Franz Marc 09.11.1911

[75]  

Franz Marc 09.11.1911

An der Sindel, 9. Nov. 11


Allerliebster August,


Die Epistel fängt mit einer Bitte an: Nachdem Tschudi so schwer erkrankt ist, dass wir nicht daran denken können, ihn mit unserer Reiterei zu belästigen, müssen wir[76] uns direkt an die Herren der Finanz wenden. Ich sprach ausführlich mit Braune darüber, der keine grossen Schwierigkeiten in der Sache sieht, zudem wir jetzt folgenden Plan gefasst haben: Wir (Kandinsky und ich) stellen als Gegengarantie für eine etwaige Deckung eines Defizites Bilder von uns in Aussicht, d.h. also, wir müssen Leute suchen, die unsere Bilder (auf diese natürlich wohlfeile Art) gerne erwerben. Koehler ist Kandinsky und mir für die Sache nicht sympathisch, – wir wollen ihn wenigstens noch aufsparen. Dagegen dachten wir an Alfred Flechtheim; er besitzt Bilder aus unserm Kreis und wird sicher allmählich noch mehr davon haben wollen. Nur: sich direkt einen Korb holen?? ist fad; die Sache überhaupt schriftlich zu machen, ist nicht angenehm; wir hoffen auf Deine gütige Vermittlung. Magst Du's tun? Es tut mir leid, dass Du, eben heimgekehrt, Dich wieder in Bewegung setzen sollst, aber die Sache liegt uns doch allen sehr am Herzen, – hoffentlich Dir auch? Kandinsky war gestern hier; ich besprach mit ihm sehr genau den Prospekt; er gab zu, selbst zuweilen von manchen Wendungen darin ›gekrazt‹ zu werden und strich schliesslich alle besagten Stellen, so dass der Prospekt jetzt einen sehr harmlosen Charakter hat. Die Pfeile werden später verschossen, wenn man das Raubzeug direkt angreifen will, statt vorher in den Wald hinein zu schiessen.

Ich schicke heute das 2. (seit damals) stark vermehrte provisorische Heft an Dr. Braune zur Einsicht. Jetzt hat es schon ein sehr stattliches Aussehen. Dein Artikel ist mit den ethnographischen Wundern ausgestattet. Ich schrieb meinen über Tschudi und Meier-Graefe unter die Cézanne's, der Prospekt erhielt als Signum mein japanisches Fabeltier usw. Ganz wunderschön sind die Glas- und Votivbilder geraten. Sie


Franz Marc 09.11.1911

wandern in diesen Tagen zu Bruckmann zur Clichierung. Schreib bitte umgehend, ob Du die Vermittlung an Flechtheim übernehmen willst. Wenn ja, dann schicken wir Dir das provisorische Heft. Flechtheim wird sicher zunächst seinen ›Freund‹ Sternheim vorschlagen, an den er mich schon zweimal in seinen Briefen empfohlen. Sag ihm dann, dass wir natürlich auch daran gedacht haben, ihn aber fürchten, weil Sternheim sehr eigenwillig ist und in der Redaktion der Hefte wahrscheinlich (resp. sicher, schriftstellerisch) wird beteiligt sein wollen. Um so etwas zu vermeiden, haben wir ja auch Piper finanziell sich nicht beteiligen lassen wollen, denn dann hört die Sache sofort auf, das zu sein, was wir mit ihr beabsichtigen. Ausserdem sag ihm, wir fürchten von Sternheim einen Korb zu bekommen, da er sich bis jetzt in keiner sichtlichen Form für uns interessiert hat, wozu er als Münchner reichlich Gelegenheit[77] gehabt hätte. Etwas anderes ist, wenn sich Flechtheim mit Sternheim für den Blauen Reiter assoziieren will. Also schreib bitte, was Du darüber denkst. Es eilt, da wir sehr zum Druck drängen.

Kandinsky war sehr begeistert von Lisbeths Glasbild; ich fabriziere jetzt dafür wieder einen Rahmen, in den es eingelassen wird. Das Deine harrt noch der bunten Papiere.

Der Dr. hat Maria sehr beruhigt. Er hatte geglaubt, die Sache würde sich von selbst beheben. Er verordnet jetzt eine energische Heissluftkur; den Apparat bekamen wir von einem Geschäft geliehen. Er glaubt sicher, dass die Sache damit weggehen wird. Zunächst bleibt meine Gattin also noch ›reisefähig‹. Der Walter wird also als reifer Mann eine jugendliche Julia in seine Arme schliessen können.

Die Luft riecht nach Schnee; es ist so still und winterlich geworden, seit Ihr weg seid. Grüsst bitte Eure Eltern von uns und seid umarmt von Euren beiden Diagonalen.


PS. Ich packe morgen Dein Bild ein.


Franz Marc 09.11.1911
Quelle:
Franz Marc, August Macke: Briefwechsel. Köln: DuMont, 1964., S. 75-78.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Geschichte der Abderiten

Geschichte der Abderiten

Der satirische Roman von Christoph Martin Wieland erscheint 1774 in Fortsetzung in der Zeitschrift »Der Teutsche Merkur«. Wielands Spott zielt auf die kleinbürgerliche Einfalt seiner Zeit. Den Text habe er in einer Stunde des Unmuts geschrieben »wie ich von meinem Mansardenfenster herab die ganze Welt voll Koth und Unrath erblickte und mich an ihr zu rächen entschloß.«

270 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon