Die Schule

[303] Zur Schule war's ein weiter Weg, der viermal des Tages durchmessen wurde, und zwar im Trabe, was hinwärts keine Kunst war, da es bergab ging, zurück aber eine Probe gesunder Lungen. Die ganze Bergstadt durch, über die Brücke und den Markt, fast bis zum Ende der Altstadt: da lag die uralte gotische Marienkirche und dicht dabei die Schule, die eben auch nicht zum jugendlichsten aussah. Es war ein düsteres Gewinkele, eine dunkle Katakombe, so alt und reizlos als die Leichname, die man hier ausgrub und verehrte, tote Sprachen nämlich und Grammatik. Beim ersten Eintritt dachte man, daß alle grüne Weide jetzt ein Ende habe.

Dennoch lobe ich mir jene alten, rußigen Schulhäuser von damals, die viel besser waren, als sie aussahen. Hinter ihren grämlichen Gesichtern war nach deutscher Weise doch ein recht munterer Geist, und jugendlicher Frohsinn gedieh gewiß nicht schlechter als in der kalten Vornehmheit moderner Schulpaläste. Gearbeitet aber wurde auch nicht weniger als in diesen, wenn auch in anderer Fasson. Man hatte nicht so viel Lehrobjekte, zersplitterte sich weniger und gestattete dem Privatfleiß freieren Raum. Heutzutage wird ohne Frage mehr gelehrt, als gelernt werden kann: dazumal war's umgekehrt. Ein wesentlicher Wert ward eigentlich nur dem Studium der lateinischen Sprache beigemessen, welche sich zu den übrigen Disziplinen wie der Jupiter zu seinen Satelliten verhielt und maßgebend war für alles übrige. Zwar lernte man auch anderes, wenn man wollte, Lateinisch aber auch, wenn man nicht wollte, und wer die Schule durchgegangen, nahm wenigstens diese eine Sprache als sicheren Erwerb und Grundlage alles weiteren Studiums für sein Leben mit.

Gleich am Tage nach meiner Ankunft war ich vom Rektor selbst einer lateinischen Prüfung unterworfen und infolge davon als Ultimus nach Tertia gesetzt worden. Über dies bescheidene Ergebnis freute ich mich insoweit, als ich bei meinem vielfach unterbrochenen Unterrichte, trotz meiner vierzehn Jahre, doch nur auf Quarta rechnen durfte. Andererseits war es freilich beschämend, daß sich unter den 29 Tertianern über mir so manches fast jugendliche Kindlein mit feiner[303] Vogelstimme fand. Ich mußte mich daher zusammennehmen, um bei der nächsten Versetzung aufzusteigen, und tüchtig arbeiten, wobei mir denn freilich die anregende Persönlichkeit des Klassenlehrers sehr zustatten kam.

Dieser, der Professor Fr. Günther, ein noch junger, doch der gelehrten Welt bereits bekannter Mann, war der geborenste Magister. Mit angenehmem Äußeren, feinen Manieren und liebenswürdig jokosem Wesen verband er die außerordentlich glückliche Gabe, fast allen seinen Schülern ein gutes Gedächtnis beizubringen, indem er sie für die Gegenstände seines Vortrags wahrhaft zu interessieren wußte. Ich war fleißig wie nie vordem in meinem Leben und kam schnell vorwärts, sogar im Griechischen, das ich früher nie getrieben hatte, nun aber privatim mit so gutem Erfolge nachexerzierte, daß ich schon nach wenigen Monaten am Klassenunterrichte teilnehmen konnte.

Zu Michaelis war Versetzung; einige Tertianer wanderten nach Sekunda, und Quartaner, unter denen auch Julius Krummacher war, füllten die Lücken. Darauf gestaltete sich die Klasse zur Klausur und schrieb ein lateinisches Proloco, um danach die Kräfte zu bemessen und demgemäß die Sitze zu verteilen. Es war ein Wettlauf, in welchem jeder ohne Zweifel sein Bestes tat. Am andern Morgen streifte mich Günther auf dem Schulwege an und gratulierte; doch wußte ich nicht, wozu, bis ich, in der Schule angelangt, von den bereits anwesenden Mitschülern als Primus angeschrien und begrüßt ward.

Primus! Es sind zwar nur zwei kleine Silben; aber wer ist wohl durch die Schule gelaufen und kennt nicht die Größe ihrer Bedeutung? Der Primus ist der König beim Scheibenschießen und muß schon für den besten Schützen gelten; er ist der Erste unter allen und der Großwürdenträger der Klasse. Mir war's wie einem Träumenden. Daß ich nicht der Letzte bleiben würde, hatte ich wohl gedacht; aber der Erste? Nun konnte ich meinen Eltern schreiben, daß ich was geworden, und überdem von jetzt an in dem angenehmen Eckchen sitzen, dicht unter dem Katheder, wo sich mein Vorgänger, ein gewisser Stieler aus Berlin, so stattlich ausgenommen hatte. Das war des Glücks genug! und dennoch – es war nichts anderes als ein Traum und eine Täuschung wie alles Erdenglück.

Wohl war ich Primus oder »Biermops«, wie's der Schulwitz travestierte, und nahm fürs erste auch meinen Platz als solcher ein, jedoch nur auf Grund von Günthers alleiniger Korrektur, welche, wie ich jetzt[304] erfuhr, die Schüler keineswegs auf Treu und Glauben anzunehmen, sondern allerhöchstselbst noch einer Kontrolle zu unterziehen hatten. Jede Arbeit ging noch einmal durch jede Hand, und jeder tat sein Bestes, seinen Vordermännern womöglich noch eins anzustreichen. Es war eine erbarmungslose Ährenlese von etwa übersehenen Schnitzern.

Gerechnet wurde nach ganzen und nach halben Fehlern, und zwar so, daß Sprachfehler für ganze, Schreibfehler für halbe galten. Ich, der ich gar keinen Fehler gehabt und daher auch kein Interesse hatte, die unter mir Sitzenden noch zu verschlechtern, blickte gleichgültig in die mir vorgelegten Hefte – als plötzlich die Stimme meines Nachbars laut ward. Dieser, der wegen seines hochgestellten Organs den Beinamen »Piepvogel« führte, war so glücklich gewesen, in meiner Arbeit noch drei halbe Fehler, vergessene i-Punkte und dergleichen, aufzustöbern, und da er selbst nur einen ganzen, wenn auch sehr sündlichen Sprachfehler hatte, so verstand es sich von selbst, daß er der wahre Biermops war.

Es hatte eine höhere Gerechtigkeit entschieden, denn dieser Piepvogel war in der Tat gelehrter als ich. Ich mußte aus meinem vornehmen Eckchen weichen, in welchem sich jener sogleich zurechtfand, als wenn er da geboren wäre. Günther reichte ihm glückwünschend die Hand, indem er bedauerte, mir falsche Hoffnung gemacht zu haben, und das war das Ende dieser lehrreichen Geschichte.

Nach Günther gefiel mir unter den Lehrern, die in Tertia unterrichteten, am besten unser Rektor, der Professor Gottfried Herzog. Er mochte damals ein Mann von etlichen und fünfzig Jahren sein; doch schien er wegen seiner gebeugten Haltung und grauen Haare bedeutend älter. Beide Übel waren, wie man sagte, urplötzlich über ihn gekommen, da einer seiner Pensionäre, der Sohn seines Jugendfreundes, beim Baden in der Saale ertrunken war. Der Schmerz hierüber wie über die Unversöhnlichkeit der Eltern soll ihn auch bis ins Grab begleitet haben. Herzog war ursprünglich Theolog gewesen, aber, auf der Universität schon am Glauben irre geworden, hatte er in ehrenwerter Gewissenhaftigkeit kein geistliches Amt begehrt, sondern die Schule vorgezogen, bei welcher er des Supranaturalismus entraten zu können meinte und auch entriet. Übrigens war er ein tüchtiger Schulmann, der die Anstalt wesentlich gehoben hatte und sich ohne Poltern oder sonderliche Strenge bei Lehrern und Schülern in dem Ansehen zu erhalten wußte, das ihm als Rektor zukam. Zwar nannten wir ihn unter uns nie anders als den »alten Gottfried«, aber es sollte dies ebensowenig eine Respektlosigkeit sein, als es in Preußen die vulgäre Bezeichnung »alter Fritz« für einen großen König ist.[305]

Alles, was ich in Tertia lernte, dankte ich vorzugsweise dem Einflusse dieser beiden Männer, die mich namentlich für die alten Sprachen so zu begeistern wußten, daß ich mehr darin tat, als ich nötig hatte, zum Beispiel den ganzen ledernen Eutropius, der in der Schule nicht gelesen wurde, zu meinem Privatvergnügen schriftlich ins Deutsche übertrug. Die übrigen Lehrer und Kollaboratoren, die mir geringeren Eindruck hinterließen, brachten wenigstens keinen Schaden, ja ein paar von ihnen, der Kantor und der Franzose, verhalfen in entgegengesetzter Weise der Klasse erst recht zum Vollgenuß des Schülerlebens, indem sich der moralische Zwang, den die Bernburger Schule so gut wie jede andere auferlegte, an ihnen gewissermaßen bezahlt machen konnte.

Immerhin mag es einem Kantor schwer genug sein, sich auf gelehrten Schulen auch nur den notdürftigsten Respekt zu verschaffen; wenigstens hatte der unsrige nicht diese Gabe. In seinen Schreib- und Rechenstunden wurden, wenn die Klasse sich einer Erholung bedürftig fühlte, sehr reichliche Allotria getrieben, die gelegentlich auch außerhalb der Schule fortgesetzt wurden. Vieles ertrug er auch geduldig, teils aus Bequemlichkeit, teils aus physischer Kurzsichtigkeit; wurde ihm aber doch einmal das Ding zu bunt, so ruinierte ihn seine maßlose Heftigkeit vollends.

So war es vorgekommen, daß während der Freiviertelstunde, in der die meisten Dummheiten vorkamen, ein Schüler übermannshoch an der äußeren Kirchwand aufgeklettert war, um einem kleinen dort postierten Heiligen sein Butterbrot in den Mund zu stecken. Seit multis saeculis, sagte er, sperre jener das Maul auf, und es sei Zeit, ihm endlich etwas hineinzuschieben. Indessen war es Winter, und die steinernen Vorsprünge der Kirche waren so kalt, daß der mitleidige Kletterer mit verklommenen Händen bald wieder abfiel. In diesem Augenblicke aber schwenkte der Herr Kantor um die Ecke. Er hatte das Klettern an der Kirche oft verboten, und da seine blöden Augen gerade einen lichten Moment haben mochten, so empfing er jenen mit einer dreimal gepfefferten kantorhaften Ohrfeige, welche auf der Stelle erwidert wurde.

Eine derartige Erwiderung war ein Attentat, das vor den Schulsenat gehörte, aber obgleich der Frevler, anstatt relegiert zu werden, nur den Karzer zu besehen kriegte, so schien uns dieses doch wieder einer neuen Genugtuung zu bedürfen. Schlag für Schlag, so meinten wir, das hätte gerade ausgereicht; aber der Karzer war eine neue Auszeichnung, die erst abverdient werden mußte. Es ward daher beschlossen, dem Herrn Kantor dafür noch ein besonderes Promemoria angedeihen zu lassen.[306]

Als besagter Herr sich demnächst auf der Eisbahn blicken ließ, wurde er höflichst ersucht, im Stuhlschlitten Platz zu nehmen. Dies war eine Artigkeit, die wir den beliebteren Lehrern zu erzeigen pflegten, an die jener aber nicht gewöhnt war. Er mochte daher denken, daß er wegen der Ohrfeige, die er empfangen, vollends versöhnt werden sollte, nahm die Einladung mit feinem Lächeln an und – fort flog er, wie vom Sturm dahingerissen. Wer ihn eigentlich schob, wußte er nicht, kaum wußten wir es selbst, denn sechs bis acht kräftige Läufer umschwärmten den flüchtigen Schlitten, der sich jeden Augenblick in anderer Hand befand. Es schien, es wolle keiner dem anderen die Ehre gönnen, den Herrn Kantor zu bedienen. So rasten wir mit ihm dahin, daß ihm und uns die Sinne fast vergingen, bis bei einer plötzlichen Wendung das leichte Fuhrwerk umschlug und der unglückliche Insasse zehn Schritte weit auf seiner eigenen Gelegenheit fortschoß.

Laut scheltend über die heillose Unvorsichtigkeit desjenigen, der etwa schuld sei, baten wir tausendmal um Verzeihung, halfen dem Gefallenen auf, nötigten ihn wieder auf sein Stühlchen, und das Spiel begann von neuem. Anfangs fuhren wir langsam, dann immer schneller, bald aber schwärmten wir wieder dahin wie eine Windsbraut, aber da lag der Schlitten mit Ach und Krach zum zweiten Male auf dem harten Eise. Zum dritten Male einzusteigen, war der Gefeierte nicht zu bewegen, sondern hinkte sich zu Fuß an den entfernten Landungsplatz.

Ich muß bekennen, daß, obgleich ich damals die »Nachfolge Christi« studierte, mir bei dieser Eisfahrt doch kein Gedanke an ein Unrecht kam. Man kann eben, je nachdem es die Gelegenheit gibt, abwechselnd fromm und ruchlos sein, und jedenfalls hatte ich es lediglich der Gnade Gottes zu danken, daß ich bei dieser Gelegenheit nicht zum Mörder wurde.

Mehr noch als unserem Kantor war es dem französischen Sprachmeister gegeben, die Bestialität der Klasse zu erwecken. Er war ein Naturalfranzose, ein kleiner, vertrockneter Mann mit pechschwarzen Haaren und limonenfarbenem Teint, welchen letzteren wir jedoch geneigt waren, nicht bloß seiner keltischen Abstammung, sondern vielmehr dem Umstande zuzuschreiben, daß Monsieur sich niemals wusch, denn wie der obberegte Fürst Putjatin in Dresden alle Misere des Lebens dem Genusse ungerösteten Brotes zuschrieb, so er dem Waschen. Er hielt dies geradezu für menschenmörderisch, und allerdings führte er an sich selber den Beweis, daß seine Unreinlichkeit ihm wenigstens nicht auf den Magen fiel, denn er hatte einen berühmten Appetit, konnte essen zur Zeit und Unzeit, soviel er wollte, und es bekam ihm alles trefflich wohl. Daß er einst in Prima vor aller Augen einen ganzen gebratenen[307] Puter zu sich genommen habe, welchen ihm ein Schüler vom Lande zum Frühstück angeboten habe, wurde erzählt. Nach der Mahlzeit habe er seinen erbsfarbenen Überrock mit Stolz auseinandergelegt und sich, zum Zeichen, daß noch Raum vorhanden, auf den hohlen Unterleib geschlagen.

Dieser Gelehrte hatte eine Lieblingsidee, zu der die Anschauungen romanischer Rasse überhaupt zu neigen scheinen. Wie der berühmte Cartesius sich bewogen fühlte, die Tiere für bloße Maschinen zu halten, und Fontenelle, als man ihm vorwarf, daß er seinen Hund malträtiere, sagte: »Cela ne sent rien«, so behauptete auch unser Franzose, ganz im Widerspruche mit der Bedeutung des Wortes »animal«, daß die animaux keine Seelen hätten.

»Das Tier hat keiner Seelen!« pflegte er uns zu belehren und war so felsenfest in dieser Ansicht, daß ihn alle die geistreichen Züge, die wir zur Abkürzung der Stunde von Hunden, Katzen, Ratten und Kanarienvögeln anzuführen hatten, nicht im geringsten zu erschüttern vermochten. Seine Gründe waren gewissermaßen Pietätsgründe. Er wolle, sagte er, auch das allertoteste Äring nicht mehr herunterschlucken, wenn es beseligt wären, und wenn wir Butter und Käse äßen, das von einer Seelen gemacht ist, so wären wir Kannibalen. Trieben wir es mit unserem Widerspruche zu weit, so konnte er in die ergötzlichste Berserkerwut geraten, mit dem ersten besten Lineale über die ersten besten Köpfe hauen, was ihm keiner übelnahm, und die deutsche Sprache aufs grausamste zerfleischen.

Am aufgebrachtesten sah ich diesen Gallier übrigens bei einer ganz anderen Gelegenheit. Wir hatten einen baumlangen Menschen in der Klasse, von etwa achtzehn Jahren, einen gutartigen Jüngling, der aber aus mangelnden Fähigkeiten in Tertia gewissermaßen gestrandet war. Dieser wurde, obgleich er nichts weniger als Überfluß an Witz zeigte, wie lucus a non lucendo »Kiau« genannt. Er hatte eine auffallend lange und weit aus dem Gesicht hervorragende Nase, mit welcher er unablässig geneckt ward. Unter anderem sagte ihm der platte Schulwitz nach, daß er, abends nach Sonnenuntergang an der Saale kühlem Strande lagernd, seine Nase ins Wasser gleiten ließe, da dann die Fische, nicht nur Schmerlen und Gründlinge, sondern auch Karpfen, Lachse, ja Störe, danach schnappten und mit Leichtigkeit herausgezogen würden. Von der Fischmast sei er so groß geworden. Bei solchen und ähnlichen Verleumdungen konnte er mit dem ehrlichsten Gesichte von der Welt beteuern, es sei gar nicht wahr.[308]

Nun traf sich's einmal in der Zwischenstunde, daß dieser Kiau, die Hände auf dem Rücken, hochaufgerichtet am Ofen lehnend, gedankenlos ins Leere starrte. Unterdessen erkletterte ein Mitschüler, ein sehr kleiner und außerordentlich behender Mensch, mit Namen Fiedler, den Ofen von der entgegengesetzten Seite, schob sich oben auf dem Bauche fort, bis seine Augen über Kiaus Nase waren, und dann plötzlich von oben herab dem Träumerischen in die Nüstern greifend, riß er diesem den Kopf gewaltsam in die Höhe.

Der arme Kiau, der weder wußte, wie ihm geschah, noch wie er sich von dieser Angel befreien sollte, brüllte sehr vernehmlich, während die zunächst Stehenden mit Linealen und Bücherriemen so lange auf seinen Peiniger einhieben, bis dieser losließ. Aber damit war's noch nicht genug; der kleine Fiedler ward vom Ofen gezogen, und in großmütiger Aufwallung für den unschuldig mißhandelten Kiau verurteilte die Klasse ihn einstimmig zum Galgen. Schnell waren einige Schnupftücher zusammengebunden, dem Delinquenten unter den Armen durchgezogen und er über dem Katheder aufgehangen. Da hing er mitten auf der schwarzen Tafel, wie ein Schaustück, aber nicht so ruhig. Wütend schleuderte er Arme und Beine und sprudelte – weniger aus Schmerz, als weil ihm Gewalt geschehen – reichliche Ströme aus allen fünf Quellen seines empörten Angesichts.

In diesem Augenblicke klinkte das Türschloß, und alle waren wir auf unseren Plätzen. Der sehr verspätete Franzose trat ein und war wie verdonnert beim Anblick des Gerichteten. Als er aber vollends in diesem seinen fleißigsten Schüler und Mignon erkannte, brach er in hellen Zorn aus. Es seien höchst erbärmliche Spitzbübereien, schrie er, und wir sollten augenblicklich das Kind abhängen. Keiner rührte sich. Es ward entgegnet, das sei kein Kind, sondern ein seelenloses Tier. »Ein Fisch«, rief einer, »der an Kiaus Nase angebissen hat!« Ein Dritter belehrte, es sei eigentlich ein Parricida, weil der Größe und dem Alter nach Kiau sein Vater sein könne. Endlich schrie alles durcheinander, und der betäubte Franzmann, der nur halb verstehen konnte und am wenigsten begreifen mochte, was Kiau mit seiner geschwollenen Nase bei der Sache sollte, stürzte racheschnaubend aus der Klasse, um den Rektor zu holen.

Nun war es Zeit, das Fischlein abzuhängen; wir wischten ihm eilig das Gesicht ab, stauchten es auf seinen Platz, und als der Rektor eintrat, saßen wir alle sittig hinter unseren französischen Heften. Ich, als derzeitige Custos morum, mußte referieren, was vorgefallen. Ich tat es der Wahrheit gemäß, und mit alleiniger Ausnahme des tugendhaften Kiau hatte zur Genugtuung des Franzosen die ganze Klasse ein Stündchen nachzusitzen.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 303-309.
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