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[70] In München blieb ich nur ein paar Tage und ging dann nach Säckingen. Soviel ich mich erinnere, habe ich dort nicht viel gearbeitet. Im September lud mich Ernst Sattler ein aufs Schloß Mainberg, um in Gemeinschaft mit ihm dort einen Weinbergsturm seines Onkels auszumalen. Wir führten nun ein phantastisches Leben auf Schloß Mainberg. Sattler und ich spielten Ritter, wozu wir wohl auch die vorhandene Waffensammlung seines Onkels benutzten und auch, indem wir aus großen Krügen den guten Frankenwein aus dem Keller tranken. Frau Sattler war die poetisch schöne Schloßfrau. Ich malte[70] auf dem Aussichtsturm Peterstein bei Schweinfurt eine Decke mit einem Kranz von Amoretten in Wolken und dergleichen mit Eitemperafarbe. Das liebliche Maintal mit den Rebbergen, den Buchenwäldern, den fränkischen Städtchen hat mir gut gefallen. Ich hatte doch von jeher die Gabe oder auch den Fehler, daß mir jede Landschaft gefiel, wo ich mich gerade befand. Steinhaufen und Burnitz besuchten uns, die lustige Weinlese war, und so war an Heiterkeit kein Mangel. Im November ging ich nach Frankfurt, wo mir die Bemühungen von Dr. Eifer den Auftrag verschafften, ein Gartenzimmer des Herrn Gerlach, Giolletstraße 34, auszumalen. Ich wohnte den Winter über bei Gerlach und malte sechs Landschaften an die Wände; auch die Porträte von Herrn und Frau Gerlach. Aber eine eigentümliche Unruhe überfiel mich in Frankfurt, als diese Arbeiten beendigt waren. Ich konnte mich nicht entschließen, meinen Wohnsitz in Frankfurt aufzuschlagen. Ich mußte nach München, dort war, für andre unsichtbar, mein Glück.

Indem ich hier nun auf das zurückschaue, was ich als Lebenslauf zu schreiben mich bemüht habe, sehe ich, wie wenig es ist, was man über das eigentliche Leben zu sagen weiß. Wie öde auch die genauesten Tatsachen aus den Notizbüchern sind – es sind uns unbewußte Kräfte, es ist Unaussprechliches, was uns durch die Buntheit des Lebens leitet, und gar weniges hängt von unserm Willen und Entschließen ab. Man denke nur an die Kräfte, die Gesundheit und Krankheit in ihrem Schoße tragen, die Träger und Störer des Lebens. Man muß sich halt damit abfinden mit den äußerlichen Geschehnissen in Raum und Zeit, und kann höchstens, wie ein Schiffer durch die Wellen, durch sie hindurchsteuern. Man sollte von Rechtswegen schweigen, da man über das eigentliche Wesen des Lebenslaufes doch nichts sagen kann, ja daß man über dies eigentliche Element, auch wenn man es vermöchte, doch nichts sagen will. Der Mensch lebt gern in dem Wahn dahin, daß er sein eigen Schicksal lenkt, er schämt sich es einzugestehen, daß ihm unbekannte Triebe die größte Macht über ihn ausüben. Triebe, die im Geheimnis der Tiefe ruhen wollen, die in der Stille ihr Werk vollführen. Aus ihrem Zwange gehen Gut und Böse hervor und spielen mit dem Willen der Menschennatur. Dem geheimnisvollen Willen,[71] der das Weltall beherrscht, muß sich alles von ihm Geschaffene unterwerfen.

Es war im März 1875, als ich nach München zurückging. Ich stand auf der Lebensstufenleiter »30 Jahr ein Mann«, schon weit vorgeschritten zu »40 Jahr wohlgetan«. Was ich nun tat, war wohlgetan, das konnte freilich ich nur wissen; aber es hat sich bewährt.

Ich bezog ein kleines Atelier Marsstraße 11 und ging frisch an die Arbeit. Steinhaufen war noch in München und wir machten, ehe er nach Berlin ging, einen Frühlingsausflug nach Mittenwald.

Für mich begann nun ein schöner Frühling voll Blumen und voll Liebe. Sorglos gab ich mich der Natur hin. Denn was leichtsinnig schien, dem hielten tiefernste Entschlüsse die Wage. Ich wußte, daß ich einen Bund fürs Leben geschlossen hatte.

In Säckingen war ich diesen Sommer nur kurze Zeit, ohne viel zu arbeiten. Die Bilder, die ich in München in dieser Zeit gemalt habe, sind: »Ein Mädchen, welches einen mit Gras und Blumen beladenen Esel führt«; »Italienische Familie mit Pferden«; »Seeweiber«, die später Bracht kaufte; »Der Charon«, welcher von der Kunstgenossenschaftsjury von der Ausstellung zurückgewiesen wurde, den nachher der Maler Schuch kaufte; »Goldne Zeit«, »Pinien« und anderes mehr. Im Herbste 1875 fing Cella bei mir zu malen an, große Blumenstücke, und sie machte erstaunliche Fortschritte und ihr ganz ursprüngliches Maltalent offenbarte sich. Wir waren voll Jubel und Glück. Über meine Bilder erschienen in den Münchner Blättern die gehässigsten Kritiken. Auf Weihnachten 1875 ging ich mit Cella nach Säckingen.

Im Winter und Frühling 1876 habe ich viel gearbeitet. Ich erinnere mich an das Porträt des Malers Frölicher, welches jetzt in der Pinakothek hängt. Cella malte Blumen, und es waren schöne Tage, an denen wir in der Umgegend von München, in Großhesselohe und Föhring, unsre Blumensträuße holten. Mit Stäbli war ich besonders viel zusammen. Im Juni gingen wir nach Schaffhausen, wohin Mutter und Schwester inzwischen übergesiedelt waren, und blieben den Sommer über dort. In Schaffhausen malte ich im Garten meines Vetters das Bild »In der Hängematte«, das jetzt im Städel-Institut hängt, und eine Gartenszene mit drei Figuren. Auch habe ich den »Rheinfall«, den Bremen besitzt, gemalt.[72]

Zum Glück verkaufte ich im Frankfurter Kunstverein das Bild »Goldne Zeit« für etwa 700 Mark. Es war in Schaffhausen doch eine recht vergnügte Zeit, ein paar in geordneter Armut lebende Onkel, Tanten, Vettern waren stets aufgelegt, einen Spaziergang zu machen, in einen der Nachbarorte, wo es guten Wein gab. Wir waren sogar einmal auf den Hohentwiel gekommen. Ein mit mir gleichaltriger Vetter, Joseph Maier, war Besitzer der Wirtschaft »Zum Tiergarten«, einer der interessantesten Schaffhauser Bauten. Dort verkehrten wir viel. Sorgen hatte ich aber genug. Eine Art Hoffnungsstern war jetzt Frankfurt – ich reiste im Oktober dorthin.

Mutter, Agathe und Cella zogen im November wieder nach Säckingen, wo sie eine kleine, aber sehr hübsche Dachwohnung im Hause des Blechnermeisters Zeiner bezogen. Das Ehepaar Zeiner habe ich gemalt und die Bilder hängen jetzt in der Berliner Nationalgalerie. Dr. Eiser tat alles, um mir die Wege zur Übersiedlung zu bereiten. Am Weihnachten 1876 ging ich nur auf kurze Zeit nach Säckingen.

1877 kam Steinhausen zu bleibendem Aufenthalt nach Frankfurt. Wir mieteten ein gemeinsames Atelier in der Kaiserstraße und eine Wohnung in der Mainzer Landstraße. Wir arbeiteten beide recht fleißig und waren meist wohlgemut. Gemalt habe ich in der Zeit unter andern einen »Endymion«, »Alberich« und die »Rheintöchter« – Nibelungenbilder.

Am Pfingsten ging ich nach Säckingen und am 19. Juni war mein Hochzeitstag mit Bonicella Berteneder aus Landshut. In der evangelischen Kirche in Säckingen wurden wir von Pfarrer Siegrist getraut. Sie war 19 Jahr alt und ich 38.

In Säckingen malte ich dann eine Flora mit einem Blumenkranz. Ich habe später einmal, in einem Anfall von Unzufriedenheit mit dem Bilde, die Flora mit Wolken und Amoretten zugestrichen, so daß nur der Kranz übriggeblieben ist. Das Bild ist jetzt in der Leipziger Sammlung, auch malte ich »Christus predigt am See«, auch eine »Märchenerzählerin« und einige Landschaften am Rhein.

Steinhausen kam und wohnte in Obersäckingen. Eifer und Frau kehrten im Oktober von der Schweiz zurück. Wir machten aus, daß wir uns in Basel treffen wollten und ich muß gestehen, ich war nicht[73] gleichgültig, welchen Eindruck Cella auf die Freunde machen würde. Aber in der ersten Viertelstunde schon wußte ich, daß Cella durch ihre ungesuchte sonnige Heiterkeit, durch ihr natürliches Wesen geradezu die höchst erfreulich.

Ende Oktober war ich wieder bei Eifers, er machte mir Mut, daß ich es wagte, in der Lersnerstraße 20, dem Holzhausenpark angrenzend, eine Wohnung für 828 Mark zu mieten.

Im Dezember ging ich zum Einpacken nach Säckingen. Dann reisten wir, Mutter und Agathe, Cella, unser Kater Peter und ich, ab und waren am Abend in Eifers gastlichem Hause. Den Kater Peter, den behaglich schnurrenden Hausgenossen, konnten wir nicht zurücklassen. Es steckt immer etwas wie ein Geheimnis in so einem Tier, mit dem wir in Verkehr treten. Peter fand sich auch in Frankfurt bald zurecht.

Die Mutter und auch wir andern waren nun in Sorgen, wie es uns in dem teuern Frankfurt mit dem wenigen Geld gehen würde. Ich gab der Mutter ein eisernes Kästlein mit dem Geld, und so war sie, die Sparsame, die Hüterin desselben; so wurden alle Ausgaben wohl überlegt. Sie zählte und rechnete immer, wie lange das vorhandene noch reichen würde, und was dann? Das war eine bange Frage. Aber es ging, und der Vorrat im Kästlein ging nicht aus, er vermehrte sich. Und so kam doch bald über uns das schöne Gefühl der Sicherheit, wie es sich auf der Lebensstufe »wohlgetan« schickte. Auf dieser Stufe stand jetzt mein Leben.

Bis jetzt konnte ich die Zeitfolge so ziemlich genau beglaubigen aus Tagebuchangaben. Das hört jetzt auf. Denn es gibt keine Tagebücher über den ruhigen Gang meines Lebens in Frankfurt. Was konnte ich da viel sagen. Es waren die Jahre, wo man dem Stillstand entgegengeht, wo man dann diesen festhalten will, und da ist man still an seiner Arbeit.

Im Winter 1878 malte ich in meinem kleinen Atelierzimmerchen die ziemlich große »Flucht nach Ägypten« und auch den »Christus und Nicodemus« und manche Landschaft. Meine Frau malte Blumen. Ihre Geschicklichkeit war erfreulich, ihr gutes Auge leitete sie, ihre Bilder ausstellen wollte sie nicht. Da, um unsern Karren vorwärts zu[74] bringen, gab sie jungen Damen aus unserm Bekanntenkreis Malunterricht, mit viel Erfolg. Die Schülerinnen hingen sehr an ihr. Am Ostern 1879 kaufte Charles Minoprio aus Liverpool, ein geborner Frankfurter, eine Landschaft von mir im Kunstverein. Das war wichtig für mich, denn es knüpfte sich daran für die nächsten Jahre, wo meine Bilder so ziemlich von allen deutschen Ausstellungen zurückgewiesen wurden, eine erfreuliche Sicherung meines Bestandes. Minoprio kam jährlich und kaufte immer mehrere Bilder. Er brachte auch seinen Schwager von Sobbe mit, der es hauptsächlich auf Blumen von mir abgesehen hatte. So kamen mit der Zeit in diesen englischen Besitz mehr als 60 Bilder, von denen eine Ausstellung im Liverpooler Kunstverein gemacht wurde, so daß meine erste Sammelausstellung in England stattfand.

Quelle:
Thoma, Hans: Im Winter des Lebens. Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen, Jena 1919, S. 70-75.
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