Canis

[221] Canis.

Canis, frantzösisch, Chien, teutsch, der Hund, ist ein vierfüßiges Thier, dessen es vielerley Arten giebet, die allesamt bekannt genug. Er führet viel flüchtiges Saltz und Oel.

Die Hündin träget acht Wochen und zwey bis drey Tage.

Der junge Hund, der erst geworffen ist, und auf lateinisch Catellus genennet wird, ist gut und dienlich zum erweichen, zum zertheilen und zu stärcken. Er wird geöffnet und gantz warm auf den Kopf gelegt in Haupt- und Hirnkranckheiten, ingleichen auf die schmertzhafte Seite im Seitenstechen.

Das Hundefett ist ein gutes Wundmittel, es reiniget, heilet, dienet zur Schwindsucht, und das geronnene Geblüte, wann einer hoch herunter gefallen, zu zertheilen, wann es innerlich gebrauchet wird. Auch wird es äusserlich gebraucht wider die Schmertzen des Zipperleins, zur Taubheit und zu andern Gebrechen des Gehörs, zur Krätze und zum Jucken der Haut.

Der weisse Hundsdreck, lateinisch, Album græcum, Album canis, Cynocoprus genannt, trocknet aus, verdünnert, zertheilet, ist gut wider die Bräune, wider das Seitenstechen, und wider die Colic, wann er innerlich gebrauchet wird. Die dosis kan von einem halben bis auf vier gantze Scrupel seyn. Er wird auch äusserlich gebraucht, die Geschwulst zu zertheilen und die Raude zu curiren.

Wann einen ein Hund lecket, das reiniget und mildert die alten Schäden an den Beinen gantz wunderwol, es werden auch dadurch nicht selten solche Wunden geheilet, dabey sonst alle Mittel nur vergeblich sind gewesen.

[221] Das Hundefell wird zugerichtet und Handschuh draus gemacht, die machen linde Hände und vertreiben das Jucken der Haut.

Es ist bekannt, daß die Hunde der Wut und hydrophobia sehr unterworffen sind, und mag man mit gutem Fuge sprechen, es sey diese Kranckheit eine Gattung des hitzigen Fiebers, von verbrannt und ausgetrockneten Geblüte verursachet, oder, wann dasselbige gar zu sehr erhitzet worden, und die flüchtigen armonicalischen Salia in den Kopf getrieben hat. Die Gelegenheit zu solchem Fieber giebt insgemein, die Enthaltung von Speise und von Tranck, viel Tage hindurch: so kan es auch zuweilen von der übeln Beschaffenheit der verdorbenen Sachen her entstehen, womit sich diese Thiere zu ernähren pflegen. Der englische Medicus Mead will haben, daß nur deshalben die Hunde mehr als andere Thiere mit diesem Ubel beladen werden, dieweil sie niemahls schwitzen, auch bey der grösten Hitze: allein, man könte ihm gar leichtlich widersprechen und das Gegentheil erweisen; indem gar ofte der Hunde, welche lange Zeit gelauffen haben, ihr Haar gantz feuchte ist vom Schweiß, und rauchet. Ihm sey wie ihm wolle, ein rasender Hund theilet sein Gift gar leichtlich andern mit, und es giebt dergleichen traurige Fälle zur Gnüge, welche würcklich nach geraumer Zeit sich erstlich mercken lassen. Die kräftigsten Mittel, die mir bekannt sind worden, wann einer von einem tollen Hund gebissen ist, sind das Vipernpulver, öfters gebraucht, das Vipern und das Hirschhorn Saltz, gute Wundkräuter als einen Thee gebrauchet, Theriac, und des Palmarius Pulver, so in meiner Pharmacopæa universali beschrieben; auch mag man nicht vergessen sich in der See zu baden, bevor neun Tage, von dem Bisse an zu rechnen, verstrichen sind; alleine vor und nach dem Baden muß einen gantzen Monat lang beständig Artzeney gebrauchet werden.

Dieweil nun diese so gar heilsamen Artzneymittel, samt gar unzehlich vielen andern mehr, deren man sich bey dergleichen Gelegenheit pflegt zu bedienen, den meisten Theil alkalisch seyn, bin ich auf die Gedancken kommen, als ob daß Gift bey dieser Raserey von irgend einem acido acerbo styptico entspriesse, das ist, von etwas herben und verstopfenden sauren, welches gar sehr hitzig und austrocknend, und nach und nach sich in den gantzen Cörper eingeschlichen und verspreitet: dieses saure Wesen hänge und lege sich bald anfangs an solche Oerter des Cörpers, die am feuchtesten sind, z.E. an den Mund, die Kehle, den Magen, etc. erwecke daselbst grosse Hitze und Dürre, und dermassen grosse Verwirrung, davon der Patiente in Aberwitz geräth, Zucken in den Gliedern bekommt, und einen solchen Abscheu und gräßliche Furcht vor allem was nur flüßig ist, welches als dann Hydrophobia, Wasserscheu, Furcht vor dem Wasser, genennet wird. Dieses Wort kommt aus dem griechischen, und ist aus ὕδωρ, aqua, das Wasser, und φέβομαι, fugio, ich meide, fürchte mich davor, zusammengesetzet. Ist iemand, welcher rasend worden, in den Mund, oder in die Nase gebissen, oder nur gelecket worden, so werden wenig Tage hingehen, er wird eben dergleichen Anfall bekommen, als wann er sonst wohin gebissen worden wäre, und wird eine und die andere[222] Weise des Hundes an sich nehmen, der ihn gebissen hat: dann er wird heulen und murren, wird beissen, was er nur ertappen kan; wird endlich gantz und gar wütend werden, und über diejenigen herfallen, die um ihn sind; daß er auch seine besten Freunde nicht wird zu unterscheiden wissen.

Bey dieser Gelegenheit ist, meines erachtens, höchstnöthig, dem Patienten an der Stirn, am Halse und auf dem Fusse zur Ader zu lassen, damit dessen Wut vermindert und gedämpfet werde. Was das Baden im Seewasser anbetrifft, welches zu Anfang des Unfalles, kurtz nach dem Biß pflegt vorgenommen zu werden, von dem die meisten Leute eine so gar falsche Meinung hägen, davon bedüncket mir, es sey verwogen gnug gehandelt, wann man es unterlassen wolte, indem die Erfahrung bezeuget, wie daß die wenigsten von diesen Patienten, bey denen es zu ersterwähnter Zeit gebrauchet worden, mit Raserey befallen werden: ich zum wenigsten habe deren keinen gesehen. Es können aber dergleichen Bäder auf zweyerley und unterschiedene Weise ihre Wirckung verrichten, einmahl und zum ersten, durch Schrecken und Entsetzen, wann solch ein Patient siehet, wie man so ungestüm ihn in dasjenige liquidum hinein stürtzet, vor dem er doch bereits so einen übermachten Abscheu trägt, das bringet dann in den humoribus eine starcke Veränderung zu wege, machet sie dünne, und führet sie durch die unvermerckliche Ausdünstung aus.

Zum andern, da durch die Schwere des Seewassers der gantze Leib des Patienten hart zusammen gepresset wird, dann man tauchet ihn mit Fleiß darein, wann bey der Flut die stärcksten Wellen herbey kommen, so daß sie mehr dann einmahl über den Patienten weg zusammen schlagen können; so mag vielleicht der Uberrest von dem gantz flüchtigen Theile derselben Feuchtigkeit, die an dem Wüten Ursach ist, figiret, und folglich dadurch alle die gewaltsamen Bewegungen und andere Unordnungen unterbrochen werden, welche sie sonsten in dem gantzen Leibe vermag anzurichten. Das Baden in dem Seewasser kan auch um angeführter Ursachen willen, dem Baden im Flußwasser vorgezogen werden, indem das erstere weit schwerer ist, und derentwegen auch weit mehr zusammendrücken und figiren kan.

Zudem so werden diese angezognen Gründe durch die Erfahrung guten theils bestätiget: dann, wann ein solcher rasender in währendem Anfalle mit Macht ist in ein Faß voll lauliches Seewasser eingetauchet worden, nachdem man ihm zuvor den Kopf verbunden und auch die Hande vest gemacht, ihn also ausser Stand gesetzt, daß er hat Schaden thun und um sich beissen können, so hat man wol gemerckt, wie daß das Bad die Wut um ein gut Theil gemindert, und würde, sonder allen Zweiffel, wann man es etliche mahl aufs neue wiederhohlen wollen, der Patiente Linderung erhalten haben, ja wol gar dadurch vollkommen seyn befreyet worden. Allein, es sind die Leute, die bey dieser Arbeit Hand anlegen müssen, sehr schwerlich zu bereden, daß sie dieselbe wiederhollen sollen, indem sie sich befürchten müssen, sie möchten, aller angewandten Vorsicht unerachtet, dannoch gebissen werden.

Die Hunde sind im übrigen noch vielen andern[223] Kranckheiten unterworffen, absonderlich die Bologneser, indem sie, wegen ihrer vielen und dicken Haare, damit sie von Natur bedecket sind, eine gar geringe transpiration und unvermerckliche Ausdünstung haben; dann sie werden mit Würmern, mit Grimmen im Leibe und mit Brechen, auch mit dem Stein geplaget; wie ich dann gesehen, daß der Herr Meri, ein Mitglied von der Academie, aus eines kleinen Bologneser Hündleins Blase, einen Stein gezogen, der so groß gewesen als ein Hünerey, daran es auch hat sterben müssen. Es war derselbe Stein von eben solcher Härte und Substantz, als wie derjenige, den man pflegt aus der Blase eines Menschen auszunehmen, von Farbe grau und etwas weiß.

Canis kommt vom griechischen κυνὸς, des Hundes.

Cynocoprus kommt von κυνὸς, Canis, des Hundes/ und κόπρος, stercus, Dreck, als spräche man Hundskoth, Hundsdreck.

Quelle:
Lemery, Nicholas: Vollständiges Materialien-Lexicon. Leipzig, 1721., Sp. 221-224.
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