50 [49] Brief an August Macke

Sindelsdorf, 14.11.11


Lieber Provinzler, gar zu provinzlerisch mußt Du Dich nun auch nicht stellen; Du tust schlauerweise, als ob Du von Deinen hochfliegenden Künstlerträumen gar nichts zu berichten hättest und umgehst so Deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Deinen Freunden ausführliche Briefe zu schreiben. Du tust schon, als wenn Du überhaupt gar nichts gearbeitet hättest und keine ›inneren Kämpfe‹ beständest! Und kommt man hin, steht das ganze Haus voll von neuen Sachen. Ereignet hat sich nun allerdings wirklich mancherlei bei mir. Ich hatte durchaus nicht vermutet, daß Jawlensky sich so unzweideutig und impulsiv für meine neuen Sachen begeistern würde. Ich hatte eher erwartet, daß er eine leise Gegnerschaft gegen die Ziele der Vereinigung herausfühlen würde etc. Aber nichts davon. Ich bin ihm nun persönlich sehr nahe gekommen und lerne ihn immer besser kennen. Seine Überzeugung ist: Etwas Neues gibt es nicht in der Kunst, und was gut ist, ist gut. Meine Malerei sieht schon recht anders aus gegen jene von dem Sommer; aber es ist nicht leicht, es zu beschreiben. Es gelingt mir allmählich, die Farbe zu ›organisieren‹, sie vollkommen zum Werkzeug des künstlerischen Aus drucks zu machen, ohne jede Rücksicht auf ›Wahrscheinlichkeit‹ und Lokalfarbe. Daß man dabei nie ›beliebig‹ werden kann, ist doch klar, da man ja jede Wirkung verlöre. Im Gegenteil, man besinnt sich auf das Gesetzmäßige jeder Wirkung, formal wie farbig. Ich hab in München zu meinem Nutzen einige Farbenlehren durchgeackert, – der Nutzen lag allerdings meistens zwischen den Zeilen, in der Erkenntnis, daß man so gut wie nichts daraus brauchen kann, sintemalen sie sich in den schärfsten Behauptungen direkt widersprechen. Die eine fußt z.B. auf der Koloristik Makarts! Ich bekam die Werke durch Vermittlung im polytechnischen Verein leihweise. Die Werke waren:


1. Physiologie der Farben von Dr. E. Brücke. Leipzig, Hirzel 1887.

2. Farbenlehre von Wauwermanns. Leipzig, Hartlebens Verlag 1891.[49]

3. Farbenlehre Dr. W. Bezold. Braunschweig 1874.


Momentan hab ich (durch Erbslöh) eine alte, recht gute deutsche Klein-Ausgabe des Chevreul, die mir auch nicht viel sagt. Meine paar abergläubischen Begriffe über Farben dienen mir jedenfalls besser als alle diese Theorien. Nur das Prisma ist mir unentbehrlich geworden. Wenn Du aber denkst, daß ich mir ganz klar über seine Anwendung bin, dann täuschst Du Dich leider. Man muß fast bei jedem Bild seine Anwendung modifizieren; bei manchen scheint sie mir überhaupt unmöglich. Es dient mir, um meine gemalten Farben in ihrem Nebeneinander auf Reinheit der Wirkung zu prüfen; stelle ich nur Farben nebeneinander, die rein komplementär sind oder sein sollen, die aber im Prisma ein schmutziges Grauschwarz miterzeugen, so ist entweder ihr Farbklang falsch oder die Tonhöhen zu ungleich, was sich aber bekanntlich durch Ausbreitung der tonschwachen Farben ausgleichen läßt, worauf das Prisma sehr wohl reagiert. Beispiel:


50. Brief an August Macke

Ich malte meinen Russi liegend auf einem Schneefeld; ich machte den Schnee rein weiß mit rein blauen Tiefen; den Hund schmutziggelb. Im Prisma erschien das Gelb trübgrau, der ganze Hund von den tollsten Farbenringen eingerandet. Ich machte nun etappenweise den Hund ›reinfarbiger‹ (hellgelb); mit jedemmal, mit dem die Farbe reiner wurde, verschwanden die farbigen Ränder am Hund immer mehr, bis endlich ein reines Farbverhältnis zwischen dem Gelb, dem kalten Weiß des Schnees und dem Blau darin hergestellt war. Ferner muß die Masse Blau gegenüber dem reinen, aber lichtschwachen Gelb des Hundes sich nicht zu stark ausbreiten, um noch komplementär (d.h. berechtigt, ›organisiert‹) zu bleiben.

Auf Bilder mit trüben Mischfarben ist das Prisma natürlich nie anwendbar, aber eine trübe Mischfarbe neben einer reinen prismatischen halte ich überhaupt für ein künstlerisches Unding.

Ein nicht genug zu schätzendes Nebenvergnügen ist es noch, mit dem Prisma zur Erholung sich die Welt, seine Geliebte, die Petroleumlampe etc. anzusehen.

Zu beschreiben sind solche Dinge, deren Wert lediglich in der praktischen Handhabung liegt, wirklich schwer. Ich glaube, ein jeder wird es wieder etwas anders machen. Ich freu mich so, wenn Ihr einmal herkommt oder wir zu Euch (beides muß geschehen!), mit Dir alles derlei durchzuprobieren. Dann malen wir wirklich einmal miteinander was. Ich werd ja höchst wahrscheinlich ein Klavier bekommen, – auf dem werden auch wunderliche Sachen gespielt werden; ich schrieb Dir, glaube ich, schon einmal von Arnold Schönberg,[50] – Maria ›ringt‹ gerade mit diesem starken Engel, ohne gerade einen großen Segen zu verspüren. Mit Kandinsky unterhielt ich mich letzthin lang über Schönberg und unterbreitete ihm die mir etwas überraschende Konsequenz, die Maria aus dieser Musik gezogen, (sie behauptet, daß er mit völlig unauflösbaren Mischklängen arbeitet, ohne jeden Farbklang, nur Ausdruck, Geste). Kandinsky war darüber ganz begeistert: das ist sein Ziel; seine ›Schönfarbigkeit‹, die Auflösung seiner Farben in einer großen Harmonie ein faute de mieux in seinem Schaffen, über das er noch hinwegkommen müsse; die jungen Franzosen (Rouault, Braque, Fauconnier, Picasso etc.) hätten dies Schönbergsche Prinzip auch schon erfaßt etc. Ich sah auch die letzten Sachen von Kandinsky in seinem Atelier und gestehe, kaum je einen so tiefen und schaurigen Eindruck von Bildern erhalten zu haben als hier; Kandinsky bohrt am tiefsten von allen. Ich freue mich, mit ihm und Frl. Münter im Sommer etwas Nachbarschaft halten zu können (Murnau-Sindelsdorf).

Helmuth geht es ganz famos; wir haben uns sehr aneinander gewöhnt; zudem tauchten, zu meinem freudigen Erstaunen, hausfrauliche Eigenschaften bei ihm auf, die in meine etwas sehr trockene Küche die angenehmste Abwechslung brachten. Als mich letzthin eine Freundin hier besuchte und angesichts seiner (ihr als ›revolutionär‹ geschilderten) Sachen ganz enttäuscht ausrief: ›Das find ich aber gar nicht absonderlich! So seh ich die Natur auch!‹ bekam er einen Wutanfall und schwor, auf seinen Stelzen wankend, zwei Monate lang keinen Pinsel und Palette mehr in die Hand zu nehmen. Er hält es auch und zeichnet und kopiert den ganzen Tag. Es ist sicher der vernünftigste Weg für ihn.

Nun Schluß! Lang ist der Brief wenigstens geworden. Ob viel drin steht, weiß ich nicht. Das Beste werden die leihweise beigelegten Blätter sein, die ich Weihnachten nach dem Lehrbüchlein von Sebaldus Beham kopierte, – sind sie nicht fein? Wie intensiv haben sich die alten Herren mit dem Gesetzmäßigen der Kunst beschäftigt! Wir dürfen wahrhaftig uns nicht scheuen, es auch zu tun.

Viel Glück in's neue Atelier! Behalte eine Kalkwand für mich auf!

Grüße herzlichst Deine Frau

Dein Fz. M.


Helmuth empfiehlt sich den Herrschaften.


P.S. Jawlensky war ganz begeistert von der Zeichnung von Frau Lisbeth; sie prangt im Rahmen an der Wand, mit einer Zeichnung von Dir. Dein Spiegelbild gefiel ihm auch sehr.

Quelle:
Franz Marc: Briefe, Schriften, Aufzeichnungen. Leipzig: Gustav Kiepenheuer, 1989, S. 49-51.
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