Knabenjahre im Elternhaus

Mein Vater hatte in seinem Pulte eine Bibel, worin er den Tag und die Stunde geschrieben, wann ihm ein Söhnlein öder Töchterlein geboren war. Darin stand: »1751 den 15. Februar zwischen 4 und 5 Uhr morgens wurde mir ein Knäblein geboren, den nannte ich Johann Heinrich Wilhelm.« Das bin ich! Die fünfte Stunde morgens ist eine schöne Stunde, aus dem dunkeln Schlaf ins lebendige Licht zu treten. Es sind nun sechzig Jahre, daß ich auf der Welt bin. Dreißig Jahre lang bin ich immer mit und vor der Sonne aufgestanden, habe die Hälfte der Nächte geträumt, habe also doppelt soviel gelebt als einer, der nicht früh aufsteht und nicht lebhaft träumt.

Meiner Existenz ward ich zuerst inne, als ich auf die Nase gefallen war. Meine Mutter hatte mich, da ich noch nicht gehen konnte, einem Burschen zur Wartung übergeben. Der stellte mich vor unserer Tür an eine Ziege, die Apfelschalen fraß. Solange das Tier still stand, konnte ich mich daran halten; aber während ich mich über dasselbe freute, sprach er mit jemand anderem und ließ mich allein. Als nun die Apfelschalen verzehrt waren, ging die Ziege fort, und da ich noch nicht allein stehen konnte, fiel ich auf die Nase. Über mein Jammergeschrei kam meine Mutter herzugelaufen und schalt den Jungen, daß er mich so habe fallen lassen. Da erfuhr ich, daß ich etwas wert sei, indem so viele um mich bemüht waren und mir das Blut abtrockneten, mich beklagten und jenen Menschen schalten.[5]

Nachdem die Erkenntnis bei mir auf eine so empfindliche Art durch Schmerz geweckt und ich nun meiner bewußt war, wurden mir auch nach und nach die Dinge und Menschen bemerklich, die mich umgaben. So lernte ich durch sanfteren Händedruck das Wohlwollen, die Liebe, meine Mutter und meinen Vater kennen; ich merkte, daß ich von ihr Gutes und Pflege erhielt, Schutz in ihrer Nähe und Warnung in der Ferne hatte. So hing ich an ihr wie sie an mir. Kühn auf ihren Schutz, wurde ich freier und entfernte mich von ihrem Schoße; denn ihre Augen hatten acht, und ihre Arme und Hände schützten mich. Aus ihren Händen lief ich in des Vaters Arme, der mich oft kräftig in die Höhe hob und mich Mond und Sonne sehen ließ. Und es wurde heller um mich, und ich sah immer deutlicher ein, wie sich dies und das von jenem unterschiede. Von meiner Mutter lernte ich sprechen, von dem Vater aber die Sachen mit dem rechten Namen nennen.

Der enge Kreis von Kenntnis wurde erweitert. Fern von unserer Wohnung lernte ich das Haus meiner Großeltern kennen, den Großvater und die Großmutter mit ihren Kindern und Kindeskindern, welche bei ihnen wohnten und mit denen wir oft zusammenkamen. Dort erhielten wir Kinder die erste Aufmunterung zu nützlicher Beschäftigung. – Doch ehe ich weiter von mir etwas sage, muß ich von meinen Großeltern, Vaters Brüdern und Schwestern erzählen. Wem daran gelegen ist, den einzelnen Menschen genau zu erforschen, dem wird dies leichter, wenn er die ganze Familie desselben kennt; denn die hat ähnliches, und man sieht den Einfluß, der auf ihn wirkt, und wie er jedes aufnimmt und betrachtet. Man findet auch wohl Menschen in weiter Ferne, die man vorher nie gesehen hat, bei denen man sich aber auf den ersten Blick für überzeugt hält, daß sie zu einer Familie gehören, die man kannte. Auch verdienen es meine Großeltern, gekannt zu sein, und ich rechne sie zu den Edelsten, welche ich auf meinem Erdenwallen gefunden habe.[6]

Der Mensch, welcher gewissenhaft seinen Beruf erfüllt, daneben für sich und andere Nützliches wirkt, durch sein Beispiel dazu beiträgt, Menschen zu veredeln, und zum Nötigen auch das Schöne schafft und das Gute, der ist der Ehre seiner Mitbrüder wert, und sein Name und sein Wirken verdient bei der Nachkommenschaft erhalten zu werden. Das Glück und das Ungefähr führt oft Menschen von großen Geisteskräften auf den Weg, glänzende Taten auszuführen; aber bei den Geringen, die im stillen ohne Lärmen Gutes wirken, da sind die wahren Tugenden.

Johann Heinrich Tischbein, so hieß mein Großvater, von dem alle Künstler dieses Namens abstammen. Wie man mir erzählte, war er aus Marburg nach Haina gekommen, wo er die Hospitalbäckerei übernahm. Meine Großmutter war aus Bingen am Rhein, Tochter eines Schlossers Hinsing, der auch künstliche Uhren machte und selbst an einem Weltsystem arbeiten half. Sie kam mit der Obervorsteherin des Hospitals als Gesellschafterin nach Haina, und als sie einfuhren, waren viele Menschen versammelt, um ihre Oberin zu sehen. Auf der Brücke nun sagte die Obervorsteherin scherzend: »Susanne, da steht einer mit braunem Haar, der muß dein Bräutigam werden.« Aus dieser Vorhersagung wurde Ernst. Sie sahen sich, gefielen einander, heirateten sich und wurden die Eltern von sieben Söhnen und zwei Töchtern. – Der Wirkungskreis meines Großvaters war sehr beschränkt; hatte er aber sein Berufsgeschäft vollendet, dann füllte er die übrigen Stunden mit Drechseln und Tischlern aus, bildete schönes Hausgerät, hübsch ausgelegte Nähkästchen und Klöppelchen, womit die Großmutter zierliche Spitzen schlug. Auch zeichnete er kunstreiche Muster und Blumen mit Indigo zum Sticken, indes sie, als Meisterin in dieser Kunst, die jungen Mädchen in mancherlei weiblicher Arbeit unterrichtete. Übrigens war er ein Mann von einem hellen Blick ins Ganze; leicht stellte sich ihm dar, was nützte und taugte; dies wurde dann ergriffen und[7] kräftig ausgeführt – er folgte der inneren Stimme in allem, was Gewissen und Pflicht ihn tun hieß.

Er war immer mit sich zufrieden und begehrte wenig. Das erfreulichste Geschenk, was man ihm geben konnte, war ein Pfeifenkopf; er hatte eine Sammlung davon. Auch ergötzte er sich wohl an einem Vogel, einem Blutfinken, einer Amsel, die er abgerichtet hatte, Lieder zu flöten; und neben diesen war ich sein Liebling. Sobald sein Geschäft geendet war, kam er, mich zu warten, und trug mich nach meinem Willen, wohin ich verlangte; er war unverdrossen, wenn ich auch unartig war, und wußte auf eine freundliche Art mich zum Bessern zu lenken. – Vorsichtige Besorgnis, gewissenhafte Tätigkeit, zu ersetzen, wo Mangel war, zu erfüllen, was Hilfe heischte, Rechtlichkeit, stetes Vertrauen, ein Herz, wie Gott es schuf, und ein reiner Glaube, nahe an Überfrömmigkeit, doch das Schwärmen durch Tätigkeit gehindert – das war meine Großmutter. Beide personifizierten in sich das Zeitalter der sittlichen Häuslichkeit.

Noch eines Mannes muß ich erwähnen; er war meines Großvaters Stiefbruder und sein Gehilfe in der Bäckerei; wir nannten ihn Vetter Just. Ich gedenke seiner noch immer mit eben der innigen Liebe, mit der er an mir hing, mich wartete, auf seinen Armen trug und auf seinem Schoße mich wiegte.

Der Erstgeborene meiner Großeltern war mein Vater, er hieß Johann Konrad. Da er der Älteste war, so ward er in dem Geschäfte des Vaters erzogen, um diesem künftig zu helfen und auch später seine Stelle zu bekommen. Aber er liebte schon in früher Jugend andere Arbeiten, drechselte, tischlerte und schnitzte künstliche Sachen, die Bewunderung erregten; und da er zum Jüngling erwachsen war, stieg mit den Kräften auch der Geist zum Freieren und erwachte eine Begierde bei ihm, ferne Länder zu sehen. Er hatte gehört, daß Konstantinopel eine so schöne Stadt wäre; darum wollte er die sehen. Vertrauend auf seine Geschicklichkeit,[8] die ihm hinlängliches Durchkommen verschaffen werde, machte er sich auf den Weg, ging über Wien nach Ungarn usw. Ich hörte ihn oft von den Wallachen erzählen, wie er sich mit denen herumgetummelt hätte. Er kehrte aber um, ohne die schöne Stadt gesehen zu haben. In Wien lernte er die Architektur und zeichnete viele Risse, die zu seinem Geschäfte nötig waren. Einst hatte er in einer Kirche eine Kanzeltreppe anzulegen, weil aber der Raum klein war, so wurde es ihm schwer, sie anzubringen. Da träumte ihm eines Nachts, wie er sie machen sollte; er sprang auf und legte seine Treppe mit vielem Beifall an. Eines Tages kam er zu einer Witwe, die weinte, daß ihr Mann gestorben sei und sie nun keine Arbeit habe und kein Brot für ihre Kinder. Er sagte: »Wenn keine bestellte Arbeit da ist, so muß man welche machen, die gekauft wird.« Er fing schön eingelegte Arbeit an und rettete so die armen Leute. – Das Verlangen, seine Eltern wiederzusehen, und auch wohl der natürliche Wunsch nach dem Orte, wo er geboren war, bewog ihn, die Fremde zu verlassen und nach der Heimat zu kehren. Seine mitgebrachten Zeichnungen von Architektur erregten Bewunderung, und er unterrichtete darin und besonders in den Regeln der Perspektive seine Brüder, die schon zum Teil geschickte Maler waren; er selbst aber ergriff zu seinem Gewerbe die Tischlerei und das Drechseln. Sein regsamer Geist kannte keine Erholung. War die Pflicht seines Hauptgeschäfts vollbracht, so wandte er seine Zeit an, nützliche und künstliche Arbeiten zu vollenden. Ruhig war er bei der Arbeit, aber sein Geist strebte immer vorwärts, und in seinem Auge war ein forschender Blick, etwas aufzufassen; sein Gang war rasch, ohne die gerade Gestalt zu biegen, und seine Nase blies einen starken Odem. »Der alte Tischbein kommt«, sagte jemand, »ich hör ihn schnauben«, und lief gleich zu seiner Arbeit. Seine Nase war rund und stark, etwas vorwärts neugierig in die Höhe gebogen, sein Mund am Ende eingekniffen, als schmecke er etwas Süßes; und[9] seine Miene hatte etwas Peinliches, als fühle er Mitleid. Außer mir hatte mein Vater noch zwei Söhne: Johann Heinrich, nachheriger Galerie-Inspektor in Kassel, der älter war als ich, und Heinrich Jakob, der anfangs in Hamburg, späterhin in Frankfurt am Main mit Beifall malte, und noch zwei Töchter.

Johannes, so hieß der erste Bruder meines Vaters. Das forschende Streben, das Denken lag auf seiner Stirn; zwischen den Augenbrauen etwas Finsteres, ein Ernst, der allen aus der Familie eigen war; dabei etwas Banges im Munde, als würde er von einer schweren Last gedrückt. Die meisten seiner Brüder waren ängstlich, furchtsam und nachgebend, außer Christian, der Entschlossenheit hatte, Kühnheit und schnellen Widerstand, und Anton, der sich durch seinen freien, unternehmenden Geist vor allen auszeichnete. Johannes ward Universitätsmechanikus zu Marburg. Er kam oft zu meinem Vater, besonders wenn er neue Maschinen erfinden wollte und etwas im Werke hatte, worüber er dessen Gedanken verlangte. Ich weiß, daß sie oft ganze Tage lang disputierten und ihre Ideen miteinander wechselten. Eines Tages, erinnere ich mich, kam er zu meinem Vater gelaufen und entdeckte ihm voll Freude einen Plan. Auch mein Vater schien sehr erheitert, und sie zeichneten während des Sprechens allerlei geometrische Figuren auf den großen ahornen Tisch, der in unserer Stube stand; und als sie übereingekommen und fertig waren, legte sich mein Onkel erschöpft und so müde, daß er nicht mehr stehen konnte, so lang er war, auf den Tisch und schlief. Betten zum Ruhen wollte er nicht annehmen; denn er wollte nur einen Augenblick sich erholen und dann wieder nach Haus laufen. Das war das letztemal, daß ich ihn sah. Er starb früh und hatte noch die Freude, kurz vor seinem Ende den Ruf als Hofmechanikus nach Kassel zu erhalten. Er hinterließ zwei Söhne, Christian und Georg; seine Frau starb gleich nach ihm, und die Kinder, welche noch sehr jung[10] waren, wurden nach Haina gebracht und bei den Großeltern erzogen. Der eine wurde Maler, der andere Mechanikus.

Der dritte Sohn meiner Großeltern war Johann Valentin. Als er eines Tages mit seinen Brüdern Heinrich und Jakob in der Kirche zu Haina einen neuen Stuhl von Tannenholz sah, welchen ein fremder Maler mit nußbraunen Masern angestrichen hatte, damit das weiße Holz nicht gegen die schönen aus Nußbaumholz gemachten und mit Schnitzwerk versehenen Mönchsstühle abstäche, wurden die Knaben von solcher Lust überkommen, auch diese Geschicklichkeit zu erlernen, gewöhnliches Holz durch Malen zu veredeln, daß sie in der Kirche beteten, Gott möchte sie ihnen auch verleihen. Sie liefen hinaus in den Wald, wo ein Bach fließt, der Rotstein führt, und in die Gruben, wo gelber Lehm und roter Ton war. Hier holten sie sich ihre ersten Farben, und nun fingen sie an, alle Wände damit zu bemalen. In Ermangelung der Pinsel nahmen sie in Fasern aufgelöste Stengel von Birnen und malten hiermit nach Herzenslust: solche Pinsel waren dann auch leicht zu ersetzen. So entwickelten sie ihre ersten Anlagen zur Malerei. Ein glücklicher Umstand sollte noch hinzukommen, sie auch auf den Weg zu bringen. Das Hospital zu Haina war halb kasselsch, halb hessen-darmstädtisch. Von Kassel sowohl als aus Darmstadt kamen gewöhnlich im Maimonate sogenannte Herren Räte, welche die Rechnungen nachsahen. Einer dieser Räte aus Darmstadt trat in die Kirche, vielleicht, um ein da befindliches Hautrelief von Stein, mit Ölfarben angestrichen, zu besehen, das den Ritter Hans von Lieder in Lebensgröße vor einem Kruzifixe kniend vorstellte. Dieser hatte zuerst zu Luthers Zeiten die Mönche hier aus dem Kloster vertrieben und ein Hospital daraus gemacht. Nachher beschwerten sich die Pfaffen über ihren Vertreiber und wollten das Kloster wieder einnehmen. Da wurde eine Kommission versammelt. Hans von Lieder ließ alle Lahmen[11] und Blinden und andere notleidende Menschen in einer Reihe aufstellen, ihnen gegenüber die feisten Mönche, und fragte nun die Herren, welche von beiden sie ins Kloster haben wollten? Die Antwort war: »Die Unglücklichen und Notleiden den!« Luthers Lehre mochte wohl schon gewirkt haben, daß man sich der unglücklichen Menschen annahm, die durch Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht erwerben konnten.

Als nun der Herr Rat aus Darmstadt vor die Kanzel kam, an welcher die vier Evangelisten gemalt waren, sah er meinen Onkel Valentin, der zu der Zeit noch ein kleiner Knabe war, den Evangelisten Lukas abzeichnen. Die Zeichnung mochte ihm gefallen, denn er fragte ihn, ob er wohl Lust hätte, Maler zu werden? Der Knabe, ohne sich lange zu besinnen, gab zur Antwort ein fröhliches »Ja«. Auf Zustimmung der Eltern nahm der Herr Rat den kleinen Valentin mit nach Darmstadt und gab ihn von da nach Frankfurt in eine Tapetenfabrik. In dieser Fabrik lernten die jungen Leute mit Ölfarben umgehen und wurden praktische Maler.

Dies bewies sich auch bei meinem Onkel Heinrich, den Valentin mit der Zeit nebst seinen anderen Brüdern nachkommen ließ, aus denen allen ausgezeichnete Maler geworden sind. Später kam mein Onkel Valentin nach Holland, wo er Unterricht in der Perspektive gab und Porträts malte, und ward zuletzt bei dem Fürsten von Hildburghausen Hofmaler. So hängt oft das Fortkommen der Kinder in ihrem künftigen Wirken von glücklichen Zufällen ab. Wären nicht die Herren Räte von Darmstadt nach Haina gekommen, so wäre der Junge, als er den Apostel malte, nicht als Genie erkannt worden und so hätten auch die Brüder und deren Söhne ihre Kunst nicht verbreitet und die vielen Schüler gebildet, die wieder weiter in die Zukunft wirkten.

Johann Anton, der dritte Bruder des Vaters, ward ebenfalls[12] Maler. Dem muß es schon leichter geworden sein, weil ihm sein Bruder Valentin zu Hilfe kommen konnte. Ehe er aus Deutschland reiste, malte er seine Eltern, und es ist zu verwundern, wie der junge Mensch so malen lernte, da niemand war, von dem er es lernen konnte. Aber gute Werke von großen Künstlern muß er gesehen und nachgeahmt haben; denn als ich noch vor kurzem einige seiner Bilder mit einem Kenner besah, sagte dieser, daß, wenn er nicht gewußt hätte, sie seien von ihm, er sie für Arbeiten des Carracci gehalten haben würde. Sie waren mit der Jahreszahl 1759 bezeichnet, und ein Bild von ihm, sein eigenes Porträt, war unterschrieben: »Rom 1760.« Ich erinnere mich noch, daß oft von einem Briefe gesprochen wurde, den er an seine Eltern schrieb, der anfing: »Und dennoch bin ich in Rom!«, ein Zeichen, daß es ihm schwer geworden sein mußte, dahin zu kommen. Er fand keinen solchen Mäzenaten, wie sein Bruder Heinrich das Glück hatte am Grafen Stadion zu besitzen. Als er in Rom, so erzählte er mir, eines Abends in die Akademie auf dem Kapitol mit vielen anderen jungen Künstlern die Treppe hinaufgehen wollte, kam eben ein Trupp Künstler aus der Akademie. Sie blieben beieinander stehen, und unter ihnen hörte er einen deutsch sprechen. »Sie sind wohl ein Deutscher?« redete er ihn an. »Ja!« – »Woher?« – »Ein Hesse!« – »Ich auch!« – »Mein Bruder Anton!« – »Mein Bruder Heinrich!« riefen sie zugleich und fielen sich in die Arme. Sie hatten sich lange nicht gesehen; der eine lebte in Frankreich, während der andere noch in Deutschland war. Wie verschieden war doch das Glück dieser beiden Brüder! Antons lebhafter Geist strebte mit rastlosem Eifer nach dem Vollkommenen, aber seine Lage ließ ihn nicht dazu kommen. Was ihm Gott in seinem Leben versagte, hat er ihm nach seinem Tode an seinen Kindern getan. Als er starb, waren sechs Mark und sechs Kinder im Haus; doch die Kinder waren schön und zur Arbeit erzogen, und die älteste Tochter heiratete einen[13] der reichsten Männer von Hamburg; und sie lebten alle glücklich.

Mein Onkel Johann Heinrich hatte als Knabe schon viele Proben von seinen Anlagen zum Zeichnen und Malen gegeben. Dies führte ihn zu seinem Mäzen, dem Grafen Stadion in Mainz, einem großen Liebhaber der schönen Kunst. Mein Onkel hat den Koch des Grafen gemalt, mit der weißen Mütze auf dem Kopfe. Dies Porträt wurde bei Tafel, als viele Gäste zugegen waren, gezeigt, und alle, die es gesehen hatten, riefen: »Er ist so ähnlich, als sei er selbst da.« Nun erkannte der Graf, daß aus dem Knaben ein großer Maler werden könnte, wenn er Gelegenheit hätte, die Länder und Städte zu sehen, wo die alten Kunstwerke großer Meister aufgestellt sind. Er nahm sich seiner an und ließ ihn nach Frankreich und Italien reisen. In Paris studierte er bei C. Vanloo, der in großem Ansehen stand und damals für den besten Maler galt; darauf reiste er nach Rom. Aber sosehr ihn die Natur mit einem vorzüglichen Talente begabt hatte, war sie ihm doch nicht ganz günstig. Die dortige Luft war seiner Gesundheit entgegen und verhinderte ihn, sich einen noch bei weitem größeren Ruhm unter den Künstlern seiner Zeit zu erwerben. Er reiste nach Venedig und arbeitete bei Piazzetta, der in großem Rufe stand und auch wirklich ein praktischer Maler war, jedoch leider nur auf den Effekt sah. Wie natürlich, nahm mein Onkel etwas von ihm an. Eines Tages sah Piazzetta dem Heinrich zu bei seiner Arbeit und sagte: »Ich wünschte mir die leichte und schnelle Art zu malen, welche Ihr habt.« Heinrich erwiderte ihm, daß er vom Gegenteil überzeugt sei und ihn für einen so schnellen Maler halte, daß seine Geschwindigkeit nicht zu erreichen sei. Piazzetta aber sagte: »Wir wollen uns überzeugen und einen Kopf wählen, den wir beide zugleich anfangen, und dann sehen, wer ihn am besten macht und am geschwindesten damit fertig wird.« Sie unternahmen es, und Piazzetta erkannte Heinrichen den Preis zu[14] und schenkte ihm seine Arbeit. Es war ein Mädchenkopf, und als ein teures Andenken wurden auch beide Köpfe in Kassel aufbewahrt. Er ging zum zweiten Male nach Rom, wurde aber wieder krank, worauf er nach Mainz zurückkehrte und beim Grafen Stadion malte. Einst war der Landgraf Wilhelm VIII. mit dem Grafen Stadion in Frankfurt, und da beide Liebhaber und Kenner der Malerei waren, sprachen sie von der Kunst. Der Graf zeigte dem Herrn Landgrafen das Porträt einer Dame aus Mainz und sagte: »Das hat ein Untertan Ew. Durchlaucht gemacht, den ich habe reisen lassen, der aber für mich zu große ist, weshalb ich ihn Ew. Durchlaucht übergebe, damit er seine Kunst gehörig ausbilden kann.« Der Landgraf wollte nicht glauben, daß das Porträt von einem Deutschen sei, und sagte: »Das kann kein Hesse, es ist gewiß von einem Franzosen oder Italiener.« Der Graf setzte hinzu: »Die beste Überzeugung würde sein, wenn Ew. Durchlaucht dem Maler die Gnade erwiesen, Ihr eigenes Porträt von ihm anfertigen zu lassen.« Das wurde zugegeben, und der Graf schrieb nach Mainz an Heinrich, er möchte eiligst nach Frankfurt kommen, aber Farben und Pinsel mitbringen. Er kam an, war unterwegs jedoch von heftigem Zahnweh überfallen, so daß sein Schmerz ihm ein Fieber verursachte. Der Graf sagte ihm, daß er morgen früh den Herrn Landgrafen porträtieren solle, und das müsse geschwind sein, weil jener Herr schleunig wieder abreise. Heinrich entschuldigte sich, es sei ihm unmöglich zu malen, er sei krank, der Schmerz lasse ihn kaum aus den Augen sehen, worauf der Graf erwiderte: »Das mag alles sein, so müssen Sie es doch machen, und ich weiß, Sie können es, und es muß durchaus morgen fertig sein. Ihr Glück hängt davon ab und meine Ehre; der Landgraf würde mich für einen Lügner halten, denn er will nicht glauben, daß Sie das Porträt der Dame gemalt haben.« – Mein Onkel mußte also, malte das Porträt unter den heftigsten Zahnschmerzen, und doch wurde es eine seiner besten[15] Arbeiten. Der Landgraf war darüber sehr verwundert und ernannte ihn zu seinem Hofmaler. Dieses Porträt wurde noch 1806 als ein schätzbares Kunststück aufbewahrt.

Johann Jakob, früher in Hamburg, nachher Maler in Lübeck, studierte zu Kassel auf der Galerie, und seine Lieblingsneigung waren Landschaften mit Staffage; besonders gefielen ihm Wouwerman und Berghem, deren Manier er auch geschickt nachahmte. Er hatte einen sanften und schmelzenden Pinsel, zeichnete sehr nett und richtig Pferde und Kühe ins kleine. Es war eine Freude, ihn bei der Arbeit zu sehen. Wenn er des Morgens in seiner gewöhnlichen Familienstube mit seinen Kindern Tee getrunken hatte, so stand er auf und fing an zu pfeifen in einem sanften, lieblichen Tone; dann ging er zur Staffelei und setzte eine Leinwand auf oder auch zwei kleine Brettchen, nahm seine Mütze und wischte sie damit ab; dann ergriff er ein Stückchen spanischer Kreide, das immer auf der Fensterbank lag, und fing an, sein Bildchen zu entwerfen. Kaum berührte er mit der Spitze der Kreide das Brett, so leicht und fein deutete er es an. Währenddessen war das Pfeifen erst recht angenehm. Kein Hänfling flötet lieblicher, wenn er seinem brütenden Weibchen gegenübersitzt und ihm ein sanft schmelzendes Liedchen vorsingt. Standen nun die Bildchen aufgezeichnet, dann wankte er mit dem Kopfe hin und her und betrachtete sie und übersah die Haltung im ganzen und Ton und Farbe. Nun stand er auf, nahm Palette und Temperiermesser, mischte die Farben und fing an zu malen. Es war eine Lust, zu sehen, wie schnell es herauswuchs, gegen Essenszeit standen die Bilderchen da, und nach Mittag machte er sie völlig fertig.

Endlich der siebente Sohn meiner Großeltern war Anton Wilhelm. Er lernte bei seinem Bruder Valentin, ging hierauf nach Holland, hielt sich einige Zeit an den Höfen und in den Städten am Rhein und Main auf und ward nachher Hofmaler in Hanau.[16]

Soviel von den Söhnen meiner Großeltern. – In seinen späteren Jahren hatte mein Großvater sein Geschäft dem geschickten Bäcker Strack übertragen, dem er seine jüngste Tochter Luise zur Frau gab. Es war ein sehr tätiger und von ihm wohl auserwählter Mann! Die Großeltern genossen nun das Glück der Ruhe und beschäftigten sich von jetzt an ganz mit dem, wozu ihre Lieblingsneigung sie trieb, der Großvater mit Drechseln und die Großmutter mit Sticken und Nähen. Von den adligen Gütern schickten viele Eltern ihre Töchter zu ihr, um Muster mit Indigo zeichnen und danach sticken zu lernen, denn in der ganzen Gegend von Haina war ihre Stickschule berühmt. Noch erinnere ich mich einiger schöner Arbeiten, die sie kunstreich gefertigt hatte, u.a. des gestickten Tauftuches, worin alle ihre Kinder und Kindeskinder getauft wurden. Dasselbe wird noch jetzt in der Familie aufbewahrt. Ihrem Manne schenkte sie eine weiße Sommermütze, mit Blumen ganz überlegt, die ineinander verschlungen waren. Seine Wintermütze hatte er sich selbst aus Fellen von Mardern gemacht, die er für sich zu fangen pflegte. Er sah recht festlich und ehrwürdig aus, wenn sein schönes braunes Haar in langen Locken über seine Schultern und auf der Weste hing. Merkwürdig ist es, daß die Locken diese Farbe zeit seines Lebens behielten. Ich sah ihn in seinem 82. Jahre mit diesem braunen Haare im Sarge liegen.

In meiner Großeltern Hause befand ich mich wie in meiner Eltern Hause; da war kein Unterschied zwischen meinen Geschwistern und Stracks Kindern, nur daß ich mehr achtete auf das, was der ernste Großvater und die Großmutter geboten oder verboten. In meiner Eltern Hause waren zwei, denen wir Kinder gehorchten, aber hier waren es, wenn mein Vater und meine Mutter mitkamen, sechs, die uns gute Lehren gaben; und so wie die größeren Kinder, die schon mehr Verstand hatten, sich mit Ergebenheit gegen diese bezeigten, so waren diese wieder denen[17] ergeben, die wir alter Vater und alte Mutter nannten. Da ging mir ein Licht auf, und ich erkannte, daß diese die Eltern von meinem Vater und meiner Tante waren. Die Hochachtung, welche ich gegen die Großeltern hatte, war ohne Grenzen; denn ich sah, daß alles Gute von ihnen kam: Brot für alle, wohlschmeckende Brezeln, süße Honigkuchen und weise Lehren, die auch sogar mein Vater ehrte, den ich doch für den Vollkommensten hielt. Nur der Großvater mußte etwas Höheres sein, weil diesem selbst mein Vater ergeben war, der doch von allem, was auf Erden lebte, mein Höchstes war! Doch bald ahnte ich, daß noch etwas Höheres sein müsse als mein Großvater, weil ich ihn oft von so vieler Ehrfurcht bei einem gewissen Glockenschlage erfüllt sah. Dann nahm er seine Mütze ab, beugte sein Haupt, legte es auf seine gefalteten Hände und betete: »Großer, allmächtiger Schöpfer und Erhalter aller Wesen ...« Als ich einst neben ihm an der Drechselbank stand und die Glocke zwölf schlug, legte er das Drechseleisen nieder, und ehe er den Kopf zu dem Gebete niederbeugte, sah er über die Spitze des Kirchturms und fing dann an: »Allmächtiger, Höchster ...«. Nun suchte ich den Gott auf der Turmspitze. – Auch meine Eltern waren fromme, reine Menschen, nach dem Worte Gottes in der Bibel erzogen. Ihre Gebete waren kurz und wenige; bei gewissem Glockenschlage still, vor und nach Tische laut. Da sprachen sie Gott flehend um Speise und Nahrung an; nach Tische Dankgebet. Als ich größer ward, stritten wir Kinder oft über die Wahl der Gebete. Am liebsten waren mir die, wo Tiere genannt waren: »Du speisest und kleidest die nackten Vöglein im Nest und gibst den jungen Raben ihr Futter.« Das war mir ein hoher Gedanke von ihm, die schwarzen Galgenvögel nicht einmal zu vergessen! Hatte ich dergleichen in anderen Häusern beten hören, so bat ich, daß die doch auch bei uns eingeführt werden möchten. Wurde mir diese Bitte abgeschlagen, weil sie zu lange währten, dann fielen[18] sie mir oft im Walde ein, und ich sang sie mit Jubel, wenn ich die vielerlei Geschöpfe sah, denen ihre Speise da aufgetischt war, und wo der Schöpfer mit jedem Jahre die Flur mit Pracht der Blumen schmückt und der Vögel Federn mit schönen Farben erneuert. Auch des Abends, ehe wir Kinder zu Bette gingen, mußten wir uns in einen Kreis um die Mutter stellen und beten. Die Gebete, wo etwas vom Teufel und der Hölle vorkam, wollte ich nie hersagen, aber gern die von den lieben Engeln und Cherubim und dem Lamm Gottes. Wenn wir dann mit den gewöhnlichen Gebeten fertig waren, pflegte meine Mutter in ihrer frommen Empfindung noch aus dem Stegreif Gott anzuflehen, daß er uns die Nacht hindurch in seinen väterlichen Schutz nehme und aus seinem Heere von Engeln welche senden möchte, die uns hüteten. War das nun zu Ende, so baten die Schwestern, noch ein wenig aufzubleiben, um zu spielen, ich aber ging willig und gern zu Bett, denn ich dachte: wenn ich tue, als schlafe ich, dann kommen die Engel und Cherubim ums Bett, und die schönen Köpfchen mit Flügeln setzen sich oben darauf, mit denen will ich dann spielen und singen. Auf den vier Bettpfosten waren Cherubim aus Holz geschnitzt von meinem Vater.


Mit frommer Liebe hing ich an meiner Mutter. Das Gefühl ihres guten Herzens war immer ein fröhlicher Gesang auf ihren Lippen. Dennoch gedachte ich, so ein Mann zu werden, wie mein Vater war, der seinen Kindern richtige Ansicht und Kenntnis von allem zu geben wußte, was sie fragten, und der mich nie ohne Belehrung von sich ließ. Auch nahm ich mir meinen Vater in allem zum Vorbilde; ich richtete mich so nach ihm, daß ich Scheu hatte, auch nur etwas zu denken, was sein Mißfallen erregen konnte; ich war ebenso ängstlich, fern und ungesehen von ihm als vor seinen Augen irgendeine unrechte Handlung zu begehen. Mein Vater hatte Würde, ehrbaren Anstand die Mutter.[19] Im Hause war Friede und Eintracht, Ruhe und Friede in jeglichem Herzen. Wie Glieder einer goldenen Kette reichte einer dem andern die Hand; jeden kommenden Tag tat sich auf für uns eine Blume aus der verborgenen Knospe. Mit gelassener Ergebenheit trugen die Eltern die täglichen Widerwärtigkeiten und suchten mit Geduld zu heben, was ihnen widerstand. Es bedurfte keines Rufes zur Hilfe, auch keines Winkes noch Blickes, sie schauten immer auf sich, der Druck erhob ihren Geist; und sie wirkten gemeinnützig vereint und gingen in liebevoller Verträglichkeit miteinander, ruhig und still, wie zwei Wässerchen nebeneinander fließen, die Steine umgleiten, welche ihrem Gange entgegenliegen, oder darüber weghüpfen: so wurde der eine gehoben von des andern Hilfe. Nur wo es die Erziehung ihrer Kinder galt, war der Vater ernster und strenger; doch strafte er die Unarten, wo es irgend geschehen konnte, durch die natürlichen Folgen derselben. So erinnere ich mich eines Mittags, als Gesellschaft bei uns war. Unter mehreren Gerichten stand da auch eine kleine Schüssel mit Meerrettich, den ich nicht kannte und für etwas Süßes und Leckeres hielt, weil alle nur wenig davon nahmen. Ich verlangte auch davon. Meine Mutter sagte, das sei kein Gericht für kleine Kinder, es sei bitter und beißend. Durch diese Vorstellungen wurde mein Verlangen noch dringender und ungestümer. Da nahm mein Vater das Wort und sagte mit Ernst, Kinder dürften das nicht essen, es sei zu stark für sie. Nun schrie ich, und als meine Mutter mit besänftigenden Reden nichts ausrichtete, versetzte mein Vater: »Wenn der Bube nicht hören will, so laßt ihm seinen eigensinnigen Willen und gebt ihm die ganze Schüssel hin!« Meine Tränen hörten sogleich auf; freudig fuhr ich in die Schale und so mit dem vollgefüllten Löffel zum Munde. Aber welch ein Schreck! Ich war fast von Sinnen. Statt der vermeinten Süßigkeit fühlte ich einen entsetzlichen Brand; ich flehte um Hilfe. Meiner Mutter ward bange, sie reichte mir Wasser[20] zur Linderung, aber mein Vater verbot es und sagte: »So müssen die fühlen und durch Schaden klug werden, die sich gegen vernünftige Menschen sträuben und guten Rat nicht annehmen wollen!« – Meines Herzens wurde ich zuerst gewahr, als eine Frau mit Haselnüssen zu uns kam. Wir Kinder baten die Mutter sehr, sie möchte uns doch welche kaufen; aber sie wollte durchaus nicht. Die Frau ging, wandte sich auf der Türschwelle, setzte den Korb ab, nahm eine Handvoll Nüsse heraus und sagte, auf mich deutend: »Der Knabe da muß doch welche haben, weil ihn so sehnlich danach verlangt; denn wenn man einem Knaben nicht gewährt, was er recht sehnlich wünscht, so fällt ihm ein Blutstropfen vom Herzen.« In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mir das Herz träufelte. Meine Mutter ward durch die Worte der Frau stutzig und kaufte Nüsse für mich und für die Schwestern, und es entspann sich ein langes Gespräch mit der Bauerfrau über das Herz. Die Frau meinte, Knaben müsse man eher etwas gewähren als Mädchen, denn diese hätten mehr Enthaltsamkeit, und wie sie sich noch weiter darüber äußerte. Dies veranlaßte mich zu Betrachtungen über das gute Herz der Bauerfrau und über meine Begehrlichkeit, und ich habe mich nachher oft im Leben dieser Bauerfrau erinnert, wenn eine unbefriedigte Sehnsucht mir das Herz träufeln machte.

Als ich schon etwas herangewachsen war, kam ich in dem Hause meiner Großeltern auch in die Reihe der Kinder an dem Tische zu sitzen, wo jedes Kind ein Stück Papier und eine Feder erhielt, um die Blumen, welche die Großmutter zu Stickmustern gezeichnet hatte und worin sie Meisterin war, nachzubilden. Der Tisch, um den wir saßen, war mit einem schönen Teppich überlegt, den einer meiner Onkel aus Frankfurt mit Ölfarbe gemalt und seinen Eltern geschickt hatte. In der Mitte saß ein Schäfer mit seiner Schäferin in einem breiten Rande mit Blumen, die nach der Natur waren, so schön, wie Gott die Blumen auf dem Felde[21] wachsen läßt. Da begab es sich oft, daß ein Schieben und Drängen unter uns entstand, weil jedes gern bei der Lieblingsblume sitzen wollte, eines bei der Nelke, das andere bei der Tulipane, der Narzisse, Lilie oder Aurikel. Mir gefiel vor allem die gefüllte große rote Mohnblume; wenn ich diesen Platz erringen konnte, schätzte ich mich glücklich. Auch stritten wir uns oft um die Stühle, denn einer war schöner als der andere vom Großvater gebildet und die Rücklehne künstlich ausgeschnitzt, von weißem Ahornholze. Jeder wollte den Brautstuhl der Großmutter oder den des Großvaters. Auf dem einen waren Herzen und Brezeln durcheinandergeschlungen, auf dem anderen saßen zwei Tauben auf verschlungenen Ringeln. Um uns mehr Spielraum zu geben, wurde auch wohl der Teppich abgenommen, und nun war ein großer, schiefersteinerner Tisch da. Dann bekam jedes Kind einen Griffel, der Tisch wurde abgeteilt und jedem Kinde sein Bezirk angewiesen, um darin zu zeichnen. Mich nannten sie den Maler, weil ich einmal an die Wand mit Kohle eine Zeichnung gemacht hatte: Hirsche und wilde Eber, wie sie vor dem Jäger zu Pferde und den Hunden laufen, diese aber sie verfolgen über Stock und Block, wie sie dann übereinander herfallen, sich wehren, einer den andern verwunden und töten. Dies war bewundert, man beschloß, ich sollte ein Maler werden, und deshalb teilten sie mir denn selber immer den größten Raum am Tische zu.

War nun alles in Ordnung, und wir saßen und zeichneten, und es ging sehr emsig – meine Schwestern zeichneten Blumen, die anderen dies und das und ich Jagden –, so geschah es oft, daß einer in das Gebiet des andern hinausgegangen war. Darüber erhub sich dann ein Streit; der eine wollte das nicht leiden, der andere bewies, daß er den Raum nötig habe, um dem Stengel der Blumen seine gehörige Länge zu geben. Dann warfen sie den Griffel weg, sie wollten mit ungerechten Nachbarn, die das Grenzrecht überschritten,[22] nichts zu tun haben; kurz, das schöne Kunstwerk, das Bewunderung erregen sollte, unterblieb. Brachte uns auch die Großmutter durch schöne Lehren wieder zur Arbeit, so wurde doch bald mehr um die Grenze gestritten als gezeichnet. Aber nun trat der Großvater als Nestor zwischen den streitenden Agamemnon und Achill und erklärte, daß Uneinigkeit die Menschen vor der bestimmten Zeit ums Leben bringe und Zwist alle guten Vorhaben zerstöre. Es kam aber auch bei uns Kindern in unserer Großeltern und Eltern Hause nie zu Tätlichkeiten, denn da ward nie die Faust gebraucht, nicht einmal ein Fluch ausgesprochen; die härteste Stimme, die im Hause erscholl, war, wenn der Hahn krähte. – So große Lust ich auch hatte, nach dem Hause meiner Großeltern zu gehen, und sosehr ich mich über die künstlichen Werke freute, die da gemacht wurden, so wuchs doch das Verlangen um die Zeit, wo es gegen Weihnacht ging; denn die Kunstwerke, welche alsdann verfertigt wurden, waren mit vieler Süßigkeit gemengt, und alles kam von nah und fern, sie abzuholen: das war ein reges Leben! Ich bekam jedesmal auch einige und aß sie gern; aber die Freude war größer, sie zu sehen. Mein Großvater hatte die Form dazu in Holz geschnitten. Da waren Hähne, die Augen mit Weiß gemalt; Hasen, Gemsen, Eichhörnchen, Hirsche, Reiter zu Pferde, Jungfern mit Reifröcken, Herren mit Degen und Braut und Bräutigam, die Arm in Arm gingen; einzelne Herzen und zusammengefügte Herzen, auch schöne Blumen in allen Farben. Lange bewunderte ich diese lieben Blumen und zeichnete sie nach. Wir Kinder hatten eine ganze Sammlung, womit wir monatelang den Winter hindurch spielten, bis es gegen Ostern kam, wo Kunstwerke anderer Art erschienen, Eier mit Figuren in Gelb, Rot und Blau gezeichnet. Auf einem stand ein Hase, der eine Katze auf dem Rücken trug, um sie vor den verfolgenden Hunden zu retten, auf einem anderen drei Hasen mit drei Ohren, und jeder Hase hatte doch seine[23] gehörigen zwei Ohren. Sie waren in einem Triangel, an jeder Spitze war der Kopf des Hasen, das Wahrzeichen von Haina, welches auf der großen Glocke steht.

Ebensooft kamen nun auch die Großeltern mit des Vetters Kindern in unser Haus. Ohne Unterschied machten diese beiden Häuser eins, und unsere kindlichen Vergnügungen wurden auch hier immer so geleitet, daß wir etwas Nützliches daraus lernten. Ein Buch, worin Pflanzen abgebildet waren, und andere Bilderbücher wurden uns vorgelegt, die wir mit großer Lust besahen und mit Eifer nachzeichneten. – Oft lagen wir auch der Mutter an, uns ihren Brautschmuck und alle die Geschenke und Kleinodien zu zeigen, die sie in der Kammer in einem Kästchen verwahrte. Das war denn eine Freude und Lust für uns, das Schnürleibchen zu sehen, das sie damals getragen hatte – es war von Silberstoff – und den goldenen Gürtel mit Blumen hineingewirkt und das große Silberstück, den Brautpfennig mit den beiden weißen Schwänen, auf die reine Lehre des Doktor Luther geprägt, welches mein Vater ihr als Bräutigam gegeben hatte; und die beiden Ringe von lauterem Golde und anderes glänzendes Geschmeide, geschliffene Steine und Bernsteine, den Hecketaler und die Notpfennige. Dabei sagte sie uns wohl, es gebe einen Hecketaler und einen Zehrtaler. Der erstere sei durch Fleiß und Arbeit erworben, und wenn man den aufhebe, vermehre er die Einnahme; aber man müsse sich ja in acht nehmen, einen Pfennig, der nicht rechtmäßig erworben sei, dabeizulegen, der fresse allen Wohlstand und bringe Unglück und Verderben ins Haus. Auch ihr Bildnis zeigte sie uns dann, wie sie als Braut gemalt war, in ihrem ganzen Schmucke, mit Blumen in dem Haare und vor der Brust. Eine himmlische Freude für uns Kinder, diesen Schatz, und einen noch größeren, sie selbst zu sehen; oft standen wir um sie herum und freuten uns ihrer Schönheit.

Mein Vater hatte auch in seinem Pulte einen ähnlichen[24] Schatz von Kleinodien, geschliffene Steine, Miniaturbilder, die er als ein Heiligtum verwahrte. Hier lagen auch neben der Hausbibel die Münzen, welche wir Kinder zum Patengeschenke erhalten hatten, auch die Schaustücke, welche uns unsere Onkel mitbrachten, wenn sie uns besuchten. Besonders war der Onkel Anton sehr freigebig; wir Kinder mußten dann dem Alter nach vor ihn kommen und erhielten ein Geschenk aus seiner Hand, mit einer Rede, die für jeden passend und ermunternd zum Fleiße war. Mein Vater bekam einmal eine emaillierte Tabatière mit goldener Einfassung. Auf dem Deckel waren Bilder und auch auf der Seite Figuren, die mich äußerst ergötzten; und ich wünschte jedesmal, daß ich auch so etwas machen könnte. Außer den kindlichen Spielen und Beschäftigungen im Hause unserer Großeltern und Eltern wurden wir auch oft ins Freie geführt.

Eines fröhlichen Tages erinnere ich mich, der noch jetzt alle meine Empfindungen beseligt. Es war eines Sonntags nachmittags, als der Großvater uns Kinder mit anderen Gespielen zu einem Spaziergange einladete und dabei erwähnte, daß jeder sein Körbchen mitnehmen möchte, denn er führe uns in einen Wald, an einen Ort, der voll von Erdbeeren wäre. Es sei aber etwas weit, und alle, die gut gehen könnten, sollten gleich nach der Mittagspredigt bereit sein; wir sollten uns außer der Mauer bei der Steinklippe versammeln, von da werde er uns hinführen. Die Zahl war ziemlich groß von munteren Knaben und lustigen Mädchen. Er ging voran, wir folgten und schwärmten fröhlich im Gehen um ihn herum; die zu rasch Vorwärtsgeeilten kehrten wieder rückwärts zum Zuge und machten den Vorsprung doppelt. Die Mädchen liefen abwärts nach den Blumen und die Knaben nach Stöcken und Prügeln; mich hielt zurück, was in den Hecken lebt und sich regt, und ich mußte oft laufen, um sie wieder einzuholen. Der Weg ging an einem langen Wiesentale hin, das auf beiden Seiten schöne Zäune[25] hatte, und in der Mitte war ein Graben mit hohen Erlen bewachsen, wo die Blaumeise und das Zeischen ihre Nahrung suchen. Von dem Walde her auf beiden Seiten der Berge flogen die befiederten Bewohner mit fröhlichem Gesange hinüber und herüber. Da wir nun lange in dem Wiesengrunde gegangen waren, kamen wir bei großen Eichbäumen an, und dann ging's eine Ecke durch einen dicken Wald. Aus dem Dunkeln führte der Weg über eine große lichte Stelle mit Gras, Binsen und Hecken von Haselnußstauden. Hier halten sich viele Eichhörnchen auf, die aus den nahegelegenen Wäldern kommen und sich hier Nüsse holen. Als wir das erste erblickten, liefen wir alle mit Geschrei dahinter her; dann entdeckten wir noch zwei andere auf einem Nußbaume, und mehrere sahen wir im Grase laufen. Nun nahm das Jagen mit Geschrei und Lärmen erst überhand. Die geängstigten Eichhörnchen wußten sich nicht zu retten. Das war ihnen eine seltene Erscheinung, auf einmal eine solche Horde zu sehen, die das Lärmen aller anderen Geschöpfe überstimmte; bis jetzt sahen und hörten sie nur krächzende Adler und Habichte, miauende wilde Katzen und heulende Uhus. Als sie aber die langbeinigen Jäger sahen, die in ihren Gesichtern mehr List und verderbliche Anschläge zeigten als alle vorher gesehenen Feinde, mußten sie wohl erschrecken. Wir ergriffen die Stämme der Bäume, worauf sie saßen, und schüttelten sie, und es flogen die Erdbeerkörbchen um sie herum. Auf den Ästen und Zweigen konnten sie sich nicht halten, sie sprangen in der Angst herunter; dann ging's hinter ihnen her, und alle suchten den Rückweg und eilten, die feste Burg, ihre alten Eichbäume, zu erreichen. Dennoch mußten wir endlich unsere angestrengte Bemühung aufgeben, eins zu fangen, und zu unserem Erdbeerberge zurückkehren. Nun wurde geprahlt und gestritten, und einer beschuldigte den andern, daß ihm der Fang nicht gelungen sei. Allmählich kühlte der Eifer sich ab, indem wir durch den Wald[26] den Berg hinaufstiegen, denn wir wurden müde. Aber wie überrascht und belebt fühlten sich unsere erschöpften Geister, als wir bei den Erdbeeren ankamen. Jauchzend frohlockten wir! Die ganze Erde schien ein roter Teppich zu sein; rot, groß und reif, beinahe schwarz, standen dicht gedrängt die dicken Erdbeeren beisammen. Wir fielen darüber her und lagerten uns, den Hunger und Durst zu stillen mit dieser würzigen Frucht; und da wir uns satt gegessen, füllten wir in kurzer Zeit unsere Körbchen und trugen sie nach Haus.

So nahm mich auch mein Vater oft mit ins freie Feld und in den Wald. Er war überhaupt ein großer Freund der Natur und ein sorgfältiger Beobachter derselben, und ich verdanke es vorzüglich seiner Anleitung, wenn ich auf alles genau achten und auch das Kleinste nicht zu übersehen lernte. Besonders liebte er den Wald und was darin lebt. Es war gewöhnlich spät, wenn er aufhörte zu arbeiten, daß er zu seiner Erholung dahin ging. So erinnere ich mich seliger Abende, wo wir, zwischen Wald und Getreide hinwandelnd, die Wachteln und die Feldhühner im Korn, die Nachtigallen im Gebüsche, die Eulen im Walde hörten. Gewöhnlich standen wir auch still an einer hohen Felsenwand, die am kühlen Abend noch warm war. In den Felsenritzen beobachteten wir die befiederten Bewohner, welche noch vor dem Schlafengehen in Gesellschaft spielten und singend plauderten. Die ganze hohe Wand war wie belebt. Hier nistete der Habicht neben der Taube, die Eule neben der Steinamsel, der Sperber neben dem Sperling, dem Blaukehlchen und Rotschwänzchen. – Einst kam ich mit ihm in der Nacht von Todenhausen, wo der Weg über das Löhr ging; hier ist der dickste Wald. Er sagte: »Wir wollen den Weg durch den Grund nehmen, da sehen wir die Hirsche, welche oft in großen Rudeln am Wasser stehen.« Es war eine helle Nacht, und der Mond stand glänzend über dem Walde, und am Himmel waren Millionen flimmernder Sterne. Daran[27] erfreute ich mich und wunderte mich, daß der liebe Gott so gut sei, auch für die Hirsche und Rehe ebenso viele Lampen anzuzünden als für uns in Haina. Mein Vater erklärte mir nun, es sei nur eine solche große Himmelsleuchte, und alle die vielen Himmelslichterchen wären, wo man sie auch sähe, immer dieselben; so ging das Gespräch über die Himmelslichter fort, bis wir in den Grund kamen, wo verschiedene Waldbäche sich flach zwischen dem Grase ausbreiteten. Wir fanden keine Hirsche, aber herrliche Spiegel mit Mond und Sternen. Dann gingen wir weiter, immer bergan unter hohen Eichen und Buchen, bis wir auf eine Höhe kamen; da sagte mein Vater: »Wenn wir uns hier setzen und still sind, dann werden wir Hirsche sehen, denn hier ist der Ort, wo sie wechseln von einem Grunde zum anderen.« Und wir setzten uns auf die Wurzel einer Eiche. Nicht lange, so kam ein ganzes Rudel an uns vorbei. Diese herrliche Nacht ist mir noch im Gedächtnisse, und sie schwebt mir immer vor, wenn ich den Ossian nennen höre.

Eines Tages im Frühjahr ging ich mit meinem Vater durch einen Dohnenstieg. Unter allen unsern Vögeln ist wohl keiner, der so lieblich flötet als die Drossel. Ihr Gesang ist fröhlich und schallt hoch aus den Gipfeln der schlanken Buchen, wo sie im jungen, grünen Mai ihr Lied singt. Der Zielpunkt von meines Vaters Wanderungen, wenn der Frühling kam, war in dem Walde, wo sich ein Schneisengang durch das Gebüsch schlängelte. Noch vom vorigen Jahre her hingen die Bügel; nach der Fangzeit waren die Schleifen auszuziehen vergessen, und es hatte sich eine Drossel darin erhängt. Von Insekten abgezehrt, von Regen und Sonne gebleicht, hing da das ganze zarte Skelett des Vogels, mit den langen Schlagfedern der Flügel und dem Schwanze. Im Gehen wandte sich mein Vater von ungefähr um und stand mit dem Gesichte gerade vor dem Skelett. Er schien verstummt, und nie habe ich ihn ernster und gerührter gesehen. »Armer Sänger!«, nur diese Worte kamen aus[28] seinem Munde; er blieb lange stehen, angeheftet und wie verloren in Betrachtung.

Die Anleitung von meinem Vater, auf die Natur zu achten, machte mir meine angeborene Neigung noch reger, und ich glaubte die größte Glückseligkeit darin zu finden, wenn ich wilde Tiere sehen und zahm machen könnte. Ich hatte von einem kalten Winter gehört, daß die Hirsche bis vor die Häuser und Scheuern gekommen wären und man ihnen aus Mitleid Heu gegeben hätte. Einer erzählte sogar, wie ein Blutfinke Schutz vor der Kälte hinter der Haustür gesucht habe. O glückliche Zeiten, dachte ich und betete, der liebe Gott möchte eine solche strenge Kälte schicken, daß alle wilden Tiere zu uns Menschen kommen müßten und dann so vertraut mit uns würden, daß sie gemeinschaftlich mit uns wohnen und immer bei uns bleiben möchten! Einige Jahre später war ich nicht mehr so verträglich gegen sie gesinnt. Zur Zeit der Obsternte hatte ich mir in meines Vaters Garten eine Hütte gebaut, worin ich den ganzen Tag, auch wohl des Nachts mit einem Schulkameraden blieb und die Waldvögel herbeilockte und ihnen von meiner Speise hinsetzte, daß sie sich gewöhnen sollten, mit mir zu leben, und mich freute, wenn einige davon pickten und wieder wegflogen. Da meinte ich denn, daß sie es den anderen im Walde sagen würden, wie sie ihr Futter mit mehr Gemächlichkeit bei mir finden könnten. Ich träumte mir dann die Glückseligkeit, so mit meinen lieben Vögeln und anderen gutartigen Tieren vereint zu leben, und beschloß, die schrecklichen Tiere zu verringern und sie in ihre räuberischen Schranken zurückzutreiben, daß sie selbst einander auffräßen! Den Mardern und Iltissen stellte ich nach, zimmerte Fallen und habe auch manche gefangen; mit den Katzen lebte ich immer im Streit, weil sie mir meine gutmütigen Kaninchen wegholten, so auch mit den Eulen, die meine sanften Tauben fraßen, ebenso wie mit den bösartigen Buben![29]

So dachte ich auch die Fische durch Füttern endlich gesellig zu machen, denn für den Fischfang war ich fast noch leidenschaftlicher. Eine Forelle zu sehen, machte mir große Freude. Ihre wenige Zierde von roten, goldenen und schwarzen Punkten, bei dem bescheidenen grüngrauen Kleide, wo nur eben wenig Gold herausspielt, erhebt sie zum schönsten Fische. Und dann die Maigrasse oder Erlitze mit dem schönen Rot am Leibe, und auf dem Kopfe die weißen Pünktchen! Auch sind die Örter so schön, wo sich die Forellen aufhalten; im reinsten Quellwasser, wo man bis auf den steinigen Grund sieht, in den Waldbächen, unter Felsenblöcken oder Gewurzel von alten Bäumen, an Stubben, die bewachsen sind mit allerlei Ranken, welche mit ihren Wurzeln überhangen ins Wasser: in deren Schatten stehen sie gern und bringen Leben an den einsamen Ort.

Außer den Erzählungen aus der Natur und dem alltäglichen Menschenleben, mit welchen uns der Vater in Erholungsstunden und auf Spaziergängen zu unterhalten pflegte, teilte er uns auch manchmal biblische Geschichten mit, besonders solche, die auf unser Herz wirkten und uns in dem Glauben an ein höchstes allmächtiges Wesen bestärken sollten. Die Geschichte Josephs rührte meinen Vater so, daß er nicht sprechen konnte. Eines Abends unterhielt er uns mit der Geschichte Abrahams, wie Gott ihm hieß, seinen Sohn zu opfern, um ihn zu prüfen und ihm dann wohlzutun. Diese Geschichte gefiel mir so, daß ich den anderen Tag meinem Vater ein großes Messer brachte und ihn bat, mich auch zu opfern. Er fragte: »Warum willst du das, mein Sohn?« – »Damit Gott deinen Gehorsam und deine Folgsamkeit sehe und uns allen gut sei.« Ihm rollten die Tränen aus den Augen, und er sagte: »Dich töten? Das könnte ich nicht!« – »Lieber Vater, tue es nur, ich will gern stillhalten; und wenn du eben zuschneiden willst, dann ruft Gott aus den Wolken: ›Halt ein!‹ und zeigt auf den[30] Bock in der Hecke; dann bekommen wir den; das muß ja ein Bock mit großen Hörnern sein, den Gott schickt.« – Die Wahrheit, in morgenländische, phantastische Dichtung verblümt, wie zum Beispiel die Geschichte Abrahams, verwirrt den Verstand des Kindes, und gerade weil es alles bildlich sieht, wird es um so leichter verleitet, Dichtung für Wahrheit zu halten.

Obschon die Bibel dalag, so habe ich doch meine Eltern nie darin lesen sehen; daß sie aber in ihrer Jugend viel darin gelesen hatten und sie fast auswendig wußten, zeigten sie nicht allein, indem sie danach lebten, sondern auch dadurch, daß sie bei Gelegenheit schöne erbauliche Sprüche daraus anführten und Geschichten erzählten, womit sie die guten Lehren bekräftigten, die sie ihren Kindern gaben. Denksprüche in Reimen oder auch Sprichwörter, die sich im Munde des Volkes bewahrt hatten, gebrauchten sie jedoch lieber, so wie auch etwas aus dem gewöhnlichen Leben, das uns bekannt oder doch leicht zu begreifen war. So sagte auch oft meine Mutter, wenn sie an mir vorbeiging: »Mein Sohn, bete: Ach Gott, ich bin ein junger Knabe, verleih mir deines Geistes Gabe, daß der mich möge Gutes lehren, zu andrer Nutz' und deinen Ehren; oder: den Geschickten hält man wert, den Ungeschickten niemand begehrt; was du willst, das dir die Leute tun sollen, das tue ihnen auch.«

Es braucht wohl keiner Erwähnung, daß wir Kinder von unseren Eltern frühe zur Kirche und Schule angehalten wurden. Schon die Ordnung und die Gottesfurcht unseres Hauses brachte es so mit sich. Sonnabends pflegte die Großmutter zu uns zu kommen, die uns eine Rede über den reinlichen Anzug am Sonntage hielt, wie man in das Haus Gottes mit sauberen und seinen schönsten Kleidern gehen müsse. Aber auch als Schulknaben hätten wir es nicht wagen dürfen, eine Kirche zu versäumen; oft mußten wir sogar im strengsten Winter die unerträglichste Kälte in der Kirche ausstehen. Mit erbarmenswertem Blicke sahen wir oft[31] zu dem Pfarrer hin, daß er erlauben möchte, uns in dem Kapitel zu wärmen; doch er blieb immer mit demutsvoll gesenkten Augen sitzen. Wenn er aber sah, daß einige erfrieren wollten, dann gab er wohl den Kleineren Erlaubnis, zu dem warmen Ofen zu gehen. Seine Predigten konnten wir ja doch nicht verstehen, auch waren wir mehr des Singens wegen da. Deshalb gab ich auch auf die Predigt selten acht; aber einst, als er, was er so gern tat, von der ewigen Höllenglut predigte – vielleicht, daß wir uns daran erwärmen sollten –, fiel es mir auf, daß er von einem Vogel sprach. Um nämlich die Ewigkeit zu beschreiben, bediente er sich des Vergleiches: Wenn ein großer See wäre, wo kein Tropfen dazu oder davon käme, außer daß alle hunderttausend Jahre ein Vögelchen sich einen Trank hole, der weniger wäre als ein Tropfen, so würde es doch endlich den See austrinken; aber die Ewigkeit höre nie auf. Dieses fiel mir auf das Herz, und ich dachte, wer das Unglück hätte, so lange in der Höllenglut mit dem garstigen Teufel zu sitzen, das müßte etwas Erschreckliches sein! Und ich nahm mir vor, recht fromm zu werden. Übrigens führten unser Pfarrherr und unser Schullehrer einen tadellosen Wandel. Einst aber sah ich den Pfarrer, da ich unvermutet in seine Wohnstube trat, mit einem Freunde Karten spielen. Er erschrak so sehr darüber, daß er die Karten geschwind versteckte, als hätte ich ihn bei der größten Schande ertappt. Seit der Zeit hielt ich nun auch das Spiel für eine Sünde. Wenigstens betrachtete ich es immer auch in der Folge als einen unnützen Zeitverlust und war ohnehin nie geschickt genug, es zu lernen, sooft man auch späterhin in manchen großen Gesellschaften, wo Karten gespielt wurde, mich bedauerte, daß ich als Zuschauer müßig und verlassen dasäße. Aber mir währte die Zeit nie lang, denn für meine Maleraugen gab's dort lebendige Bilder, worin viel zu studieren war: Licht und Schatten, Ausdruck, Schönheit und Charakter der Köpfe, Hals, Busen und Arme der Damen, die Grazie der[32] Finger, das Leidenschaftliche der Gebärde, Anstand und Ruhe, Mißmut und Ärger bei Gewinn oder Verlust: Alles dieses in Gedanken nachzuzeichnen und dazu im Geiste die Farben zu mischen, war mir eine angenehme Unterhaltung und eine lehrreiche Schule der Beobachtung. So ging es mir auch späterhin, wenn ich Konzerten beiwohnte; und so geht's mir noch. Die Musik versetzt mich so, daß ich sie nicht mehr höre, sie regt mir die Phantasie auf, es schweben mir Figuren vor, mit denen ich mich unterhalte. In Konzerten habe ich oft die besten Kompositionen gemacht. Auch beim Lesen stelle ich mir nicht die Bilder vor, die da beschrieben sind, sondern diese wecken andere Bilder auf, die in mir liegen.

Einen gehörigen und anhaltenden Unterricht in Wissenschaften konnten mir meine Eltern nicht geben. Es war im Siebenjährigen Kriege gerade die Zeit, wo ich ihn hätte genießen sollen; aber weil fast beständig Soldaten, bald Feinde, bald Freunde, bei uns waren, so konnten die Eltern kaum auf ihre Kinder Achtung geben. Auch wurde die Schule oft ausgesetzt, und es kamen Zeiten, da wir Kinder ganz verwilderten, weil wir für uns frei herumliefen und die Eltern schon froh waren, wenn wir nur nicht Schaden nahmen. Auf das Eis durfte ich nie gehen, weil meine Eltern meinten, daß diese Übungen zu nichts führten. Aber dagegen wurde ich nächst dem Kuhhirten für den geschicktesten Werfer in ganz Haina erkannt. Sowie ich aus dem Bette stieg, war ich auch aus der Haustür in freier Luft; aus dem klaren Bache, welcher hinter unserem Hause vorbeifloß, nahm ich meinen Morgentrank und wusch mir Gesicht und Hände. Mein Lieblingsaufenthalt war der Garten.

Durch Zufall bekam ich Äsops Fabeln mit Kupfern in die Hände. Dieses Buch machte mich glücklich. Mein Vater erlaubte mir, so viel Vögel zu halten, als ich Lust hatte, wenn ich nur auf dem Zimmer bleiben und lernen und zeichnen wollte. Das hielt ich treulich. Eine Stube wurde[33] für mich ganz allein eingerichtet und die Stunden bestimmt, wo ich arbeiten sollte, aber auch einige, wo ich zum Vogelfang ausgehen durfte. Nun war ich glücklich unter meinen Vögeln und zeichnete aus dem Äsop. Mein Vater besuchte mich oft, um zu sehen, ob ich auch lese und zeichne. Aber ich war es nicht allein, dem der Besuch galt, er sah auch selbst die Vögel gern. Dabei erinnere ich mich eines unglücklichen Vorfalles. An einem schönen Nachmittage waren wir Kinder, Knaben und Mädchen, auf dem Berge versammelt. Wir begannen mancherlei lustige Spiele, wobei wir uns der Freude ganz hingaben und jauchzten und sprangen. Dann ging es in das Rasen über, wir spielten Verstecken und Jagen im Walde, setzten über Gräben und Hügel, durch das dickste Gebüsch, zwischen den Äckern durch das Getreide, dann durch die Gärten und wieder in den Wald. Endlich waren wir alle erschöpft und gingen müde, hungrig und durstig nach Hause. Als ich aber in die Tür trat, fiel es mir schwer wie ein Stein aufs Herz, denn ich hatte meine jungen Hänflinge zu füttern vergessen. Ich stürzte geradezu in die Kammer, wo sie im Käfig waren, und fand alle fünf Vögelchen tot. In der Angst lief ich zu meinem Vater; ich glaubte, der würde meinen Schmerz lindern helfen, und zeigte ihm den Käfig mit den toten Hänflingen. Statt Tröstung gab er mir einen so derben Schlag durchs Gesicht, daß mir das Feuer aus den Augen sprühte! Sein Gemüt war erschüttert. »Unmensch«, rief er, »hast du nie gesehen, wie die armen Vögel bettelten, wenn du ihnen ihr Futter gabst? Du hast das Elend dieser Unglücklichen noch nicht gefühlt. Geh mir aus den Augen mit dem Bilde des Jammers!« Er hielt mir den Käfig vor mit den fünf Toten; damit faßte er mich beim Arme und stieß mich aus der Tür ins Ofenloch, setzte mich in die Asche und den Käfig mit den Toten neben mich. »Nun fühle, was die Unglücklichen litten, und lerne, was der grausame Hunger für eine Stimme ist!« Er ging und verbot[34] allen, mir etwas zu essen zu geben. Nach einiger Zeit kehrte er wieder; er schien mich selbst zu bedauern, entließ mich und sagte nur mit wehmütigem Tone: »Diese Vögel hast du ihren Eltern aus dem Neste geraubt, worin sie weich auf Wolle und Federn lagen; zu ihrem Schutze hatten die Alten zwischen Dornenhecken das Nest gewählt, der Zugang war ihnen selbst gefährlich, wenn sie den Jungen Trank und Speise brachten, was sie mühsam in der Ferne suchten. Und du konntest dieser armen Vögel vergessen?«

In Erholungsstunden ging ich auch wohl mit meinen Schulgespielen ins Feld und in den Wald. Da wurden Fische, Käfer, Vögel gefangen; wir legten Teiche an, bauten Häuser für Vögel und andere Tiere, machten Wagen, fuhren Steine und Erde und führten schöne Werke auf, aber kaum standen sie, so wurden sie oft auch mit der nämlichen Lust wieder zerstört. Athletische Übungen und ritterliche Kämpfe, um sich in Ansehen und Respekt bei anderen Jungen zu setzen, waren von meinem Vater streng verboten. Der unfriedsame Zänker wurde hart gestraft, und wenn ich mich einmal beklagte, daß der oder jener mich beleidigt hätte, so sagte er: »Die Schuld liegt an dir, mache es danach, daß dir jeder wohl will. Du sollst mit allen in Frieden leben, und dazu mußt du Mittel finden!«

Übrigens war unter uns Knaben selbst ein Gefühl für Recht und Unrecht. Hatte z.B. einer dem andern etwas geschenkt und nahm es ihm wieder, wenn es dem andern schon lieb geworden war, oder wollte den Tausch nicht gelten lassen, so war er der größten Beschimpfung und Verfolgung ausgesetzt; er durfte sich nicht sehen lassen, man lief ihm nach und sang ein Lied, worin er mit entehrenden Schandtiteln überhäuft wurde, und diese Beschimpfung hielt ihn lange von unseren Zusammenkünften und Vergnügungen entfernt. Auch machten wir Gesetze unter uns und Verträge, die heilig gehalten werden mußten. Wenn z.B. einer ein[35] Vogelnest zuerst fand und zeigte es den anderen an, so gehörte es ihm und durfte ihm nicht genommen werden. Entstanden Uneinigkeiten, so wurden auch dagegen Mittel gefunden und beide Parteien über Ort und Stelle, Art und Zahl der Vögel im Neste verhört. Aber es waren auch bösartige Buben darunter, die sich nicht mit uns in das rechtliche Einverständnis fügen wollten: da entstand dann Krieg, und das mußten nicht selten die armen Vögel büßen! Eben diese bösen Buben waren auch mit schuld an der Angst, die ich bei dem folgenden Vorfalle erlitt. Einst waren in einem Winter fremde Vögel gekommen, eine seltene Erscheinung bei uns; es waren Tannenfinken, und andere Jungen hatten einige davon gefangen. Ein Schulkamerad, der sonst eben kein Freund der Vögel war, besaß ein schönes Männchen. Ich hätte es ihm gern abgekauft, aber er wollte durchaus nicht. Ich bot ihm einen Kreuzer und viele Knöpfe und alles, was ich hatte, ich suchte sogar die Brotkrümchen und den Staub aus den Ecken der Taschen, ob ich noch etwas fände, was ich ihm geben könnte, ich bat und flehte, soviel ich nur vermochte, und versprach, ihm mit der Zeit noch mehr zu geben. Alles umsonst! Ich ging mit vielem Kummer und fast krank nach Haus. Meine Gewohnheit war, ehe ich des Morgens nach der Schule ging, meine Vogelstelle zu besichtigen, ob auch alles recht aufstehe, oder ob sich schon Vögel gefangen hätten; und als ich am anderen Morgen nach einem Meisenkasten sah, saß auf dem nämlichen Baume ein Tannenfink. Ich wurde von einer Freude überfallen, die nicht zu beschreiben ist. Es schien wirklich, als wolle der Vogel in den Meisenkasten; er hüpfte um ihn herum, auch einmal auf den Deckel, dann wieder davon und so hin und her. Ich lauerte hinter dem Zaune mit den heißesten Wünschen, daß er doch hineingehen möchte; aber er zauderte. Ich hatte nicht mehr Zeit, und doch konnte ich mich nicht losreißen von einem so nahen Glücke. Es wechselten Freude und Angst bei mir.[36]

Ging ich weg, und der Vogel wurde in der Zeit gefangen, so erfror er, denn zwei Stunden mußte ich in der Schule bleiben, auch konnten mir andere Jungen ihn nehmen; blieb ich, so erhielt ich Strafe, weil ich zu spät in die Schule kam – und doch war mir, als hätte ich schon den Vogel! Ich legte mich also aufs Beten und flehte Gott an, er möchte so gnädig sein und mir diese Freude gewähren, ich wollte sein schönes Geschöpf auch gut halten, es solle bei mir in der warmen Stube wohnen, und ich wollte ihm reichlich Essen und Trinken geben. »Gib ihn mir, o lieber Gott«, flehte ich, »ich will auch fromm und mein ganzes Leben dir dankbar sein und deine Gebote halten.« Dann fing ich an zu beten: das Vaterunser, alle Morgen- und Abendgebete, Tischgebete vor und nach dem Essen, die zehn Gebote – der Vogel flog von einem Baume auf den anderen, dann über die Mauer, dann kam er wieder und suchte auf den Bäumen umher nach Futter. Nun aber durfte ich nicht länger warten. Ich eilte nach der Schule und kam noch zur rechten Zeit, befand mich aber in einer Unruhe, die nicht auszuhalten war, denn ich glaubte, der Vogel sei nun im Meisenkasten und werde erfrieren oder mir von bösen Buben genommen. Ich fragte die neben mir saßen und die recht geübte Vogelfänger waren, wie lange wohl ein Vogel in dieser strengen Kälte im Meisenkasten aushalten könne, ehe er erfriere? Keine Stunde, sagten sie; denn gestern, als sie aus der Schule gekommen wären, hätten sie welche gefangen gehabt, aber die Vögel wären tot gewesen. Nun fing mein Herzeleid erst an; mir wurde nicht wohl, ich stützte den Kopf auf die Bücher und legte mich über den Tisch. Der Schulhalter kam herein und bemerkte gleich an meinen Nebenschülern, die große Bestürzung zeigten, daß ich krank sei. Er ließ mich aufrichten; nun machte ich zur Beängstigung noch ein jämmerliches Gesicht und klagte, daß ich mich nicht wohl befände. »So geh lieber nach Haus«, sagte er. Über diese Erlaubnis hätte ich bald meine Freude[37] verraten, aber ich hielt sie zurück und tat ganz schwach im Aufstehen. Wie er das sah, gebot er zwei Knaben, sie sollten mich begleiten und führen. Da erschrak ich, denn das waren gerade die schlimmsten Vogelfänger und beide stärker als ich; wäre der Vogel auch im Meisenkasten gewesen, so war er doch für mich verloren, denn die hätten ihn mir genommen. Ich besann mich also schnell, und ohne aus meiner kranken Stellung zu kommen, dankte ich ihm, denn gehen könne ich noch recht gut allein. »Versuch es«, sagte er, »und gehe.« Fast hätte ich gesprungen, aber ich stand wankend auf, nahm meine Bücher unter den Arm und ging einige Schritte. »Nun, es geht noch, also gehe nur.« Ich schlich zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und wankte über die Straße, solange er mich noch sehen konnte, bis ich um die Ecke war. Nun wurde ich aber flüchtig, und die Beine wurden gehoben! In wenig Sprüngen war ich in dem langen Kreuzgange und durchlief ihn schnell, daß das Echo in den Ecken nicht einmal Zeit hatte, das Gepolter der Tritte aufzufassen, ehe das erwachte, war ich zum anderen Ende wieder hinaus. Dann ging es über die lange Glitschbahn, die wir uns gemacht hatten, wenn wir nach und aus der Schule gingen, in schnellem Laufe weg; so über die zweite und dritte, und bald brachten mich die Füße zum Garten. Von weitem sah ich schon, daß der Meisenkasten zu war. Ich warf meine Bücher in den Schnee, sprang über den Zaun und den Baum hinauf und sah: Der Tannenfink war gefangen und – war mein!

Die fremden Waldbewohner machten uns den Winter gesellig. Wir fingen Meisen, Goldammern, Baumläufer, Buchfinken und Spatzen und brachten sie in unsere Stube. Saßen wir dann um den Ofen und brieten Äpfel und Kartoffeln, die wir in Scheiben schnitten und rösteten, so machten wir auch wohl von den Geschichten, die am Ofen dargestellt waren, Abdrücke, zum Beispiel vom verlorenen Sohne, von der Mutter Maria u.a. Meine Geschwister und Gespielen[38] nannten mich freilich schon den Maler; aber seitdem ich soviel Lobens hörte von einem Altarbilde, welches mein Onkel in Kassel für die Michaeliskirche in Hamburg gemalt hatte, ward mein Beschluß immer fester, ein Maler zu werden. Meine Hauptbeschäftigung war das Zeichnen; aber ich goß auch Medaillen in Blei und grub Köpfe mit Griffel und Grabeisen in Stein. Einst war ich bei einer solchen Arbeit etwas zu eilig; ich hatte das Blei nicht heiß genug werden lassen, und es goß sich nicht aus. Ich zeigte das unvollkommene Stück meinem Vater und fragte ihn, wie es zuginge, daß der Kopf im Gusse nicht ganz, sondern nur stückweise herauskomme. Er sagte mir, das Blei werde wohl nicht heiß genug gewesen sein, und dann müsse ich auch die Form tiefer machen. Ich nahm also gleich einen viel dickeren Schieferstein und grub meine Form tiefer. Die lange Zeit, welche ich zugebracht hatte, die Medaille zu graben, wollte ich beim Gießen wieder einbringen und tat Wasser in die Form, damit ich nicht zu warten brauchte, bis das Blei kalt würde. Nun machte ich beim Schmelzen das Blei recht heiß, und dann goß ich es geschwind ein, damit es die Form egal fülle. Sobald aber das heiße Blei in das kalte Wasser kam, gab es einen Knall, als schösse man ein Pistol los, und das Blei spritzte in lauter Punkten umher, so daß ich und meine Mutter, die neben mir am Herde stand, ganz wie mit silbernen Flittern überdeckt wurden. Ein Schrank war wie übersilbert und so auch die Wände. Ein Glück, daß nichts in die Augen sprang; wie leicht hätte ich mein Gesicht dabei verlieren können!

Von den häuslichen Arbeiten ging's dann wieder ins Freie zu neuen und anderen Beschäftigungen und Spielen, je nachdem es die Jahreszeit mit sich brachte. Ein Lieblingsort, den ich mit vieler Lust im Frühjahr besuchte, war im Walde, der Schlüsselblumenschlag genannt, mit vielem jungem Holze und mit Hecken. Da war auch ein Graben, wo sich das Wasser sammelte, welches von der höher liegenden Wiese[39] durch das Gras herunterschlich. Hier gingen wir Kinder hin und pflückten Schlüsselblumen. Oft begleitete uns auch der Vater, weil sich viele Vögel da aufhielten, besonders Nachtigallen. Es waren auch Schwarzdornen und andere Gesträuche da. Mein Vater umwickelte einige Stämme zu Spazierstöcken mit starkem Bindfaden, so daß dieser hineinwuchs; nach einigen Jahren waren sie geschlängelt; auch verwundete er einige, die beschädigten Stellen wuchsen dann aus, und es gab buntknotige Stöcke. Der Wald hatte zu verschiedenen Zeiten noch andere abwechselnde Vergnügungen für mich. Ich besuchte einige alte Eichen und durchwühlte das braune Wurmmehl, welches unten durch die Spalten und offenen hohlen Wurzeln hervorrann. Darin fand ich die schönsten Flügel von geharnischten Goldkäfern, Köpfe mit Hörnern von dem Hirschkäfer und andere Reste von Geschöpfen, die in die hohen Eichen von Tieren hineingetragen und da verzehrt worden waren. Diese trockenen Überbleibsel machten mir Freude, weil viele von den Insekten mir fremd waren und ich sie nicht fangen konnte; ich mußte mich also mit den Resten begnügen, welche mir die Vögel zukommen ließen, die sie besser zu finden wußten als ich. – Außer im Walde fühlte ich meinen Geist nie mehr befreit als bei einem Volksfeste. Mein Vater hatte mich zu einem Scheibenschießen nach Gemünden mitgenommen. Nichts schien mir so erfreulich, als unter freiem Himmel die Menschen aus der Stadt und den Dörfern zum Feste versammelt zu sehen, wo man mit Ernst und mit arglosen Schäkereien nach einem Ziele strebt. – Ein hoher Genuß für mich war es auch, von der Höhe des Kirchturms den Ort zu übersehen, wo ich zuerst das Licht der Welt erblickte, das Haus, wo mein Vater geboren war und wo mein Großvater die herrlichen Kunstwerke backte und für das ganze Hospital das Brot zu besorgen hatte. Pfaffen hatten sich vor alten Zeiten hier angebaut; vorher mag es wohl ein Bardensitz gewesen sein, denn es ist nicht weit von Fritzlar, wo[40] Bonifazius die heiligen Bäume umhieb. Die alte gotische Kirche ist so groß und schön, daß sie eine Stadt zieren könnte, mit einem weitläufigen Kloster und dazugehörigen Gebäuden, welche durch lange Kreuzgänge zusammenhängen.

Haina ist von drei Seiten mit Wald umgeben; von da zieht sich ein flaches Feld und Wiesental in die Ferne. Die nächsten Umgebungen sind Gärten und Obstbäume, und die Landstraßen sind mit Äpfel- und Birnbäumen umsetzt, ebenso die große Fläche, die Gemeine genannt. Obst war gewöhnlich meine Kost. Zuerst Erdbeeren; in den Wäldern wußte ich die Stellen, wo die würzigsten und vorzüglichsten waren, und oft traf ich in Himbeerbüschen mit Rehen zusammen, die auch an den zarten Sprößlingen naschten. Auch kannte ich die besten Äpfel- und Birnbäume; wohltätige Landesherren hatten die besten Sorten aus verschiedenen Ländern kommen lassen und viele Landstraßen damit bepflanzt. Die Zeit, wann dieser oder jener Baum die reifsten Früchte hatte, kannte ich genau. Die Kerne von den Äpfeln und Birnen nahm ich sorgfältig mit, und wenn ich vor einer Hecke vorbeiging, streute ich sie hinein, mit dem Gebete, daß ihr guter Genius sie aufkeimen lasse. Einmal legte ich auch einen Kirschkern neben unserem Hause; nach dem ich eine Vertiefung gegraben hatte, holte ich vom Fahrwege Erde und füllte die Grube damit aus, machte Bretter ins Viereck darum, häufte noch Erde darauf, und nun war mein Kirschkern gepflanzt und hatte ein gutes Bett. Er schoß in kurzem auf, und ich steckte Dornen darum. Nach einigen Jahren war es ein schönes Stämmchen, und ich hatte recht viel Freude. Da sagte mein Vater, der Stamm müsse gepfropft werden, und beschrieb mir, wie es gemacht würde und was dann daraus werden könnte, wenn eine gute Art Kirschen darauf käme. Nun sann ich lange nach; endlich wählte ich eine weiße, große spanische Kirsche, nahm davon ein Auge, pfropfte meinen Stamm, und er ist so hoch[41] geworden, daß er einen großen Teil des Hauses überzogen hat. Er brachte große dunkelrote Kirschen, wie dergleichen keine in dem ganzen Orte bekannt waren.

Was mich im Leben am besten bewahrte vor Torheiten und leidenschaftlichen Verirrungen, war das Kloster in Haina, eine wahrhaft menschliche, milde Stiftung. In diesem Hospitale wurden alle die Unglücklichen ernährt und gepflegt, welche sich wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen ihren Unterhalt nicht selbst erwerben konnten. Da sah man alle Arten von Verkrüppelungen des Körpers und besonders von Verrücktheit des Verstandes. Die bis zur Verwirrung gesteigerten Leidenschaften sprechen sich stark und bestimmt aus, so daß der, welcher Menschen studieren will, hier gleichsam den Stimmhammer findet für alle die einzelnen Töne, welche in dem großen Weltkonzerte der menschlichen Leidenschaften liegen.

Da war einer, der mit Schlauheit alles zu fangen suchte und überall, wo er ging, Fallen stellte. – Ein Mißtrauischer fürchtete Behexungen. Er ging über kein Kreuz, und ängstlich hielt er seine Schritte an, wo zwei Strohhalme übereinanderlagen, auch kehrte er um, wenn ihm ein altes Weib begegnete. – Jener liebte den Kleiderschmuck. Das angenehmste Geschenk, was man ihm machen konnte, waren bunte Läppchen, die er sich anheftete. Begegnete ihm jemand, der ein Kleid trug, welches ihm gefiel, so sagte er: »Du sollst bald sterben, damit ich dein Kleid erbe.« Er war dabei in beständiger Fröhlichkeit. – Eines anderen heißestes Verlangen war, Prediger zu werden. Es bereitete ihm Seligkeit, wenn er die Kirche aufschließen hörte und dem Prediger das Buch auf die Kanzel tragen durfte. Er kündigte immer an, daß der Pfarrer bald sterben und er dessen Stelle bekommen werde. – Noch einer war bei seiner ersten Predigt verrückt geworden. Dieser hatte Zeiten, wo er sehr rasend wurde. Er predigte immerfort. – Einen nannte man den Major. Er musterte und exerzierte unaufhörlich seine[42] Soldaten, die er vor sich zu haben glaubte. Er stand früh auf und ging in Pantoffeln auf den Exerzierplatz. Am Wege lag ein großer Stein, vor welchem er Front machte, die Pantoffeln auszog und den Stein küßte. Dann stellte er seine Soldaten in Reihe; doch war ihm die Linie nie gerade genug. All sein Schimpfen half nichts; wollte er sich zum Kommandieren aufstellen, so verhinderten ihn wieder die großen Fehler, welche er bemerkte. Auf diese Weise arbeitete sich der arme Mensch einige Stunden ab; dann ging er zum Essen und fuhr nachmittags bis gegen Abend mit dem Exerzieren wieder fort. – Ein Reimschmied behängte alle Wände seiner Stube mit Gedichten. Er hatte wohl früher durch satirische Gelegenheitsgedichte seinen Füßen oft den Block verschafft. – Da war auch ein großer Fresser, auch ein Äsop, der sich rühmte, die Sprache der Gänse zu verstehen und andere.

Wir Kinder kamen einst aus der Schule und sahen viele Menschen um einen Wilden versammelt, den man im Sollinger Walde eingefangen und nach Haina in das Hospital gebracht hatte. Wir drängten uns auch heran, ihn zu sehen. Er stand in der Mitte, und man war beschäftigt, ihn einige Worte zu lehren, wie Suppe, Brot usw. Das schien er zu verstehen und war in froher, aufgeregter Erwartung. Vielleicht mochten ihm auch schon während der Gefangenschaft einige Wörter gelehrt sein. Als die Aufwärterin kam und ihm von ferne eine Schüssel mit Suppe zeigte, blökte er und nahm seinen Weg gerade über die Schultern der Umstehenden hinweg; denn so war er's gewohnt, über Hecken und Büsche im Walde hinzuspringen. Ich war noch zu jung, als daß ich darauf geachtet hätte, auf welche Art man ihn eingefangen. Man gab sich Mühe, ihn nach und nach zu unterrichten und zu leichten Geschäften anzulernen, wobei man aber auf seiner Hut sein mußte, ihn nicht zu erzürnen. Ich habe einmal solchen Vorfall mit angesehen. Es waren viele Brüder, wie man diese Unglücklichen im Kloster nannte,[43] zu gemeinschaftlicher Arbeit beisammen, ohne daß die Aufseher zugegen waren. Unter diesen Brüdern war auch der sogenannte starke Hans, dessen Verrücktheit ziemlich unschädlich war. Er sprach nie, ließ sich aber zu schwerer Arbeit wohl gebrauchen und konnte zwei Eimer mit Wasser an den kleinen Fingern aufheben. Nur zu gewissen Zeiten wurde seine Verrücktheit stärker; dann sah er starr auf einen großen Stein, rief das einzige Wort »Frosch!« und ruhte nicht eher, als bis er den Stein von der Stelle gerückt hatte. Er war sehr groß und stark, weshalb ihm und seiner Familie der König von Preußen viel Geld geboten hatte, um ihn unter seine Garde zu nehmen. Aber es fand sich, daß sein Verstand ganz zerrüttet war, und er kam ins Tollhaus. – Knaben, die bei solchen Gelegenheiten immer ihr Spiel treiben, kamen auf den Gedanken, den Wilden und den starken Hans zusammenzuhetzen. Der Wilde mußte den Hans beim Ohr zausen und ihn fragen, wie alt er sei. Gutmütig tat das dieser; aber Hans antwortete nicht. Nun mußte der Wilde abermals hin und ihn in das Ohr kneifen. Da nun der Gegner Schmerz fühlte, sagte er »Frosch!«, packte den Wilden mit wütender Kraft, hob ihn in die Höhe und schmetterte ihn an den Boden. Dieser aber sprang nun wie ein wütendes Tier mit rasender Wildheit auf den Angreifenden an, beide packten sich, schlugen und zausten sich und waren mit Armen, Beinen und Zähnen so fest ineinander verschlungen und verklammert, daß man sie nicht eher losreißen konnte, als nach beider Entkräftung. – Nach Jahren schlich sich bei dem Wilden eine merkwürdige Krankheit ein. Er verlor seine Munterkeit, verfiel in Schwermut, saß stets niedergeschlagen, ohne zu sprechen, sein Gesicht und ganzer Körper bekam dicke, runde Schwielen, die nach und nach abtrockneten und aussahen wie weißer Kalk. Vielleicht brachte dies die veränderte Lebensart und Speise hervor; denn früher lebte er in freier Luft und aß alles roh.[44]

Eines Tages waren unsere Eltern auf eine Verlobung ausgebeten, und damit wir Kinder auch, so wie sie, die Freude der Gesellschaft genießen sollten, hatten sie verschiedene Kinder eingeladen, mit denen wir spielen könnten. Auch hatten sie uns mancherlei zu essen und zu trinken gegeben und es so geordnet, daß die Ältesten das Regiment über uns Kleinere führen und für unsere Befriedigung Sorge tragen sollten. Die größeren Mädchen hatten nun den Kaffee gemacht, und alles war mit der schönsten Ordnung und Anständigkeit bereitet. Ihrer übertragenen Autorität ein würdiges Ansehen zu geben, saßen meine Schwester und ihre beiden Freundinnen gleichen Alters obenan hinter dem Tische, wo die eingeschenkten Tassen mit einem Stück Kuchen dabei in einen Kreis gestellt waren. Die nun wollten ihre Gesellschaft empfangen und mit Höflichkeit bewirten. Wir Knaben spielten eben, als wir durch ein kleines abgeschicktes Mädchen eingeladen wurden, bei den Damen Kaffee zu trinken. Über diese freundliche Einladung verließen wir sogleich unser Spiel und liefen zu dem Tische, und da die eingeschenkten Tassen so bequem zum Trinken standen, so fielen die Knaben darüber her, verschluckten alle Tassen nacheinander und verschlangen allen Kuchen. Die Damen, welche in ihrer Hoheit saßen, erschraken, daß ihre Würde nicht geachtet und so wenig sittliches Betragen vor ihren Augen geübt wurde. Die eine verwies besonders dem einen Knaben, der die meisten Tassen, auch die, welche anderen gehörten, hintereinander ausgetrunken hatte, mit schmälenden Worten seine Unart und nannte ihn einen groben, ungeschliffenen Jungen, und auch die anderen fuhren fort, auf die Roheit der Buben zu schimpfen. Die eine faßte das Wort »geschliffen« wieder auf und sagte: »Sie sind wie eckige Felssteine, die mit groben Hämmern erst abgeschlagen werden müssen«; mich hingegen, weil ich gar keine Tasse begehrte, nannten sie einen bescheidenen, billigen und mäßigen Knaben, mit dem angenehm[45] umgehen sei. Diese Worte blieben mir im Herzen, und ich dachte darüber nach, was geschliffen und ungeschliffen sei, und bekam eine Achtung vor der Würde des sittlichen Frauenzimmers, das zu Ordnung und Anständigkeit gebildet ist.

Es war Sitte in Haina, daß jeder junge Bursch zur Blumenzeit am Sonntage eins von den Mädchen im Dorfe, wenn es zur Kirche ging, mit einem Blumenstrauße beschenkte, welches er dann den Tag über seine Auserwählte oder sein Liebchen nannte. Ich war nun auch schon ziemlich herangewachsen, und es regte sich ein dringender Wunsch in mir, mich aus dem Knabenstand zum Ansehn des Burschenstandes zu erheben; denn ich sah die schönsten Jünglinge in der Kirche auf der Bühne stehen, ausgeziert mit einem Blumenstrauße, den sie am Hute trugen oder auf der Brust und den ihnen ihre Liebchen wiedergeschenkt hatten. Einen Blumenstrauß von einer Mädchenhand vor der Kirchtür zu erhalten, hielt ich für den ehrenvollsten Schmuck, und mein Stolz trieb mich, mir auch einen solchen zu erwerben. Ich wußte lange nicht, auf welche Art ich dazu gelangen könnte. Endlich entschloß ich mich und suchte das schönste Mädchen aus, die meine Auserwählte sein sollte! Als es Sonntag war und ich am Morgen, schön angekleidet, aus der Tür der Sonne entgegentrat – alles still auf den Wegen und um die Häuser. Die Nachbarn, Knechte und Mägde in der Kirche; fernher tönte der Gesang der Andächtigen; kein Wagen fuhr, und die Schwalben setzten sich ungestört um des Wassers Rand, die weiche Erde zum Bau ihrer Nester zu holen, und flogen wieder beladen von dannen, ein schön Geflatter, wie sie so emsig arbeiteten, ihr Nest zu bauen. Mit Zusehen hatte ich mich lange ergötzt; da stieg ich den Berg hinan zum Blumengarten, mir von der Frau Gärtnerin einen Strauß zu bitten. Am Gegitter, unterm braunen Wallnußbaume, betrachtete ich erst die großen Eichen. Des Sonntags stehen sie still und höher und schauen ruhiger und[46] mit mehr innerlicher Freude als in der Woche, wo es sich überall im Felde regt, auf Korngefilde und hören gern das Geschwirr ihrer Laubbewohner. Dann trat ich ein ins Tor und hörte Herrn Eichler, so hieß der kluge Gärtner, mit seinen Leuten in der Bibel beten. Ich stand wartend still, bis sie fertig wären mit Lobgesang dem Allerhöchsten, der die Erde so reich geschmückt, und sah durch das andere Gitter des Blumengartens. Da wankten die Blumen in stiller Pracht und prangten im Glanze der bunten Farben; eine strebte es der anderen an Schönheit hervorzutun, lachend war der ganze Garten, in stiller Herrlichkeit! Die Sonne freute sich der Blumen, die Blume neigte sich zur Sonne mit ihrem Dufte; es war ein hoher Einklang der Natur, alles jauchzte, ich hörte Gesang der Blumen, der Eichen und der Himmelshöhen mit der bunten Erde! – Nun kam die vernünftige Gärtnerin, schloß das Gitter auf und schnitt von jedem Beete mir eine Blume! Ich ging so reich mit meinen Blumen. Ach, wenn ich nur jemand liebte! Ich band sie in einen Strauß, nahm ihn mit in die Kirche und suchte die Auserwählte; und da die Kirche aus war, eilte ich voraus an die Tür und wartete, bis sie käme. Sie kam, und ich trat vor sie hin, reichte ihr den Blumenstrauß und sagte: »Du sollst mein Liebchen sein.« Sie nahm die Blumen mit Verwunderung und ging stillschweigend fort. Als sie einige Schritte entfernt war, kehrte sie wieder um und fragte: »Was hast du gesagt?« Ich sagte: »Du sollst mein Liebchen sein.« Darüber fing sie herzlich und laut an zu lachen und kehrte sich um, ging fort und ließ mich stehen. – Ich dachte nach, warum mein Anliegen so eine ungünstige Wendung genommen, und es fiel mir ein, daß ich vergebens einst meinen Schatten überlaufen wollte, und so große Schritte ich auch machte, ihn nicht einholen konnte; und indem ich mich mit den anderen Knaben verglich, die sich rühmten, älter zu sein, fand ich, daß es für mich noch nicht Zeit wäre, von einem schönen Mädchen einen Blumenstrauß zu erhalten.

Quelle:
Tischbein, Heinrich Wilhelm: Aus meinem Leben. Berlin 1956, S. 5-47.
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