Lehrjahre in Kassel, Hamburg und Bremen

[47] Meine Schulzeit in Haina war geendigt, und ich sollte nun zu meinem Onkel Jakob gehen, der meinem Vater das Anerbieten gemacht hatte, mich zu sich zu nehmen und mich das Malen zu lehren. Lieber hätte mich mein Vater in Kassel bei seinem Bruder Heinrich lernen lassen, der das Altarbild für die Michaeliskirche in Hamburg gemacht und sich dadurch viel Ruhm erworben hatte; aber das ging nicht, weil schon mein älterer Bruder bei ihm war.

Als ich meine Reise antrat und das väterliche Haus verließ, begleiteten mich meine Eltern und meine Geschwister eine Strecke Weges bis an den Wald. Außer den vielen schönen Denksprüchen und Lehren, die meine Mutter mir von Kindheit auf gegeben hatte und die sie mir jetzt von neuem ins Herz prägte, gab sie noch manche mit auf den Weg, unter anderen auch diese: »Wenn du in die Fremde kommst, zu anderen Leuten, schmeichle ihren Hunden und spiele mit ihren Kindern, dann werden sie dir geneigt.« Das tat ich auch auf meinen Reisen, und manche Wirtin wollte ihren Mann bewegen, keine Bezahlung von mir anzunehmen, denn ich hatte ihre Kinder so gut unterhalten. Als meine Mutter im Eichwalde von mir Abschied nahm, gab sie mir noch eine Düte voll Mandeln und Rosinen: »Die iß; sie sind gut für die Brust.« Dann sprach sie noch ein herzliches frommes Gebet über mich und sagte: »Der Himmel sende seine Engel auf einer Leiter herunter und führe deine Wege und begleite dich.« – Meine Schwester aber,[48] als wir Abschied nahmen und die Hände nach innigem Drucke voneinander ließen, erhob ihren Arm, stand gleich einer begeisterten Priesterin da, die des Gottes Orakelsprüche verkündigt, und sprach: »Gehabe dich wohl! Suche Weisheit, soviel du kannst; strebe nach dem Schönen, halte dich zu deinem guten Genius, der dir bei der Geburt zum Schutzengel gegeben wurde; der leite dich auf deinen Wegen, beschütze und behüte dich! Bist du ihm treu, so wird er alles für dich zum Besten wenden. Er legt das Gute, das Nützliche um dich her, du brauchst es nur zu ergreifen; suche seine Winke zu erkennen, er ist für dich besorgt und wendet alles zu deinem Besten! Gerätst du auf dornige Wege und strauchelst, so wird dadurch dein Gang befördert; immer halte ihn im Auge und im Herzen. Sei nicht träge, dir selbst zu helfen, wenn er dich unterstützt, sonst verlierst du ihn; er ist leicht, hat Flügel, entschwebt und verläßt dich gar bald; denn er wird gedrängt von dem bösen Dämon, der gewaltig strebt, seinen Platz zu haben.«

Mein Vater brachte mich bis Kassel, von da ich weiter mit Gelegenheit nach Hamburg gebracht werden sollte. Der Abschied von meiner Mutter war mir über alle Maßen schmerzlich; doch je näher wir Kassel kamen, desto mehr fühlte ich eine freudige Ungeduld, nach einem Orte hinzukommen, von dem ich mir soviel Herrliches und Glänzendes vorstellte. Besonders freute ich mich auf die wilden Tiere und Vögel in der Menagerie, die mir vor allem andern das liebste waren. Als wir nun in das Tor kamen – mein Vater im Gespräche mit einem jüdischen Handelsmann, welcher sich zu uns gesellt hatte und nach seinen Reden ein ganz verständiger Mann zu sein schien – und in die Gegend gelangten, wo es bergan in die Stadt hinaufgeht und wo man unten die Häuser und Dächer von der Menagerie erblickt und in die Höfe und Plätze hineinsieht, wo die Tiere sich aufhalten und die vielen fremden Vögel[49] umherflattern, da kam auf einmal von unten herauf eine weiße Pfauentaube geflogen. Sie schwang sich ein paarmal im Kreise um uns herum und setzte sich dann auf meinen Kopf. Ich zitterte beinahe vor Freude über dieses wunderbare Ereignis. Mein Vater und sein Begleiter waren auch verwundert darüber, und dieser rief: »Das ist ein Glückskind, dem kommt das Glück auf den Kopf geflogen! Habt ihr doch in eurem Glauben den heiligen Geist als eine Taube; nun da kommt er geflogen und setzt sich dem Jungen auf den Kopf!« Ich hätte so gern die schöne Taube in der Hand gehabt und griff danach, denn einen leichteren und schöneren Fang konnte ich ja nicht tun; aber mein Vater verbot es mir und nahm den Stock, um sie von meinem Hute abzustreifen. Sie flatterte aber nur eben in die Höhe, setzte sich auf den Stock, von da wieder auf meinen Kopf und so dreimal nacheinander, bis mein Vater sie endlich wegscheuchte und wir unseren Weg weiter fortsetzten.

Ich kam nun in das Haus meines Onkels, wo ich einige Zeit blieb und von da wieder mit Gelegenheit nach Hamburg gebracht werden sollte. Aber das verzögerte sich, und ich wäre beinahe ganz vergessen worden; denn ich war da schon heimisch und hatte mir alle Personen gewonnen, weil ich jedem gern diente, ehe er es verlangte. Besonders war mir die alte Haushälterin gewogen, weil sie mich zu allem gebrauchen konnte, wo nur im Hause und in der Küche zu helfen war. Auch mußte ich Farbe reiben, Tücher grundieren, Paletten machen und Pinsel putzen; und alles dies ging mir flink von der Hand, und ich tat es unverdrossen – wenn ich nur Tauben halten konnte! Ich zimmerte einen Schlag auf dem Boden und besetzte ihn mit Tauben, die in kurzer Zeit an Zahl so heranwuchsen, daß das ganze Dach voll davon saß. Im Hofe machte ich bretterne Röhren, die unter das Brennholz gingen, das für den Winter in großen Haufen vorrätig lag, und da setzte ich Kaninchen hinein,[50] die sich ebenfalls in kurzer Zeit vermehrten. Der Hof wimmelte von Hühnern und Enten; auch legte ich einen Behälter für Fische an.

So war ich in beständiger Tätigkeit und immer bei frohem Mute. Dabei besuchte ich oft meinen Vetter Ludwig, den Architekten, und Fritz, den Maler, Söhne meines Onkels Valentin, und Geldmacher, der Dekorationen für das Theater malte. Bei ihnen zeichnete ich auch zuweilen, doch nur meine Lieblinge, wie in Haina, Eichhörnchen, Hirsche und Hasen. Keiner bekümmerte sich in diesem Fache um mich oder gab mir Anleitung zum Zeichnen; aber es erwachte ein gewaltiger Eifer bei mir, auch das zu machen, was ich bei den anderen jungen Malern sah, und ich fing auch wirklich an. Damals war ich etwas über vierzehn Jahre alt. Nun kam aber ein Brief von meinem Onkel Jakob aus Hamburg, worin er schrieb, es sei nicht recht von seinem Bruder, mich für sich zurückzubehalten, weil er nun Proben hätte, daß ich mich gut schicke und etwas für die Zukunft verspreche; er dagegen habe mich ohne Probe verlangt. Dies war nun meinem Onkel empfindlich, und er sagte: »Der Junge soll morgen fort, ich will um den keinen Verdruß haben.« Ich wurde also mit meinem Bruder auf die Post gepackt und nach Hamburg geschickt. Ich nahm Abschied von meinen Tauben und Kaninchen und freute mich der Reise; denn ich dachte: Je weiter in die Welt, desto besser! Je ferner von Haina, desto klüger sind die Menschen, besonders da, wo Schiffe sind, die Menschen aus allen Weltteilen zusammenbringen, von denen man vieles erfahren kann, und wo der Weg offen steht nach den fernen Orten selbst. – Ich kam also nach fünf Tagen in Hamburg an, meine Abreise fiel auf den 16. Mai 1766.

Mein Onkel und mein Vetter Christian empfingen mich am Schiffe auf dem Baumhause und führten mich zur Tante. Das war eine Freude! Sie nahm mich mit vieler Herzlichkeit auf, und als sie mein munteres Wesen sah und daß ich Lust[51] zur Arbeit hatte, da sprach sie von Wunderwerken der Kunst, die nun geschaffen werden sollten; denn sie war selbst Malerin. Ich konnte kaum den Morgen erwarten, um gleich mit der Arbeit anzufangen. Mein Onkel malte meistenteils Landschaften, Pferde, Kühe und Jagden. Das war nun eben meine Lust. Ich machte meine Farben zurecht und fing sogleich eine Landschaft an, die ich mir selbst zum Kopieren ausgewählt hatte. Luft und Hintergrund waren bald fertig. Um das Wasser zu machen, nahm ich lauter Öl; denn ich glaubte, ein Öligflüssiges sei dem Wasser am ähnlichsten. Mein Onkel bewies mir dagegen, daß das Wasser mit Farbe gemalt werden müsse, und als ich noch widersprach, machte er es mir vor. So fuhr ich täglich fort unter seiner Leitung; ich kopierte von seinen kleinen Pferde stückchen, grundierte Tücher und Bretter und rieb Farben, was ich gut verstand. Dadurch hatte ich mich denn recht in Gunst gesetzt. Auch hatte ich Vögel, unter anderen einen Buchfinken im Bauer vor dem Fenster, der flog aus und ein; des Tags kam er nur selten heim, wenn er aß und trank, aber des Nachts schlief er immer im Bauer. Alles war bis jetzt gut gegangen; ich war in Lust und Freude, so auch mein Onkel und meine Tante, bis ich einmal hörte, ein Historienmaler sei weit mehr zu schätzen als einer, der nur Pferde und Kühe und Landschaften male. Nun bekam ich Lust, mich im Historienfache zu üben. Mein Onkel hatte ein Bild kopiert nach einem Italiener, ich glaube Trevisani: »Wie der junge Tobias seinen blinden Vater wieder sehend machte.« Zu diesem Bildchen bekam ich eine so unüberwindliche Lust, daß ich Tag und Nacht keine Ruhe hatte, bis ich anfinge, es zu kopieren. Ich bereitete mir das Gehörige dazu und bat meinen Onkel deshalb um Erlaubnis. Der sagte, das wäre noch zu schwer, es gehöre mehr dazu, Figuren eines Historienbildes machen zu können, ich müßte erst bei leichteren Sachen lernen; nachher könnte ich dies auch versuchen. Ich äußerte dagegen, man hätte einen großen[52] Schritt gemacht, wenn man gleich bei den besseren Sachen anfinge, statt durch geringere allmählich auf einem langen Wege dahin zu kommen. »Nein«, sagte er, »mache du nur erst fertig, was ich dir gegeben habe.« Das war aber schon fertig, und ich ging hin, es zu holen, Während ich weggewesen war, hatte er mit der Tante gesprochen; und da ich wiederkam und ihm das Gemälde brachte, sagte er: »Fahre nur so fort, die anderen beiden Pferdestücke anzufangen.« Ich äußerte ihm nochmals meine große Liebe zu dem Bilde von Tobias, und wie ich so sehr wünsche, es zu versuchen und glaube, es gut machen zu können. In diesem Augenblicke fuhr meine Tante auf mich zu, nannte mich einen Vorlauten, einen Naseweis, der klüger sein wolle als alte Leute, ich solle erst lernen und tun, was mir befohlen sei; und damit hieß sie mich fortgehen auf meine Stube und meine Aufgabe arbeiten. Das sprach sie mit Zorn und mit einem Auge voll Verachtung gegen mich. Da wandte sich mir das Herz im Busen um; das Herz, das so unschuldig, so unbefangen mit Liebe und Achtung für sie schlug, wurde auf einmal so empfindlich beleidigt! Ich schwieg und ging betrübt auf meine Stube, setzte meine Pferdestücke auf die Staffelei und fing an zu malen; aber es wollte nicht gelingen. Mein Onkel kam zuweilen und sah, was ich machte. »Es wird nicht gut, was du machst«, sagte er. Ich versicherte ihn, daß ich das auch sähe und nicht wisse, warum es mir so schwer werde, denn ich gäbe mir alle Mühe. Ich malte weiter, und es wurde schlecht. Ich hatte nur immer das junge Mädchen in Gedanken vor mir, das mit so vieler Freude sieht, wie der alte Tobias sein Augenlicht wiederbekommt, das frohe Gesicht des Greises, der nun die Seinigen wiedersieht, und die Alte, deren runzlige Wangen sich vor Freude wieder beleben; aber in den dunklen Stellen des Bildes sah ich immer nur die Tante mit dem bösen, zornigen Blicke, der sich mir unaustilgbar eingeprägt hatte. Ich ward nicht mit mir einig, ob mein Onkel oder ich recht[53] gehabt hätte; wenigstens konnte er mir gestatten, den Versuch zu machen. »Der Junge ist tückisch, er macht's mit Fleiß schlecht«, sagte die Tante, als sie hörte, daß meine Arbeit nicht gut geraten sei; und das wurde meinem Onkel auch leicht, zu glauben. An mein blutendes Herz zu denken, kam beiden nicht in den Sinn.

Von solchen Augenblicken hängt viel ab! Ein junger Mensch, dessen Geist sich eben erheben will, kann durch herben Widerspruch leicht vernichtet werden; und woher soll er die Kraft nehmen, wenn ihm nicht von einem andern Hilfe geleistet wird. Ich war allein, war fremden Menschen unterworfen und mußte folgen in allem, was ich auch tat. Nun ward ich mißmutig, hatte nicht mehr das offene, freie, fröhliche Wesen, welches sie doch von mir wie zuvor verlangten, und mein Onkel befahl mir sogar, freundlich und folgsam gegen die Tante zu sein, die doch mit solcher Grandezza auf mich herabsah, auch wohl drohte, sie würden mir beide ihre Güte und Hilfe versagen und ich könnte gehen, wohin ich wollte. Dies erschreckte mich für den ersten Augenblick; dann empörte es mich, und ich nahm das letztere an – zu gehen. Nun ward ich mit einemmal freier im Gemüte und dachte schon nach Kassel, machte auch gleich den anderen Tag meine Sachen zurecht, um zu reisen. Ich ging dann zu meinem Onkel Anton, der mich in meinem Entschlüsse bestärkte. Bei diesem hatte ich oft die Studien besehen, welche er in Italien nach den großen Meisterwerken gemacht und wovon er mir einige zum Nachzeichnen angeboten hatte, besonders Köpfe nach Daniele da Volterra, die mir außerordentlich gefielen, und auch Figuren nach Annibale Carracci, wodurch meine Neigung zum Historienmalen immer mehr aufgemuntert war.

Auf dem Rückwege begegnete mir zufällig der Bruder meiner Tante, Herr Lilly, der ein Gemäldehändler war. Ich erzählte ihm von dem unglücklichen Vorfalle und von dem unfreundlichen Benehmen seiner Schwester gegen mich,[54] und wie ich nun nach Kassel zurückreisen wollte. Da sagte er, daß ich lieber zu ihm kommen möchte, indem er gerade jemand nötig habe, der ihm, da er täglich viele Gemälde kaufe und verkaufe, dieselben ausbessere. Dieses wolle er mich lehren und mir die Woche einen Taler Taschengeld geben; auch könne ich mir, da er sehr viele schöne Historiengemälde in Originalen besitze, die besten zum Kopieren und Studieren auswählen. Zudem verstehe er sich auch auf die Kunst und wisse zu sagen, wie es sein solle. Wer war froher als ich! Ich sah den Himmel offen, in ein Haus zu kommen, worin so viele Kunstsachen waren. Den anderen Morgen sagte ich es meinem Onkel Jakob, welcher mir erwiderte, ich könne gehen. Ich dankte ihm für alles Liebe; dann eilte ich auf mein Zimmer und gab mich noch einmal recht der Freude hin über ein Bildchen, welches ich in Freistunden des Sonntags für mich gemacht und lange daran gearbeitet hatte: Ein Schäfer saß auf einem Sandhügel, um welchen Ziegen weideten; er las in einem Buche, und in der flachen Ferne sah man ein schwarzes Gewitter stehen.

Die folgende ganze Nacht hindurch hatten Ideen von Historien- und Landschaftsmalerei meinen Kopf durchkreuzt; ich hatte gar nicht geschlafen und stand sehr früh auf. Noch unschlüssig mit mir selbst und ängstlich ging ich ins Freie auf den Wall. Als ich aber auf eine Höhe kam und ich eine weite Aussicht vor mir sah, da fühlte ich meinen Geist freier. Ich schaute über die Bäume, über die Alleen, über Gärten und Häuser hinweg, bis zum Horizont, wo die Elbe herkam und mir vorbeiströmte in das große Meer. Die Sonne ging in ihrer Pracht glänzend auf und schien rosig in den Nebel, der sie umfloß. Ich ergötzte mich lange an dieser Herrlichkeit, freute mich ihrer milden Wärme, und mein Herz ward mit Anbetung erfüllt für den Allmächtigen, der mit so vieler Güte die Sonne uns sendet mit ihrer allbelebenden Kraft, die alle Keime erwärmt und zu sich[55] heranzieht, auch den schlummernden Geist erhellt und stärkend erhebt; und ich betete: so wie er allen die Wege zeige, werde er sie mir auch zeigen.

Mein Weg war unwillkürlich auf die Seite des Walles hingegangen, wo in der Gegend das Haus des Vetters Lilly stand, der mich so zuvorkommend und gütig zu sich eingeladen hatte. War es diese freundliche Einladung, was mich dort hinzog, oder das Licht der aufgehenden Sonne? Ich weiß es nicht; aber ohne meinen Willen war es geschehen. Und da ich so nahe war, wollte ich ihm einen guten Morgen sagen und ging hin. Nun ließ er mich nicht wieder weg und übernahm es, alles weitere bei meinem Onkel zu besorgen. Doch ging ich selbst zu diesem zurück und dankte ihm noch einmal für alle Güte und Liebe und sagte auch meiner Tante Lebewohl.

Sobald ich zu meinem Vetter Lilly zurückkam, sagte dieser: »Nun machen Sie sich ein Geschäft, was Ihnen am liebsten ist. Sie können sich Bilder zum Kopieren aussuchen oder auch zeichnen, wie es Ihnen gefällt.« Ich wünschte erst auf dem Boden die Bilder zu sehen, die da in großen Stapeln standen und seit mehreren Jahren nicht umgekehrt waren, ob vielleicht einige darunter wären, welche der Reinigung und Ausbesserung bedürften, um sie dann in den Zimmern aufzustellen. Dies wurde mir mit Freuden gewährt. Ich fand da viele vortreffliche Stücke, besonders Köpfe und Porträts von großen Meistern, die eben nicht in Handel kamen, weil Zeit und Mode gerade für sie nicht günstig waren. Für mich war es ein Glück, diese Meisterwerke in Händen und so nahe vor Augen zu haben. In diesem Hause, unter so vielen Kunstschätzen, saß ich nun wie ein junger Sperling in der Saat; ich konnte wohl naschen, aber nicht mit Einsicht wählen; ich war mir selbst überlassen und mußte mir helfen, so gut ich konnte. Ich fing an, Bilder in Öl zu kopieren, auch studierte ich nach Zeichenbüchern, worin die ersten Regeln der Kunst enthalten waren. Vor allem[56] ergötzten mich auch die schönen Kupferstiche und Originalhandzeichnungen von den großen Meistern: von Michelangelo (sein Jüngstes Gericht), von Raffael (die vatikanischen Logen) und andere. Unter den vielen guten Gemälden fand ich auch ein großes von van Dyck auf Holz gemalt: »Ein Familienstück«, Großeltern, Vater und Mutter und ihre Kinder, ein vortreffliches Bild! Köpfe von allen Altern; besonders waren die Kinder schön.

Ich wurde aber nicht allein mit den Sachen bekannt, die im Hause meines Vetters waren; als Gemäldehändler kannte er auch alle Liebhaber in der Stadt und ihre Sammlungen und führte mich dahin. So lernte ich viel in der Bildersammlung des Staatsrats Stengelin, die ich ein halbes Jahr lang besuchte, um zu kopieren, Wouwerman, Berghem und mehrere kopierte ich so, daß die Liebhaber damit sehr zufrieden waren, und es sollen sogar einige solcher Kopien als Originale verkauft sein, besonders nach Rußland. Von Thomas Wijck sah ich hier »Die Alchimisten mit ihren Gerätschaften«; aber das beste Bild, das ich von diesem Meister sah, war »Das Innere eines Bauernhauses«, wo Menschen mit Schweineschlachten beschäftigt waren. Der Dunst, welcher an dem Gebälk schwebte, machte es zum Vorzüglichsten, was ich in der Art gesehen habe. – Auch sah ich eine Zeichnung von van Luyken, wo ein junges Mädchen am Felsen sitzt und ihr Morgengebet singt; die Sonne schickt ihre Strahlen am Himmel hinauf, eine Lerche steigt flatternd in die Höhe und singt in fröhlichem Jubel, ein anderes Mädchen betrachtet Blumen, die zwischen dem Grase hervorsprießen.

Nun fing ich auch an, mich im Porträtmalen zu üben, und ein Bild, welches ich nach einem Manne aus Scherz gemacht hatte, wurde wegen seiner Ähnlichkeit gelobt; doch war ich mir nicht bewußt, daß ich ein Porträt ähnlich machen könnte, wenn ich es wollte, ich glaubte, es sei nur so von ungefähr geraten. Einst stand ich in der Haustür, als eben[57] ein junger Kaufmannsdiener hereintrat und fragte: »Wohnt hier ein Bildermacher?« – »Ja«, sagte ich, »und auch ein Bilderhändler.« – »Das ist mir gesagt worden; aber ich meine, ob er auch abnimmt, daß das Bild dem Gesichte ähnlich ist, welches er abnimmt?« – »Sie fragen nach einem Porträtmaler?« – »Ganz recht«, versetzte er, »und kann ich den sprechen?« – »Der bin ich selbst«, erwiderte ich. – »Nun denn, ich möchte mein Gesicht abgenommen haben, daß es ähnlich sei und jedermann es erkenne.« – Ich entschloß mich gleich. Der morgende Tag wurde zur Sitzung bestimmt. Ich malte ihn, und jedermann erkannte ihn. Auch ein alter Kenner sah es, lobte es und meinte, wenn der junge Maler erst so viel bei der Arbeit gesessen hätte, daß seine roten Backen die Farbe von einem Heringe bekämen, der einige Jahre im Rauche gehangen, dann könne etwas aus ihm werden; denn in ihm liege es. Dies ließ ich mir nicht umsonst gesagt sein. Das Porträt war fertig, und der junge Mensch war sehr damit zufrieden. Ich schämte mich, einen Dukaten dafür zu fordern. Aber den legte er mir gleich auf den Tisch und noch zwei daneben, wenn ich ihm ein schönes Mädchen malen wolle, das seine Geliebte sei; für die wäre sein Porträt bestimmt, und nun wünsche er auch das ihrige zu haben, weil er wegreise und es gern mitnehmen wolle. Ich versprach es ihm, und er führte sie mir den anderen Tag zu. Ich staunte über die Schönheit des blühenden Mädchens, doch fast noch mehr über den Liebhaber, der während des Malens mit Lobeserhebungen über ihre Schönheit auf eine ausschweifende Art ausbrach, winselnd vor ihr auf den Knien herumkroch und bat und flehte um Liebe, um nur ein wenig Gegenliebe für seine unermeßliche Liebe! Dann warf er sich taumelnd von einer Ecke zur andern, stampfte mit den Füßen, schleuderte den Hut im Zimmer herum, schlug sich vor den Kopf und sagte: »Von der himmlischen Schönheit soll ich gehen, soll reisen, soll von ihr getrennt sein, soll das himmlische Vergnügen entbehren, sie zu[58] sehen, die nicht anschauen können, die mir mehr ist als alles Schätzbare auf der Erde!« Dann fiel er wieder auf die Knie vor ihr nieder und bat um Liebe, um beständige Liebe: »Denn du bist mir alles, und ohne deine Liebe bin ich nichts!« Dann fuhr er auf und kam, zu sehen, was ich machte, und schrie: »Sie wird's! Sie ist's! Das göttliche Gesicht!« und fragte mich: »Aber sagen Sie mir, haben Sie je ein solches schönes Gesicht gesehen? Nicht wahr? Nein! Nicht einmal in der Malerei hat man ein so schönes Gesicht, als sie wirklich ist! Nie werden Sie sich so eins haben denken können.« Ich Einfältiger war dem Menschen gut und wollte ihm einen Dienst erweisen und sagte: »Sie ist schön, aber es gibt Schönere, denn ihre Lippen sind so dick; Augen hab' ich glänzender gesehen, und Nasen gibt es bessere; die ihrige steht etwas in die Höhe!« – »Nein«, sagte er, »die Lippen – das ist eben das Schöne, sie strotzen von den vielen Küssen, die darin liegen; und die bescheidenen Augen mit den langen Wimpern, wie sie Schatten um sich streuen! Und wenn sie sie aufschlägt, welche glänzende Sonne, die den Himmel erheitert! Und die gerade senkrechte Nase, die sich unten eben nur wenig in die Höhe biegt, um Raum für einen Kuß zu lassen! O diesen Genuß von ihren Lippen – ein Kuß, der ewige Seligkeiten gewährt!« Dann bat er um einen Kuß, den sie ihm kaltblütig und gleichgültig gewährte.

Nun stand ich auf und bat ihn, einen Augenblick mit mir in die andere Stube zu gehen, da wollte ich ihm ein sonderbares Gemälde zeigen. Er ging mit, und da wir allein waren, sagte ich ihm: »Mein lieber Freund, ich bin Ihnen gut, nehmen Sie von mir einen wohlgemeinten Rat, loben Sie die Schönheit Ihrer Geliebten nicht sosehr, sonst verlieren sie dieselbe; lassen Sie lieber dieselbe nicht erfahren, daß sie so schön ist. Eben darum sagte ich, daß ich noch schönere Mädchen gesehen hätte, meine Unhöflichkeit war ein Opfer, das Ihnen meine Freundschaft brachte.« – »Mein[59] junger Mann«, erwiderte er hastig, »Sie reden in Ihrer Unschuld und verstehen die Liebe nicht; das ist eine Sache, die man nicht im stillen bei sich behalten kann, Sie werden es einmal anders erfahren, wenn die Liebe Sie überfällt. Lassen Sie es gut sein; indes danke ich Ihnen für Ihre gute Gesinnung gegen mich, und fahren Sie fort, mir die Schönheit so gut zu malen, als Sie können.« Ich konnte nicht begreifen, was der Mann sagte, und fuhr fort zu malen, und als das Porträt fertig war, gefiel es allen und wurde ähnlich gefunden. Das brachte mir einen Namen und machte mir Mut, denn das Porträt des schönen Mädchens kam bei vielen herum und machte mehreren Lust, ihr Porträt von mir zu haben.

Hier wäre nun eine günstige Zeit für mich gewesen, wenn ich das Glück gehabt hätte, einen Freund, einen Mann von Einsicht zu besitzen, der mich in die feinere und gebildetere Gesellschaft eingeführt und mir die Menschen, von denen ich hätte lernen können, ausgewählt hätte. Aber so stand ich allein, ohne Führer dieser Art, und für mich war ich zu unwissend und kraftlos. Doch war ein dunkles Gefühl in mir, nach etwas Besserem zu streben. Aus einigen Malerbüchern, die mir in die Hände gekommen waren, sah ich, daß ein Maler, der etwas Tüchtiges lernen will, mehr zu wissen nötig habe als Malen und daß er Umgang mit gelehrten Männern haben müsse. Ich fing nun an, die aufzusuchen und mich bei ihnen beliebt zu machen, besonders bei denen, welche Sammlungen von Naturalien aus anderen Weltteilen besaßen. So wie meine Kenntnis in den Gemälden zunahm, lernte ich auch immer besser die Natur betrachten und dieselbe in ihren mannigfaltigen Werken und Erscheinungen auffassen. Ich ging fleißig spazieren, beschaute die Gegenden, Bäume und Büsche; was ich schön Gemaltes in den Bildern sah, erkannte ich nun auch in der Natur, lernte Licht und Schatten kennen und die Effekte der Beleuchtungen von Sonne und Mond. Meine Wanderungen dehnte ich[60] oft sehr weit aus und gewöhnlich vom Wege ab feldein über Gräben und Hecken, denn ich war leicht zu Fuß, zeichnete Pferde, Kühe, Schafe und Ziegen auf den Weiden, drängte mich unter die Volksmenge, beobachtete da die verschiedenen Neigungen der Menschen, den Ausdruck ihrer Leidenschaften in den Gesichtern und Gebärden.

Mein Vetter Christian, der ungefähr in meinem Alter stand, war mein gewöhnlicher Begleiter. Obgleich von verschiedenem Charakter, denn er war hastig, blieben wir doch immer die besten Freunde. Fast jeden Sonntag holte er mich aus dem Bette, so früh kam er, und wir durchstrichen dann die schönsten Gegenden. Oft ging ich, um die Sonne untergehen zu sehen, an einen Ort auf dem Walle nahe an der Elbe gegen Altona hin; ein andermal sah ich sie vom Grasbrook aus gegen die Stadt hin. Da scheint die Sonne, ehe sie untergeht, an die Häuser und spiegelt sich in den Fenstern mit so blitzenden Lichtern, daß man glaubt, die zauberische Erleuchtung eines Feenpalastes zu sehen.

Ein fast noch größeres Schauspiel gewährte mir der Mond, wenn er in das Wasser schien. Ich ging deshalb oft auf eine Brücke am Walle, wo in einem abgelegenen Wasser beschädigte oder zerbrochene Schiffe und Fahrzeuge lagen. Der Ort selbst liegt im Schatten, und das Holzwerk und die dunklen Schiffe geben ihm ein finsteres Ansehen. Dazwischen durch spiegelt sich der Mond mit seinem silberreinen Lichte, und sein weißer Schein blitzt glänzender, als wo er das offene Wasser beleuchtet. Sieht man nun in die Ferne auf die Elbe, so flimmert es wie Millionen Fische, die auf dem Wasser spielen, und dort im schwarzen Grunde wälzt der Mond die leuchtende Kugel in mancherlei abwechselnden Formen und flammt zwischen dem schwarzen Gehölz, dem Schilf und Gesträuche herum. Auf der kleinen Brücke an diesem einsamen Orte, wo ich stundenlang verweilte, um mich an dem schönen Lichte zu erfreuen, sah ich auch oft einen Maler, namens Videband. In seinen Mantel[61] gehüllt, ging er da still umher, ohne zu sprechen, und beobachtete so wie ich die Effekte von Sonne und Mond, die er auch in kleinen Bildern nachzumalen suchte. So sah ich einst ein schönes Bildchen von ihm: »Eine Mutter mit ihren Kindern im Scheine des Mondes in der Stube sitzend.« Das Mondlicht schien durch das Fenster auf den Fußboden und auf einige Figuren, und so war das ganze Zimmer von diesem sanften Scheine beleuchtet. Noch ist mir die zarte Rührung wohltuend, die dieses Bild bei mir erweckte. Niemand würdigte, was dieser stille, gefühlvolle Mann malte; er lebte kümmerlich, aber er hatte wohl ein Licht von Sonne und Mond in sich, das ihn erwärmte und ergötzte. – So wechselten bei mir die Freuden an Natur und Kunst: was ich sah, suchte ich zu begreifen und nachzuahmen.

Ich wurde in einem Hause bekannt, Winkelmann und Zimmer, die beide in Kompanie standen und eine kleine schöne Sammlung von Bildern hatten. Der Sohn des Herrn Zimmer lernte bei meinem Onkel das Zeichnen, wurde mein Freund und brachte mich in seines Vaters Haus. Fast alle Sonntage abends war ich da und lernte hier zum ersten Male einen freundschaftlichen Familienzirkel kennen und in ihm das feine Wohlleben. Sie hatten schöne van der Neers, so zwei kleine Bilder, einen »Sonnenaufgang« und einen »Mondschein«. Nie habe ich von diesem Künstler schönere Bilder gesehen als diese. Die wirkten sehr auf mein junges, zartes Gemüt und lehrten mich noch inniger die Schönheit der Sonne und des Mondes kennen, den angenehmen Zauber der klaren Nächte und das Erfreuliche der kommenden Morgensonne. Auch hatten sie ein Bild mit »Kühen und Schafen«, die auf einem Berge standen oder lagen, um altes Gemäuer herum, Ruinen eines ehemaligen Prachtgebäudes, jetzt die einsame Ruhestätte der Hirten, wo sie ihr Vieh weideten; Ziegen nagten an dem Gesträuche, das über das umgefallene Gemäuer hing. Vergang und Leben sah man hier beisammen: Vergang angestrengter Menschenkräfte[62] und einer gesunkenen Größe, Leben der hohen Menschheit, die zwar nicht im aufgeklärten Kunstsinn, aber in der Einfalt mit Kühen und Schafen und Ziegen ihre Sorge und ihren Unterhalt findet. Willem Romeyn, ein Holländer, der sich lange in Rom aufgehalten und daher diesen Beinamen bekommen hatte, ward als Urheber dieses Bildes genannt. Er wählte immer dergleichen Gegenstände zu seinen Bildern, Ruinen, römische Paläste, wo im Mauergewölbe eine Familie ihre Wohnung mit Schilf und Binsen hineingebaut hat und da ihr Leben hinbringt in stiller Einfalt, wohl glücklicher und ruhiger als die, welche stolze Paläste aufführten. Daneben hing ein Bild von Polidoro, grau in grau, »Genien als Kinder, die einen Turm stürmen«. Die Belagerer brachten Sturmleitern, erstiegen die Mauern; die auf dem Turme wehrten sich mit Bogen, Pfeilen und Lanzen und schleuderten große Steine herunter. Auf den Leitern war Gedränge! Einige strebten hinauf, andere stürzten herunter, hingen in den Sprossen. Alle Arten von Stellungen sah man hier bei dem gewaltsamen Ringen und den erschöpften Kräften. Ein schönes Gegenstück zu dem ruhigen, genügsamen Schäferleben! Man mochte da wohl sagen: »Es gibt keine Männer, Gott hat nur Kinder!« Außerdem hatten sie noch mehr schätzbare Bilder, auch zwei von Pieter Quast: »Schwelger und Spieler«, Diebe und Betrüger. – Solche Bilder nun und mehrere andere kopierte ich. Man lieh mir alles, wozu ich nur Lust hatte. Waren die Bilder besehen, so gingen wir auf die Stube meines Freundes, wo ich manches Nützliche von seinem Lehrer lernte, besonders wenn ein alter Kontordiener dazukam, der sich mit ihm herumdisputierte. Dieses Haus war für die Bildung meines Geistes von unendlichem Nutzen.

Auch bei einem anderen Liebhaber der Kunst, der selbst in Miniatur und Pastell malte, Herrn Schwalbe, ging ich ein und aus. Er erzählte mir viel von den italienischen Malern und machte mich dadurch aufmerksam auf ihre[63] Werke. Dann führte mir mein guter Genius einen Mann zu, dem ich für die Erweiterung meiner Kenntnisse sehr viel verdanke. Er hieß Book. Wenn er als Kaufmann seine Geschäfte in der lebenden Welt beendigt hatte, brachte er die Zeit seiner Muße still und eingezogen in seinem Hause zu, nur mit Büchern, Bildern und Kupferstichen beschäftigt. Er war unverheiratet; ein paar Haushunde, zwei Hausjungfern und zwei Schildkröten waren seine Gesellschafter. Die Schildkröten lebten den Sommer über in seinem kleinen Garten, den Winter hatte er sie bei sich in der Stube. Als ich nach vielen Jahren wieder nach Hamburg kam, fand ich diese Tiere noch lebend bei einem Freunde. Schon das Äußere des Mannes zeigte den Sonderling. Er trug einen schlichten Überrock und einen großen runden Hut; aber so einfach und unbedeutend er erschien und allen falschen Glanz und Schein in der Welt floh, so reich und schätzbar war sein innerer Gehalt; übrigens hatte er etwas Ähnlichkeit mit Rembrandt. Er führte mich in sein Haus, das einsam und abgelegen am Walle stand, mit einem kleinen Garten und einem Gartenhäuschen. Wie erstaunte ich, als ich hineintrat! Diele und Treppe hingen voller Gemälde; vom Keller hinauf bis zum Boden, alle Stuben und Kammern waren mit Gemälden behangen und mit Büchern besetzt. In der Stube, wo er sich gewöhnlich aufhielt, hingen vorzüglich solche Bilder und Zeichnungen, die nicht durch Kunstwert, wohl aber durch ihren geistigen Inhalt Aufmerksamkeit erregten. Es war ein lebender Geist an den Wänden, seltene Naturerscheinungen, launige Einfälle, Satiren, ernste und komische Szenen aus dem Leben und Treiben der Menschen; alles zeigte den Sinn des Bewohners, wie ein Gesicht die innere Seele. Um Raum für die Bücher zu schaffen, hatte er große Tonnenreife aufgehängt, wie Kronleuchter unter den Decken, die waren alle voll Bücher gestellt, und ihm war es leicht, jedes Buch zu holen sowie auch die Seite aufzuschlagen, wovon eben die Rede war. Bei ihm sah ich auch[64] zuerst das Buch der moralischen Bilder von Cats, woraus ich späterhin manches Nützliche gelernt habe. Als er bemerkte, wie sehr ich mich freute über alle die lieben Sachen, lud er mich ein, jeden Abend und des Sonntags schon am Mittag zu ihm zu kommen und mit ihm fürlieb zu nehmen. Als ich einmal meine Verwunderung äußerte über alle diese Vorräte und Schätze und wieviel er daran gewandt hätte, sagte er: »Das eben nicht, ich habe mir das alles so bei Gelegenheit angeschafft. In Auktionen und bei Trödlern findet man oft viel Schönes und Seltenes für wenig Geld. So hatte ich gestern im Sinn, die beiden großen Bilder auf Leinwand ›Die Hochzeit der Psyche‹ von Giulio Romano, nach dem Freskogemälde Raffaels in der Farnesina in Öl gemalt und von Raffael retuschiert, in der Auktion zu kaufen. Der Preis, den ich dafür festgesetzt hatte, war für das Stück ein Dukaten; sie wurden aber höher getrieben, und nun ließ ich sie fahren. Ich wollte mir einen Schirm davon machen im Garten, um die Hühner damit einzuhegen, und so hätten sie mir zu zwei Dingen gedient: Die Hühner konnten nicht überfliegen, und ich hatte im Spazierengehen immer die schönen Sachen von Raffael vor Augen.« Die Bilder waren wirklich von Giulio Romano und kamen aus der Sammlung der Königin von Schweden, wurden aber auch nur wenig über einen Dukaten verkauft, weil sie wegen ihrer Größe nicht leicht einer brauchen konnte.

»Übrigens«, fuhr er fort, »kaufe ich immer nur das, was mir besonders gefällt, nie ein Bild um des Meisters willen, auch nicht wegen der Kunst, sondern wegen des Inhalts und Geistes oder wegen einer schönen Figur. Darum habe ich mir das kleine Bild von Raffael in seiner ersten Manier gekauft: ›Der heilige Georg zu Pferde, wie er den Drachen erlegt.‹ Mir gefällt sein schönes Gesicht und die weibliche heilige Figur, zu deren Füßen das Ungeheuer stirbt; mich erfreut der reine jungfräuliche Reiz und die jugendliche Schönheit in diesen herrlichen Gesichtern.« Auf dies Bild[65] legte er denn auch einen hohen Wert und bewahrte es in einem Schranke mit verschlossenen Türen. Gerade vor der Treppe, wenn man in sein Haus trat, hing ein Bild, welches seiner Meinung nach von Holbein war und den Wilhelm Tell vorstellte, wie er eben die Armbrust anlegt, um zu schießen. Sah man auf sein zielendes Auge und auf den angelegten Bogen, so ging die Spitze einem gerade ins Auge; es war so natürlich, daß man sich fürchtete, geschossen zu werden. – Die große Sammlung von Kupferstichen enthielt viele der vorzüglichsten Blätter; und weil er sie mir mit seinen Bemerkungen vorlegte, so wurden sie für mich sehr belehrend. Vor allem aber gaben mir die vielen Bücher mit Kupferstichen, meist historischen Inhalts, über die alten Zeiten, das Mittelalter und die neuesten Begebenheiten viele Belehrung sowie die Reisebeschreibungen und die naturgeschichtlichen Werke von Indien über die Religionsgebräuche und Sitten der verschiedenen Völker. Bücher konnte ich nicht viel lesen; aber hier bekam ich durch die Bilder und durch die Erklärungen derselben eine anschauliche Übersicht von der ganzen Welt und von den merkwürdigsten Begebenheiten, die sich darauf zugetragen hatten!

Einige Zeit nachher wurde mir auch das Glück zuteil, einem trefflichen Manne, dem Doktor Bolt, bekannt und von ihm in die größeren feineren Gesellschaften gezogen zu werden, die sich öfter in seinem Hause versammelten. Das war wohltätig für mein ganzes Leben, als Jüngling mit Menschen von höherer geistiger Bildung wie Kirchhof, dem Ratsherrn, und Klopstock in einer Gesellschaft zu sein. Das erhob mein ganzes Wesen und bewahrte mich, mit der niedrigen Klasse von Menschen umzugehen. Bolt hatte auch eine Sammlung Bilder, unter diesen gefiel mir vorzüglich »Eine Landschaft« von Both; im Vordergrunde war die Porta Leone zu Rom, dadurch sah man im Hintergrunde die Pyramide des Gajus Cestius. Die Abendsonne schien in den[66] Dunst, der davor schwebte, und sie stand wie eine Silhouette in einer Glorie; die steinerne Masse erschien hinter dem feurigen Nebel wie eine leichte Wolke. – Dann bemerkte ich noch als ausgezeichnete Bilder: »Die Flucht nach Ägypten« von van de Velde, »Die Räuber« von Schellinks (Bauern werden ausgeplündert, und ein Mädchen läßt im Laufe den Korb mit Hühnern fallen, so daß diese davonfliegen).

Gemälde-Auktionen versäumte ich nie. Gewöhnlich wurden die Bilder einige Tage vorher zum Besehen ausgestellt; da war es denn sehr belehrend, die verschiedenen Urteile von Kunstkennern und Kunstfreunden zu hören, die da zusammenkamen. Ich bemerkte oft unter diesen einen Mann, der seinem Sohne die Schönheiten sowie die Fehler der Gemälde auseinandersetzte. Es war, wie ich nachher erfuhr, der Herr Syndikus Schuback. Er lud mich mit zuvorkommender Güte ein, ihn zu besuchen und seine Gemäldesammlung zu besehen. Unter vielen schönen Studien bemerkte ich vorzüglich »Eine Schlacht« von Berghem, wo ein Türke auf einen Mohren zusprengt und dieser mit einem Beile nach ihm haut. Was aber Schubacks Sammlung als einzig in ihrer Art auszeichnete, waren die Gemälde von van der Neer, ein wahrer Schatz, der ein ganzes Zimmer allein ausfüllte. Da sah man alles Schöne beisammen, was die Natur an Pracht der auf- und untergehenden Sonne zeigt, mit ihren Effekten auf oder hinter den beleuchteten Gegenständen, und so auch den Mond mit seinem sanften Silberschein, mit all dem Zauber und dem magischen Licht, welches er verbreitet und immer wechselt. Bald sah man ihn am Horizont nur eben halb hervorschauen, bald ganz heraufgestiegen, auf einem anderen Bilde hinter Wolken. Des Besitzers Lieblingsbild aber war »Das Innere eines Waldes im Mondenschein«. Diese stille Ruhe mit dem sanften, blassen Scheine, der zwischen den dunklen Bäumen durchfiel und sparsam nur einige Stellen beleuchtete, machte[67] eine überaus angenehme Wirkung. An der Wahl solcher Bilder erkennt man des Sammlers Gemüt. So sah ich eines Tages in einem anderen Hause ein Bild von Johann Both, »Ein innerer Wald«, wo die Sonne am Horizont eben unterging und ihre Strahlen leicht über das Gras wegschickte an die Stämme der Bäume, unter den Bäuchen der Kühe durch, die da weideten. Der ganze Wald stand in Schatten, und nur ein Flitterlichtchen war wie ein vergoldeter Strich längs der Erde und hin und wieder in den Bäumen; das andere lag alles in dämmernder Ruhe. Wer gerade zu solcher Zeit einen Wald in der Natur gesehen hat, wenn alles still geworden, die Vögel zur Ruhe gegangen sind, die Hirsche im Dickicht lauern, bis die Sonne ihr Licht verbirgt, dann heraustreten und äsen zwischen der Herde Kühe, der wird dem Maler danken, daß er das so schnell Vorübergehende schön und wahr im Bilde festgehalten hat.

Indem ich mit Dankgefühl mich meiner Jugendzeit in Hamburg erinnere, muß ich noch des Vergnügens erwähnen, wenn ich auf dem Jungfernstiege zwischen der schönen Welt umherwandelte, die da spazierenging. Da sah ich Menschen aller Art, müßige und andere, die von schweren Gedanken sich zerstreuen wollten, wieder andere, um ihre Schönheit sehen zu lassen und mit ihren neumodischen Kleidern zu prangen. An den Bäumen der Allee saßen die italienischen Kupferstichhändler mit ihren Kunstsachen. Da ergötzte ich mich an den Waldtieren des Ridinger und an den Kupferstichen von Heinrich Roos, wo genügsame Menschen ihr Wesen treiben, mit wenigen Haustieren, die da an Ruinen ehemaliger Prachtgebäude friedlich weiden, und wo die kletternde Ziege ausruht, während ihre Jungen auf dem Gesimse herumspringen; daneben Schlachten von Rugendas, »Wie Prinz Eugen die Türken schlägt«; hier »Die Weltkugel«, dort »Die vier Jahreszeiten«, als Nymphen vorgestellt, »Leda mit dem Schwan«, »Die ganze Leidensgeschichte Christi«, »Luna und Endymion« und viele andere.[68]

Hamburg war von jeher ein Ort, wo beständiger Verkehr und Wechsel von Gemälden getrieben ward und viele Liebhaber der Kunst sich fanden; doch hatte es deren früherhin noch mehrere gegeben. Zu der Zeit, als die Reformierten aus Brabant auswanderten, brachten sie herrliche Schätze von Gemälden der größten niederländischen Meister dorthin. Die Familien, welche Kunstsinn und Kenntnis der Malerei besaßen, starben allmählich aus, und die Gemälde blieben da; aber mit den ehemaligen Besitzern war auch die Liebe zu den Gemälden großenteils abgestorben. Die Veränderungen in den Familien machten, daß die Bilder hin und wieder wie unnützes Gerät auf den Boden gestellt, wohl gar an Trödler verkauft wurden. So sagte mir ein alter Gemäldehändler, daß er in seiner Jugend die schönsten Bilder von Rembrandt, Rubens und van Dyck bei den Trödlern gekauft habe. Familienporträts von den besten Malern waren damals nach Hamburg gekommen, von da aber durch Bilderhändler in andere Städte und Länder geschickt. So kam ein großer Teil der schönsten Gemälde in die braunschweigische und kasselsche Galerie. Noch vor zehn Jahren weinte ein junger Reisender aus einer der angesehensten Familien Brabants Freudentränen vor einem Bilde von van Dyck, das seine Urgroßeltern vorstellte. Sein Großvater war noch als Kind auf diesem Bilde; es hing in der kasselschen Galerie. Einst kaufte jemand ein Bild in der Auktion, »Ein Dianenbad« von Lievens. Als er es aus dem Rahmen nehmen wollte, fand sich's, daß dieser von geschlagenem und stark vergoldetem Silber war, was keiner vermutete, weil er jedem vergoldeten hölzernen Rahmen ähnlich sah, wenn man die getriebene Arbeit nicht genau betrachtete. Die Liebhaberei für Gemälde muß damals fast allgemein gewesen sein, das zeigten die vielen Bilder, geringe und gute, die man überall zu Hamburg fand; man sah sie in den Zimmern und auf den Dielen. Und doch sonderbar, daß sich kein Künstler in Hamburg mit Anstand[69] ernähren und erhalten konnte, selbst Denner nicht; wohl eine Zeitlang, aber war die vorüber, dann mußten sie ihren Verdienst anderwärts suchen. Man sollte denken, eine so reiche Stadt könnte hinlänglich einen Mann wie Denner mit Arbeit versorgen, da er Porträts und auch idealische Staffeleigemälde machte, Blumen und Früchte, und in seiner Art, alte Köpfe zu malen, die auch auswärts gesucht wurden, einzig war. Er starb in Mecklenburg im Hause einer Freundin, wo er den Abend zuviel Pfannkuchen gegessen hatte. So erzählte sie mir von ihrem Hausfreunde.

Ich hatte ein unwiderstehliches Verlangen nach Holland, dem Lande, wo so viele große Maler gelebt hatten und wo zum Teil noch ihre bewundernswürdigen Werke zu sehen waren. Ich wünschte nur so viel Geld zu haben, daß ich den Schiffer bezahlen könnte, dort würde ich mir dann schon weiterhelfen, wenn ich auch fürs erste nur Teetische malte; denn die, dachte ich, brauchten die Holländer am meisten. Ich hatte mir zur Reise schon drei Dukaten gespart. Da kam ein armer, ehrwürdiger Mann in unser Haus und bat meinen Vetter, ihm etwas Geld zu leihen, weil er in großer Not sei. Mein Vetter aber begegnete ihm hart und verwies ihm seine Nachlässigkeit und wie er sich durch eigene Schuld von seinem Wohlstande heruntergebracht habe. Der Alte ging und weinte. Das rührte mich; ich eilte ihm nach, ohne daß es jemand aus dem Hause bemerkte, und als ich ihn eingeholt hatte, sagte ich: »Mir tut es leid, daß man Ihnen so begegnete, kann Ihnen diese Kleinigkeit helfen, so nehmen Sie« – und ich gab ihm meine drei Dukaten. Er nahm sie mit Dank und gab mir die herzlichsten Wünsche. – Don Quichotte verlor mit nicht größerem Vergnügen einen Teil seiner Zähne und ein Stück seines Kinnbackens als ich meine drei Dukaten, denn ich dachte: Je mehr man aufopfert, je vollkommener ist man als Mensch, indem man die Pflicht erfüllt, dem Notleidenden und Bedürftigen mit Hilfe beizuspringen; je mehr man verliert und leidet, je[70] höher steigt man, so wie der edle Ritter zu Sancho sagt, wenn er sich beklagt, daß er soviel Prügel in dem Stande der Ritterschaft aushalten müsse: »Darin besteht der Held, mein lieber Sancho – du verstehst das nicht, weil du auf dem Miste geboren bist; ich aber, in dem edlen Ritterstande entsprossen, weiß, daß je mehr man gedroschen wird und je mehr man Rippen verliert durch Prügel und Flegel, desto besser!« Das dachte ich, wenn mir jemand sagte, daß ich töricht gehandelt hätte, meine drei Dukaten so wegzugeben. – Ich sah aber nachher ein, wie unvorsichtig es gewesen sein würde, mit drei Dukaten in ein fremdes Land zu reisen, wo man nicht weiß, was einem begegnen kann, und wo man keinen Bekannten, keinen Freund und kein Geld hat. Ich hielt es nun für besser, erst mehr zu verdienen und dann hinzureisen. Ich malte daher fleißig und hatte mir so viel erspart, daß ich nach Bremen mich einschiffen konnte in der Hoffnung, dort erst mehr zu verdienen und sodann weiterzureisen. Ich nahm den Weg von Blankenese über die Elbe, eine äußerst angenehme Fahrt, da der Fluß sich häufig schlängelt und seine Ufer so schön mit Gebüschen bewachsen sind. Auch ist Blankenese ein malerischer Ort, ein Sandberg, wo Häuser übereinanderstehen, den Berg hinauf, und jedes sein Gärtchen mit Bäumen hat. Die Natur ist hier launig gewesen und die Menschen auch. Die ganze Reise über war ich froh und guten Mutes. Ich glaubte, in Bremen würden nicht viele Maler sein und meine Arbeiten etwas gelten. Aber wie sank mir aller Mut, als ich eben in das Stadttor gefahren war und mir über einem Eisenhändlerladen ein Schild in die Augen schien, worauf allerlei Eisengerät, Messer, Beile, Scheren, Hämmer, Zangen so natürlich gemalt waren, daß man sie anfangs für wirkliche Eisenwaren ansah. Nun hielt ich mich für verloren; denn ich dachte, wo Aushängeschilder so meisterhaft gemalt werden, was müssen da die rechten Künstler leisten! Aber wie es denn geht, wenn alle Sperlinge[71] das Korn kennten, dann würde nicht geerntet; es ging keiner von diesen talentvollen Malern über das Gewöhnliche hinaus, keiner malte Porträts oder Bilder.

Als ich im Wirtshause von meinem Zimmer in den Saal trat, wo die Gäste Wein tranken, redete mich einer an, der meinen Namen hörte, und sagte, er kenne meinen Onkel in Kassel und viele von unserer Familie, er freue sich, mich kennenzulernen und noch mehr, wenn ich hierbleiben und malen wolle. Da ich erwiderte, das sei eben mein Wille, hier Porträts zu malen, sagte er gleich: »Sie sollen mich malen.« Es war ein malerischer Kopf mit starken Zügen, also leicht zu treffen. Als sein Porträt fertig war, führte er mich zum Ratsherrn Duntze, einem Liebhaber der Kunst, der auch selbst etwas malte und eine schöne Bildersammlung besaß. Dieser fand das Porträt ähnlich und wunderte sich, daß ich das schon könnte, da ich noch so jung sei. Dann fragte er mich, ob ich mich wohl unterstände, eine schöne junge Dame zu malen, was bekanntlich schwerer sei als das Porträt eines Mannes. »Ich habe nach van Dyck, Rubens und Rembrandt das Porträtmalen studiert und mich auch nach der Natur geübt«, sagte ich. »So kommen Sie heute nachmittag zum Ratsherrn Bundsack«, sagte er, »da werden Sie dessen Frau sehen, die sehr schön ist.«

Ich ging um die bestimmte Zeit hin, und als ich in das Zimmer trat, wo ich sie mit einer Gesellschaft beim Kaffeetrinken fand, erstaunte ich über die Frau, die in der Blüte ihrer höchsten Schönheit war. Über mein Staunen, das sich sehr sichtlich äußerte, fingen die meisten an zu lachen; sie selbst lächelte und empfing mich mit einer gutmütigen und holden Miene. Einer sagte: »Der reißt die Augen auf und besieht als Maler, dessen Blick ganz anders ist als der unsere.« Dann wandte er sich gegen mich: »Nach Ihrem scharfen Betrachten der Dame scheint es, als sähen Sie, etwas Besonderes.« – »Ja«, versetzte ich, »sie ist so schön, wie ich nie eine sah, und doch kommt es mir vor, als hätte[72] ich sie von Kindheit auf gekannt und sie schon tausendmal gesehen.« Dies gefiel allen, und sie sagte: »Ich sehe Sie zum erstenmal, und auch mir kommt es vor, als wäre ich lange mit Ihnen bekannt.« Nun nahm Herr Senator Duntze das Wort und bat sie, aus Gefälligkeit gegen mich sich von mir malen zu lassen. Sie willigte ein, und es wurde beschlossen, am folgenden Tage das Porträt anzufangen.

Ich hatte recht überdacht, wie ich es machen wollte, um das schöne, helle, runde Gesicht so zu malen, daß wenig Schatten hineinkäme; denn ich hatte gehört, daß man den Schatten bei Frauengesichtern gern auf die volle Seite nehme und von der halben Seite das Licht kommen lasse. Sie kam und setzte sich, aber unglücklicherweise gerade nicht so, wie ich es wünschte; das Gesicht war so gewandt, daß auf der halben Seite der Schatten war. Ich glaubte, es sei gegen den Wohlanstand, einer Dame zu sagen, daß sie sich nicht recht gesetzt habe, malte also nach meinem Sinn den Schatten auf die rechte Seite, wo keiner war, und setzte die Seite ins Licht, wo sie den Schatten hatte. Eine Weile nachher trat ihr Mann herein und sagte: »Das Porträt wird ähnlich, und Sie sollen auch mich malen.« Bald darauf kam auch der Senator Duntze mit einigen seiner Kollegen aus dem Rate. Auch diese fanden es ähnlich; Duntze, als Kenner, wollte nun das Porträt genau mit dem Originale vergleichen und bat die Dame, die schon aufgestanden war, sich zu setzen. Sie tat es, und er setzte sich nun vor die Staffelei, wo ich gesessen hatte. Als er eben anfangen wollte, bat er die Dame, sich links zu wenden und sich wieder ebenso zu setzen, wie sie beim Porträtieren gesessen habe. Er hielt es für Scherz, als die Dame versicherte, daß sie so und nicht anders gesessen. »Aber der Schatten ist ja auf der anderen Seite.« Nun erklärte ich ihm, warum ich das so gemacht hätte; van Dyck, sagte ich, habe in seinen schönen Frauengesichtern den Schatten immer auf die volle Seite gelegt. »Dann müssen Sie viele Übung haben«, bemerkte[73] er; »dem sei nun, wie ihm wolle, genug, das Porträt ist ähnlich.« Alle brachen nun in Lobeserhebungen aus über die Ähnlichkeit, und einer sagte: »Ich wünsche, daß Sie auch das Porträt meiner Frau malen.« – »Und das Ihrige dazu«, sagte Madame Bundsack. Er versprach's, und wer war glücklicher als ich! Ich erkannte, daß ich den Fuß auf den Weg meines Glückes gesetzt hatte, und freute mich über die Güte und Nachsicht, welche diese vortrefflichen Menschen für mich hatten; überall sah ich ihre Gewogenheit und ihren guten Willen, mir Mut zu machen und zu meinem Fortkommen behilflich zu sein. Herr Senator Duntze besonders erzeigte mir viele Höflichkeit. Ich war oft bei ihm und besah in seiner Gesellschaft die Originalzeichnungen, deren er eine schöne Sammlung hatte, vorzüglich von Rembrandt, wovon ich auch einige radierte. Diese von mir radierten Blätter sind selten, denn ich spielte mit den Platten, nachdem einige Abdrücke davon gemacht waren. Einige radierte ich auch nach eigener Erfindung in Rembrandtscher Manier, so daß Kenner daran irre wurden, wie denn auch mehrere dieser Blätter späterhin für Rembrandtsche Originale ausgegeben wurden. Herr Senator Duntze hatte viele Kenntnis und Liebe zur Kunst; und während ich sein Porträt malte, nahmen wir die besten Köpfe als Muster zu Hilfe, die er zum Anschauen seitwärts hinstellte. Es wurde lange daran studiert, und ich habe davon vielen Nutzen gehabt.

Mein Schutzengel machte mich hier abermals mit einem Manne bekannt, dessen Umgang, Freundschaft und belehrender Rat mein Glück war und auf mein ganzes Leben Einfluß hatte. Dies war der Hauptmann Wilmans, nachher Kommandant der Stadt, ein Mann von vortrefflichstem Charakter, ein Freund der Kunst, der auch selbst recht artig zeichnete. Nachdem er mich schon öfter im Wirtshause besucht und meine Arbeiten besehen hatte, sagte er zu mir: »Mein lieber, junger Mann, sehen Sie mich als ihren[74] wahren und aufrichtigen Freund an und befolgen Sie einen Rat von mir. Das Geschäft und die schöne Kunst, die Sie treiben, erfordert eine andere Art zu leben, als Sie jetzt führen. Sie leben hier im Wirtshause zu geräuschvoll, werden zu oft in ihrer Arbeit gestört und können die übrigen Stunden nicht so anwenden, wie Sie müßten, um auch solche Wissenschaften zu erlernen, die Ihnen nützlich sind. Auch können Sie in einem anderen Logis wohlfeiler und zugleich anständiger leben; ich will ihnen eins suchen, oder kommen Sie zu mir. So wie Sie es jetzt treiben, gingen Sie vielleicht zugrunde, und das wäre Sünde.«

Ich kannte schon den vortrefflichen Mann und zog zu ihm in sein Haus. Hier war ich nun wie bei meinem Vater, bei meinem Bruder, bei meinem Freunde, und er behandelte mich wie sein Kind. Erst lehrte er mich Ordnung und gehörige Einteilung meiner Zeit, zur Arbeit, zum Lernen und zum Vergnügen. Er weckte mich frühmorgens, kam mit der Uhr in der Hand und sagte: »Es ist sechs!« Dann blieb er eine Zeitlang bei mir. Ich arbeitete den Vormittag; nachmittags führte er mich spazieren oder suchte mir sonst Unterhaltung und Vergnügen zu verschaffen, die für mich angenehm und nützlich zugleich sein könnten, nahm mich oft mit in Gesellschaft und ermunterte mich immer zum Hohen und Edlen. Dabei machte er mich auch auf mein Äußeres aufmerksam. »Ein Künstler wie Sie«, sagte er einmal, »hat es nur mit der feineren, gebildeteren Menschenklasse zu tun; man muß selbst etwas auf sich halten, so halten andere auch etwas auf uns. Sie müssen sich nach der Mode schön und geschmackvoll kleiden, Sie verdienen Geld genug. Wir wollen zum Kaufmann gehen, da können Sie sich eine Farbe auswählen nach Ihrem Gefallen; das Tuch muß vom besten sein; welche Farbe wollen Sie?« – »Grün, wie der Wald im Mai!« – »Die Farbe schickt sich nicht in die Gesellschaft«, war seine Antwort! »Rot mit Gold trägt der Papst, wählen Sie dies!« Ich sagte, das wäre mir schon[75] darum die liebste Farbe, weil er als Militär darin gekleidet sei.

Den anderen Tag ward alles zur Ausführung gebracht; Schneider und Schuster und Hutmacher wurden bestellt, und noch dieselbe Woche am Sonnabend sollte alles fertig sein. Am Sonntagmorgen mußte ich mich in seiner Gegenwart ankleiden, und er zeigte mir die nötigen Handgriffe. Dabei hielt er mir eine lange Predigt über den Anzug und wie man an Zeit gewinne, wenn man sich früh gewöhne, alles mit gehöriger Ordnung zu machen. Nun war ich nach seiner Art angekleidet. »Sie müssen auch mit Anstand gehen lernen«, fuhr er fort, »nicht mit den Armen und Beinen schlenkern, nicht mit dem ganzen Körper arbeiten, wenn Sie über die Straße gehen. Man kann auch schön gehen und kommt so weiter und ermüdet weniger.« Der Tanzmeister wurde beschieden, und ich mußte bei ihm gehen und tanzen lernen. Auch suchte er den Ehrgeiz immer mehr bei mir rege zu machen, sprach viel von der Wichtigkeit und Würde eines Porträtmalers und welche Ehre und Achtung ihm gebühre. »Durch den«, sagte er, »erhalten die späteren Zeiten das Ebenbild großer, edler Männer, welche die Nachwelt ehrt und bewundert und an deren Bildern sie sich stärkt und erhebt; er stellt die Tugenden und die Laster vor die Augen und lehrt die Natur der Menschen erkennen.« – Des Sonntags mußte ich mit ihm zur Kirche gehen. »Die Gottesfurcht allein«, sagte er, »gibt dem Menschen die Glückseligkeit und Ruhe, die er zu seinem Geschäfte bedarf.« – Kurz, dieser Mann war mir wie ein Engel von Gott gesandt, und seine Liebe bleibt mir ewig teuer! Ich malte nun fortwährend Porträts, auch einige Familienbilder, und verdiente mir ziemlich viel Geld, was mein lieber Wilmans mich sammeln lehrte. Unterdes war ich mit mehreren Leuten bekannt geworden, die mir viel von England erzählten und wie die Kunst dort so vorzüglich bezahlt werde. Da bekam ich große Lust, England zu[76] sehen, und beschloß, über Holland hinzureisen, wenn ich die vorzüglichsten Bilder dort in Augenschein genommen hätte. Ich machte mich nun fertig zur Abreise nach Amsterdam, kannte auch schon mehrere, die da wohnten, und wollte einem ein Porträt von seiner Mutter mitbringen, die ich in Bremen gemalt hatte. Einen Koffer mit Kleidungsstücken führte ich bei mir, meine anderen Sachen übergab ich einem Schiffer, der, wie er versicherte, früher dort ankommen würde als ich; es waren mehrere Kisten mit Zeichnungen, Bildern und Kupferstichen.

Quelle:
Tischbein, Heinrich Wilhelm: Aus meinem Leben. Berlin 1956, S. 47-77.
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