Die Bedeutung des altdeutschen Rockes

[347] Es war allerdings ein wunderlicher Geist, der damals in den Köpfen der jungen Leute spukte, und daß auch der meinige davon nicht unberührt geblieben, ist bereits gemeldet worden. Ebenso wie vordem auf der Schule, schwärmte ich auch jetzt noch für Rückbildung des Vaterlandes zu seiner Vorzeit, namentlich zu deren traditionellen Tugenden der Ehrlichkeit und Treue, des Glaubens, der Tapferkeit und Keuschheit, und da ich diese Eigenschaften an denen zu erkennen glaubte, die sich altdeutsch trugen, so legte auch ich solche Tracht an, um meine Tugend zu bekennen und Gleichgesinnten kenntlicher zu sein. Der nüchterne Rosa sagte zwar: wenn er auch zugeben müsse, daß wir mit unseren langen Haaren und kahlen Hälsen wirkliche Altdeutsche und Erzväter aus grauer Vorzeit seien, so sei es ihm doch unbekannt, daß solche nie getrogen und gelogen hätten, daher er nicht begriffe, wo wir das ungemeine Zutrauen zu unseren Röcken hernähmen. Ich nahm es ihm nicht übel, denn sonderbare Sachen zu sagen, war einmal seine Art, und fuhr fort, vor seinen und aller Leute Augen ganz unbefangen in der lächerlichsten Maskerade umherzulaufen. Ein phantastisches Samtbarett auf lang abwallendem Haar, eine kurze schwarze Schaube mit breit darübergelegtem Hemdkragen und an einer eisernen Kette, zwar kein Schwert, doch einen Dolch, dessen Ebenholzgriff auf silbernem Totenkopfe saß – das war mein Aufzug.

Als ich, so angetan, eines Abends über die Brücke ging, stand da im Ausbau eines Pfeilers ein gleichgekleideter Jüngling, bräunlich und schön wie der Hirtenknabe David, welcher die Vorübergehenden betrachtete, indem er sehr behaglich von einem großen Stücke Schwarzbrot abbiß, das er in der Hand hielt. »Bist du Bursche?« redete er mich an. Ich stand und bekannte mich als Maler. Das mochte ihm gerade recht sein, da er sich in Dresden, der Stadt der Künste, befand. Zutraulich schlang er seinen Arm in meinen, und wir schlenderten miteinander weiter wie gute Brüder. Es war kein Arg unter uns Verkleideten, man traute sich gegenseitig gleich das Beste zu, und Rosa mochte sagen, was er wollte,[347] man täuschte sich auch kaum, denn jedermann will doch gern sein, wofür er gehalten wird, wofern dies nur was Gutes ist.

Ich hatte in Wahrheit einen prächtigen Jungen aufgefunden, frisch, froh, fromm, frei, wie Vater Jahn es sich nur wünschen konnte. Freilich mochte die Freiheit etwas widerspenstig, die Frömmigkeit etwas willkürlich ausfallen; aber anders war es auch bei den besten nicht. Mit einigem Stolze präsentierte ich den neuen Freund, Ernst Förster von der Jenenser Burschenschaft, im Kunstverein, und er ward so herzlich aufgenommen, als hätte man es vorausgewußt, daß er selbst bald Maler, trefflicher Schriftsteller im Kunstgebiete und der Schwiegersohn des allgemeinen Lieblings Jean Paul Friedrich Richter werden würde. Vorderhand freuten wir uns an einem Rundgesange, den er für uns dichtete, wie an seinem herrlichen Gesicht, das verschiedentlich gezeichnet und gemalt ward. Auch brachte ich ihn zu meinem Vater, der ihm seine Bilder zeigte und sich an seinem geraden Wesen wie an den kernigen Reden vergnügte, die er von sich gab.

»Es ist doch was Besonderes«, sagte mein Vater, »um diese nagelneue Auflage von jungen Leuten!« Mein lieber Vater war ein feiner, bescheidener Mann von vorwaltend aristokratisch-konservativer Gesinnung, und zwischen ihm und jenen altdeutschen Erzvätern, wie Rosa sie nannte, war außer der jugendlichen Frische, die er sich erhalten, wenig Gemeinsames; ja, wenn er gewußt hätte, wohin der treibende Geist von damals führen werde, er hätte mit allen Kräften wider ihn gestanden. Zu jener Zeit aber versprach er sich noch etwas für die Zukunft von der strengen, wenn auch rauhen Sittlichkeit, für die man schwärmte. Das übrige belachte er gleich Krummacher als Kinderei und meinte, es würde ganz von selbst an seiner eigenen Abgeschmacktheit zugrunde gehen. Er war ein durchaus edler, weitherziger Mensch, der im Grunde nichts als Gemeinheit haßte, und gemein war der Geist damaliger Jugend nicht. Mein Vater störte mich daher auch nicht in meinen Sympathien, wenn er sie gelegentlich auch zu klären und vor Exzentrizitäten zu bewahren strebte.

Weniger bequem in dieser Hinsicht war meine Mutter. Ihrem nüchternen Auge war die Verkleidung, in der wir uns gefielen, zuwider, und schmerzlich vermißte sie gefällige Sitte wie die der Jugend anstehende[348] Bescheidenheit im Urteil und Benehmen. Auch glaubte sie keineswegs, daß solche Übelstände sich von selbst verzetteln, sondern vielmehr in die greulichste Barbarei auslaufen würden. Ich hatte daher des öfteren unter ihrer Kritik zu leiden, bis ein Ereignis eintrat, welches die altdeutsche Kleiderparade in Dresden plötzlich zu Ende brachte.

Eines schönen Morgens verbreitete sich im Gipssaal die Kunde von Kotzebues Ermordung, eines Schriftstellers, welchem wir alle mit mehr oder weniger Recht und Unrecht von Herzen gram waren. Ich meinesteils hatte weder viel noch wenig von ihm gelesen, doch war es mir nicht im geringsten zweifelhaft, daß er ein literarischer Giftmischer, ein russischer Spion, ein Vaterlandsverräter und Abgrund alles Verderbens gewesen. Diesen Höllenpfuhl mit seinem Pestqualm hatte der Heldenjüngling Sand geschlossen, sich selbst als ein anderer Curtius fürs Vaterland und seine heiligsten Interessen opfernd. Darüber, dachte ich, möge sich selbst die Mutter freuen, welche ihren Abscheu vor der Kotzebueschen Muse bei jeder Gelegenheit aussprach.

Statt dessen waren beide Eltern jetzt aufs tiefste empört, nicht nur über Sands unberufene Scharfrichterei, sondern fast mehr noch über meine Billigung derselben. Dahin also war es bereits mit unserer altdeutschen Tugend gekommen! Sie war zur Mutter eines Meuchelmordes geworden, und die Erzväter zeigten sich nicht abgeneigt, das Kind zu akzeptieren; wer aber konnte fortan noch seines Lebens sicher sein, wo hirnverbrannte Knaben Femgerichte bildeten?

Die Behörden glaubten anfangs, daß dieser Mord durch einen Beschluß der allgemeinen Burschenschaft, als deren Teilhaber man alles ansah, was sich altdeutsch trug, veranlaßt sei; aber wenn auch das nicht: aus dem Geiste hochmütiger Selbstüberschätzung, der unter jener Firma spukte, war er doch hervorgegangen, und solchen Geist zu dämpfen, schien geboten. Es fand sich daher in allen Sälen der Akademie ein königlicher Befehl ein, die langen Haare, deutschen Röcke und Waffen abzulegen. Der Rock macht freilich nicht den Mörder; aber immerhin – er war durch eine böse Tat geschändet und kein Zeichen mehr von »menschlicher und vaterländischer Tugend«.

Ich, als Sohn eines Professors, mußte natürlich zuerst daran glauben, und Friseur und Schneider vollbrachten schnell an mir das Werk einer äußerlichen, mir recht verhaßten Bekehrung. Es war eine ganz erbärmliche Geschichte, und nie in meinem Leben habe ich mich mehr geschämt als damals, wo ich die wenigste Ursache dazu hatte. Geschoren und im Philisterkleide heimelte ich zwar nun meine gute[349] Mutter wieder an, wagte mich aber kaum noch vor die Haustüre hinaus. Gerade jetzt, wo ich aussah wie andere Sachsen, schoß ich gesenkten Hauptes durch die Straßen ihrer Hauptstadt, fürchtend, aller Welt sehr aufzufallen, und es vergingen lange Wochen, ehe ich die Leistungen der Polizei an meiner Toilette verschmerzen lernte und meine Unbefangenheit zurückgewann.

Aber die Untat Sands brachte uns noch wesentlicheren Nachteil. Die strengere Überwachung, welcher infolge der Karlsbader Beschlüsse alle akademischen Anstalten unterworfen wurden, sprengte endlich auch unseren Kunstverein. Man legte uns so viel Schwierigkeiten in den Weg, daß wir uns selbst auflösten; und wenn wir dann auch, besserer Gestirne harrend, noch längere Zeit hindurch ein Scheinleben führten, indem wir, Namen, Statuten und künstlerische Übungen aufgebend, uns ab und zu in anderen Kneipen versammelten, um miteinander ein Glas Bier zu trinken – die Sache war und blieb verloren, und der Phönix ist nie wieder auferstanden aus seiner Asche.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 347-350.
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