24. Zwei Bilder*

Die Weisheit muß sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern.

Wenn wir so weise sein wollen, unsere Zeitgenossen zu belehren, müssen wir unsere Weisheit rechtfertigen durch unsere Werke und müssen sie zeigen wie eine selbstverständliche Sache.

Wir werden es uns hierbei so schwer wie möglich machen, indem wir die Feuerprobe nicht scheuen, unsere Werke, die in die Zukunft zeigen und noch unerwiesen sind, neben Werke alter, längst erwiesener Kulturen zu stellen. Wir tun es mit dem Gedanken, durch nichts unsere Ideen deutlicher zu illustrieren als durch solche Vergleiche; Echtes bleibt stets neben Echtem bestehen, so verschieden auch sein Ausdruck sein mag. Auch ist die Stunde zu solchen Betrachtungen günstig, da wir glauben, daß wir heute an der Wende zweier langer Epochen stehen; die Ahnung davon ist nicht neu; man hat den Ruf vor hundert Jahren schon lauter gehört. Damals wähnte man sich dem neuen Zeitalter schon sehr nahe, viel näher als wir es heute glauben. Ein ganzes Jahrhundert lag noch dazwischen, in welchem sich eine lange Entwicklung in rasendem Tempo abspielte. Die Menschheit durchjagte förmlich das letzte Stadium einer tau sendjährigen Zeit, die ihren Anfang nahm nach dem Zusammenbruch der großen, antiken Welt. Damals legten die ›Primitiven‹ den ersten Grund für eine lange, neue Kunstentwicklung, und die ersten Märtyrer starben für das neue christliche Ideal.

Heute ist in Kunst und Religion diese lange Entwicklung durchlaufen. Aber noch liegt das weite Land voll Trümmer, voll alter Vorstellungen und Formen, die nicht weichen wollen, obwohl sie schon der Vergangenheit gehören. Die alten Ideen und Schöpfungen leben ein Scheinleben fort, und man steht ratlos vor der Herkulesarbeit, wie man sie vertreiben und freie Bahn schaffen soll für das Neue, das schon wartet.

Die Wissenschaft arbeitet negativ, au détriment de la religion – welches schlimme Eingeständnis für die Geistesarbeit unserer Zeit.

Wohl fühlt man, daß eine neue Religion im Lande umgeht, die noch keinen Rufer hat, von niemand erkannt.

Religionen sterben langsam.

Der Kunststil aber, der unveräußerliche Besitz der alten Zeit, brach in der Mitte des 19. Jahrhunderts katastrophal zusammen. Es gibt seitdem keinen Stil mehr; er geht, wie von einer Epidemie erfaßt, auf der ganzen Welt ein. Was es[144] an ernster Kunst seitdem gegeben hat, sind Werke einzelner; mit ›Stil‹ haben diese gar nichts zu tun, da sie in gar keinem Zusammenhang mit dem Stil und Bedürfnis der Masse stehen und eher ihrer Zeit zum Trotz entstanden sind. Es sind eigenwillige, feurige Zeichen einer neuen Zeit, die sich heute an allen Orten mehren. Dieses Buch soll ihr Brennpunkt werden, bis die Morgenröte kommt und mit ihrem natürlichen Lichte diesen Werken das gespenstige Ansehen nimmt, in dem sie der heutigen Welt noch erscheinen. Was heute gespenstig erscheint, wird morgen natürlich sein.

Wo sind solche Zeichen und Werke? Woran erkennen wir die echten?

Wie alles Echte: an seinem inneren Leben, das seine Wahrheit verbirgt. Denn alles, was an künstlerischen Dingen von wahrheitsliebenden Geistern geschaffen ist, ohne jede Rücksicht auf die konventionelle Außenseite des Werkes, bleibt für alle Zeiten echt.

Wir haben am Kopf dieses Artikels zwei kleine Beispiele hierfür gebracht: rechts eine volkstümliche Illustration aus Grimms Märchen aus dem Jahre 1832, links ein Bild von Kandinsky 1910. Das erste ist echt und ganz innerlich wie ein Volkslied und wurde von seiner Zeit mit der vollkommensten Selbstverständlichkeit und Liebe verstanden, da noch 1832 jeder Handwerksbursche und jeder Prinz dasselbe künstlerische Gefühl besaß, aus dem heraus das Bildchen geschaffen ist. Alles Echte, was damals geschaffen wurde, hatte dieses reine, ungetrübte Verhältnis zum Publikum.

Wir meinen nun aber, daß jeder, der das Innerliche und Künstlerische des alten Märchenbildes empfindet, vor Kandinskys Bild, das wir ihm als modernes Beispiel gegenüberstellen, fühlen wird, daß es von ganz gleich tiefer Innerlichkeit des künstlerischen Ausdruckes ist – selbst wenn er es nicht mit der Selbstverständlichkeit genießen kann, wie der Biedermeier sein Märchenbild; zu einem solchen Verhältnis bedürfte man der Vor- und Grundbedingung, daß heute noch das ›Land‹ Stil besäße.

Da dies nicht der Fall ist, muß eine Kluft zwischen echter Kunstproduktion und Publikum gähnen.

Es kann nicht anders sein, weil der künstlerisch Begabte nicht mehr wie früher aus dem künstlerischen Instinkte seines Volkes heraus, der verloren ist, schaffen kann.[145]

Könnte aber nicht gerade dieser Umstand zum ernsten Nachdenken über vorstehende Zeilen bringen? Vielleicht beginnt er doch vor dem neuen Bilde zu träumen, bis es seine Seele in eine neue Schwingung versetzt?

Die heutige Isolierung der seltenen echten Künstler ist für den Moment durchaus unabwendbar.

Der Satz ist klar, nur die Begründung seiner Ursa chen fehlt.

Und darüber denken wir folgendes: Da nichts zufällig und ohne organischen Grund geschehen kann – auch nicht der Verlust des künstlerischen Stilgefühls im 19. Jahrhundert, so führt uns eben diese Tatsache zu dem Gedanken, daß wir heute an der Wende zweier langer Epochen stehen, ähnlich wie die Welt vor anderthalb Jahrtausenden, als es auch eine kunst- religionslose Übergangszeit gab, wo Großes, Altes starb und Neues, Ungeahntes an seine Stelle trat. Die Natur wird den Völkern nicht ohne große Absichten Religion und Kunst mutwillig gemordet haben. Und wir leben auch der Überzeugung, die ersten Zeichen der Zeit schon verkünden zu können.

Die Werke einer neuen Zeit sind unendlich schwer zu definieren – wer kann klar sehen, auf was sie abzielen und was kommen wird? Aber die Tatsache allein, daß sie existieren und heute an vielen, oftmals voneinander ganz unabhängigen Punkten entstehen und von innerlichster Wahrheit sind, läßt es uns zur Gewißheit werden, daß sie die ersten Anzeichen der kommenden neuen Epoche sind, Feuerzeichen von Wegsuchenden.

Die Stunde ist selten – ist es zu kühn, auf die kleinen, seltenen Zeichen der Zeit aufmerksam zu machen?[146]


* ›Zwei Bilder‹ (September 1911)

Aus: Der Blaue Reiter. München 1912 (2. Auflage 1914), S. 8–12. Wiederabdruck in: Der Blaue Reiter. Dokumentarische Neuausgabe von Klaus Lankheit. München 1965, S. 33–38

Manuskript verschollen, gleichzeitige Kopie in Maschinenschrift in Bonn, Nachlaß August Macke


  • Märchenillustration, um 1830. Aus dem Almanach: 'Der Blaue Reiter', S. 8
    Märchenillustration, um 1830. Aus dem Almanach: 'Der Blaue Reiter', S. 8

Quelle:
Franz Marc: Schriften. Köln: DuMont, 1978.
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