Rückkehr nach Italien

[179] Am 24. Oktober 1782 verließ ich Zürich und trat meine zweite italienische Reise an, ganz allein. Ich wollte keine Gesellschaft, um ungestört beschauen und bedenken zu können. Bis Luzern nahm ich einen Wagen, und auf der Höhe des letzten Berges, von wo man Zürich noch sehen kann, stieg ich aus, schaute noch einmal die Stadt an, wo ich so viele Freunde zurückließ, und winkte ihr meinen Dank für alles Gute, was ich dort genossen, und ein herzliches Lebewohl zu. Dann ging es bergab. Die Nacht blieb ich in Luzern und bestellte mir ein Schiff nach Uri. Vor Tagesanbruch schon wollte ich zu Schiffe sein. Dies geschah auch, und ich befand mich bald auf dem See, wo ich nichts sah als die schwarze Wasserfläche und die wunderbaren Gestalten der dunklen Ufergebirge. Allmählich fing der Tag an zu grauen. Die Gebirgsmassen gestalteten sich deutlicher, wurden aber noch oft von Nebel und Wolken verhüllt, die in wechselnden Formen davor herumwogten. Endlich kam auch die Sonne; die Nebel aber waren so dick, daß jene nur streifend hindurchblickte. Es war ein höchst wundersames Schauspiel von magischer Erleuchtung und schwarzer Kunst, wie ich es nennen möchte. Oft stand es ganz dunkel vor der Sonne, und daneben war ein blasses Licht; dann schimmerte sie rot durch, dann wurde sie wieder blaß, erschien darauf in vollem Lichte und glänzte auf dem Wasser, wurde dann wieder verhüllt; und so war ein unaufhörlicher Wechsel in mannigfaltiger Gestalt und[180] Form. Die hohen Berge schienen sich zu regen, nun ward es immer heller; die Wolken fingen an zu sinken, zogen sich verschmolzen in die Felsenschluchten, und die Gipfel standen rein und klar gegen den Himmel, einige als nackte Felsen, andere mit Wald bewachsen, manche grau, andere schimmernd grün, diese weiß mit Schnee bedeckt, jene nur eben leicht damit bestäubt; und es war lieblich anzusehen, wie sich der dünne Schnee auf das Grün hinlegte. Die Fahrt ging nun an Gersau vorbei, einem kleinen Orte von wenig Häusern und nur einigen Familien; aber sie hatten Anteil und Wort bei allen wichtigen Begebenheiten der Schweiz und stellten auch ihre Mannschaft zum Krieg. Der Ort liegt sehr angenehm unter den hohen Gebirgen. Auch an dem Teil dieses Sees fuhren wir vorbei, der der Vierwaldstätter See heißt und zwischen wilden Gebirgen hinstreicht. Dann bogen wir um ein Gebirge und kamen in den See von Uri.

Wir fuhren nahe an der Stelle vorbei, wo sich die Eidgenossen in der Nacht an einem Brunnen zur Rettung des Vaterlandes einst versammelten. Hier stehen die Gebirgsmassen so dicht hintereinander, daß nur die zwischen ihnen durchziehenden Wolken die Scheidung bemerklich machen, sonst würde man eine unendliche Gebirgswand zu sehen glauben. Die Abwechslung von Höhen und Vertiefungen, von steilrechten und flach absinkenden Formen, von nackten und bewachsenen, von gediegen festen und gebröckelt zerspaltenen Felsen gibt dem Auge ein mannigfaltiges Schauspiel! An einigen sieht man, wie sich Teile von ihnen losgerissen haben und heruntergestürzt sind; andere stehen unerschütterlich fest, erscheinen aber, als wären sie aus einer weichen umgewühlten, aber bald so, bald anders fließenden Masse zur gediegenen Härte erstarrt und mit ihren geschichteten Lagern stehengeblieben. An der Kapelle, auf dem Platze, wo Tell aus dem Schiffe sprang, ließ ich anlegen und zeichnete verschiedene Aussichten, besonders[181] aber die Nebelgewölke, welche auf eine so wundervoll magisch wechselnde Art vor der Sonne schwebten. Auch weiterhin ließ ich mich ans Land setzen, wo ich einen ziemlich starken Wasserfall aus den Felsen stürzen sah. Er hatte sich eine tiefe Grube gehöhlt, die sehr malerisch von mancherlei Gesträuchen umkränzt war. Frühzeitig des Nachmittags kam ich nach Uri und benutzte die Zeit, um die Gegend zu betrachten. Dann bestellte ich mir Pferde und einen Führer, um vor Tagesanbruch weiterzureisen.

Nach meiner Gewohnheit, mich überall mit den Einwohnern ins Gespräch einzulassen, um die Sitten des Landes und den Charakter des Volkes kennenzulernen, sprach ich auch hier mit verschiedenen Leuten und traf unter anderen einen kurzen, untersetzten Mann mit starkem Kropf. Der tadelte mich, daß ich zwei Pferde gemietet hätte, eins zum Reiten für mich wäre genug gewesen. »Für ein geringes Trinkgeld«, sagte er, »hätte ich Ihre Sachen fortgeschafft; erst hätte ich den Koffer genommen, den flugs über den Gotthard getragen, da niedergesetzt, wäre dann zurückgelaufen, hätte die Kiste geholt und so Ihre Sachen bis an den Lago Maggiore gebracht.« Noch vor Tagesanbruch hatte mein Pferdetreiber alles in Ordnung gebracht, auch Zange und Hammer am Pferdesattel nicht vergessen, »denn das«, sagte er, »wie Nägel, Stricke und ähnliche Werkzeuge, darf auf solchen Reisen nicht fehlen«. Ich setzte mich nun auf mein Pferd, hüllte mich in meinen Mantel, und so in mich gekehrt, ritt ich fort. Alles lag noch tief in grauem Nachtdunkel. Die Gebirge erschienen in wunderbaren Gestalten, bis das kommende Tageslicht sie in ihrer wirklichen Form zeigte. Vorher hatte die Phantasie freies Spiel, sich daraus zu bilden, was sie wollte, nun aber sah man die starren Massen in ihrer trotzigen Unbeweglichkeit. Grausend war der Anblick, wie hier die Lawinen gewütet hatten. Von ganzen Wäldern hatten sie die Stämme mit sich fortgerissen, so daß nur die Wurzelblöcke[182] geblieben. Nach Jahren noch sieht man den Weg, den eine Lawine genommen hat. Steine, Grus, Baumstämme, Reiser bezeichnen die verwüstende Bahn, und kein Gras ist nach dieser Verheerung wieder aufgekeimt. Nahe am Wege sah ich Tannen, über deren Höhe und Umfang ich erstaunte. Sie erreichen hier ungestört ihr völliges Wachstum; auch gefällt würden sie doch nicht weggebracht und benutzt werden können. Sie bleiben also bis zu ihrem vollendeten Alter, sterben dann ab und vergehen auf dem Stamme. Einige sah ich ganz grau, ohne Zweige, andere kahl und weiß wie geglättete Mastbäume, manche auch morsch in sich selbst zerfallen; einige lagen übereinandergestürzt, in den Klüften wild und wüst umhergeworfen. Aber auch selbst von diesen Leichnamen gewinnen einige wieder Leben, fassen mit der ausgerissenen Wurzel Grund, schlagen aufs neue aus und grünen frisch aus der Verwesung in die Höhe. Man sieht hier allenthalben, wie die Natur gewaltig und übermächtig wirkt. Die stark erzeugten, himmelanstrebenden Bäume zerschmettert der Sturmwind; tobende Wasserfluten, aus geplatzten Wolken zusammengegossen, spülen die tiefgesenkten Wurzeln aus dem Felsengrunde, führen die Stämme hinab in die Täler, höhlen die Erde aus und rollen Felsenblöcke mit sich fort. Es toben die Winde mit Geheul, mit Brausen die Gewässer; die Wälder rauschen, und knarrend reiben sich die Äste der hochschwankenden Gipfel. Der hangende Schnee löst sich von den steilen Bergen, fährt mit dumpfem Donner hernieder und reißt und rollt in sich fort, was ihm begegnet. Deutlich sieht man die Spuren, wo Felsenstücke, von der eigenen Schwere bewegt, sich losrissen, durch nichts in ihrem Absturze gehemmt, lang hinunter das Steingeröll verstreuten. Nicht weit von der Teufelsbrücke ist ein solcher Felsblock von oben herabgerollt. Die Landleute sagen, der Teufel habe ihn da hingesetzt, weil ein Heiliger ihn verhindert habe, die Brücke damit einzuwerfen. An dem Felsen zeigen sie noch den[183] schwarzen Fleck, womit er auf dem Kopfe des Teufels gelegen. Kommt man nun an die Brücke, welche nach der Sage mit des Teufels Hilfe gemacht ist, wofür der Baumeister ihm seine Seele versprochen und ihn nachher überlistet haben soll, so kann man nur mit Grausen in den Schlund hinabsehen, wo das Wasser zwischen den Felsen dahinrast. Schaumgestäube und Nebeldampf, vom Zugwinde durcheinandergestrudelt, wälzt sich durch das Tal fort. Der Wind, der vom Gotthardsberge hersausend sich über die Fläche ausbreitet, schießt nun mit Gewalt in die Felsenklemme, worin der Fluß hinschäumt, und ist oft so heftig, daß man aus Angst, hinabgerissen zu werden, nur auf Händen und Füßen kriechend sich über die Brücke wagen darf. Zur Seite ist eine wolkenhohe, glatte Felsenwand, entblößt von Erde, Gebüsch und Gras; denn der ungestüme Zugwind fegt jedes Hälmchen rein weg und tobt oft so entsetzlich, daß die Wanderer behaupten, man höre einen losen Stein in der Höhe klappern, der so in die Spalte hineingekeilt sei, daß ihn der Wind bewegen, doch nicht losreißen könne.

Jenseits der Brücke kam ich in die Wölbung einer durchbrochenen Felsenwand. Das Wasser, welches von dem Felsen sickert, war zu Eiszapfen gefroren, die Wände hatte spiegelndes Eis überzogen, und nun schien die Sonne mit ihrem goldenen Strahle in diese kristallene Höhle. Welche wundersamen Gestalten von den Eisplatten an den Spiegelwänden! Die verschiedensten der hängenden Eiszapfen, groß und klein, rund, vielzackig von der Decke starrend! Dann der kristallisierte Boden, wo herabgefallene Eiszapfen, in blitzende Diamanten zersprungen, umhergestreut waren. Daneben glänzten feurige Rubine, Smaragde, Karfunkel, Hyazinthe, Topase, Amethyste in den herrlichsten Zauberlichtern durcheinander und flossen in dem Wunderglanze des Prismafarbenspiegels zusammen. In dieser Höhle hatte ich geglaubt, es sei nicht möglich, daß diese schimmernde[184] Pracht noch übertroffen werden könne; aber wie wird der Blick, den der Wechsel jenes furchtbaren und glänzenden Schauspiels fast ermattet und übersättigt hat, nun auf einmal erquickt, wenn jetzt, nachdem man sich aus den Tiefen jener fürchterlichen Schluchten durch die Grotte hervorgewunden hat, die Buchten des Gebirges sich erweitern, die Gegend sich in freundlichem Lichte des Himmels auszudehnen anfängt und nun, wie im Zauberschein eines wonnigen Frühlings, der unbeschreiblich reizende Anblick eines wunderlieblich grünen, friedlichen Wiesentals das Auge erfrischt und den Geist des schauenden Wanderers plötzlich in heitere Traumlabyrinthe einer süß irrenden Phantasie versenkt! Über diese anmutige Fläche führt der Weg durch ein Dorf bis an den Fuß des Berges, auf dem das Hospiz liegt. Hier, in Andermatt, kam ich des Nachmittags ziemlich früh an und wollte übernachten. Als ich von der freundlichen Wirtin Essen verlangte, beredete sie mich, nur wenig zu genießen, um meinen Hunger und Durst zu stillen, ich würde abends in größerer Gesellschaft angenehmer speisen können. Es währte auch nicht lange, so kamen Reisende aller Art zu Fuß und zu Pferde, und das Haus wurde immer voller. Gewöhnlich richten die Reisenden ihren Weg so ein, daß sie abends am Berge ankommen, die Nacht hierbleiben und am anderen Morgen hinübergehen. Unter anderen kam auch ein Mann, der einen Knaben nach einem Erziehungsinstitute brachte. Dieser Knabe war aus der Familie Hedlinger und ein Enkel des berühmten Medailleurs, der am schwedischen Hofe so viele schöne Medaillen gemacht hat und auch an dem Hofe in Kassel verschiedenes arbeitete, unter anderem das Porträt des Herrn Landgrafen Wilhelm, welches unter seine schönsten Köpfe gehört. Er war aus dem Orte Schwyz.

Es ward nun immer lustiger und lauter; die meisten Reisenden kannten sich, und unter den Freunden, die hier unerwartet zusammentrafen, gab es ein Bewillkommnen,[185] ein Händedrücken, ein Fragen und Erzählen und ein freudiges Gelächter ohne Ende. Nun wurde der Tisch gedeckt, und man trug gewaltige Schüsseln auf. Ein Leckermund hätte hier sogar zur Genüge gehabt! Da rauchte ein Böckchen auf einer Schüssel, dort lagen auf einer Platte Forellen mit offenen Mäulern übereinander her; dann kam eine Schüssel voll gebratener Rotkehlchen, Nachtigallen, Amseln und Singdrosseln, die sich verspätet oder den Weg durch die Täler auf der Reise nach wärmeren Gegenden verfehlt hatten und hier am Fuße des Berges ihr Schicksal fanden.

Ehe der Tag graute, waren wir alle schon zu Pferde, wohl eingehüllt in unsere Mäntel, denn es war bitter kalt; man fühlte und hörte den Frost. Wo die geschärften Hufeisen der Pferde eingriffen, sprühte das Gefrorene klingend auf, als wenn man Glas zerstößt, so rein war die Kälte und das Eis. Der Weg zieht sich an der Reuß hinauf, die in einzelnen Stürzen herabfällt, zum Teil über hohe Felsen. Über einige hüpft sie weg, neben anderen schleicht sie hin, so daß das Strombett fast bei jedem Schritte eine andere Gestalt annimmt. Die Oberfläche des Wassers war gefroren, und was abgespritzt war, bildete die wunderbarsten und mannigfaltigsten Formen. Oft hing das Eis wie eine Decke herunter, wohinter das Wasser hervorstürzte; dann war es in Röhren gefroren, worin es herabglitt, dann in spitzen Zacken, die das Abgestäubte aufgesetzt hatte. Wie mannigfaltig diese Gestaltungen für das Auge waren, ebenso verschieden waren für das Ohr die Töne! Das rauschte, das plätscherte, das heulte in den hohlen Röhren und Schäften, das murmelte unter der Eisdecke und zwischen den Steinen! Sowie man höher kommt, erweitert sich die Aussicht. Man sieht nun schon auf andere Berge und wie auf diesen wieder andere liegen, wo alles von Schnee glänzt und der Sonnenschein von den glatten weißen Hügeln lange wunderliche Schatten auf die Ebene hinstreckt. Oben auf dem Berge[186] kommt man an einen Teich, worin das Wasser nie friert und Fische umherspielen, während alles ringsherum von Eise starrt. Den Scheitel des Berges bewohnte ein Einsiedler, ein fröhlicher Mann, der sich herzlich freute, wenn Fremde bei ihm ankamen, und der uns in einem warmen Zimmer mit sehr gutem italienischem Weine bewirtete. Er hielt hier Schule und hatte verschiedene Knaben bei sich, die ihm von den Eltern gern anvertraut waren, um sie vor den bösen Eindrücken zu bewahren, welche der Charakter nicht selten von den oft verdorbenen Sitten in großen Lehranstalten empfängt.

Nachdem wir uns und unsere Pferde etwas erfrischt hatten, setzten wir uns wieder auf, und nun ging es auf der Seite nach Italien hinunter. Hier gewährte das gefrorene Eis wieder ein ganz anderes Schauspiel, als wir am Morgen auf der Schattenseite des Berges gesehen hatten. Es war ein heiterer, schöner Tag, die Sonne glänzte auf das Eis, welches in langen Zapfen von den Felsen herunterhing, schmelzte es oben weg, so daß das Wasser in Tropfen herabglitt, unten wieder anfror und so die Zacken außerordentlich lang und schwer wurden. So standen ganze Wände mit blinkenden Pfeilern da; von der Wärme lösten sich einige ab, stürzten auf andere Felsenstücke und zersplitterten in den Abgrund hinunter. Auch hörte man das Getöse von anderen, die man nicht sehen konnte, weil sie in tiefen Buchten dem Auge versteckt hingen und mit ihrem Sturze in die Tiefe wundersame Töne hervorbrachten. Je weiter ich den Berg hinunterkam, desto mehr erblickte ich Stellen, die schon vom Schnee entblößt waren, und aus der Tiefe schimmerten hin und wieder schon grüne Flecke. Ich war begierig auf den Fall des Tessin, und nicht weit vom Wege ist die Stelle, wo er herunterstürzt. Ich ging hin und sah, wie er von oben herabkommt und über die Gipfel der Bäume niederfährt. Man sieht nicht, wo er bleibt, weil es abhängig und hohl bergein geht. So im Betrachten hatte[187] ich mich zu weit an den Abhang gewagt und kam ins Gleiten. Zum Glück standen unter mir einige Bäumchen, an denen ich einen Halt gewann und mich sachte wieder hinaufschob. Der Weg ging von da so steil, daß ich geratener fand, vom Pferde abzusteigen; auch waren einige Stellen so glatt und abhängig, daß ich mich setzte und hinunterrutschte. Unten war nun das Grüne dem Auge schon näher. Wir kamen in das Dorf Airolo am Fuße des Berges auf der italienischen Seite. Hier machten wir Mittag und hatten schon italienischen Blumenkohl (Broccoli).

Den Nachmittag ritten wir durch das Tal, wo die Tosa rauscht, ein rascher Waldstrom. Vor sich und zu beiden Seiten hat man hohe Felsenwände mit Wasserfällen. Die Aussicht hier setzt in das größte Erstaunen. Gegen Abend kamen wir beim Engen Zoll an, wo wir übernachten wollten. Hier stehen die Felsen sich so nahe, daß der Strom fast das ganze Tal einnimmt. Vielleicht waren sie auch ehemals eine Wand, aber der gewaltige Strom, welcher durch die abhängenden Gründe daherströmt, hatte sich mit eigener Kraft einen Weg gebahnt und die Felsen gespalten, dann tiefer bis auf die Grundfelsen gewühlt, die ihm mit ihrer gediegenen Masse widerstanden. Zerstäubt und mit Geheul schießt die Flut aus den Höhlen und Spalten heraus, schlägt an Felsen zurück und braust pfeilschnell dahin. Immer stärker, immer schneller verfolgt eine Welle die andere in schießender Eile! Das Toben dieser ungeheuren Kraft erschüttert den ganzen Boden, welcher immer mit dem Einsturz zu drohen scheint. Steht man auf der Mitte der Brücke, die über das enge Tal führt, so kann man nicht ohne Schrecken und Bangigkeit gegen den Strom schauen; es ist, als wolle er die ganze Brücke mit sich fortreißen! Ich ging dem Wasser so nahe, als es ohne Gefahr möglich war, um das innere Wüten dieses Kampfes genau zu betrachten. In der Dämmerung ward der Anblick des tobenden Wassers noch fürchterlicher, denn alles war schwarz, und man sah[188] die Veste nicht mehr; nur das Wasser sah man in weißen, schäumenden Wellen, und es schien sich immer zu vermehren und alles anzufüllen und zu vernichten. Hierauf ging ich wieder ins Haus, wo uns der Wirt erzählte, es habe vor einiger Zeit ein Mann bei ihm übernachtet, dem, wie er frühmorgens im Dunkeln über die Brücke gegangen, schon jemand von der anderen Seite entgegengekommen sei. Als er diesem eben einen guten Morgen habe bieten wollen, habe der dunkle Wanderer ihn angebrummt und sei stehengeblieben, als verlangte er, daß man ihm ausweiche. Als der Reisende ihn nun genauer angesehen, habe er entdeckt, daß es ein Bär sei. Vor Schrecken außer sich, sei der Fremde der Länge nach ins Haus gestürzt mit dem Geschrei: »Ein Bär! Ein Bär!« Man wäre nun gleich mit Feuergewehren hinausgelaufen, hätte aber nur noch seine Spuren entdeckt; nachher sei er auch in der Gegend verspürt worden und habe sich durch das Morden des Viehes ruchbar gemacht. Solange man ihm auch nachgegangen sei, habe man ihn doch nicht zum Schuß bekommen können, bis endlich ein junger Mensch, der Bräutigam gewesen, das Gelübde getan habe, nicht eher zu heiraten, als bis er den Bären getötet. Mit Lebensmitteln und allem, was zum längeren Verweilen in der Einöde erforderlich, versehen, habe er endlich das Ungetüm glücklich angetroffen und erlegt. Bei seiner Heimkunft sei er von den nahen Dorfschaften als Sieger und Befreier von einem beständig schreckenden Ungeheuer freudig mit Festlichkeiten empfangen worden.

Am Abend fand sich eine lustige Gesellschaft bei unserem Wirt zusammen. Der Mann, welcher den jungen Hedlinger führte, hatte gewöhnlich das Wort, unterhielt auch die Gesellschaft angenehm und war den meisten bekannt. Als wir aber im besten Schmausen waren, traten sieben starke Männer herein, alle mit Reiseprügeln in der Hand. Sie begrüßten die Gesellschaft, nannten auch die meisten bei Namen. Sie waren aus Schwyz und kamen in einem Marsch[189] von Mailand, wohin sie Kühe gebracht hatten. Der Führer warf sich erschöpft auf einen Stuhl und klagte über Mattigkeit, weil das Geld, welches er in einer Katze um den Leib trug, so schwer und die Angst, beraubt zu werden, groß gewesen sei, besonders in den dunklen Kastanienwäldern und den tiefen Schluchten. Die anderen blieben aber stehen, ohne ihre schweren Wanderstäbe an den Boden zu setzen, die sie mit ausgestreckten Armen hielten und dabei lachten. Einer sagte: »Mir war nicht bange! Wenn auch zwei- und dreimal soviel gekommen wären als wir, solange sie nur keine Feuerröhre hatten, wollte ich sie schon hingestreckt haben!« Der Geldträger forderte geschwind einen Trank zur Stärkung. Als er zwei Gläser getrunken hatte, sagte er: »Nun ist mir schon wieder besser, jetzt wollen wir uns nur ein wenig auf das Heulager strecken und dann gleich weiter.« Das gab aber ein Mann im grünen Flausrock nicht zu. Jener mußte sich bei ihm an den Tisch setzen und essen. Die anderen sechs saßen für sich und nahmen eine Kleinigkeit ein. Ich hätte mich gern mit diesen Männern unterhalten und über ihre einfache Lebensart unterrichtet. Ich befahl dem Wirt, ihnen eine Schüssel voll dicken Reis zu geben, wie wir hatten, und auch Wein, ich würde es bezahlen. Dies geschah sogleich, und ich ließ mich mit ihnen in ein Gespräch ein. Sie klagten über Mailand und sagten, sie möchten für alles Geld in der Welt nicht in dieser Stadt leben, die ganz von Stein wäre, sogar die Straßen, und wo man weder Baum noch Gras sehe. »Sogar die Baumstämme, womit man die Häuser stützt«, fuhr er fort, »sind da von Stein; und sieht man in so einen viereckigen Hof hinein, so wird man weder Kuh noch Rind gewahr. Da lobe ich mir Schwyz, wo man auf Gras geht und grüne Bäume vor sich hat, worin die Vögel singen!« Unterdessen stand der Führer auf: »Nun ist es Zeit, daß wir gehen, ich werde in Schwyz an die Ihrigen sagen, daß ich Sie hier gesund und vergnügt angetroffen habe, und wenn ich sonst noch etwas[190] ausrichten soll, so sagen Sie es mir, es soll richtig bestellt werden.« – »Nun, damit hat es Zeit bis morgen«, sagte der grüne Herr, »wir sehen uns ja morgen, denn Ihr geht doch nun erst, Euch auf das Heu schlafen zu legen.« – »Nein«, erwiderte der Führer, »wir gehen nun gleich weiter. Schlaf bedürfen wir nun nicht mehr, wir haben nun genug ausgeruht, da wir gut gegessen und getrunken haben, das ist besser als auf dem Heu liegen.« Dann winkte er den Hirten, und die gingen alle zu dem dicken Mann, gaben ihm die Hand und dankten ihm, daß er sie so gut mit Speisen und Wein bewirtet habe und für sie bezahlen wolle. »Das ist mir nicht in den Sinn gekommen«, sagte er und beteuerte, daß er von allem nichts wisse. Der Wirt ward gerufen, der auf mich zeigte: »Der lange Mensch dort hat es mir aufgetragen und bezahlt.« Als ich nun äußerte, daß ich hätte die Freude haben wollen, die Männer, welche den Weg gekommen wären, den ich morgen zu machen hätte, so essen und trinken zu lassen wie uns, traten sie zu mir, reichten mir einer nach dem anderen die Hand, dankten und sagten: »Aber Ihr kennt uns ja gar nicht, seid Ihr denn aus Schwyz? Und wir kennen Euch nicht!« – »Das tut nichts«, antwortete ich, »ich habe euch gesehen und ihr mich, und ich wollte weiter nichts, als daß wir uns miteinander erfreuten.« Nun schlugen sie noch einmal ein und drückten mir die Hand. Herzhaft war der Händedruck dieser biederen Männer! Hart war die Hand, aber man fühlte ein weiches Herz!

Im Hause verfügte sich endlich jeder zur Ruhe, und auch ich legte mich nieder. Aber nach kurzer Zeit erwachte ich wieder und glaubte, da es so hell war, daß es schon Tag sei. Meine Uhr zeigte jedoch erst auf Mitternacht. Vor Langeweile stand ich auf und sah aus dem Fenster. Der Mond schien hell durch die Weinblätter und warf seinen freundlichen Schimmer in das Zimmer. Auch von hier nahmen sich die Gebirge sehr gut aus, und ich ging aus meinem[191] Zimmer, um sie auch aus dem anderen Fenster zu sehen. An Schlaf war nicht mehr zu denken, und als der Tag graute, wollte ich ins Freie und rüttelte an der Haustür. Ich konnte niemanden finden, der mir aufmachte, bis endlich der Wirt mit einem Lichte kam und mir aufschloß. Ich ging nun in der Dämmerung wieder auf die Brücke und in der Gegend umher. Beim Zurückkehren fand ich alle Gäste beim Kaffee versammelt. Der eine lobte seinen guten Schlaf, der andere erzählte seine Träume, und ich sagte, die Nacht sei mir lang geworden, da ich nicht hätte schlafen können. »Ja«, versetzte der Wirt, »ich habe ihn wohl herumwandeln hören, unruhig wie eine Kuh, die gekalbt hat und der man das Kalb genommen hat. Er muß wohl jemand Liebes verlassen haben, wonach er jammert.« – Der Mann hatte recht. Meine Seele war voll Sehnsucht nach den vielen Freunden, die ich hatte verlassen müssen und deren Andenken mir beständig vorschwebte. – Mein emsiger Pferdeführer hatte zur Abreise schon alles bereitet, und die Pferde standen fertig, bepackt das eine, zum Aufsteigen das andere. Ich wickelte mich in meinen Mantel und ritt über die Brücke den abhängigen Pfad hinunter neben gewaltig stürzenden Wassern. Man reitet eine ziemliche Strecke an abgerissenen Blöcken und steilen Wänden hin, die mit ihren Kuppen oft über den Weg hereinhängen. Hier fühlte ich es wie eine kalte Kellerluft. Dies enge, schwarze Felsental schien vielleicht noch düsterer, weil die Morgendämmerung es noch umhüllte. Allmählich aber hob sich dieser Schleier, und was gerade vor mir lag, wurde vielfarbig; und je mehr der Tag sich erhellte, desto höher stieg die Schönheit der Gegend. Mit dem erweiterten Tageslichte weitete sich auch das Tal immer mehr, so daß man die Felsenwände ganz übersehen konnte jenseits und diesseits des Stromes. Den Felsen ist man so nahe, daß man den Kopf weit zurückbiegen muß, um daran hinaufzusehen. Oft tat mir der Nacken weh von dem beständigen Hinaufblicken[192] und Hinwenden nach einer Seite, wo ein schöner Punkt war, den ich nicht verlassen konnte. Aber dieser schönen Stellen sind so viele, daß man nicht Augen genug hat, sie alle zu fassen, auch geht im Reiten manches verloren. Bald lockt eine interessante Aussicht gerade nach vorn, dann eine zur Seite, und auch die Gegenseite will man nicht ungesehen lassen. Dann entdeckt man etwas im Abgrunde, und blickt man nicht geschwind hin, so ist man vorbei und hat es für das Auge verloren; hier zieht es den Blick nach oben, dort zur Mitte des Stroms, der die wunderbarsten Abwechslungen bietet. Bald fällt er über Eisensteine herunter, dann schießt er zwischen ihnen hin, bald gießt er sich in einem glatten Sturz herab; dann winden sich die Wellen wie ein Geflechte durcheinander, ohne daß man die Steine sieht, welche die Wallungen und Strudel verursachen, jetzt schäumt er, dann gleitet er still und ruhig, dann wieder auf einmal wird er wild und brausend. Auch sausen einem so mancherlei Töne um die Ohren, bald stärker, bald schwächer, wie man den Kopf wendet. An dem Strome halten sich viele Wasseramseln auf, und mir schien es sehr bewundernswert, daß dieser schwache Vogel sich in den mächtigen Sturz dieses Wassers untertaucht, eine Weile unten bleibt und doch auf derselben Stelle wieder herauskommt, wo er hineinschoß. Man sollte glauben, die Wellen würden ihn eine Strecke mit sich fortreißen, denn schwere Steine, die man hineinwirft, hört man deutlich fortrollen und aneinanderklappern. Auch die anderen Vögel sind erfreulich zu sehen, wie sie lustig hin und her fliegen. Besonders ergötzte mich der Grünspecht, wie er sich von einer Seite lachend über das Tal zur anderen schwingt in den gegenüberstehenden Wald. Von allen Seiten tönt fröhlicher Gesang und auf den hohen Bergwäldern das Balzen des Auerhahns.

Nun kam ich an eine auffallend schöne Gegend, die mich vor allem bisher Gesehenen anzog, so daß ich abstieg, um diesen Anblick mit dem innigsten Gefühle der Bewunderung[193] recht zu genießen und in mich zu saugen. Hier war das alles, was ich bis jetzt nur einzeln gesehen hatte, zu einem herrlichen Ganzen vereinigt. Viele Berge senkten sich mit dem Fuß bis unmittelbar ins Tal. Über einen, der stark von der Sonne beleuchtet hervortrat und mit Gebüsch und hellgrünen Bäumen schimmerte, goß sich von Stufe zu Stufe in Absätzen ein Wasserfall. Ein hoher Hauptguß aber war in der Mitte, und dieser schoß weit über, so daß zwischen dem Fall und der Felsenwand das Licht durchfiel und seine Schatten an der Steinwand flatterten. Wo er auf die Fläche fiel, standen gelb belaubte Birken, die mit ihrer Goldfarbe neben dem silbernen Strome hinaufstrebten. Es sah aus, als hinge ein Silberflor zwischen Goldstoff. Neben diesem hellen vordringenden Felsen, der in den schönsten Farben prangte, ging eine dunkle Höhle hinein, in deren schattiger Bucht Wasser herunterfloß; dann trat wieder ein brauner Felsen vor, von dem ersteren halb beschattet. Durch die Schlucht senkte sich ein Wald herunter, der noch in seinem dunklen Grün stand, und breitete sich am Fuße auf der Wiese aus. Über dem Wasserfall schwamm der Mond im reinen Azurhimmel, und in der Ferne des langen Tals stand die purpurne Morgensonne wie eine helle Glorie und flammte in den Nebel, der sich in der ganzen Gegend herumwälzte. In den tiefen Schluchten stand er wie ein blauer Dampf, und im Walde zog er unter den schattenden Bäumen wie ein grauer Strich von Rauch zwischen den Stämmen heraus. Die Schatten der vorstehenden Felsen und Bäume zogen lange Streifen in das schwebende Gewölk, und zwischen diesen fielen die Strahlen der allbeleuchtenden, allerwärmenden, allbefruchtenden Sonne herein. Es war eine heilige Stunde der Vermählung des Himmels und der Erde! Der Atem Gottes hauchte überall, ausgespendet wurde frisches Leben und stärkende Nahrung, das erstarrt Gesunkene richtete sich auf; die gebeugte Pflanze stieg empor, der Käfer regte sich, der Schmetterling flog von der[194] Blume, der Vogel von Busch zu Busch, von Wald zu Wald. Ein allgemeines glühendes Dankgefühl regte sich in der belebten Schöpfung, und Gesang stieg von der Erde wie ein heiliges Halleluja empor zu dem Höchsten, dessen Macht sich so herrlich verkündet! Hinein, hinauf durch das schwarze Dunkel sah man in das lichte Blau, wo der glänzende Mond schwebte. Die reinste Luft schimmerte in der blendenden Höhe; ätherische Tropfen schwammen zur Tiefe hinunter und zerschmolzen, die lechzende Erde zu tränken. Überall Freude, Lebensatem und Genuß. Form mit Form, Farbe mit Farbe im regsten Wetteifer, und die beiden glänzenden Himmelslichter stritten miteinander, welches schöner sei, der silberne Mond oder die goldene Sonne.

Ich verließ endlich diese herrliche Stelle und sah im Weiterreiten, daß sie nicht die einzige war, an der alles so schön erschien. Der Nebel sank nun immer tiefer, und wie er sich verdünnte, verschwanden auch die Streifen, welche mich lange ergötzt hatten, indem sie durch das ganze Tal eine strahlende Glorie verbreiteten. Die obersten Höhen standen in der reinsten Klarheit, nur um den Fuß der Berge und in den tiefen Schluchten schwebte hin und wieder einiger Nebel. Sowie die Sonne aber höher stieg, zerteilte die milde Wärme alle Dünste, und jeder Gegenstand lag nun in seiner eigentümlichen Farbe da. Der Alpenhirten tönende Hörner schallten von den Höhen hernieder, einige riefen und antworteten sich wie in einem jauchzenden Wettgesang. Auch das Brüllen der Alpenkühe hörte ich, konnte aber keine zu Gesicht bekommen, weder Hirten noch Herden, sosehr ich mich auch bemühte. Die Berge sind zu hoch, man kann nicht bis auf ihre hohen Flächen hinaufsehen. Je weiter ins Tal hinein, hörte ich immer mehr Menschenstimmen, und die Gegend wurde lebhafter.

In einem Dorfe machten wir Mittag. Ich unterhielt mich mit dem Wirt und pries die Bewohner einer so schönen,[195] fruchtreichen Gegend glücklich. Er erwiderte: »Die Leute sind hier dennoch arm, der Wein ist zu wohlfeil, die Männer wollen nicht arbeiten, sondern liegen die meiste Zeit in den Wirtshäusern, und kommen die Frauen hin, um sie wegzuholen, so bleiben die gewöhnlich auch da, oft vom Sonnabend bis zum Montag.« Als ich wieder aus dem Dorfe ritt, kam mir alles schon italienisch vor. In den Gärten hatten die Kinder Weinranken zusammengebunden, von einem Baum zum anderen, und schaukelten sich darauf. In Bellinzona fand ich schon vollkommen italienische Sitten. Selten wird Feuer auf dem eigenen Herde gemacht, die Männer speisen gewöhnlich in den Osterien. Wir kehrten in einer ziemlich großen Osteria ein, die voll von Menschen war. Der ruhige Sinn, die friedliche Ordnung des deutschen Lebens wird hier nicht mehr gefunden. Man lärmt, man tobt; der eine ruft hier, der andere schreit dort, und wer am lautesten und ungestümsten begehrt, wird zuerst bedient. Ich forderte von dem Cameriere, der mich auf mein Zimmer führte, Wasser. »Gleich sollen Sie es haben.« Ich wartete lange; er kam nicht. Ich stellte mich an die Treppe und rief, als ich ihn vorbeigehen sah: »Cameriere, portatemi dell' aqua, per lavare le mani!« – »A vostro comando, subito l'avrete!« – Aber er kam nicht; es kam auch kein Wasser. Ich sah wohl, wenn ich es haben wollte, so mußte ich es selbst holen. So ging ich denn hinunter in die große Küche, wo alles voll war, wie auf Bassanos Küchengemälden, auf denen Menschen, lebendes und geschlachtetes Vieh durcheinander sind. Hier wird geschlachtet, dort gerupft, hier gebraten und dort das Gebratene auf der Stelle verzehrt. Welch ein Abstand, wenn man sich den ganzen Tag hindurch alles Lebens in der Natur erfreut hat und kommt dann in solch eine Küche, die einer Hölle gleicht! Es schien der letzte Tag für alle Geschöpfe gekommen zu sein, und doch war es für die Menschen eine Auferstehung. Die Müden und Hungrigen saßen und zermalmten[196] die gebratenen Lämmchen und Hühner und Kapaune, und wie sie diese zu sich genommen, krähten sie selbst lauter als die Hähne, und zu dem Gesang klangen die Guitarre und die Kastagnetten. Nahe an der Tür, wo ich stand, war ein langes, doppeltes Hühnerbauer vollgepfropft von Hühnern und Hähnen. An einem Tische daneben stand ein Mann, der griff hinein, ohne zu sehen, was er faßte, und indem er eins packte, wandte er sich im Gespräche zu jemand und schnitt unterdessen dem Huhne die Kehle ab. Das hatte er so durch die Übung im Gefühle, ohne die Augen zu gebrauchen. Dann schlitzte er es auf und warf die Eingeweide in den Trog. Die hungrigen Hühner, welche schon darauf lauerten, verschlangen sie im Augenblick, während die Hähne sich mit den anderen Weibern in der Fortpflanzung ihres Geschlechts ergötzten. Das war ein Vernichten, das war ein Leben! Andere Hähne kämpften miteinander und pickten sich weidlich in die Kämme. Kaum erfreute sich aber der Sieger seines Triumphes, so ward er schon von der Hand des Schlachters ergriffen und zappelte sterbend an der Erde, und Kamm und Bartlappen wurden bald als eine andere Schüssel zubereitet, Cornelli, ein Gericht von Hahnenkämmen, Lämmer- und Hahnenbohnen und Hühnermagen. Welch ein Unterschied auf der kleinen Strecke diesseits und jenseits des Gotthard! Ich wandte mich nun an eine dicke Frau, die dasaß und mir die padrona della casa zu sein schien, weil sie alles anordnete, und bat sie, mir Wasser und auch Essen auf mein Zimmer bringen zu lassen. Sie befahl es den Augenblick, und wie ich mich umkehrte, folgte mir der Cameriere auch bis an die Treppe und sagte: »Ma Signore, wollen Sie nicht ins Theater gehen?« – »Auch das verlangst du von mir?« – »Mi pare, che si vede nella nostra casa commedia, tragedia e opera buffa.« – »Ich habe aber keine Lust, das noch einmal in Fratzen nachgeahmt zu sehen.« – »Avete ragione, ma al teatro pare tutto più bello.« – Ich brachte hier eine[197] traurige Nacht zu. Unruhe von innen und außen, mehr noch als auf dem Engen Zoll, wo der Tessin in seinen Windungen donnerte und mich nicht schlafen ließ. Hier fing nun das rauschende italienische Leben wieder an, worein ich mich wenig schickte und mich schmerzlich getrennt fühlte von dem stillen, ruhigen, gemütlichen Wesen der besonnenen Deutschen.

In der grauen Morgendämmerung ritt ich wieder fort, voll Sehnsucht, nun endlich an den hochgepriesenen Lago Maggiore zu kommen. Auf dem Wege dorthin zeigten sich mir viele schöne Aussichten. Besonders die Berge, welche mit Kastanienwäldern bedeckt sind, geben dem Ganzen ein ernsthaft gefälliges Ansehen. Es scheint, als sei der Samen zu den Bäumen vom Himmel auf die Berge gefallen und so von dem Gipfel durch die Schluchten herniedergerollt bis an den Fuß, wo der Wald sich ausbreitet. Man sieht deutlich, wie die Erde von den Scheiteln der Berge heruntergespült ist; in den abhängenden Schluchten ist sie liegengeblieben und am Fuße festgeschwemmt. Darin sind nun die Kastanien aufgekeimt, und der Wald ist entstanden, der oben in den Spalten anfängt, erst dünn, dann immer dichter, und endlich als große Waldung sich in die Ebene ausbreitet. Als ich dem Gebirge näher kam, wo ein starker Kastanienwald die Berge umgürtete und nur die Scheitel nackt herausstanden, während alles andere mit grünen Bäumen bedeckt war, die dunkel in die Gründe zwischen den Bergen hineingingen, hatte ich das Vergnügen, eine Jagd zu hören, wo eine große Meute Hunde mit dem Hifthorn geführt wurde und Waldhörner durchtönten.

In Magadino entließ ich die Pferde und nahm Abschied von meinem emsigen Pferdeführer, der mir unterwegs treulich mit seiner Hilfsleistung beigestanden hatte, und mietete nun eine Barke mit drei Männern zum Rudern. Ich machte dabei die Bedingung, daß ich so viele Tage, wie ich wollte, auf dem See bleiben könnte, und daß sie, wo ich es[198] verlangte, mich ans Land setzen und warten müßten, bis ich zurückkäme, um weiterzufahren. Auch dachte ich daran, Lebensmittel mitzunehmen, wenn wir etwa an einen Ort kämen, wo nichts zu haben wäre. Ich ließ deshalb Schinken, Würste und viel Brot kaufen und sagte zu den Leuten, sie mochten mir auch einige gekochte Kastanien mit ins Schiff geben. Wie nun alles in Ordnung war und ich mich ins Schiff setzte, kamen die Männer mit einem Sack Kastanien, der so hoch war, daß er mir bis an die Brust reichte, setzten ihn vor mich hin und sagten: »Nun eßt!« Ich antwortete, so viel hätte ich nicht verlangt, und fragte, was sie kosteten? »Nichts«, erwiderten sie und brachten noch einen solchen Sack und dann noch einen kleinen mit gebratenen Kastanien, setzten alles neben mich hin und sagten: »Eßt, wie sie euch am besten schmecken, gekocht oder gebraten; das ist unsere tägliche Kost.« Als sie nun zu den Rudern griffen, sah ich nur zwei Männer und eine Frau. Dem widersetzte ich mich und wollte nicht zugeben, daß anstatt eines Mannes eine Frau das Schiff mitführen sollte, da ich doch drei Männer gedungen hätte. Es könnte doch sein, bemerkte ich, daß wir einen Sturm bekämen, wo die Leitung des Schiffes kräftige Männer erfordere. Die Fahrt auf diesem See ist überhaupt schlimm und gefährlich, weil man oft aus einer stillen Bucht um das Vorland eines Berges herumfährt und nun, da man vorher keinen Wind verspürte, auf einmal ein Sturm zwischen den Bergen hervorbraust, der das Schiff umwirft oder vernichtet. Die Männer aber baten mich, ich solle nur ruhig sein und es zugeben, denn diese Frau sei gewohnt, immer zu fahren, und an Stärke und rüstigem Wesen nähme sie es mit anderen Schiffern auf. Als ich nun auch sah, mit welcher Leichtigkeit und Gewandtheit sie mit den Gerätschaften umging, die Ruder tüchtig angriff und den Mast aufrichten half, so ließ ich es geschehen und dachte: Eine Frau muß man doch nicht aus dem Schiffe weisen; wer weiß, ob es nicht die Fortuna ist![199]

Wir segelten also ab. Die Fahrt ging recht glücklich, und so wie das Schiff lief, veränderten sich mit jedem Augenblick die Gegenstände. Bald flog es an einem waldbewachsenen Berge vorbei, dann kam schroffes und nacktes Geklipp, dann eine Höhe mit grünen, hangenden Matten, worauf Vieh weidete, ein Berg dann mit landwirtschaftlichen Gebäuden und Hütten; auf dem folgenden lag eine schöne Villa, deren Palast prächtig von Terrassen mit Orangen und Lorbeerbäumen umgeben war; dann wieder die Wildnis eines wüsten Berges, wo aus tiefer Schlucht ein schroffer Fels in die Höhe stieg. So hatte ich im stillen Beschauen an diesen vorüberfliegenden Naturszenen den reichsten Genuß! Doch war er nicht sättigend, denn immer gehen Blick und Wunsch nach dem, was dort hinten liegt, wo die hohen Gipfel der Berge herwinken, deren Felsenmassen in weiter Ferne über andere noch herüberragen. Nachmittags verschönerte sich die Gegend, als die Sonne stärkere und längere Schatten warf und ein rötlicher Dunst in der Luft schwebte. Allein gegen Sonnenuntergang erschien alles erst in seiner völligen Pracht und Herrlichkeit durch den roten Schein, der an die Gebirge glänzte, so daß sie in brennender, weitflammender Goldglut standen! Dann aber kam der braune Abend, der, die einzelnen zerstreuten Schönheiten und blendenden Erscheinungen sanft und leise miteinander verschmelzend, alles in großen Gestalten sehen ließ und in blassen Silberschein verwandelte, den Himmel und das Wasser. Ein flacher Spiegel des Himmels war der See, mit kühn anstrebenden Felsen umgeben, die sich so tief in ihn hineinsenkten, als sie hoch in der Luft standen. Man sah zwei Himmel und vier Felsenufer. Es war eine heilige Stille. Das Bild der Felsen stand unbeweglich wie sie selber im klaren Wasser, doch neigten sich die Gipfel nachbarlich im leisen Wellenspiel nickend gegeneinander. Kein Lüftchen atmete, kein Wölkchen war zu sehen, kein Blatt rauschte, kein Schilfchen lispelte, keine Welle plätscherte,[200] kein Vogel ließ sich hören, selbst unser Boot schien nur im feuchten Wasserhimmel zu schweben und von den nächsten Wellen mit leisem Murmeln begrüßt zu werden. Vom Ufer tönte dumpfes Gebrüll und Blöken der Herden, und man vernahm menschliche Stimmen, fröhliches Gelächter und Rufen. Auch wurden nach und nach Lichter und Hirtenfeuer an den schwarzen Gebirgen sichtbar; sie schienen daran zu hängen, denn die Fläche, worauf sie brannten, war nicht zu unterscheiden. Die Luft war rein und frei von allem Dunst; die Seele dünkte sich geläutert und, von jeder körperlichen Hemmung befreit, fessellos in der Weite dieser wonnigen Seligkeit zu schweben, nur lieblicher Wohlgeruch von dem Pflanzenleben des nahen Ufers kündete sich den Sinnen an und gewährte einen süßen Genuß.

So wurde ich sanft von meinem Schiffe hingewiegt, welches nun dem Ufer näher kam. Doch geschah es nicht in jäher Eile, wie sonst vom Winde gejagt die Schiffe ans Ufer fliegen, nur durch leise Ruderschläge glitt es ohne Rauschen vorwärts. So hatte ich die Schiffer gebeten, um nicht durch den Lärm des Ruderns diese heilige Stille zu unterbrechen, doch fühlte ich ein Sehnen zu landen, um zu sehen, was sich da rege beim Schein der vielen Lichter, die aus der Ferne uns entgegenflimmerten. Wir landeten an einem Orte, aus welchem Bolongaro gebürtig ist, den jedermann kannte wegen seiner großen Fabrik von Tabak, womit er die halbe Welt versehen hat. Mit Verwunderung traf ich ein großes Wirtshaus, wie ich an einem so kleinen Orte nicht vermutete. Der Aufwärter, welcher mich auf mein Zimmer führte, sagte, wenn ich Lust hätte, an der Table d'hôte zu speisen, so würde ich Gesellschaft finden und er mich rufen, wenn man zu Tische ginge. Als ich in das große Zimmer trat, sah ich eine lange Tafel mit vielen Kuverts, aber wenig Personen, nur einen Mann mit Frau und Tochter, wie es schien. Sie grüßten mich freundlich, ich erwiderte es, und wir kamen sogleich in ein Gespräch. Ich sagte, daß ich[201] ein Maler und im Begriff sei, nach Rom zu reisen, zugleich aber die schönsten Gegenden besehen wolle. Darauf erwiderte er, er sei aus der Stadt, wo die große bronzene Statue des heiligen Borromeo stehe (aus Arona am Lago Maggiore), und er sei mit seiner Frau und Tochter auf einer seiner Besitzungen in dieser Gegend gewesen, um die Lese von Kastanien und anderen Früchten zu sehen. Einen solchen Ausflug mache er gewöhnlich jeden Oktober, teils um die Aufsicht bei der Ernte zu führen, teils aber auch, um seiner Frau und Tochter den Genuß der schönen Herbstzeit zu verschaffen. Er war ein äußerst angenehmer Mann von sehr würdigem Ansehen, seine Frau liebenswürdig und zuvorkommend und seine Tochter eine wahrhaft schöne Gestalt voll reizender Anmut. Ihr schlanker Wuchs wurde trefflich durch ein langes Gewand erhöht; sie hatte einen Mannshut auf wie gewöhnlich die italienischen Damen, wenn sie im Herbst aufs Land gehen, und sie trug eine lange Haarflechte mit weißem Band umwunden. Der Mann wies mir einen Platz an zwischen seiner Frau und Tochter, er setzte sich daneben, und wir unterhielten uns über die Umgegend. Er erzählte mir von der Ernte, von seinen umherliegenden Besitzungen und dem Vergnügen, welches der jährliche Besuch derselben ihm gewähre, und sagte: »Wenn Ihr die Schönheiten dieser Gegend recht sehen wollt, so müßt Ihr mit uns auf unsere Gitter gehen, da will ich Euch an den merkwürdigsten Orten umherführen, denn ich kenne alles in der Runde ganz genau. Geht also morgen mit, bleibt, bei uns, und wenn wir aufs Land gehen, so erzeigt uns das Vergnügen Eurer Gesellschaft.« Die Frau und die schöne Tochter sagten dasselbe. »Wir sind eben nicht reich«, setzte der Mann hinzu, »aber es mangelt uns an nichts; wir führen ein Leben, das uns fröhlich erhält, und fern von Übermut wie von Sorgen freuen wir uns an dem, was wir haben, und an der Anmut dieser lieblichen Natur.« Dann erzählte er von den Sitten des Landes und wie so viele aus dieser[202] Gegend in der weiten Welt umherschweiften, um Reichtümer zu erjagen. So habe der Bolongaro Millionen erworben, und so fort.

Mit dieser Familie brachte ich einen sehr vergnügten Abend zu, und ehe wir uns zum Schlafengehen trennten, wiederholte der Vater noch einmal seine Einladung. Wie gern hätte ich sie angenommen! Eine so schöne Gestalt wie die des Mädchens mit der weißen Flechte konnte ich schwerlich unter den Antiken in Rom finden. Aber ich mußte Abschied nehmen. Meine frühe Abreise verschob ich indes, denn ich wünschte das schöne Bild noch einmal zu sehen. Als es Tag wurde, ging ich vor das Haus, welches dicht am See lag, und wandelte dort am kieselichten Ufer, um zu erwarten, bis jene freundlichen Menschen aufgestanden wären, und noch einmal Abschied von ihnen zu nehmen. Lange ging ich so in Gedanken auf und nieder, bis sich endlich ein Fenster öffnete und das schöne Mädchen herausschaute. Das weiße Band war jetzt aus den Haaren weg, sie hingen in langen Locken zu beiden Seiten des Kopfes hernieder. So schön hat Guido nie die Magdalenen gemalt, aber er hat auch nie ein solches Modell gehabt! Nachdem wir uns mit einem guten Morgen begrüßt hatten, sagte sie: »Nun, ich hoffe, Ihr habt Euch besonnen, mit uns zu gehen.« Ich antwortete ihr, ich hätte nur gewartet, um ihr und ihren Eltern ein Lebewohl zu sagen, und da die letzteren vermutlich noch länger schlafen würden, so wollte ich es ihr übertragen, mich ihnen zu empfehlen und ihnen meinen herzlichsten Dank zu sagen für den angenehmen Abend, den ich durch ihre Bekanntschaft genossen hätte. Dann stieg ich in das Schiff, und wir segelten ab.

Es war ein schöner Morgen, ganz wie gestern. Immer wechselten schöne und neue Gegenden ab, Berge und tiefe Schluchten folgten einander, bis wir die berühmten Inseln erreichten. Nachdem ich die eine gesehen, fuhr ich zur zweiten. Von der Schönheit der beiden Inseln werde ich[203] nichts sagen, weil sie schon so oft beschrieben sind; doch wünschte ich, daß ihre Beschreiber erst die Villen zu Rom, Tivoli und Frascati gesehen hätten! Da stehen schlanke Zypressen und weit ausgebreitete Pinien, und vor den hohen Lorbeerbäumen sieht man oft nicht die lange Allee; da ist Duft von schönen Blüten und in den Palästen die schönste Blüte, die der griechischen Kunst! – Hier waren viele Gemälde, die ich lange besah, denn eine Gemäldesammlung war mir wieder etwas Neues. Die vorzüglichsten schienen mir aus des Guido Reni Schule zu sein. Nun schickten aber die Schiffer und ließen mir sagen, ich möchte kommen, um wieder abzufahren. Als ich noch zögerte, um mehreres zu besehen, kam der Schiffer selbst und bat dringend, mich keinen Augenblick länger aufzuhalten, wenn ich heute noch nach Sesto wollte; es würde ein Sturm kommen, der uns nötigen könnte, hier auf der Insel zu bleiben. Ich ging hinaus in den Garten und fand das Wetter schön und den Himmel klar, aber die Schiffer versicherten, es wäre ein großes Unwetter im Anzuge: »Sehen Sie dort die hohen, spitzen Berge, dort der schwarze Fleck, das ist's, und in kurzer Zeit werden wir es haben; die Gefahr droht!« Ich glaubte, ihm folgen zu müssen, und stieg in das Schiff. Alle drei Schiffer sahen auch ernsthaft aus und faßten sorgsam die Gerätschaften an. Sie machten ein viel längeres Steuerruder als gewöhnlich, einen langen Baum hinter dem Schweife des Schiffes. Meine Augen waren fortwährend nach den höchsten Gipfeln der Berge gewandt, wo ich das dunkle Fleckchen, welches an dem Gipfel schwebte, immer größer werden sah, während wir an vielen Bergen vorübersegelten und bemerkten, daß die See unruhiger wurde und die Wellen höher gingen. Das Fleckchen wuchs endlich so an, daß eine Wolke daraus entstand, die den Berg einhüllte und in weniger Zeit die ganze Gegend. Abgerissene Wolken wurden nun wie Nebel dahingejagt; waren wir an einem Berge vorüber, so strich ein starker Wind zwischen[204] dem und dem andern heraus. Der Wind wurde nun gewaltiger und regte den See zu heftigen Wellen auf. Dann stürmte es im Wirbel gegeneinander, als würfe der Wind aus dem Schweizer Gebirge den, der aus dem Piemontesischen strömte, zurück und dieser wieder jenen. Ergrimmt ließen sie ihre Wut auf den See aus, kämpften miteinander, sich drehend, und wirbelten die gehobenen Wellen durcheinander, daß sie schäumend sich selbst zerschlugen. Nun ergriffen sie das Schiff, drehten es aus seinem Lauf, bald schwankte es hierhin, bald dorthin; das Segel flatterte, dann wurde es wieder gefüllt und auf die eine Seite gedrückt, dann wieder zu der anderen hinübergeworfen, daß der Bord dem Wasser gleich war. Das Gesprudel der Wellen flog mir ins Gesicht und über mich hin. Die Schiffer hingen sich an die Taue und zogen mit aller ihrer Kraft das Segel in die Richtung, aber es war stärker als sie. Geworfen, geschleudert wurden sie oft übereinander her. Hier sah ich, was die Frau vermochte – die hatte mehr Stärke als die Männer. Ich wickelte mich aus dem nassen Mantel und faßte auch mit an. Ich schrie, man solle das Segel niederlassen, denn der Wind werde das Schiff umwerfen, aber die Schiffer schrien mir entgegen, das Segel müsse bleiben, sonst werde das Schiff umschlagen. Der Streit wurde heftiger; ich verlangte nun, das Segel nur etwas niedriger zu machen. Den Willen taten sie mir, aber das Schiff schwankte stärker, und sie zogen sogleich das Segel wieder in die Höhe als einziges Mittel, unser Leben zu retten. »Seien Sie ohne Sorgen«, sagten sie, »das Schlimmste ist schon vorüber, der Wirbelwind! Nun mag er wehen so stark er will; wir müssen das Segel ihm stramm aufsetzen, dann drückt er das Schiff gegen das Wasser, und es geht gut.«

So geschah es auch. Der Wind lag stärker in dem Segel, und das Schiff schnitt durch die Wellen in schnellem, gleichförmigem Laufe. Wir suchten den nächsten Ort zu erreichen,[205] wo man landen konnte. Das Schiff flog, und wir kamen nach einiger Zeit an flaches Ufer, wo das Schiff auf den Strand lief. Wir stiegen nun aus und wollten warten, bis der Sturm vorüber wäre. Ich fand ein Wirtshaus, wo ich zu Mittag aß. Nach einiger Zeit hatte sich der heftige Sturm gelegt, der Himmel klärte sich auf, und wir fuhren wieder ab. Je weiter wir kamen, je weniger wurden der hohen Berge auf der italienischen Seite. Man sieht nur Hügel, mit Reben bepflanzt, während auf der anderen Seite die hohen Gebirge in die Ferne ragen und an ihrem Fuße sich artige Städte malerisch ausbreiten. Gegen Abend kam ich nach Sesto, wo ich über Nacht blieb, um den anderen Morgen nach Mailand zu fahren.

Quelle:
Tischbein, Heinrich Wilhelm: Aus meinem Leben. Berlin 1956, S. 179-206.
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