn wir eingeladen würden, so bliebe doch eigentlich nichts anderes übrig, als hinzugehen.

Inzwischen machte uns der Erbprinz erst einen Probebesuch in Begleitung seines Gouverneurs, des Hofrats Beckedorff, welch letzterer, sich[152] mit meinem Vater in ein Gespräch vertiefend, uns seinen Zögling überließ. Der Prinz war ein wohlgebildeter Knabe, schlank, von durchsichtig zarter Gesichtsfarbe und hochblond. Er mochte damals etwas über acht Jahre alt sein und stand somit in der Mitte zwischen mir und meinem Bruder. Wir sahen uns ihn genau an, etwa wie einen jungen Vogel Strauß, ohne daß er das Interesse, das wir ihm zeigten, zu erwidern schien. Er zeigte uns vielmehr die aufrichtigste Gleichgültigkeit, bis es gelang, ihn unter die Pflaumenbäume des Gartens zu bewegen. Da wurde er handlicher. Er habe Ziegenböcke, sagte er, und einen Fuchs, und wir könnten ihn am Nachmittag auf dem Schlosse besuchen.

Ziegenböcke und ein Fuchs sind liebenswürdige Eigenschaften. Wir sahen den reichen Prinzen bewundernd an und freuten uns auf die Genüsse des Nachmittags. Als sich die Stunde indessen nahte und wir uns anziehen sollten, fanden wir doch wieder einiges Bedenken. Der Prinz für seine Person zwar war uns nun bekannt, wie wir aber den Herzog und die Herzogin bestehen sollten, falls wir mit diesen hohen Herrschaften zusammenträfen, das stand auf einem anderen Blatte. Wohl waren wir bis dahin nicht in der schlechtesten Gesellschaft aufgewachsen, nach dem Maßstabe der großen Welt jedoch immer nicht in der besten, und wer konnte wissen, was in jenen höchsten Kreisen für feine Sitte herrschte? Wir hatten davon die abenteuerlichsten Vorstellungen und quälten uns mit hypochondrischen Besorgnissen vor möglichen Flegeleien, die wir begehen könnten. Wir erkundigten uns daher ausführlich bei der Mutter, wie wir uns zu benehmen hätten.

Da trat der Vater ein und ließ sich überaus tröstlich vernehmen. Er sagte, wir sollten uns gar nicht benehmen, sondern sein wie immer, und wenn wir etwas weniger ungezogen wären, würde es nichts schaden. Man würde uns fragen, wie alt wir seien, wie wir hießen, wie unsere Schwester hieße, und ob wir sie recht lieb hätten, vielleicht auch, ob es uns in Ballenstedt und bei Barduas gefiele. Die Antworten würden wir wohl auswendig wissen. Im übrigen würden wir mit dem Prinzen spielen und dabei mehr auf sein Vergnügen als auf das unserige bedacht sein.

So ausgerüstet und gestählt, wie auch aufs sauberste gekleidet, gewaschen und gekämmt, folgten wir dem Hoflakaien, der uns abzuholen kam, passierten respektvoll den am Schloßtor aufgestellten Posten und traten so ernst wie Tiere in das Portal ein. Dann wurde eine Türe aufgerissen, und wir traten in ein helles Zimmer mit weiter Aussicht über Berg und Tal. Hier trat uns der Hofrat Beckedorff entgegen und begrüßte uns wie hübscher Leute Kinder, und auch der Prinz erschien und[153] war viel zutunlicher als am Morgen. In seinem Gesicht lag ein herzgewinnender Ausdruck von Freundlichkeit, und ungescheut entwickelte er einen neuen Reichtum liebenswürdiger Eigenschaften.

Er führte uns zuvörderst an seinen Schrank und zeigte auf, was er besaß. Da sahen wir Dinge, von deren Möglichkeit sich unsereins nichts hätte träumen lassen, z.B. einen Reichsadler, aus lauter kleinen Muscheln zusammengesetzt, eine mit goldenen Scharnieren versehene Walnußschale, aus welcher sich ein Paar lederne Handschuhe entwickelten, die dem Prinzen paßten, ein Petschaft, welches beim Druck des Siegelns ein musikalisches Ständchen von sich gab, und mehr dergleichen Kuriositäten. Es war ein Vergnügen des Staunens, wie Reisende es beim Beschauen des Grünen Gewölbes zu Dresden empfinden. Auch an eigentlichen Spielsachen war kein Mangel, man sah Bleisoldaten von den schlanksten Proportionen, Kreisel, Federbälle und Kegelspiele. Aber auf meinen gefälligen Vorschlag, damit zu spielen, erwiderte der Besitzer, man besähe das nur.

Dagegen nötigte der Prinz uns bald hinaus in den Schloßhof, den Fuchs zu begrüßen, der in einer Ecke an der Kette lag, gleich einem Hündchen, und Rossel hieß. Rossel stank gewaltig, was besonders interessierte, demnächst war er leichtfüßig und gewandt und vergnügte uns durch graziöse Sprünge, bis ein Wagen vorfuhr, der uns in die Berge führen sollte. Zwar hatten wir eigentlich erwartet, auf den Ziegenböcken zu reiten, aber der Prinz belehrte, die seien im Marstall, und man reite nur des Morgens. So stiegen wir denn in den Wagen, und es war auch zu ertragen, so bequem und leicht durch die waldigen Täler hinzufliegen. Unsere Zuneigung zum Prinzen blieb im Wachsen.

Aber der hinkende Bote kam hintendrein. Um die Teezeit zurückgekehrt, wurden wir zur Herzogin beschieden. Beckedorff nahm seinen Hut und wandelte vor uns her mit einer Zuversicht, als ginge es zu Tische; wir anderen folgten, und, die langen Korridore durchschreitend, blieb Zeit genug, zu überlegen, wie es anzufangen sei, sich nach der Weisung meines Vaters gar nicht zu benehmen. Das Herz ward immer schwerer, und ziemlich engbrüstig betrat ich Hand in Hand mit meinem Bruder das grünseidene Audienzzimmer der Herzogin, welche mit ihrer Tochter, der Prinzessin Luise, und einer Hofdame allein war. Beckedorff stellte uns als sächsische Refugiés vor.

Die Herzogin war eine Prinzessin aus dem hessischen Kurhause, Tochter des patriotischen, durch Napoleon entsetzten Kurfürsten Wilhelm mit dem Zopf. Sie schwebt meinem Gedächtnisse als eine schöne, hochherzige und gebildete Dame vor. Ihre Gesichtszüge trugen das Gepräge des Adels und der Anmut; aber es spielte ein Anflug der Trauer hindurch,[154] deren Grund teils in dem Jammer des Vaterlandes, teils in persönlichen Verhältnissen liegen mochte, die erst später begriffen werden konnten.

Die hohe Frau empfing uns mit mütterlicher Güte, und da sie obendrein gerade die Fragen an uns richtete, die von der Welterfahrung meines Vaters vorausgesehen waren, so schwand die anfängliche Beklommenheit sehr schnell. Ich atmete freier auf und gewann ein Auge für die vornehme Gesellschaft, in der ich mich befand.

Vor allem gefiel mir die Prinzessin Luise. Sie war erst kürzlich konfirmiert und mochte nicht über sechzehn Jahre alt sein. Zwar sprach sie wenig, sah aber so reizend aus, daß es Mühe machte, sie nicht in einem fort anzusehen. Ihre regelmäßigen Züge hatten den freundlich träumerischen Ausdruck eines Heiligenbildes, und da mein Vater sie bald nachher malte, urteilte Beckedorff von dem sprechend ähnlichen Bilde, daß man es getrost über jeden Altar hängen könne.

Als der Tee getrunken war, wurden wir Kinder in das anstoßende Vorzimmer verwiesen, wo allerlei Spielzeug zur Disposition stand. Unter diesen Dingen zog mich als Sachverständigen besonders ein kleines Puppentheater an mit herrlichen Figürchen und Dekorationen. Der Prinz genehmigte ein Schauspiel. Ich würde mich allerdings heutzutage nicht zu einem solchen Wagnis drängen, aber damals war ich in der Übung und brannte vor Verlangen, mit so auserlesenem Material zu hantieren. Ich fühlte mich in meinem Elemente, und während ich die vorhandenen Mittel überschaute und die Püppchen sonderte, erfand ich nach Beschaffenheit derselben einen Stoff, der mir geeignet schien, den Prinzen zu amüsieren.

Ich hatte nur moderne Figuren vorgefunden, keine Helden, keine Ritter oder Räuber; daher entschloß ich mich, ein Lustspiel aufzuführen. Kasper und Christel, die unverschämten Dienstboten eines kranken Herrn, sollten diesen durch Impertinenz, durch Zank und Widersetzlichkeit so lange reizen, bis er sie im Übermaß des Zornes beide zum Fenster hinauswerfen würde. Ein Schluß, von dem ich mir Effekt versprach.

Der Prinz und mein Bruder saßen bereits auf ihren Plätzen, und ich bat letzteren, die Ouvertüre zu beginnen. Er zeigte aber nach der offenen Tür der Herzogin und traf andere Auskunft, die ihn weniger genierte. Er besaß nämlich die Fertigkeit, mit seinen beiden dicken, kreuzweis aneinandergelegten Händen wie mit einem Blasebalg zu operieren und Töne herauszuquetschen, die dem Prinzen so neu waren, daß er sich vor Lachen fast überschlug. Dadurch kam er gerade in die rechte Stimmung; ich zog den Vorhang, und das Stück begann. Der kranke Herr erschien,[155] klagte seine Leiden und rief nach Christel. Da brach der Prinz von neuem aus. Er hatte jene in seiner Gegend nicht gewöhnliche Abbreviatur noch nicht gehört, und sein Lachen wiederholte sich, sooft der Name genannt ward. Als ich dies bemerkte, sah ich ein, daß ich mir andere Witze sparen könnte, ließ die Christel unaufhörlich von allen Seiten rufen, und der Prinz kam gar nicht aus der Freude. So wohlfeilen Erfolg hatte ich in meiner Komödiantenlaufbahn noch nicht gehabt und nie mit größerem Genusse gespielt, als plötzlich die Flügeltüren nach der Galerie zu auseinanderflogen und, gestützt auf eine schwarze, mit Silber beschlagene Krücke, ein Herr hereintrat, den ich sogleich für den schon im Tiergarten entdeckten Landesfürsten erkannte. Er trug denselben dunkelgrünen Überrock mit Silberknöpfen und Aufschlägen von hellgrünem Samt, kurzgeschorene gepuderte Haare und hohe Stiefel von weichem Leder.

Der Herzog Alexius war lahm von Kindheit an, und zwar durch einen Sturz, den er, wie man sich erzählte, aus der Wiege getan. Er gehörte aber zu denjenigen Menschen, denen das, was sie sind, wohl ansteht, und die ihn kannten, fanden ihn nicht entstellt durch sein Gebrechen. Vielmehr gab die gestützte Haltung seiner kräftigen Gestalt einen Ausdruck imposanter Ruhe, welcher die festen Züge seines imperatorischen Gesichtes sehr wohl entsprachen. Er war ein ernster, verschlossener, aber wohlmeinender Herr, der sein schönes Land aus angeborener Machtvollkommenheit ganz selbständig regierte und als Landesfürst im In- und Auslande in Achtung stand.

Der Erbprinz war beim Eintritt seines Vaters aufgesprungen, und alle drei standen wir in tiefster Devotion vor dem hohen Herrn, der einige Fragen an mich tat und mir befahl, in meinem Spiele fortzufahren. Die kleine Gesellschaft im Teezimmer war ebenfalls hereingetreten, um den Herzog zu begrüßen, mein Mut aber auf Null gesunken. Dennoch ward ich zur Fortsetzung genötigt. Ich spielte mit Todesverachtung weiter, aber der Prinz lachte nicht mehr bei dem Zauberworte Christel, und da sich die übrigen noch obendrein laut unterhielten, verließen mich alle Gedanken. Ohne irgendeine Entwickelung herbeigeführt zu haben, ließ ich den Vorhang fallen, indem ich dunkelrot und mit brennenden Augen erklärte, das Stück sei aus. Ich hatte unter aller Kritik gespielt, aber dennoch wurde ich von den Damen sehr gelobt, was mir die ungerechte Meinung gab, daß sie wenig von der Kunst verstanden. Auch weiß ich nicht, was bitterer ist, unverdienter Tadel oder unverdientes Lob. Am schwersten zu ertragen sind jedenfalls verdienter Tadel und verdientes Lob.

Der Herzog pflegte des Abends für sich allein oder mit einigen seiner[156] Herren zu speisen. Als das Souper serviert werden sollte, verzog er sich daher wieder in seine Gemächer. Ich war damit ganz einverstanden, denn Respekt und Appetit sind ziemlich unverträgliche Gesellen. Gerade weil ich den hohen Herrn so tief verehrte, hob er sich jetzt wie ein Gewicht von meinem Magen, und mit merklicher Erleichterung konnte ich nun dem ersten Fürstenmahl entgegengehen, das mir geboten ward.

Man sagt den russischen Bauern nach, sie glaubten, daß der Kaiser nichts als Schweinebraten äße und geschmolzene Butter dazu tränke. Einen solchen Luxus trauten wir unseren Herrschaften zwar nicht zu, aber wir dachten doch, es würde Dinge geben, die unsereiner weder dem Namen nach noch von Geschmack und Ansehen kenne. In der vornehmen Welt hat inzwischen auch beim Essen die Form den Vortritt vor dem Inhalt. Der Wert fürstlicher Tafeln liegt weniger in goldenen Äpfeln als in silbernen Schalen, weniger in Speisen als in Tellern, Schüsseln und sonstigem Gerät, und billig hätten wir erstaunt sein müssen über die Menge schweren Silbers, das den kleinen Tisch bedeckte, wenn wir nicht alles für Zinn gehalten hätten, wie das bei Näckens Brauch war. Die Speisen glaubten wir zu kennen. Es waren dieselben, die wir auch zu Hause hatten, nämlich saure Milch, Eier, Fleisch, Kartoffeln und Obst. Wir bemerkten aber dennoch einen anderen, sehr schmeichelhaften Unterschied. Wir fanden nämlich, ein jeder vor seinem Kuvert, ein kleines Kristallfläschchen voll goldhellen Weines, eine Perle, deren Wert wir nicht verkannten. Auch verschmähten wir keineswegs, Gebrauch davon zu machen. Wir schenkten uns fortwährend ein, weniger des Trinkens als des Einschenkens wegen, und nur tropfenweise, damit es länger fließen sollte. Ich bemerkte, daß mein dicker Bruder dabei den Kopf ein wenig auf die Seite legte und den Mund vorstreckte, wie der Vater dies zu tun pflegte, wenn er sich sein Gläschen füllte. Mein Glas war nimmer leer und nimmer voll und ich selbst so sicher im Benehmen wie ein alter Türke, der Opium im Leibe hat.

In dieser meiner selbstvergessenen Stimmung reichte mir der neben mir sitzende Prinz sein Brötchen, es durchzuschneiden. Das Messer war so scharf wie Gift. Ich durchschnitt das Brot, aber zugleich auch das obere Glied meines linken Ringfingers fast zur Hälfte, so daß es hing. So böse war der Schnitt, daß der herzogliche Leibarzt, Hofrat Heinecke, gerufen wurde, der mich schiente und verband; und erst zehn Jahre später bekam der Finger seine frühere Haltung wieder. Da ich viel Blut verloren hatte, ließ die Herzogin uns aus übergroßer Sorge nach Hause fahren.

Als wir, voll der interessantesten Erlebnisse, bei den Eltern eingetroffen[157] waren und ich nach gewohnter Weise Bericht abstatten wollte, schrie mein Bruder mich an: »Heute laß mich erzählen, heute gelingt's mir!«

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 152-158.
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