13. »Das abstrakte Theater.«*

I

Jede Zeit hat [die Kunst, die es verdient] ihr Theater, jede das Ihre, jede ein anderes. Dem künstlerischen Tiefstand unserer Zeit entspricht der Tiefstand ihres Theaters. Aber nachdem heute einige junge Quellen wirklicher Kunst aufgebrochen sind, geht endlich auch über die Bühne die Unruhe der Neuerer. [Die Befreiung von den spielerischen und historischen] Das Theater, das wir in einigen Jahrzehnten haben werden, ist uns allen [noch] ein Geheimnis, da die entscheidenden Werke noch nicht geschaffen sind. Aber das soll kein Grund sein, uns heute in unseren Theatern so zu langweilen, wie wir es thatsächlich thun. [Können wir – so gut wie wir Bilder malen, die niemand liebt, nur das geheime Deutschland liebt, so wollen wir auch auf der Bühne Dingen zeigen, die nicht für aller Augen sind, unsere Arbeit thun, die der Menge schwer, zur Unlust der Gleichgültigen, zur Freude der Wenigen, der Ernsten. Wir fühlen alle Einwendungen voraus, die] [War es mit der Malerei nicht auch genau so? Aber seit einigen Jahren entstehen Werke, die die Gewohnheit der Langeweile Lügen strafen; es gibt wieder ein »geheimes Deutsch land«, das erwacht ist, dessen Augen sehen und dessen Ohren hören. Das erwacht ist, in dem jeder mit einem stummen Nicken den anderen versteht. Es sind nur Wenige, aber diese Wenigen können sagen: »es ist wieder eine Lust zu leben«!] [Ein jeder langweilt sich dort, denn sich langweilen heißt gezwungen zu werden, seine Aufmerksamkeit auf Äußerlichkeiten, auf alles, was unsren Geist nichts angeht, zu richten.] Man will uns nötigen, unsre Aufmerksamkeit auf Äußerlichkeiten, also auf Dinge, die unsren Geist nichts angehen, zu richten; das Leben selbst langweilt uns beständig durch seine Tendenz, uns durch Äußerlichkeiten vom wahren Denken abzulenken. [Hierin liegt der tragische Zwiespalt von Leben und Sein.] Pseudokunst und Bühne von heute langweilen aus dem gleichen Grunde.

Nicht aus Eitelkeit oder Übermut strecken wir Maler einer neuen Kunst unsere Hand auch nach dem Theater aus. Die Arbeit der Erneuerung, die uns ganz erfüllt, kann vor der Bühne nicht Halt machen.

Wir wissen, daß unser Beginnen hier wie in der Malerei für die Allgemeinheit verfrüht ist, daß die Stunde des modernen Theaters noch nicht erfüllt ist. Aber wer gleich uns im Frühlicht des Morgen lebt, kann nicht im Gestern und Heute ausruhen. [Man darf unserm Urteil schon vertrauen, daß wir die Einwendungen selbst voraus kennen, mit denen man unsre Arbeit widerlegt.] Wir kennen[121] nur einen Einwand, der uns bedroht: Ohne Dichtung kann man keine Bühne schaffen. Gut! so wollen wir unsere eigenen Dichter sein [Vielleicht werden wir auch noch die Euren, bis die besseren Dichter kommen, die uns lächelnd ins Publikum, in ihr Publikum verweisen werden.], bis die Stunde kommt, in der wir ins Publikum zurücktreten dürfen, um die wahren Dichter zu hören, nach denen wir uns heute sehnen.


II

[Die Welt dreht sich so langsam, daß wir ihre Bewegung, ihren Gang nicht wahrnehmen, verzweifelt sehen wir alles immer am alten Platz.] Man darf uns nicht mißverstehen; wir wollen keine Bühnenreform; wir geben keine [höflichen] Winke, wie man es auf der Bühne noch besser machen könnte, als man es heute schon macht. Man könnte unsren Willen nicht gröblicher mißverstehen. Unsre Bilder und unsre Ideen sind eine neue Daseinsform, ein Gedanke, an dessen Dauer die gegenwärtigen Formen zu Grunde gehen werden.

Die heutige Daseinsform – die gleichzeitig immer auch ihre eigene gute oder schlechte Kunstform zeitigt – kann man mit dem Begriff »Fortschritt« bezeichnen. Zweifellos wird heute entsetzlich viel gear beitet; alles für den Gott des Fortschritts, der in das Unermeßliche schwillt, da er keine Form hat, sondern wesenlos vor der Arbeit herflieht wie eine Fata Morgana. Der Fortschritt besitzt heute alle Eigenschaften eines Religionssystems, in dem es Profeten Priester und die ungeheure gläubige Laienwelt gibt. Das traurige Kapitel der trügerischen Lockmittel, deren keine Religion noch entraten konnte, hat in dem modernen Werbesystem eine besonders raffinierte Form angenommen. Es sind die modernen »Errungenschaften«, deren geheime Kriegslist ist, die innerlichen, ererbten und organischen 〈?〉 Fähigkeiten der Menschen durch äußerliche, lernbare, mechanische Fähigkeiten zu ersetzen. Wie eine solche Religion der Selbstverstümmelung die Menschen hat ergreifen können, wissen wir nicht. Bewundernswürdig ist die Geschicklichkeit der Priester dieser Religion, den Menschen diese Verstümmelung ihrer organischen Kräfte zu verbergen durch das Scheinmanöver des sogenannten »Fortschritts«, an dem jeder, auch »der Geringste«, mitarbeiten darf; die Menschen gehen auch auf den plumpsten Köder; man baut den Menschen Eisenbahnen [(-sie dürfen sie sich selber bauen!)], um ihnen das Gehen und Lastentragen zu ersparen. In Wirklichkeit aber, um sie körperlich abhängig [und schlecht] zu machen. Man erfindet für die Menschen das Telefon, die Schnellpresse und dergleichen, um das selbständi ge Denken zu verschlechtern. Man baut Maschinen, damit die Menschen ihre wunderbaren kunsthandwerklichen Fähigkeiten verlernen sollen und[122] plump und dumm genug für die Religion des Fortschritts werden. Auch diese Religion wird wie alle anderen bis zum bittern Ende einer systematischen Selbstverstümmelung durchschritten, durchkeucht werden müssen, auch auf die Gefahr und Gewähr, uns bei kommenden, starken Völkern mit unseren »Errungenschaften« unsterblich lächerlich zu machen. Es ist zum mindesten zweifelhaft, ob es genügt, sie bis zum Ende nur in Gedanken durchzudenken. [Wir werden wohl diese Religion der systematischen Selbstverstümmelung bis zum Schluß kosten müssen. Diese Errungenschaften sind aber in der Hand der Menschen auch ein sehr gefährliches, blutiges Spielzeug, vielleicht endet alles vorzeitig im Blute, das uns leicht dazu bringen könnte, uns gegenseitig und »vor der Zeit« damit abzuwürgen; draußen werden die gesunden Heiden stehen und dem grausigen Spiel zusehen. Der Eifer, mit dem man heute für seine neue Religion tätig ist] [Aber die Priester rechnen ruhig mit dem blinden Eifer der Menge. Alle Religionen waren blutig; die unsre wird vielleicht die blutigste sein.]

Wie jede Religion hat auch diese ihre Schönheit. Die Naturwissenschaften sind in ihrer Organisation und Planmäßigkeit sogar allen früheren Teogonien 〈sic!〉und Kirchenorganisationen weit überlegen, ihr Siegeslauf ist von einer unerhörten Schnelligkeit; mit einer erschreckbaren Sturzgewalt zerstörte sie tausendjährige Gedanken, alles aufsaugend und negierend.

Die Naturwissenschaften, das moderne System, sind rein negierende Kräfte. [Die positiven Wissenschaften sind ja nichts als eine Revision] Sie stellen eine gründliche Revision alles Geschehenen dar und sind wie die historische Akribie eine kritische Disziplin. Selbst die technischen Triumphe dieses merkwürdigen Zeitalters sind keine positiven Werte; sie negieren die Vergangenheit; sie sind unvergleichlich in ihrem großen Eifer, aufzuräumen, »aufzuklären« und zu ordnen; die wahren Gelehrten vom Schlage Jules Fabre und die großen chemischen Analytiker wissen das, eine Thatsache, die die Menge nicht erfahren darf um des »Glaubens« und der »Propaganda« willen. Der Menge muß immer ein Heil gepredigt werden.

Das große Reinigungswerk der Wissenschaften ist auch noch nicht zu Ende gethan; aber ehe die kritische Besinnung der Menschheit vollendet sein wird, ehe wir vor dem Nichts, vor der letzten Negation stehen, müssen und werden neue Lebensformen entstanden sein, – solche neuen Formen sind unser Weniger hohes, sehr fernes Ziel.

Heute gibt es überhaupt keine Lebensformen; was wir heute davon schon scheinbar haben, ist wirklich Schein, Reform, erborgt, ererbt; wir leben gar nicht wirklich, da wir keine echten Formen des Lebens haben.[123]


* ›Das abstrakte Theater.‹ (Juni 1914)

Heft in Quart, eigenhändig (s. Abb. 22) Unveröffentlicht

Es bedeutet auch hier: [...] = im Original gestrichen; weitere von Marc verworfene Textvarianten sind jedoch nur abgedruckt, wenn sie inhaltlich von Bedeutung sind.

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum


  • Figurine Miranda für Shakespeares 'Sturm', 1914. Tempera, 46 × 39,5 cm. Basel, Kupferstichkabinett der Öffentlichen Kunstsammlung. Katalog der Werke Nr. 499
    Figurine Miranda für Shakespeares 'Sturm', 1914. Tempera, 46 × 39,5 cm. Basel, Kupferstichkabinett der Öffentlichen Kunstsammlung. Katalog der Werke Nr. 499

  • Figurine Caliban für Shakespeares 'Sturm', 1914. Tempera, 46 × 301,5 cm. Basel, Kupferstichkabinett der öffentlichen Kunstsammlung. Katalog der Werke Nr. 498
    Figurine Caliban für Shakespeares 'Sturm', 1914. Tempera, 46 × 301,5 cm. Basel, Kupferstichkabinett der öffentlichen Kunstsammlung. Katalog der Werke Nr. 498

  • Erste Seite des Fragments 'Das abstrakte Theater' 1914. 16,8 × 14,1 cm. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum
    Erste Seite des Fragments 'Das abstrakte Theater' 1914. 16,8 × 14,1 cm. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum

Quelle:
Franz Marc: Schriften. Köln: DuMont, 1978.
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