Die Nachtwandler

[377] Der regelmäßige Pulsschlag jenes Junggesellenlebens mit dem Vater ward meinerseits durch eine Exkursion ins Thüringerland unterbrochen. Die Reise ging nach Hummelshayn. Was mich dazu veranlaßt, habe ich vergessen, wie ich mich denn überhaupt gar keines Anfangs dieser Sache mehr zu entsinnen weiß, desto lebhafter freilich der mancherlei eindrücklichen Begebenheiten ihres Fortgangs.

Die erste Erinnerung findet mich bereits in der Postkutsche auf dem Wege zwischen Leipzig und Altenburg. Der sechssitzige Wagen war nur schwach besetzt: außer mir zwei Juden und ein junges Mädchen. Die beiden ersten, gesprächige und anscheinend wohlhabende Handelsleute, hätte Falstaff schwerlich unterlassen, trotz ihrer Ringe, Uhrketten und gewaltigen Vatermörder, einem Zwillingspaar von Pavianen zu vergleichen. Das junge Mädchen schien mir auch kein Engel. Ziemlich finster und etwas pockennarbig, saß sie mir gegenüber in der Ecke, hielt ihr Bündelchen auf dem Schoße und nahm nicht den geringsten Anteil am Gespräche. Trotz ihrer sauberen Kleidung hielt ich sie für irgendeine dienstbare Person und beachtete sie wenig.

Desto größere Aufmerksamkeit schenkte aber ihr der neben ihr sitzende Orientale, welcher durch die abschreckende Kälte, die sie ihm entgegensetzte, nichts weniger als entmutigt schien. Er wandte kaum den[377] Blick von ihr und war ununterbrochen bemüht, sie ins Gespräch zu ziehen, ohne jedoch mehr aus ihr herauszubringen als ein fast widerwilliges »Ja« oder »Nein«. Immer zudringlicher ward der Jude und rückte ihr mit hereinbrechender Dämmerung so nahe, daß seine Ecke völlig frei ward.

Die damaligen Postwagen saßen auf der Achse, die Wege waren nicht zum besten, und es gab daher bisweilen Stöße, daß die Passagiere, von ihren Sitzen fliegend, gegeneinanderprallten. Eine derartige momentane Verwirrung benutzte jener, seinen Arm um die erschrockene Nachbarin zu schlingen, und versichernd, daß sie hier weniger von Stößen leiden würde, versuchte er sie auf seinen Schoß zu ziehen. Da sie sich jedoch mit Entrüstung sträubte, legte ich mich ins Mittel und bot ihr einen Platzwechsel an, der sogleich vollzogen wurde. So saß sie nun in meiner Ecke, ich beim Juden.

Der fuhr auf: ob das mein Platz sei? Ich sagte: Ja! und überdem sei ich entschlossen, von jetzt an in anständiger Gesellschaft zu reisen. Der Lümmel murmelte noch etwas in den Bart, und die Unterhaltung erlitt eine kleine Unterbrechung. Bald fingen jedoch die beiden sich jetzt gegenübersitzenden Landsleute untereinander ein halblautes Gespräch »vons Geschäft« an, während meine Schutzbefohlene sich in ihr Tuch gewickelt hatte und zu schlafen schien, ich aber meinen Gedanken Audienz erteilte. Diese Gedanken waren von der angenehmsten Art: sollte ich doch morgen mittag schon in Hummelshayn eintreten, die teueren Verwandten ans Herz zu schließen. Es bemächtigte sich meiner eine so freudige Unruhe, daß ich am liebsten aus dem Wagen gesprungen wäre, um nebenherzutraben.

Es war schon dunkle Nacht, als wir abends neun Uhr in Altenburg anlangten, wo ich zu meinem Schrecken erfuhr, daß die Post hier zwölf Stunden liegenbliebe: ein unerträglicher Gedanke! Der sehr gefällige Wagenmeister erbot sich zwar, mich nach einem, wie er sagte, sehr anständigen und ebenso wohlfeilen Gasthause zu führen, dessen Wirt sein Schwager sei, und wen er empfehle, der hätte es dort so gut, wie's einer haben könne. Allein, meine Ungeduld, nach Hummelshayn zu kommen, war stärker als diese Verlockungen, und ich erkundigte mich nach dem Ronneburger Wege, um auf der Stelle zu Fuße abzuwandern. Natürlich widerrief mir dies der freundliche Schwager des Wirtes. Der Weg sei weit, bemerkte er, bei Nacht leicht zu verfehlen und überdem nicht sicher wegen eines jüngst von der Leuchtenburg entsprungenen Briganten. Ich beharrte indessen auf meinem Entschluß, dankte jenem für seine Teilnahme und schenkte ihm ein Trinkgeld, womit er sich entfernte.[378]

Die Juden hatten sich verlaufen, das junge Mädchen aber mit ihrem Bündelchen anscheinend wartend dagestanden. Jetzt, da wir allein waren, trat sie an mich heran. »Würden Sie mich denn mitnehmen?« fragte sie.

»Wohin denn?« – »Oh, nur bis Ronneburg, wo ich zu Hause bin.«

Ich fiel aus den Wolken und sagte was von weiten Wegen wie von möglichem Irregehen und Angefallenwerden; aber die Kleine ließ sich nicht irremachen. Sie erwiderte mir, daß an der Räubergeschichte mit dem Entsprungenen kein wahres Wort sei und ebensowenig an eine Schwierigkeit zu denken, den Weg zu finden. Sie kenne diesen genau, sagte sie, und werde meine Führerin sein. Wenn sie freilich gewußt hätte, daß diese Post hier liegen bleiben würde, so hätte sie sich anders eingerichtet; nun aber habe sie Scheu, allein in einem unbekannten Gasthause zu nächtigen, was auch sonst nicht ginge.

Indem die Reisende so sprach, schien sie mir ganz verwandelt, ihre an sich nicht schönen Gesichtszüge belebten sich auf pikante Weise, und die Stimme fiel so angenehm ins Ohr, daß ich mich unter allen Umständen für sie interessiert hätte. Das Zutrauen, das sie mir schenkte, bestach mich vollends, und so gewährte ich mit Freuden, was ich ihr doch nicht abschlagen durfte, selbst wenn sie mir mißfallen hätte. Wir kamen überein, gleich aufzubrechen; um aber das Nachsehen des Postpersonals zu vermeiden, ging meine Reisegefährtin allein voraus, als wolle sie ins Gasthaus.

»Wer war denn das Mamsellchen?« fragte mich der Wagenmeister, als ich mein Bier bezahlte. Ich wußte es nicht und hatte mich selbst noch nicht danach gefragt. Auch schien es mir fürs erste auszureichen, daß sie ein nettes Mädchen war und mir gefiel. Ich freute mich darauf, mit ihr zu wandern, und da ich sie, als ich das Haus verlassen, nicht gleich sah, besorgte ich schon, es könne ihr leid geworden und sie mir entwischt sein.

Aber nein! Da stand sie ja am Bäckerladen, wo sie sich ein Brötchen eingehandelt, und empfing mich mit heller Freude. Nun solle ich sehen, rief sie, wie sie marschieren könne, und schlug einen Schritt ein, den ich sogleich zu mäßigen suchte. »Langsam aus dem Stalle«, sagte ich, sei die erste Regel für jede weitere Entfernung und »Eile mit Weile« das beste Beförderungsmittel.

Da meine Begleiterin Bescheid wußte, kamen wir ohne Frage zum richtigen Tore hinaus, wo sie vorerst ihr Brötchen aus der Tasche zog, von dem sie mir die Hälfte aufdrang. Auch wäre es jetzt wohl angebracht gewesen, wenn wir uns endlich einander vorgestellt hätten; doch unterblieb dies wenigstens der Form nach, und nur ganz allgemach und[379] bruchweise löste sich das gegenseitige Inkognito. Ich erfuhr gelegentlich, daß der Vater meiner Domina Witwer und, wenn ich nicht irre, Pastor oder sonst was Gutes in Ronneburg sei, wie auch, daß sie selbst aus irgendeinem Grunde nach Leipzig fahren mußte, wo sie Verwandte hatte. Aber über ein paar Tage hatte sie nicht bleiben können, denn sie war zu Hause nötig; der Vater konnte nicht hin ohne sie. Bei der Art, wie dergleichen Mitteilungen gemacht wurden, gefiel mir das Mädchen immer besser. Ihre Ausdrucksweise war fein und heiter, ihr Interesse stets angeregt und ihr Benehmen mädchenhaft. So zutraulich sie war, beobachtete sie anderseits doch alle Zurückhaltung, welche die Umstände erheischten. Sie schlug beharrlich meinen Arm aus, und selbst ihr Bündelchen, das ich so gern getragen hätte, war nicht zu erlangen. Ganz frei und selbständig schritt sie neben mir hin, die Gegenstände der Unterhaltung mit sanguinischer Leichtigkeit wechselnd.

Es war eine schimmernde Sommernacht, und wir amüsierten uns, die Sterne zu benennen, die über uns funkelten. Die Pfarrerstochter wußte besseren Bescheid darin als ich, der ich bei Roller mehr auf die Winterhalbe einstudiert war und mich daher nur kümmerlich zurechtfinden konnte. Sie zeigte mir die Leier, den Schwan, die Krone, die Andromeda, den Perseus und andere berühmte Sternbilder, examinierte mich dann und hielt darauf, daß ich's behielte.

Ich glaube, daß niemand, der nicht gerade Astronom ist, die Sterne lange ansehen kann, ohne an die Ewigkeit zu denken. Daß wir beide in derselben auch einstmalen unser liebliches Erbteil finden würden, daran mögen wir nicht im mindesten gezweifelt haben, wenigstens kamen wir überein, daß wir nach unserem Tode dort oben in jener seligen Lichtwelt wohnen würden. Hierbei gedachte meine Gefährtin ihrer verstorbenen Mutter und weinte etwas. Dann aber fragte sie mich plötzlich wieder ganz heiter, welchen Stern ich mir zum Wohnort wählen würde, wenn ich dürfte?

Ich erwiderte, sie habe ja gesehen, wie wenig ich Bescheid wisse; doch hätte ich eine kleine Vorliebe für die Kassiopeia, weil sie wie ein W aussähe, denn ich hieße Wilhelm. Sie lachte und sagte: aus ähnlichem Grunde könne ich mich auch in den Wassermann oder Widder wünschen, weil sie mit W anfingen. Sie werde aber künftig bei der Kassiopeia meiner denken. Um an Höflichkeit nicht zurückzustehen, er suchte ich sie, mir gleichfalls ein kleines Andenken am Himmel anzuweisen. Sie sagte aber, sie wisse keins, und es wäre ihr einerlei, in welchen Stern sie käme, wenn es nur recht hell und gut da sei.

So koseten wir und hatten Zeit dazu, denn es ist ein weiter Weg von Altenburg nach Ronneburg. Wir wanderten die ganze Nacht, die mir[380] in dieser niedlichen Gesellschaft wie ein Morgentraum verging. Von den Besorgnissen des Wagenmeisters war nichts in Erfüllung gegangen, denn weder hatten wir uns verirrt, noch waren wir durch jenen Entsprungenen beunruhigt worden, den meine Freundin als eine bloße Legende verlachte, welche in dieser Gegend täglich neu aufgelegt werde. Etwa bei Sonnenaufgang erreichten wir Ronneburg.

Als ich mich jetzt erkundigte, welchen Weg ich durch den Ort zu nehmen habe, drang meine Begleiterin aufs liebenswürdigste in mich, es mir für heute in ihrem väterlichen Hause bequem zu machen. Es sei ja ganz unmöglich, nach solchem Marsche noch nach Hummelshayn zu gehen, und wollte ich's versuchen, so würde ich in den Wäldern liegen bleiben wie ein forcierter Hirsch. Ja, ganz gewiß, das würde ich. Auch müsse ich doch ihren Vater kennen lernen, der mir für meine Begleitung gewiß gern danken wolle.

Der Vorschlag wäre gut gewesen, doch mochte ich der Meinung sein, daß man einen wildfremden Vater zu dieser Stunde nicht aus dem Bette holen dürfe, um seinen Dank zu hören. Zudem trieb mich je länger je mehr die peinlichste Ungeduld, nach Hummelshayn zu kommen. Ich lehnte also ab, beteuernd, ich dürfe mich nicht aufhalten, und jene beteuerte, sie dürfe mich nicht lassen, und wenigstens eine Tasse Kaffee müsse ich bei ihr trinken. Indem wir noch so stritten, machte meine Gefährtin vor einer Haustüre Halt und zog die Klingel. Das war der entscheidende Moment. Ich ergriff ihre Hand, bat sie, meiner freundlich zu gedenken – und fort war ich. »Der Weg geht links«, rief sie mir nach, »Sie kehren im Löwen ein!« Und links um die Ecke schwenkend, grüßt' ich noch einmal zurück.

Da lag der Löwe im Glanz des Morgenlichtes und zeigte schon einiges Leben. Eine Magd öffnete die Fenster der Gaststube, und auf dem Hausflure ward ein Pferd angeschirrt. Ich aber ging vorbei, denn ich dachte, man würde mich dort suchen.

Quelle:
Kügelgen, Wilhem von: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Leipzig 1959, S. 377-381.
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