Der Held wird müde

[381] Ronneburg lag bald im Rücken, und ich war frank und frei; als ich mich aber dessen freuen wollte, gelang es nicht. Warum hatte ich denn dem guten Mädchen nicht den Gefallen tun können, ihren Vater zu begrüßen, in dessen Augen das kleine Abenteuer seiner Tochter auf solche Weise die schicklichste Lösung gefunden hätte? Ausruhen mußte ich ja doch irgendwo, konnte unmöglich bis Hummelshayn so fortrennen wie ein toller Hund oder von Furien gepeitschter Ödipus. Ich hätte, wie[381] mir angedeutet worden, ja erst im Löwen einkehren, schickliche Zeit abwarten und dann meinen Besuch nach Belieben kürzen mögen. Das alles, und daß ich grob erscheinen müsse und meine Sache herzlich schlecht gemacht habe, fiel mir jetzt nachträglich ein, da ich mit solcher Weisheit nichts mehr anfangen konnte. Ich suchte sie mir daher auch wieder aus dem Sinn zu schlagen und begann einen fröhlichen Marsch zu pfeifen, auf den Text: »Nach Hummelshayn, nach Hummelshayn.«

Zu meiner weiteren Erheiterung konnte freilich der Umstand wenig beitragen, daß mich ein Kerl einholte, der sich mir ohne weiteres anschloß, versichernd, es marschiere sich noch einmal so gut in Gesellschaft. Ich war entschieden anderer Ansicht, denn dieser Gesellschafter war weder ein zierliches Mädchen, wie die Ronneburger Pfarrerstochter, noch überhaupt ein erträgliches Wesen; vielmehr gehörte er zu der unbequemen Klasse inquisitorischer Peiniger, deren Unterhaltung sich wesentlich um die polizeilichen Fragen dreht: woher man kommt, wohin man geht, wie man heißt, was man ist und dergleichen Geheimnisse mehr. Ihn wieder loszuwerden, erlaubte ich mir die deutlichsten Manöver und Andeutungen, doch war er taub für alles und jedenfalls ein Mann, mit dem man sich nur durch die Lübecker Blume hätte verständigen können.

Mein guter Vater erzählte nämlich gern die folgende Geschichte: Zu Lübeck hatte sich ein Fremder in eine Schenke verlaufen, die sonst nur von Matrosen und anderem Seevolk besucht zu werden pflegte. Harmlos grüßend war er eingetreten; doch kaum hatte er sein Glas Wacholder verlangt, als auch die anwesenden Stammgäste schon die Köpfe zusammensteckten und augenblicklich einig waren, den Eindringling so abzubläuen, daß er das Wiederkommen vergäße. Aber ein alter Schiffszimmermann bedeutete sie: »Nicht gleich so grob, Kinder! ich werde es dem Menschen einmal erst durch die Blume zu verstehen geben.« Darauf erhob er sich, spuckte in die Hände und brüllte jenen an: »Was will die Landratte hier? Eppes spionieren? He? Den Augenblick, verfluchter Schweinhund, pack Er sich zum Teufel, oder ich zerbreche Ihm alle Knochen, die Er im Leibe hat!« Der Fremde war wie weggeblasen. Der Alte aber sagte: »Nun seht, ihr Kinder, daß man heutzutage mit etwas Höflichkeit auch noch zu Rande kommt. Das laßt euch zur Lehre dienen.«

Diese Blumensprache hätte mein Begleiter vielleicht auch verstanden; leider konnte ich ihm aber die richtige Räson dazu, die Schiffszimmermannsfaust, nicht zeigen. Ich wußte kein Mittel, ihn abzuschütteln, und mußte mich daher in den Gedanken schicken, den ganzen Tag mit ihm behaftet zu bleiben, denn er wollte nach Kahla und hatte einen Weg[382] mit mir bis Hummelshayn. So trabten wir denn ein gut Stück Weges nebeneinander hin, bis mir der Zufall dennoch einen Ausweg zeigte.

Der einzige Trost, den jener Überlästige mir gegen sich selbst gewährte, war die Versicherung, daß er Bescheid wisse. Als wir nun aber an eine Stelle kamen, wo der Weg sich wie eine Gabel auseinanderzog, zeigte es sich, daß der Führer ebenso dumm war als der Geführte. Wir machten Halt und überlegten, doch es war kein Grund vorhanden, den einen Weg dem anderen vorzuziehen. Inzwischen schien mein Führer in der Schule was gelernt zu haben. Er schnallte seinen Tornister ab, und nachdem er unter allerlei Gepäck ein Schnupftuch von Kattun hervorgezogen, streckte er sich ins Heidekraut und breitete jenes vor sich aus. Es zeigte sich, daß eine Karte von Deutschland darauf gedruckt war, die mein Geograph jedoch in die zufällige Richtung unseres Weges, Nord gegen Süd, gelegt hatte. Ich erlaubte mir daher, ihm bemerklich zu machen, er müsse seine Karte wenigstens nach der Himmelsgegend wenden, sonst wiese sie uns nach Ronneburg zurück.

»Wollen Sie mich etwa von die Erdkunde belehren?« erwiderte er, stieß mit dem Daumen in sein Tuch und schwur: »Wenn hier nicht Kahla liegt, soll mich der Teufel holen; folglich wird links geschwenkt! Verstanden?« Er hätte ebensogut sagen können: folglich wird rechts geschwenkt! und dann wäre ich auf jede Gefahr hin links gegangen. Ich sagte ihm, ich dächte anders, wünschte ihm glückliche Reise, und ehe er noch sein gelehrtes Tuch wieder zusammengepackt hatte, zog ich rechts ab. »Nu! Nu!« rief er mir nach, »der Musje wird schon noch an mich denken!« Und daran hatte er nicht unrecht. War er vielleicht von Anfang an gar nicht im Zweifel gewesen und hatte sich mit seiner Landkarte nur ein Ansehen geben wollen? Soviel ist sicher, daß ich falsch ging.

Fürs erste jubelte ich zwar auf. »Beatus qui solus«, sagen die Pastoren, wenn sie ohne Kollegen sind, und diese Seligkeit verstand ich jetzt vollkommen. Singend und pfeifend schritt ich wacker aus, in der Hoffnung, bald auf ein Dorf, ein Haus oder einen Menschen zu stoßen, um mich zu orientieren; ein Stündchen umgelaufen, sollte mich nicht dauern. Als aber Stunde auf Stunde verging, die Sonne mir auf Kopf und Ranzen brannte, Hunger und Durst mich anfielen, die Füße schwer wurden und ich immer nichts als Wildnis sah, da schwand allgemach der Jubel, und ich fing an, besorgt zu werden. Doch machte ich damals eine wichtige Erfindung, die mir auf allen meinen späteren Fußreisen, wenn ich müde wurde, sehr zustatten kam. Ich marschierte nämlich im Dreivierteltakt, was wenigstens die Empfindung wesentlicher Beschleunigung gibt.

Endlich – es mochte Mittag vorüber sein – erreichte ich ein kleines[383] Walddorf, an dessen hübschgelegener Schenke ein Bierzeichen aushing. Ich schwenkte ein, warf meinen Ranzen auf die Tafel, mich auf die Bank und forderte zu trinken. Das angezeigte Bier war freilich noch nicht ganz vollständig, eigentlich nur Malzbrühe. Es war im Hause gebraut und noch nicht fertig, da sowohl der Hopfenzusatz als die Gärung fehlten, doch war es naß und ging hinunter. Dazu ward Schwarzbrot aufgetragen und frischer Ziegenkäse, und das war alles, was dies Gasthaus leisten konnte. Für einen, der wie ich seit vierundzwanzig Stunden nur vom Fasten gelebt hatte, war's aber eine gute Mahlzeit; und da ich nun obendrein vom Wirt erfuhr, daß ich ganz recht gegangen – was diese Leute immer finden, wenn man nur ihre Kneipe nicht verfehlt hat –, so war ich sehr zufrieden und streckte die Beine behaglich von mir. Mein gelehrter Begleiter von heute morgen mußte freilich sehr verirrt sein samt seinem Schnupftuch; aber das war seine Sache.

Etwas herabgestimmt ward ich indessen, als ich auf weitere Fragen hören mußte, daß es noch sechs gute Stunden sei bis Hummelshayn, und der Wirt, obgleich er nicht zugeben wollte, daß ich verirrt sei, da man von hier aus ebensogut als von Ronneburg nach Hummelshayn kommen könne, doch meinte, daß ich gerade nicht den nächsten Weg gegangen. Da war es denn aus mit der kurzen Rast: ich raffte mich auf, und trotz der brennenden Füße ging es wieder vorwärts im Dreivierteltakte über Berg und Tal, durch Wald und Flur, und überall war es zugetroffen, was der Wirt mir vom Wege gesagt hatte, nämlich, daß er einsam, lang und sehr beschwerlich sei. Nur das eine schien nicht zuzutreffen: daß dieser Weg nach Hummelshayn führen sollte.

Schon warf die Sonne ihre längsten Schatten, und ich war so müde, daß ich mich kaum noch schleppen konnte – da, meinte ich, wäre es endlich an der Zeit gewesen, anzukommen und sich in den Armen liebender Verwandten auszupflegen. Aber trotz aller Notwendigkeit und alles Weiterschreitens wollte sich von der bekannten Hummelshayner Gegend doch nichts zeigen, noch irgend etwas anderes, woran ich mich hätte zurechtfragen oder -finden können. Da ging mir denn ein Licht auf über meine Sünden, und ich bereute alles miteinander: daß ich in Altenburg die Post, in Ronneburg das Mädchen und in der Wildnis den Schnupftuchmann verlassen hatte, ja, es hätte mir fast leid tun können, daß ich überhaupt die Reise angetreten.

Aber – ist das nicht ein liebes Männlein, was mir da entgegenkommt? Wahrhaftig! das erste zweibeinige Wesen, das mir heute begegnet, seit meiner Trennung vom Geographen. Das Ding kommt immer näher! Zwar sieht's einer rindsledernen Mumie so ähnlich wie ein Ei dem andern – in meinen Augen ist's aber doch ein Engel Gottes, der Rettung bringt.[384]

»Gott grüße, Vater! Wie weit ist's noch nach Hummelshayn?« Das Männlein machte halt: »Nach Hummelshayn? Na, wo kommt Er denn her?« – »Das ist egal, Väterchen; aber ich will nach Hummelshayn. Seid so gut und sagt mir, wie weit ich noch habe.« Der sah mich grinsend an und sagte: »Je nun, mit zwei gesunden Füßen kann's einer in sechs Stunden allenfalls erlaufen.«

Das war ein Donnerschlag. Sechs Stunden! Gerade so weit war's vor sechs Stunden auch gewesen, und jetzt waren Zeit und Kraft verbraucht.

Ich fragte nun weiter, ob nicht vielleicht ein anderer Ort in der Nähe sei? Aber der Kerl wandte mir den Rücken und ging seines Weges, brummend, ich würde das wohl selbst am besten wissen. Es war nichts weiter mit ihm anzufangen, und blieb nur übrig, von neuem auf den müden Beinen Platz zu nehmen und sie zum Weiterhinken anzuspornen. Fiel ich nicht um, so schloß ich, müsse der Weg mich doch irgendwohin führen, und wenn es denn auch nicht Hummelshayn wäre, so würde es jede Schütte Stroh unter Dach und Fache auch tun. Ich war in meinen Wünschen so bescheiden geworden, daß ich nur noch nach Ruhe verlangte, alles andere sollte mir gleich sein.

Aber siehe da! keine tausend Schritte, so lichtete sich die Holzung, und in nächster Nähe vor mir zeigte sich ein Schloß mit einer Gruppe Häuser. Hummelshayn war's freilich nicht, wahrscheinlich Lichtenau, aber immerhin ein sehr erwünschtes Obdach für die Nacht. Ich beflügelte meine Schritte, so gut ich konnte, indem ich jetzt sechs Viertel zählte, und trat bald in eine freundliche Gaststube ein, wo ich zu meiner Überraschung hörte, daß Hummelshayn ganz nahe, etwa nur eine kleine Meile von hier sei.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 381-385.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Klingemann, August

Die Nachtwachen des Bonaventura

Die Nachtwachen des Bonaventura

Erst 1987 belegte eine in Amsterdam gefundene Handschrift Klingemann als Autor dieses vielbeachteten und hochgeschätzten Textes. In sechzehn Nachtwachen erlebt »Kreuzgang«, der als Findelkind in einem solchen gefunden und seither so genannt wird, die »absolute Verworrenheit« der Menschen und erkennt: »Eins ist nur möglich: entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.«

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon